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EIN WENIG VON ALLEM

In der Geschichte der Welt gab es Heilige, Weise und Propheten, die die eine oder andere Methode praktizierten oder lehrten, um an das Ziel der Selbstverwirklichung zu gelangen. Gurudev, der Prophet des integralen Yoga, aber betonte: „Es ist nicht genug, nur eine einzige Art von spiritueller Disziplin zu praktizieren, wie groß die Bemühung dabei auch sein mag. Jeder Suchende muß in sein spirituelles Programm alle Punkte aller Yogas oder Möglichkeiten, um zu Gott zu kommen, aufnehmen.“

Gurudev hatte keine eigene Doktrin. Er trug dieselbe Botschaft weiter, die uns seit Anbeginn der Zeiten vom Göttlichen gegeben worden war. Seine Lippen waren Gottes Lippen. Er war eins mit Gott. Wenn wir es dennoch riskieren wollen, eine Doktrin aus seiner Lehre abzulesen, dann kann seine einzigartige Methode in der Wisssenschaft des Yoga „Der Yoga des ein wenig“, Yoga der Synthese, genannt werden. Er machte uns darauf aufmerksam, dass nur eine harmonische Entwicklung des gesamten Wesens uns leicht zum Ziel führen kann. Jede Schwachstelle in der Struktur würde das Ganze zunichte machen. 

Er verfasste ein ganz einfaches aber schönes kleines Lied, das er nach der Melodie des Mahamantra bei jedem von ihm geleiteten Treffen sang, besonders während seiner Indien-Ceylon-Tour im Jahre 1950.

Hare rama, hare rama, rama rama, hare hare
Hare krishna, hare krishna, krishna krishna, hare hare
Iss ein wenig, trink ein wenig;
Sprich ein wenig, schlaf ein wenig;
Ein wenig Gesellschaft, ein wenig Bewegung;
Diene ein wenig, gib ein wenig;
Arbeite ein wenig, ruhe ein wenig;
Lies ein wenig, Gottesdienst ein wenig;
Mach ein wenig Asanas, ein wenig Pranayama;
Reflektiere ein wenig nach, meditiere ein wenig;
Mach ein wenig Japa, mach ein wenig Kirtan;
Schreib ein wenig Mantra, hab ein wenig Satsang.
Mach das alles wenig, wenig. Dann hast du Zeit für alles.

War der Meister dagegen, dass man von all den wunderbaren Dinge - wie Japa, Asanas oder Meditation - mehr machte? Man fragt: „Warum nur ein wenig, warum nicht viel?“ Dann wird weiter hineininterpretiert: „Mache wenigstens ein wenig...“ Er meinte aber tatsächlich genau das: „Mach ein wenig von jedem, spezialisiere dich nicht.“ Das war die Botschaft - das Ego schreit nach Spezialisierung, denn der Spezialist wird von der Menge bewundert. Spezialisierung mästet das Ego, schwächt Toleranz und Verständnis und lässt Verachtung und Hass entstehen.

Yoga ist Harmonie. Eine wunderschöne, symmetrische und integrale Entwicklung des gesamten Wesens, und das heißt, jeder Aspekt der Persönlichkeit muss täglich geübt werden. Ansonsten entsteht ein Ungleichgewicht der Persönlichkeit - und das ist nicht Yoga. Bei Gurudevs Methode kann daher nicht zuviel Zeit pro Tag für eine einzelne Praktik erübrigt werden, egal für welche. Ein wahrer Anhänger von Swami Sivananda kann von allem nur ein wenig machen. Das fördert eine harmonische Entwicklung, Gesundheit (Ganzsein) von Körper, Geist und Seele.

Schon in der letzten Phase seines Medizinstudiums war es Gurudev ein großes Anliegen, dass die Menschen die Kunst des gesunden Lebens kennen und nicht so sehr die Technik des Heilens. Die Notwendigkeit einer Heilbehandlung entsteht nur dann, wenn man dumm genug war, krank zu werden. Warum beugt man nicht vor? Kurz nach Verlassen der Universität begann er mit der Veröffentlichung einer Zeitschrift mit dem Namen „Ambrosia“, und in dieser Zeitschrift publizierte er jeden kleinen geheimen oder nicht geheimen Hinweis, den er aufstöbern konnte. Die Menschen müssen dazu erzogen werden, sich davor zu bewahren, krank zu werden, nicht so sehr darin, eine Behandlung zu finden. Heilen ist nur eine Notmaßnahme.

Sein ganzes Leben lang engagierte er sich leidenschaftlich dafür, Wissen und Dienen so vielen Menschen wie möglich verfügbar und unentgeltlich zugänglich zu machen. Das waren die beiden einzigartigen Leidenschaften des Meisters - Gesundheit und Dienen. Geheimnisse waren nicht seine Sache („Ich habe dieses spezielle exklusive Mittel, kommt zu MIR.“). Wenn er auf eine geheime Theorie stieß, musste sie am nächsten Tag veröffentlicht werden.

Als eines Tages jemand im Ashram einen Fernkurs mit Swamijis Schriften machen wollte, wobei jeden Monat eine Lektion veröffentlicht und mit dem Projekt Geld verdient werden sollte, stimmte Swamiji zu. Sobald das geschehen war, ließ Swamiji die Lektionen sofort wieder zu einem Buch zusammenfassen und zur unmittelbaren, meist kostenlosen, Verteilung herausgeben.

Er war von Beruf Arzt, der alles daransetzte, dabei zu helfen, dass man nicht zum Arzt gehen musste. Auch die Praxis von Yoga Asanas, die er in Malaysia mit Hilfe von Büchern mit großer Begeisterung begann, wurde Teil seiner ganzheitlichen Gesundheitsmethode. Sein Buch über Hatha Yoga enthält die Grundessenz der alten traditionellen Texte. Die Bedeutung von Hatha Yoga im Gesamtkonzept seiner Lehre war es, gesund, wirklich gesund, zu bleiben.

Wie ist man gesund? Was bedeutet 'Gesundheit' tatsächlich? Gesundheit wird definiert als GANZSEIN. Man kann nicht auf Kosten geistiger Gesundheit körperlich gesund sein. Es gibt keine körperliche Gesundheit. Da Gesundheit Ganzsein ist, kann sie nicht in körperlich, geistig und seelisch unterteilt werden. Eine harmonische Entwicklung von Körper und Geist war Gurudevs Spezialität. Häufig kommt er in seinen Schriften über körperliche Yogadisziplin auf geistige Gesundheit, seelisches Wohlbefinden zurück. Wenn der Geist völlig in Unordnung und neurotisch ist, kann der Körper nicht gesund sein, auch wenn man noch so viele Asanas macht, gleichgültig wie lange und gleichgültig wie perfekt.

