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Bhaijis letzten Tage

Die Rückreise war in mancher Hinsicht schwieriger als der Aufstieg. Alle Pilger waren müde und sehnten sich danach, wieder auf ebener Erde zu gehen. Besonders Bhaiji war sehr still und schien sich nicht wohlzufühlen. Nach einigen Tagen steilen Abstiegs erreichten sie leichter begehbares Gelände; der Dandi konnte wieder benutzt werden, und man konnte die Kleider in der heißen Sonne trocknen.
      In Taklakote wartete ein Devotee auf sie, der ihnen ein Bündel Briefe übergab. Das Lager war wie üblich von Einheimischen umringt. Ma nahm ein paar Zimbeln hervor, die ihr vor einiger Zeit jemand geschenkt hatte, und forderte die Frauen und Kinder mit Gesten auf, zu ihrem schönen, rhythmischen Klang zu singen. Gefälligerweise übertrugen die Ponyführer das für sie in Worte. Die Frauen faßten sich freudig bei den Händen und bildeten einen Kreis. So gab es in dieser ungewöhnlichen Umgebung Tänze und Gesang, aber Didi hatte bereits erkannt, daß für Ma kein Ort und kein Mensch fremd war. Auf Ma‘s Vorschlag verteilte Didi den Rest der Trockenfrüchte, Mandeln, Rosinen, Cashewnüsse usw.
      Auf Parvatis Anregung stiegen sie einen Berghang hinauf, um die Höhlen der buddhistischen Lamas zu besuchen. Sie wurden zum obersten Lama geführt. Bhaiji sagte im Namen aller: »Gebt uns Kraft (auf dem Weg zu Gott zu bleiben)«. Parvati übersetzte Bhaijis Worte. Der Lama schien Gefallen an ihnen zu finden; dann wurden Geschenke ausgetauscht. Bhaiji zeigte Interesse an den auf Regalen gestapelten Schriftrollen. Er bewegte den alten Lama dazu, ihm eins dieser alten Manuskripte zu verkaufen.
      Von Taklakote stieg der Weg zur Passhöhe an. Sie bewältigten den Pass mit einiger Schwierigkeit. Nach der Überquerung des Lipu befanden sie sich auf einfacherem Gelände und erreichten Garbyang am Dienstag, dem 20. Juli. Die Pferdeführer waren froh, sie hatten ihre vertraglichen Pflichten erfüllt und konnten nun heimgehen. Viele Leute kamen, um Ma ihre Ehrerbietung zu erweisen. Ein weiteres Bündel Briefe wurde am Postamt in Empfang genommen. Parvati und die anderen Studenten verabschiedeten sich jetzt, und jeder ging seines Weges. Sendel Singh und die Ponyführer bekamen ihren Lohn und nahmen Abschied. Nach der engen Gemeinschaft auf einer äußerst schwierigen Reise war der Abschied nun unvermeidbar schmerzlich.
      Die Pilger brachen mit einer neuen Mannschaft von Ponyführern nach Khela auf, dem letzten größeren Rastplatz vor dem endgültigen Abstieg nach Almora. Auf dem Weg trafen sie die ungeduldig auf ihre Rückkehr wartende Ruma Devi. Sie sagte zu Ma: »Ma, ich hatte beschlossen, mein Leben dem Dienst an den Mitmenschen zu widmen - aber da ist kein Ende abzusehen. Jetzt, in meinem Alter, zieht mich das nicht mehr an. Ich möchte jetzt meinen persönlichen Sadhana für mich allein ausüben. Ich würde gern in den Jahren, die mir noch verbleiben, in Ma‘s Nähe sein.«
      Ma erfüllte ihr diesen Wunsch; Ruma Devi kam mit ihnen ins Tiefland und lebte viele Jahre in Ma‘s Ashram in Dehra Dun. Sie war eine zierliche Person, hatte ein anmutiges Lächeln und liebenswerte Umgangsformen. Sie wurde sehr beliebt und erwarb sich unter den Devotees eine angesehene Stellung.
