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Nama-Yajña in Simla

Im ca. 2000 m hoch gelegenen Simla gab es einen sehr geräumigen Kalibari [Kali-Tempel] mit einer Reihe von Zimmern, in denen Gäste einige Tage bleiben konnten. Simla war das Sommerquartier der indischen Regierung; die Stadt erlebte gerade den Höhepunkt der Sommersaison. Die Bengalis in Simla waren meist Ministerialbeamte, die jedes Jahr sechs Monate in Simla Dienst taten.
      Am selben Tag, als Ma im Kalibari ankam, starb ein alter, in Simla sehr beliebter Sadhu namens Dayal Baba. Kurz vor seinem Tod hatte er sich erkundigt, ob Anandamayi Ma, die erwartet wurde, bereits angekommen sei. Nach ihrer Ankunft ging Ma in sein Zimmer und stand eine Weile bei seinem Leichnam, der aussah, als ob er friedlich schliefe. Dann zog sie sich in ihr eigenes Zimmer zurück.
      In großer Zahl trafen Leute ein, um dem hochgeachteten Dayal Baba die letzte Ehre zu erweisen. Als sie von Ma hörten, wollten sie auch ihren Darshan haben. Ma vermittelte diesen Leuten das Gefühl, sie seien altvertraute Bekannte. Innerhalb weniger Tage gingen die Besucher in ihrem Zimmer ein und aus. Viele kamen geradewegs aus ihren Büros zum Kalibari. Das führte zu vielen Scherzen und gutmütigen Neckereien, denn manche Besucher stellten fest, daß ihre Frauen bereits bei Ma waren, statt zu Hause auf sie zu warten. Eine Frau sprach die Gefühle ihrer Freundinnen aus: »Ma, jeden Tag warten wir ungeduldig, daß die Schulen und Büros öffnen. Sobald unsere Männer und Kinder aus dem Haus sind, eilen wir hierher!«
      Die bengalischen Beamten in Simla gehörten meist der Hari Sabha an oder standen ihr nahe. Diese Vereinigung leitet sich vom Vaishnava Sampradaya des Shri Gauranga Mahaprabhu in Bengalen her. Shri Gauranga hatte den Kirtan in eigens dazu versammelten Gemeinschaften propagiert. In einem als heilig verehrten Buch [Chaitanya Charitamrita] ist die Feier des Nama-Sankirtan detailliert beschrieben: ein quadratischer hoher Altar wird im Freien oder in einem großen Saal aufgestellt und mit Blumen, Blättern und Bildern von Vishnu, Krishna und anderen Angehörigen des Vaishnava-Pantheons geschmückt. Alle guten Sänger und Trommler werden besonders eingeladen. In dieser Versammlung Gott hingegebener Menschen werden die Namen Gottes am Vorabend des Kirtan angerufen, der vom nächsten Morgen bis zum Abend dauert. Dies wird als Nama-Yajña [Opfer in Form des Singens göttlicher Namen] bezeichnet. Am Abend zieht die Kirtan-Gruppe durch die Straßen der Stadt. Nach einem kurzen Rundgang kehrt sie zum Altar zurück. Mit Abschiedsliedern und Hymnen klingt das Singen des Namens aus. Der Name ist ein Mantra, das Gott repräsentiert; man benutzt ihn mit Respekt.
      In Ma’s Kreis war Kirtan immer ohne besondere Zeremonien gesungen worden. Niemand hatte bisher ein Nama-Yajña gesehen. Die Beamten hatten schon allsommerlich ein solches Fest im großen Saal des Kalibari gefeiert. Dieses Jahr luden sie Ma und Bholanath ein, an dem Fest teilzunehmen, das am 23. Juni stattfinden sollte.
      Eine große Menschenmenge kam am Vorabend des Nama-Yajña im Kalibari zusammen. Der Saal und die ihn umgebende geschlossene Veranda wurden mit Blumengirlanden geschmückt. Der Altar wurde  aufgebaut und geschmackvoll mit Bildern, Blumen, Blättern und Lichtern dekoriert. Sandelholzduft durchzog die Luft. Die Teilnehmer, alle langgeübt in dieser Form des Sadhana, trafen ein. Ma saß im Kreis ihrer Gefährtinnen auf der Veranda, Bholanath nahm froh am festlichen Geschehen teil.
