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5. Kapitel Guru Purnima

Der Vollmondtag des Monats Ashad (Juli/August) ist der besonders gesegnete heilige Guru Purnima-Tag, der Tag der besonderen Verehrung des spirituellen Lehrers 24. An diesem Tag, der vor allem der Erinnerung an den großen Weisen Vyasa gewidmet ist, kommen die Sannyasins (Menschen, die der Welt entsagt haben) zusammen, um die von Vyasa verfassten Brahma Sutras zu studieren und zu erläutern und sich mit vedantischen philosophischen Fragen zu beschäftigen25.

Vyasa
hat der Menschheit mit der Veröffentlichung der vier Veden (die ältesten Texte der indischen Literatur), der achtzehn Puranas (indische Göttergeschichten), des Mahabharata (großes indischen Heldenepos, das den Kampf der Nachkommen des Bharata beschreibt) und der Shrimad Bhagavata (Geschichte Krishnas) für alle Zeiten einen unvergesslichen Dienst erwiesen. Wir können die tiefe Schuld ihm gegenüber nur begleichen, indem wir seine Werke studieren und seine Lehren in die Tat umsetzen, denn sie dienen der Erneuerung der Menschheit in diesem eisernen Zeitalter. An diesem Tag führt man eine Puja (Verehrungsritual) zu Ehren von Vyasa aus und verehrt seinen spirituellen Lehrer. Gläubige verehren Heilige, Mönche und in Hingabe an Gott lebende Menschen und geben ihnen etwas. Die Chaturma-Periode („die vier Monate“ = Regenzeit) beginnt an diesem Tag; die Sannyasins bleiben während der folgenden vier Regenmonate an einem Ort, um die Brahma Sutras zu studieren und Meditation zu praktizieren.

Spüre die tiefe Bedeutung dieses großartigen Tages. Er kündigt den ungeduldig erwarteten Regen an. Das Wasser, das im heißen Sommer verdunstet ist und das die Wolken gespeichert haben, kommt nun in reichlichen Regenschauern zurück, so dass neues Leben erwacht. Genauso beginnt man nun, die durch geduldiges Lernen angeeignete Theorie und Philosophie ernsthaft in die tägliche Praxis umzusetzen. Der Aspirant beginnt oder beschließt ernsthaft, seine spirituelle Praxis zu vertiefen.

Erzeuge frische Wellen der Spiritualität. Transformiere alles, was du gelesen, gehört, gesehen und gelernt hast, durch Sadhana (spirituelle Praxis) in einen beständigen Strom allumfassender Liebe, in unaufhörlichen liebevollen Dienst und ständige Verehrung Gottes in allen Wesen.

Iß an diesem Tag nur Milch und Früchte und praktiziere intensiv Japa (das Rezitieren von Mantras) und Meditation. Studiere in den vier folgenden Monaten die Brahma Sutras und rezitiere die Mantras deines Gurus. Du wirst höchsten Nutzen daraus ziehen.

Der Tag der Verehrung des Lehrers ist ein Tag reiner Freude für den aufrichtigen spirituellen Aspiranten. Die Schüler sehen diesem Anlass voll Eifer und Hingabe entgegen, um dem geliebten Guru zu huldigen. Der Guru ist es, der die Bande der Verhaftung durchtrennt und den Aspiranten von den Fesseln der irdischen Existenz befreit.

In den Shrutis („das Offenbarte“; heilige Schriften, Veden) heißt es: „Dem fortgeschrittenen Aspiranten, dessen Hingabe zu Gott groß ist und dessen Hingabe zu seinem Lehrer ebenso groß ist wie zu Gott, werden sich die Geheimnisse der Schriften enthüllen.“ Der Guru ist Brahman, das Absolute, Gott selbst. Er führt und inspiriert dich aus deinem innersten Kern heraus. Er ist überall.

