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Matri Darshan - Eine Einführung - Teil II


Shri Anandamayi Ma - Ihr ursprünglicher Name lautete Nirmala Sundari Devi - wurde eine Stunde und zwölf Minuten vor Sonnenaufgang am 30.April 1896 im Dorf Kheora, Distrikt Tripura, im heutigen Bangla Desh geboren. Das Stück Land, auf dem sich Ihre Geburtsstätte befindet, ist vor einiger Zeit erworben worden. Als Sie am 17. Mai 1937 nach Kheora kam, zeigte Sie auf dringende Bitten Ihrer Devotees hin die genaue Stelle, an der Ihr Körper erstmals die Erde berührte. Ihr Vater Bepin Behari Bhattacharji stammte aus der Familie der berühmten Kashyapa Brahmanas aus dem Dorf Vidyakut im gleichen Distrikt. Seine Jugend hatte er im Haus seines Onkels mütterlicherseits verbracht. Sowohl Ma‘s Vater als auch Ihre Mutter, Sm. Mokshada Sundari Devi, hatten ein sehr freundliches, liebevolles Wesen. Ihre Hingabe an Gott, Ihre Einfachheit und ihr mitmenschliches Verhalten waren fast ideal zu nennen.
      Die Familie der Mutter in Sultanpur, Tripura, stand seit alten Zeiten in sehr hohem sozialen Ansehen und hatte viele gelehrte Pandits[06] und Devotees[07] hervorgebracht. Es wird berichtet, dass eine fromme Frau jener Familie einst fröhlich Hymnen singend den Scheiterhaufen ihres Gatten bestieg[08].

Im Alter von zwölf Jahren und zehn Monaten wurde Ma mit Shrijut Ramani Mohan Chakravarti aus dem Dorf Atpara in Vikrampur verheiratet. Er gehörte zur bekannten Bharadwaj-Brahmanenfamilie jenes Dorfes. Sein Leben war dem Wohlergehen der Menschen gewidmet. Später wurde er Bholanath, Rama Pagla oder Pitaji genannt.
Ma‘s Kindheit verlief unbeachtet in den Dörfern Kheora und Sultanpur. Nach Ihrer Hochzeit verbrachte Sie einige Zeit in Shripur und Narundi, wo der ältere Bruder von Bholanath arbeitete. Einige Monate lebte Sie auch im Hause Ihres Mannes in Atpara. Bevor Sie nach Dhaka kam, hatte Sie etwa drei Jahre in Vidyakut und ungefähr sechs Jahre in Bajitpur zusammen mit Bholanath verbracht.
      In Ashtagram äußerte sich erstmals Ma‘s Neigung zu Kirtan[09] in auffallender Weise. In Bajitpur bemerkte man diese Neigung nur gelegentlich. Das herausragende Merkmal Ihres Wesens während jener Zeit war jedoch die natürliche Manifestation von Mantren und Yogaübungen. Als Sie 1924 nach Shahbag in Dhaka kam, befand Sie sich im Zustand des Schweigens. Tiefer Friede und Stille wurden zum allesdurchdringenden Wesenszug Ihres Lebens. Es ist unmöglich, die Intensität dieses Zustandes in Worten zu beschreiben. Was für ein Wechselspiel ekstatischer Zustände und Manifestationen offenbarte sich damals in allen Situationen Ihres Lebens!

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Zu jener Zeit begannen sich Devotees um Sie zu sammeln. Viele von ihnen kamen zu Pujas, Kirtan und Yajñas[10]. Es ist schwer zu beschreiben, wie ihre Herzen in Ma‘s Gegenwart in Frieden und Glückseligkeit eintauchten.
      Alle Leute pflegten Sie die „Mutter vom Shahbag Garten“ zu nennen und brachten ihre Freude darüber zum Ausdruck, noch nie zuvor einen solchen Reichtum an Ma‘s Gnade empfangen zu haben.
      Während der Zeit in Bajitpur war Ma die gesamte Geschichte des Siddheshvari Kali - Tempels in Dhaka innerlich offenbart worden[11]. Als Sie in Shahbag lebte, arbeitete Rai Bahadur Pran Gopal Mukherji als Postdirektor in Dhaka. Er und Shri Baul Chandra Basak fanden Mittel und Wege zur Erhaltung des Siddheshvari Tempels.
      Als ich Ma zum ersten Mal begegnete, gab Sie mir einen Hinweis mit den Worten: „Dein Verlangen nach einem spirituellen Leben ist noch nicht stark genug.“

