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Der Aufstieg des Geistes

 
 
   14 Die Probleme des spirituellen Suchers

Der spirituelle Lebensweg ist vermutlich die schwierigste und rätselhafteste aller Kunstfertigkeiten und Wissenschaften. Die Schwierigkeit, ein spirituelles Leben zu führen und die Bedeutung des Spirituellen zu begreifen, liegt darin begründet, daß dieses anstrengende Abenteuer mit so vielen subtilen Faktoren verbunden ist und vom Individuum von einem Moment auf den anderen derart gewandte Anpassungsmanöver erfordert, daß sich der gesamte Prozeß praktisch jenseits der Möglichkeiten eines Durchschnittsmenschen befindet, der ja im allgemeinen an eine “Auf-gut-Glück-Haltung” gewöhnt ist, die ihn in seinem persönlichen und sozialen Leben völlig den Instinkten, Vorurteilen, Routinen und Trampelpfaden stereotyper Verhaltensmuster überläßt. Man kann es durchaus als Gnade des Schicksals bezeichnen, wenn ein Mensch vom spirituellen Ideal entflammt wird, wobei die Gründe hierfür manchmal direkt sichtbar sein können, manchmal jedoch auch völlig unverständlich sind. Im allgemeinen kann ein spirituelles Streben im Herzen einer Person durch den regelmäßigen Umgang mit spirituell Eingeweihten oder Meistern angefacht werden; durch ein lange Zeit fortgesetztes Studium spiritueller Literatur; durch ein plötzliches Erwachen zu Tatsachen, die sich aus der Wahrnehmung von offenkundigen Widersprüchen, Leid und Elend ergeben; oder durch einen unerwarteten Einsichtsimpuls in die Vergänglichkeit und letztendliche Sinnlosigkeit alles Irdischen und Empirischen. All diese Faktoren können als sichtbare Ursachen für ein plötzliches Aufflammen des spirituellen Strebens im Geist einer Person erachtet werden, auch wenn sich hinter diesen noch tiefer reichende und unsichtbare Gründe befinden mögen, die die Reichweite der Kräfte der bewußten menschlichen Ebene überschreiten. Das Fruchten äußerst  tugendhafter Taten, die man in vergangenen Leben vollbracht hat sowie rechte Bemühungen aus solchen früheren Inkarnationen der Seele können bereits in frühen Jahren des jetzigen Lebens als unsichtbare Ursachen für die Offenbarung eines tief reichenden spirituellen Drangs wirken.

        Der Druck, der mit dem plötzlichen Erwachen zu einem spirituellen Wertempfinden einher geht, kann völlig unerwartete Ausmaße annehmen und die eigene persönliche und soziale Einstellung dermaßen verändern, daß die Mitmenschen davor erschrecken und zur Überzeugung gelangen können, “daß hier etwas nicht stimmen kann”. Anfänglich, wenn auch vorübergehend, kann es zu sozialen Spannungen mit anderen Personen kommen und zur Aneignung einer Lebensweise, die einen in Disharmonie mit der außen vorherrschenden Atmosphäre versetzt oder gar in völligen Gegensatz zur akzeptierten Etikette und Ethik der Gesellschaft, in die man hinein geboren und in der man aufgezogen wurde. Dieser innere Drang der Seele kann für eine Weile den stärksten Kräften der Welt standhalten und wie ein Wirbelsturm wirken, der selbst die mächtigsten Bäume entwurzeln kann und die Dächer von Häusern und Tempeln davon zu wehen vermag, die man als lieb und heilig schätzte. Er kann sogar die stabilsten Zuneigungen gegenüber jenen brechen, die man bisher als unentbehrlich erachtete und die einem eigentlich so nah und teuer wie die eigene Haut waren. In  diesem Sinne ist das Entflammen der Seele von innen her eine Art revolutionärer Gewalt, die alles in Frage stellt, was normalerweise als moralisch gut, sozial notwendig und traditionell unverletzlich angesehen wird. Die Gewalt der von innen entflammten Seele kann den Scheinheiligkeiten irdischer Förmlichkeiten zum Alptraum werden, gleich einem Feuer des Verderbens, das über all die vertrauten Werte des Lebens hereinbricht. Wenn ein solches Feuer vom Individuum Besitz ergreift, kann es zu dem Gefühl kommen, daß in dieser Welt nichts auch nur den geringsten Wert hat und das einzig Lohnende die Verwirklichung und die Erfahrung Gottes ist! Eine große Zahl jener Menschen, die zu abgeschiedenen Orten, zu Tempeln, Kirchen, Klöstern, Ashrams und dergleichen aufbrechen, befindet sich in einem solchen Zustand und hofft darauf, dort vielleicht die Möglichkeiten zu einem verinnerlichten und spirituellen Leben vorzufinden. Und so treffen wir den spirituellen Sucher in einem heiligen Kloster wieder.