Ändere deine Sichtweise. Sieh das ganze Universum als die Gestalt des Guru (spiritueller Lehrer). Erkenne die führende Hand, die erweckende Stimme, die erleuchtende Berührung des Guru in jedem Wesen, jedem Objekt der ganzen Schöpfung. Durch deine veränderte Sichtweise wird nun die ganze Welt verwandelt erscheinen. Die Welt als Guru wird dir all die kostbaren Geheimnisse des Lebens enthüllen und dir Weisheit schenken. Der höchste Guru, der sich als sichtbare Natur manifestiert hat, wird dich die wertvollsten Lektionen des Lebens lehren.

Verehre täglich diesen Guru aller Gurus, der sogar den Avadhuta Dattatreya 26 lehrte. Dattatreya, der als Gott und Guru der Gurus angesehen wird, betrachtete die Natur selbst als seinen Lehrer und lernte viele Lektionen von ihren Geschöpfen. Es heißt, er habe 24 Lehrer gehabt:

  • die stille, alles überdauernde Erde mit ihrer erhabenen Geduld
  • die schattenspendenden, früchtetragenden Bäume mit ihrer Bereitschaft sich selbst aufzuopfern
  • den gewaltige Banyan-Baum, der geduldig in einem winzigen Samen ruht
  • die Regentropfen, die mit Beharrlichkeit sogar die Berge abtragen
  • die Planeten und die Jahreszeiten mit ihrer geordneten Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit, und viele mehr – sie alle waren seine göttlichen Gurus. Wer mit offenen Augen und Ohren sieht und hört, wird lernen.

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Öffne dich, werde empfänglich. Entledige dich deines unbedeuten den Egos. All die Kostbarkeiten, die im Schoß der Natur eingeschlossen sind, werden dein. Du wirst in erstaunlich kurzer Zeit voran kommen und Vollkommenheit erreichen. Werde rein und frei wie die Brise in den Bergen. So wie die Flüsse ununterbrochen, ruhig und beständig ihrem Ziel, dem Ozean, zufließen, so lasse auch dein Leben unaufhörlich dem höchsten Zustand, absolutem Sein-Wissen-Glück zufließen, indem du all deine Gedanken, all deine Worte und all deine Taten nur auf dieses eine Ziel ausrichtest.

Der Mond scheint, weil er das Sonnenlicht reflektiert. Und gerade an Purnima (Vollmond) strahlt er das wunderbare Licht der Sonne in vollem Glanz aus. Er verherrlicht die Sonne. Reinige dich durch das Feuer selbstlosen Dienens und durch Sadhana (spirituelle Praxis) und wie der Vollmond strahle im Licht deines wahren Selbst! Reflektiere die Großartigkeit Gottes, das Lichtes der Lichter. Setze dir zum Ziel: „Ich werde ein lebender Zeuge der Göttlichkeit, der strahlenden Sonne aller Sonnen!“

Das Höchste Selbst allein ist wirklich. Es ist die Seele in allem. Es ist alles in allem. Es ist die Essenz des Universums. Es ist die Einheit, die trotz aller Vielfalt und Verschiedenheit der Natur in Wirklichkeit keine Dualität zulässt. Du bist dieses unsterbliche, alles durchdringende glückselige Selbst. Du bist Das. Verwirkliche dies und sei frei!

Denke an die vier wichtigen Aussagen der Brahma Sutras:

1.Athatho brahma jijnasâ – darum nun die Erkundung Brahmans

2.
Janmasya yathah – aus dem der Ursprung hervorgeht

3.
Shastra yonitwat – die Schriften sind die Mittel des rechten Wissens

4.
Tat tu samanvayat – da dies die Hauptstütze (des Universums) ist.
Jaya Guru Shiva Guru Hari Guru Ram
Jagad Guru Param Guru Sat Guru Shyam
27