Aber für jemanden, der von dem Ungestüm weltlicher Begierden hin- und hergerissen wird, war ein solches Streben nach höherem Leben nicht möglich, es sei denn, man lernte es, all die unkontrollierten Gefühlswallungen und Impulse Ihr zu Füßen darzubringen. Im Innersten meines Herzens betete ich immer leise: „Oh Mutter, Du manifestierst Dich als Hunger in jedem Wesen[12], erwecke in mir den wahren Hunger nach allem, was unwandelbar und ewig ist!“ Wie aber Ma in Ihrer unendlichen Barmherzigkeit meinen ständig schwankenden Geist auf Ihre alldurchdringende Gegenwart lenkte, sei im folgenden berichtet:
      Eines Nachts ging ich auf dem offenen Balkon meines Hauses auf und ab. Alles um mich herum schimmerte im Mondlicht. Ich bemerkte eine Bewegung neben mir und drehte mich um. Zu meinem Erstaunen sah ich Ma‘s Gestalt neben mir hergleiten. Sie trug eine rote Bluse und einen Sari, der mit mehreren schmalen, roten Linien gesäumt war. Als ich jedoch den Ashram nur wenige Stunden zuvor verließ, hatte Sie eine weiße Bluse und einen Sari mit nur einem breiten, roten Saum getragen. Dies ließ mich an der Echtheit meiner Vision zweifeln, aber als ich Sie am frühen Morgen aufsuchte, fand ich Sie genau so gekleidet, wie ich es in der Nacht gesehen hatte. Mir wurde gesagt, ein Devotee sei gekommen, nachdem ich den Ashram verlassen hatte, und habe Sie veranlasst, diese Kleider zu tragen. Als ich Ma von meiner Vision erzählte, sagte Sie ganz einfach: „Ich kam, um zu sehen, was du gerade machst.“
      Eines Tages kam Ma zu meinem Haus und unterhielt sich mit uns im ersten Stock, als plötzlich ein Auto eintraf, um Sie zu einem anderen Ort zu bringen. Ich wusste nicht, dass dies bereits vorher arrangiert worden war. Ma machte sich bereit zu fahren, aber es tat mir sehr weh, Sie nach so einem kurzen Besuch schon wieder abfahren zu sehen. Mit traurigem Herzen ging ich die Treppe hinunter, um mich von Ihr zu verabschieden. Sie stieg in den Wagen, aber er sprang nicht an, obwohl der Fahrer startete. Sie blickte mich an, und über Ihr Gesicht ging ein schelmisches Lachen.
      Als alle Bemühungen des Fahrers, den Wagen in Gang zu bekommen, vergeblich blieben, ließ man eine Mietkutsche für Sie kommen. Der Gedanke, dass Ma so eine Kutsche nehmen musste, obwohl ein Wagen bereitstand, war nicht angenehm. Kaum hatte ich das gedacht, begann das Auto zu meiner Überraschung und Freude anzuspringen, und Ma verließ uns!