        Das Mahabharata und die Bhagavadgita sind die erhabenen epischen Illustrationen der Probleme eines spirituellen Suchers, samt der Wege, diesen Problemen zu begegnen und sie ein für allemal zu lösen. Das Adi-Parva des Mahabharata[19] repräsentiert den Zustand des Samens, in dem die spirituellen Neigungen und Kräfte latent vorhanden liegen, die, sobald sie aus dem Samen hervor gesprossen sind, mit empfindlichen Babys verglichen werden können, die Schutz, Pflege und Nahrung benötigen. Die Kleinen wachsen in einer verwirrenden Atmosphäre aus Hoffnung und Unsicherheit heran, in der sie sich ihrer Umgebung und ihrer Zukunftsaussichten nicht gerade sicher sind. Im Sabha-Parva scheint sich der Aspekt der Hoffnung im Zustand der jubelnden Erfüllung zu befinden, in dem alles sicher, fein und erhaben aussieht. Dies ist genau die Stufe des spirituellen Suchers, der Zustand des gewaltigen Enthusiasmus und der Bestimmtheit, in dem er die Abgeschiedenheit der Wälder oder die strenge Atmosphäre eines Klosters betritt, in dem er ein erhabenes Leben der Kontemplation Gottes zu führen erhofft. Doch am Ende des Sabha-Parva lauert ein Stachel, der all den Glanz der anfänglichen Ereiferung in einen Anti-Höhepunkt äußerster Leiden verwandelt. Hier sehen wir die Pandava-Brüder in die Klauen eines betrügerischen Würfelspiels laufen, dem ihre Verbannung in die Wälder folgt, wo sie sich in einem Elend wiederfinden, das jeglicher Beschreibung spottet. Nun befinden wir uns im Aranya-Parva. Der traurige Zustand hat sich derartig verschlimmert, daß sie sogar nach Beendigung des Exils noch für eine Weile unerkannt leben müssen, damit die übel gesinnten Kräfte nicht Rache an der Kühnheit dieses edlen Strebens verüben mögen, das der spießbürgerlichen Welt der sozialen Heuchelei so ein Dorn im Auge ist. So vergeht das Virata-Parva. Doch die Wahrheit triumphiert, das Gute siegt, und die Kraft der Tugend erregt sogar die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Götter. Eine plötzliche Wendung der Ereignisse findet statt, und mitten im schlimmsten aller Leiden kommen Aufmunterungen von den mächtigen Kraftspendern der göttlichen Regierung, daß die Dinge nicht ganz so übel sind, wie sie bis zu diesem Zeitpunkt erschienen sind. Gewaltige Energien sammeln sich, und Sympathie und Hilfe kommt von allen Seiten. Himmlische Wesen wie Indra und unbesiegbare Helden wie Sri Krishna bieten sich an, um den Kräften der Tugend und des Strebens in ihrer Schlacht gegen die feindlichen Elemente beizustehen, gegen Egoismus, Gier, Lust, Zorn, irdische Mächte und ungöttliche Instinkte. Das Udyoga-Parva beschreibt die Versammlung von mächtigen und furchtlosen Freunden der Pandavas, die über den Kurs der zukünftigen Handlungen nachdenken. Dies ist der umfangreichste aller 18 Abschnitte des Mahabharata, in dem wir eine Beschreibung von bunt ausgeschmückten dramatischen Szenen vorfinden, die vor dem Beginn des blutigen Krieges von den Naturkräften aufgeführt werden. Diese Kräfte versuchen mit aller Macht, die Schönheit und Freude einer wahren Vielfalt von Werten und die Bedeutsamkeit von Sinneskontakt und Besitz von irdischen Gütern hervorzuheben und die göttlichen Kräfte zu zerstören, die ihrerseits nach letztendlicher Einheit des Lebens streben. Dies ist genau der Punkt, an dem wir ein Bild der harmonischen Mischung aus menschlichem Bemühen und göttlicher Gnade vorfinden können, wie auch das Anwachsen einer Zuversicht in die Möglichkeit des Erfolges. Gott selbst übernimmt die Verantwortung dafür, sich um das Notwendige für den Schutz der Kräfte des göttlichen Strebens und der göttlichen Tugend zu kümmern. Und so finden wir im Udyoga-Parva eine Beschreibung des majestätischen Ereignisses, daß ein solch übermenschliches Wesen wie Sri Krishna persönlich die Aufgabe übernimmt, als Friedensmissionar zur Versammlung der Kauravas zu gehen. Doch nicht nur dies: Als sich für Sri Krishna die Gelegenheit ergibt, seine kosmische Form zu zeigen, wird die furchteinflößende Macht Gottes deutlich demonstriert, die hinter den Kräften der Güte, der Tugend und des Strebens steht. Die eigentliche Schlacht beginnt jedoch erst im Bhishma-Parva, wo wir genau zu Beginn des unvermeidlichen Gefechts die überraschende Beschreibung einer erstaunlichen, von Arjuna offenbarten Haltung dargeboten bekommen, die sich in völligem Gegensatz zu den heroischen Vorbereitungen für die große Schlacht befindet, die für unvermeidbar gehalten wurde.

