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Das Leben in Shahbagh und Siddheshwari

Dacca war eine große Metropole. Die Besucher von Shahbagh bekleideten angesehene Positionen und genossen alle Segnungen materiellen Wohlstands. Damals konnten Inder im Staatsdienst nur bis zum Rang von Assistenten oder stellvertretenden Behördenleitern aufsteigen. Spitzenstellungen blieben britischen Beamten vorbehalten. Die kulturelle Atmosphäre war eine Mischung aus orthodoxem Hinduismus, kultivierten islamischen Umgangsformen und modernen westlichen Einflüssen.
      Anfang der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts waren die Bräuche noch äußerst konservativ. Bholanath empfing die männlichen Gäste und setzte sich mit ihnen in das äußere Zimmer. Ma saß still an der Tür des inneren Zimmers. Wenn die Männer Fragen stellten, gab sie Antwort, sofern Bholanath sie dazu aufforderte.
      Frauen hatten dagegen freien Zutritt bei ihr. Ma selbst hieß sie willkommen, breitete Sitzmatten für sie aus und bot ihnen, wie es damals üblich war, Betelblätter an. Eine ihrer frühen Besucherinnen war Hiranbala Ghosh aus der Familie von Jogesh Chandra Ghosh. Hiranbala machte es sich zur Gewohnheit, die junge Hausfrau vom Shahbagh jeden Tag zu besuchen. Sie hatte eigentlich keine religiösen Neigungen, fühlte sich aber außerordentlich stark zu Ma hingezogen. Später erzählte sie neu hinzugekommenen Devotees: »Sie war so schön, und ihr Auftreten hatte eine solche Anmut. Ihr Lächeln allein verzauberte mich. Es tat mir nur leid, daß sie nicht sprach!«
      Als sie nach Dacca kamen, fragte Ma Bholanath einmal, ob er von einem ›Siddheshwari-Baum‹ gehört habe. Er verneinte das, bot aber an, sich danach zu erkundigen. Ma antwortete ihm jedoch, das sei nicht nötig.
      Die Shahbagh-Gärten grenzten an das weitläufige Gelände der Pferderennbahn und des Poloplatzes von Ramna. Ma ging häufig durch diese ausgedehnte Grünanlage zum Kali-Tempel auf der anderen Seite. Sie und ihre Gefährten saßen dann viele Stunden auf der Veranda des Tempels. Einer dieser Gefährten war Bholanaths Schulfreund Baaul Chandra Basaak. Wenn die anderen nach Shahbagh zurückkehrten, ging Baaul Chandra oft noch allein in einen Seitenweg. In jenen Tagen war das eine sehr einsame, menschenleere Gegend. Einmal fragte Bholanath ihn neugierig: »Wohin gehst du noch zu so später Stunde?« »Es gibt da einen Kali-Tempel in Siddheshwari«, antwortete Baaul Chandra. »Er ist sehr schön gelegen. Ich würde ihn euch beiden gerne einmal zeigen.«
      Ma gab Bholanath ein Zeichen, nichts von ihrer Vision des »Siddheshwari- Baums« zu sagen, also schwieg er. Einige Tage darauf gingen sie mit Baaul Chandra nach Siddheshwari. Es führte keine Straße dorthin, sondern nur ein steiniger, unter üppigem Unkraut und überhängenden Zweigen versteckter Pfad. Hohe Bäume ließen die Gegend fast wie einen Urwald erscheinen. Mitten in dieser Wildnis kamen sie an einen sehr alten Kali-Tempel. Vor dem Tempel sahen sie einen enormen umgestürzten Pipal-Baum, den Ma als den Baum aus ihrer Vision wiedererkannte. Zart streichelte sie ihn. Baaul Chandra teilte ihnen ein wenig über die Geschichte dieses Ortes mit. Es war ein Siddhapitha, d.h. eine heilige Stätte, an der Asketen Sadhana geübt und Siddhi [übernatürliche Kräfte] erlangt hatten. Nach örtlicher Überlieferung war auch Adi Shankaracharya dort gewesen. Vor Jahrhunderten standen hier nur drei große Bäume, denen der Ort seinen anderen Namen, ›Tintiri‹, verdankte. Als einer der drei Bäume umstürzte und fiel, so hieß es, sei ein Licht von ihm ausgegangen und in die Kali-Statue im Tempel eingedrungen. Der Tempel selbst war von einem Asketen namens Sam-varvan erbaut worden.

