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Karma Yoga von Swami Sivananda

 

Kapitel 2: Universelle Gesetze

1. Gesetz des Karmas

Jeder Mensch sollte ein umfassendes Verständnis der Naturgesetze und ihrer Funktionsweise besitzen. Dann kann er in dieser Welt reibungslos und glücklich voranschreiten. Er kann hilfreiche Kräfte nutzen, sodass seinen Zielen auf bestmögliche Weise gedient ist. Er kann widrige Strömungen ausgleichen, sodass seinen Zielen auf bestmögliche Weise gedient ist. Er kann widrige oder feindliche Kräfte aufheben. So wie ein Fisch gegen die Strömung schwimmt, wird auch er gegen widerstrebende Strömungen angehen können, indem er sich anpasst und sich durch geeignete Vorsichtsmaßnahmen schützt. Anderenfalls wird er zum Sklaven. Er wird von den unterschiedlichen Strömungen hilflos hin und her geworfen. Allerlei widrige Kräfte zerren ihn in unterschiedliche Richtungen. Er treibt dahin wie eine Holzplanke im Fluss. Obwohl er wohlhabend ist und alles Erdenkliche besitzen mag, fühlt er sich ständig unbehaglich und unglücklich.

Der Kapitän eines Dampfers, der einen Seekompass besitzt, der das Meer, die Seerouten und Strömungen kennt, kann ruhig segeln. Wenn nicht, wird sein Dampfer hilflos hierhin und dorthin treiben und erleidet Schiffbruch, indem er auf einen Eisberg oder Fels aufläuft. Ebenso kann ein kluger Seemann im Meer dieses Lebens, der ein detailliertes Wissen über die Gesetze von Karma und Natur besitzt, ruhig segeln und das Ziel des Lebens sicher erreichen. Wenn du die Naturgesetze verstehst, kannst du deinen Charakter gestalten und formen, wie es dir beliebt. „Wie ein Mensch denkt, so wird er“ ist eines der großen Naturgesetze. Denke, dass du rein bist, rein wirst du werden. Denke, du bist edel, edel wirst du werden. Denke, du bist ein Mensch, ein Mensch wirst du werden. Denke, du bist Brahman, du wirst Brahman werden.

Werde eine Verkörperung der guten Natur. Handle immer gut. Diene, liebe, gib. Mache andere glücklich. Lebe, um anderen zu dienen. Dann wirst du Glück ernten. Du wirst günstigen Umständen oder Gelegenheiten und einem wohlwollenden Umfeld begegnen. Unglück erntest du aber, wenn du andere verletzt, in Skandale und Unruhen verwickelt bist, verleumdest, lästerst, andere ausbeutest, dir den Besitz anderer auf unlautere Weise aneignest und anderen durch deine Handlungen Schaden zufügst. Du wirst ungünstigen Umständen, Bedingungen und einem ungünstigen Umfeld gegenüberstehen. Dies ist das Gesetz der Natur. Ebenso wie du deinen guten oder schlechten Charakter durch erhabenes oder niedriges Denken ausbilden kannst, so kannst du auch günstige oder ungünstige Umstände durch gute oder schlechte Taten gestalten. Ein Mensch mit einem kritischen Urteilsvermögen ist immer vorsichtig, wachsam und umsichtig. Er beobachtet seine Gedanken sorgsam. Er betreibt Innenschau. Er weiß sehr genau, was in seiner Gedankenfabrik vor sich geht, welche Vritti  oder welcher Guna gerade vorherrscht. Er lässt keinen schädlichen Gedanken zum Eingangstor seiner Gedankenfabrik vordringen, er erstickt ihn im Keim.

Wenn sich im Geist die Vritti erhebt, so wie eine Kobra ihren Nackenpanzer aufstellt, so nimmt er den Stecken des Viveka zur Hand und schlägt auf sie ein. So wie ein Soldat seine Feinde einen nach dem anderen mit seinem Schwert tötet, wenn diese in die Festung eindringen, so tötet ein Mensch kritischen Urteilsvermögens schädliche Gedanken mit dem Schwert seines Viveka, wenn sie versuchen, in die Festung seines Geistes einzudringen. So entwickelt er einen edlen Charakter. Er spricht mit Bedacht. Er redet wenig. Er sagt gute, liebevolle Worte. Nie äußert er harte Worte, die andere verletzen könnten. Er praktiziert Mauna (Stille, Schweigen). Er entwickelt Geduld, Barmherzigkeit und universelle Liebe. Er spricht die Wahrheit. So kontrolliert er Vak Indriya (Sprachorgan) und die Sprachimpulse. Er verwendet maßvolle Worte. Er schreibt maßvolle Zeilen. Dies hinterlässt einen tiefen und nachhaltigen Eindruck im Geist der Menschen. Er übt Ahimsa  und Brahmacharya in Gedanken, Worten und Taten. Er praktiziert Shaucha (Reinheit) und Arjava (Aufrichtigkeit). Er bemüht sich um einen ausgeglichenen Geist und darum, jederzeit glücklich und fröhlich zu sein. Er hält Shuddha Bhava  aufrecht. Er versucht sich in den drei Tapas (körperlich, verbal und geistig) und kontrolliert seine Handlungen. Er kann keine böse Tat vollbringen.

Wer Glück verbreitet, wird günstige Umstände antreffen, die ihm Glück bringen. Wer dagegen Unheil verbreitet, wird nach dem Naturgesetz zweifellos mit nachteiligen Umständen konfrontiert werden, die ihm Elend und Unglück bringen. So erschafft der Mensch seinen eigenen Charakter und seine Lebensumstände. Ein schlechter Charakter kann vermittels guter Gedanken in einen guten Charakter umgewandelt werden und aus ungünstigen Umständen können durch gute Taten günstige werden. O Ram! Du musst die Naturgesetze begreifen und weise und glücklich werden.

Deine Geburten und dein Umfeld werden der Art deiner Wünsche entsprechend festgelegt. Prarabdha  platziert dich in einer Umgebung, die für die Befriedigung deiner Wünsche geeignet ist. Ein Mensch wird von den Orten angezogen, an denen er die Objekte seiner Begierden bekommen kann. Er kann in dem einen Leben als armer Brahmane in Indien geboren werden. Wenn er ein Multimillionär werden möchte, wird er vielleicht in seinem nächsten Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika wieder geboren werden. Stell dir einen armen intelligenten Jungen in Indien vor. Er will unbedingt zur I.C.S.-Prüfung nach England. In diesem Leben kann ihm dieser Wunsch nicht erfüllt werden. Stell dir weiter vor, dass es in England eine reiche Dame gibt, die keinen Sohn hat, aber einen starken Wunsch nach einem intelligenten Jungen hegt. Der arme Junge wird möglicherweise, dem Gesetz der Fügung gemäß, in London als Sohn der reichen Dame wiedergeboren werden. Auf diese Weise geht sein alter, starker Wunsch in Erfüllung. Gott gewährt dem Menschen geeignete Bedingungen, die der Natur seiner Wünsche entsprechen, damit er wachsen und sich weiterzuentwickeln vermag.

