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Tantra Geschichte in der Sichtweise vieler Indologen

Manchmal liest man in Büchern über indische Philosophie Folgendes: Die Ursprünge indischer Philosophie und des Hinduismus entstanden durch die Begegnung der arischen Einwanderer mit den indischen Ureinwohnern (Drawiden) im Rahmen der Eroberung der Indus- und Gangesebene 1500–800 v. Chr. Dabei entstand zunächst die vedische Religion, in der Götter wie Indra, Agni, Varuna wichtig waren. Daraus entwickelten sich dann etwa 800–200 v. Chr. die Upanishaden, welche die Hochphilosophie des Vedanta enthalten. Vedanta beschreibt die Einheit von der Seele im Menschen (Atman) mit der Weltenseele (Brahman) und sieht die manifeste Welt als Täuschung (Maya) an. Da diese Hochphilosophie für das einfache Volk nicht zu verstehen war, bekamen die Brahmanen, die Priester, immer größere Macht. Sie ließen Religion und Philosophie in Ritualen und Vorschriften erstarren und betonten dabei die Leidhaftigkeit und Illusion dieser Welt.

Rad der ZeitAls Gegenbewegung entstanden dann die Volksreligionen des Shaivismus, Vaishnavismus und Tantrismus, welche als höchste Gottheit Shiva, Vishnu beziehungsweise Shakti / Devi verehrten. Besonders der Tantrismus war dabei sehr viel diesseitsorientierter, körperbejahender, genussfreudiger und bedurfte nicht mehr der Vermittlung durch Priester. Zwischen dem 2. und 8. Jh. n.Chr. entstanden Schriften, die „Agamas“ beziehungsweise „Tantras“ genannt wurden. Im indischen Mittelalter folgte die Blütezeit des Tantrismus, welcher dann auch die brahmanische Hochreligion durchdrang.  Diese geschichtliche Einschätzung wird in ähnlicher Form von den meisten deutschen Indologen geteilt. (z.B. Helmuth von Glasenapp: Indische Geisteswelt, Wiesbaden o.J.).

Zweifel an der Geschichtsvorstellung vieler Indologen

Nichts ist in Indien so einfach, wie es auf ersten Blick erscheint. Erstens gibt es begründete Zweifel, dass es tatsächlich ab 1500 v. Chr. überhaupt eine indogermanische arische Einwanderung gab. Georg Feuerstein beispielsweise (im Buch „The Yoga Tradition“ beziehungsweise „In Search of the Cradle of Civilisation: New Light on Ancient India“) schreibt, dass vieles dafür spricht, dass die vedische Kultur im 4. Jahrtausend v. Chr. ihre Blütezeit hatte und die Arier gar nicht von außen eingewandert sind. Zweitens findet man an Fundorten der Induskultur aus dem vierten und dritten vorchristlichen Jahrtausend diverse Funde mit tantrischer Symbolik. Drittens war die Religion des Brahmanismus nicht jenseitsorientiert, sondern erstaunlich diesseitsorientiert. Es wurden vier Purusharthas formuliert, vier Bestrebungen, die es wert sind, verfolgt zu werden, und die sich nicht gegenseitig ausschließen: (1) Kama – Sinnesgenuss, (2) Artha – Wohlstand, Anerkennung, (3) Dharma – seine Pflicht für andere tun und seine Talente zum Wohl anderer einsetzen, (4) Moksha – Befreiung. Der „klassische“ Hinduismus-Brahmanismus war sehr viel diesseitsorientierter als beispielsweise das Christentum, wie man aus der Vielzahl brahmanischer Schriften unschwer erkennen kann. Viertens ist Tantra gar nicht notwendigerweise so viel diesseitsorientierter. Im Tantrismus gibt es sogar ganze Mönchstraditionen.

Tantra ist uralt

Es spricht einiges für folgende Sichtweise zur Geschichte des Tantra: Seit Urzeiten gab es in Indien gleichzeitig diverse spirituelle und religiöse Richtungen, welche sich gegenseitig beeinflussten, befruchteten und dann wieder voneinander abgrenzten. 

