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Autobiographie von Swami Sivananda

 

   Was das Leben mich gelehrt hat

Ich würde sagen, ich kam früh im Leben schlagartig zu dem Schluß, daß sich das Leben nicht in seinen äußeren Aktivitäten erschöpft, sondern daß etwas jenseits des menschlichen Auffassungsvermögens alles Sichtbare regeln und lenken müsse. Ich darf kühn sagen, daß ich begann, die Wirklichkeit hinter dem wahrzunehmen, was wir Leben auf der Erde nennen. Die Unruhe und fieberhafte Besorgnis, die dem gewöhnlichen Leben des Menschen anhaften, weisen auf ein höheres Ziel hin, das er früher oder später erreichen muß.

Wenn der Mensch in Selbstsucht, Gier, Haß und Lust verstrickt ist, vergißt er natürlich alles, was tiefer unter der Haut liegt. Materialismus und Skepsis herrschen vor. Er läßt sich von Kleinigkeiten aus der Ruhe bringen und beginnt zu kämpfen und zu streiten; kurz, der Mensch wird unglücklich.

Der Arztberuf lieferte mir mehr als genug Beweise für die vielen Leiden dieser Welt. Da beglückte mich eine neue Vision und Sichtweise. Ich war zutiefst überzeugt, daß es einen Ort geben müsse - eine liebliche Wohnstatt voll ursprünglicher Herrlichkeit, Reinheit und göttlichen Glanzes - wo man sich auf ewig absoluter Sicherheit, vollkommenen Friedens und Glücks erfreuen kann. Daher zog ich mich in Übereinstimmung mit den Worten der Shrutis (die Veden; ind. Heilige Schrift) aus dem weltlichen Leben zurück - und fühlte, daß ich jetzt zur ganzen Welt gehörte.

Strenge Selbstdisziplin und Bußübungen verliehen mir genügend Kraft, mich unversehrt inmitten der Wechselfälle weltlicher Erscheinungen zu bewegen. Und ich fühlte allmählich, wie gut es für die Menschheit wäre, wenn ich diese neue Sichtweise mit allen teilen könnte. Mein Arbeitsinstrument dazu nannte ich "The Divine Life Society".

Die umwälzenden Ereignisse seit Beginn des 20. Jahrhunderts wirkten auf alle denkenden Menschen. Die Schrecken vergangener und möglicher neuer Kriege und das darauf folgende Leid berührte sie. Es war nicht schwer zu erkennen, daß die Leiden der Menschheit überwiegend auf ihre eigenen Taten zurückzuführen waren. Es wurde als notwendiges Gebot der Stunde empfunden, den Menschen ihre Irrtümer und Torheiten bewußt zu machen und sie zu einem Richtungswechsel zu bewegen, so daß sie ihr Leben auf würdigere Ziele ausrichten könnten.

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Die Divine Life Mission mit ihrer Aufgabe, die Menschen vor den Kräften der niederen Natur zu retten und zum Bewußtsein ihrer wahren Einheit mit dem ganzen Kosmos zu erheben, entsprach diesem Bedürfnis. Ihr Ziel ist es, religiöses Bewußtsein zu wecken, die Menschen ihre grundlegende Göttlichkeit gewahrwerden zu lassen.

Religion kann man nicht durch bloßes Argumentieren oder Diskutieren lehren oder verstehen. Man kann niemanden allein durch Vorschriften oder feste Regeln religiös machen. Man braucht eine besondere Einstimmung auf sein weites Umfeld, die Fähigkeit, das Tiefste wie das Weiteste zu fühlen. Man braucht echte Zuneigung zur Schöpfung. Religion heißt Leben, nicht Reden oder Zeigen. Ich vertrete die Ansicht, daß man religiös sein kann, egal welchem Glauben man angehört und welchen Propheten man anbetet, unabhängig von Sprache, Land, Alter und Geschlecht, vorausgesetzt, man wendet jenen heiligen Begriff "Tapas" (Askese), der eigentlich jede Art von Selbstbeherrschung meint, im täglichen Leben an, soweit es im jeweiligen Umfeld und unter den eigenen Lebensbedingungen möglich ist.

Ich behaupte, daß wahre Religion die Religion des Herzens ist. Das Herz muß zuerst geläutert werden. Wahrheit, Liebe und Reinheit sind die Grundlage wirklicher Religion. Beherrschung der niederen Natur und des Geistes, Pflege von Tugenden, Dienst an der Menschheit, Wohlwollen, Kameradschaft und Freundschaft bilden die Grundlagen wahrer Religion. Die Grundsätze der Divine Life Society beinhalten diese Ideale. Und ich versuche, sie vor allem durch Beispiel zu lehren, was ich als gewichtiger erachte als alle Vorschriften.