Mit Hilfe des Gurus als Medium kann sich das Individuum zum kosmischen Bewusstsein erheben. Durch dieses Medium kann das Unvoll - kommene vollkommen, das Begrenzte grenzenlos werden und das Sterbliche kann in das ewige Leben der Glückseligkeit übergehen. Der Guru ist tatsächlich ein Bindeglied zwischen dem Einzelnen und dem Unsterblichen.
Er ist ein Wesen, das sich selbst von Diesem zu Jenem28 erhoben hat und deshalb freien, ungehinderten Zugang zu beiden Reichen hat. Er steht auf der Schwelle zum Unsterblichen. Indem der Guru sich nach unten beugt, zieht er mit der einen Hand die ringenden Menschen nach oben und mit der anderen hebt er sie empor in das Königreich immerwährender Freude und unendlichen Bewusstseins der Wahrheit.

Erkennst du nun die heilige und höchste Bedeutung der Rolle des Gurus in der Entwicklung der Menschheit? Das alte Indien bemühte sich mit gutem Grund, die Tradition des Guru-Tattva (das Grundprinzip des spirituellen Lehrers) zu erhalten. Um den Glauben, die Loyalität und Ergebenheit zum Guru zu festigen, gedenkt Indien seit alters her Jahr für Jahr immer wieder dieses historischen Begriffs des Guru, huldigt ihm, verehrt und betet ihn an. Der spirituelle Inder weiß, dass er nur mit Unterstützung des Guru die Knechtschaft von Leiden und Tod überwinden und die Wirklichkeit erfahren kann.

Gib die irrige Vorstellung auf, es zeuge von einer sklavischen Mentalität, sich dem Lehrer zu unterzuordnen, ihm zu gehorchen und seinen Anweisungen zu folgen. Nur ein unwissender Mensch glaubt, es sei unter seiner Würde und gegen seine Freiheit, sich der Führung eines anderen anzuvertrauen. Wenn du darüber nachdenkst, wirst du feststellen, dass deine individuelle Freiheit in Wahrheit nur eine Sklaverei deines Egos und deiner Eitelkeit ist. Sie ist ein Phantasiegebilde des sinnesorientierten Geistes. Wer über die Sinne und das Ego siegt, ist ein wahrhaftig freier Mensch. Er ist ein Held. Um diesen Sieg zu erreichen, fügt sich ein Mensch der höher entwickelten spirituellen Persönlichkeit des Guru. Durch diese Hingabe überwindet er sein niederes Ego und verwirklicht das Glück und den Frieden des grenzenlosen Bewusstseins.

In früheren Zeiten wurde der Guru als Gott verehrt, um den Glauben und das Vertrauen der verunsicherten Menschheit zu stärken und die innere Einstellung herbei zu führen, die notwendig ist, damit Verehrung überhaupt Früchte tragen kann. Anbetung des Guru ist wahrhaftig Anbetung des Höchsten. In dieser vergänglichen Welt ist der Guru wie ein Botschafter auf fremdem Territorium. So wie ein Botschafter seine Nation repräsentiert, so repräsentiert der Guru den vollendeten transzendenten Zustand, den er erreicht hat. Wie der Botschafter stellvertretend für seine Nation geehrt wird, so bedeutet die Verehrung und Anbetung des sichtbaren Guru die direkte Verehrung und Anbetung der Höchsten Wirklichkeit. Einen weit entfernten Baum sieht man vielleicht nicht, aber man riecht den Duft seiner Blüten. Der Guru ist wie eine Blume, die das göttliche Aroma des Selbst in dieser Welt verbreitet und auf diese Weise den unsterblichen Gott erkennen lässt, den man mit dem physischen Auge nicht sehen kann. Er ist ein beständiger Zeuge des Höchsten Selbst, die Entsprechung Gottes auf der Erde. Durch seine Verehrung erreicht man das Selbst.

Deshalb gedenke des Weisen Vyasa und der Gurus, die fest im Wissen um das Selbst verankert sind und verehre sie. Möge ihr Segen mit dir sein! Mögest du den Knoten der Unwissenheit durchtrennen und leuchten wie die gesegneten Weisen, die überall in der Welt Frieden, Freude und Licht verbreiten.

