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Die Pilgerreise

Ein Pilger ist ein Wanderer mit einer bestimmten Absicht. Eine Pilgerreise kann zu einem bestimmten Ort führen – das ist die bekannteste Art – sie kann aber auch für eine bestimmte Sache unternommen werden. Dies ist bei mir der Frieden, deshalb bin ich eine Friedenspilgerin.
Meine Pilgerreise bezieht sich auf alle Aspekte des Friedens: den Frieden unter Nationen, Frieden unter Gruppen, Frieden mit unserer Umwelt, Frieden zwischen einzelnen Personen und den sehr, sehr wichtigen inneren Frieden – worüber ich am meisten spreche, weil damit aller Friede beginnt.
Die Situation in unserer näheren Umgebung ist nur ein Spiegelbild der Gesamtsituation. Bei genauerer Betrachtung können wir nur dann ein Leben in einer friedvolleren Welt finden, wenn wir selbst friedvollere Menschen werden.
Im Mittelalter zogen die Pilger aus, so wie die Jünger ausgesandt wurden – ohne Geld, ohne Essen, ohne entsprechende Kleidung – und ich bin mir dieser Tradition bewußt. Ich habe kein Geld. Ich nehme kein Geld auf meiner Pilgerreise an. Ich gehöre keiner Organisation an, und keine Organisation unterstützt mich. Ich besitze nur das, was ich am Körper habe und bei mir trage. Es gibt nichts, was mich binden könnte. Ich bin frei wie ein Vogel in der Luft.

Ich gehe, bis mir Obdach gewährt wird, ich faste, bis mir zu essen gegeben wird. Ich bitte nicht darum – es wird mir auch so gegeben. Sind Menschen nicht gut! Ein Funken des Guten ist in jedem Menschen, wie tief er auch vergraben sein mag, er ist da. Er wartet darauf, unser Leben siegreich zu erobern. Ich nenne es die auf Gott konzentrierte Natur oder die göttliche Natur. Jesus nannte es das Königreich Gottes in uns.
Ein Pilger wandert betend; und es ist für ihn eine Gelegenheit, mit vielen Leuten in Kontakt zu kommen und sie vielleicht anzuregen, auf ihre Art und Weise etwas für den Frieden zu tun. Aus diesem Grund trage ich meine kurze Tunika, auf der vorne PEACE PILGRIM und hinten 40000 km zu Fuß für den Frieden steht. Das verschafft mir Kontakte auf die freundlichste Art und Weise und ich bin gerne freundlich.

Man hat eine viel bessere Ausgangsposition für ein Gespräch, wenn die Menschen auf einen zukommen, als wenn man selber auf die Menschen zugehen muß. Diejenigen, die sich angezogen fühlen, sind entweder wirklich an einer bestimmten Entwicklungsstufe des Friedens interessiert, oder sie haben einfach nur eine gesunde, lebendige Neugierde. Beiden zu begegnen lohnt sich, denn dann habe ich Gelegenheit, sie an meiner Friedensbotschaft teilhaben zu lassen, die in einem Satz lautet:
Das ist der Weg zum Frieden – überwinde Böses mit Gutem, Falschheit mit Wahrheit und Haß mit Liebe.
Die Goldene Regel besagt dasselbe. Es ist nichts Neues an dieser Botschaft, bis auf die Art der Ausübung. Aber ich halte sie für unsere Lektion von heute, und so wird sie zur Botschaft der Pilgerreise für den Frieden. Sage nun bitte nicht leichtfertig, daß das nur religiöse Konzepte seien, die man nicht wirklich praktizieren könne. Es sind Gesetze, die die menschlichen Beziehungen beherrschen und die so streng gültig sind wie das Gesetz der Schwerkraft. Wenn wir diese Gesetze auf irgendeinem Weg unseres Lebens mißachten, so resultiert daraus Chaos. Durch Gehorsam gegenüber diesen Gesetzen wird unsere Welt in eine Periode des Friedens und der Lebensfülle jenseits unserer kühnsten Träume eintreten.

Das Schlüsselwort unserer Zeit heißt Praxis. Wir haben die nötigen Einsichten, wir müssen sie nur praktizieren.
Die Energie, mit der ich wandere, ist nicht die Energie der Jugend, es ist eine höhere Energie. Es ist die unendliche Energie des inneren Friedens, die sich niemals erschöpft! Wenn du zum Kanal wirst, durch den Gott handelt, dann gibt es keine Grenzen mehr, denn Gott handelt durch dich: Du bist nur das Instrument – und was Gott tut, das ist grenzenlos. Wenn du für Gott arbeitest, so fühlst du dich nicht überanstrengt. Du bist ruhig, heiter und nicht in Eile.
Meine Pilgerreise ist kein Kreuzzug, ein Begriff, der Gewalt ein schließt. Ich versuche nicht, den Leuten etwas aufzudrängen. Eine Pilgerreise ist eine sanfte Reise des Gebetes und des Beispiels. Mein Pilgern ist in erster Linie ein Gebet für den Frieden. Wenn du dein ganzes Leben dem Gebet weihst, so intensivierst du das Gebet über alle Maßen.
Wenn ich diese Pilgerreise unternehme, so sehe ich mich dabei nicht als Individuum, sondern eher als eine Verkörperung der Weltseele, die nach Frieden ruft. Die Menschheit geht mit ängstlichen, torkelnden Schritten auf einem schmalen Grat zwischen einem abgrundtiefen Chaos und einem neuen Erwachen, wobei große Kräfte zum Chaos hin ziehen. Aber es gibt Hoffnung. Ich sehe Hoffnung in der unermüdlichen Arbeit einiger weniger hingebungsvoller Seelen. Ich sehe Hoffnung in dem aufrichtigen Wunsch nach Frieden in den Herzen der Menschheit, obwohl sie blind auf den Frieden zutappt, ohne den Weg zu kennen.