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Je mehr Menschen von Ma erfuhren, desto größer wurde der Andrang in Shahbag. Einmal konnte ich Sie vier Tage lang nicht treffen. Am Morgen des fünften Tages beschloss ich, zu Ihr zu gehen. Doch dann besann ich mich wieder anders und setzte mich verzweifelt in mein Zimmer. Zu meinem Erstaunen sah ich auf einmal, wie an der gegenüberliegenden Wand Ma‘s vollständige Gestalt erschien wie in einem Film. Sie sah ziemlich traurig aus. Als ich mich umdrehte, stand Sj.  Amulyaratan Chowdhuri neben meinem Stuhl. Er sagte: „Mataji hat einen Wagen geschickt, um dich zu Ihr zu bringen.“ Als ich in Shahbag ankam, sagte Ma: „Ich habe deine Ruhelosigkeit in den letzten Tagen bemerkt. Stille und Frieden können sich nicht einstellen, solange man nicht anfangs eine gewisse Rastlosigkeit im Innern empfindet. Du solltest durch jedes beliebige Mittel Feuer entfachen, sei es mit Butterfett, Sandelholz oder selbst mit einem Strohhalm. Einmal entflammt, brennt das Feuer weiter, und alle Sorgen, Dunkelheit und Trübsal schwinden allmählich. Alle Hindernisse werden zu Asche verbrannt. Du weisst, ein Funke reicht aus, eine Feuersbrunst zu bewirken, die Hunderte von Häusern und sogar Palästen zu Asche verbrennt.“
      Wenn mich mittags im Büro oder inmitten der Nacht in meinem Schlafraum der heftige Wunsch nach Ma‘s Darshan ganz ruhelos machte, erschien Sie sehr oft vor mir und pflegte dann sogleich zu sagen: „Du hast mich gerufen, so bin ich gekommen.“
      Als ich eines Nachmittags aus dem Büro heimkehrte, sagte man mir, eine unbekannte Person habe einen großen Fisch bei mir hinterlassen und gesagt, sie käme bald zurück. Aber niemand erschien. Der Fisch lag auf dem Boden. Nachdem bis Sonnenuntergang niemand gekommen war, wurde er in Stücke geschnitten und zu Ma nach Shahbag gebracht. Als ich am nächsten Morgen dorthin ging, erzählte Pitaji mir: „Gestern abend sagte deine Mutter zu mir: ‚Sieh, Jyotish ist mein Gott‘.“ Ich erkundigte mich näher und erfuhr, dass am Morgen zuvor einige Personen Ma‘s Prasad[13] erhalten hatten; als aber abends viele Leute kamen, um am Kirtan teilzunehmen, wollten sie alle Prasad von Ma bekommen. Es waren jedoch keine Vorräte da. Genau zu der Zeit, als Ma Gewürze zum Kochen vorbereitete, kam mein Diener Khagen mit dem Fisch und anderen notwendigen Zutaten - deshalb Ihre Worte, die Pitaji mir berichtet hatte. „Ich war ziemlich erstaunt“, fügte Bholanath hinzu, „als ich erfuhr, dass ein Unbekannter einen Fisch in dein Haus gebracht hatte und dieser schließlich zusammen mit den Zutaten hergebracht wurde, um die Devotees zufriedenzustellen, die nach Ma‘s Prasad verlangten.“[14]
      Solche Begebenheiten waren zahlreich. Einmal bat ein Mann in Shahbag um etwas Prasad von Ma, doch es war gerade nichts vorhanden. Genau zur gleichen Zeit hatte ich den Impuls, einige Früchte oder Süßigkeiten zu schicken. Als mein Bote mit den Gaben dort eintraf, schien es ihm, als habe Ma bereits darauf gewartet.

Eines Nachts gegen drei Uhr saß ich hellwach auf meinem Bett. Plötzlich ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass Ma anders als sonst, d.h. mit dem Kopf in entgegengesetzter Richtung schlafe. Als ich bei Tagesanbruch zu Ihr kam, fand ich Sie in genau dieser Lage.
      Ich erkundigte mich näher und erfuhr, dass Ma um drei Uhr morgens hinausgegangen war und bei der Rückkehr Ihre Lage zum Schlafen verändert hatte.
      Oft kam es vor, dass ich von meinem eigenen Zimmer oder Schreibtisch im Büro aus genau sehen konnte, was Ma an Ihrem Platz gerade machte. Das geschah ohne jede Willensanstrengung von meiner Seite; manchmal tauchten solche Bilder in meinem Inneren auf, ohne dass ich überhaupt jemals daran gedacht hätte. Bhupen ging regelmäßig jeden Tag nach Shahbag, und durch ihn konnte ich die Echtheit meiner Visionen nachprüfen. Sie stimmten fast immer mit dem, was tatsächlich geschah, überein. Ma pflegte oft zu mir zu sagen: „Deine wahre Heimat ist Shahbag; in dein eigenes Haus gehst du nur zu Besuch.“
      Eines Mittags arbeitete ich an meinem Schreibtisch. Bhupen kam und sagte: „Ma möchte, dass du nach Shahbag kommst. Ich teilte Ihr mit, dass der Direktor der Landwirtschaftsabteilung heute aus seinem Urlaub erstmals wieder ins Büro zurückkommt, aber Ma antwortete: ‚Du brauchst nur die Botschaft an Jyotish zu überbringen, lass ihn tun, was ihm richtig erscheint‘.“