      Zuerst wurde der Altar geweiht; man dankte den Musikinstrumenten für ihren Beitrag zur Anrufung der Namen Gottes und schmückte sie mit Blumenkränzen. Auch die Teilnehmer selbst wurden bekränzt, und jeder erhielt zum Willkommen ein Zeichen aus Sandelpaste auf die Stirn. Der Abend begann mit dem gleichzeitigen Anschlagen aller Rhythmusinstrumente. Diese Musik erzeugt die geeignete Atmosphäre. Zum Abschluß ruft eine einzige feierliche Stimme, auf die der ganze Chor antwortet,die Gegenwart von Shri Gauranga und Shri Nityananda Mahaprabhu an und betet demütig, sie mögen am morgigen Kirtan teilnehmen. Danach stehen die Männer mit ihren Instrumenten auf, die von kreuzweise über Schultern und Rücken geschlungenen Bändern gehalten werden, und gehen langsam um den Altar. Eine Zeitlang wird die Hauptmelodie des folgenden Tages gesungen. Mit dieser Anrufung endet das Treffen.
      Früh am nächsten Morgen versammelten sich alle zum Auftakt des ganztägigen Kirtan. Ma‘s Anwesenheit lockte diesmal sogar jene herbei, die sonst nie vor Mittag auftauchten. Vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang wird dasselbe Mantra von einander ablösenden Sängergruppen wiederholt und von den Musikern auf Rhythmusinstrumenten begleitet. Jeder Vorsänger kann die Melodie variieren, insbesondere mit dem Wechsel der Tageszeit, aber der kontinuierliche Fluß bleibt ungebrochen. Die Kunst, die Melodie zu variieren, ist sehr kompliziert; nur Meister dürfen sich daran wagen. Ma saß wie zuvor auf der Veranda.

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Der Kirtan rief von Anfang an eine erhabene Atmosphäre hervor. Neben Ma saßen Didi und Swami Akhandananda. Sie und Bholanath stellten plötzlich fest, daß Ma nach fast fünf Jahren erstmals wieder auf den Rhythmus der Musik reagierte. Seit sie Dacca verlassen hatten, hatten sie Ma nicht mehr im Mahabhava gesehen. Ihr Gesicht war nun gerötet, und sie schien der alltäglichen Welt entrückt und völlig in eine Stimmung innerer strahlender Freude versunken zu sein. Didi spürte, daß Ma sich dem Ansturm des Mahabhava entgegenzustemmen versuchte. Sie sprach zusammenhanglose Worte zu ihren Gefährten. Einmal stand sie eilig auf und machte einen Spaziergang. Dann ging sie in ihr Zimmer und legte sich eine Weile hin. Als Bholanath ihren Zustand bemerkte, kam er in ihr Zimmer und bat sie, den Mahabhava wenn möglich, zu zügeln, da es ein öffentliches Fest war. Ihm mißfiel der Gedanke, daß eine Schar von Fremden, die dieses Phänomen nicht verstanden, Ma in einem Zustand der Verzückung sehen könnte. Zudem konnte ihr Bhava-Samadhi stunden oder sogar tagelang dauern. Er hatte immer die unbestimmte Angst gehabt, sie während eines solchen Samadhi für immer zu verlieren. Er wußte auch, daß Ma auf seine Worte hören würde, falls sie nicht von der Macht ihres Kheyala überwältigt würde. Es war in diesem Fall auch ihr Kheyala, das Sichtbarwerden des Mahabhava zu unterdrücken, vielleicht weil sie mit seiner Reaktion gerechnet hatte. So verging der ganze Tag. Nach Didis Bericht waren an jenem Tag ihre üblichen Bemerkungen und Fragen wie von Blitzen durchschimmert, wie Wetterleuchten überstrahlte ein intensiver göttlicher Glanz ihr Gesicht. Ihre Augen nahmen einen starren, blicklosen Ausdruck an, der ebenso plötzlich von einem Blick des Wiedererkennens abgelöst wurde.