YOGA ASANAS

Gurudev vernachlässigte die Praxis seiner Yoga Asanas nicht einmal einen einzigen Tag. Er selbst begann damit erst, als er fast dreißig war. Er sagte immer wieder: „Es ist nie zu spät zu beginnen, und es gibt keine Umstände, unter denen die Asanas aufzugeben wären; auch während einer Krankheit sollte man die Asanas nur abändern, um sie dem Zustand des Körpers anzupassen.“ In den besten Zeit machte er fünf oder zehn Minuten Sirsasana (Kopfstand). Er machte auch Sarvangasana (Schulterstand) und fügte diesen beiden einige weitere hinzu; einige Vorwärtsbeugende, Mahamudra, Paschimottasana und Halasana.

So waren auch einige leichte Körperübungen Bestandteil von Gurudevs täglicher Routine. „Im Bett sitzend gleich nach dem Aufwachen können diese Übungen in fünf Minuten gemacht werden.“ sagte er. Aus dem Sitz mit gekreuzten Beinen beugte er sich vor, dann lehnte er sich zurück, stützte den Rumpf mit den auf das Bett gelegten Handflächen und drehte dann den Oberkörper nach rechts und links. Er fasste seine Zehen und rollte mit rundem Rücken zurück. Dann verließ er das Bett, lehnte sich im Stehen von vorne an eine Wand und machte einige sanfte Rumpfdrehungen. Das kann jeder machen, es ist so einfach, und der Nutzen ist unermesslich.

Gurudev ermutigte auch andere voller Begeisterung zu dem, was ihm selbst gefiel. Er war durchaus kein Yoga Asana Spezialist, trotzdem war seine Begeisterung, wenn er darüber sprach, so ansteckend, dass das Gefühl entstand: „O, ich muss sofort damit beginnen.“

Noch in Malaysia wurde Gurudevs Koch, Sri Narasimha Iyer, auch von der Begeisterung des Doktors mitgerissen und machte eifrig mit ihm die Yoga Asanas. (Viele) Jahre später wurde er sein Sannyasin Schüler.

Oft zeigte Swami Sivananda jungen Menschen Yoga Asanas, wo immer er sich gerade befand, auf einem Bahnsteig oder auf einem Trottoir. Er nannte es ‘agressives Dienen'. „Warte nicht, bis jemand kommt, den Beitrag bezahlt und an deiner Stunde teilnimmt. Unterrichte ihn hier und jetzt, wo du auch bist.“ Gurudev war kein Freund von Theorien, die besagen: 'Das ist Perfektion in dieser Asana.' Seine Lehre war: „Mach das, was dir jetzt und heute möglich ist, so gut du kannst, ehrlich, ernsthaft und aufrichtig - das ist Perfektion.“ Wenn du dich heute darum bemühst, und wenn du regelmäßig bist, kann es sein, dass du dich ein wenig weiterentwickelst, und immer etwas mehr. Aber schaue NICHT neidvoll, oder um es ihm gleichzutun, auf einen anderen.

Das war eine weitere Einzigartigkeit an Swami Sivananda - er konnte wirklich echt und aufrichtig jemanden bewundern, der etwas besser machte als er selbst. Nicht eine Spur von Eifersucht war in ihm. Es war bemerkenswert. Wenn zum Beispiel ein großer Hatha Yogi den Ashram besuchte (und es kamen viele) und dieser Mann dann fantastische Leistungen darbot, sprach Swamiji noch jahrelang über ihn, ohne jeden Vorbehalt: „Er ist ein Yogi! Er muss einzigartig auf der Welt sein!“ Offen pries er auch seine eigenen Schüler.

Der Meister mochte auch Gymnastik und Sport und ging sehr gern zu Fuß. Auch als Schüler war er schon ein so guter Turner, dass sein Lehrer ihn oft die Klasse unterrichten ließ. In der ersten Zeit seines Ashramlebens pflegte er um die Bhajanhalle zu laufen. Kann man sich diesen imposanten Mann vorstellen, diesen großen weltberühmten Swami Sivananda, den Weisen aus dem Himalaya, den großen Yogi aus Indien etc. etc., wie er seinen Dhoti (sein Lendentuch) hochband und um eine öffentliche Halle joggte? Er kannte keine Hemmungen. Mit einem alten Tennischläger und einem Ball spielte er auch mit sich selbst gegen eine Wand.

Im Sommer schwamm Gurudev sehr gern. Sein Kopf war kahl, und so saß er am Ufer des Ganges, nur mit einem Lendentuch bekleidet, und rieb seinen Körper sorgfältig mit Öl ein. Er hatte seine eigenen Gesundheitstips und Vorstellungen vom Sonnenbaden. Nicht nur die Haut muss der Sonne ausgesetzt werden, sondern auch Zunge und Zähne. Da saß er im Freien, lächelnd, grinste die Sonne an, streckte die Zunge heraus und badete sie im Sonnenlicht.

Gesundheit ist eine grundlegende Voraussetzung für spirituelle Praxis, und auch, um Freude am Leben zu haben oder geschäftlich erfolgreich zu sein, aber Gesundheit muss Körper, Geist und Seele umfassen. Es muss emotionale Ausgewogenheit herrschen und auch Entspannung und Ernährung sind wichtig.

ERNÄHRUNG

„Das ist richtig, und das ist falsch.“ Ich habe nie gehört, dass er solche kategorischen Imperative festlegte. Man findet sie in seinen Büchern - aber dort gibt er nur die traditionelle Lehre wider. Hinsichtlich der Ernährung sagte er: „Iss sattvige Speisen.“ Nahrung, die nicht erregt, aus dem Gleichgewicht bringt oder die Ausgewogenheit stört. Das Prinzip, die Lehre, muss verstanden werden, und dann muss man sehen, was in der Phase, in der man sich befindet, entsprechend ist. Der Meister selbst aß sehr scharfe, stark gewürzte, pikante Speisen - aber das war in Ordnung für ihn. Du kannst ihn nicht nachahmen. Du musst herausfinden, was sattvige Nahrung für dich ist; und Swamiji sagte auch: „Sei vernünftig.“ Das scheint schwierig zu sein!

In der Ernährung und auch den Asanas betonte Gurudev mehr die psychischen Wirkungen: psychisch hinsichtlich der Wirkung auf das Nervensystem, den Geist und das innere psychische Prinzip, mehr als eine bloße physiologische Reaktion. Es muss also alles zusammengefügt und der Geist aufgenommen werden - denn die Wahrheit ist weder „dieses“ noch „jenes“ sondern etwas dazwischen.