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Ohne einen Moment zu zögern ließ ich alle Papiere verstreut auf meinem  Schreibtisch liegen und begab mich nach Shahbag. Ich sagte niemandem im Büro Bescheid. Als ich ankam, sagte Ma: „Lasst uns zum Siddheshvari Ashram[15] gehen.“  Ich begleitete Ma und Pitaji.
      Es gab dort eine kleine Vertiefung, gerade dort wo jetzt eine kleine Säule und ein Shiva Lingam steht. Ma setzte sich hinein, Ihr lächelndes Gesicht strahlte und überströmende Freude ging von Ihr aus. Ich rief Pitaji zu: „Von heute an wollen wir Ma den Namen ‚Anandamayi‘(d.h. durchdrungen von Glückseligkeit) geben.“ Er sagte sofort: „Ja, so sei es.“ Sie blickte mich nur unverwandt an, ohne ein Wort zu sagen.
      Als wir uns gegen halb sechs nachmittags auf den Rückweg begeben wollten, fragte Sie: „Du warst die ganze Zeit voller Freude, woher kommt es, dass Du jetzt so blass aussiehst?“ Ich antwortete, dass der Gedanke an die Heimkehr mich an die unerledigte Arbeit im Büro erinnert habe. Sie sagte: „Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“ Als ich am nächsten Tag ins Büro kam, sagte der Direktor nichts über meine Abwesenheit.
      Ich fragte Ma, weshalb Sie mich so unerwartet am Tag vorher gerufen habe. Sie sagte: „Um zu prüfen, was für Fortschritte du in diesen paar Monaten gemacht hast.“ Und Sie fügte unter herzlichem Lachen hinzu: „Wenn du nicht gekommen wärst, wer hätte diesem Körper sonst einen Namen gegeben?“

Einmal kam seine Exzellenz, der Gouverneur von Bengalen, nach Dhaka. Der Direktor bat mich, morgens um 9.30 Uhr im Büro zu sein, da er dann gehen wollte, um dem Gouverneur einen Besuch abzustatten. Ich versprach zu kommen. Am nächsten Morgen kehrte ich zu spät von Shahbag zurück, und als ich ins Büro kam, war es bereits 9.50 Uhr. Ich war etwas nervös darüber, wie ich meinem Chef gegenübertreten sollte. Als ich noch darüber nachdachte, kam ein Anruf von ihm aus seinem Bungalow, um mir mitzuteilen, dass sein Auto Schwierigkeiten mache und es ihm leid täte, mir Unannehmlichkeiten zu bereiten: Leider würde er erst um 11 Uhr zum Regierungsgebäude aufbrechen! - Als Ma die Geschichte hörte, sagte Sie lachend: „Ist dir das etwa neu? Erst kürzlich hast du doch das Auto außer Betrieb gesetzt, mit dem ich wegfahren wollte!“

Ein anderes Mal kam Ma zu uns nach Hause. Im Verlauf des Gespräches bemerkte ich beiläufig zu Ihr: „Es scheint, dass für Dich heiß und kalt dasselbe sind, Ma. Würdest Du keinen Schmerz fühlen, wenn ein Stück glühender Kohle auf Deinen Fuß fallen würde?“ Sie antwortete: „Probier es doch aus.“ Ich ging nicht weiter auf den Punkt ein.
      Einige Tage später nahm Ma den Faden unserer vorangegangenen Unterhaltung wieder auf und legte ein Stück glühender Kohle auf Ihren Fuß. Es entstand eine tiefe Brandwunde, die selbst nach einem Monat noch immer nicht verheilte. Ich bereute meine dumme, unüberlegte Idee sehr. Eines Tages traf ich Sie mit ausgestreckten Beinen auf der Veranda sitzend an, während Sie unbewegt in den Himmel blickte. Etwas Eiter hatte sich auf der Wunde gebildet. Ich kniete zu Ihren Füßen nieder und leckte den Eiter mit Zunge und Lippen auf. Vom nächsten Tag an begann die Wunde zu heilen.
      Ich fragte Ma danach, was Sie gefühlt habe, als die glühende Kohle Ihre Haut versengte. Sie antwortete: „Ich verspürte keinerlei Schmerz. Es sah wie ein Vergnügen aus. Mit großer Freude beobachtete ich, was die arme Kohle auf meinem Fuß anrichtete. Ich bemerkte, dass zuerst einige Haare versengten und dann die Haut. Es roch angebrannt, und allmählich verglühte die Kohle, nachdem sie ihr Werk getan hatte. Als sich später eine Wunde bildete, entwickelte sie sich dementsprechend, aber von dem Augenblick an, als du den starken Wunsch verspürtest, dass die Wunde heilen sollte, stellte sich sofort eine Besserung ein.“

