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29. Kapitel Die Philosophie der Bildnis-Verehrung141

Ein Bildnis Gottes ist eine Stütze für den spirituellen Anfänger. Am Anfang ist eine Figur, ein Bild, ein äußeres Symbol der Gottheit hilfreich. Das sichtbare Bildnis erinnert einen an Gott und beeinflusst die Gedanken entsprechend. Durch Verehrung von Statuen und Bildern wird der Geist stetig. Der Verehrer verbindet die Vorstellung von Unendlichkeit, Allmacht, Allwissenheit, Reinheit, Vollkommenheit, Freiheit, Heiligkeit, Wahrheit und Allgegenwärtigkeit mit dem Gegenstand seiner Verehrung.

Nicht alle können ihre Gedanken auf das Absolute ausrichten. Die meisten brauchen eine konkrete Form, um sich darauf zu konzentrieren. Gewöhnlich gelingt es einem nicht auf Anhieb, Gott überall zu sehen und alles so zu behandeln, als sei Gott darin gegenwärtig. Daher ist die Verehrung einer äußeren Form als Hilfsmittel für den modernen Menschen am leichtesten. Der Geist braucht eine Stütze, um sich anzulehnen und zu fixieren. Am Anfang sind deshalb Konzentration und Meditation ohne ein äußeres Symbol kaum möglich.

Die Verehrung von Bildnissen ist nicht nur dem Hinduismus eigen. Christen verehren das Kreuz; sie haben die Vorstellung des Kreuzes in ihrem Geist. Moslems stellen sich den Kaaba-Stein vor, wenn sie sich hinknien und beten. Viele Menschen auf der ganzen Welt verehren irgendein Bildnis, haben das eine oder andere Gottesbild in ihrer Vorstellung.

Auch das geistige Bild ist eine Form von Bildnis. Das ist kein Unterschied in der Art der Verehrung, sondern des Grades. Jeder spirituelle Mensch, wie intellektuell er auch sein mag, schafft eine Form im Geist und konzentriert seinen Geist darauf.

Bilder, Gemälde usw. – all das sind nur Formen von Bildnissen. Ein grober Geist braucht ein konkretes Symbol als Stütze, ein feiner Geist ein abstraktes. Selbst ein Vedantin (Vertreter der Vedanta-Philosophie, d.h. der Einheit von allem) benutzt Om als Symbol, um seinen unruhigen Geist zu fixieren. Nicht nur Stein- oder Holzstatuen sind Bildnisse; auch Menschen, die in der Öffentlichkeit gut auftreten und argumentieren können oder Führerfiguren werden oft zu Idolen.

141. Im Hinduismus wird Gott oft verehrt über Opfergaben an „Murtis“. Murtis sind Darstellungen Gottes, meist aus Stein, manchmal aus Sandelholz oder Edelmetallen. Manche dieser Murtis sind menschliche Darstellungen (wie Krishna oder Rama oder Durga), manche sind symbolhaft (wie Shiva Lingam). Beim verbreitetetsten Verehrungsritual, der Puja, wird die Murti als Repräsentation Gottes behandelt wie ein geehrter Gast. Gott wird eingeladen, erhält ein Bad, wird gepriesen, bekommt Opfergaben und Gebete. Und am Ende kann man Gott ein besonderes Anliegen unterbreiten und bittet um Segen für alle Wesen. Dies wird im Verlauf dieses Kapitels noch näher beschrieben. Swami Sivananda übersetzt das Sanskrit-Wort „Murti“ mit dem Englischen „Idol“. Wir haben das hier meist mit „Bildnis“ übersetzt. „Götterfigur“, „Bildgestalt“, „Gottesbild“ wären andere Übersetzungsmöglichkeiten. Es ist also mehr eine dreidimensionale Statue und weniger ein Gemälde gemeint, wenngleich die Hindus die verschiedenen Manifestationen Gottes auch gerne auf sehr bunten Gemälden darstellen. In diesem Kapitel erklärt Swami Sivananda die Gründe für diese Art der Gottesverehrung, welche auch in Indien in gebildeten Kreisen und unter Vedantins, den Anhängern einer unpersönlichen Gottesvorstellung, des unendlichen und formlosen Absoluten, nicht unumstritten ist.