Stell dir vor, dass ein Schäferjunge einem durstigen Reichen, der im Dickicht des Dschungels kein Wasser finden kann, einen Becher Wasser reicht. Dieser Junge kommt womöglich aufgrund seiner kleinen guten Tat als Sohn des Reichen wieder zur Welt. Vielleicht ist er aber auch ungebildet, weil er in seinem vorhergehenden Leben ein Schäferjunge war. Nach der Art der Wünsche erhält der Mensch seine Umgebung. Sein Wunsch zieht ihn zu solchen Orten, an denen er die ersehnten Objekte vorfindet. Dies ist das Gesetz der Natur. Unterhalte heilige Wünsche. Du wirst in eine heilige Umgebung gelangen, wie Uttarkashi, den Himalaja oder Benares, wo du inmitten von Heiligen Tapas, Sadhana und Meditation ausführen und Selbstverwirklichung erlangen kannst. Pflege unheilige Wünsche und du findest dich an Orten wie Paris und Hollywood wieder, wo es Kinos, Restaurants, Tanzsäle usw. gibt. Es ist an dir, die Wünsche auszusuchen, ob heilig oder unheilig. Wenn du als menschliches Raubtier durch die Straßen von Paris ziehen willst, wähle den unheiligen Wunsch. Wenn du aber in göttlichem Glanz strahlen und dich als menschlicher Gott bewegen willst, wähle den heiligen Wunsch.

Dr. M. H. Syed, M.A., Ph.D., D.Litt. schreibt in Hindu Mind: „Nichts hat größeren Schaden im praktischen Leben der Hindus angerichtet als das Missverstehen des Karma-Gesetzes – des ewigen Gesetzes von Ursache und Wirkung – das mit unfehlbarer Genauigkeit in allen Bereichen des menschlichen Lebens wirkt. Man sagt, es sei eine düstere Doktrin und dass es die menschlichen Bemühungen lähme und die Quelle richtiger Handlungen versiegen lasse. In volkstümlicher Sprache ausgedrückt meint diese Doktrin schlicht und ergreifend Vorherbestimmung. Man glaubt, dass der Mensch ein Geschöpf seiner Vergangenheit ist und dass sein gegenwärtiges Leben mit all seinen Aktivitäten, Freuden, Sorgen, mit Schmerzen und Vergnügen, Erfolg und Misserfolg, Gewinn und Verlust vorherbestimmt ist durch seine vergangenen Handlungen, auf die er keinen Einfluss hat und er deshalb resignieren solle und keine Zeit darauf verschwenden, sein Los oder das seines Nächsten zu verbessern.

Es liegt nur ein kleiner Funken Wahrheit in dieser Haltung. In anderen Worten handelt es sich nur um die eine Hälfte der Wahrheit, die verstanden und befolgt wird. Wenn man nicht die ganze Wahrheit über diese Lehre begreift, wird sie immer für Verwirrung sorgen und großen Schaden anrichten. Sollten sich die Inder jemals von ihrem derzeitigen Zustand der Erniedrigung befreien und die Fesseln ihrer Knechtschaft abstreifen wollen, dann wird es höchste Zeit, die wahre Bedeutung und Philosophie der Handlungen und die Herrschaft des Karma-Gesetzes zu verstehen, vermittels dessen sich die ganze Menschheit weiterentwickeln muss.

Es stimmt, dass die gegenwärtigen Begabungen des Menschen das unmittelbare Ergebnis seiner eigenen Gedanken und Handlungen in der Vergangenheit sind: sein intellektuelles Talent, sein körperliches Erbgut, seine moralischen und geistigen Instinkte und Fähigkeiten beruhen auf seinen Gedanken und Gefühlen vergangener Leben. Ein Landwirt fährt nur dann eine reiche Ernte ein, wenn er sich lange Zeit auf dem Acker plagt. Wenn er nicht den Boden pflügt, die Saat aussät, nicht wässert und düngt, dann kann er die Früchte seiner Mühen nicht genießen. Was er heute sät, wird er morgen ernten. Dies ist ein unveränderliches Gesetz und gilt ausnahmslos für alle Dinge. Sagt man, dass vergangene Taten die Fähigkeit zu erneuter Anstrengung und neuen Taten lähmen oder zum Scheitern verurteilen, dann ist dies ebenso sinnlos und haltlos, als wenn man meint, man könne keinen frischen Samen auf neuer Erde ausbringen, nur weil man gestern schon gesät hat. Tatsache ist, dass der freie Wille durch vergangene Handlungen niemals ausgeschaltet oder beeinträchtigt wird. Jedoch kann ein Mensch nicht all seine Wünsche unmittelbar und sofort verwirklichen. Das gute Gesetz entlohnt jede Person entsprechend ihrer Bedürfnisse und zu angemessener Zeit. Das Gesetz folgt seinen eigenen Regeln. Die Produkte vergangener Handlungen, Gedanken und Gefühle erscheinen uns als Wirkungen von Ursachen, die wir aus unserem eigenen freien Willen erzeugten. Ähnlich steht es uns frei, Handlungsweisen zu wählen, die uns sicher zu angemessener Zeit Belohnung bringen. Ein Mensch ist kraft der Schulden und Verträge, die er in vergangener Zeit eingegangen ist, gebunden. Sobald er seinen Verbindlichkeiten nachgekommen ist, kann er erneut frei entscheiden, ob er sich wieder Schulden auflädt oder nicht. Auf das Unvermeidliche hat er keinen Einfluss, aber wenn das Gesetz gerecht ist, dann hat er keinen Grund, sich darüber zu beschweren. Es steht ihm immer frei, das zukünftige Karma, das jetzt erschaffen wird, nach seinem Willen zu formen. Mit der Sicherheit des unabänderlichen Gesetzes von Ursache und Wirkung im Rücken kann ein Mensch gelassen fortfahren, seine Ziele zu erreichen. Früher oder später wird seinen wohlgezielten Bemühungen sicherlich Erfolg beschieden sein. In der Natur geht nichts verloren. Wie schon Bacon sagte: ‚Die Natur erobert man mittels Gehorsam.‘ Unter „Natur“ ist hier das Naturgesetz zu verstehen.

Wenn wir einmal das Gesetz verstehen, das unser Leben und unsere Handlungen bestimmt, sind wir in der Lage, so zu handeln, dass wir uns dieses Gesetz zum Verbündeten und Helfer und nicht zum Feind machen. Solange wir nur die Bedingungen des Gesetzes sorgfältig erfüllen und einhalten, können wir uns des Erfolgs in jeder Beziehung sicher sein.