ShivaTantrismus war dabei mit der Verehrung der Muttergottheit und damit der Kosmischen Energie verbunden. Zwar haben die Tantriker erst in den nachchristlichen Jahrhunderten eigene Schriften verfasst, aber man findet schon zu Zeiten der Induskulter (4. bis 3. Jt. v. Chr.) die Symbole des Tantras wie Muttergöttinnen und Darstellungen von Shiva in Meditation und als Shivalingam. In den klassischen Schriften (den Veden, den Puranas und den Itihasas wie Ramayana und Mahabharata) gibt es zahllose Hinweise auf Tapaswins (Asketen), die Atemübungen und andere Energieübungen praktizierten und die Göttin verehrten. 

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Spirituelle Traditionen im indischen Mittelalter

Gerade im späteren indischen Mittelalter, als Indien unter Fremdherrschaft diverser moslemischer Steppenvölker geriet, wurde die vorherrschende brahmanische Religion von den Regierenden unterdrückt und die Volksreligionen wurden stärker, befruchteten und vermischten sich untereinander mit dem Brahmanismus und dem Vedanta. Heutzutage lehren die meisten Yoga-Meister zum einen die Philosophie der Einheit im Sinne des Vedanta, zum anderen aber auch tantrische Praktiken wie Hatha- und Mantra-Yoga und verbinden das mit Raja-, Bhakti- und Karma-Yoga. So machten es auch meine Meister Swami Sivananda und Swami Vishnu-devananda, und so lehren wir es auch bei Yoga Vidya. Letztlich sind die verschiedenen Systeme nicht als historische Entwicklungen zu verstehen, sondern als verschiedene Aspekte des gleichen umfassenden ganzheitlichen Yoga.

Tantra war schon immer religionsübergreifend

Tantra war in Indien religionsübergreifend. Es gibt hinduistisches Tantra, buddhistisches Tantra (beispielsweise den tibetischen Buddhismus), sikkhistisches Tantra, tantrische Einflüsse im indischen islamischen Sufismus, im mittelalterlichen nestorianischen Christentum und sogar im chinesischen Taoismus. Die Namen für die Göttin, die Kosmische Energie, können dabei variieren. Der Name für das Bewusstsein kann variieren. Die tantrischen Techniken können mit Ritualen und Gepflogenheiten der verschiedenen Religionen verbunden werden oder auch von ihnen gelöst sein. Auch die Techniken selbst können verschieden sein. Für den Tantriker sind Namen und Gebräuche weniger bedeutend, und Techniken sind Mittel zum Zweck. Schlüssel zum Tantrismus ist letztlich „Erfahrung“. Es geht darum, das Göttliche zu erfahren, und zwar noch in diesem Leben, im Hier und Jetzt.

KundaliniDazu werden die Energien aktiviert, dafür werden die Chakras geöffnet. Und wenn die Kundalini erwacht, führt sie einen unabhängig von den religiösen Überzeugungen zur Erfahrung der Wahrheit und überwindet die verschiedenen Verhaftungen, Vorurteile und Begrenzungen. So können tantrische Praktiken auch von Menschen im Westen geübt werden, auch wenn Europäer nicht in indischer Religiosität aufgewachsen sind. Vielleicht wird über den Tantrismus wieder die Verbindung zur auch in Europa früher üblichen Verehrung der Muttergöttin hergestellt, die ja im Katholizismus in Gestalt der Marienverehrung ansatzweise überlebt hat, und im Protestantismus vielleicht über den „Heiligen Geist“, der gerade in evangelikalen Erweckungsgemeinden große Bedeutung hat, Eingang gefunden hat.

Neotantra

Eine Sonderstellung nimmt im Westen das „Neotantra“ ein. Ursprünglich inspiriert durch Osho, früher auch Bhagwan beziehungsweise Rajneesh genannt, hat sich dieses Neotantra zu einer Gruppe von Therapien fortentwickelt, die östliche und westliche Elemente miteinander verbinden. Ziele können dabei sein: Entwicklung eines gesunden Zugangs zum eigenen Körper, Zulassen der eigenen Gefühlswelt, Heilung des inneren Kindes, gesunder Umgang mit Sinnlichkeit, Genuss und Sexualität, Entwicklung von Liebesfähigkeit, aber auch spirituelle Entwicklung und Erfahrung. Auf Neotantra will ich im Weiteren nicht eingehen. 

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