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Ein Mittel, um die Verbindung zu Gott herzustellen

Götterfiguren sind kein Hobby von Bildhauern, sondern strahlende Kanäle, durch die das Herz des Verehrers zu Gott hingezogen wird. Obwohl scheinbar das Bildnis verehrt wird, fühlt der Verehrer die Gegenwart Gottes darin und übergießt symbolisch das Göttliche mit seiner Hingabe und Liebe. Die Sicht des modernen, rein an äußerlichen Dingen orientierten Menschen ist durch Unkenntnis getrübt, die ihn daran hindert, das Göttliche (auch) in Bildnissen zu sehen.

Gerade die wissenschaftlichen Fortschritte dieses Jahrhunderts sollten die Menschen von der Wirkung der Bildnis-Verehrung überzeugen. Wie wird ein großer Sänger oder Redner scheinbar auf ein kleines kastenartiges Gerät – Radio oder Fernsehen genannt -, beschränkt? Das Gerät ist nur eine leblose, mechanische Konstruktion. Es zerbricht in tausend Stücke, wenn man es hinunter wirft. Aber wenn man damit umgehen kann, kann man Musik daraus hören und Bilder von Tausende von Kilometer entfernten Ereignissen sehen.

So wie man die Klangwellen von Menschen auf der ganzen Erde durch das Radio oder den Fernseher auffangen kann, kann man mittels einer Statue oder eines Bildes mit Gott in Verbindung treten. Das alldurch dringende Göttliche schwingt in jedem Atom der Schöpfung. Es gibt keinen Winkel im All, wo Gott nicht ist. Wie könnte man also behaupten, Er sei nicht in den Bildnissen oder Statuen?

Viele argumentieren: „Gott ist alldurchdringend und ohne Gestalt. Wie könnte man Ihn auf dieses Bildnis beschränken?“ Sind sie sich tatsächlich seiner Allgegenwart ständig bewusst? Sehen sie überall Ihn und nur Ihn allein? – Nein. Das ist nur ein Vorwand. Ihr Ego hindert sie daran, sich vor einem Bildnis Gottes zu verbeugen.

Leere Kessel machen viel Lärm. Ein Mensch, der praktiziert, der meditiert und betet, der echtes Wissen und wahre Hingabe besitzt, bleibt still. Er beeinflusst und lehrt andere durch seine Stille. Er allein weiß, ob für ihn am Anfang ein Bildnis für die Konzentration notwendig ist oder nicht.

Kaum jemand, wie intellektuell er auch sein mag, kann sich ohne Hilfe eines Symbols konzentrieren. Ein gebildeter Mensch kann aufgrund seines Stolzes und seiner Eitelkeit vielleicht sagen: „Ich mag keine Abbilder. Ich möchte mich nicht auf eine Form konzentrieren.“ Er kann sich aber auch nicht auf das formlose Eine konzentrieren. Er glaubt, die Menschen würden über ihn lachen, wenn sie wüssten, dass er über ein Bildnis meditiert. Tatsächlich meditiert er niemals auf das gestaltlose Eine. Er behauptet es nur und gibt es vor. Er vergeudet sein Leben in nutzlosen Diskussionen. Ein Gramm Praxis ist besser als Tonnen von Theorie.

Für die meisten Intellektuellen ist der Verstand ein Hindernis. Sie behaupten, die Existenz des Absoluten sei eine reine Vermutung, der Zustand des Überbewusstseins ein Bluff und Selbstverwirklichung eine Einbildung der Vedantins142. Sie lassen sich vom weltlichen Wissen leiten, das im Vergleich zum Wissen um das Selbst nur eine leere Hülle ist. Ihre vorgefassten Geistes eindrücke müssen erst durch positive Eindrücke im Satsang (Zusammensein mit Weisen und anderen spirituellen Suchern) weggespült werden. Möge Gott ihnen klares Verständnis und Durst nach wahrem Wissen schenken.