 

PRANAYAMA

Gurudev war ein großer Anhänger und Verfechter von Pranayama. Er liebte es. Da sein Ideal ein integraler Yoga war, hatten darin sowohl Körperübungen als auch Kontrolle des Atems (und damit der Lebensenergie) ihren Platz. Pranayama durchflutet das System mit Frieden und Wonne. Es ist eine erstaunliche Tatsache, daß Swami Sivananda mehrere Stunden seines überaus arbeitsreichen Tages dieser Praxis widmete.

Ganz besonders mochte er das, was er ‘Sukha Purvaka’, das ‘einfache Pranayama’, nannte, das sehr leicht und bequem ist. Im Winter machte er auch Bhastrika: es war wunderschön, ihn dabei zu beobachten. Er bestand nicht darauf, den Atem so lange wie möglich anzuhalten (wie es die orthodoxen Texte zu sagen scheinen), sondern so lange, wie es bequem ist. Ist das Problem sofort ersichtlich? „Einatmen so lange wie es bequem ist, anhalten so lange wie es bequem ist, und ausatmen so lange wie es bequem ist.“ Zwei Worte sind gleich wichtig - 'lange' und 'bequem’. Es ist nicht so 'kurz' wie bequem - dann würde alles richtig sein. Nein. Es muß verlängert werden. Das machte Gurudevs Yoga etwas schwieriger als die traditionelle Methode, wo eine eindeutige Regel und ein Maß als Anleitung festgelegt werden.

Gurudevs Pranayama erfordert Wachsamkeit. Man muss aufmerksam, ernsthaft und aufrichtig sein. Man muss an seine Grenzen gehen, darf sie aber nicht überschreiten. Es darf keinerlei Gewalt, keinen Kraftaufwand und keine Anspannung geben. So wird innere Harmonie gefördert. Yoga muss mit Ernsthaftigkeit praktiziert werden, aber ohne Gewalt, ohne Konkurrenzdenken. Es ist etwas Wunderbares. Es ist Sivanandas Yoga.

Er wachte ausnahmslos vor 3.00 morgens auf, was deutlich früher war, als er alle spirituell Suchenden aufzustehen aufforderte. Dann widmete er mehr als eine Stunde nur Pranayama, und im Laufe eines überaus arbeitsreichen Tages verbrachte er wenigstens noch weitere drei Stunden mit dieser Praxis, in mehreren Sitzungen, immer wenn er dazu Zeit fand.

In seinem letzten Lebensjahr, als er nicht mehr besonders viel im Bereich von Yogaasanas machen konnte, sagte er: „Bei jeder Gelegenheit mache ich Pranayama; auch im Liegen mache ich Pranayama und besonders in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann (nicht schlafe).“ Wenn er konnte, lehnte er sich gegen einige Kissen und machte es. Das war sein Rat an praktisch jeden, der ihm begegnete: „Wenn du die Yogaasanas nicht richtig machen kannst, dann mache einfach das, was dir möglich ist, aber übe sehr viel Pranayama.“ Er erkannte, dass Pranayama, nicht bloß Atemübungen, eine direkte Wirkung auf das Nervensystem und den Geist hat. Es fördert einen inneren Zustand des Wohlbefindens, der ganz anders ist als das, was wir üblicherweise Gesundheit nennen.

GESUNDHEIT NEU DEFINIERT

Wenn jemand sechs Monate lang nicht beim Arzt war, halten wir das für Gesundheit. In Gurudevs Fall bedeutete Gesundheit etwas darüber hinaus. Etwa ab fünfunddreißig litt er an Diabetes und später an Lumbago, und es gab noch weitere Probleme. Aber sein Gesicht strahlte und leuchtete, seine Augen funkelten vor Energie und Humor, und jede seiner Bewegungen war voll Liebe und Weisheit. Sein Geist, sein Gehirn, waren in höchstem Grad wach, auch als sein Körper schwach war. Er war auch physisch sehr attraktiv. Der kräftige Körper, der bei jemand anderem plump und hässlich hätte sein können, unterstrich nur seinen Charme und verstärkte seine majestätische Erscheinung. Auch die Haut war rein, klar und strahlend gepflegt. Seine Kleider waren stets makellos sauber. Auch wenn sein Körper krank war, hatte er dieses außergewöhnliche Leuchten, diesen Glanz.

Einmal hatte er schweren Thyphus und sein Körper war so geschwächt, dass wir ein-, zweimal dachten, er würde sterben. Selbst dann glänzten seine Augen, und sein Gesicht strahlte. Er hatte etwa drei Wochen im Zimmer sein müssen und wollte die Sonne und den Ganges sehen. Langsam brachten wir ihn hinaus, und er lag in seinem Lieblingssessel. Wenn man ihn so sah, hätte man gesagt, dass alles in Ordnung wäre. Er bot einen wunderbaren Anblick, und er lachte, scherzte und sprach mit den Menschen. Nach etwa einer Stunde sagte er: „Gut, ich lege mich wieder hin. Wartet, ich versuche, selbst aufzustehen.“ Er setzte seine beiden Füße auf den Boden, und indem er sich auf die Lehnen des Sessel stütze, versuchte er, sich zu erheben ... und brach zusammen .... glücklicherweise zurück in den Sessel. Vielleicht kann man sich die ganze Szene vorstellen. Du und ich, wir wären vermutlich ganz traurig und verzweifelt gewesen. Als er zusammenbrach, begann er zu lachen: „Hm, meine Beine haben ihre Kraft verloren.“ Das waren genau seine Worte: „Meine Beine“, nicht „Ich“.

Die Art und Weise, wie er auf die zahlreichen Krankheiten und Leiden reagierte, die seinen Körper befielen, kann als revolutionierende Neudefinition des gesamten Gesundheitsbegriffes gesehen werden. Gesundheit ist ein Geisteszustand, ein Zustand inneren Wohlbefindens, der es ermöglicht, tätig zu sein, zu arbeiten und die erteilte Aufgabe ohne zu klagen und zu murren zu erfüllen. Gesundheit heißt nicht, dass der Körper medizinisch als frei von Krankheiten erklärt wird. Gurudev fand nichts dabei, Medikamente zu nehmen; im Gegenteil, nach dem Mittagessen gab es einen ganzen Teller davon. Seine Philosophie war, dass, wenn man dem Körper Nahrung geben kann, man auch etwas anderes nehmen kann, das Medizin heißt.