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Während sie diesen Legenden zuhörten, erkundeten sie die Umgebung des Tempels. Es war inzwischen dunkel geworden. Sie kehrten mit Sturmlaternen, die Baaul Chandra mitgebracht hatte, nach Shahbagh zurück.
      Siddheshwari spielte eine wichtige Rolle im Leben der Devotees von Dacca. Rückblickend kann man ihn als den Ort sehen, an dem fast alle frühen Anhänger Ma‘s in Asketen von hohem Rang verwandelt wurden. Er wurde für sie wie eine Waldeinsiedelei aus alten Zeiten. Dort durchlebte Bholanath die schwierigste Phase seines Lebens, und dort erfüllte er auch seinen langgehegten Traum, eine festliche Puja in großem Stil zu organisieren.
      Shri Ma‘s Eltern, Bipin Bihari und Mokshada Devi - von den Devotees als Dadamashai und Didima [Großvater und Großmutter] angesprochen - kamen Ende August 1924 auf Bholanaths Einladung nach Shahbagh. Kurz vorher war Ma‘s jüngere Schwester Surabala im Alter von nur 16 Jahren in Jaidevapura gestorben. Ma und Bholanath hatten die Kranke dort besucht. Auch Ma‘s Eltern waren von Vidyakut gekommen. Bholanath meinte, es sei für die Eltern eine Abwechslung, sich bei ihrer ältesten Tochter aufzuhalten und auch für Ma eine willkommene Betätigung. Ihn selbst hatte der tragische Tod des jungen Mädchens sehr geschmerzt. Er nahm an, auch Ma sei tief betrübt, weil sie ihre Schwester so gern hatte. Doch er hatte über Ma noch viel zu lernen, z.B., daß ihre Teilnahme nicht vom Ergebnis ihrer Pflege und Fürsorge abhing. Man sah sie nie trauern, wenn Menschen, die ihr nahestanden, starben.
      Irgendwann Anfang September 1924 gingen Ma und Bholanath einmal zusammen nach Siddheshwari. Nach einiger Zeit äußerte Ma das Kheyala, ein paar Tage im Tempel zu bleiben, statt nach Shahbagh zurückzukehren. Bholanath hatte zunächst Bedenken. Die Idee, Ma an einem so einsamen, abgelegenen Ort zurückzulassen, behagte ihm nicht. Er ließ sich jedoch dazu bewegen, sie für kurze Zeit allein zu lassen, während er nach Shahbhag zurückging und Bipin Bihari bat, den ganzen Tag bei Ma in Siddheshwari zu bleiben. Nach Feierabend kam Bholanath wieder nach Siddhesh-wari, und Bipin Bihari konnte für die Nacht nach Hause gehen.
      So kam es, daß Ma‘s Vater und Ehemann auf die natürlichste Weise ein paar Tage lang wie obdachlose Sadhus auf einer Tempelveranda verbrachten. Ohne es zu bemerken, war Bholanath in einen neuen Lebensabschnitt eingetreten. Ma richtete sich in einem kleinen Raum auf der Rückseite des Tempels ein. Sie war den ganzen Tag nicht zu sehen. Spät am Abend kam sie heraus und saß eine Weile mit Bholanath und Baaul Chandra zusammen, der jeden Abend mit Früchten und Süßigkeiten kam. Zu kochen oder normale Mahlzeiten zu sich zu nehmen, kam dort nicht in Frage. Bholanath hielt sich im eigentlichen Tempelraum auf, und Baaul Chandra postierte sich am Haupteingang des Tempels. Er hatte eine Vorahnung, daß etwas Übernatürliches geschehen werde, und um es nicht zu verpassen, blieb er die ganze Nacht wach. Auf diese Weise verbrachten sie eine Woche in Siddheshwari.
      Das folgende Geschehen geben wir in Ma‘s eigenen Worten wieder: »Im Morgengrauen des achten Tages regnete es ein wenig. Ich gab Bholanath, der schon wach war, ein Zeichen, mir zu folgen, und verließ den Tempel. Wir mußten über Baaul Babu steigen, aber er wachte nicht auf. Ermüdet von seiner langen Nachtwache war er frühmorgens eingeschlafen.