      Der Abend nahte. Der Kirtan erreichte vor seinem Abschluß bei Sonnenuntergang den Höhepunkt. Ma war in ihrem Zimmer, wo sie die Klänge der Musik gedämpft hörte. Man sah sie schnell über den Boden rollen und  sich aus derselben fließenden Bewegung heraus erheben. Didi stellte sich hinter ihr auf, obwohl sie aus früherer Erfahrung wußte, daß Ma in diesem Zustand keine Hilfe oder Stütze brauchte. Ma‘s Körper verlor seine Schwere; wenn sie sich zufällig an jemanden lehnte, war die Berührung so zart wie die einer Feder. So betrat Ma den Kirtan-Saal. Die Männer in Simla kannten die Vaishnava-Literatur gut. Obwohl niemand je zuvor einen Mahabhava gesehen hatte, erkannten sie seine Kennzeichen sofort. Sie dachten, nur im göttlichen Leib des Gauranga sei so etwas möglich, kein menschlicher Körper könne dies überstehen.
      Es ist schwer, den Mahabhava zu beschreiben. Wenn Ma fiel und über den Boden rollte, sah man nichts als einen weißen Wirbel, im Bruchteil einer Sekunde war sie wieder auf den Füßen. Sie bewegte sich wie ›ein trockenes Blatt im Wind‹ oder ›ein vom Wind geblähtes Tuch‹. Sie flog so schnell durch die Menge, daß kaum jemand sie ganz sehen konnte. Manche sahen für einen  Sekundenbruchteil ein strahlendes Gesicht, manche eine in anmutiger Gebärde erhobene Hand, andere eine schöne Körperhaltung. Bholanath hätte sich keine Sorgen machen müssen, daß die Leute aus Simla dies nicht verstünden. Sie waren gebannt und überwältigt.
      Wie früher in Dacca saß Ma nach dem ekstatischen Wirbel vollkommen ruhig auf dem Boden. Der Kirtan war inzwischen ausgeklungen. Mantras durchbrachen in Ma‘s berückender Stimme die Stille. Wie zuvor klang die Sprache wie Sanskrit. Nach einer Weile blieb sie mit geschlossenen Augen reglos sitzen. Es war ein göttliches Bild. Die ganze Versammlung verbeugte sich aus ganzem Herzen tief vor ihr. Einige eilten heim, um schnell noch andere Familienmitglieder zu holen.
      Bholanath war den ganzen Tag beim Kirtan geblieben, ohne auszuruhen oder etwas zu essen. Alle Anwesenden hatten sich über seine ermutigende und unterstützende Teilnahme sehr gefreut. Dieses NamaYajña markierte einen Wendepunkt im Leben der Bewohner von Simla. Einer von ihnen faßte die allgemeine Empfindung mit folgenden Worten zusammen: »Wir feiern dieses Fest schon seit vielen Jahren. Heute wurden unsere Gebete um göttliche Gegenwart erhört. Wir fühlen uns wahrhaft gesegnet!«
      Am nächsten Morgen regnete es heftig. Dennoch kamen einige Frauen zum Kalibari; sie wollten mit Ma Kirtan singen. Weil sie darin ungeübt waren, klappte der Wechsel von Vorsängerin und Chor anfangs nicht. Dann betrat Ma den Saal und umschritt den dort noch aufgebauten Altar. Innerhalb weniger Minuten wurde aus dem Singen ein einheitlicher Kirtan. Unter den Frauen waren viele begabte Sängerinnen. Auch auf Trommeln (Khola) brauchte nicht verzichtet zu werden, denn viele Jungen konnten gut damit umgehen. Sie bekamen dazu keine Gelegenheit, wenn ihre Väter da waren, und nun freuten sie sich, daß sie ihre Mütter und Schwestern begleiten durften.
      So rief Ma in Simla, wie vorher in Dacca, eine Kirtan-Gruppe für Frauen ins Leben. Diese Gruppe hatte einen stärkeren Zusammenhalt. Als die Männer am Abend zum Tempel kamen, wurden sie von ihren Frauen stolz über diese Errungenschaft informiert. Ein paar Männer waren skeptisch, ob das Unternehmen eine Zukunft habe, weil sie ihren Frauen nicht zutrauten, die schweren Instrumente zu tragen und mehrere Stunden lang singend um den Altar zu gehen. Aber da irrten sie sich sehr. Das Nama-Yajña wurde ein regulärer Bestandteil aller Festlichkeiten. Ma führte noch eine Neuerung ein: nach den Gebeten der Invokation übernahmen die Frauen den Refrain von den Männern. Sie sangen die ganze Nacht hindurch, bis im Morgengrauen ihre Männer kamen, um sie im Singen des Namens abzulösen. Ma sagte den Männern: »Haltet die Frauen nicht von diesem Aspekt des Lebens fern. Laßt sie ihre Bemühungen mit euren verbinden, damit ihr nicht auf unnötige Hindernisse stoßt.«
      Ma kehrte nach Solan zurück. Auch die Beamten begleiteten Ma dorthin, um noch einen Tag mit Ma zusammen zu sein. Yogibhai eroberte mit seiner großen Höflichkeit und großzügigen Gastfreundschaft die Herzen der Besucher. Sie versprachen, in naher Zukunft ein Nama-Yajña in Solan zu organisieren.
