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Karma Yoga von Swami Sivananda

 

Kapitel 6: Karma Yoga in der Bhagavad Gita

1. Das Rad des Universums

Außer was Opferhandlungen anbelangt, ist diese Welt durch Handlung gebunden. Wenn die Menschen handeln, um Gott zu opfern, dann sind sie nicht gebunden. Der Schöpfer schuf die Menschen zusammen mit dem Opfer. Er sagte: „Dadurch sollst du dich fortpflanzen, es sei für dich der Wunschgeber.“ So wie man einen beliebigen Gegenstand von Kamadhenu (Kuh des wunscherfüllenden Indras) bekommen kann, so kann man auch alles durch Opferhandlungen bekommen. Das Opfer nährt bzw. besänftigt die Götter, wie Indra, Varuna  usw. Du wirst eine reiche Ernte und Vorräte haben. Dies ist ein gegenseitiger Dienst zwischen den Menschen und den Göttern (Devas). Schließlich erreichst du Shreya, das Wissen um Brahman. Das Opfer reinigt dein Herz. Die Devas verleihen alle Freuden, Vieh, Frau, Mann, Kinder und Grund und Boden, wenn man sie mit Opfergaben erfreut. Wer nur genießt, was die Götter ihm geben, ohne etwas zurückzugeben, ohne die Schuld an die Götter zu begleichen, wer seinen Körper und seine Organe nährt, ohne die Götter zu bedenken, ist in der Tat ein Dieb, ein Räuber des göttlichen Eigentums.

Die Aufrichtigen, die die Überreste des Opfers essen, sind frei von aller Sünde; aber der unheilige Mensch, der nur für sich selbst kocht, isst wahrlich Sünde. Der Opferrest ist Amrita  oder Ambrosia. Er ist Nektar. Wer die Opfergaben isst, nachdem er sie den Göttern dargeboten hat, ist von all den Sünden befreit, die an den fünf Todesplätzen von Lebewesen begangen werden – der Feuerstelle, dem Wasserkrug, Mörtel und Stößel, dem Schleifstein und dem Besen. Kleine Lebewesen werden unbewusst an diesen fünf Plätzen getötet. Deshalb werden die Pancha Maha Yajnas (die fünf täglichen Opfer) den Familienvorständen vorgeschrieben, um diese Sünden wegzuwaschen.

Die täglichen fünf Opfer (Bhuta Yajna) sind:

  1. Deva Yajna – den Göttern opfern.
  2. Brahma Yajna – die Schriften lehren und rezitieren.
  3. Pitru Yajna – Tarpan, das Wassertrankopfer für die Manen (Vorfahren).
  4. Manushya Yajna – die Armen, Hungrigen und Gäste speisen.
  5. Bhuta Yajna – Vögel, Tiere, Fische füttern.


Die Ausführung der Bhuta Yajna zielt auf die Entwicklung von Barmherzigkeit und die Verwirklichung der Einheit allen Lebens mit dem Bewusstsein. Es hilft dem Ausführenden, das eine Satchidananda in allem zu sehen und zu fühlen und alles in dem Einen. Es bringt am Ende nichtduale Verwirklichung der Einheit. Übt man dies Opfer mit Prem (Liebe), Shraddha (Glauben) und Bhava (Hingabe) wird man dieselbe Erfahrung machen, die ein Adwaita Vedantin  durch Shravana (Hören), Manana (Nachdenken) und Nididhyasana (Meditieren) hat. Beachte die Schönheit der Hinduschriften und die Lehren der Rishis und Weisen. Sie geben den Menschen gemäß deren Format und Fähigkeit verschiedene Methoden vor. Jeder Mensch kann in seinem Lebensumstand Selbstverwirklichung erlangen, wenn er seine täglichen Pflichten erfüllt. Auch ein Sünder oder einfacher Mann kann das höchste Gut, Gottesbewusstsein, erlangen, wenn er seine Pflichten selbstlos erledigt.

„Aus Nahrung entstehen die Wesen; aus Regen entsteht Nahrung; aus dem Opfer entsteht Regen und das Opfer kommt aus Handlung. Wisse, dass Handlung von Brahma kommt und Brahma kommt vom Unvergänglichen. Daher ist das Alldurchdringende (Brahma) immer im Opfer zugegen.“
[BhG 3.14,15]

Manu sagt:

„Das Opfer, das man ins Feuer gibt, erreicht die Sonne; von der Sonne kommt der Regen; vom Regen kommt die Nahrung; und von dieser Nahrung stammen alle Geschöpfe.“
[Manusmriti 3.76]

Der Gott dieser Welt steht hinter allen Handlungen. Ohne Ihn kann sich nicht einmal ein Atom oder ein Blatt bewegen. Er ist der wahre Handelnde. Die Einzelnen sind nur das Medium seiner Handlung.