Die drei Aspekte des Karma-Gesetzes sollte man klar verstehen. Der erste ist Sanchita Karma , die Gesamtheit und das Lagerhaus aller guten wie schlechten Taten, die wir im Laufe unserer zahllosen Leben begingen bzw. seit wir zwischen Falsch und Richtig unterscheiden und somit auf eigene Verantwortung und Initiative handeln. Dies alles wird aufgezeichnet und aufbewahrt: Wie könnte es auch anders sein, wenn wir doch unter der Herrschaft eines unveränderlichen Gesetzes leben? Der zweite Aspekt ist Prarabdha – das unvermeidliche Karma – jener Anteil unseres Karmas, welcher uns zur Aufarbeitung in diesem einzelnen Leben zugeteilt wurde, in Beziehung zu Menschen und Dingen, die wir in vorangegangenen Leben bereits getroffen bzw. erlebt haben. Dies wird auch reifes Karma genannt, weil es eine überfällige Schuld ist und es an der Zeit ist, sie bis aufs Letzte zu tilgen, durch Sorge und Leid, Gewinn und Verlust und ob wir wollen oder nicht. Die dritte Form ist Kriyamana , das Karma, das jetzt im Entstehen begriffen ist. Es ist dieses, das unseren freien Willen mit bestimmten Einschränkungen bewahrt und uns zukünftigen Erfolg sichert. Da der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde und am göttlichen Leben teilhat, steht es ihm frei, nach seinem Belieben zu handeln. Dank desselben Prinzips erreicht er mit Sicherheit in angemessener Zeit, was er sich auch wünschen mag.

„Handle durch aufrechtes Tun, denn Handeln steht über der Untätigkeit und in Untätigkeit kann nicht einmal dein Körper aufrechterhalten werden“, so spricht der gesegnete Shri Krishna.

Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für eine Nation, denn eine Nation besteht aus Einzelnen. ‚Wie im Kleinen, so im Großen‘, sagt Hermes.

Das kollektive Karma eines Volkes oder eines Landes obliegt ebenso dem Naturgesetz wie das eines Einzelnen. Die gleichen zugrunde liegenden Regeln greifen, ohne groß zwischen nationalem und kollektivem Karma zu unterscheiden. Nationen steigen auf und gehen nieder, Weltreiche blühen und zerfallen auf derselben Grundlage. Die klugen Köpfe eines Landes sollten die Macht dieses Gesetzes nicht missachten.

Inmitten einer nationalen Katastrophe tut man gut daran, sich darauf zu besinnen, dass nichts geschehen kann, was wir nicht verdient haben. Wenn wir den Auslöser des Unglücks nicht sehen können, so heißt das nicht, dass es ohne einen hinreichenden Grund eintrat.

Während der letzten tausend Jahre oder mehr sind viele herzzerreißende und niederschmetternde Ereignisse auf dem Boden von Mutter Indien geschehen, haben das ganze Land verwüstet, die Söhne ihrer wertvollen Juwelen beraubt und noch weit mehr wertvolle Leben gekostet.

Die Vorfälle in unserer Zeit sind noch zu frisch in unserem Gedächtnis verwurzelt, als dass sie einer Wiederholung bedürften. Fanden diese Ereignisse und Kataklysmen, die uns auf der Seele brennen, ohne Sinn und Grund statt? Nein: Nichts kann uns außerhalb der guten und ausgesprochen gerechten Gesetze zustoßen. In unserer Unwissenheit mögen wir nicht in der Lage sein, den unmittelbaren Auslöser mit Sicherheit, Bestimmtheit und Genauigkeit auszumachen. Aber so viel ist sicher und jenseits allen Zweifels, dass uns und unserem Land nichts Unverdientes widerfährt.

Unsere eigene Apathie, unsere Gleichgültigkeit, unser Mangel an Patriotismus, Zwietracht zwischen Sippschaften und Kasten, unser gegenseitiger Hass, Verdächtigungen und Unmut sind die Hauptursache für unsere gegenwärtige und vergangene Erniedrigung gewesen.

Da unser kollektives Karma den Zorn der göttlichen Justiz und angemessene Vergeltung hervorgerufen hat, die den bösen Taten auf dem Fuße folgte und wir verdientermaßen schwer dafür gelitten und gezahlt haben, so können wir nun wieder unseren kollektiven Willen in die richtige Richtung lenken und lernen, im Lichte der vergangenen bitteren Erfahrungen und Erniedrigungen klug und umsichtig zu sein. Im Laufe der Zeit werden wir sehen, wie Niedergang, Sklaverei und Gefangenschaft verschwinden und wir erneut frei und groß wie unsere Vorfahren werden.“

2. Gesetz der Kausalität

Sämtliche Naturphänomene werden von einem wichtigen Gesetz beherrscht, dem Gesetz der Kausalität, bekannt auch unter dem Namen Gesetz des Karmas. Das Gesetz der Ursache ist ein universelles Gesetz, das die innere Harmonie und die logische Ordnung des Universums aufrechterhält. Die Taten der Menschen unterliegen diesem Gesetz ebenso wie die Ereignisse auf dieser physischen Ebene. Karma ist ein Ausdruck aus dem Sanskrit, dessen Wurzel „kri“ ist, was „handeln“ bedeutet und der daher für Handlung oder Tat steht. Jede physische oder geistige Handlung ist Karma. Gedanken sind Karma. Eine Reaktion, die auf eine Aktion folgt, ist Karma. Karma ist ein weiter Begriff. Anziehung, Abstoßung, Schwerkraft, Atmen, Gehen, Laufen, Sehen, Hören, Essen, Fühlen, Wollen, Begehren, Denken – alle Handlungen von Körper, Geist und Sinnen sind Karma. Karma umfasst sowohl Ursache als auch Wirkung.

Alle weiteren Naturgesetze unterliegen diesem Grundgesetz. Die Sonne scheint, das Feuer brennt, der Fluss fließt, der Wind bläst, der Baum blüht und trägt Früchte, der Geist denkt, fühlt und wünscht, das Gehirn und die diversen Organe wie Herz, Lungen, Milz und Nieren arbeiten im Einklang und unter strikter Befolgung dieses großen Gesetzes von Ursache und Wirkung. Dieses große Gesetz wirkt überall auf der physischen und geistigen Ebene. Kein Phänomen entkommt der Wirkung dieses mächtigen Gesetzes.

Der Samen hat seine Ursache im Baum und wird wiederum die Ursache für einen Baum. Der erwachsene Vater zeugt einen Sohn und dieser wird wieder Vater. Die Ursache liegt in der Wirkung und die Wirkung in der Ursache. Die Wirkung ist der Ursache ähnlich. Dies ist die universelle, endlose Kette von Ursache und Wirkung. Der Kette fehlt kein Bindeglied. Diese Welt dreht sich nach diesem fundamentalen, vitalen Gesetz. Dieses Gesetz ist unauslöschlich und unveränderlich.