142. Vertreter der Vedanta-Philosophie von der Einheit und vom Absoluten.

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Ein Symbol Gottes

Ein Bildnis ist ein Ersatz, ein Symbol. Die Statue in einem Tempel, sei sie aus Stein, Holz oder Metall, ist dem Gläubigen teuer, denn sie trägt das Zeichen seines Gottes und vergegenwärtigt etwas, das ihm heilig und ewig ist.

Eine Fahne ist nur ein Stück farbiger Stoff, aber für einen Soldaten steht sie für etwas, das ihm sehr teuer ist. Er ist bereit, sein Leben für die Verteidigung der Fahne zu geben. Ebenso ist das Bildnis dem Verehrer teuer. Es spricht zu ihm in der Sprache der Verehrung. So wie die Fahne im Soldaten kriegerischen Heldenmut erweckt, erweckt die Statue Hingabe im Verehrer. Gott wird auf das Abbild übertragen, so dass es im Verehrer göttliche Gedanken hervorruft.

Ein Stück gewöhnliches weißes oder farbiges Papier hat keinen Wert. Du wirfst es weg. Aber sobald der Aufdruck der Regierung das Papier zu einem Geldschein macht, bewahrst du es sorgsam im Geldbeutel oder in einem Schrank auf. Ebenso hat auch ein gewöhnlicher Stein keinen Wert. Aber wenn du die Steinstatue von Krishnaim Tempel von Pandharpur oder eine andere Götterstatue in einem anderen Tempel siehst, verneigst du dich mit gefalteten Händen, weil der Stempel Gottes auf dem Stein ist. Der Verehrer stülpt der Steinstatue seine eigene Gottesvorstellung über und verleiht ihr alle göttlichen Attribute.

Wenn du eine Statue verehrst, denkst du nicht: „Diese Statue kommt aus Jaipur (ind. Stadt). Sie wiegt 50 Pfund, ist aus weißem Marmor und kostet 500 Rupien (ind. Währungseinheit).“ Nein! Du überträgst alle Eigen schaften Gottes auf die Statue und betest: „O, innerer Führer. Du bist allgegenwärtig, allmächtig, allwissend und barmherzig. Du bist die Quelle allen Seins. Du bist ewig und unveränderlich. Du bist das Leben meines Lebens, die Seele meiner Seele. Gib mir Licht und Erkenntnis. Lass mich in Dir bleiben alle Zeit!“

OmWenn deine Verehrung und Meditation stärker und tiefer wird, siehst du das steinerne Bildnis nicht mehr. Du siehst nur noch Gott allein, der reines Bewusstsein ist. Die Verehrung des Symbols ist Gott wohlgefällig. Das Bildnis besteht aus den fünf Elementen143. Die fünf Elemente bilden den Körper des Gottes. Das Bildnis bleibt ein Bildnis, aber die Verehrung gilt Gott.

Wenn du einen Menschen begrüßt und ihm die Hand schüttelst, freut er sich darüber. Du hast nur einen kleinen Teil seines Körpers berührt und doch freut er sich als Ganzes darüber. Er lächelt und heißt dich willkom men. Genauso freut sich Gott, wenn ein kleiner Teil seines kosmischen Körpers verehrt wird. Eine Statue ist ein Teil des Körpers Gottes. Die ganze Welt ist Sein Körper. Die Verehrung eines Teils davon gilt Gott als Ganzes.