Apurva oder Adrishta ist die unsichtbare verborgene Kraft in der Handlung, die Früchte bringt. Sie ist das Ergebnis der Handlungen. Sie ist die unsichtbare Form, die eine Handlung annimmt zwischen der Zeit ihrer Ausführung und der Zeit, wenn sich ihr Ergebnis manifestiert. Sie ist das Bindeglied zwischen Ursache und Wirkung.

Wenn ein Mensch nicht dem Rad des sich derart drehenden Universums folgt, wenn er ein sinnliches Leben in absoluter Selbstsucht führt, verschwendet er einfach nur sein Leben. Er begeht wirklich eine große Sünde. Die Grundlage der Weltordnung ist Vielfältigkeit und gesunde Zusammenarbeit. Niemand sollte dieses Gleichgewicht stören und sich in seine Funktion einmischen. Der Mensch ist nicht hier, um mit illegalen Mitteln für sich und seine Kinder Reichtum anzuhäufen.

Er sollte kein Faulpelz bleiben. Er sollte nicht selbstsüchtig handeln. Er sollte die Arbeit nicht verweigern. Er muss seine ihm zugeteilten Aufgaben erledigen. Diese ganze Welt ist eine große Fabrik Gottes. Das Hauptrad dreht sich. Lederriemen verbinden es mit anderen Rädern und Maschinen. Jeder kleine Teil und jede Maschine erfüllen ihre jeweilige Arbeit. Der Mensch muss täglich die Pancha Maha Yajnas (die fünf großen Opferhandlungen) erfüllen. Er muss Sandhya, Nitya und Naimittika Karma (Rituale) ausüben. Er muss anderen dienen. Er ist Teil des Zyklus und muss seinen Teil der Arbeit wie die anderen Teile auch erfüllen. Scheitert er bei der Ausführung seiner Pflichten und führt ein sinnliches Leben, ist er der Erde nur eine Last. Besser gibt solch ein Mensch seinen physischen Körper auf und schafft einen Leerraum, der besser mit Luft aufgefüllt wird.

Ein Jnani, der in seinem eigenen Swarupa (tiefe innere Natur) bleibt, der sich am inneren Selbst erfreut, der mit seinem Selbst zufrieden ist, hat nichts zu tun. Er ist nicht verpflichtet, etwas zu tun, um das Rad der Welt in Gang zu halten. Er ist ein Apta Kama, einer, in dem alle Wünsche befriedigt sind. Er hat alles getan. Er hat alles erreicht. Für ihn ist nichts mehr von Interesse, egal was getan oder nicht getan wird, auch hängt keine seiner Sachen von einem Wesen ab.

Kein Pratyavaya Dosha (Unterlassungssünde) entsteht ihm aus dieser Untätigkeit. Er hat durch Handlung nichts zu gewinnen. Er hat keinen besonderen Gegenstand im Sinn. Er braucht von niemandem abzuhängen. Er ist unabhängig. Er strengt sich nicht an, weil er nichts zu gewinnen hat. Karma Yoga ist nicht für jenen gedacht, der alles über das Selbst weiß. Obwohl er weder arbeitet noch der Gesellschaft physisch dient, hilft er der Welt geistig und spirituell. Vyavahara (Dienst) hängt für den Jnani lediglich von seinem Prarabdha ab. Einer mag viel Vyavahara  in der Gesellschaft tun, ein anderer lebt still in einer Höhle. Der stille Jnani ist die Verkörperung der vedischen Lehren. Was die Gottesverwirklichung anbelangt, ist sein ganzes Leben eine lebendige Versicherung für andere. Schüler lassen sich von ihm inspirieren. Seine machtvollen spirituellen Schwingungen reinigen die Welt und erheben andere. Jene, die nach göttlichem Wissen dürsten, werden in den Magnetströmen eines stillen Jnanis gebadet. Seine machtvollen Gedanken reisen eine weite Strecke und durchdringen alle Ecken in den verschiedensten Teilen der Welt. Prakriti nutzt sicherlich die Verdienste und Erfolge eines stillen Jnanis. So wie der süße Jasminduft in der Luft hängt, so verbreitet sich auch der Ruhm eines Jnani in alle Richtungen und die Menschen nehmen bei ihm Zuflucht. Sie bekommen von ihm Anweisungen. Dies ist meist handfeste Arbeit. Wirkliche Schüler ziehen ihren Nutzen daraus. Bloße Neugierige haben keinen Zugang zu ihm. Sie möchten diese höheren spirituellen Lehren nicht. Tatsächlich ist es dieser stille Jnani, der wesentlichere Arbeit leistet als der Mann am Rednerpult. Psychologen und Mystiker können die Wahrheit dieser Aussage sehr wohl verstehen. Wer politisch oder gesellschaftlich aktiv ist und wessen Geist voll karmischer Samskaras und Tendenzen ist, kann die Wahrheit dieser Aussage nicht begreifen. Shri Aurobindo , der einst ein großer Karma Yogi war, hat sich während der letzten zwanzig Jahre in einen Raum eingeschlossen. Er ist nun ein glänzender Yogi. Tatsächlich hilft er der Welt mehr mit seinen übergeistigen Schwingungen und göttlichen Erfahrungen. Er schult Aspiranten im Ashrama. Einige der entwickelten Aspiranten werden seine Arbeit aufnehmen und göttliches Wissen verbreiten.