      Ma begab sich wieder auf Reisen. Bhaiji war die ganze Zeit in Dehra Dun geblieben. Sie fuhr nach Dehra Dun und kam wiederum nach Simla, diesmal um an einem Nama-Yajña teilzunehmen, das eigens ihr zu Ehren stattfand. Diesmal schmückten Fotografien von ihr zusammen mit Götterbildern den Altar.
      Ma hatte das Kheyala, weiterhin zu reisen. In Solan fragte sie Bholanath: »Wohin sollen wir jetzt fahren?« Er hatte keinen Vorschlag. Dann fragte sie Bhaiji: »Wo möchtest du inzwischen bleiben?« Die Frage machte deutlich, daß er sie nicht begleiten sollte. Da auch er keine Antwort auf die Frage hatte, wies sie ihn an, einstweilen in Solan zu bleiben. Yogibhai war sehr erfreut, daß Bhaiji bei ihm bleiben würde.
      Ma bat Swami Akhandananda, in dem neuen Ashram in Kishenpur zu bleiben. Dann fuhr sie nach Vindhyachala. Dort sagte sie zu Didi:
»Bleib du hier und übernimm die Leitung des Ashrams. Du hast dich für diesen Weg entschieden, also mußt du dich daran gewöhnen, allein zu sein; außerdem mußt du lernen, auf dich gestellt zu sein und ohne Begleiung zu reisen.« Seitdem Didi ihr Elternhaus verlassen hatte, war sie nie allein oder ohne väterlichen Schutz gewesen. Dies war für sie eine neue Erfahrung. Ma milderte die Gewalt dieser drastischen Veränderungen jedoch ein wenig, indem sie eine vertrauenswürdige Helferin aus Dacca in den Vindhyachala-Ashram kommen ließ.
      In der letzten Juliwoche des Jahres 1936 reisten Ma und Bholanath nach Calcutta ab. Bholanath litt seit einiger Zeit an Magenschmerzen. Ma riet ihm, bei seiner Schwester zu wohnen und sich von Ärzten in Calcutta gründlich untersuchen und behandeln zu lassen. Mit seiner Erlaubnis ging sie wieder auf Reisen, begleitet von Virajmohini Devi, einer Witwe, die schon seit einiger Zeit mit Ma reiste. Seitdem ihre beiden Töchter verheiratet waren, fühlte sie sich frei, ein Leben der Weltentsagung zu führen. Sie war zu Ma gekommen, um von ihr Führung bei ihrem Sadhana zu bekommen. Sie war eine kluge Frau von natürlicher Würde. Ihre Bereitschaft, sich auf Außergewöhnliches einzulassen, muß ihr sehr zustatten gekommen sein, denn Ma reiste diesmal strikt inkognito. Bholanath ließ die Vertrauten wissen, es sei Ma‘s Kheyala, allein zu reisen, niemand solle versuchen herauszufinden, wo sie sei. Sie werde zu gegebener Zeit zurückkommen.
      Etwa vier Monate lang reiste Ma ihrem  Kheyala folgend durch das Land. Sie besuchte Puri, Bhubaneshwar und andere Orte in der Nähe. Dann reiste sie ins ferne Agra, nach Mathura, Vrindavan, Sultanpur, Ayodhya, Barabanki und Bareilly. Sie fuhr auch in die Berge nach Nainital. Ihre Reisen führten sie weiter nach Lahore, Amritsar und Garhmuk-teshwar. Am Ende des Jahres kehrte sie nach Bengalen zurück. Von Tarapeeth aus benachrichtigte sie die ungeduldig auf ihre Rückkehr Wartenden, sie könnten nun zu ihr kommen.

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