Der Verehrer überträgt Gott und alle seine Eigenschaften auf das Abbild. Das Verehrungsritual besteht aus sechzehn Teilen: Zuerst wird die Gegenwart Gottes angerufen. Dann wird Ihm ein Platz angeboten, die Füße werden gewaschen und man gibt Ihm zu essen. Die Figur wird gebadet, gekleidet und mit dem heiligen Band ausgestattet. Man trägt ihr Sandelholzpaste auf die Stirn auf, bringt Blumen dar und verbrennt Räucherstäbchen. Anschließend zündet man Licht an und schwenkt es. Prasad (Obst oder Süßigkeiten) wird geopfert und Kampfer verbrannt. Eine wertvolle Gabe wird dargeboten. Zum Abschluss verabschiedet man Gott herzlich.

Durch diese äußere Form der Verehrung kommt die innere Liebe zum Ausdruck. Der unstete Geist festigt sich durch diese Form der Verehrung. Der Aspirant fühlt nach und nach die Nähe Gottes, erlangt Reinheit des Herzens und überwindet allmählich seinen Egoismus.

Für den gläubigen Verehrer ist jede Art von Bildnis der Körper Gottes, sei es aus Stein, Ton oder Messing, gemalt oder gezeichnet. Alle Materie ist eine Erscheinungsform Gottes. Gott ist in allem gegenwärtig. Alles ist ein Gegenstand der Verehrung, denn alles ist eine Manifestation Gottes, die darin verehrt werden kann. Schon das Verehrungsritual als solches setzt stillschweigend voraus, dass der Gegenstand der Verehrung als überlegen und mit Bewusstheit ausgestattet angesehen wird. Diese Art, die Dinge zu sehen, muss man lernen und den Geist darin schulen.

143. Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther. Daraus besteht alles auf der physischen Ebene.

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Hingabe entwickeln

Die Verehrung von Götterbildern macht es leicht und einfach, sich zu konzentrieren. Stell dir vor deinem geistigen Auge Episoden aus dem Leben Gottes in einer bestimmten Inkarnation vor, zu der du dich hingezogen fühlst. Das ist einer der leichtesten Wege zur Selbstverwirklichung, der für die meisten Menschen von heute geeignet ist.

So wie das Bild eines berühmten Helden in deinem Herzen Heldentum erweckt, so erhebt ein Blick auf ein Abbild Gottes deinen Geist zu göttlichen Höhen. Wie ein Kind mütterliche Gefühle entwickelt, indem es seine Stoffpuppe liebkost, versorgt und beschützt, so entwickelt auch der Verehrer Hingabe, indem er ein Bildnis Gottes verehrt und sich darauf konzentriert.

Das Göttliche im Bildnis erwecken

Regelmäßige Rituale und andere Weisen, unserem Gefühl, dass wir Gott in diesem Bildnis erkennen, Ausdruck zu verleihen, lassen die in dem Bildnis latent vorhandene Göttlichkeit lebendig werden. Das ist wahrhaftig ein Wunder. Das Bild beginnt zu leben. Es spricht, beantwortet deine Fragen und löst deine Probleme. Der Gott in dir hat die Kraft, die verborgene Göttlichkeit in dem Bildnis zu erwecken. Es wirkt wie eine starke Linse, die die Sonnenstrahlen sammelt und auf ein Bündel Baumwolle lenkt. Weder die Linse ist Feuer noch die Baumwolle, und auch die Sonnenstrahlen allein können die Baumwolle nicht entzünden. Erst wenn alle drei auf eine bestimmte Art und Weise zusammengebracht werden, entzündet sich das Feuer und die Baumwolle verbrennt.

Ähnlich ist es mit dem Bildnis, dem spirituellen Schüler und dem alldurchdringenden Göttlichen. Das Abbild ist die Linse, die die alldurchdringenden Strahlen des Göttlichen bündelt und das Feuer göttlicher Erleuchtung im spirituellen Sucher entzündet.