Moderne Menschen haben weder die nötige Zeit noch die Geduld für strenge Askese und harte religiöse Praktiken. Viele davon halten sie sogar für Aberglauben. Um der heutigen Generation den Nutzen von echtem Tapas (Askese) im wirklichen religiösen Sinn zu vermitteln, ihr die wirkliche Bedeutung klarzumachen und sie von ihrer Wirksamkeit zu überzeugen, halte ich meine Fackel des "göttlichen Lebens" hoch. Divine Life ist ein System für ein Leben im Einklang mit ethisch-moralischen Grundwerten, das auf alle zugeschnitten ist, auf allen Stufen vom Einsiedler bis zum Angestellten und Arbeiter gleichermaßen praktiziert werden kann und für den Gelehrten wie den Bauern verständlich ist. Diese Religion ist nichts anderes als das, was den täglichen Pflichten eines Menschen ihre tiefere Bedeutung verleiht.

Die Schönheit göttlichen Lebens liegt in seiner Einfachheit und Anwendbarkeit auf den Alltag normaler Menschen. Es ist unerheblich, ob man zum Beten in die Kirche, die Moschee oder den Tempel geht; Gott hört alle ernsthaften Gebete.

Der durchschnittliche Sucher nach Wahrheit wird oft von den Launen seines Geistes getäuscht. Wer den spirituellen Weg einschlägt, wird irregemacht, bevor er das Ende seiner Reise erreicht. Natürlich kommt man auch in Versuchung, mit seinen Anstrengungen auf halbem Weg nachzulassen. Es gibt zahlreiche Fallen, aber wer sich beständig weiterschleppt, kann sicher sein, das Lebensziel zu erreichen, nämlich allumfassendes Sein, Wissen und Glückseligkeit. In allen meinen Schriften habe ich nachdrücklich auf die Beherrschung der aufgewühlten Sinne, die Unterwerfung des Geistes, die Reinigung des Herzens und das Erreichen von innerem Frieden und Stärke hingewiesen – entsprechend der jeweiligen Entwicklungsstufe.

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Meinem Verständnis nach ist es die erste Pflicht des Menschen, geben zu lernen; wohltätig und in Fülle zu geben, mit Liebe und ohne irgendeine Belohnung zu erwarten, denn man verliert nichts, wenn man gibt – man erhält es in anderer Hinsicht tausendfach zurück. Wohltätigkeit erschöpft sich nicht im Schenken materieller Güter; zur Nächstenliebe gehören auch Zuneigung, Gefühl, Verständnis und Wissen. Wohltätigkeit bedeutet Selbstaufopferung auf verschiedenen Ebenen des eigenen Seins. Nächstenliebe im höchsten Sinn ist für mich gleichwertig mit Jnana Yajna, dem Opfer, das aus dem Studium und Nachdenken über die Schriften besteht.

In ähnlicher Weise meine ich, daß Güte in Sein und Tun das Fundament des Lebens bilden. Mit Güte meine ich die Fähigkeit, mit anderen zu fühlen, sich in das Leben und die Gefühle anderer hineinzuversetzen und so handeln zu können, daß niemand verletzt wird. Güte ist ein Ausdruck von Frömmigkeit. Ich glaube, es ist nicht leicht, wirklich, im innersten Herzen, gut zu sein, obwohl es rein theoretisch leicht erscheinen mag. Es ist eines der schwierigsten Dinge auf Erden, wenn man mit sich selbst ganz ehrlich ist.

Für mich gibt es keine physische Welt. Alles was ich sehe, ist für mich eine wunderbare Manifestation des Allmächtigen. Ich freue mich, wenn ich den Purusha (das höchste Wesen; Bewußtsein; Seele) erblicke, diesen SahasrarashirshaPurusha mit Tausenden von Köpfen, Augen und Füßen. Wenn ich Menschen diene, sehe ich nicht die Menschen, sondern Ihn, dessen Glieder sie alle sind. Ich lerne, bescheiden zu sein vor dem mächtigen Wesen, dessen Atem wir atmen und dessen Freude wir uns erfreuen. Ich glaube nicht, daß es darüber hinaus etwas zu lehren oder lernen gibt. Das ist die höchste Religion, der Inbegriff der Philosophie, die man wirklich braucht.