      Der Abstieg erfolgte in sehr langsamen Märschen, da Bhaiji krank wurde und Fieber bekam, das sich auch durch Medikamente und medizinische Hilfe in Krankenstationen auf dem Weg nicht vertreiben ließ. Ma war ständig an seiner Seite, sie gab Didi und den anderen Anweisungen, wie man es ihm bequemer machen könne. Sie wurde still, und bald war klar, daß sie zu völligem Schweigen übergegangen war. Sehr erleichtert trafen sie am Dienstag, dem 10. August, in Almora ein. Die Devotees erwarteten ungeduldig ihre Ankunft. Hari Ram, seine Freunde und Verwandten übernahmen die Verantwortung für Bhaijis Behandlung und Pflege. Bhaijis Krankheit überschattete die Freude über die glücklich vollendete Pilgerschaft und das Wiedersehen mit den Freunden. Alle, die sonst überglücklich gewesen wären, Ma wieder in ihrer Mitte zu haben, waren nun traurig zu sehen, daß sie Schweigen wahrte und daß Bholanath und die anderen sich solche Sorgen um Bhaijis Gesundheit machten.

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Die besten Ärzte der Stadt wurden an Bhaijis Bett geholt. Didi kannte jetzt Dutzende von Leuten, auf deren Hilfe sie rechnen konnte. Man setzte sich mit Bhaijis Frau in Verbindung, die aber weder antwortete, noch nach Almora kam. Dagegen kam mit dem ersten erreichbaren Zug Bhaijis persönlicher Diener Khagen. Bhaiji freute sich sehr, ihn zu sehen. Sein Zustand schwankte. Die Ärzte nahmen den Kampf gegen seinen unmittelbar drohenden Tod auf. Sie stemmten sich nach besten Kräften dem Schwinden seiner Energie entgegen. Als die Pfleger und Besucher eines Tages entmutigt um Bhaijis Bett saßen, schreckte sie der vollkommen unerwartete Klang von Ma‘s schallendem, fröhlichem Lachen auf. Es ist unmöglich, Ma‘s Attahasa zu beschreiben; ein hallender Klang, an dem jeder Ausdruck menschlicher Not zunichte wird. Göttliches Gelächter im Angesicht einer menschlichen Tragödie - ein Geheimnis!
      Bholanath, Swamiji und Didi wußten, daß Ma‘s Mitgefühl, Verständnis und Fürsorge für ihre Leute grenzenlos waren. Nun wurde ihnen die fast vergessene Tatsache vor Augen geführt, daß sie Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit mit vollkommenem Gleichmut annahm. Vielleicht würden ihre Gebete für Bhaijis Gesundung nicht in Erfüllung gehen. Die neuen unter den Devotees versetzte Ma‘s Lachen in ehrfürchtige Scheu. Sie zweifelten nicht an ihrer Sorge um Bhaiji, gewannen jedoch nun einen Einblick in die Dimension völliger Freiheit von der emotionalen Färbung der Situation. Sie bekamen nun eine Ahnung davon, was es bedeutete, daß Ma als eine der ihren bei ihnen war, und doch ganz unberührt blieb von allen dem menschlichen Dasein anhaftenden Problemen.
      Bhaiji wußte, daß er im Sterben lag. Er versuchte, die Ärzte von letzten Rettungsversuchen mit Kochsalz- und Glukoseinjektionen abzubringen. Die Ärzte konnten und wollten seinem Wunsch jedoch nicht nachgeben. Am Vorabend seines Todes schaute Bhaiji Didi an und sagte - vielleicht als Lebewohl, vielleicht auch in Anerkennung ihrer hingebungsvollen Krankenpflege - klar und deutlich zu ihr: »Khukuni [Didis Spitzname] ... es geht zu Ende!«
      Am nächsten Tag baten Hari Ram, Didi und viele andere Ma wiederholt, ihr Kheyala auf Bhaijis Genesung zu richten; sie deutete jedoch durch eine Geste an, daß sie kein  solches Kheyala habe. Nach ihrer negativen Antwort gaben alle die Hoffnung auf. Ma saß still am Bett des Kranken und wischte ihm ab und zu die Stirn mit einem kühlen Tuch ab. An diesem Tag schien es Bhaiji besser zu gehen, er hatte alle seine Fähigkeiten wiedergewonnen. Er sagte laut einige Namen Gottes und wiederholte dann immer wieder: »Ma, Ma, Ma ...« Nach kurzem Schweigen bemerkte er plötzlich: »Wie schön!« Dann sagte er wieder im Ton voller Überzeugung: »Es gibt nur das Eine. Es gibt nichts außer dem Einen.«