Wissenschaftler beobachten sorgfältig die Phänomene der Natur und versuchen, die genauen Gründe allen Geschehens in der Natur herauszufinden. Der Astronom sitzt mit seinem langen, mächtigen Teleskop in seinem Observatorium und beobachtet die Himmelskarte und studiert eingehend die Sterne und Planeten. Er ist bemüht, die exakten Ursachen der Phänomene zu erforschen. Der nachdenkliche Philosoph sitzt versunken da und versucht den Ursachen dieser Welt auf die Spur zu kommen, dem Grund für Schmerzen und Übel dieses Samsaras und den Ursachen der Phänomene dieses Lebens und Todes.

Nichts ereignet sich ohne einen eindeutigen, triftigen Grund. Ein Kriegsausbruch, der Aufstieg eines Kometen, Erdbeben oder Vulkanausbrüche, Donner, Blitz, Überflutungen, körperliche Krankheiten, Glück, Unglück – hinter allem steht ein exakter Grund.

Wächst dir ein Geschwür oder brichst du dir ein Bein oder einen Arm, liegt dies offensichtlich am schlechten Karma in deinem letzten Leben. Das schlechte Karma war der Grund und das Geschwür oder der Bruch ist die Wirkung. Hast du einiges Glück in diesem Leben, so ist der Grund dafür, dass du in deinem letzten Leben einige gute Taten vollbracht haben musst. Solche Dinge wie Zufall oder Unfall gibt es nicht. Die Ursache ist nur verborgen oder unerkannt, wenn du sie für einen bestimmten Unfall nicht ermitteln kannst. Das Gesetz von Ursache und Wirkung ist mysteriös. Deshalb sagt Shri Krishna:

gahana karmano gatih – „Geheimnisvoll ist die Natur der Handlung.“
[BhG 4.17]

Wenn dein beschränkter Geist die Ursache eines Unfalls oder anderen Geschehnisses nicht ausfindig machen kann, so heißt dies nicht, dass dahinter keine Ursache steht.

Alle physikalischen und geistigen Kräfte in der Natur gehorchen diesem großen Gesetz von Ursache und Wirkung. Das Gesetz und der Gesetzgeber sind eins. Das Gesetz und Gott sind eins. Die Natur und ihre Gesetze sind eins. Die Gesetze der Schwerkraft, der Kohäsion, der Adhäsion, Anziehung und Abstoßung, das Gesetz der Vorlieben und Abneigungen auf der physischen Ebene, die Gesetze von Relativität und Kontiguität und das Gesetz der Assoziation auf der geistigen Ebene, sie alle funktionieren in strikter Übereinstimmung mit diesem Gesetz von Ursache und Wirkung. Vom Schwingen eines Elektrons bis zur Umlaufbahn eines großen Planeten, vom Herabfallen einer Mango bis zum mächtigen Willen eines Yogis, von der Bewegung eines Leichtathletikläufers bis zur Bewegung von Radiowellen im feinen Äther, von der Übertragung einer telegraphischen Nachricht bis zur telepathischen Kommunikation eines Yogis in der Gedankenwelt – jedes Ereignis ist die Auswirkung einer unsichtbaren Kraft, die in harmonischer Übereinstimmung mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung arbeitet.

Studiert man dieses Gesetz genau, so ermutigt es den hoffnungslos entmutigten, verzweifelten und leidenden Menschen. Schicksal wird von den Gedanken, den Gewohnheiten und dem Charakter des Menschen erzeugt. Es besteht jede Möglichkeit auf Veränderung und Verbesserung für ihn, wenn er seine Gedanken und Gewohnheiten ändert. Ein Schurke kann ein Heiliger, eine Prostituierte eine züchtige Dame, ein Bettler ein König werden. Dieses mächtige Gesetz trägt dafür Sorge. Nur das Gesetz des Karmas kann die Ungleichheiten der Welt auf wunderschöne Weise erklären, warum z.B. ein Mann reich ist, während ein anderer arm ist, warum einer böse, der andere ein Heiliger ist, warum einer langweilig und ein anderer ein Genie oder ein vielseitiges Wunderkind ist, warum einer kränklich geboren wird, ein anderer aber stark und gesund ist und so fort. Wie kann man diese Ungleichheiten erklären? Es ist alles Karma. Gott kann nie ungerecht oder parteiisch sein.

Diese Welt ist eine relative Ebene. Sie enthält Gutes, Böses und eine Mischung aus beiden. Deshalb sagt Shri Krishna:

anishtamishtam misram cha trividham karmanah phalam

„Die dreifache Frucht der Handlung (gut, schlecht und vermischt) erwächst nach dem Tod denen, die nicht entsagt haben, aber niemals denen, die entsagt haben.“
[BhG 18.12]

Es gibt weder absolut Gutes noch absolut Schlechtes auf dieser Welt. Was dich tröstet und erfreut, was dir, der Welt und deinem Nächsten gut tut, ist Gutes. Was dir unbehaglich, unangenehm ist, dir Schmerzen und Unheil bereitet, was für die Welt und deinen Nächsten ungünstig ist, ist Schlechtes. Was manchen Unheil und Schmerz bereitet und anderen Freuden, ist eine Mischung aus Gut und Böse.

Jede deiner Handlungen hat zweierlei Auswirkung. Sie erzeugt einen Eindruck in deinem Geist und wenn du stirbst, dann trägst du den Samskara im Karmashraya  (Handlungsbehälter) in deinem Unterbewusstsein. Sie prägt sich der Welt oder den akasischen Aufzeichnungen  ein. Jede deiner Handlungen wird mit gleicher Kraft und Wirkung auf dich zurückfallen. Verletzt du einen anderen, so verletzt du eigentlich dich selbst. Diese schlechte Handlung wird auf dich zurückkommen und dich schädigen. Sie bringt Unglück und Schmerz. Tust du jemandem etwas Gutes, so hilfst du in Wahrheit dir selbst. Du tust dir selbst etwas Gutes, weil es nichts gibt außer dem Selbst. Diese tugendhafte Handlung wirkt auf dich mit gleicher Macht zurück. Sie bringt dir Freude und Glück. Deshalb betonen Weise und Rishis, Propheten und Moralisten: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Verletze nie die Gefühle anderer. Ahimsa paramo dharmah – ‚Nicht-Verletzen ist die höchste Tugend‘. Tue allen Gutes. Handle, wie du behandelt werden willst.“ Wer dieses Gesetz einmal richtig verstanden hat, kann nie jemandem Schaden zufügen. Er wird zur Verkörperung des Guten.