        Dieser Zustand ist genau genommen der Anfang der tatsächlichen spirituellen Praxis: ein plötzliches Abklingen des Eifers, eine Gefühlsverwirrung und ein gänzlich unerwartetes Beharren darauf, alle Werte zu verwechseln und den Wagen vor das Pferd zu spannen, indem man versucht, alle Logik und Ethik jener früheren Zeit auf den Kopf zu stellen, in der man mit großartiger Weisheit erkannt hatte, daß in der Entscheidung zum “Beginn eines Krieges” eine unausweichliche Bedeutung liegt. Was nun folgt, ist das in 18 Kapiteln verkündete “Hohelied der Bhagavadgita”, wobei diese 18 Kapitel die Stadien des Aufstiegs der Seele in ihrer spirituellen Bewegung hin zum Absoluten darstellen. Im Krieg des Geistes sind es nicht nur die Kräfte des offensichtlich Bösen in Gestalt von Duryodhana und seiner Gefolgschaft, denen man sich stellen und die man überwinden muß, sondern auch das traditionelle Recht und die traditionelle Moral, die von Bhishma verkörpert werden, der ansonsten von allen als der Älteste und Geachtetste angesehen wird. Tüchtigkeit und Gelehrtheit gehen in der Person Dronas mit Gewissenlosigkeit einher, obwohl dieser ungeheuer kraftvoll und hilfreich ist; fehlgeleitete Freundschaft und ein falsches Gefühl der Brüderlichkeit lassen sich in der Figur Karnas erkennen, auch wenn dieser äußerst kooperativ und eine verläßliche Quelle furchtbarer Kraft sein mag. Alle diese guten, geschätzten, wertvollen und heiligen Dinge müssen auf dem lodernden Altar der Seelentreue gegenüber dem letztendlichen Lebensziel mit größter Hingabe geopfert werden. Und in dem ehrfurchtgebietenden, herzzerreißenden und schrecklichen Krieg, den der Geist zum Zweck der Verwirklichung von Wahrheit und Rechtschaffenheit führt, ist die stille, helfende Hand Gottes in ihrer kraftvollen Aktivität bis zuletzt, wenn der Krieg schließlich siegreich beendet ist, sichtbar. Dies sind einige der Szenen, die in den Kapiteln des Mahabharata reichlich ausgeschmückt präsentiert werden.