Gott ist im Abbild eingeschlossen. Von hier aus wird Er dich auf eine ganz besondere Weise beschützen. Das Bildnis wird Wunder vollbringen. Der Ort, an dem es steht, wird zum Tempel, ja sogar zu Vaikunta (himmlische Wohnstätte oder Ebene Vishnus) oder Kailash (Wohnstätte Shivas). Wer an einem solchen Ort lebt, wird frei von Leid, Krankheit, Fehlschlägen, ja sogar von der Weltlichkeit. Das im Bildnis erweckte Göttliche ist wie ein Schutzengel, der alle segnet und seinen Verehrern höchstes Gut verleiht.

Das Bildnis – reines Bewusstsein

Das Abbild ist nur ein Symbol des Göttlichen. Für den Verehrer ist es kein Steinblock oder ein Klumpen Metall, sondern eine Verkörperung Gottes. Er sieht die dem Bildnis innewohnende Gegenwart Gottes. Alle 63 Nayanar-Heiligen144 in Südindien erreichten die Gottesverwirklichung durch die Verehrung des ShivaLingams145 als Symbol für Shiva. Für den Verehrer ist das Symbol eine geballte Masse von Bewusstsein, von dem er Inspiration und Führung bekommt. Es spricht zu ihm und nimmt menschliche Gestalt an, um ihm auf vielfältige Weise zu helfen.

Die Shiva-Statue im Tempel vom Madura in Südindien half einem Holzfäller und einer alten Frau. Die Statue im Tempel von Tirupati nahm menschliche Gestalt an und trat als Zeuge vor Gericht auf, um den Verehrern zu helfen. Das sind Wunder und Geheimnisse, die nur Verehrer verstehen.

144. Besonders berühmte selbstverwirklichte Shiva-Anhänger, die sich durch große Verehrung Shivas auszeichneten.
145 Shiva = Gott der Zerstörung und des Wandels; Lingam: Symbol für Shiva, meist oval, auch Fruchtbarkeitssymbol.

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Wenn Bildnisse lebendig werden

Für einen Gottesverehrer oder Weisen gibt es so etwas wie unbelebte Materie nicht. Alles ist Bewusstsein. Der Verehrer sieht Gott tatsächlich im Bildnis. Narsi Mehta146 wurde vom König einem Test unterzogen. Der König sagte: „O Narsi! Wenn du ein wahrer, tiefer Verehrer Krishnas bist, wenn, wie du sagst, diese Statue Krishna selbst ist, dann mache, dass sie sich bewegt.“ Narsi Mehta betete inbrünstig und die Statue bewegte sich tatsächlich.

Eine Statue von Nandi (der Stier, das Reittier Shivas), die vor dem Bildnis Shivas stand, nahm das Essen, das Tulsidas147 ihr darbrachte. Eine Krishna-Statue spielte mit Mirabai148. Für sie war die Statue voller Leben und Bewusstsein.

Als Appayya Dikshita149 zum Tirupati-Tempel in Südindien kam, verweigerten ihm die Vaishnavas (Vishnu-Verehrer) den Zutritt150. Am nächsten Morgen stellten sie fest, dass sich die Vishnustatue im Tempel in eine Shivastatue verwandelt hatte. Der Priester erschrak und wunderte sich sehr. Er entschuldigte sich bei Appayya Dikshita und bat ihn, die Statue wieder in Vishnu zurückzuverwandeln.

Kanaka Das
aus Udipi, Bezirk Kunara, Südindien, war ein großer Krishna-Verehrer. Aufgrund seiner niederen Geburt151 durfte er den Tempel nicht betreten. Kanaka Das ging um den Tempel herum und sah auf der Rückseite ein schmales Fenster. Er setzte sich vor das Fenster. In völliger Versunkenheit sang er Lieder zu Ehren Krishnas. Angezogen von seinem melodischen Gesang und seiner tiefen Hingabe versammelten sich viele Menschen um ihn. Die Krishnastatue im Tempel drehte sich um, damit Kanaka Das sie sehen konnte. Noch heute wird Pilgern das Fenster und der Platz gezeigt, an dem Kanaka Das saß und sang.