Verhältst du dich falsch gegen jemanden, so stört es die ganze Atmosphäre. Unterhältst du einen bösen Gedanken, dann verschmutzt er die gesamte Gedankenwelt. So sagen Mystiker: „Pflege gute Gedanken. Radiere schlechte Gedanken aus.“ Hinter jedem Gedanken steht eine Ursache. Jede Handlung, jeder Gedanke, sei er noch so trivial und unbedeutend, beeinflusst direkt oder indirekt die ganze Welt. Jener edle Mensch, der der Welt nur Gutes tut und erhabene Gedanken unterhält, ist ein Segen für die Welt im Ganzen. Er reinigt die gesamte Welt.

Stell dir einmal vor, dass du einen sensationellen Artikel für eine Zeitung schreibst. Er erregt die Emotionen und Gemüter der Leser. Sie beginnen, gegen die Regierung vorzugehen. Ein großer Aufstand folgt nun. Polizeiliche Kräfte kommen ins Spiel. Viele Menschen werden erschossen. Viele neue Vorschriften werden mit dem Ziel erlassen, die Unruhen einzudämmen und zu unterdrücken. Die Eltern der Getöteten leiden. Dieser Aufstand hat auch Auswirkungen auf die Denkweise von Menschen in anderen Teilen der Welt. Tatsächlich wird die ganze Welt durch ein einziges Ereignis beeinflusst. Ein einziger sensationeller Artikel hat derart verheerende Ergebnisse ausgelöst. Ein Ereignis kann gleichzeitig Ursache und Wirkung sein. Die endlose Kette von Ursache und Wirkung wird unaufhörlich aufrechterhalten. Man kann nicht sagen, dass dieses Bindeglied nutzlos oder unnötig ist.

Du hast nun eine umfassende Einsicht in dieses große Gesetz von Ursache und Wirkung. Du kannst deine Gedanken und Gepflogenheiten ändern und einen neuen Charakter prägen. Du kannst ein aufrichtiger Mensch werden und ein Heiliger, indem du tugendhaft handelst und edle und gottgeweihte Gedanken hegst. Wenn du Wissen um das Selbst erlangst, wenn du diesen kleinen Geist auslöschst, wenn du die drei Gunas und die drei Avasthas (Bewusstseinsebene) transzendierst, dann kannst du in deinem eigenen Swarupa ruhen. Du kannst mit dem Gesetzgeber eins werden und das Gesetz von Ursache und Wirkung wird auf dich nicht wirken. Du kannst die Natur erobern. Möge dich der unsichtbare Gesetzgeber Brahman im Erreichen der letzten Seligkeit des Lebens geleiten!

3. Gesetz von Aktion und Reaktion

Das große Gesetz der Ursache beinhaltet das Gesetz von Aktion und Reaktion, das Gesetz des Ausgleichs und das Gesetz der Vergeltung. All diese Gesetze erscheinen unter einer allgemeinen, alles umfassenden Überschrift: Lehre vom Karma. Wenn es eine Aktion gibt, dann muss es eine Reaktion geben. Die Reaktion wird von gleicher Stärke und ähnlicher Natur sein. Der jüngste Weltkrieg hat starke Reaktionen hervorgerufen. Im Handel gibt es eine Flaute. Im Land ist kein Frieden. Die Leute sind nicht glücklich. Der Geldmarkt ist angespannt. Viele Leben sind ausgelöscht. Der Tod eines gerechten Königs bewirkt unmittelbare, starke Reaktionen. Jeder Gedanke, jeder Wunsch, jede Vorstellung und jedes Gefühl verursacht eine Reaktion. Tugend bringt ihre eigene Belohnung mit sich; Untugend zieht ihre eigene Bestrafung nach sich. Dies ist das Wirken des Reaktionsgesetzes. Wenn ich auf andere Freude ausstrahle, wenn ich die Leiden anderer erleichtere, werde ich sicher Freude erfahren. Dies ist das Gesetz der Reaktion. Wenn ich jemanden verletze, wenn ich Unheil verursache und anderen Schmerzen zufüge, ernte ich Unheil und Schmerz. Gott bestraft weder den Bösen, noch belohnt er den Tugendhaften. Es sind ihre eigenen Karmas, die Lohn oder Strafe mit sich bringen. Es ist das Gesetz von Aktion und Reaktion, das die Früchte zuteilt. Niemandem kann man dafür die Schuld geben. Das Gesetz wirkt überall mit unaufhörlicher Präzision und wissenschaftlicher Genauigkeit. Das Gesetz von Aktion und Reaktion wirkt sowohl auf physischer als auch auf mentaler Ebene.

Ein Tennisball schlägt auf dem Boden auf und springt mit gleicher Wucht hoch. Dies ist das Gesetz von Aktion und Reaktion. Schlage ich auf ein Kissen, wird es mit gleicher Kraft zurückwirken. Dies ist das Gesetz von Aktion und Reaktion. Spreche ich gute, liebevolle Worte zu jemandem, so erwidert derjenige das Gefühl der Liebe und sagt auch mir gute, liebevolle Worte. Dies ist das Gesetz von Aktion und Reaktion.

Warum verhält sich der eine Mensch unanständig? Warum ist ein anderer zuvorkommend, zivilisiert und höflich? Warum hat der eine Mensch einen guten, moralischen Charakter und ein anderer einen schlechten? Warum erfreut sich der eine Mensch guter Gesundheit, Stärke und Vitalität? Warum ist ein anderer kränklich und schwach? Warum ist einer heiter und fröhlich, während ein anderer niedergeschlagen und freudlos ist? Diese Verhältnisse lassen sich mit dem Gesetz von Aktion und Reaktion einfach erklären. Niemand trägt die Schuld daran. Es ist unser eigenes Karma, das Freude, Unglück, Vergnügen, Schmerz, Gewinn oder Verlust, Erfolg und Niederlage erbringt. Wir alle werden vom Gesetz der Aktion und Reaktion beherrscht. Der Charakter jedes einzelnen ist dem Gesetz von Aktion und Reaktion unterworfen. Jeder Charakter oder jede Persönlichkeit ist das Endergebnis oder die Gesamtheit der vorangegangenen geistigen Handlungen. Gedanken verändern sich, Gewohnheiten verändern sich und der Charakter verändert sich auch. Unser jetziger Charakter ist das Ergebnis unserer Vergangenheit und unsere Zukunft wird vermöge der momentanen Handlungen gestaltet. Der Mensch erzeugt seinen eigenen Charakter und sein Schicksal. Er kann seine Gedanken, seine Gewohnheiten, seinen Charakter und sein Schicksal zusammenflechten und wieder aufknüpfen. Das Gesetz von Aktion und Reaktion wirkt überall.