Nicht ein einziges Mal während all seiner Krankheiten murrte oder stöhnte er, und wenn Ärzte in sein Zimmer kamen, fiel es uns schwer, sie davon zu überzeugen, daß er krank war. Swamiji fragte: „Und wie geht es Ihnen?“ Und auch wenn Swamis aus dem Ashram ihn besuchten, war er einzig und allein um ihre Gesundheit besorgt, und er bat sie, auf sich zu achten. Wer war der Patient, wer war der Arzt? Im Bett liegend setzte er seine Arbeit erstaunlich gut fort. Er war ungeheuer rege, und da war immer dieser Zustand des inneren Wohlbefindens. Manchmal funktionierte der Körper zu 100%, manchmal nur zu 80% oder zu 70%, und er war bereit, sich darauf einzustellen, bereit, den Körper mitzuziehen. Es sah so aus, als gestatte er freundlicherweise einigen Krankheiten, sich in seinem Körper aufzuhalten.
Einmal bemerkte er: „Zwei, drei Dinge brauche ich. Deshalb gehe ich damit sehr sorgsam um.“ Er achtete auf sein Augenlicht. Seine Stimme war ihm ebenfalls sehr wichtig. Er hatte sein ganzes Leben lang eine glockenklare Stimme, und er hatte dafür spezielle Übungen. Er war sorgsam mit seinen Zähnen. Er sagte: „Wenn die Zähne nicht in Ordnung sind, kann man weder ordentlich sprechen noch ordentlich essen.“ Er wandte jedes Mittel an, das ein Arzt empfahl, um sie rein zu halten. Das morgendliche Zähneputzen war bei ihm eine große Zeremonie.

Er schützte auch bestimmte Organe. Er wollte nicht total und vollständig von anderen abhängig sein. Und er wollte auch nicht die Werkzeuge verlieren, mit denen er den Menschen diente. Als er später nicht mehr frei gehen konnte, nahm er einen Stock. Er gab ihn jemand anderem zum Tragen, falls er ihn brauchen sollte. „Nimm ihn mit, wenn ich ein wenig schwindlig werde, nehme ich ihn mir von dir.“ Der Körper darf nicht zuviel unterstützt werden, denn das würde ihn schwächen. Später wurde es etwas schwieriger, und er selbst hielt den Stock beim Gehen; dann war auch das nicht mehr genug, und  er stützte sich auf jemandes Hand. Aber für den Körper gab es keine Entschuldigung; was getan werden musste, musste getan werden. Der Geist des Meisters war rege, aufmerksam, tatkräftig und kraftvoll. Er lehnte es ab, den Launen des Körpers nachzugeben. Als sich die Beine wegen Lumbago und Rheumatismus kaum mehr bewegten, hielt er weiter daran fest: „Ich komme hinaus. Ich arbeite im Büro.“

Was für ein Geist ist das, der in der Lage ist, physische Leiden zu bezwingen? Was für ein Geist ist das, der sieht, dass, obwohl der Körper schwächer wird, er noch immer bestimmte Tätigkeiten ausführen kann, und das er dazu gebracht werden muss, diese freudvoll, mit ganzem Herzen und vorzüglich auszuführen? Das ist Gesundheit.

Es gab eine Zeit, da verbrachte er etwa eine halbe Stunde in meinem Raum, bevor er ins Büro ging. Die Stufen neben dem Raum waren sehr steil, und er musste sie erklimmen, um ins Büro zu kommen. Das war eine Zeit lang in Ordnung, als der Körper bei guter Gesundheit war. Dann, als er an Lumbago litt und das Gehen beschwerlich wurde, bat er um einen langen Stock, mit dessen Hilfe er diese Stufen erklomm. Warum musste er diesen Weg gehen? Das wusste niemand. Eines Tages konnte er auch seinen Stock nicht mehr verwenden und kniete sich buchstäblich hin und kroch hinauf. Er hätte ohne weiteres sagen können: 'Ich fühle mich nicht wohl, komm in mein Zimmer.' Es gab absolut kein Aufgeben, keine Entschuldigungen und kein Jammern; es gab nicht einmal Befangenheit.

Diese Einstellung, diese Geisteshaltung, heißt Gesundheit, wenn nicht einmal ein alternder Körper die innere Einstellung einen Moment lang unterkriegen oder schwächen kann. Er hatte diesen Sinn für geistiges Wohlbefinden jederzeit, sein ganzes Leben lang.
Es wäre möglich, Teile davon dem zuschreiben, was gewöhnlich das Erwachen der Kundalini Shakti genannt wird. Darüber wurde nie gesprochen. Ihm entströmte ein Übermaß an Energie. Sie erfüllte ihn und floss stetig aus ihm.

1953 wurde im Ashram das Parlament der Religionen abgehalten. Hunderte Besucher waren gekommen, und drei Tage lang war der Ashram ein Bienenstock von Aktivität. Swami Sivananda dehnte das Programm des letzten Abends aus und schloss nach Mitternacht; und dann zog Swamiji sich zurück. Einer der Besucher, der Sprecher des indischen Parlaments, wollte am nächsten Tag sehr früh abreisen und hatte Swami Sivananda gebeten: „Kann ich deinen Darshan (eine Audienz) haben, nur um dich zu sehen, bevor ich abreise?“ und Gurudev hatte zugestimmt. Der Sprecher war an diesem Morgen um fünf Uhr beim Meister. Wir konnten kaum die Augen offenhalten, aber auf dem Gesicht von Swami Sivananda war keine Spur von Müdigkeit. Er war vor kaum zwei, drei Stunden zu Bett gegangen, und da war er und sprach und plauderte zwanglos. Das war ein besonderer Zug. Egal wie hart er arbeitete oder wie viel er arbeitete (und vergessen wir nicht, dass wir erst um die zwanzig waren, er jedoch über sechzig), er hatte immer noch physische und geistige Energie, die ihn erfüllte und überströmte und andere mit Begeisterung erfüllte - man kann es erwachte Kundalini nennen, Selbstverwirklichung, wie auch immer. 

1950 im Alter von dreiundsechzig machte er eine anstrengende zweimonatige Reise durch ganz Indien. Während dieser Zeit musste er täglich mehr als fünf-, sechsmal zu sehr vielen Menschen sprechen. Bei jeder dieser Veranstaltungen sprach, sang und tanzte Gurudev, als könnte er seinen Zuhörern geradezu sein Leben geben. Es gab auch kleine private Treffen und informelle Besuche bei manchen Organisationen, und auch dort sprach und sang Gurudev mit derselben Hingabe und Leidenschaft, die er an den Tag legte, wenn er zu Monsterversammlungen sprach. Auch wenn das Auditorium nur aus den vier Mitgliedern einer Familie bestand, für ihn war es eine Gelegenheit, die Botschaft des göttlichen Lebens, die Herrlichkeit des göttlichen Namens und den Kern aller spirituellen Lehren zu verbreiten. Für ihn war das eine ebenso wichtige Gelegenheit, wie wenn er vor fünf Millionen sprach.