        Der Eintritt des Suchers in ein Kloster oder einen Ort der heiligen Abgeschiedenheit ist wahrlich erst der Anfang seiner Schwierigkeiten. Die freiwillig gewählten Entbehrungen und die von der Umgebung oder der Atmosphäre dieses Lebens von außen auferlegte Disziplin versuchen den Schatz auszugraben, der in der Mine des inneren Wesens des Suchers verborgen liegt. Das Graben wirbelt jedoch auch eine Menge Staub auf, der einem sogar die klare Sicht nehmen kann, und nicht selten findet man zusammen mit dem in der Tiefe begrabenen Schatz harte Steine und stechende Dornen. Der spirituelle Drang kann plötzlich nachlassen, wenn er von dem Staub und dem Schmutz verdeckt wird, den die Kräfte der Anhänglichkeit an die äußere Vielfalt aufwirbeln, die vorübergehend sogar den Glanz der Sonne des höchsten Geistes verfinstern können, der als wahres Selbst im Herz des Menschen ruht und dieses von außen her als Unendlichkeit zu sich winkt. Zustände der Lethargie, der Gefühllosigkeit, des Hungers und des Schlafes können als nächstes Stadium unmittelbar auf das Entflammen des religiösen Enthusiasmus und die Sehnsucht nach spiritueller Befreiung folgen, mit der der Sucher in ein Kloster eintrat oder einen Platz in der Nähe eines Meisters aufsuchte. Das Ergebnis eines derartigen Geisteszustandes kann ein Zurückfallen in das Prinzip des geringsten Widerstandes sein. Darüber hinaus wird der spirituelle Drang von der aufgestauten Wirkung jener verdunkelnden und vernebelnden Reaktion unterdrückt, die von den ansonsten ganz normalen Mächten der Begierde ausgelöst wurde, die für einen kurzen Zeitraum in Vergessenheit geraten waren, solange der spirituelle Drang noch vorherrschend war. Die Sinne und das Ego sind wie der Teufel und das tiefe Meer, zwischen welchen das suchende Individuum Gefahr läuft festzusitzen. Und ganz gleich, in welche der beiden Richtungen es sich bewegen mag, sein Schicksal ist mit Sicherheit die eigene Vernichtung.

        Nach einer mehrjährigen Einlullung in Trägheit und Müdigkeit kann ein unwiderstehliches Verlangen nach Sinnenfreuden aufsteigen, was genau dem Zustand entspricht, den der Sucher einst, als es ihn in einem Anfall der Entsagung in die Einsiedelei oder das Kloster trieb, als nicht wünschenswert erkannt hatte. Da die gewöhnliche Form der Begierde einen aktiv sinnlichen Charakter hat, läßt sich der Sucher eventuell dazu hinreißen, sich dem Druck der Leidenschaften hinzugeben, die auf ihrer Befriedigung bestehen. Hier begegnen wir den ungestümen Instinkten der barbarischen Tierwelt, die keinerlei Rücksicht auf die Wohlfahrt anderer nehmen. Der Sucher kann neurotisch und exzentrisch werden, wenn die Ausdrucksmöglichkeiten seiner Gefühle und Triebe von der vorherrschenden äußeren Atmosphäre blockiert werden. Die schlimmsten Feinde des spirituell Strebenden sind Wohlstand, Sex, Ruhm und Zorn. Eine Sehnsucht nach törichter Befriedigung selbst durch unbedeutende Sinnesobjekte, Spiele und Zerstreuungen kann zur Oberfläche drängen und ihre Erfüllung erzwingen. Im Geiste des Suchers, der sich noch im Kampf befindet und im Dunkeln tappt, herrscht ständig ein Wechselspiel von Trägheit (Tamas) und Begehren (Rajas). Was er bis zu dieser Stufe, wenn überhaupt, erreicht hat, ist eine Unterdrückung von Begierden, die sich aus dem lodernden Feuer der Entsagung und der Liebe zu Gott ergab. Die Lage ist hier mit einem Ozean vergleichbar, der über Müllhalden, Abflußkanäle und Abwassertümpel hinweg schwappt, wobei er diese mit seiner überwältigenden Kraft überflutet und sie für eine Weile untertauchen läßt, dabei jedoch nicht wirklich in reinere Substanzen verwandelt. Der anfängliche spirituelle Drang des jubilierenden Enthusiasten, unseres jugendlichen Helden auf dem Pfad, weist genau diesen Charakter auf. Der Staub, der Schmutz und der Müll sind allesamt noch dort, wo sie waren, wenn sich der Ozean zurückzieht, wenn das Tageslicht der Sinnesaktivität auf sie fällt und sie in ihre ursprüngliche Form der Fäulnis und des Gestankes zurück verwandelt. Spirituelle Sucher, seid wachsam! Der Pfad, den ihr beschreitet, ist alles andere als das Ruhen auf einem Bett aus Rosenblättern oder ein labender Trunk aus Milch und Honig. Wahrlich, er ist eher wie die Schneide einer scharfen Rasierklinge!