      Obwohl wir die Umgebung nicht kannten, ging ich ohne Zögern in nördliche Richtung. Als wir ein wenig durch die Wildnis gewandert waren, kamen wir an eine kleine Lichtung. Dies schien mir die gesuchte Stelle zu sein. Ich umrundete das Stück Land dreimal wie bei einer Pradakshina. Dann zog ich mit meinem Finger einen Kreis, setzte mich hin, wo ich stand, und schaute nach Süden. Dann wurde ausgesprochen, was ihr Mantras nennt. Inzwischen berührte ich mit meiner rechten Hand den Boden und stützte mich darauf. Der Boden hatte fest ausgesehen, aber meine Hand drang widerstandslos in die Erde ein. Es fühlte sich an, als glitte Schicht um Schicht solide aussehender Erde ab, wie man Vorhänge zur Seite zieht, und mein Arm drang bis zur Schulter ein. Das jagte Bholanath einen Schrecken ein. Er zog mich mit den Worten ›Laß uns von hier fortgehen‹ hoch. Zugleich begann jedoch aus dem im Boden entstandenen Loch warmes, rötliches Wasser zu sprudeln. Es war so rot, daß es meinen weißen Muschel-Armreif färbte. Die Farbe blieb viele Tage sichtbar.

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Ich forderte Bholanath dann auf, seinen Arm in das Loch zu stecken. Er zögerte zunächst, doch ich sagte ihm, er solle keine Angst haben, es sei notwendig. araufhin steckte auch er seinen Arm in die Erde. Als er ihn hinauszog, quoll aufs neue warmes, rötliches Wasser aus dem Loch. Wir blieben einige Zeit stehen und beobachteten, wie das Wasser über den Boden rann. Dann schlossen wir das Loch und kehrten zurück. Niemand konnte Ma je dazu bewegen, diese mysteriösen Ereignisse zu erklären.
      Baaul Chandra war sehr enttäuscht, als ihm klar wurde, daß er dieses merkwürdige Erlebnis verpaßt hatte, aber er übernahm es, den Boden rings um diese Stelle zu glätten. Später war er so aufmerksam, die Stelle zu markieren, indem er ein paar Blütenstauden und einen Tulsibusch pflanzte. Als Pran Gopal von der Sache hörte, stiftete er etwas Geld, um die Stelle dauerhaft zu pflegen. Davon wurde über dem Loch eine ca. 55 x 55 cm große Vedi erbaut. Ein leichter Bambuszaun schloß ein Stück Land von knapp 5 x 5 Metern Fläche mit der Plattform in der Mitte ein.
      Ma ging oft nach Siddheshwari. Sie setzte sich, umgeben von ihren Begleitern, auf die Vedi. Manchmal vergingen ganze Nächte auf diese Weise. Es herrschten nvorstellbarer Frieden und tiefe Stille. Im Morgengrauen kehrten sie nach Shahbagh und Dacca zurück. Pran Gopal sagte, ein paar Monate früher hätte er solche schlaflosen Nächte in der Wildnis nicht ausgehalten. Sein Sohn schreibt: Immer wenn mein Vater von Ma sprach, bebte seine Stimme vor Ehrfurcht und heiliger Scheu, die auch im Laufe vieler Jahre nicht abnahmen. Er hatte sie als ehrerin erkannt, die gekommen war, den Weg zu weisen. Oftmals fragte er sie: ›Wann wirst du dich offenbaren?‹ Darauf lächelte Ma nur.«
      Ma hielt ihr Schweigen in Shahbagh noch ein Jahr und neun Monate aufrecht und begann dann - zuerst sehr leise - zu sprechen. Mit der Zeit wurde ihre Stimme kräftiger, und sie sprach wieder in normalem Ton. Didi [Gurupriya Devi] beschreibt ihre ersten Eindrücke in ihrem Tagebuch:
      »Vor Ma hatte ich keine Scheu. Ich kam vertrauensvoll zu ihr und stand bei ihr, als hätte ich sie schon immer gekannt. Es übersteigt meine Fähigkeit, die Persönlichkeit zu beschreiben, die ich sah. Ein einziger Blick auf ihre strahlende Gestalt, und mein Kopf beugte sich von selbst in Verehrung.«
      Ma lächelte ein Willkommen. Ihr Mauna war im Dezember 1925 vorüber. Leise sagte sie zu Didi: »Wo warst du die ganze Zeit?« So begann eine lebenslange Verbindung, die auf Didis Seite von Hingabe und auf Ma‘s Seite von unfehlbares Kripa [Gnade, Mitgefühl] gekennzeichnet war. Immer neue Besucher kamen nach Shahbagh und mischten sich unter die alten reunde. Einmal sagte Bhudeb Basu aus Bajitpur, er sehne sich nach den früheren Tagen zurück, als Ma köstliche Mahlzeiten für sie zubereitet habe. Mit gewissem Bedauern bemerkte er: »Deine erhabenen Zustände sind für uns ein Verlust.« Ma lächelte, und mit Didis ungeübter Hilfe bereitete sie eines Tages zur Freude der alten Bekannten wie der neuen Devotees ein Abendessen zu. Da Bholanath ein großzügiger Gastgeber war, wurden solche Gastmähler in Shahbagh üblich. Ma‘s Persönlichkeit brachte die Gegensätze in großer Harmonie zusammen. Die Devotees nahmen von ihr gutes Essen ebenso gern an wie Ratschläge bezüglich ihres Sadhana.