Meine Pilgerreise ist eine Gelegenheit, mit meinen Mitmenschen über den Weg zum Frieden zu sprechen. Sie ist auch eine Buße für alles, was ich durch mein Tun oder Unterlassen zu der tragischen Situation in unserer heutigen Welt beigetragen haben mag. Es ist ein Gebet, daß diese des Krieges überdrüssige Welt irgendwie den Weg zum Frieden finden möge, bevor ein Holocaust über sie kommt.
Meine Aufgabe ist es, den Frieden fördern zu helfen, indem ich anderen helfe, inneren Frieden zu finden. Wenn ich ihn finden kann, so kannst du ihn auch finden. Frieden ist eine Idee, deren Zeit jetzt gekommen ist.
Ich trat meine Pilgerreise am ersten Januar 1953 an. Es ist gewissermaßen mein spiritueller Geburtstag. Es war eine Periode, in der ich mit allem eins wurde. Ich war nicht länger mehr ein Samen, vergraben in der Erde, sondern ich fühlte mich wie eine Blume, die sich mühelos der Sonne entgegenstreckt. An jenem Tag wurde ich ein Wanderer, der von der Güte anderer abhängig ist. Es sollte die Reise einer traditionellen Pilgerin werden: zu Fuß und in Vertrauen auf Gott. Alle Ansprüche auf einen Namen, eine persönliche Geschichte, Besitz und alle Bindungen ließ ich hinter mir. Es sollte eine herrliche Reise werden. Der Ausgangspunkt der Pilgerreise war die „Tournament of Roses Parade“* in Pasadena, Kalifornien. Ich ging den Festzug entlang, sprach zu den Leuten und gab ihnen meine Friedensbotschaft, und mir fiel auf, daß die Feiertagsstimmung das aufrichtige Interesse am Frieden nicht verringerte. Auf halbem Weg legte mir ein Polizist die Hand auf die Schulter, und ich dachte, er wolle mich von der Parade wegschicken. Statt dessen sagte er: „Was wir brauchen, sind Tausende solcher Menschen wie Dich.“

Was mir gleich zu Beginn in der Gegend von Los Angeles passierte, war fast übernatürlich. Alle Kommunikationskanäle wurden mir und meiner kleinen Friedensbotschaft geöffnet. Stundenlang wurde ich von Journalisten interviewt und fotografiert. Die Geschichte meiner Pilgerreise und sogar mein Bild erschienen in Presse und Rundfunk. Ich machte zwei Life-Sendungen und verbrachte Stunden mit Radio- und Fernsehaufnahmen.
Zeitungen entlang der ganzen Wegstrecke von Los Angeles bis San Diego waren interessiert. In San Diego war ich in einer Fernseh- und in vier Radiosendungen. Der Vorsitzende des Kirchenrats in San Diego hieß meine Botschaft und meine drei Petitionen gut, und sie wurden weit in den Kirchen verbreitet.
Wenn ich nicht auf der Straße war, so hielt ich Vorträge und sammelte Unterschriften für die drei Friedenspetitionen, die ich bei mir trug. Die erste war ein kurzer Aufruf für sofortigen Frieden in Korea. Sie lautete: „ Macht dem Töten in Korea ein Ende! Dann behandelt diese Konfliktsituation nach dem einzigen Prinzip, das sie lösen kann – überwindet Böses mit Gutem, Falschheit mit Wahrheit und Haß mit Liebe. „

Die zweite Petition richtete sich an den Präsidenten und führende Leute im Kongreß und war ein Gesuch um die Einrichtung eines Friedensministeriums. Sie lautete: „Das ist der Weg zum Frieden, Böses mit Gutem zu überwinden, Falschheit mit Wahrheit und Haß mit Liebe. Wir fordern die Gründung eines Friedensministeriums, mit einem Minister für Frieden, der diese Prinzipien akzeptiert – und an das alle Konflikte in und außerhalb des Landes verwiesen werden.“

*) eine Art Wettkampf, der jedes Jahr am 1. Januar dort stattfindet.

Die dritte Petition war ein Aufruf an die Vereinten Nationen und die Staatsoberhäupter dieser Welt für weltweite Abrüstung und Wiederaufbau: „Wenn ihr den Weg des Friedens finden wollt, so überwindet Böses mit Gutem, Falschheit mit Wahrheit und Haß mit Liebe. Wir rufen euch dazu auf, uns alle von der erdrückenden Last der Waffen zu befreien, von Haß und Angst, so daß wir die Hungernden speisen und die zerstörten Städte wieder aufbauen können und eine Lebensfülle erfahren, wie sie nur in einer unbewaffneten und mit Nahrung versorgten Welt möglich ist.“
Ich sammelte Unterschriften von einzelnen, Friedensgruppen, Kirchen und Organisationen, die ich entlang meiner Pilgerroute traf und bewahrte die Listen in einer dafür vorgesehenen Mappe auf. Zum Abschluß meines ersten Marsches durch das Land legte ich sie den Repräsentanten sowohl des Weißen Hauses als auch der Vereinten Nationen vor; und ich war dankbar, daß meine erste Petition, „Macht dem Töten in Korea ein Ende ...“ zumindest teilweise angenommen war, bevor das erste Jahr vorbei war.

In Tijuana, Mexiko, gleich hinter der Grenze bei San Diego, wurde ich vom Bürgermeister empfangen. Er gab mir eine Botschaft für den Bürgermeister von New York mit. Ich brachte auch eine Botschaft von den Indianern in Kalifornien zu den Indianern in Arizona.
Als ich damals im ersten Jahr durch San Diego kam, sollte ich zum ersten Mal öffentlich sprechen. Eine Lehrerin einer höheren Schule sprach mich auf der Straße an und fragte, ob ich zu ihrer Klasse sprechen wolle. Ich sagte ihr in aller Offenheit, daß ich als Friedenspilgerin noch nie zu einer Gruppe gesprochen hätte. Sie versicherte mir, daß das nichts ausmache und bat mich nur, die Fragen der Schüler zu beantworten. Ich willigte ein. Wenn man etwas Wichtiges zu sagen hat, dann kann man es auch sagen. Warum in aller Welt sollte man sonst überhaupt sprechen wollen?
Ich habe keine Probleme, vor einer Gruppe zu sprechen. Wenn man sich Gottes Willen ganz hingegeben hat, erscheint der Weg einfach und voll Freude. Nur wenn man sich noch nicht ganz hin gegeben hat, scheint der Weg schwierig. Wenn ich spreche, durchströmt mich Energie, so wie Elektrizität durch ein Kabel fließt.