Für ihn war der Augenblick wichtiger als die zukünftigen Jahre. Der momentanen Arbeit widmete er sich einschränkungslos mit Herz und Seele. Als er in Malaysia war, wo er zehn Jahre lang den Menschen unaufhörlich und unermüdlich als Arzt diente, übernahm er auch die Arbeit einiger Kollegen. Er gab jedes Gramm seiner Energie aus. Er konnte nichts zurückbehalten, denn er war die Begeisterung selbst. Jeder andere an seiner Stelle wäre mit 38 Jahren alt gewesen, als er der Welt entsagte und ein neues Leben begann!

Das Leben, das ihn in Rishikesh erwartete, trug keineswegs dazu bei, die Energie wiederaufzubauen, die er in Malaysia verbraucht hatte. Die kärgliche Einsiedlerkost, Nahrung, an die er nicht gewöhnt war, und die herrschenden Lebensbedingungen, weit davon entfernt, das Verlorene wiedergewinnen zu lassen, hätten eigentlich nur erwarten lassen, die in ihm noch verbliebene Energie völlig zu verbrauchen und den Alterungsprozess zu beschleunigen.
Aber es war nicht so. 1930, nach sieben Jahren strenger Askese, als Gurudev zum ersten Mal in U.P. und Bihar sprach, fanden die Menschen in ihm einen voll erblühten Yogi, jugendlich, mit überschäumender Kraft und mit einer kraftvollen Stimme, die eine Seelenstärke erklingen ließ, die das Alter bezwungen hatte und jeder Schwäche Hohn sprach. Welche Kraft lag in Gurudevs Worten! Sie kamen aus seinem Herzen, aus seiner Seele.

Als Swamiji einmal 1930 von einer Reise zurückkehrte, erhielt er einen Brief von den Eltern eines Schülers einer höheren Schule in Sitapur, wo er gesprochen hatte. Der Brief sagte, dass der Sohn von zu Hause fortgelaufen war, nachdem er Gurudev sprechen gehört hatte, und eine Nachricht zurückgelassen hatte: „Ich gehe zu meinem wirklichen Vater, Swami Sivananda.“ Genauso kam auch Dr. Roy bald nach der Indientour 1950 als Arzt in den Ashram, nachdem er den Vortrag Gurudevs in Chidambaram gehört hatte. So war Gurudevs erweckende und verwandelnde Kraft.

Gurudev schrieb diese unaufhörlich sprudelnde innere Energiequelle der regelmäßigen Praxis von Asanas, Pranayama und Meditation zu, und der Wiederholung des Namen des Herrn, im besonderen aber Pranayama. Es gab Gurudev ein phänomenales Gedächtnis und die wunderbare Fähigkeit, Ashtavadhana zu machen (acht Dinge gleichzeitig). Pranayama reinigt die Nadis (die feinstofflichen Energiekanäle) und das Nervensystem und stärkt den Geist. Gurudevs kraftvolles Gehirn konnte hundert Menschen gleichzeitig Arbeitsanweisungen geben. Jeder Besucher in „Ananda Kutir“ (wörtlich „Sitz der Wonne“, womit Gurudevs Raum gemeint war und somit die Keimzelle des jetzt weltberühmten Ashrams) wusste, das er in Gurudevs Geist gespeichert war, und dass er ihn auch noch nach einem Jahrzehnt wiedererkennen würde, sollten sie sich treffen. Er konnte sich noch nach dreißig oder vierzig Jahren an ein Gesicht erinnern, auch wenn sich das Gesicht verändert hatte. Als jemand, den er als kleines Mädchen gesehen hatte, nach dreißig Jahren zurückkam, sagte er: „Du siehst aus wie ein kleines Mädchen, das ich einmal sah...“, und sie sagte: „Ja Swamiji, das war ich.“

Es gibt jede Menge Beispiele. Während der Indientour traf er den damaligen Ministerpräsidenten von Mysore, Sri K.C.Reddy am Flughafen von Bangalore und sprach einige Minuten mit ihm. Zwei Jahre später kam Mr. Reddy nach Rishikesh, und Swamiji erkannte ihn sofort, obwohl Mr. Reddy anders gekleidet war. Sadhu Murugadas besuchte den Ashram im Jahre 1940 und sang wunderschöne Bhajans (Lieder zur Ehre des Herrn). Er kam 1948 wieder und gab wieder ein wunderbares Programm. Als er abschließen wollte, erinnerte ihn Gurudev: „Was ist mit dem schönen Gebet, mit dem du letztes Mal abgeschlossen hast. -'Asato ma sat gamaya’?“ Murugadasji war überrascht über Gurudevs außergewöhnliches Gedächtnis.

Es war etwas absolut Außerordentliches an Gurudev; diese Anziehungskraft, diese leuchtende und strahlende Vitalität und überschäumende Energie. Swami Paramananda sagte einmal: „Wenn der Meister nur die Straße entlangging, zog er eine Menschenmenge um sich herum an. Man brauchte ihn gar nicht vorher anzukündigen. Wenn er in London eine Straße entlangginge, würde er dort eine ganze Menschenmenge anziehen.“ Eines Tages fuhren wir nach Dehra Dun, eine Stadt nicht weit weg vom Ashram. Es war Winter, und Swamiji trug einen dicken Mantel, sodass man ihn beim bloßen Hinsehen nicht einmal für einen Swami gehalten hätte. Als er die Einkaufsstraße entlangging, sammelte sich eine ziemlich große Schar um ihn, ohne jeden Grund. Die Leute wollten einfach mit ihm gehen!

Warum möchten wir alle diese Gesundheit? Warum wollen wir überhaupt, daß der Körper lebt? Ist Gesundheit an sich so wichtig? Vergessen wir nicht, daß Gurudev Arzt war, und als solcher musste er unweigerlich erkannt haben, das es sinnlos ist, den Körper zu verwöhnen. Er machte sich keine Illusionen über das menschliche Leben, keine Illusionen über Vitalität. Er wusste, dass dem Maß an physischer Energie Grenzen gesetzt sind; dass eine Zeit kommt, wenn der Körper altert, und sich das Energieniveau senkt. Er wusste das.