      Hari Ram dachte wohl, daß Bhaiji sich bereits in einer Region jenseits ihrer Reichweite befinde, und rief mit zusammengeschnürter Kehle aus: »Bhaiji?« Bhaiji antwortete ihm sofort: »Denk immer daran, mein Freund, daß alles Eines ist, daß es nur das Eine gibt. Ma und ich sind Eins, Baba [Bholanath] und ich sind Eins, wir alle sind Eins: es gibt nichts anderes als das Eine.«
      Kurz vor seinem Tod war er für eine oder zwei Minuten mit Ma alleine. Als Didi und die anderen in sein Zimmer kamen, sagte er mit klarer Stimme und in sehr ruhiger, gefaßter Haltung: »Ma hat mir gesagt, ich solle jetzt schlafen. Ich werde jetzt schlafen.«
      Das waren seine letzten an die treuen Pfleger gerichteten Worte. Wenig später, um halb vier Uhr nachmittags am 17. August 1937, tat er seinen letzten Atemzug. Für einige Minuten waren alle Anwesenden von der heiteren Gelassenheit seines Todes tief ergriffen. Bevor irgendjemand etwas sagen konnte, durchbrach Ma‘s sanfte Stimme die tiefe Stille. Sie brach ihr vieltägiges Schweigen und sagte leise zu ihnen:
      »Ich will euch jetzt von einigen Geschehnissen erzählen, die sich im Himalaya nahe dem heiligen Berg Kailash zutrugen. Als ich am Ufer des Sees ankam, wartete Bholanath dort auf mich. Er nahm mich beiseite und sprach in sehr beunruhigtem Ton mit mir über Jyotish. Er sagte, Jyotish habe nach dem Baden im See seine Kleider abgelegt, sei zu Bholanath gekommen und habe ihm seinen gesamten Besitz, den er zur Zeit bei sich trug, vor die Füße gelegt. Ihm zu Füßen kniend habe er den Wunsch geäußert, von uns allen Abschied zu nehmen und als ein Avadhuta [Asket, der keinem der etablierten Orden angehört] in die Berge zu gehen. Er sprach mit einer solchen Dringlichkeit, als könne er keinen Aufschub erdulden. Immerhin hatte er genug Einsicht in seine Lage, wenigstens Bholanaths Erlaubnis einzuholen, bevor er allein in unbekannte Regionen des Himalaya loswanderte.

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Bholanath war über dieses Ansinnen natürlich erschrocken und wußte nicht, wie er damit umgehen sollte. Er versuchte es mit einer Ermahnung und rief aus: ›Was redest du da? Steh auf und zieh dich sofort an. Deine Ma ist nicht hier. Wie kannst du so reden? Was würden die anderen sagen, wenn wir ohne dich heimkämen?‹
      Bholanath war erleichtert, daß Jyotish ihm daraufhin ohne Widerrede gehorchte. Er zog seine warmen Kleider an und wartete still neben dem Zelt auf die Ankunft des Rests unserer Gruppe. Als ich kam, erzählte mir Bholanath bei erster Gelegenheit von dem Vorfall. Alle waren mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Ich ging allein für eine Weile an den See. Als Jyotish mich dort allein sah, wiederholte er mir mit entschlossener Stimme alles, was er Bholanath schon gesagt hatte, und fügte hinzu: ›Ma, ich weiß, daß ich nicht mehr viele Tage in dieser Welt zu leben habe. Ich habe den tiefen Wunsch, die wenigen Tage, die mir noch bleiben, in einer Höhle im Herzen des Himalaya zu verbringen. Ich möchte einfach von hier aus in eine beliebige Richtung gehen und mit mir allein sein, bis es Zeit für mich ist, die Welt zu verlassen. Darf ich jetzt von Dir Abschied nehmen? Erlaube mir, für immer Lebewohl zu sagen. Bitte bewege Baba [Bholanath] dazu, mir seine Erlaubnis zu geben.‹