Wer das große Gesetz von Aktion und Reaktion klar versteht, der wird nie etwas Falsches tun, denn er weiß, dass dies auf ihn zurückfallen und ihm Unglück und Schmerz bringen würde. Er wird immer Tugendhaftes vollbringen, da ihm dies Frieden, Freude, Stärke und ungetrübten Frohsinn einbringt. Liebe Freunde! Versteht dieses Gesetz. Verletzt es nie. Handelt nach dem Gesetz und lebt in Frieden. Möge der stille Gesetzgeber, der sich hinter all diesen Namen und Formen verbirgt, euch bei all euren Gedanken, Worten und Werken leiten! Ehre dem Gesetz und seinem Gesetzgeber!

4. Gesetz des Ausgleichs

Überall in den Phänomenen der Natur waltet das Gesetz des Ausgleichs. Der Samen platzt und ein großer Apfelbaum erwächst aus ihm. Der Baum kommt hervor in Übereinstimmung mit dem Gesetz des Ausgleichs. Brennstoff entflammt und wird zerstört. Aber dem Gesetz der Kompensation gemäß entsteht Hitze. Viele Dinge werden kraft der Hitze auf dem Feuer gekocht. Ist es in Bezwada sehr heiß, so ist es am Kailash oder in Uttarkashi im Himalaja sehr kalt. Dies ist das Gesetz des Ausgleichs. Wenn es zehn Schurken an einem Ort gibt, so sind zum Ausgleich zwei sattwige Seelen unter ihnen. Wenn in Puri Flut ist, dann herrscht Ebbe in Waltair. Dies ist das Gesetz des Ausgleichs. Wenn es in Indien Tag ist, ist in Amerika Nacht. Frieden folgt auf Krieg und umgekehrt. Aus Wasser wird Dampf und Dampf treibt eine Maschine an. Schwefelsäure in der Batterie wird verbraucht, aber Strom für die Glühbirne entsteht. Wir erhalten Licht. Dies ist das Gesetz des Ausgleichs. Das Gesetz des Ausgleichs findet auch auf geistiger Ebene Anwendung.

Jede Wirkung hat eine Ursache. Jede Folge eine Vorgeschichte. Es muss vollkommenes Gleichgewicht zwischen Ursache und Wirkung herrschen, zwischen Vorgang und Folge. Dieses Gesetz des Ausgleichs erhält die Balance und schafft Frieden, Übereinstimmung, Gleichgewicht, Harmonie und Gerechtigkeit in der Natur. Denke tief nach. Sinne nach und überlege. Du wirst feststellen, dass dieses Gesetz des Ausgleichs auf wundervolle Weise überall in den Phänomenen der Natur wirkt. Es ist unauslöschlich und unerbittlich. Niemand kann dieses unveränderliche und unwiderstehliche Gesetz besiegen. Begehst du eine schlechte Tat, so wirst du eine faule Frucht ernten.

Manchmal hört man einen Menschen sich beschweren: „Gott ist ungerecht. Immer war ich ein wahrhaftiger Mensch. Ich tue nie jemandem Böses. Ich diene immer der Menschheit. Trotzdem habe ich diese schreckliche Krankheit Asthma.“ Dies ist unzutreffend und haltlos. Du musst immer die Wirkung mit der Ursache in Verbindung bringen. Dein Leiden mag dir ungerechtfertigt erscheinen. Du glaubst vielleicht, du verdienst sie überhaupt nicht. Wenn du aber die Ursache dieses Leidens zu erforschen versuchst, wirst du zweifellos bemerken, dass es vollkommen angemessen und ein gerechter Ausgleich ist. Dann wirst du Genugtuung haben. Versuche es einfach in einigen Fällen. Dann wird dir kein Raum bleiben, dich zu beschweren oder zu lamentieren. Du wirst verstehen, wie wunderbar das Gesetz des Ausgleichs wirkt. Die Angelegenheiten in unserem Leben sind so verwickelt und kompliziert, dass es uns schwer fällt, den Grund des momentanen Leidens aufzuspüren. Obwohl wir die Ursache nicht herausfinden und die Wirkung des Gesetzes nicht verstehen können, ist die Ursache dennoch da. Unser Verstand ist so schwach, dass er den Vorläufer oder die Ursache eines Leidens oder Ereignisses nicht zu erfassen in der Lage ist.

Ein Mensch kann die Frucht des Ausgleichs, die er für seine Taten erhält, entweder in diesem oder im nächsten Leben ernten. Wenn wir Vorleben und Wiedergeburt verleugneten und feststellten, dass das Leben erst mit der Geburt beginnt und mit dem körperlichen Tod endgültig endet und es nichts Weiteres gibt, dann erhält weder der tugendhafte Menschen, der edle Taten begangen hat, noch der Schurke, der Verbrechen begangen hat, einen Ausgleich. Die Kette von Ursache und Wirkung, Vorgang und Folge wird abrupt unterbrochen. Überall herrscht schreckliche Ungerechtigkeit. Das kann nicht sein. Wenn du eine Verbindung zwischen deinem momentanen und den vergangenen und zukünftigen Leben ziehst und dann dein gegenwärtiges Leben vom Standpunkt des ewigen Lebens beurteilst, dann wird sich vollkommene Gerechtigkeit finden.

Dein Leben jetzt steht in direkter Verbindung mit der Vergangenheit und der Zukunft. Es herrscht durchweg vollkommene Kontinuität des Lebens, obwohl du verschiedene Körper annimmst. Es gibt einen gemeinsamen Faden, der sich durch das gesamte Seelenleben in zahllosen Geburten zieht. Das Leben einer individuellen Seele (Jivatma)  besteht aus zahllosen irdischen Leben. Es besteht eine enge Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und das Gesetz des Ausgleichs wirkt mit vollkommener Gerechtigkeit und Harmonie. Der physische Körper mag wechseln, aber die Ereignisse und das Gesetz des Ausgleichs setzen sich über die gesamte Dauer fort. Gerade so wie das tägliche Leben eines Menschen mit dem gestrigen und morgigen Leben in Verbindung steht, so hat auch ein Abschnitt irdischen Lebens enge Beziehung zu vergangenen und zukünftigen Leben. Erst dann wird vollkommene Gerechtigkeit und Kompensation herrschen.

Betrachtest du ein einzelnes Leben als ein in sich geschlossenes Ereignis, beginnend mit der Geburt des physischen Körpers und endend mit seinem Tod, dann wirst du keine korrekte Erklärung oder Lösung für die Dinge des Lebens finden. Du wirst im Dunklen tappen und verzweifelt sein. Wenn der Tugendhafte leidet, der in diesem Leben keine böse Tat begangen hat, dann liegt dies an einer falschen Tat in seinem vorangegangenen Leben. Vergeltung erfährt er im nächsten Leben. Wenn der Schurke, der täglich Unrecht tut, sein Leben ganz offensichtlich genießt, ist dies gutem Karma aus seinem früheren Leben zu verdanken. Ihm widerfährt Gerechtigkeit bei seiner Wiedergeburt. Das Gesetz des Ausgleichs ist unauslöschlich und gnadenlos.