Erfülle ständig ohne Anhaftung das, was um Ishwaras Willen deiner Pflicht entspricht. Du wirst durch Chitta Shuddhi, die Reinheit des Geistes, Moksha erreichen. Reinige das innere Leitmotiv deiner Handlung. Entferne Selbstsucht. Dann wirst du in der Lage sein, für das Wohlergehen der Welt (Loka Sangraha) zu arbeiten. Der Weise sollte ein Beispiel für die Massen sein. Er sollte an der Weiterentwicklung der Welt arbeiten. Janaka und andere strebten wahrlich Moksha an, indem sie selbstlose zweckfreie Arbeit leisteten. Der Mensch lebt von der Nachahmung. Er versucht, dem Beispiel seiner Vorgesetzten zu folgen. Was immer eine großer Mensch tut, die anderen tun es auch. Durch sein Verhalten legt er den Standard für Richtig und Falsch, an dem sich die Massen orientieren.

Obwohl du ein Yogi oder ein Jnani bist, verwirre nicht den Geist unwissender Menschen, die an der Handlung hängen. Führe die Handlungen fleißig aus, die auch die Unwissenden tun müssen und bringe sie dazu, diese Handlungen auszuführen. Verherrliche die Handlung. Stelle alle Handlungen sehr attraktiv dar. Der Weise sollte unwissende Menschen mit wenig Verständnis nicht verstören. Shri Krishna sagt zu Arjuna:

„Alle Handlungen sind in allen Fällen nur aus den Eigenschaften der Natur geschmiedet. Der Mensch, dessen Geist von Ichbewusstsein getrübt ist, denkt: ‚Ich bin der Handelnde.‘ Wer jedoch die Wahrheit über die Bereiche der Eigenschaften und (ihre) Funktionen kennt, o mächtig Bewaffneter (Arjuna), und weiß, dass sich die Gunas als Sinne zwischen den Gunas als Sinnesobjekten bewegen, ist nicht verhaftet. Wer durch die Eigenschaften der Natur getäuscht ist, hängt an den Funktionen der Eigenschaften. Der Mensch, der vollkommenes Wissen besitzt, verwirre nicht den Törichten, dessen Wissen unvollkommen ist. Entsage allen Handlungen in Mir, konzentriere den Geist auf das Selbst, sei frei von Hoffnung, Ich-Gedanken und (geistigem) Fieber und kämpfe.“
[BhG 3.27-29,30]

„Es gibt nichts in den drei Welten, o Arjuna, das Ich tun müsste und es gibt auch nichts Unerreichtes zu erreichen; und doch handle Ich weiter. Denn wenn ich nicht stets unermüdlich handelte, o Arjuna, würden die Menschen Mir in jeder Weise nachfolgen. Diese Welten würden vergehen, wenn ich nicht handelte; Ich wäre der Urheber von Vermischung der Kasten und Zerstörung dieser Wesen. Die Unwissenden handeln aus Verhaftung an die Handlung, o Bharata  (Arjuna), der Weise muss ohne Verhaftung handeln und das Wohlergehen der Welt wünschen. Der Weise verwirre nicht den Geist unwissender Menschen, die an ihrem Handeln hängen; er ermutige sie zu allen Handlungen und führe sie selbst mit Hingabe aus.“
[BhG 3.22-26]

2. Das Ausmaß der persönlichen Anstrengung

„Auch der Weise handelt gemäß seiner Natur, die Wesen folgen der Natur; was kann Einschränkung bewirken?“
[BhG 3.33]

Die Bedeutung dieses Shlokas wird von vielen Menschen missverstanden. Viele sind Fatalisten geworden. Sie führen ein Leben in Trägheit. Sie sagen: „Weshalb sollte ich mich anstrengen? Die Natur ist alles in allem. Wir können der Natur nicht zuwider handeln. Die Natur ist unbezwingbar. Alle Lebewesen folgen ihrer eigenen Natur. Die Natur des Menschen beeinflusst sein Verhalten. Was können Zwang und Verbot erreichen? Lasst uns uns nicht anstrengen.“ Dies ist ein trauriger Fehler. Es ist ein beklagenswertes Missverständnis.