Es war im Januar/ Februar, mitten im Winter und bitter kalt. In der frühen Morgendämmerung wanderte ich barfuß mit Ma auf den taubedeckten Wiesen von Ramna. Von weitem sah ich eine Gruppe von Frauen, die auf uns zukam. Sobald sie uns erreichten, würden sie Ma zum Ramna Ashram mitnehmen, dachte ich bei mir. Während diese Gedanken durch meinen Kopf gingen, bedeckte sich das ganze Feld mit sehr dichtem Nebel, und die Frauen waren nicht mehr zu sehen. Als wir nach etwa drei Stunden zum Ashram zurückkehrten, hörten wir, dass sie es aufgegeben hatten, uns zu suchen und enttäuscht umkehren mussten. Die Wiesen waren ziemlich ausgedehnt. Als Ma meine Gedanken erfuhr, sagte Sie:„Dein starker Wunsch wurde erfüllt.“

Einmal war Sie sehr erkältet und musste viel husten. Als ich Sie in so einem elenden Zustand erblickte, flehte ich Sie mit bebender Stimme an: „Ma, mögest Du bald wieder gesund werden!“ Sie betrachtete mich und sagte lächelnd: „Ab morgen wird es mir wieder gut gehen.“ Und so war es auch.

Eines Morgens erfuhr ich, dass Ma Fieber hatte. Ich kehrte nach Hause zurück und betete abends inbrünstig, dass Ihr Fieber in meinen Körper übergehen möge. Gegen Morgen hatte ich Fieber und Kopfschmerzen. Als ich morgens wie gewöhnlich zu Ihr kam, sagte Sie sofort: „Mir geht es gut, aber du hast Fieber. Geh nach Hause zurück, bade und nimm dein normales Essen ein.“ Ich befolgte Ihren Rat und war am Nachmittag gesund.
      Ma sagte immer: „Wenn das Denken rein und zielgerichtet ist, wird alles möglich.“

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Ein Buch namens „Sadhu Jivani“ (Heiligenleben) fiel in meine Hände. Darin stand folgender Satz: „Ein Heiliger pflegte seinen Devotees zu empfehlen, die Armen stets gut zu verpflegen.“ Ich schrieb daraufhin folgende Bemerkung an den Rand: „Nahrung allein befriedigt die menschliche Seele nicht.“ Das Buch wurde auch zu Ma nach Shahbag gebracht, und einer Ihrer Devotees las meine Anmerkung vor. Ma sagte nichts. Ein paar Tage später ging ich ziemlich früh morgens nach Shahbag. Zur selben Zeit traf ein anderer Mann ein. Er benahm sich wie ein Verrückter und sagte: „Gebt mir zu essen oder ich sterbe vor Hunger!“ Ma durchsuchte die Küche und gab dem Mann alles, was Sie in dem Moment finden konnte. Er wollte Wasser zu trinken, und Ma wies mich an, ihm etwas zu geben. Ich erfuhr, dass der Mann ein Moslem war, der drei Tage lang nichts gegessen hatte und über den Zaun ins Ashramgelände geklettert war. Ma sagte mir, er sei gekommen, um mir eine Lehre zu erteilen und mir zu zeigen, wie wirksam es sei, jemandem Speise und Trank zu geben, der sie wirklich braucht. Alles hat seine Berechtigung zu seiner Zeit und am richtigen Ort. Nichts ist im göttlichen Plan ohne Sinn.