        Jeder vernünftige Ratschlag, der nicht zur Erfüllung der Begierden beiträgt, kann auf Opposition stoßen. Und jeder zu starke, vom Kloster ausgeübte Druck, kann den Sucher in das Stadium der Schläfrigkeit, des unsozialen Verhaltens (in seltenen Fällen sogar in antisoziale Ausbrüche), in ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, in eine melancholische Stimmung und in eine Art Entseeltheit zurückwerfen. Dann kann auch die zischende Schlange des Mißtrauens in alle spirituellen Bemühungen, ja selbst in die Existenz Gottes, ihren Kopf erheben und eine Sehnsucht danach herbei züngeln, vielleicht doch besser dem Ruf zur Rückkehr ins weltliche Leben Gehör zu schenken, und somit in jenes Stadium, aus dem sich die Seele einst mit feurigem Eifer befreien wollte. Wie unergründlich der spirituelle Pfad doch ist! Viele Yogaschüler, die sich einst in diesem Leben mit nichts Geringerem als der Erfahrung Gottes zufriedengeben wollten, sahen sich später dazu gezwungen, zu den alten Routinen der Alltagswelt zurückzukehren, die von den Sinnen und dem Ego gelenkt wird. Lange unterdrückte Begierden rufen eine sehr seltsame Reaktion hervor, deren Besonderheit in der Heftigkeit und Wildheit liegt, mit der sie - mit verdoppelter Kraft - auf die Genuß-Zentren zurückschlagen können, wobei der moralische Zustand einer Person dann erheblich schlimmer sein kann, als dies bei einem akzeptierten normalen weltlichen Leben der Fall gewesen wäre. Lange anhaltende sexuelle Enthaltsamkeit, die auf einer Verdrängung der Instinkte beruht, kann dazu führen, daß man sich doch noch ins Eheleben stürzt oder sich auf niedrigeren Ebenen körperliche Befriedigung verschafft, was dem psychologischen Rückschritt auf frühere instinktive, von der modernen Psychologie als “Libido” bezeichnete Stadien entspricht. Störende Träume und fehlgeleitete Gedanken an Befriedigung in vielfältiger Weise können zu einem alltäglichen Problem werden. Als Resultat eines Angriffs der Wünsche, die durch die Wirkung des überwältigenden Einflusses des einst an die Oberfläche gestiegenen spirituellen Enthusiasmus unterdrückt waren, kann es zu einer Wiederbelebung von materiellen Bedürfnissen kommen. Die Sehnsucht nach regelmäßigen Ausflügen, Rundfahrten und Reisen kann zu einem harmlosen Weg zur Befreiung von Energie werden, die zwar aufgestaut, aber nicht spirituell umgewandelt wurde. Eine tiefgreifende Abneigung gegenüber Umständen, die einen dazu nötigen, alleine zu leben, sowie ein panisches Verlangen nach Gesellschaft mit anderen, können zu einem einfachen Mittel gegen die grauenvollen Schrecken werden, denen die Sinne und das Ego durch die würgenden Hände des spirituellen Rufes ausgesetzt waren. Grammatik und Literatur, Kunst und Musik können nicht nur die Rolle eines harmlosen Zubehörs zur Gestaltung des eigenen Lebensideals annehmen, sondern auch die Formen einer spirituellen Praxis in sich selbst. Und so geht unser Held seinen Weg, ganz gleich, was ihm die Welt von außen oder sein Gewissen von innen her zurufen mag.

        Die fast unheilbare Angewohnheit, an anderen Leuten Fehler zu sehen, egal ob an ihrem philosophischen Standpunkt, der Technik ihrer spirituellen Praxis oder ihren persönlichen Errungenschaften, kann zu einer Quelle der negativen Befriedigung werden, wenn man selbst nichts Positives besitzt. Große Menschen und edle Seelen in den Schmutz zu ziehen ist wahrscheinlich der einfachste Weg, um selbst großartig zu wirken. Sisupala wurde plötzlich einflußreich, nur weil er die Frechheit besaß, Sri Krishna mit Schimpfattacken zu überhäufen. Für viele ist ein derartiges Verhalten die wichtigste Quelle, um soziales Ansehen, Urkunden und Zertifikate von der unvorsichtigen Öffentlichkeit zu erwerben, da die Ausnutzung der Unwissenheit der Massen dank dieser trügerischen Mittel der prahlerischen Selbstgefälligkeit eine begehrte Methode zur bequemen Lebensführung ist. Beim Zorn der Natur und der Vergeltung seitens der göttlichen Ordnung handelt es sich jedoch um Faktoren, die von den Augen solch erstaunlicher Einfältigkeit, wie sie das menschliche Verhalten zur Schau stellt, nicht vorhergesehen werden können. Natürlich verläuft das Aufdecken der Fehler in anderen Hand in Hand mit dem Gebaren der Selbstrechtfertigung und Selbstlobpreisung, indem man seine Standpunkte und Methoden lautstark als unfehlbar verkündet.