In dem nächsten Shloka 34 finden wir eine klare Lösung hierfür. Die Shlokas 3 und 34 sollten zusammen gelesen werden. Dann wird die Bedeutung klar. Auch ein Mensch mit Wissen oder ein Jnani verhält sich gemäß seiner Natur. Man braucht nicht eigens zu erwähnen, dass ein unwissender Mensch gemäß seiner Natur handelt, weil er nicht weiß, wie sie zu kontrollieren ist. Wenn jeder Einzelne sich nur gemäß seiner Natur benimmt, wenn es niemanden gibt, der keine eigene Natur besitzt, dann gibt es keinen Spielraum für individuelle Anstrengung (Purushartha). In diesem Fall wären die Lehren der Shastras, welche die Menschen zu rechter Anstrengung inspirieren, völlig sinnlos.

Im nächsten Vers verlangt Shri Krishna von Arjuna, dass er Purushartha erfüllt, dass er sich über Raga Dwesha, die beiden Ströme von Anziehung und Abstoßung, erhebt.

„Verhaftung und Abneigung gegenüber den Sinnesobjekten liegen in den Sinnen; möge niemand unter ihren Einfluss gelangen; denn sie sind seine Feinde.“
[BhG 3.34]

Wenn der Aspirant diese zwei Vrittis (Gedankenwellen) kontrolliert hat, hat er schon die Natur besiegt. Er ist zum Herrn der Natur geworden. Er kann der Natur befehlen. Die Natur ist sein gehorsamer Diener. Die Natur wirkt durch diese zwei Vrittis. Was du das Universum nennst, ist nur Raga Dwesha. Es gibt keine Welt dafür. Der Jnani oder Yogi hat diese zwei Vrittis unter Kontrolle gebracht. Es gibt keine Welt außer diesen zwei Vrittis. Der Mensch ist gebunden oder verhaftet an sinnliche Gegenstände über das Vritti Raga. Wenn er Vairagya entwickelt, wird Raga ausgelöscht. Ein unwissender Mensch ist der Sklave dieser zwei Vrittis und so wird er zwischen den beiden hin und her gestoßen wie ein Strohhalm im Meer des Samsara. Patanjali Maharishi empfiehlt in seiner Raja-Yoga-Philosophie einfache bestimmte Methoden, um diese zwei Vrittis zu kontrollieren. Seine Definition von Yoga ist:

yogah chitta vritti nirodhah

„Yoga ist Kontrolle oder Zurückhaltung der Erscheinungsformen des Chitta.“
[Yoga Sutras I.2]

Er empfiehlt auch Purushartha (Anstrengung), um die Vrittis auszureißen, die Natur zu kontrollieren und Kaivalya Moksha, Unabhängigkeit, zu erreichen. Er sagt nicht: „Die Natur ist sehr mächtig, verhalte dich ruhig und werde ein Sklave der Natur. Was ist der Nutzen deines Kampfes und Sadhanas?“ Sein Yoga ist eine exakte Wissenschaft. Er empfiehlt bestimmte, positive, genaue und wirkungsvolle Methoden, die Natur zu kontrollieren. Er sagt: „Kontrolliere die Vrittis und bleibe dann in deinem eigenen Swarupa. Die ganze Natur ist unter deiner Kontrolle.“ Vasishtha verlangt auch von Rama, Purushartha (eigenes Bemühen) durchzuführen.

Durch Raga liebt ein Mensch Objekte; durch Dwesha verabscheut er sie. Wenn jemand das Pendeln zwischen Vorlieben und Abneigungen, zwischen Hass und Liebe, zwischen Zuneigung und Aversion überwunden hat, unterliegt er nicht länger seiner Natur. Er kann die Lehren der Shastras verstehen. Sein Geist ist rein. Wird er zum Opfer dieser beiden Ströme, wird sein Geist unrein. Er kann die Bedeutung der Shastras nicht verstehen. Er vernachlässigt seine eigenen Pflichten. Er beginnt, die Pflichten anderer zu erledigen, da sein Geist verwirrt und durcheinander ist. Raga Dwesha sind große Hindernisse auf dem spirituellen Weg. Sie sind die Feinde des Menschen bzw. des Aspiranten. Sie sind wie Straßenräuber. Wenn Viveka und Vichara im Aspiranten dämmern, verschwinden Raga Dwesha.