Eines Tages sagte ich zu Ma: „Ma, die ganze letzte Zeit erklingt ein ununterbrochener Strom von Mantras in mir. Tag und Nacht fließt der Strom dieser Klänge so natürlich aus meinem Herzen wie ein sprudelnder Quell.“ Bei diesen Worten lauerte ein winziger Beigeschmack persönlicher Befriedigung im innersten Winkel meines Herzens. Ma sah mich an, sagte aber nichts dazu. Als ich nach Hause zurückkam, hörte der Klang auf, und all meine Anstrengungen konnten ihn nicht mehr zum Leben erwecken. Der Tag verging und die Nacht schleppte sich dahin, aber der freudige Strom der mantrischen Melodie konnte nicht wiederhergestellt werden. Am nächsten Morgen bat ich Bhupen, Ma von meinem traurigen Zustand zu erzählen. Bhupen traf Ma auf dem Wege zum Haus eines Devotees in einer Kutsche. Sie fing an zu lachen. Es war genau zehn Uhr. Im selben Moment stellte ich fest, dass der zum Stillstand gekommene Klangstrom wieder mit seiner vorherigen Leichtigkeit in meinem Innern zu fließen begann. Später erfuhr ich von Bhupen, zu welchem Zeitpunkt er Ma genau getroffen hatte. - In diesem Zusammenhang hat Ma einmal bemerkt, dass selbst die geringste Spur von Ichheit den Fortschritt auf dem spirituellen Weg hemmt.

Im folgenden gebe ich ein anderes Beispiel, wie schnell Ma‘s gütiger Einfluss das Wachstum unseres inneren Lebens vorantreibt. Leider erkennen wir den Wert Ihres Einflusses zu wenig und nutzen ihn nicht für unseren spirituellen Fortschritt. Wenn die anfängliche Begeisterung vorbei ist, fallen wir wieder in unseren früheren Zustand zurück.
      Einmal sagte Ma lachend: „Wenn du göttliche Namen oder Mantras singst, wird dein Bewusstsein allmählich gereinigt. Liebe und Verehrung für das Höchste erwachen, und dein Denken wird verfeinert und geläutert. Dann erhältst du Einblicke in höhere Seinsebenen, was dir weiteren Fortschritt ermöglicht.“
      An dem Tag, als ich diese Worte gehört hatte, saß ich abends in einem verlassenen Winkel meines Hauses im Gebet. Zu meinem Erstaunen spürte ich eine ganz neue Freude bei dem Strom der sich wiederholenden göttlichen Namen. Sie setzten sich ohne Pause fort. Schlaf kam, und sobald ich aufwachte, durchdrangen jene freudigen Wellen erneut mein Inneres. Am nächsten Tag waren dieselben freudigen Schwingungen unterschwellig selbst während des Drucks der Büroroutine da. Als ich mich bei Einbruch der Dunkelheit zum Beten setzte, erfüllte die Glückseligkeit des vorhergehenden Abends mein Herz so sehr, dass überhaupt keine Neigung zum Schlafen bestand. Mitten in der Nacht war der Strom des Mantras so intensiv, dass ich das Gefühl hatte, es wäre erholsam, wenn es eine Pause gäbe. Aber es wiederholte sich von selbst immer weiter. Ich hatte zuvor nie geübt, in der Gomukhi-Haltung zu sitzen. In den frühen Morgenstunden noch vor der Dämmerung stellte ich fest, dass ich mich in dieser Lage befand. Während jener Stunden waren Körper und Geist in ein Meer unaussprechlicher Freude getaucht. Tränen strömten unaufhörlich aus meinen Augen. Die ganze Zeit verbrachte ich reglos in ununterbrochner Meditation und völliger Versunkenheit.

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In jenen frühen Tagen meiner Hingabe an Ma saß ich eines Morgens still da. Mein Herz war tief ergriffen von Ihrer göttlicher Gnade. Ein Lied in Bengali formte sich aus meinem Innern, dessen Übersetzung wie folgt lautet:

Mögen Deine Verehrung und Dein Lobpreis
die ewige Erquickung meines Lebens sein!

Lass mein Leben überfließen
mit Liedern Deiner Anbetung
und dem Gedenken Deiner göttlichen Gnade!

Im weiten Himmel, Mutter,
werde ich Dich mit sehnsüchtigen Augen erblicken.

Ich werde keine Gunst erbitten und kein Wort sagen,
nur mich Dir zu Füßen legen
mit Tränen der Glückseligkeit.

Ich werde in der endlosen Weite
Deines Himmels wandeln
und Lieder Deines Ruhms wie Blumen ausstreuen.