Meine Philosophie ist weder eine verträumte, subjektive, die Welt verneinende illusionistische Lehre noch eine grobe weltbejahende Theorie sinnorientierten Menschseins. Die Tatsache der Göttlichkeit des Universums, der Unsterblichkeit der menschlichen Seele, der Einheit der Schöpfung mit dem Absoluten ist für mich die einzige Lehre, die es wert ist, in Betracht gezogen zu werden. Da das eine alldurchdringende Brahman (das Absolute) als das ganze Universum auf allen Manifestationsebenen erscheint, muß der Aspirant erst den niederen Erscheinungsformen huldigen, bevor er sich den höheren zuwendet.

Für den Entwicklungsprozeß zur idealen menschlichen Natur hin braucht man gute Gesundheit, klares Verständnis, tiefes Wissen, einen reinen machtvollen Willen und moralische Integrität.

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Zu den Hauptbausteinen meiner Lebensphilosophie gehören: Sich anpassen und einfügen, Gutes in allem sehen und auf dem Weg zur Selbstverwirklichung alle natürlichen Anlagen ganzheitlich zu entfalten und so alle menschlichen Kräfte und Fähigkeiten möglichst wirksam zu nutzen. Für mich ist Philosophie nicht nur Liebe zur Weisheit, sondern tatsächlicher Besitz der Weisheit. In allen meinen Schriften habe ich Methoden zur Überwindung und Beherrschung der körperlichen, verstandesmäßigen, geistigen und energetischen Schichten des Bewußtseins beschrieben, um mit der spirituellen Praxis (Sadhana) zur Selbstvervollkommnung hin voranschreiten zu können.

Es ist mein Glaubensbekenntnis, Gott in jedem Wesen oder jeder Form zu sehen, Ihn überall, immer und in allen Lebenslagen zu fühlen und alles als Gott zu sehen, zu hören, zu schmecken und zu spüren.

Es ist mein Glaubensbekenntnis, in Gott zu leben, mit Gott zu verschmelzen, mich in Gott aufzulösen.

In dieser Einheit ruhend ist es mein Glaubensbekenntnis - wenn man es als solches bezeichnen kann - , Hände, Kopf, Sinne und Körper in den Dienst der Menschheit zu stellen, die Namen Gottes zu singen, Anhänger zu erheben, ernsthafte Aspiranten zu unterweisen und Wissen auf der ganzen Welt zu verbreiten.

Es ist mein Glaubensbekenntnis, ein kosmischer Freund und Wohltäter zu sein, ein Freund der Armen, Hoffnungslosen, Hilflosen und Gefallenen.

Es ist mein heiliges Glaubensbekenntnis, Kranken zu dienen, sie sorgfältig, mit Zuneigung und Liebe, zu pflegen, die Betrübten aufzuheitern, allen Kraft und Freude einzuflößen, mich mit jedem und allem eins zu fühlen und alle gleich zu behandeln.

In meinem höchsten Glaubensbekenntnis gibt es weder Bauern noch Könige, weder Bettler noch Herrscher, weder Männer noch Frauen, weder Lehrer noch Schüler. Ich liebe es, in diesem unbeschreiblichen Königreich zu leben, mich darin zu bewegen und mit meinem Wesen darin verankert zu sein.

Der erste Schritt ist oft der schwerste. Ist er einmal getan, wird der Rest leicht. Die Menschen brauchen mehr Mut und Geduld. Üblicherweise weichen sie aus, zögern und haben Angst. Das kommt daher, daß sie ihre wahre Pflicht nicht kennen. Ein gewisses Maß an Erziehung und Kultur ist erforderlich, um sich einen genügend klaren Begriff seiner Stellung in dieser Welt zu verschaffen. Unser Erziehungssystem bedarf der Überholung, denn jetzt bewegt es sich an der Oberfläche, ohne die menschlichen Tiefen zu berühren. Um dies zu erreichen, sollten Gesellschaft und Politik zusammenarbeiten.

Erfolg ist schwer ohne gegenseitige Hilfe. Kopf und Herz sollten sich ergänzen. Ideal und Wirklichkeit sollten in einem engen Verhältnis zueinander stehen. Arbeit in diesem Bewußtsein ist Karma Yoga. Der Herr hat diese Wahrheit in der Bhagavad Gita verkündet.

Ich bete darum, daß dieses höchste Ideal im täglichen Leben jedes Menschen in die Tat umgesetzt werde. Ich bete, daß der Himmel auf Erden herrschen möge. Das ist nicht nur ein Wunsch, sondern eine unleugbare Möglichkeit und Tatsache. Es ist zu verwirklichen, wenn das Leben die wahre Bedeutung erhält, die es haben sollte.

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