O Mensch! Lass die Natur dein praktischer Lehrer sein. Der Mangobaum führt Purushartha aus. Er schenkt dem müden Reisenden Schatten und dem Eigentümer köstliche Früchte. Der Jasmin verströmt an alle süßen Duft. Die Ameisen sind im Sommer mit Körnersammeln beschäftigt. Während der Regenzeit und im Winter essen sie die Körner in ihren Löchern. Die Bienen sammeln von den Blumen fleißig Honig und sind trunken vor Freude am Honig trinken. Die Flüsse liefern den Menschen gutes, prickelndes Wasser. Die Sonne spendet den Pflanzen und Menschen Energie und Wärme und wandelt salziges Meerwasser in gutes Trinkwasser um. Der Sandelholzbaum verströmt seinen Duft in alle Richtungen. Das Moschustier gibt Moschus. Die Erde versorgt die Menschen mit Getreide, Gold, Eisen, Blei, Gemüse und anderen Notwendigkeiten. Eltern empfehlen ihren Kindern Purushartha. Die Lehrer verlangen vom Schüler: „Lerne gut, entwickele einen guten Charakter. Bestehe deine Prüfungen und erlerne einen guten Beruf. Sei wohltätig, kontrolliere die Sinne und werde ein guter Mensch.“

„Der selbstbeherrschte Mensch jedoch, der sich mit beherrschten Sinnen zwischen den Dingen bewegt und frei von Anziehung und Ablehnung ist, erlangt Frieden.“
[BhG 2.64]

Die Schwierigkeit, die du in Shloka 33 antrafst, ist nun überflüssig. Führe nun Purushartha aus. Beseitige Raga Dwesha und bleibe in Frieden. Dann wird die Natur dein gehorsamer Diener. Du bist Herr und Meister der Natur. Übe Sadhana. Übe! Übe! Verwirkliche! Verwirkliche! Dies ist deine höchste Pflicht. Du hast diesen Körper angenommen, um zu diesem Ziel zu gelangen!

3. Prakriti tut alles

Alle Handlungen finden nur durch die Eigenschaften der Natur statt. Wessen Geist vom Egoismus getäuscht ist, denkt: ‚Ich bin der Handelnde.‘ Dies ist der Grund der Bindung. Nur die Gunas führen alle Handlungen aus. Der unwissende Mensch identifiziert sich durch die Kraft von Avidya mit Körper, Geist und Indriyas, welche die Produkte bzw. die Wirkungen der drei Gunas – Sattva, Rajas und Tamas – sind. Nun kommt der Ärger. Wenn er denkt: ‚Ich bin der Handelnde‘, muss er die guten und schlechten Früchte seiner Handlungen ernten. Er wird immer wieder in diese Mrityuloka (Ebene der Sterblichen; diese Welt) gebracht.

Wer dagegen sieht, dass Prakriti (Urnatur) alle Handlungen ausführt und dass das Selbst handlungslos ist, sieht wirklich. Der Weise, der um die Essenz der Teilung der Eigenschaften und Funktionen weiß und voraussetzt, dass „sich die Eigenschaften inmitten der Eigenschaften bewegen“, ist nicht verhaftet. Er trennt sich von seinem Körper, Geist und Organen. Er steht als Zeuge dieser Upadhis (Hüllen) und ihrer Funktionen, indem er sich selbst mit dem inneren reinen Selbst, dem Atman, identifiziert. Er sagt: „Sehen, Hören, Berühren, Sprechen, Geben, Nehmen, das Öffnen und Schließen der Augen sind Funktionen der Indriyas. Ich habe nichts zu tun. Sie sind die Dharmas der Sinne. Ich bin nicht eins mit den Sinnen. Die Sinne bewegen sich innerhalb der Sinne. Ich bin Nirlipta (unberührt). Ich bin Asanga (unverhaftet).“ Dies ist Drishti (Vision) bzw. Nischaya (Gewissheit) eines Jnani. Er entkommt den Fesseln des Karmas. Er wird vom Rad der Geburt und Wiedergeburt befreit.

4. Handeln und Nichthandeln

„Was ist Handeln? Was ist Nichthandeln? Darüber herrscht selbst bei den Weisen Verwirrung. Daher werde Ich [Shri Krishna] dich das Handeln lehren (das Wesen von Handeln und Nichthandeln), durch dessen Kenntnis du vom Übel (von Samsara, dem Rad von Geburt und Tod) befreit werden wirst. Denn wahrlich, die [wahre] Natur des Handelns (wie es die Schriften sagen) muss erkannt werden, wie auch des verbotenen (ungesetzmäßigen) Handelns und des Nichthandelns; schwer zu verstehen ist die Natur (der Lauf) des Handelns. Wer Nichthandeln im Handeln sieht und Handeln im Nichthandeln, ist weise unter den Menschen; er ist ein Yogi und führt alle Handlungen aus.“
[BhG 4.16,17]

Die Menschen denken im Allgemeinen, Handeln sei Bewegung des Körpers und Nichthandeln ihr Fehlen, Stillsitzen.