Ich werde mich in Deine Seligkeit versenken,
Deine heiligen Namen singen
und ihren Widerhall in aller Welt verbreiten.

Mit all meinen Handlungen
und frommen Gedanken verehre ich Dich.

Oh Ma, gib mir Hingabe und festen Glauben,
auf dass ich Deine Füße zum rettenden Anker
meines Lebens machen möge.

Ich nannte es „Das Lied eines Verrückten“ und schickte Ma eine gedruckte Kopie davon zu. Später erfuhr ich, dass Sie gerade dabei war, einen Kürbis mit einem großen Messer zurechtzuschneiden, als Ihr das Lied überbracht wurde. Während Ihr der Gesang vorgetragen wurde, fiel der Kürbis aus Ihrer Hand, und Sie saß einige Zeit unbeweglich da.
      Als ich Sie später traf, sagte Sie: „Die Welt ist die Verkörperung von Bhava oder göttlicher Liebe. Alles Geschaffene ist der materielle Ausdruck dieser Liebe. Kannst du dich einmal zur Ebene dieser göttlichen Liebe erheben, so wirst du in allem auf der Welt nur das Spiel des EINEN erkennen. Wenn der Mensch sich von jener göttlichen Liebe absondert, irrt er im Dunkel und versäumt das eigentliche Ziel des Lebens.“
      Einige Tage später, als wir alle beim Siddheshvari Ashram saßen, sagte Ma: „Sing doch einmal dein,Paglar Gan‘ (Lied eines Verrückten‘).“ Ich hatte seit langem aufgehört, Lieder zu singen. Außerdem waren viele Leute anwesend und ich zögerte. Ma lachte und meinte: „Du hast nur das Lied eines Verrückten‘ komponiert, aber du bist noch nicht verrückt genug, die Kritik der Welt zu ignorieren.“ Diese Worten trafen tief in mein Inneres, und mit zitterndem Herzen und bebender Stimme sang ich schließlich.