Dein derzeitiges Leben ist nichts im Vergleich zum gesamten Seelenleben. Es ist nur flüchtig. Es ist ein bloßes Fragment. Willst du die Ursache oder Vorgeschichte einer Sache herausfinden, dann musst du tief in die Materie des ewigen Seelenlebens eindringen. Dann erst wird es völlige Ausgeglichenheit zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Vorangegangenem und Konsequenz eben. Du musst auf der Grundlage eines umfassenden Verständnisses vom ewigen Seelenleben urteilen. Das Gesetz der Kompensation umfasst einen großen Bereich des ganzen Seelenlebens. Das Leben endet nicht schon mit dem Zerfall des physischen Körpers. Es gibt die Wiedergeburt. Es muss auch zahllose Vorleben geben. Du musst den weitesten Blickwinkel auf das Seelenleben einnehmen. Dann ist die Linie ganz klar. Dann wirst du eine perfekte, befriedigende Lösung für all die verzwickten und komplizierten Dinge des Lebens finden. Dann gibt es keinen Platz mehr für Murren, Beschwerden oder Missverständnisse.

5. Gesetz der Vergeltung

Jede Fehlhandlung, jedes Verbrechen zieht nach dem Gesetz der Vergeltung seine eigene Bestrafung nach sich. Das Gesetz der Ursache, das Gesetz von Aktion und Reaktion, das Gesetz des Ausgleichs – alle wirken zusammen. Wer einen anderen beraubt, beraubt sich selbst. Wer andere verletzt, verletzt sich selbst zuerst. Wer einen anderen betrügt, betrügt sich selbst zuerst. Jede Missetat verursacht zunächst Bestrafung in der inneren Natur oder Seele und dann in den äußeren Umständen in Form von Schmerz, Elend, Verlust, Scheitern, Unglück, Krankheit und so weiter.

Der Mensch ist unwissend. Impulse, Zorn, Leidenschaft, Verhaftung, Stolz und Ablehnung beherrschen ihn. Er begeht die verschiedensten Missetaten. Sein Intellekt wird pervertiert. Er verliert sein Gedächtnis. Sein Verstand wird von Selbstsucht und Gier vernebelt. Er weiß nicht genau, was er tut. Später bereut er. Disziplin der Indriyas ist notwendig. Er sollte sich des Gesetzes der Ursache, des Gesetzes von Aktion und Reaktion, des Gesetzes der Vergeltung bei jedem seiner Schritte in jedem Augenblick seines täglichen Lebens erinnern. Er sollte seine Emotionen und Impulse durch die Praxis von Pranayama und Meditation beherrschen. Nur dann wird er nicht falsch handeln.

Denke daran, dass Gott weder parteiisch noch ungerecht ist. Du leidest wegen deiner eigenen Missetaten. Säe die Samen aus, die gute Früchte hervorbringen, die dich im Diesseits und Jenseits glücklich machen werden. Säe keine Samen, die unerfreuliche Früchte erzeugen und dich in diesem Leben und danach unglücklich und unzufrieden machen werden. Sei vorsichtig bei der Verrichtung deiner täglichen Pflichten. Wache über jeden Gedanken, jedes Wort und jede Tat. Gehe zurück zu den Wurzeln und reinige zuerst die Gedanken. Gebet, Japa, Meditation, Studium philosophischer Bücher, reines Essen, Vichara und Satsang  werden deinen Geist reinigen und niedere und unheilvolle Gedanken auslöschen. Befolge das Gelübde des Schweigens, dann kannst du deine Worte beherrschen. Übe Yama und Niyama, Ahimsa, Satyam , Asteyam , Brahmacharya und Aparigraha . Entwickle sattwige Eigenschaften. Dadurch kannst du nicht in der Lage sein, etwas Falsches zu tun. Die Macht der sattwigen Gewohnheiten wird dich anleiten, nur tugendhaft zu handeln.

Orthodoxe Christen und Theologen glauben, dass Gott das Schicksal des Menschen vor seiner Geburt bestimmt und festlegt. Dies ist unlogisch und unhaltbar. Die Hypothese muss aufgrund ihrer unlogischen Natur scheitern. Der Mensch wird wie ein Strohhalm, der vom Wind hin und her getrieben wird. Er besitzt keine Unabhängigkeit und Freiheit. Dies macht Gott parteiisch, ungerecht und launisch. Die moralische Verantwortung und Freiheit des Menschen wird zerstört. Er wird zum Gefangenen, der an Armen und Beinen gefesselt ist. Warum sollte Gott den einen glücklich und den anderen unglücklich machen? Ist er so launenhaft und exzentrisch? Warum sollte der eine vor der Geburt Seine Gnade erlangen? Ist Gott so voreingenommen? Wenn Gott überaus gnädig ist, warum kann Er nicht alle gleich edel, begnadet, glücklich, gut, moralisch und spirituell erschaffen? Warum wird ein Mensch blind geboren? Warum sollte ein Sünder für seine Taten verantwortlich sein? Ist es ihm vorbestimmt zu sündigen? Warum sollte er der Laune eines solchen Schöpfers halber leiden? Derartige Fragen bleiben ein Rätsel, wenn man die Lehre von Vorhersehung und Gnade annimmt. Nur die Karma-Lehre hat eine befriedigende Antwort. Sie ist logisch. Sie ergibt Sinn. Sie wirft ein mildes Licht. Jeder erntet, was er sät. Der Mensch kann sein Schicksal durch seine eigenen Gedanken und seinen Charakter formen und wieder umgestalten. Er handelt frei. In diesem Leben mag er zwar ein Bösewicht sein, aber er kann seine Gedanken, Gepflogenheiten, Neigungen und seinen Charakter ändern und bei seiner nächsten Wiedergeburt ein guter Mensch oder ein Heiliger werden. Er besitzt einen freien Willen. Er kann sich stets zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden. Die Lehre von Vorhersehung und Gnade ist nicht akzeptabel. Sie scheitert, denn sie ist unlogisch und unhaltbar.