Shri Shankara schreibt:

„Wer Handlungslosigkeit in der Handlung sieht, d. h. wer die richtige Erkenntnis hat, dass Handlung, von der alle annehmen, dass sie zum Selbst gehört, nicht wirklich zum Selbst gehört, so wie Bewegung nicht zu den Bäumen (am Ufer des Flusses) gehört, die sich (für einen Menschen im Boot) in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen scheinen und wer Handlung in der Handlungslosigkeit sieht, d. h. wer weiß, dass auch Handlungslosigkeit Handlung ist – denn Handlungslosigkeit ist nur das Aufhören körperlicher und geistiger Aktivität, sie wird wie die Handlung fälschlicherweise dem Selbst zugeschrieben und führt zu dem Gefühl der Ich-Identifikation, die in den Worten ‚ruhig und nichtstuend sitze ich glücklich‘ ihren Ausdruck findet – wer die Eigenschaft von Handlung und Handlungslosigkeit wie sie nun erklärt ist, erkennt, ist ein Weiser unter den Menschen. Er ist ein frommer Yogi, führt Handlungen aus, ist befreit vom Übel und hat alles erreicht.“

Shri Krishna sagt:

„Er hat die Anhaftung an die Früchte der Handlung aufgegeben, ist stets zufrieden und von nichts abhängig und tut nichts, obwohl er tätig ist. Er hofft nichts und beherrscht seinen Geist und sich selbst, er hat alle Habgier aufgegeben und ist nur körperlich tätig; so sündigt er nicht. Zufrieden mit dem, was er ohne Zutun erhält, frei von Gegensatzpaaren und Missgunst und gleichmütig in Erfolg wie Misserfolg, ist er nicht gebunden, obgleich er handelt. Für den Menschen, der verhaftungslos und befreit ist, dessen Geist in der Erkenntnis ruht und der um des Opfers (um Gottes) willen wirkt, schwindet alles Handeln. Brahman ist die Opfergabe; Brahman ist die geschmolzene Butter (Ghee); durch Brahman wird die Opfergabe in das Feuer Brahman gegossen; Brahman wird wahrlich von dem erreicht werden, der allzeit Brahman im Handeln sieht. Den Menschen, der durch Yoga den Handlungen entsagt hat, dessen Zweifel durch Wissen aufgelöst worden sind und der gefasst ist – ihn binden Handlungen nicht, o Arjuna.“
[BhG 4.20-24,41]

Wenn ein Mensch die Handlung betrachtet, als wäre sie für ihn, dann besitzt er „Handlungsmentalität“ und wenn er sie behandelt, als wäre sie gottgeweiht oder für Gott und er selbst ist nur ein Zuschauer, dann besitzt er die Mentalität des Nichthandelns.

Wenn eine Handlung mit Nishkamya Bhava (Einstellung der Absichtslosigkeit) als Ishwararpana (Opfer für Gott) ausgeführt wird, dann ist sie überhaupt keine Handlung. Es ist „Nichthandeln im Handeln“.

Wenn du dich mit Brahman identifizierst und wie ein Zeuge die Aktivitäten von Prakriti, ihre Wirkungen, Geist, Indriyas und Körper betrachtest, dann begreifst du „Nichthandeln im Handeln“. Brahman ist Nishkriya (nichthandelnd), Akarta (Nichthandelnder), Niravayava (unteilbar). Aber er ist das „Primum Mobile“ . Er gibt den Antrieb und Prakriti bewegt sich und handelt.

Er schaut nur und Prakriti bewegt sich. Ohne seine Gegenwart kann Prakriti nichts tun. Deshalb ist es in Wirklichkeit nur Brahman, der alle Handlungen ausführt. Dies ist „Handeln im Nichthandeln“, wie die Bhagavad Gita es lehrt.