Das Bildnis ist dasselbe wie Gott, denn es ist ein Mittler für den Ausdruck des im jeweiligen Namen (Mantra) Gottes eingeschlossenen Gottesbewusstseins. Man sollte die Statue im Tempel mit derselben inneren Haltung von Hochachtung und Ehrerbietung betrachten, die man zeigen würde, wenn Gott selbst vor einem stünde und zu einem spräche.

146. Heiliger und Krishna-Verehrer aus Gujarat, 1414-1481, Sänger und Verfasser berühmter Hymnen.
147. Bedeutender indischer Dichter und Heiliger, 1532-1623
148. Ind. Königin, die später eine große Heilige und mystische Dichterin wurde, 1547-1614
149. Südind. Heiliger, Gelehrter und Schriftsteller des 16. Jh.
150. Der Gelehrte war Shiva-Verehrer.
151. d.h. als Kastenloser

Vedanta und Verehrung von Bildnissen

Ein Pseudo-Vedantin (Vertreter der Vedanta-Philosophie) schämt sich, sich vor einer Statue im Tempel zu verneigen. Er meint, sein Advaita (Bewusstsein der Einheit) schwindet, wenn er sich verneigt. Studiere das Leben der berühmten tamilischen Heiligen – Appar, Sundarar, Sambadhar und andere. Sie alle hatten die höchste Erfahrung von Advaita, Einheit. Sie sahen Shiva in allem. Trotzdem besuchten sie den Tempel, verneigten sich vor der Statue und sangen Hymnen, die bis heute überliefert sind. Die dreiund sechzig Nayanar-Heiligen übten keine andere spirituelle Praxis als Verehrungsrituale von Shiva-Idolen und erreichten so das Gottesbewusstsein. Sie reinigten den Boden des Tempels, sammelten Blumen, fertigten Girlan den für die Statuen an und stellten Kerzen in den Tempel. Sie waren Analphabeten und erreichten dennoch die höchste Verwirklichung. Sie lebten im yogischen Sinn. Ihr Herz war erfüllt von reiner Demut. Sie waren Verkörperungen von Karma-Yoga, selbstlosem Dienen und praktizierten ganzheitlichen Yoga152. Das Symbol Shivas war für sie reines Bewusstsein, nicht nur ein Steinblock.

Madhusudana Swami
, der die Einheitserfahrung verwirklicht hatte und ständig im Bewusstsein der Einheit mit der ganzen Schöpfung lebte, verehrte inständig ein Bildnis Krishnas mit der Flöte in der Hand.

Tulsidas
153 erkannte seine Einheit mit der alldurchdringenden Essenz. Er hatte universelles Bewusstsein und war eins mit dem alldurchdringenden gestaltlosen Gott. Dennoch liebte er weiterhin leidenschaftlich das Bildnis Ramas mit dem Bogen in der Hand. Als er einmal in Vrindavan (Ort, an dem Krishna aufwuchs) war und die Krishnastatue mit der Flöte sah, sagte er: „Vor dieser Form verneige ich mich nicht.“ Auf einmal nahm die Krishnastatue die Gestalt Ramas an. Erst dann verneigte er sich.

Tukaram
(Dichter und Heiliger in Westindien, 1608-1649) hatte dieselbe kosmische Erfahrung wie Tulsidas. In einem seiner Lieder sagt er: „Ich sehe meinen Gott alles durchdringen, so wie das Zuckerrohr ganz von Süße durchdrungen ist“. Dennoch spricht er auch immer von der Statue Vittalas154 in Pandharpur, wo Krishna mit den Händen auf die Hüften gestützt dargestellt ist. Auch Mirabai erfuhr ihre Einheit mit dem alles durchdringenden Krishna und wiederholte dennoch wieder und wieder: „Mein Giridhar Nagar155!“

Aus dem oben Gesagten geht eindeutig hervor, dass man Gott durch Verehrung Seines Bildnisses verwirklichen kann, dass das Bildnis eine große Hilfe ist bei der Erkenntnis Gottes in Seinem alldurchdringenden formlosen Aspekt, dass die Verehrung von Bildnissen am Anfang sehr wichtig ist zur Entwicklung von Konzentration und Meditation, und dass eine solche Verehrung in keinster Weise ein Hindernis auf dem Weg zur Gottverwirklichung darstellt.