Anfangs wurden meine Vorträge oft ganz spontan arrangiert. Als ich an einer Schule vorbeiging, kam der Direktor heraus und sagte: „Meine Schüler beobachten Sie vom Fenster aus. Wenn Sie hereinkommen und zu Ihnen sprechen wollen, so versammeln wir sie in der Turnhalle.“ Und das tat ich.
Am Mittag kam ein Mann von einem der Bürgervereine auf mich zu und sagte: „Unser Redner hat uns im Stich gelassen. Könnten Sie statt dessen an unserer Mittagstafel sprechen?“ Und natürlich tat ich das.
Am selben Nachmittag hielt mich ein Collegeprofessor auf seinem Weg zu seiner Klasse an und fragte: „Dürfte ich Sie mit zu meinen Schülern nehmen?“ So sprach ich vor seiner Klasse.
Am Abend schließlich hielten mich ein Pfarrer und seine Frau, die auf dem Weg zu einem Gemeindeessen waren, an und sagten: „Würden Sie vielleicht mit uns essen und zu uns sprechen?“ Und ich ging mit ihnen. Sie gaben mir auch ein Bett für die Nacht. Das alles geschah an einem Tag, an dem ich, ohne vorher irgend etwas verabredet zu haben, die Straße entlangging.

Jetzt ist meine Zeit ausgefüllt mit Vorträgen in Colleges, höheren Schulen, Kirchen usw. – aber immer bin ich dabei glücklich. Mein Motto „Das Wichtigste zuerst“ machte es mir möglich, mich um meine Vorträge zu kümmern, meine Post rechtzeitig zu erledigen und auch noch zu laufen.
Einmal, in Cincinatti, hielt ich sieben Predigten in sieben verschiedenen Gemeinden an einem Tag. An diesem Sonntag habe ich den örtlichen Predigern einen freien Tag verschafft!
Auf Versammlungen, die für mich veranstaltet werden, sind keine Kollekten erlaubt. Ich nehme für meine Arbeit nie auch nur einen Pfennig an. Alles Geld, das mir per Post zukommt, wird für die Veröffentlichung meiner Schriften verwendet, die jedem Interessenten kostenlos zugesandt werden.
Wahrheit ist ein unbezahlbares Juwel. Man kann die Wahrheit nicht kaufen – alles, was man tun kann, ist, nach spiritueller Wahrheit zu streben, und wenn man bereit ist, bekommt man sie umsonst. Auch sollte spirituelle Wahrheit nicht verkauft werden, da sonst der Verkäufer spirituellen Schaden leidet. Man verliert jeglichen spirituellen Kontakt, sobald man ihn kommerzialisiert. Wer im Besitz spiritueller Wahrheit ist, würde sie nicht verpacken und verkaufen. Wenn sie also jemand verkauft, so besitzt er sie in Wirklichkeit gar nicht.

Als ich meine Pilgerreise begann, dachte ich, sie würde einige Beschwerlichkeiten mitsichbringen. Aber ich war entschlossen, nur meine fundamentalen Bedürfnisse zu decken, d.h. ich wollte nicht mehr haben als ich brauche, während so viele Menschen weniger haben als sie brauchen. Buße ist die Bereitschaft, Beschwerlichkeiten auf sich zu nehmen, um ein gutes Ziel zu erreichen. Ich war bereit. Doch als sich dann Schwierigkeiten einstellten, fühlte ich mich über sie erhoben. Anstelle von Beschwerlichkeiten fand ich ein wundervolles Gefühl des Friedens und der Freude und die Überzeugung, daß ich Gottes Willen folgte. Statt mit Beschwerlichkeiten wurde ich mit Segen überschüttet.
Ich erinnere mich, daß meine erste Lektion auf der Pilgerreise die Lektion über das Nehmen war. Viele Jahre lang gehörte ich zu den Gebenden, und ich mußte lernen, genauso dankbar im Nehmen zu sein, wie ich es im Geben war, damit meine Mitmenschen die Freude und den Segen des Gebens erfahren. Ein Leben im Geben ist so wunderbar. Für mich ist es die einzige Art zu leben, denn wenn du gibst, so empfängst du spirituellen Segen.

Zu Beginn meiner Pilgerreise hatte ich ernsthafte Prüfungen zu bestehen. Das Leben ist eine Folge von Prüfungen; aber wenn man seine Prüfungen bestanden hat, so blickt man darauf zurück als auf wertvolle Erfahrungen. Ich bin froh um diese Erfahrungen.
Wenn man eine liebende und positive Einstellung gegenüber seinen Mitmenschen hat, so wird man sie nicht fürchten. „Die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ *
Eine Prüfung hatte ich mitten in der Nacht inmitten der kalifornischen Wüste zu bestehen. Es herrschte kein Verkehr mehr und kilometerweit war kein einziges Haus zu sehen.

*) 1. Joh. 4, 18

Am Straßenrand erblickte ich ein parkendes Auto. Der Fahrer rief mir zu: „Kommen Sie, steigen Sie ein und wärmen Sie sich auf.“ Ich sagte: „Ich fahre nicht im Auto.“ Er sagte: „Ich fahre nirgendwo hin. Ich parke hier nur.“ Ich stieg ein. Ich sah den Mann an. Er war ein großer stämmiger Mann; die meisten Leute würden ihn roh aussehend nennen. Nachdem wir eine Weile gesprochen hatten, sagte er: „Wollen Sie ein wenig schlafen?“ Ich erwiderte: „Oh ja, gerne!“ Ich rollte mich zusammen und schlief ein. Als ich erwachte, sah ich, daß der Mann über irgend etwas sehr verwundert war, und als wir uns eine Zeitlang unterhalten hatten, gestand er mir, daß er mit mir gewiß nichts Gutes vorgehabt hatte, als er mich in das Auto bat, und er fügte hinzu: „Als Sie sich so vertrauensvoll zum Schlafen zusammengerollt hatten, konnte ich Ihnen einfach nichts antun!“
Ich dankte ihm für die Unterkunft und machte mich auf den Weg. Als ich zurückschaute, sah ich, wie er zum Himmel aufsah, und ich hoffte, er habe in dieser Nacht Gott gefunden.