Einmal stieg Gurudev eine Treppe zum Tempel hinauf, und etwa auf halbem Weg setzte er sich auf eine Stufe. In diesem Moment rannte und stolperte ein kleiner Junge, der ebenfalls im Ashram lebte, die Treppe hinunter. Swamiji schaute ihn voller Bewunderung an: „Haah, er ist voller Energie. Ich war einmal auch so, aber jetzt ist das für diesen Körper nicht möglich.“ Er wusste das.
Nur ein einziges Mal hörte ich, das er mit einem Hauch von Bedauern von seinem Leben in Malaysia sprach. Er sagte: „Hätte ich damals gewusst, das ich später einmal in einem Bereich aktiv sein würde, der nicht nur einem Patienten oder einem Stadtteil dient, sondern jedem auf der Welt, hätte ich in meiner Jugend etwas mehr Energie bewahrt. Ich hätte mehr auf mich geachtet und nicht soviel Energie in Malaysia verbraucht.“ Er wußte, dass, weil der Energievorrat begrenzt ist, diese fruchtbringend, intelligent und weise verwendet werden muss. Er wusste, dass der Tod unvermeidlich ist, egal wie lange man lebt. Deshalb hielt er nichts von ‘Gesundheit’ um ihrer selbst willen. Er hätte nicht in diesem Körper leben mögen, wäre er nicht anderen auf irgendeine Weise dienlich gewesen. Und so erklärte er einmal: „Ich lebe, um zu dienen. Ich lebe, um allen zu dienen.“ In jedem Moment dieses Lebens wurde der Körper zum Dienen gepeitscht - nicht bloß aufgefordert, zum Dienen gepeitscht. Er wurde gut versorgt und es wurde auch sehr effizient Arbeit aus ihm herausgeholt.

GESUNDHEIT NEU DEFINIERT

Wenn jemand sechs Monate lang nicht beim Arzt war, halten wir das für Gesundheit. In Gurudevs Fall bedeutete Gesundheit etwas darüber hinaus. Etwa ab fünfunddreißig litt er an Diabetes und später an Lumbago, und es gab noch weitere Probleme. Aber sein Gesicht strahlte und leuchtete, seine Augen funkelten vor Energie und Humor, und jede seiner Bewegungen war voll Liebe und Weisheit. Sein Geist, sein Gehirn, waren in höchstem Grad wach, auch als sein Körper schwach war. Er war auch physisch sehr attraktiv. Der kräftige Körper, der bei jemand anderem plump und hässlich hätte sein können, unterstrich nur seinen Charme und verstärkte seine majestätische Erscheinung. Auch die Haut war rein, klar und strahlend gepflegt. Seine Kleider waren stets makellos sauber. Auch wenn sein Körper krank war, hatte er dieses außergewöhnliche Leuchten, diesen Glanz.

Einmal hatte er schweren Thyphus und sein Körper war so geschwächt, dass wir ein-, zweimal dachten, er würde sterben. Selbst dann glänzten seine Augen, und sein Gesicht strahlte. Er hatte etwa drei Wochen im Zimmer sein müssen und wollte die Sonne und den Ganges sehen. Langsam brachten wir ihn hinaus, und er lag in seinem Lieblingssessel. Wenn man ihn so sah, hätte man gesagt, dass alles in Ordnung wäre. Er bot einen wunderbaren Anblick, und er lachte, scherzte und sprach mit den Menschen. Nach etwa einer Stunde sagte er: „Gut, ich lege mich wieder hin. Wartet, ich versuche, selbst aufzustehen.“ Er setzte seine beiden Füße auf den Boden, und indem er sich auf die Lehnen des Sessel stütze, versuchte er, sich zu erheben ... und brach zusammen .... glücklicherweise zurück in den Sessel. Vielleicht kann man sich die ganze Szene vorstellen. Du und ich, wir wären vermutlich ganz traurig und verzweifelt gewesen. Als er zusammenbrach, begann er zu lachen: „Hm, meine Beine haben ihre Kraft verloren.“ Das waren genau seine Worte: „Meine Beine“, nicht „Ich“.

Die Art und Weise, wie er auf die zahlreichen Krankheiten und Leiden reagierte, die seinen Körper befielen, kann als revolutionierende Neudefinition des gesamten Gesundheitsbegriffes gesehen werden. Gesundheit ist ein Geisteszustand, ein Zustand inneren Wohlbefindens, der es ermöglicht, tätig zu sein, zu arbeiten und die erteilte Aufgabe ohne zu klagen und zu murren zu erfüllen. Gesundheit heißt nicht, dass der Körper medizinisch als frei von Krankheiten erklärt wird. Gurudev fand nichts dabei, Medikamente zu nehmen; im Gegenteil, nach dem Mittagessen gab es einen ganzen Teller davon. Seine Philosophie war, dass, wenn man dem Körper Nahrung geben kann, man auch etwas anderes nehmen kann, das Medizin heißt.

Nicht ein einziges Mal während all seiner Krankheiten murrte oder stöhnte er, und wenn Ärzte in sein Zimmer kamen, fiel es uns schwer, sie davon zu überzeugen, daß er krank war. Swamiji fragte: „Und wie geht es Ihnen?“ Und auch wenn Swamis aus dem Ashram ihn besuchten, war er einzig und allein um ihre Gesundheit besorgt, und er bat sie, auf sich zu achten. Wer war der Patient, wer war der Arzt? Im Bett liegend setzte er seine Arbeit erstaunlich gut fort. Er war ungeheuer rege, und da war immer dieser Zustand des inneren Wohlbefindens. Manchmal funktionierte der Körper zu 100%, manchmal nur zu 80% oder zu 70%, und er war bereit, sich darauf einzustellen, bereit, den Körper mitzuziehen. Es sah so aus, als gestatte er freundlicherweise einigen Krankheiten, sich in seinem Körper aufzuhalten.
Einmal bemerkte er: „Zwei, drei Dinge brauche ich. Deshalb gehe ich damit sehr sorgsam um.“ Er achtete auf sein Augenlicht. Seine Stimme war ihm ebenfalls sehr wichtig. Er hatte sein ganzes Leben lang eine glockenklare Stimme, und er hatte dafür spezielle Übungen. Er war sorgsam mit seinen Zähnen. Er sagte: „Wenn die Zähne nicht in Ordnung sind, kann man weder ordentlich sprechen noch ordentlich essen.“ Er wandte jedes Mittel an, das ein Arzt empfahl, um sie rein zu halten. Das morgendliche Zähneputzen war bei ihm eine große Zeremonie.