        Es gibt spirituelle Lehrer und Meister, mit denen sich ein spirituell strebender Mensch nicht immer so ohne weiteres anfreunden oder ihnen dienen kann. Hierfür gibt es ein klassisches Beispiel in der Geschichte der spirituellen Suche des tibetischen Yogi Milarepa, der unter seinem Lehrer Marpa ein untolerierbar strenges Training erdulden mußte. Die Strapazen im Zusammenleben mit einem spirituellen Lehrer sind eine Angelegenheit, die unsere modernen, von Neugier getriebenen Studenten nicht verstehen, geschweige denn schätzen oder gar ertragen können. Wer jedoch wirklich aufrichtig auf diesem herrlichen Pfad voranschreitet, muß für die spirituelle Errungenschaft diesen Preis zahlen. Und all die unbezahlbaren Güter dieser Erde können den Wert der Früchte einer solch strengen persönlichen Disziplin und eines solchen Wissens nicht aufwiegen. Zweifel und Ängste schweben selbst über dem aufrichtigen Sucher wie Vampire, die bereit sind, ihm das Blut auszusaugen. So kann es dazu kommen, daß man den Wert des eigenen spirituellen Lehrers anzweifelt. Ist dies der letzte Schlag, zu dem Satan in seinem Kampf gegen die Wurzeln aller spirituellen Bestrebungen ausholt? Vielleicht nicht, denn es kann noch schlimmer kommen. Man kann den Glauben in die Existenz Gottes verlieren und die Überzeugung gewinnen, daß die spirituelle Erlösung, nach der jeder Sucher auf dem spirituellen Pfad eigentlich streben sollte, bloßer Unsinn sei. Doch ein Milarepa oder ein Nachiketas, von dem uns in der Kato-Upanishad berichtet wird, ist von einem anderen Kaliber. Beharrlichkeit in seiner Verfolgung des Zieles und Zähigkeit in der eigenen Praxis sind die Kennzeichen solcher Helden, die nicht nur das Salz der Erde sind, sondern auch leuchtender Vorschuß auf die unsterbliche Herrlichkeit der essentiellen Aufgabe der Menschheit.

        Körperliche Krankheit, extreme Geschwätzigkeit, Gedächtnisverlust, Gefräßigkeit, schwache Strebsamkeit, verschiedenartige Zweifel, Nachlässigkeit in der Kontinuität der Praxis, Trägheit, eine unterschwellige Begierde nach Sinnengenuß, die Verwechslung illusionärer Wahrnehmungen mit der Realität, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und Unbeständigkeit in der Meditationspraxis sind einige der Haupthindernisse auf dem Pfad des Suchers. Ein Verlangen danach, sich zu sehr unter die Leute zu mischen, große Stiftungen zu errichten und den Kreis der eigenen Schüler zu erweitern, können als fatale Waffe dazu dienen, dem Hunger der Seele nach Gott den Todesstoß zu versetzen. Die Geschichte ist hier unser bester Lehrer. Das Leben von Rishyasringa, wie wir es im Mahabharata aufgezeichnet finden, das Leben Visvamitras, das uns von Valmiki im Ramayana[20] geschildert wird, das Leben Buddhas im Gedicht von Edwin Arnold, das “Wiedergewonnene Paradies” von Milton, “das Leben des Yogi Milarepa” von Evan-Wentz, die Leben der Alvars und Nayanars aus Südindien, das Leben des heiligen Augustinus, die Schriften von Thomas von Kempen und solch großartige Beispiele wie Rishabhadeva, Jadabharata oder Dattatreya aus alten Zeiten, das Leben von Sri Krishna-Chaitanya-Deva und ähnlichen Helden wären für jeden Strebenden auf dem Yoga-Pfad ein äußerst hilfreiches und anregendes Studium.

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