Keiner geht so sicher wie der, der demütig und arglos geht, mit viel Liebe und großem Vertrauen. Denn solch ein Mensch stößt vor bis zu dem Guten im anderen (und in jedem steckt ein guter Kern), und es kann ihm deshalb kein Leid geschehen. Das gilt für einzelne, es gilt für Gruppen, und es würde zwischen Nationen gelten, wenn diese genug Mut hätten, es auszuprobieren.
Eines Tages schlug mich ein verhaltensgestörter Junge, den ich zu einer Wanderung mitgenommen hatte. Er wollte Wandern gehen, hatte aber Angst, er könnte sich ein Bein brechen und dann liegengelassen werden. Alle hatten Angst, ihn mitzunehmen. Er war ein großer, breiter Kerl und sah aus wie ein Fußballspieler*, und er war als zeitweise gewalttätig bekannt. Einmal hatte er seine Mutter so arg geschlagen, daß sie einige Wochen im Krankenhaus bleiben mußte. Alle hatten Angst vor ihm, also bot ich an, ihn mitzunehmen.
Während wir zum ersten Berggipfel aufstiegen, verlief alles noch wunderbar. Dann zog ein Gewitter herauf. Er empfand große Angst, weil das Donnern sehr nahe war.

*) American Football

Plötzlich wandte er sich von den Blitzen ab, kam auf mich zu und schlug mich. Ich rannte nicht weg, obwohl ich die Möglichkeit gehabt hätte – er hatte einen schweren Rucksack auf seinem Rücken. Aber sogar während er mich schlug, konnte ich nur tiefstes Mitleid für ihn empfinden. Wie schrecklich ist es, psychisch so krank zu sein, daß man eine wehrlose alte Frau schlagen kann! Ich begegnete seinem Haß mit Liebe, sogar während er mich schlug. Die Folge davon war, daß das Schlagen aufhörte.
Er sagte: „Du hast nicht zurückgeschlagen! Mutter schlägt immer zurück.“ Die verzögerte Reaktion, wegen seiner Verhaltensstörung, hat das Gute in ihm erreicht. Oh, es ist da – wie tief es auch vergraben ist – und er erfuhr Reue und völlige Selbstverurteilung.
Was sind ein paar blaue Flecken auf meinem Körper im Vergleich zur Umwandlung eines Menschenlebens? Um es kurz zu sagen, er war nie wieder gewalttätig. Er ist jetzt ein nützlicher Mensch in dieser Welt.

Bei einer anderen Gelegenheit mußte ich ein zartes acht Jahre altes Mädchen gegen einen großen Mann, der sie schlagen wollte, verteidigen. Das Mädchen hatte schreckliche Angst. Es war meine schwerste Prüfung. Ich hielt mich auf einer Ranch auf, und die Familie war in die Stadt gefahren. Das kleine Mädchen wollte nicht mitfahren, und da ich hier war, baten sie mich, auf das Kind aufzupassen. Ich schrieb gerade einen Brief am Fenster, als ich ein Auto ankommen sah. Ein Mann stieg aus. Das Mädchen sah ihn und rannte weg, er folgte ihr und trieb sie in die Scheune. Ich lief sofort in die Scheune. Das Mädchen kauerte voller Angst in der Ecke. Er ging langsam und bedächtig auf sie zu.
Du kennst die Macht der Gedanken. Ständig gestaltet man seine Umwelt durch Gedanken, und was immer man fürchtet, das zieht man an. Ich wußte, in welcher Gefahr sie war, weil sie so große Angst hatte. (Ich fürchte mich vor nichts und erwarte Gutes – so kommt Gutes!)

Ich brachte meinen Körper sofort zwischen den Mann und das Mädchen. Ich stand einfach da und schaute auf diesen armen, psychisch kranken Menschen mit liebevollem Mitleid. Er kam näher, dann blieb er stehen! Er schaute mich eine ganze Weile an. Dann drehte er sich um und ging weg, und das Mädchen war in Sicherheit. Es wurde kein einziges Wort gewechselt.
Nun, was wäre die Alternative gewesen? Gesetzt den Fall, ich wäre so dumm gewesen, das Gesetz der Liebe zu vergessen und hätte zurückgeschlagen und mich auf das Dschungelgesetz von Töten und Getötet werden verlassen. Zweifellos wäre ich geschlagen worden – vielleicht sogar zu Tode, und das kleine Mädchen vielleicht auch! Unterschätze nie die Macht der Liebe Gottes – sie verwandelt. Sie erreicht den Funken des Guten im anderen, und er ist entwaffnet.
In jener Zeit, als ich meine Pilgerreise begann, wanderte ich aus zweierlei Gründen. Einerseits wollte ich mit Menschen in Kontakt kommen, und das gilt auch heute noch. Andererseits war es eine Gebetsübung, um mich ständig auf mein Gebet für den Frieden konzentriert zu halten. Nach einigen Jahren machte ich eine Entdeckung. Ich fand heraus, daß ich diese Übung nicht länger brauchte. Ich bete jetzt ohne Unterlaß. Mein persönliches Gebet lautet: Mach mich zu einem Instrument, durch das nur die Wahrheit sprechen kann.

Während meiner Pilgerreise durch Arizona wurde ich von einem Polizisten in Zivil festgenommen, als ich gerade auf dem Postamt in Benson Briefe aufgab. Nach einer kurzen Fahrt in einem Streifenwagen wurde ich als Landstreicher registriert. Wenn man nur im Vertrauen auf Gott wandert, so macht man sich formell der Landstreicherei schuldig. Ja, ich wurde einige Male festgenommen, weil ich kein Geld hatte, aber sie lassen mich immer sofort frei, sobald sie verstehen.
Es besteht ein großer Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Arrest. Ein Gefängnis ist eine größere Institution, in der ein gewisser Standard eingehalten wird. Ein Arrest ist kleiner und hält sich an keinen Standard. Dies war ein Arrest.
Man schob mich in einen großen Raum, der zu den Zellen führte, in die sie die Frauen hineinsteckten, vier in eine Zelle für eine Nacht. Als ich hineinging, sagte ich zu mir: „Peace Pilgrim, du hast Dein Leben dem Dienen gewidmet – da, schau dir dein wunderbares neues Arbeitsfeld an!“ Als ich hereinkam, sagte eines der Mädchen: „Donnerwetter,du bist ja ulkig, du bist die einzige, die lächelnd hereinkam. Die meisten kommen weinend oder fluchend herein.“

Ich sagte zu ihnen: „Stellt euch vor, ihr hättet einen Tag frei –würdet ihr an diesem Tag nicht irgend etwas Sinnvolles anfangen?“ Sie sagten: „Ja, was sollen wir tun?“ So brachte ich sie dazu, Lieder zu singen, die ihnen Mut machten. Ich zeigte ihnen eine einfache Übung, die einen ganz frisch macht. Dann sprach ich zu ihnen von den Schritten zum inneren Frieden. Ich sagte ihnen, daß sie doch in einer Gemeinschaft lebten, und was in Gemeinschaften draußen möglich sei, das könne genauso in ihrer Gemeinschaft getan werden. Sie waren interessiert und hatten viele Fragen. Oh, es war ein herrlicher Tag.
Am Ende des Tages wechselte die Aufsicht. Die Mädchen mochten die nun diensthabende Frau nicht. Sie sagten, sie wäre eine schreckliche Person, und wir sollten nicht einmal mit ihr sprechen. Aber ich wußte, daß in jedem etwas Gutes steckt, und so sprach ich natürlich mit ihr. Ich erfuhr, daß diese Frau mit ihrer Arbeit ihre Kinder ernährte. Sie meinte, arbeiten zu müssen, fühlte sich aber oft nicht wohl; deshalb war sie zeitweise etwas mißgelaunt. Für alles gibt es einen Grund.