Er schützte auch bestimmte Organe. Er wollte nicht total und vollständig von anderen abhängig sein. Und er wollte auch nicht die Werkzeuge verlieren, mit denen er den Menschen diente. Als er später nicht mehr frei gehen konnte, nahm er einen Stock. Er gab ihn jemand anderem zum Tragen, falls er ihn brauchen sollte. „Nimm ihn mit, wenn ich ein wenig schwindlig werde, nehme ich ihn mir von dir.“ Der Körper darf nicht zuviel unterstützt werden, denn das würde ihn schwächen. Später wurde es etwas schwieriger, und er selbst hielt den Stock beim Gehen; dann war auch das nicht mehr genug, und  er stützte sich auf jemandes Hand. Aber für den Körper gab es keine Entschuldigung; was getan werden musste, musste getan werden. Der Geist des Meisters war rege, aufmerksam, tatkräftig und kraftvoll. Er lehnte es ab, den Launen des Körpers nachzugeben. Als sich die Beine wegen Lumbago und Rheumatismus kaum mehr bewegten, hielt er weiter daran fest: „Ich komme hinaus. Ich arbeite im Büro.“

Was für ein Geist ist das, der in der Lage ist, physische Leiden zu bezwingen? Was für ein Geist ist das, der sieht, dass, obwohl der Körper schwächer wird, er noch immer bestimmte Tätigkeiten ausführen kann, und das er dazu gebracht werden muss, diese freudvoll, mit ganzem Herzen und vorzüglich auszuführen? Das ist Gesundheit.

Es gab eine Zeit, da verbrachte er etwa eine halbe Stunde in meinem Raum, bevor er ins Büro ging. Die Stufen neben dem Raum waren sehr steil, und er musste sie erklimmen, um ins Büro zu kommen. Das war eine Zeit lang in Ordnung, als der Körper bei guter Gesundheit war. Dann, als er an Lumbago litt und das Gehen beschwerlich wurde, bat er um einen langen Stock, mit dessen Hilfe er diese Stufen erklomm. Warum musste er diesen Weg gehen? Das wusste niemand. Eines Tages konnte er auch seinen Stock nicht mehr verwenden und kniete sich buchstäblich hin und kroch hinauf. Er hätte ohne weiteres sagen können: 'Ich fühle mich nicht wohl, komm in mein Zimmer.' Es gab absolut kein Aufgeben, keine Entschuldigungen und kein Jammern; es gab nicht einmal Befangenheit.

Diese Einstellung, diese Geisteshaltung, heißt Gesundheit, wenn nicht einmal ein alternder Körper die innere Einstellung einen Moment lang unterkriegen oder schwächen kann. Er hatte diesen Sinn für geistiges Wohlbefinden jederzeit, sein ganzes Leben lang.
Es wäre möglich, Teile davon dem zuschreiben, was gewöhnlich das Erwachen der Kundalini Shakti genannt wird. Darüber wurde nie gesprochen. Ihm entströmte ein Übermaß an Energie. Sie erfüllte ihn und floss stetig aus ihm.

1953 wurde im Ashram das Parlament der Religionen abgehalten. Hunderte Besucher waren gekommen, und drei Tage lang war der Ashram ein Bienenstock von Aktivität. Swami Sivananda dehnte das Programm des letzten Abends aus und schloss nach Mitternacht; und dann zog Swamiji sich zurück. Einer der Besucher, der Sprecher des indischen Parlaments, wollte am nächsten Tag sehr früh abreisen und hatte Swami Sivananda gebeten: „Kann ich deinen Darshan (eine Audienz) haben, nur um dich zu sehen, bevor ich abreise?“ und Gurudev hatte zugestimmt. Der Sprecher war an diesem Morgen um fünf Uhr beim Meister. Wir konnten kaum die Augen offenhalten, aber auf dem Gesicht von Swami Sivananda war keine Spur von Müdigkeit. Er war vor kaum zwei, drei Stunden zu Bett gegangen, und da war er und sprach und plauderte zwanglos. Das war ein besonderer Zug. Egal wie hart er arbeitete oder wie viel er arbeitete (und vergessen wir nicht, dass wir erst um die zwanzig waren, er jedoch über sechzig), er hatte immer noch physische und geistige Energie, die ihn erfüllte und überströmte und andere mit Begeisterung erfüllte - man kann es erwachte Kundalini nennen, Selbstverwirklichung, wie auch immer. 

1950 im Alter von dreiundsechzig machte er eine anstrengende zweimonatige Reise durch ganz Indien. Während dieser Zeit musste er täglich mehr als fünf-, sechsmal zu sehr vielen Menschen sprechen. Bei jeder dieser Veranstaltungen sprach, sang und tanzte Gurudev, als könnte er seinen Zuhörern geradezu sein Leben geben. Es gab auch kleine private Treffen und informelle Besuche bei manchen Organisationen, und auch dort sprach und sang Gurudev mit derselben Hingabe und Leidenschaft, die er an den Tag legte, wenn er zu Monsterversammlungen sprach. Auch wenn das Auditorium nur aus den vier Mitgliedern einer Familie bestand, für ihn war es eine Gelegenheit, die Botschaft des göttlichen Lebens, die Herrlichkeit des göttlichen Namens und den Kern aller spirituellen Lehren zu verbreiten. Für ihn war das eine ebenso wichtige Gelegenheit, wie wenn er vor fünf Millionen sprach.

Für ihn war der Augenblick wichtiger als die zukünftigen Jahre. Der momentanen Arbeit widmete er sich einschränkungslos mit Herz und Seele. Als er in Malaysia war, wo er zehn Jahre lang den Menschen unaufhörlich und unermüdlich als Arzt diente, übernahm er auch die Arbeit einiger Kollegen. Er gab jedes Gramm seiner Energie aus. Er konnte nichts zurückbehalten, denn er war die Begeisterung selbst. Jeder andere an seiner Stelle wäre mit 38 Jahren alt gewesen, als er der Welt entsagte und ein neues Leben begann!

Das Leben, das ihn in Rishikesh erwartete, trug keineswegs dazu bei, die Energie wiederaufzubauen, die er in Malaysia verbraucht hatte. Die kärgliche Einsiedlerkost, Nahrung, an die er nicht gewöhnt war, und die herrschenden Lebensbedingungen, weit davon entfernt, das Verlorene wiedergewinnen zu lassen, hätten eigentlich nur erwarten lassen, die in ihm noch verbliebene Energie völlig zu verbrauchen und den Alterungsprozess zu beschleunigen.
Aber es war nicht so. 1930, nach sieben Jahren strenger Askese, als Gurudev zum ersten Mal in U.P. und Bihar sprach, fanden die Menschen in ihm einen voll erblühten Yogi, jugendlich, mit überschäumender Kraft und mit einer kraftvollen Stimme, die eine Seelenstärke erklingen ließ, die das Alter bezwungen hatte und jeder Schwäche Hohn sprach. Welche Kraft lag in Gurudevs Worten! Sie kamen aus seinem Herzen, aus seiner Seele.