Allein die Lehre vom Karma kann die mysteriöse Frage um Gut und Böse in dieser Welt klären. Nur die Lehre vom Karma kann den Bedrängten und Verzweifelten Trost, Zufriedenheit und Stärke bieten. Sie löst die Schwierigkeiten und Probleme des Lebens. Sie ermutigt die Hoffnungslosen und Verlorenen. Sie lenkt den Menschen zu richtigem Denken, richtigen Worten und richtigen Taten. Sie bietet demjenigen Menschen eine glanzvolle Zukunft, der nach dem universellen Gesetz lebt. Wenn alle Menschen dieses Gesetz richtig verstehen und ihre täglichen Pflichten sorgfältig erfüllen, dann erheben sie sich auf der spirituellen Leiter in ungeahnte Höhen. Sie werden moralisch und tugendhaft werden und ein glückliches, friedliches und zufriedenes Leben führen. Sie können die Last von Samsara mit Geduld, Ausdauer und Geistesstärke tragen. Angesichts von Ungleichheiten hinsichtlich Geburt, Glück, Intelligenz und Fähigkeiten wird es keinen Raum für Beschwerden geben. Der Himmel wird auf Erden herrschen. Alle werden sogar im Leid Freude empfinden. Begierde, Eifersucht, Hass und Ärger werden verschwinden. Die Tugend wird überall unangefochten vorherrschen. Wir werden ein prächtiges Satyayuga  erfahren, in Frieden und Fülle allerorten. Gesegnet ist der Mensch, der das Gesetz versteht und danach lebt, denn er wird bald Gottesbewusstsein erfahren und mit dem Gesetzgeber eins werden. Dann wird das Gesetz nicht länger auf ihn wirken.

6. Gesetz des Widerstands

Wenn du eine Mango verzehrst, wenn du irgendeine Arbeit verrichtest, dann erzeugt dies im Unterbewusstsein (Chitta) einen Eindruck. Dieser Eindruck heißt Samskara bzw. Neigung. Was auch immer du siehst, hörst, fühlst, riechst oder schmeckst, verursacht Samskaras. Die Vorgänge des Atmens, Denkens, Fühlens und Wünschens erzeugen Eindrücke. Diese Eindrücke sind unzerstörbar. Sie können nur durch Asamprajnata Samadhi  vollständig ausgemerzt werden. Der Mensch ist ein Bündel von Samskaras. Der Geist ist ein Bündel von Eindrücken. Diese Samskaras sind es, die den Menschen immer wieder auf diese physische Ebene bringen. Sie sind der Grund für das Wiedergeborenwerden. Diese Samskaras nehmen die Gestalt von sehr großen Wellen an, die durch das Gedächtnis, innere oder äußere Reize ausgelöst werden. Die Gesamtheit dieser Eindrücke bildet den Charakter des Menschen. Handelst du tugendhaft, so werden dem Chitta gute Eindrücke innewohnen und du wirst einen guten Charakter besitzen. Begehst du Untaten, so werden sich im Unterbewusstsein schlechte Eindrücke finden und du wirst einen schlechten Charakter haben. Gute Samskaras zwingen den Menschen gute Taten zu vollbringen und umgekehrt. Wenn du ein großes Guthaben guter Samskaras hast, wirst du überhaupt keine schlechten Taten vollbringen. Du wirst einen fest verankerten guten Charakter haben. Mara  oder Satan kann dich nicht beeinflussen.

Handlungen erzeugen Samskaras (Eindrücke oder Potenziale). Durch Wiederholung ballen sich die Eindrücke zusammen und bilden Gewohnheiten. Aus Neigungen entwickeln sich Gewohnheiten und Charakter. Karmas erzeugen den Charakter und der Charakter erzeugt den Willen. Wenn der Charakter rein und stark ist, wird auch der Wille rein und stark sein und umgekehrt.

Man sagt, dass die Gewohnheit wie eine zweite Natur ist. Ich aber sage immer, dass die Gewohnheit durch und durch Natur ist. Kontrolle der Gewohnheiten bedeutet Kontrolle der Natur. Alte schlechte Gewohnheiten können durch die Kraft des reinen unwiderstehlichen Willens in gesunde und wünschenswerte Gewohnheiten umgewandelt werden. Ein schwacher, kraftloser Mensch ist ein Sklave der Gewohnheit. Er bildet sich stets ein, dass Gewohnheiten angeboren seien und man sie ein Leben lang nicht ändern könne. Dies ist ein Irrtum. Wenn du die alten krankhaften, schlechten Gewohnheiten in neue gesunde und gute Gewohnheiten verwandeln willst, dann musst du hart kämpfen. Die alten Gewohnheiten werden versuchen, zurückzukehren, zu widerstehen, auszuharren und erneut zu erscheinen. Innere Kämpfe zwischen alten und neuen Samskaras, zwischen alten und neuen Gewohnheiten werden auftreten. Du wirst sehr wachsam, sorgfältig und umsichtig sein müssen. Du wirst wachsam sein müssen wie ein Soldat, der im Waffenlager eines Militärquartiers patrouilliert. Die alte Gewohnheit behauptet sich und flüstert dir zu: „O Freund! Du hast mir zwanzig Jahre lang einen Platz in deinem Körper und deinem Geist zugewiesen. Durch mich kamst du in den Genuss von vielerlei Dingen. Warum versuchst du nun, mich loszuwerden? Du bist sehr grausam. Ich habe durch die Natur, meine liebe Mutter, jedes Recht und das Privileg, hier zu bleiben. Maya wirkt durch mich allein. Die gesamte Welt funktioniert nur mittels Gewohnheiten. Durch die Macht der Gewohnheit sind die Menschen abhängig von Tee, Kaffee, Alkohol, Tabak, Rauchen, Kino, Romanen, Glücksspiel und Kartenspiel. Ohne mich löst sich die ganze Welt in Wohlgefallen auf. Die Lila Gottes würde ohne meine Gegenwart zum Stillstand kommen. Ich werde meinen Platz in deinem Körper nicht verlassen.“ Dies ist das Gesetz des Widerstands. Ist der Mensch, der eine schlechte Gewohnheit ausmerzen will, achtlos, so taucht die alte Gewohnheit wieder auf. Anfangs taucht sie vielleicht weniger häufig wieder auf und dauert dabei lange an. Oder sie taucht seltener auf und herrscht nur kurz vor. Doch du wirst an Stärke gewinnen und allmählich wird sie verschwinden und die neuen guten Gewohnheiten werden schließlich die Oberhand gewinnen.

Wenn eine neue, gesunde Gewohnheit erst einmal eingeführt ist und du auch nur einmal versuchst, eine neue, gute Gewohnheit zu entwickeln, dann wird diese langsam gedeihen. Sie wird sich behaupten und einen Platz in Körper und Geist gewinnen. Sie wird sich so lange einsetzen, bis sie vollen Erfolg hat und die alte, krankhafte Gewohnheit besiegt. Auch dies ist ein Naturgesetz. Die Natur kennt immer zwei Seiten, Asuras  und Devas . Der Kampf zwischen den Asuras und den Devas wird ständig in Körper und Geist ausgetragen. Wenn du hart kämpfst, werden sich die neuen guten Gewohnheiten schnell etablieren. Du wirst auf dem spirituellen Weg schnell Fortschritte machen. Der reine, starke und unwiderstehliche Wille muss letztendlich Erfolg haben. Er kann alles erreichen. Seine Kräfte sind unbeschreiblich und wunderbar.


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