Ich bat die Aufsicht, nur das Gute in den Insassinnen zu sehen, und ich bat die Mädchen, sich nur das Gute in der ungeliebten Aufsicht vor Augen zu halten.
Später sagte ich zu der Aufsicht: „Ich sehe, Sie haben ein volles Haus, und ich kann ganz bequem hier auf der Holzbank schlafen.“ Statt dessen ließ sie mir ein Feldbett mit sauberer Bettwäsche bringen, und ich konnte warm duschen, mit einem sauberen Handtuch und allen Bequemlichkeiten eines Heimes.
Am Morgen verabschiedete ich mich von meinen Freundinnen und wurde von einem Justizangestellten ein paar Häuserblocks weiter zum Gericht geführt. Ich trug keine Handschellen, und er hielt mich auch nicht fest. Aber er trug einen großen Revolver an der Seite, und so ich schaute ihn an und sagte: „Falls ich weglaufen sollte, würden Sie dann auf mich schießen?“ „Oh, nein“, sagte er grinsend, „ich schieße nie auf etwas, das ich fangen kann!“ Vor dem Gericht an diesem Morgen plädierte ich für nicht schuldig, und mein Fall wurde sofort niedergeschlagen. In meinen Habseligkeiten, die man mir über Nacht weggenommen hatte, war ein Brief, der viel zu meiner Entlassung beigetragen hatte. Er lautete: „Der Besitzer dieses Schriftstücks weist sich als eine Friedenspilgerin aus, die von Küste zu Küste wandert, um die Aufmerksamkeit unserer Bürger auf ihren Wunsch nach Frieden in der Welt zu lenken. Wir kennen sie nicht persönlich, da sie in unserem Staat nur auf Durchreise ist, aber da es zweifellos eine lange, anstrengende Wanderschaft für sie sein wird, wünschen wir ihr eine sichere Reise. „ Es war ein offizielles Schreiben, unterzeichnet vom Gouverneur des Staates, Howard Pyle.

Als ich entlassen wurde, bemerkte einer der Gerichtsbeamten: „Der Tag hinter Gittern scheint Ihnen überhaupt nicht geschadet zu haben“. Ich entgegnete: „Ihr könnt meinen Körper einsperren, aber nicht den Geist.“ Es ist nur der Körper, den man hinter Gitterstäbe stecken kann. Ich fühlte mich niemals eingesperrt, und auch du wirst dich nie eingesperrt fühlen – falls du dich nicht selbst einsperrst.
Man brachte mich zu dem Ort, wo man mich am Tag vorher aufgelesen hatte. Es war eine wunderbare Erfahrung.
Jede Erfahrung ist das, was man aus ihr macht, und sie dient einem bestimmten Zweck. Sie kann anregen, sie kann erziehen oder eine Gelegenheit bieten, in irgendeiner Form zu dienen.
Die meisten meiner Vorträge sind jetzt lange im voraus geplant, aber immer noch werde ich manchmal ganz unerwartet um einen Vortrag gebeten. In Minneapolis wurde ich von einem Journalisten auf einer Versammlung eines Bürgervereins, der auf eine Ansprache des Gouverneurs von Minnesota wartete, interviewt. Er konnte nicht kommen, so bat man mich, stattdessen zu sprechen. Natürlich nahm ich an!

Weil wir gerade von Gouverneuren reden – als ich eines Tages durch die große Eingangstür eines Regierungsgebäudes trat, grüßte mich ein netter freundlicher Herr, schüttelte mir die Hand und fragte, ob er mir helfen könne. Ich sagte ihm, daß ich das Büro des Gouverneurs suche, und sofort brachte er mich dahin. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ fragte er. „Ich dachte, mir würde vielleicht die Ehre zuteil, die Hand des Gouverneurs zu schütteln“, sagte ich. „Sie haben die Hand des Gouverneurs geschüttelt“, erwiderte der nette freundliche Herr – der Gouverneur selbst.
Es war im ersten Jahr meiner Pilgerreise, und ich befand mich irgendwo auf der Landstraße zwischen El Paso und Dallas, als ich wegen Landstreicherei aufgelesen wurde. Ich hatte noch nie gehört, daß das FBI jemanden wegen Landstreicherei verfolgt, aber mir ist das passiert. Ein Mann in einem schwarzen Auto hielt an und zeigte mir seine Kennmarke. Er befahl nicht einmal, daß ich mit ihm käme, er fragte nur: „Wollen sie mit mir kommen?“
Ich sagte: „Aber ja. Ich bin gespannt darauf, mich mit Ihnen zu unterhalten.“

Ich stieg ein, aber erst kratzte ich ein großes 'X' auf die Straße an der Stelle, wo er mich aufgelesen hatte. Während dieser Zeit zählte ich die Kilometer. Wenn ich die Straße verließ, machte ich ein großes 'X', um dann an diese Stelle zurückzukehren und meinen Weg wieder aufzunehmen.
Er brachte mich zu einem Gefängnis und sagte: „Tragt sie wegen Landstreicherei ein“, und ich wurde der Routinebehandlung unterzogen. Zuerst werden Fingerabdrücke abgenommen. Es faszinierte mich, da man mir noch nie vorher Fingerabdrücke abgenommen hatte – und auch danach nicht mehr! Dann nahm er ein chemisches Mittel und wischte damit ganz einfach all die schwarze Tinte wieder von meinen Fingern. Während ich mich noch fragte, wie lange es wohl dauern würde, das abzuwaschen, war es schon weg.
Ich sprach mit ihm wie zu jedem anderen, dem ich begegnete, und es geschah etwas Interessantes: Offenbar war er es gewohnt, daß die Leute ihn sehr abweisend behandelten. Als ich ihm wie einem Menschen begegnete, hielt er mir eine Vorlesung über Fingerabdrücke und zeigte mir die Diagramme. Es war sehr interessant. Ich wußte zuvor wirklich nicht viel über Fingerabdrücke. Die Leute standen in einer Schlange an, aber das wußte ich nicht, bis ich aus dem Zimmer kam und die lange Schlange sah.