Ich verfasste viele solcher Lieder und opferte sie zu Ihren Füßen. Sie drückte Ihre Freude über einige aus, andere nahm Sie mit stummer Billigung zur Kenntnis. Wenn Ma fern von Dhaka war und ich meine Abendgebete oder langen, mitternächtlichen Meditationen verrichtete, strömten oft solche Lieder aus meinem Herzen. Dann konnte ich sehen, wie Ma‘s Gestalt unbeweglich vor mir stand und meinen verzückten Liedern lauschte. Wenn Sie von Ihren Reisen nach Dhaka zurückkehrte, forderte Sie mich oft auf, bestimmte Lieder zu wiederholen, die ich verschiedentlich in meinem eigenen Zimmer gesungen hatte. Es war wirklich seltsam, dass Sie sogar solche Lieder nennen konnte, die Ihr vorher nie mitgeteilt worden waren.
      Meine intensive Sehnsucht, bei Ma zu sein, trug mich manchmal in Sphären der Unendlichkeit. Die Lieder, die ich während jener Zeit komponierte, wurden in dem Bändchen „Shri Charane“ („Zu Deinen Heiligen Füßen“) veröffentlicht. Abgesehen von jenen Gesängen gab es noch unzählige Lieder, Gedichte und Skizzen, die ich über Ma schrieb, aber später zerriss. Als Ma davon erfuhr, sagte Sie: „Nicht nur in diesem Leben, sondern auch in vielen deiner früheren Leben hast du unzählige solche Hymnen für mich komponiert und wieder vernichtet. Aber wisse das sicher: Nach all diesen Wirren ist dies dein letztes Leben auf Erden.“
      Inspiriert durch Ma‘s allumfassende Liebe wurde eine Sehnsucht nach göttlichem Leben in mir erweckt. Meine Sinne jedoch verlangten nach oberflächlichen Vergnügungen, anstatt nach höherer, verfeinerter und stärkender spiritueller Nahrung. In einer Abhandlung der Vaishnava-Philosophie lesen wir: „Der Mensch, der nach materiellen Sinnesobjekten verlangt, um dem Genuss von Zunge, Magen und Geschlecht zu frönen, kann Lord Krishna nicht finden.“ Genauso verhielt es sich mit mir. Ma‘s grenzenlose Gnade und Zuneigung konnte mich nicht in allen Augenblicken meines Lebens und in all meinen Gedanken fest an Ihre Lotosfüße binden. Für einen Menschen, der in den Netzen der Täuschung (Avidya) befangen ist, ist es wirklich schwierig, immerwährenden Frieden im Göttlichen zu finden.
      Eines Tages sagte ich zu Ma: „Sogar ein Stein hätte sich durch eine so heilige Berührung wie die Deinige schon in Gold verwandelt, aber mein Leben hat sich als trauriger Fehlschlag erwiesen.“
      Sie antwortete: „Was lange braucht, um zu entstehen, reift nach einer ähnlich langen Entwicklung zu dauerhafter Schönheit heran. Was machst du dir darüber soviel Sorgen? Halte wie ein Kind vertrauensvoll an der Hand fest, die dich führt.“ Ich lauschte Ihren reinigenden Worten der Ermutigung mit allem Eifer, und doch fühlte ich eine brennende Trockenheit, die mein ganzes Wesen überschattete. Folgende Begebenheit mag zeigen, wie Ihr durchdringender Blick jedoch stets über all meine Kämpfe wachte.
      Als ich Ma‘s Gegenwart mit dem Gefühl tiefer Hingabe täglich aufzusuchen begann, mangelte es nicht an Menschen, die unwürdige Verdächtigungen hinsichtlich meines Benehmens verbreiteten. Ihre abfälligen Bemerkungen ließen mich zweifeln, und ich begann zu meinen, dass es nur eine gewöhnliche menschliche Schwäche ist, diesen oder jenen Menschen zur spirituellen Erbauung aufzusuchen. So hörte ich auf, zu Ma zu gehen, da mein Geist vom Einfluss der Kritik hin und hergerissen wurde. Ich beschloss stattdessen, das „Yoga Vashishtha“[16] zu lesen und mein inneres Leben durch die Kultivierung des Intellekts zu entwickeln. Sieben oder acht Tage lang widmete ich mich dem intensiven Studium dieses Buches.
      Eines Nachmittags, als ich zuhause war und mich gerade ausruhte, meldete mir mein Diener, ein alter Brahmane namens Babu Kalikumar Mukherji, wünsche mich für fünf Minuten zu sprechen. Als ich ihn hereinkommen ließ, sagte er mir, er habe vergeblich das Haus meines Freundes Niranjan Roy und auch das Haus von Dr. Shashanka Mohan Mukherji‘[17] aufgesucht, diese jedoch nicht angetroffen. Deshalb sei er nun mit seinem Anliegen zu mir gekommen. Er erklärte: „Ich habe gehört, dass Sie ein großer Devotee von Shri Anandamayi Ma sind. Können Sie mir sagen, wie Ma ist und was Ihre besonderen Eigenschaften sind?“ Bei diesen Worten brachte ich kein Wort heraus, und meine Augen füllten sich mit Tränen. Daraufhin sagte er: „Ich habe Antwort auf meine Fragen erhalten. Aber bitte sagen Sie mir den Grund für die Tränen in Ihren Augen?“
      „Ich war die ganzen Tage mit anderen Dingen beschäftigt“, sagte ich, „um alle Gedanken an Ma zu verdrängen, und Sie sind ausgerechnet zu mir gekommen, um Fragen über Sie zu stellen. Beschämt und voller Reue muss ich gesenkten Hauptes dastehen. Wie wunderbar sind Ma‘s Wege! Durch Ihren Einfluss allein wurden Sie mir gerade rechtzeitig geschickt, um mich wieder an meine wahre innere Stimme zu erinnern. Dafür habe ich Ihnen wirklich zu danken.“
      Dann sagte er zu mir: „Bitte nehmen Sie mich mit zu Ma.“ Nachdem er Sie getroffen hatte, meinte er: „Auch ich verlor meine Mutter vor langer Zeit, aber als ich Mataji begegnete, schwand mein Kummer über den Tod meiner Mutter ganz und gar.“
      Ich erzählte Ma alles, was in mir vorgegangen war und weinte zu Ihren Füßen. Sie fing an zu lachen und sprach: „Wenn man heutzutage nicht gezwungen wird, einem bestimmten Pfad zu folgen, kann man nicht vorankommen.“

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