      Er erwartete offensichtlich nicht, daß ich ihm sein Vorhaben verbieten würde. Ich sah, daß sich in diesem Augenblick in ihm die reine Geist der Entsagung offenbarte, das ersehnte Ziel aller Pilger auf dem Weg des spirituellen Lebens. Ich sah dies alles, aber ich sagte: ›Dennoch mußt du zur Zeit bei uns bleiben.‹ Jyotish sagte nichts mehr, er folgte mir in ernstem Schweigen. Nach einer Weile sagte er mit einiger Mühe: ›Ich habe einen kleinen Wunsch. Erlaube mir bitte, daß ich von jetzt ab Schweigen bewahre.‹ Darauf antwortete ich: ›Nein, solange wir auf dieser Reise sind, ist das unangebracht.‹ Er sagte nichts weiter.«
      Die Zuhörer dieses Berichts über Bhaijis Versuch, sich von der Welt zu lösen, spürten, daß ihnen ein kleiner Einblick in das Ausmaß seiner Selbsthingabe zu Füßen von Ma gewährt worden war. Im entscheidenden Moment seines Lebens hatte er seinen Willen ihrem Kheyala unterworfen, und das ohne die geringsten Einwände. Er hatte Vairagya [Verlust aller inneren Bindung an die Welt] erfahren; er mußte notwendigerweise bekommen, wonach er sich so brennend gesehnt hatte. Ma berichtete weiter, wie ihrem Mund ein Sannyasa-Mantra entströmte, und wie Bhaiji es freudig als das seine annahm. Überwältigt rief er aus: ›Ma, mein Verlangen ist erfüllt!‹ Daraufhin führte er im Wasser des Sees bestimmte Kriyas aus, z.B. Tarpan, und lebte von da an ständig mit seinem Mantra.
      Ma fuhr nach einer Weile fort: »Da Jyotish Maunam bewahren wollte und da er das Sannyasa Mantra in den hohen Bergen erhalten hatte, gab ich ihm den Namen ›Maunananda Parvat‹ [‘der im Schweigen Glückseligkeit findet/der Berg’]. Sein Leichnam muß als der eines Sannyasi behandelt und mit den entsprechenden Riten bestattet werden. Jyotish hat mich gebeten, alles was ich euch jetzt erzählte, niemandem zu enthüllen, aber ich sagte ihm, das könne ich nicht versprechen; wenn nötig würde ich den Leuten, die es angeht, von diesen Ereignissen berichten. Ich denke, die Zeit für diese Enthüllung ist jetzt gekommen, damit ihr, was die letzten Riten angeht, richtig handeln könnt.«
      Die Zuhörer waren tief bewegt. Sie waren stolz auf ihr Ideal; das Vorbild aller Devotees hatte bis zu seinem letzten Atemzug demonstriert, wie der Mensch schon in diesem Dasein in der Erkenntnis Gottes leben kann.
      Hari Ram machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Platz für einen Samadhi [Grabstätte]; er fand eine Stelle mit Namen Patal Devi. Es wurde bekannt, daß Bhaiji bei einem früheren Besuch den Wunsch geäußert hatte, dort zu bleiben. Nun würde sein Leichnam an dem Ort seiner Wahl bestattet werden. Dem untröstlich trauernden Hari Ram sagte Ma: »Ihr alle habt ihn so geliebt. Die Dinge haben nun einen solchen Lauf genommen, daß sein Körper in eurem Teil der Welt bleibt.«
      Ma wies Swami Akhandananda als Sannyasi an, die einfachen letzten Bestattungsriten für einen Asketen auszuführen.
      Dem tieftraurigen Khagen erzählte Ma immer wieder ausführlich von Bhaijis letzten Tagen. Nach der Beerdigung zerstreute sich die kleine Gruppe betrübten Herzens in verschiedene Richtungen. Ma, Bholanath, Didi, Swamiji und Hari Ram fuhren zum Ashram nach Dehra Dun. Aus allen Städten, in denen Ma bekannt war, trafen Briefe ein, die dem Schmerz um einen bitteren Verlust Ausdruck gaben. Ein Bollwerk war gefallen. Man empfand, daß es nun niemanden gab, der seine Stelle einnehmen und Ma‘s Kheyala vermitteln konnte, mit dem er sich auf einzigartige Weise identifiziert hatte. Ma selbst hatte gesagt, daß Jyotish oft ihrem Kheyala gemäß handele und mit Leuten umgehe, ohne daß sie ihre Wünsche zu äußern hätte. Viele hatten seine Führung äußerst wertvoll gefunden und fühlten sich jetzt der ständigen Quelle ihrer Ermutigung beraubt.