Dann brachte man mich zum Fotografieren und hängte eine Kette mit einer Nummer um meinen Hals. Als ich von vorne und von der Seite fotografiert wurde, erinnerte mich das an all die Fahndungsbilder, die in Postämtern ausgehängt sind. Ich dachte daran, wie wüst die Personen darauf aussehen und sagte mir: „Ich will anders sein.“ Ich lächelte so freundlich ich nur konnte. Es gibt nun ein lächelndes Gesicht irgendwo im Verbrecheralbum!
Dann wurde ich verhört. Sie setzten mich tatsächlich unter ein grelles Licht – es soll einen psychologischen Effekt haben. Aber zu dieser Zeit war ich schon im Fernsehen gewesen, und ich sagte mir: „Glauben die wirklich, daß das ein grelles Licht ist? Sie sollten die Beleuchtung in einem Fernsehstudio sehen.“ Damals war die Fernsehbeleuchtung nicht nur grell sondern auch heiß.
Zuerst fragten sie mich, ob ich ihre Fragen beantworten wolle, und ich sagte: „Sicher will ich eure Fragen beantworten. Allerdings nicht deshalb, weil ihr Justizbeamte seid, sondern weil ihr Mitmenschen seid, und ich beantworte alle Fragen meiner Mitmenschen. Was immer ihr offiziell darstellen mögt, ihr seid in erster Linie Menschen. Wenn wir uns von Mensch zu Mensch unterhalten, kommen wir viel schneller voran.“

So ging die Sache auch aus! Sie begannen mit einer sehr verwirrenden Technik. Einer feuerte eine Frage auf mich. Bevor ich antworten konnte, feuerte der nächste eine Frage auf mich. Ich mußte immer wieder sagen: „Wenn Sie mich bitte für einen Moment entschuldigen wollen, ich muß zuerst die Frage des anderen Herrn beantworten.“ Dann kamen sie schließlich zu sinnvollen Fragen, wie ich sie von Schülern der Oberstufe kannte. Wie ich mich nun für das Thema erwärmte!
Dann kamen sie auf physische Gewalt, den Vorsatz zu verletzen, zu sprechen. Sie sagten: „Würden Sie unter irgendwelchen Bedingungen physische Gewalt anwenden oder billigen?“ Ich entgegnete: „Nein, das steht im Widerspruch zu Gottes Gesetzen. Ich habe lieber Gott an meiner Seite als irgendeine Macht dieser Erde.“ Ich erzählte ihnen die Geschichte von dem verhaltensgestörten Jungen, der mich auf unserer gemeinsamen Wanderung geschlagen hatte.
Dann sagten sie: „Stellen Sie sich vor, sie müßten einen geliebten Menschen verteidigen.“ Ich sagte: „Oh nein, ich glaube nicht, daß ich einen geliebten Menschen durch Ungehorsam gegenüber Gottes Gesetzen verteidigen könnte.“ Ich erzählte ihnen von dem acht Jahre alten Mädchen, das in meiner Obhut war, und das Erlebnis, das wir mit dem psychisch kranken Mann hatten, der ihr etwas antun wollte.

Dann kamen sie auf sehr philosophische Themen und meinten: „Wenn Sie wählen könnten zwischen Töten und getötet werden, was würden Sie wählen?“ Ich antwortete: „Ich glaube nicht, daß ich je so eine Wahl treffen muß – nicht solange mein Leben in Harmonie mit Gottes Willen bleibt –, es sei denn, es wäre meine Bestimmung, ein Märtyrer zu sein. Aber das ist eine sehr hohe, eine sehr seltene Bestimmung. Ich glaube nicht, daß das meine Bestimmung ist – aber die Welt lernt durch ihre Märtyrer sich weiterzuentwickeln. Wenn ich wählen müßte, so würde ich lieber getötet werden als töten.“
Sie sagten: „Können Sie für so eine Haltung eine logische Erklärung geben?“ Da saß ich nun und versuchte die Position der egozentrischen und die der auf Gott konzentrierten Natur zu erklären, so daß sie es verstehen konnten! Ich sagte ihnen, daß nach meinem Weltbild ich nicht der Körper sei. Ich trüge den Körper lediglich. Ich bin das den Körper aktivierende Element – das ist die Wirklichkeit. Wenn ich getötet werde, so zerstört das lediglich das Gewand aus Erde und Staub, den Körper. Aber wenn ich töte, so wird die Wirklichkeit, die Seele, verletzt!

Sie registrierten mich als jemanden mit einer religiösen Basis für seine Pilgerreise. Aber man stelle sich vor, ich hätte gesagt: „Sie haben doch wohl schon von Selbstverteidigung gehört – warum fragen Sie? Sogar das Gesetz erkennt Selbstverteidigung an.“ Das wäre wohl als legal betrachtet worden – aber nicht als religiös.
Einmal war ich in einer Situation, in der ich tatsächlich mit den Naturkräften zu kämpfen meinte. Es geschah, als ich durch einen Staubsturm wanderte, der zeitweilig so stark tobte, daß ich kaum noch stehen konnte, und dann war er wieder so dicht, daß ich kaum noch sehen und mich nur noch am Straßenrand orientieren konnte. Ein Polizist hielt bei mir an, warf die Autotür auf und schrie: „Steigen Sie ein, Frau, bevor Sie umkommen.“ Ich erzählte ihm, daß ich auf einer Pilgerreise sei und keine Fahrt im Auto annähme (damals jedenfalls nicht). Ich sagte ihm auch, daß Gott mein Schutz sei, und ich deshalb nichts zu fürchten hätte. In diesem Moment legte sich der Wind, der Staub senkte sich und die Sonne brach aus den Wolken hervor. Ich setzte meinen Weg fort. Aber das Schönste war, daß ich mich spirituell über alle Beschwerlichkeiten erhoben fühlte.