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Im Sivananda Ashram in Rishikesh wird Guru Purnima jedes Jahr in großem Stil gefeiert. Dazu kommen viele spirituelle Suchende aus allen Teilen des Landes. Der Tagesablauf ist:

1.
Man steht um 4.00 Uhr zu Brahmamuhurta (die Zeit vor Sonnenaufgang, etwa zwischen 3 und 6 Uhr morgens) auf, meditiert über den Guru und singt Loblieder auf ihn.

2.
Später werden die Füße des Guru in einer Zeremonie verehrt.
Zu dieser Verehrung heißt es in der Guru Gita:

Dhyâna mûlam guror murtih;
Pûja mûlam guror padam;
Mantra mûlam guror vakyam;
Moksha mûlam guror kripa.

„ Auf die Gestalt des Guru sollte meditiert werden; die Füße des Guru sollten verehrt und seine Worte sollten wie ein heiliges Mantra behandelt werden; seine Gnade garantiert endgültige Befreiung!“

3. Am Mittag werden Sadhus (Heilige) und Sannyasins (Entsagte) geehrt und bewirtet.

4.
Den ganzen Tag über gibt es Satsang (Zusammensein mit Weisen und Heiligen; wörtl. Gemeinschaft mit der Wahrheit), wobei Vorträge gehalten werden über die Großartigkeit der Hingabe an den Guru im besonderen und über spirituelle Themen im allgemeinen.

5.
Verdiente Aspiranten werden in den heiligen Sannyas-Orden (als Mönche) eingeweiht, da dies ein höchst günstiger Tag dafür ist.

6.
Sehr guru-treue Schüler fasten und verbringen den ganzen Tag im Gebet. Sie fassen neue Vorsätze für ihre spirituelle Weiterentwicklung.

Stehe an diesem heiligen Tag um 4.00 Uhr morgens auf. Meditiere über die Lotosfüße deines spirituellen Lehrers. Bete zu ihm um seine Gnade, durch die allein du Selbstverwirklichung erreichen kannst. Mache kraftvolles Japa (Mantrawiederholung) und meditiere in den frühen Morgenstunden. Nach dem Bad verehre die Lotosfüße, eine Statue oder ein Bild deines Lehrers mit Blumen, Früchten, Räucherstäbchen und Kampfer. Faste oder nimm nur Milch und Früchte zu dir.

Setze dich am Nachmittag mit anderen Schülern zusammen und sprich mit ihnen über den Ruhm und die Lehren deines Guru. Statt dessen kannst du den Tag auch schweigend verbringen, Bücher und Schriften deines Guru lesen oder über seine Lehren nachdenken.

Erneuere an diesem Tag deine Vorsätze, dem spirituellen Weg in Übereinstimmung mit den Grundsätzen deines Gurus zu folgen. Setze dich abends wieder mit anderen Schülern zusammen und singe die Namen Gottes und den Ruhm deines Lehrers. Die beste Art der Verehrung des Meisters ist es, seinen Lehren zu folgen, sie im eigenen Leben zu verkörpern und so seinen Ruhm und seine Botschaft zu verbreiten.

24.Guru = spiritueller Lehrer, purnima = Vollmondnacht.
25. Brahma Sutras: Aphorismen über den Schöpfergott Brahma; vedanta = eines der 6 Hauptphilosophiesysteme Indiens, wörtlich „Ende des Wissens“.
26.Avadhuta = jemand, der frei ist von Bindung und Anhaftung. Dattatreya = Inkarnation der hinduistischen
Trininität Brahma, Vishnu und Shiva.
27
. Dieses Mantra verehrt neben Shiva und Rama unter anderem auch Jagad, die Welt, oder die sichtbare
Natur, als Guru oder Lehrmeister.
28. Vom Weltlichen zum Göttlichen.

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