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Autobiographie von Swami Sivananda

 

   Kapitel 2 - Der Ruf des Unsterblichen

 

Das Erwachen einer neuen Sicht

"Gibt es nicht eine höhere Berufung im Leben als das Einerlei von täglicher Pflicht, Essen und Trinken? Gibt es keine höhere Form ewigen Glücks als diese vergänglichen, täuschenden Vergnügen? Wie ungewiß ist das Leben hier. Wie unsicher ist das Leben auf dieser Erde, mit allen Arten von Krankheiten, Ängsten, Sorgen, Furcht und Enttäuschungen. Die Welt der Namen und Formen ändert sich ständig. Die Zeit vergeht. Alle Hoffnungen auf Glück in dieser Welt enden in Leid, Verzweiflung und Kummer."

Solche Gedanken stiegen ständig in mir auf. Der Arztberuf lieferte mir mehr als genug Beweise für die Leiden dieser Welt. Für einen leidenschaftslosen Menschen (Vairagi) mit einem mitfühlenden Herzen ist die Welt voller Leid. Wahres und dauerhaftes Glück erlangt man nicht einfach durch Ansammeln von Reichtümern. Mit der Reinigung des Herzens durch selbstlosen Dienst entstand eine neue Sicht. Ich war zutiefst davon überzeugt, daß es einen Ort geben müsse - ein trautes Heim voll ursprünglicher Herrlichkeit, Reinheit und göttlichen Glanzes - , wo man durch Selbstverwirklichung vollständige Sicherheit, vollkommenen Frieden und dauerhafte Glückseligkeit erreichen kann.

Ich dachte oft an die Aussage der Shrutis (hl. Schriften; Veden): "Yadahareva Virajet Tadahareva Pravrajet - an dem Tag, an dem du keine Wünsche mehr hast (Vairagya), solltest du der Welt entsagen." Ich dachte dauernd an: "Sravanartham Sannyasam Kuryat -um die Shrutis zu erfahren, sollte man auf das weltliche Leben verzichten." Die Worte der Schriften sind bedeutsam. Ich gab mein angenehmes, bequemes, verschwenderisches Leben auf und kehrte nach Indien zurück auf der Suche nach einem geeigneten Ort für Gebet und Besinnlichkeit, Studium der Schriften und eine höhere Form des Dienstes an der ganzen Welt.

1923 verabschiedete ich mich vom bequemen Leben und vom Geldverdienen und nahm das Leben eines Bettelmönchs auf, eines echten Suchers nach Wahrheit. Mein Gepäck ließ ich bei einem Freund in Malaysia. Ein malayischer Lehrer, der 1939 in den Ashram kam, sagte mir: "Herr S. bewahrt immer noch alle Ihre Sachen auf und wartet auf Ihre Rückkehr!

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Als wandernder Bettelmönch

Von Singapur aus kam ich in Benares an und hatte die Vision Shivas. Von dort ging ich weiter nach Nasik, Puna und zu anderen bedeutenden religiösen Mittelpunkten. Von Puna ging ich zu Fuß nach Pandarpur, eine Entfernung von 70 Meilen. Unterwegs blieb ich ein paar Tage im Ashram von Yogi Narayan Maharaj in Khedgaon. Dann verbrachte ich etwa vier Monate in Dhalaj am Ufer des Chandrabhaga. Auf den ständigen Reisen lernte ich, mich an verschiedene Menschentypen anzupassen. Ich lernte viel aus dem Leben von Yogis, großen Meistern (Mahatmas) und bedeutenden Persönlichkeiten. Der in mir verwurzelte Hang zum Dienen ermöglichte mir überall ein sanftes, friedliches Leben. Das Leben als Wandermönch half mir, in großem Maß Titiksha (Duldungskraft), rechte Einsicht und ein ausgeglichenes Gemüt in Freude und Leid zu entwickeln. Ich traf viele Mahatmas (große Meister) und lernte wunderbare Lektionen. Manchmal mußte ich ohne Essen meilenweit gehen. Mit einem Lächeln begegnete ich allem Ungemach.
 