Verborgen in jeder neuen Situation, der wir begegnen, ist eine spirituelle Lektion, die wir lernen müssen, und spiritueller Segen, wenn wir diese Lektion lernen. Es ist gut, geprüft zu werden. Wir wachsen und lernen, indem wir Prüfungen bestehen. Ich sehe alle meine Prüfungen als gute Erfahrungen an. Bevor ich geprüft wurde, glaubte ich, daß ich mich liebend oder angstfrei verhalten würde. Nach der Prüfung wußte ich es! Jede Prüfung stellte sich als erhebende Erfahrung heraus. Es ist nicht wichtig, daß das Ergebnis unseren Wünschen entspricht.
    Ich erinnere mich an einen Fall, als es in der Lokalzeitung hieß, daß  ich  in einem Gottesdienst sprechen würde.  Darin war mein Bild von  vorne  und  von  der  Seite  mit  meiner beschrifteten  Tunika abgebildet. Ein Mann, der dieser Kirche angehörte, war schlichtweg entsetzt,  als  er erfuhr,  daß dieses Wesen  mit einer  beschrifteten Tunika in seiner Kirche sprechen sollte. Er rief den Pfarrer deswegen an, und er  rief  seine Freunde deswegen an. Jemand berichtete mir von diesem Mann. Es tat mir so leid, daß ich einen Mann,  den ich  nicht einmal kannte, irgendwie verletzt hatte. So  rief ich  ihn an!

„Hier spricht Peace Pilgrim“, sagte ich. Ich hörte, wie er nach Luft schnappte. Später erzählte er mir, daß er gedacht hatte, ich
rief an, um ihn herunterzuputzen. Ich sagte: „Ich rufe an, um mich bei Ihnen zu entschuldigen, da ich Sie offensichtlich mit irgend et was verletzt haben muß, denn ohne mich überhaupt zu kennen, sind Sie besorgt um meinen Auftritt in der Kirche. Deshalb meine ich, mich bei Ihnen entschuldigen zu müssen, und deshalb rufe ich an!“
Kannst du dir vorstellen, daß dieser Mann in Tränen ausbrach, bevor unser Gespräch vorbei war? Nun sind wir Freunde – er korrespondierte später mit mir. Ja, das Gesetz der Liebe funktioniert!
Ein anderer Mann sagte einmal zu mir: „Ich bin überrascht, was für eine Art Mensch Sie sind. Nachdem ich Ihre ernste Botschaft über den Weg des Friedens gelesen hatte, erwartete ich, daß Sie eine sehr ernste Person sind, stattdessen finde ich sie hier übersprudelnd vor Freude.“ Ich entgegnete: „Wer könnte Gott kennen und nicht voller Freude sein?“

Wenn du ein langes Gesicht machst und beleidigt bist, wenn du nicht Freude und Freundlichkeit ausstrahlst, wenn du nicht überquillst vor Liebe und Güte gegenüber allen Menschen und allen Lebewesen und aller Schöpfung, dann ist eines sicher: Du kennst Gott nicht!
Das Leben ist wie ein Spiegel. Wenn man hineinlacht, so lacht es zurück. Ich setze einfach ein breites Lächeln auf, und dann lächelt jedermann zurück.
Wenn man die Menschen genügend liebt, so werden sie diese Liebe erwidern. Wenn ich Menschen verletze, so gebe ich mir selbst die Schuld, denn ich weiß, wäre mein Verhalten richtig gewesen, so hätte ich sie nicht verletzt, auch dann nicht, wenn wir verschiedene Ansichten gehabt hätten. Bevor die Zunge sprechen darf, muß sie den Stachel des Verletzens verloren haben.
Ich will dir von einem Fall erzählen, als meine Liebe mehr als nur Worte erforderte. Ich versuchte, einer Frau zu helfen, die so ernsthaft krank war, daß sie nicht mehr Autofahren konnte. Sie wollte zu ihrer älteren Schwester, um dort einige Wochen im Bett zu bleiben. Ich bot ihr an, sie hinzufahren. Zu jener Zeit hatte ich immer noch meinen Führerschein. Unterwegs sagte sie: „Peace, ich wünschte, Du könntest einige Zeit bei mir bleiben – meine ältere Schwester ist so dominierend. Ich habe richtig Angst, mit ihr allein zu sein.“ Ich sagte: „Gut, ich habe ein paar Tage Zeit. Ich werde eine kleine Weile bei dir bleiben.“
Als wir in den Hof ihrer Schwester einbogen, sagte sie: „Peace, ich weiß wirklich nicht, wie meine Schwester Dich aufnehmen wird.“

Sie hatte ganz recht mit ihrer älteren Schwester. Als diese einen Blick auf mich mit meiner beschrifteten Tunika geworfen hatte, wies sie mich aus dem Haus. Aber es war schon spät in der Nacht, und sie hatte solche Angst vor der Dunkelheit, daß sie sagte: „Nicht heute Nacht, Sie können heute Nacht auf dem Sofa schlafen, aber gleich morgen früh müssen Sie das Haus verlassen!“
Dann schickte sie ihre Schwester eilig zu Bett, irgendwo weit weg im Obergeschoß. Nun, das war schlimmer als ich es mir vorgestellt hatte. Sicherlich wollte ich meine Freundin nicht in dieser Situation zurücklassen, aber was konnte ich tun? Ich schaute mich um, ob es irgend etwas gäbe, wodurch ich mit der älteren Schwester ins Gespräch kommen könnte. Ich schaute in die Küche, da war ein Berg schmutzigen Geschirrs, und es gab keine Geschirrspülmaschine. So spülte ich das ganze Geschirr. Dann räumte ich die Küche auf, legte mich hin und schlief einige Stunden.
 Am Morgen hatte die ältere Schwester Tränen in den Augen und bat mich zu bleiben. Sie sagte: „Sie müssen verstehen, ich war so müde letzte Nacht, ich wußte nicht, was ich sagte. „Wir verbrachten eine wundervolle Zeit zusammen, bevor ich Abschied nahm. Du siehst, es war eine Gelegenheit, meine kleine Botschaft in die Praxis umzusetzen, sie zu üben. Übung ist gut; Übung macht den Meister, heißt es.