Wer vehement gegen die äußere Verehrung von Symbolen ist, weiß nicht, was Verehrung wirklich bedeutet. Viele Menschen lassen sich auf unnötige, eitle Debatten und Diskussionen gegen Verehrungsrituale ein, um zu zeigen, wie gebildet sie sind. Sie üben nicht wirklich spirituelle Praktiken (Sadhana). Oft haben sie das Diskutieren zu ihrer Gewohnheit und ihrem Beruf gemacht und schaden sich selbst damit. Außerdem stiften sie Verwirrung bei anderen Menschen.

Der Geist wird am Anfang diszipliniert, indem man ihn auf einen konkreten Gegenstand, ein Symbol, richtet. Wenn er dann beständig und fein geworden ist, kann er auf einen abstrakten Begriff wie Aham Brahma Asmi („Ich bin Brahman, das Absolute“) gerichtet werden. Wenn man in der Meditation fortschreitet, löst sich die konkrete Form im Formlosen auf und man wird eins mit der gestaltlosen Substanz. Äußerliche Verehrung steht deshalb nicht im Widerspruch zu der Sichtweise des Vedanta (Philosophie der Einheit). Sie ist vielmehr eine Hilfe zur höchsten vedantischen Einheitsverwirklichung.

152. D.h., sie spiritualisierten ihr ganzes Leben und integrierten die verschiedenen Yogawege.
153. Ind. Heiliger und Dichter, 1532-1623; großer Verehrer Ramas; schrieb das Ramcaritmanas, eine
Bearbeitung des Ramayana, der Geschichte Ramas.
154. Ein Name für Krishna in seiner Erscheinungsform in der Stadt Pandharpur.
155. Name für Krishna, wörtlich „Träger des Berges mit der Stadt“.

Schluss

Die Verehrung von Bildnissen ist der Anfang von Religiosität, mit Sicherheit nicht das Ende. Dieselben Hindu-Schriften, die die Verehrung von Statuen usw. für Anfänger vorschreiben, sprechen auch über die Meditation auf das Unbegrenzte, das Absolute und Kontemplation über die Bedeutung von Tat Twam Asi („Das bist du“, d.h., du bist in allem, alles ist dieselbe göttliche Essenz) für fortgeschrittene Aspiranten.

Es gibt verschiedene Grade der Verehrung. Die höchste Stufe ist die Selbstverwirklichung. Davor kommt Meditation auf das höchste Selbst. Die dritte Stufe darunter ist die Verehrung eines Symbols, die vierte die Durchführung von Ritualen und Pilgerreisen zu heiligen Stätten. Die Shastras (heilige Schriften) sind wie eine gütige Mutter. Sie nehmen die Aspiranten an die Hand und führen sie von Stufe zu Stufe, bis sie im höchsten überbewussten Zustand verankert sind. Ruhm und Ehre den alten Rishis (Sehern), welche die Aspiranten von den niedrigen zu den höheren Formen der Verehrung geleiten!

Geliebte Kinder Gottes! Schüttelt euren unwissenden Unglauben jetzt ab. Erfüllt euer Herz jetzt, in diesem Augenblick, mit höchstem unerschütterlichem lebendigen Glauben. Ruft die ruhmreichen Beispiele der Heiligen aus der Vergangenheit zurück in euer Gedächtnis. Sie hatten festen Glauben und ernteten reiche spirituelle Früchte. Auch du kannst dich im Leben an großem Frieden, Glück und Wohlstand erfreuen und Ihn hier und jetzt erreichen, wenn du Vertrauen in die Verehrung von Bildnissen hast.

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