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Bhaiji war der Typ des modernen, gebildeten Mannes mit einer verantwortungsvollen Position im Leben, der die Anforderungen seiner Zeit gut kennt und doch in der Überlieferung seiner eigenen Kultur fest gegründet ist. Er hatte keine einfachen Antworten auf seine Fragen gefunden. Er mußte die Pionierleistung vollbringen, auf ganzer Linie neue Wege zu bahnen. In seinen Tagen war Ma eine unbekannte Größe - ihre Anhänger wurden für ihre Hingabe an sie absolut nicht bewundert. Die treuen Devotees mußten selbst zu einem Verständnis der außergewöhnlichen Persönlichkeit geführt werden, die ihre Herzen erobert hatte. Bhaiji hat viel dazu beigetragen, den Leuten, die sich um Ma scharten, ihr außergewöhnliches Wesen zu erläutern. Seine beispielhafte Hingabe ist nichts, was sich von selbst ergibt; sie ist Ergebnis einer permanent gelebten Bemühung. Sein Leben wird allen, die sich nach Weltentsagung sehnen, immer ein Quell der Inspiration bleiben.
      Hier ist vielleicht der richtige Platz, Bhaiji über seine Frau und seine Einstellung zur Verantwortung gegenüber seiner Familie selbst zu Wort kommen zu lassen. Unmittelbar nachdem er sein Heim verlassen hatte, bekam Bhaiji Gelegenheit, einen Monat lang allein in Solan zu leben. Er war gewohnt, seine Gedanken in ein Tagebuch einzutragen. Die folgenden Passagen sind Eintragungen aus Solan:
      »Als ich Mataji 1924/25 begegnete, fühlten meine Frau und ich uns gleicherweise in Verehrung zu ihr hingezogen. Allerdings gab ich mich immer mehr zu Ma‘s Füßen hin, während meine Frau sich von ihr zurückzog. Sie konnte nicht akzeptieren, daß ich mich nach etwas sehnte, wovon ich selbst nicht genau wußte, was es war. Sie machte mir Vorhaltungen, z.B. ›Es ist doch bestimmt nicht nötig, so weit zu gehen, um ein frommes Leben zu führen. Du vernachlässigst deine Gesundheit, du hast keine Zeit mehr für deinen Sohn und deine Tochter. Ist das ein Leben für einen Familienvater?‹
      Meine Frau stammt aus einer alteingesessenen, sehr kultivierten Familie und hatte immer viel Sinn für Selbstachtung und würdevolles Betragen. Durch all die Jahre und bis zum heutigen Tag bleiben mir ihre aufrechte Haltung und ihre Gradlinigkeit ungetrübt im Gedächtnis. Ich wollte sie in keiner Weise verletzen. Ich versuchte, ihr zu erklären, daß jeder Bruch des geordneten Lebensrhythmus wie verantwortungsloses Verhalten aussehen müßte; aber wie anders sollte man nach etwas streben, das über die etablierten Werte hinausführt? Mein Freund Niranjan versuchte oft, sich bei ihr für mich einzusetzen, ihr meinen Standpunkt zu erklären, doch sie wollte davon nichts hören.
      Eines Tages sagte sie ungeduldig: ›Du bist so teilnahmslos, daß es für uns egal ist, ob du zu Hause bleibst oder uns ganz verläßt.‹ Ich verharmloste die Bemerkung und sagte lächelnd: ›Dann macht es dir nichts aus, wenn ich mein Zuhause als Sannyasi verlasse?‹ Gekränkt erwiderte sie: ›Natürlich nicht!‹ Mein Sohn und meine Tochter waren auch dabei. Obwohl keiner von uns im Ernst gesprochen hatte, war dieses Gespräch für mich bedeutsam; ich erwähnte es in meinem Tagebuch.
      Als ich krank wurde, betreute mich meine Frau mit unvorstellbarer Fürsorge. Ihre Pflege und unermüdliche Hilfe waren zweifellos sehr wichtig für meine Genesung von dieser schrecklichen Krankheit. Etwa zur selben Zeit verlor sie ihren jüngeren Bruder, den sie sehr geliebt hatte. Die Trauer entfremdete sie weiter von Ma. Sie wurde ein Opfer ihrer Depression, und in dieser Stimmung baute sie einen immer größeren Widerstand gegen meine Hingabe an Ma auf. In meinem älteren Bruder, der ebenfalls nicht mit meiner Lebensweise einverstanden war, fand sie einen Verbündeten.