 
Der Nutzen von Wallfahrten

Für Mahatmas und Verehrer sind Pilgerreisen und Besuche heiliger Orte Teil ihrer spirituellen Praxis. Sie haben dabei verschiedene Ziele im Auge. Mahatmas (große Meister) kommen in religiösen Zentren mit ernsthaften Verehrern zusammen, vermitteln ihr Wissen und ihre Erfahrungen und führen sie. Sie suchen geeignete Orte zur Meditation, wo sie Anregung und die richtigen Voraussetzungen für ein vertieftes Sadhana (spirituelle Praktiken) finden. Sie räumen die Zweifel von Menschen aus, die im Berufs- und Familienleben stehen, segnen und leiten sie. Verehrer treffen auf ihren Pilgerreisen Mahatmas und erhalten Klarheit über Fragen. Sie werden durch heilige Männer und heilige Orte angeregt und entwickeln verschiedenste positive Eigenschaften, wenn sie mit unterschiedlichen Menschen zusammenkommen. Sie werden geschult, sich an ein einfaches Leben zu gewöhnen und Mühen zu ertragen.

Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben auf Pilgerreisen und wandern oft von Kadirkamam in Sri Lanka zum Berg Kailash in Tibet, von Puri nach Dwaraka, von Amarnath in Kashmir nach Allahabad, von Benares nach Rameshwaram. Ich habe viele Menschen getroffen, die im Alter bereuten, ihre Jugend mit einem solchen Wanderleben vergeudet zu haben. Ich führte das Leben eines Wandermönchs nur eine Weile auf der Suche nach einem Guru und einem geeigneten Ort mit spirituellen Schwingungen, um dann mein Leben in Zurückgezogenheit und strengem Sadhana zu verbringen.

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Die Notwendigkeit eines Gurus

Auf dem spirituellen Weg gibt es viele Hindernisse. Der Guru (Lehrer) führt die Aspiranten sicher und räumt alle möglichen Schwierigkeiten aus dem Weg, mit denen sie konfrontiert sind. Er inspiriert seine Schüler und verleiht ihnen durch seine Segnungen Kraft. Guru (Lehrer), Ishwara (persönlicher Gott), Wahrheit und Mantra sind dasselbe. Es gibt keinen anderen Weg, die schädlichen weltlichen Samskaras (Eindrücke) der leidenschaftlichen Natur ungeschliffener, weltlich ausgerichteter Menschen zu überwinden als die persönliche Verbindung mit dem Guru und der Dienst für ihn.

Auf der Suche nach einem Guru erreichte ich Rishikesh und betete zu Gott um seine Gnade. Es gibt viele selbstsüchtige Schüler, die sagen: "Ich brauche keinen Guru - Gott ist mein Lehrer." Sie tragen ihre eigene Kleidung und leben unabhängig für sich. Wenn sie sich dann in Schwierigkeiten verwickeln, sind sie verwirrt. Man sollte sich an die Anweisungen der Schriften und der Weisen halten. Wenn man sich im Herzen ändert, sollte sich diese Veränderung auch äußerlich bemerkbar machen. Ängstliche und schwache Gemüter können sich die Herrlichkeit und Freiheit eines Lebens als Sannyasin (Entsagter, Mönch) kaum vorstellen. Ich empfing die Heilige Einweihung am Ufer des Ganges am 1. Juni 1924 aus den geweihten Händen von Paramahamsa Viswananda Saraswati. Die Viraja Homa (Feuerzeremonie beim Eintritt in den Stand der Entsagung) wurde von meinem Acharya Guru (Meister), Sri Swami Vishnudevanandaji Maharaj, im Kailash Ashram für mich durchgeführt.