Als Swamiji einmal 1930 von einer Reise zurückkehrte, erhielt er einen Brief von den Eltern eines Schülers einer höheren Schule in Sitapur, wo er gesprochen hatte. Der Brief sagte, dass der Sohn von zu Hause fortgelaufen war, nachdem er Gurudev sprechen gehört hatte, und eine Nachricht zurückgelassen hatte: „Ich gehe zu meinem wirklichen Vater, Swami Sivananda.“ Genauso kam auch Dr. Roy bald nach der Indientour 1950 als Arzt in den Ashram, nachdem er den Vortrag Gurudevs in Chidambaram gehört hatte. So war Gurudevs erweckende und verwandelnde Kraft.

Gurudev schrieb diese unaufhörlich sprudelnde innere Energiequelle der regelmäßigen Praxis von Asanas, Pranayama und Meditation zu, und der Wiederholung des Namen des Herrn, im besonderen aber Pranayama. Es gab Gurudev ein phänomenales Gedächtnis und die wunderbare Fähigkeit, Ashtavadhana zu machen (acht Dinge gleichzeitig). Pranayama reinigt die Nadis (die feinstofflichen Energiekanäle) und das Nervensystem und stärkt den Geist. Gurudevs kraftvolles Gehirn konnte hundert Menschen gleichzeitig Arbeitsanweisungen geben. Jeder Besucher in „Ananda Kutir“ (wörtlich „Sitz der Wonne“, womit Gurudevs Raum gemeint war und somit die Keimzelle des jetzt weltberühmten Ashrams) wusste, das er in Gurudevs Geist gespeichert war, und dass er ihn auch noch nach einem Jahrzehnt wiedererkennen würde, sollten sie sich treffen. Er konnte sich noch nach dreißig oder vierzig Jahren an ein Gesicht erinnern, auch wenn sich das Gesicht verändert hatte. Als jemand, den er als kleines Mädchen gesehen hatte, nach dreißig Jahren zurückkam, sagte er: „Du siehst aus wie ein kleines Mädchen, das ich einmal sah...“, und sie sagte: „Ja Swamiji, das war ich.“

Es gibt jede Menge Beispiele. Während der Indientour traf er den damaligen Ministerpräsidenten von Mysore, Sri K.C.Reddy am Flughafen von Bangalore und sprach einige Minuten mit ihm. Zwei Jahre später kam Mr. Reddy nach Rishikesh, und Swamiji erkannte ihn sofort, obwohl Mr. Reddy anders gekleidet war. Sadhu Murugadas besuchte den Ashram im Jahre 1940 und sang wunderschöne Bhajans (Lieder zur Ehre des Herrn). Er kam 1948 wieder und gab wieder ein wunderbares Programm. Als er abschließen wollte, erinnerte ihn Gurudev: „Was ist mit dem schönen Gebet, mit dem du letztes Mal abgeschlossen hast. -'Asato ma sat gamaya’?“ Murugadasji war überrascht über Gurudevs außergewöhnliches Gedächtnis.

Es war etwas absolut Außerordentliches an Gurudev; diese Anziehungskraft, diese leuchtende und strahlende Vitalität und überschäumende Energie. Swami Paramananda sagte einmal: „Wenn der Meister nur die Straße entlangging, zog er eine Menschenmenge um sich herum an. Man brauchte ihn gar nicht vorher anzukündigen. Wenn er in London eine Straße entlangginge, würde er dort eine ganze Menschenmenge anziehen.“ Eines Tages fuhren wir nach Dehra Dun, eine Stadt nicht weit weg vom Ashram. Es war Winter, und Swamiji trug einen dicken Mantel, sodass man ihn beim bloßen Hinsehen nicht einmal für einen Swami gehalten hätte. Als er die Einkaufsstraße entlangging, sammelte sich eine ziemlich große Schar um ihn, ohne jeden Grund. Die Leute wollten einfach mit ihm gehen!

Warum möchten wir alle diese Gesundheit? Warum wollen wir überhaupt, daß der Körper lebt? Ist Gesundheit an sich so wichtig? Vergessen wir nicht, daß Gurudev Arzt war, und als solcher musste er unweigerlich erkannt haben, das es sinnlos ist, den Körper zu verwöhnen. Er machte sich keine Illusionen über das menschliche Leben, keine Illusionen über Vitalität. Er wusste, dass dem Maß an physischer Energie Grenzen gesetzt sind; dass eine Zeit kommt, wenn der Körper altert, und sich das Energieniveau senkt. Er wusste das.

Einmal stieg Gurudev eine Treppe zum Tempel hinauf, und etwa auf halbem Weg setzte er sich auf eine Stufe. In diesem Moment rannte und stolperte ein kleiner Junge, der ebenfalls im Ashram lebte, die Treppe hinunter. Swamiji schaute ihn voller Bewunderung an: „Haah, er ist voller Energie. Ich war einmal auch so, aber jetzt ist das für diesen Körper nicht möglich.“ Er wusste das.
Nur ein einziges Mal hörte ich, das er mit einem Hauch von Bedauern von seinem Leben in Malaysia sprach. Er sagte: „Hätte ich damals gewusst, das ich später einmal in einem Bereich aktiv sein würde, der nicht nur einem Patienten oder einem Stadtteil dient, sondern jedem auf der Welt, hätte ich in meiner Jugend etwas mehr Energie bewahrt. Ich hätte mehr auf mich geachtet und nicht soviel Energie in Malaysia verbraucht.“ Er wußte, dass, weil der Energievorrat begrenzt ist, diese fruchtbringend, intelligent und weise verwendet werden muss. Er wusste, dass der Tod unvermeidlich ist, egal wie lange man lebt. Deshalb hielt er nichts von ‘Gesundheit’ um ihrer selbst willen. Er hätte nicht in diesem Körper leben mögen, wäre er nicht anderen auf irgendeine Weise dienlich gewesen. Und so erklärte er einmal: „Ich lebe, um zu dienen. Ich lebe, um allen zu dienen.“ In jedem Moment dieses Lebens wurde der Körper zum Dienen gepeitscht - nicht bloß aufgefordert, zum Dienen gepeitscht. Er wurde gut versorgt und es wurde auch sehr effizient Arbeit aus ihm herausgeholt.

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