      Angesichts solcher Verständnislosigkeit und Opposition war ich hilflos. Ich wußte selbst nicht, was mit mir geschah, wie konnte ich es anderen erklären? Ich hatte eine neue Welt entdeckt, und ich erkannte die Bürger dieser Welt als Reisegefährten, aber meine eigene Familie konnte ich absolut nicht für diesen Aufbruch ins Ungewisse begeistern. Meine Frau war damals schlecht beraten, viele unwürdige Bemerkungen über mich zu machen. Ich war jedoch nicht unglücklich über diese Wendung der Dinge. Es war ein versteckter Segen. Auf diese Weise half sie mir sehr auf dem von mir erwählten Weg des Sadhana. Ich bekam Gelegenheit, mich immer mehr von geselligen Pflichten und bedeutungslosen weltlichen Beschäftigungen zurückzuziehen.
      Ich hatte nie das Ziel, der Welt als etwas Unwirklichem zu entsagen. Auch war ich nicht so erzogen worden, daß ich meine Verantwortung auf die leichte Schulter genommen hätte. Mir war klar, daß alles andere ebenso echt war, wie ich mir selbst wirklich war. Sich jedoch im Streben nach jener Wirklichkeit zu festigen, die die Grundlage allen Seins ist und durch die alles andere Wirklichkeit erlangt, erfordert eine gewisse Umkehr. Um diese ersehnte ›Genesung‹ herbeizuführen, muß die Medizin der Meditation durch die Schonkost der Einsamkeit ergänzt werden.
      Meine Familie wirft mir vor: ›Du hast uns verlassen!‹ Wie bin ich fortgegangen? Ich habe nur meinen Körper in eine weit entfernte Gegend gebracht. Im übrigen bleibe ich, was ich bin, so scheint es mir zumindest.
      Wenn ich an meine Frau denke, erkenne ich, daß sie zwar äußerlich alle Verbindungen zu Ma abgeschnitten hat, aber innerlich gerade durch ihre feindseligen Gedanken ein großartiges Sadhana tiefer Konzentration betreibt.
      Sie ist ein Mensch von großer Willenskraft, tiefer Religiosität und reinem Herzen. Es ist durchaus möglich, daß sie mit ihrer Fähigkeit zur zielgerichteten Konzentration viel früher Ma‘s Füße erreicht als ich mit meinen unzusammenhängenden Bemühungen. Wie dem auch sei, möge Ma‘s Kheyala sich in unserem Leben auf jede Weise erfüllen.«
      Hier ist zu ergänzen, daß Bhaijis Frau, Manikuntala Devi, sich einige Jahre nach seinem Tod wieder mit Ma aussöhnte. Sie hatte eingesehen, daß sie auf die schlechten Ratschläge einiger Leute gehört hatte, und daß sie damals nicht die Kraft besaß, ihr wahres Interesse zu erkennen. Sie hatte Ma‘s Einladung ignoriert, bei ihrem Mann zu leben, als er allein an verschiedenen Orten seinem Sadhana nachging. So vergab sie die Chance, seine letzten Jahre mit ihm zu teilen.
      Die Devotees, die nach Bhaijs Zeit zu Ma kamen, waren immer begierig, sie von ihm erzählen zu hören. Besonders Anil Chandra Ganguly konnte Ma‘s Kheyala, über Bhaiji zu sprechen, wachrufen. Er schreibt:
      »Diesmal sprach Ma in Vindhyachala sehr oft über Bhaiji. Alles scheint in einem Wesenszug von Bhaijis Leben zu münden. Er war ganz und gar frei von jeder weltlichen Bindung. Ma sagt manchmal: ›Wenn die Hoffnung zunichte wird, ist man wirklich beraubt.‹
      Bhaiji hatte sich gewünscht, beraubt zu werden. Seine letzten Lebensjahre waren gekennzeichnet von schlechter Gesundheit, gestörten Familienverhältnissen, der Mißbilligung seiner Angehörigen. Er bat nie um persönliche Vergünstigungen, er versuchte nie, Ma für seine eigenen Zwecke einzuspannen; seine Hingabe zu Ma‘s Füßen hatte nur das Ziel, Ma um ihrer selbst willen zu verstehen. Worüber ein durchschnittlicher Mensch verzweifelt wäre, das war ihm willkommen als Gnadengeschenk von ihr, die so überreichen Segen spendet.«

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