5. Handlung und Handelnder

„Handlung, die dargeboten ist, ohne Anhaftung und ohne Zu- oder Abneigung von einem Menschen ausgeführt wird, der keinen Lohn dafür wünscht – diese Handlung wird als sattwig angesehen. Die Handlung jedoch, die im Verlangen nach Erfüllung von Wünschen oder nach Gewinn getan wird, mit Ich-Gedanken und viel Mühe – wird als rajasig betrachtet. Handlung aus Täuschung, ohne Rücksicht auf Folgen, Nachteile, Verletzung und (die eigenen) Fähigkeiten – wird als tamasig bezeichnet.“
[BhG 18.23-25]

„Ein Mensch, der ohne Verhaftung und ohne Ich-Gedanken handelt, der über Beständigkeit und Begeisterung verfügt und von Erfolg oder Misserfolg unberührt bleibt, wird sattwig genannt. Leidenschaftlich, nach dem Ertrag der Handlungen verlangend, gierig, grausam, unrein und getrieben von Freude und Sorge – wer so handelt, wird rajasig genannt. Unbeständig, vulgär, unbeugsam, betrügerisch, hinterlistig, faul, mutlos und zaudernd – wer so handelt, wird tamasig genannt.“
[BhG 18.26-28]

6. Selbsthingabe

„Alles, was du tust, alles, was du isst, alles, was du opferst, alles, was du gibst, jede Askese, o Arjuna, bringe es Mir zum Opfer.“ [BhG 9.27] „Hefte deinen Geist auf Mich; sei Mir ergeben; opfere Mir; verneige dich vor Mir; wenn du so gänzlich mit Mir verbunden bist und Ich dein höchstes Ziel bin, wirst du zu Mir kommen.“
[BhG 9.34]

Die Ideen, die im Shloka 34 des neunten Kapitels enthalten sind, werden in Shloka 65 im achtzehnten Kapitel wiederholt.

Aber dort versichert Shri Krishna Arjuna:

„Wahrlich Ich gebe dir das Versprechen, (denn) du bist Mir lieb.“ [...] „Gib alle Pflichten auf und suche Zuflucht nur bei Mir alleine; Ich werde dich von allen Sünden befreien; sorge dich nicht. Fliege Ihm entgegen, um bei Ihm Zuflucht zu suchen, mit deinem ganzen Wesen, o Arjuna; durch Seine Gnade wirst du höchsten Frieden, die ewige Wohnstatt, erlangen.“
[BhG 18.66,62]

„Für den Weisen, der Yoga zu erreichen wünscht, gilt Handeln als der Weg; für denselben Weisen, der Yoga erreicht hat, gilt Nichthandeln (Untätigkeit) als der Weg. Wenn ein Mensch nicht an Sinnesobjekten oder Handlungen hängt und allen Gedanken entsagt hat, wird von ihm gesagt, er habe Yoga erreicht.“
[BhG 6.3,4]

„Daher denke allzeit nur an Mich und kämpfe. Wenn Geist und Verstand fest auf Mich gerichtet sind, wirst du ohne Zweifel allein zu Mir kommen.“
[BhG 8.7] „Wer alles um Meinetwillen tut, in Mir das Höchste sieht, Mir ergeben ist, keine Verhaftung kennt und keines Geschöpfes Feind ist, kommt zu Mir, o Arjuna.“
[BhG 11.55]

„Nachdem sie alle Sinne bezähmt haben, in jeder Situation gelassen und auf das Wohl aller Wesen bedacht sind – kommen sie wahrlich ebenfalls zu Mir.“
[BhG 12.4,10]

„Wer von Ich-Gedanken frei ist und wessen Verstehen nicht (von Gut oder Böse) gefärbt ist, tötet nicht und ist auch nicht (durch Handlung) gebunden, auch nicht, wenn er diese Menschen tötet. Wenn er alle Handlungen ausführt, nachdem er zu Mir Zuflucht gesucht hat, erlangt er durch Meine Gnade den ewigen unzerstörbaren Seinszustand. Entsage geistig allen Handlungen in Mir, sieh Mich als dein höchstes Ziel, wende dich dem Yoga der Unterscheidung zu und hefte deinen Geist immer auf Mich. Gott wohnt in den Herzen aller Wesen, o Arjuna, und lässt durch Seine täuschende Kraft alle Wesen sich drehen, so als stünden sie auf einer Maschine.“
[BhG 18.17,56,57,61]

7. Karma Yoga ist besser als Entsagung

Arjuna sagte zu Shri Krishna:

„Den Verzicht auf Handlungen rühmst Du, o Krishna, und dann wieder Yoga. Sage mir endgültig, was von beiden besser ist.“ Gott: „Sowohl die Entsagung als auch der Yoga des Handelns führen zu höchster Seligkeit; von den beiden jedoch ist der Yoga des Handelns dem Verzicht auf Handlung überlegen. Als immerwährender Sannyasin möge der angesehen werden, der weder hasst noch wünscht; denn frei von den Gegensatzpaaren, o mächtig bewaffneter Arjuna, findet er leicht Befreiung aus den Banden. Kinder, nicht Weise, sprechen von Wissen und dem Yoga des Handelns, vom Ausführen der Handlungen, als wären es zwei verschiedene Dinge oder etwas voneinander Getrenntes; wer wahrhaft in einem fest verwurzelt ist, erntet die Früchte von beiden. Den Ort, den die Sankhyas oder Jnanis erreichen, erreichen auch die Yogis (Karma Yogis). Derjenige erkennt, der Wissen und Handeln (Karma Yoga) als eins erkennt.“