Auf meinen Reisen rief mich einmal ein Kneipenbesitzer in sein Lokal, um mir etwas zu essen zu geben, und während ich aß, fragte er: „Wie fühlen Sie sich an einem Ort wie diesem?“
„Ich weiß, daß alle Menschen Gottes Kinder sind“, antwortete ich. „Auch wenn sie sich nicht danach benehmen, so glaube ich doch, daß sie es könnten, und ich liebe sie für das, was sie sein könnten.“
Als ich aufstand, um zu gehen, bemerkte ich einen Mann mit einem Glas in der Hand, der auch im Aufbruch war. Als mein Blick ihn traf, lächelte er zaghaft, und ich lächelte ihn an. „Sie haben mir zugelächelt“, sagte er verwundert, „ich hätte gedacht, Sie würden nicht einmal mit mir sprechen, aber Sie haben mir zugelächelt.“ Ich lächelte noch einmal. „Ich bin nicht hier, um meine Mitmenschen zu richten“, sagte ich zu ihm, „ich bin hier, um zu lieben und zu dienen.“ Plötzlich kniete er zu meinen Füßen und sagte: „Bisher haben mich alle verurteilt, deshalb habe ich mich verteidigt. Sie haben mich nicht verurteilt, so verurteile ich mich selbst. Ich bin ein übler, wertloser Sünder! Ich habe mein Geld für Schnaps vergeudet. Ich habe meine Familie schlecht behandelt. Es ist immer schlimmer mit mir geworden!“ Ich legte meine Hand auf seine Schulter. „Du bist Gottes Kind“, sagte ich, „und dementsprechend könntest Du handeln.“
Mit Abscheu schaute er auf das Glas in seiner Hand, dann schleuderte er es gegen die Bar, so daß das Glas zerbrach. Seine Augen trafen die meinen. „Ich schwöre Ihnen, ich will das Zeug nie mehr anfassen“, rief er aus. „Nie mehr!“ In seinen Augen war ein neuer Glanz, als er festen Schrittes zur Tür hinausging.
Ich kenne sogar den glücklichen Ausgang dieser Geschichte. Ungefähr eineinhalb Jahre später hörte ich von einer Frau aus dieser Stadt, daß der Mann, soweit man weiß, sein Versprechen eingehalten hat. Er hat niemals mehr Alkohol angerührt. Er hat jetzt eine gute Arbeit. Er kommt gut mit seiner Familie aus und hat sich einer Kirche angeschlossen.

Wann immer man anderen mit Urteilen begegnet, werden sie sich verteidigen. Wenn man ihnen freundlich und nett gegenübertreten kann, ohne sie zu verurteilen, so sind sie eher bereit, sich selbst zu erkennen und sich umzuwandeln.
Auf meiner Pilgerreise hielten viele Autos an, und viele boten mir an, mich mitzunehmen. Einige meinten, pilgern und reisen per Anhalter wären dasselbe. Ich sagte ihnen, daß ich Gott nicht betrüge – wenn man die Kilometer auf einer Pilgerreise zählt, so betrügt man nicht.
Ich erinnere mich, wie ich eines Tages eine Landstraße entlang ging und ein sehr schönes Auto anhielt. Der Mann sagte zu mir: „Wie schön, daß Sie ihrem Ruf folgen!“ Ich antwortete: „Ich glaube fest, daß jeder das tun sollte, was er oder sie für richtig hält.“ Er erzählte mir dann, zu was er sich motiviert fühlte, und es war eine gute Sache, die getan werden mußte. Ich begeisterte mich richtig dafür und nahm es als selbstverständlich, daß er es machen würde. Ich sagte: „Das ist wunderbar! Wie kommen Sie voran?“ Er antwortete: „Oh, ich habe das nicht wirklich gemacht. Diese Art von Arbeit zahlt sich nicht aus.“ Ich werde nie vergessen, wie verzweifelt unglücklich dieser Mann war. In diesem materialistischen Zeitalter haben wir solch ein falsches Kriterium, um Erfolg zu messen. Wir messen ihn in Dollar und materiellen Dingen. Aber Glück und innerer Friede haben damit nichts zu tun. Wenn man weiß und nicht handelt, so ist man wirklich ein sehr unglücklicher Mensch.

Ein anderes Erlebnis hatte ich auf der Straße, als ein feines Auto anhielt, in dem ein gutangezogenes Paar saß und mich ansprach. Ich fing an zu erklären, was ich tat. Plötzlich – zu meiner Verwunderung – brach der Mann in Tränen aus. Er sagte: „Ich habe nichts für den Frieden getan, und Sie müssen so viel tun!“
Wieder ein anderes Mal hielt ein Mann an, um sich mit mir zu unterhalten. Er schaute mich an, nicht unfreundlich, aber außerordentlich überrascht und neugierig, als hätte er gerade einen lebendigen Dinosaurier erblickt. „Was um Himmels willen veranlaßt Sie, in dieser heutigen Zeit mit all den wunderbaren Möglichkeiten, die die Welt uns anbietet, auszuziehen und eine Pilgerreise für den Frieden zu unternehmen?“
„In dieser heutigen Zeit“, antwortete ich, „in der die Menschheit am Rande eines nuklearen Vernichtungskrieges entlang torkelt, ist es überhaupt nicht verwunderlich, daß ein Leben der Sache des Friedens gewidmet ist – eher ist es verwunderlich, daß so viele Leben nicht ähnlich gewidmet werden.“

Als ich das Land das erste Mal durchquert hatte, war ich so dankbar, daß ich bei der Aufgabe, zu der ich gerufen war, nicht versagt hatte. Ich dachte bei mir: „Ist es nicht wunderbar, daß Gott durch mich handeln kann!“
Später schlief ich einmal im Bahnhof Grand Central Station in New York. Im Zustand zwischen Wachen und Schlafen war mir, als spräche mir eine unglaublich schöne Stimme Worte der Ermutigung zu: „Du bist meine geliebte Tochter, an der ich Wohlgefallen habe.“ Als ich voll erwacht war, schien es mir, als hätte ein himmlisches Orchester gerade ein Konzert im Bahnhof beendet, dessen Echo immer noch nachklang. Ich ging in den kalten Morgen hinaus, aber mir war warm. Ich ging auf dem asphaltierten Bürgersteig entlang, aber ich fühlte mich, als ginge ich auf Wolken. Das Gefühl, in Harmonie mit dem göttlichen Willen zu leben, hat mich nie mehr verlassen.

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