      Einer der regelmäßigen Besucher war Didis Vater, Shashanka Mohan Mukherjee, der damals das Medizinische College leitete. Didi begleitete ihren Vater jeden Tag nach Shahbagh. Sie wartete am Abend ungeduldig auf seine Rückkehr vom College. Wenn er sich verspätete, litt sie Qualen innerer Spannung, bis sie seinen Pferdewagen sah. Nach und nach begann sie, Ma bei der Arbeit in ihrem immer weiter wachsenden Haushalt zu unterstützen. Sie half beim Kochen und Servieren, sie wachte über Ma, wenn sie sich in einem Bhava befand. Didi erinnert sich, daß sie kein Interesse am Kochen gehabt hatte. In Ma‘s Gesellschaft lernte sie jedoch, mehr in dieser Kunst zu sehen, als nur ein Mittel, Körper und Seele zusammenzuhalten.
      So schlossen sich etliche Familien in Dacca sehr eng an Ma an. Wer zuerst kam, wollte diese Freude mit seinen Freunden und Verwandten teilen. Ma und Bholanath wurden zum Brennpunkt einer immer weiter wachsenden Schar von Devotees. Bholanath wurde im Laufe der Zeit ›Baba‹ [Vater] genannt. Ein beträchtlicher Querschnitt der Gesellschaft nahm daran teil; die Leute kamen wie von einem Magneten angezogen nach Shahbagh, wann immer sie Zeit hatten. Sie brachten Fische, Früchte und Gemüse mit. Ma verbrauchte die täglichen Gaben stets bis auf das letzte Stückchen Ingwer und die letzte Pfefferschote. Nichts wurde für das nächste Mal aufgehoben. Sie dachte sich vollständige Mahlzeiten mit den jeweils vorhandenen Zutaten aus, wofür die Frauen, von denen sie fast ständig umgeben war, sie sehr bewunderten. Daß das Essen immer gerade für die Gäste ausreichte, war ein höchst bemerkenswerter Zug dieser improvisierten Mahlzeiten. Nichts blieb übrig und niemand ging enttäuscht nach Hause. Daß sich das Geschehen so reibungslos und zum idealen Zeitpunkt abspielte, war ganz typisch für Ma‘s Leben. Jeder, der sich nur ein paar Tage in ihrer Nähe aufhielt, konnte sicher sein, Beispiele dafür zu sehen.
      Alle Hindus sind vertraut mit der Übung des Nama-Japa oder dem Singen von Kirtans und Bhajans. Unter Ma‘s Einfluß gewannen solche persönlichen Formen der Gottesverehrung neue Kraft. Ein belebender Geist griff um sich, der große Gruppen zu gemeinsamer Gottesverehrung zusammenfügte. Oft saßen große Menschenmengen ohne Ansehen von Kaste und Status im  Freien beisammen, um nach einem festlichen Anlaß gemeinsam zu essen. Der Zusammenbruch bisher starrer Verhaltensnormen vermittelte allen ein neues Gefühl von Freiheit. Besonders Frauen konnten bei Ma zeigen, was in ihnen steckte.

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