„Doch Entsagung, o mächtig bewaffneter Arjuna, ist ohne Yoga schwer zu erreichen; der Weise, der durch Yoga Harmonie erreicht hat, geht rasch zu Brahman. Wer den Weg des Handelns geht, wessen Geist ganz rein ist, wer selbstbeherrscht ist, seine Sinne bezwungen hat und sein Selbst als das Selbst aller Wesen erkennt, wird nicht befleckt, obgleich er handelt. Wer seine Handlungen Brahman opfert und Verhaftung aufgibt, wird von der Sünde nicht befleckt, so wie das Lotosblatt von Wasser nicht befleckt wird. Durch das Aufgeben von Verhaftung handeln die Yogis nur mit Körper, Geist, Verstand und auch mit den Sinnen, um sich zu reinigen.“

„Wer die Einheit gefunden hat (ausgewogen und harmonisch ist), gelangt zum ewigen Frieden, nachdem er den Früchten des Handelns entsagt hat; nur wer die Einheit nicht gefunden hat (der Unstete, Unausgewogene), vom Wunsch getrieben und verhaftet, ist gebunden. Im Geist allen Handlungen entsagend und selbstbeherrscht ruht der Verkörperte glücklich in der Stadt mit den neun Toren, handelt nicht und verursacht auch nicht die Handlungen anderer (von Körper und Sinnen). Der Herr lässt weder Urheberschaft noch Handlungen für die Welt entstehen und auch nicht die Verbindung mit den Früchten der Handlungen, vielmehr ist es die Natur, die handelt. Gott übernimmt weder Schuld noch Verdienst von einem Menschen; Wissen ist von Unwissenheit umhüllt, dadurch werden die Wesen getäuscht.“
[BhG 5.1-16]

Arjuna sagte zu Krishna:

„Es ist mein Wunsch, o mächtig Bewaffneter, die Essenz oder Wahrheit sowohl über die Entsagung zu kennen, o Hrishikesha , als auch über den Verzicht, o Zerstörer Keshis .“

Shri Krishna antwortete:

„Gelehrte verstehen unter Sannyasa den Verzicht auf Handlungen, die mit Wünschen verbunden sind; die Weisen nennen den Verzicht auf die Früchte aller Handlungen Tyaga . Manche Philosophen sagen, Handlung müsse als ein Übel aufgegeben werden; andere hingegen (sagen), dass Opferhandlungen, Geben und Askese nicht aufgegeben werden sollten. Höre von Mir den Schluss über diesen Verzicht, o Bester der Bharatas; Verzicht, o Bester der Menschen, wurde wahrlich als dreifach dargestellt. Opferhandlungen, Geben und Askese dürfen nicht aufgegeben werden, sondern sind zu tun; Opfer, Geben und auch Askese läutern den Weisen. Doch auch diese Handlungen müssen unter Aufgabe von Verhaftung und des Wunsches nach Belohnung ausgeführt werden, o Arjuna; das ist Meine feste und beste Überzeugung. Wahrlich, der Verzicht auf verbindliche Handlungen ist nicht recht; sie aus Täuschung aufzugeben, wird als tamasig angesehen. Wer auf Handlung aus Furcht vor körperlichen Schwierigkeiten verzichtet (weil es schmerzhaft ist), erhält durch einen so rajasigen Verzicht nicht den Gewinn, den die Entsagung bringt. Jede Pflicht wird ausgeführt, o Arjuna, einzig und allein nur deshalb, weil sie getan werden muss und Verhaftung und der Wunsch nach Lohn werden aufgegeben; diese Entsagung wird als sattwig angesehen. Der Entsagende, den Reinheit durchströmt und der klug ist und keine Zweifel hat, hasst keine unangenehme Tätigkeit und ist auch an eine angenehme nicht verhaftet. Wahrlich, für ein verkörpertes Wesen ist es nicht möglich, vollständig auf Handlung zu verzichten; wer jedoch auf den Ertrag der Handlungen verzichtet, wird tatsächlich ein Mensch der Entsagung genannt. Die dreifache Frucht der Handlung (gut, schlecht und vermischt) erwächst nach dem Tod denen, die nicht entsagt haben, aber niemals denen, die entsagt haben.“
[BhG 18.1-12]


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