Am Anfang braucht man einen persönlichen Lehrer. Er allein kann den Weg zu Gott, dem Guru aller Gurus, zeigen und die Schlingen und Fallgruben auf dem Weg umgehen. Selbstverwirklichung ist eine transzendentale Erfahrung. Man kann den spirituellen Pfad nur mit bedingungslosem Glauben an die Worte der Weisen beschreiten, die die Wahrheit (Apta Vakya) verwirklicht und Selbsterkenntnis erlangt haben.

Der Schüler braucht die Gnade des Gurus. Das heißt nicht, daß er untätig dasitzen und auf ein Wunder seines Gurus warten sollte, das ihn direkt in Samadhi (überbewußter Zustand) befördert. Der Guru kann nicht Sadhana für den Schüler praktizieren. Es ist unsinnig, von einem Tropfen Wasser aus der Bettelschale (Kamandalu) des Gurus spirituelle Erfolge zu erwarten. Der Guru kann den Schüler führen, seine Zweifel klären, den Weg bahnen, die Schlingen, Fallen und Hindernisse wegräumen und den Pfad erleuchten. Aber der Schüler muß selbst jeden Schritt auf dem spirituellen Weg gehen.

Spiritueller Fortschritt erfordert starkes, unentwegtes Vertrauen in die Lehren des Gurus und der Schriften, brennende, anhaltende Leidenschaftslosigkeit (Vairagya), Verlangen nach Befreiung, einen unbeugsamen Willen, glühende Entschlossenheit, eiserne Bestimmtheit, unerschütterliche Geduld, die Zähigkeit eines Blutegels, die Regelmäßigkeit einer Uhr und die Einfachheit eines Kindes.

Wenn du keinen Lehrer hast, nimm Krishna, Shiva, Rama oder Christus als deinen Guru. Bete zu Ihm. Meditiere über Ihn. Singe Seinen Namen. Er wird dir einen geeigneten Guru schicken.

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Das Ende der Reise

Im Juni 1924 kam ich nach Rishikesh; es erwies sich als mein Schicksal und Ziel. Mein Guru schenkte mir die Einweihung und genügend spirituelle Stärke und Segnungen. Mehr kann der Lehrer nicht tun. Dann liegt es am Schüler, intensives und strenges Sadhana zu üben.
Rishikesh ist eine Bahnstation im Bezirk Dehra Dun im Bundesstaat Uttar Pradesh, eine heilige Stätte mit vielen Mahatmas. Es gibt Kshetras (Speisestätten)) dort, wo alle Sadhus (Mönche, Weise), Yogis und Aspiranten kostenlos Essen erhalten. Sie können in einem der Dharmashalas (Halle; Wohltätigkeitseinrichtung) oder Kutirs (Hütte, Behausung) wohnen oder sich selbst irgendwo eine Hütte bauen. In der Umgebung von Rishikesh gibt es reizende Plätze wie die Wälder von Bramapuri, Nilakantha, Vashishtha Guha und Tapovanam. Einsiedler (Sadhus), die dort leben, versorgen sich mit Trockenvorräten und bereiten ihr Essen selbst zu. Die schöne Himalayalandschaft erfreut die Seele. Der heilige Ganges ist ein Segen. Man kann stundenlang in Versunkenheit auf einem Felsen oder einer Sandbank am Ufer des Ganges sitzen. Es gibt ein paar Bibliotheken mit maßgeblichen Werken in Sanskrit, Englisch und Hindi über Yoga und Philosophie. Gelehrte Mahatmas (große Meister) geben jeden Tag Unterrichtsstunden und persönliche Unterweisung für verdienstvolle Schüler. Das Klima ist angenehm - etwas kalt im Winter von November bis März und ein wenig heiß im Sommer zwischen April und Juni. Es gibt schulmedizinische und ayurvedische Krankenhäuser. Rishikesh ist daher ein idealer Ort für intensive, ungestörte spirituelle Praktiken für alle, die nach Wahrheit suchen.

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