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Parabeln von Swami Sivananda

  • Teil 1 Philosophie und Lehren
  • Gleichnis von der Butter in der Milch


Ein junges Mädchen kehrte zum ersten Mal, seit es in der Stadt wohnte, in sein Heimatdorf zurück. Am Abend, bevor sie ins Bett gingen, nahm seine Mutter einen Topf mit Kuhmilch, und goß etwas Buttermilch hinein. Das Mädchen fragte: „Mutter, das war Buttermilch. Warum hast du sie mit der Milch vermischt? Die Milch kann dadurch doch verderben!” „Kind,” antwortete die Mutter, „so gewinnt man Butter aus Milch.” „Aber wo ist die Butter in der Milch, Mutter?” „Sie ist in jedem Tropfen der Milch, mein Liebes, aber du kannst sie jetzt nicht sehen. Ich zeige es dir morgen früh.” Am Morgen sah die Tochter, daß das, was abends noch flüssig gewesen war, über Nacht fest geworden war. Die Mutter nahm einen Quirl und schlug den Sauerrahm kräftig. Butter begann sich auf der Oberfläche des Rahms zu bilden. Die Mutter schöpfte die Butter ab und zeigte sie der Tochter. Die Mutter erklärte: ”Der Zusatz von Buttermilch läßt die Milch gerinnen. So verwandelt sich Milch in Sauerrahm. Dann mußt du den Rahm quirlen. Dadurch gewinnt man die Butter, die in der Milch enthalten ist. Am Anfang sieht man die Butter nicht; trotzdem kommt sie aus der Milch. Wie du jetzt weißt, war sie die ganze Zeit da. Sie mußte durch den Vorgang des Quirlens zum Vorschein gebracht werden.” Die Tochter führte nun die gleichen Arbeitsschritte aus und erhielt so ebenfalls Butter.

In gleicher Weise nähert sich ein weltlicher Mensch einem Mahatma (großer Meister) und fragt ihn: „Oh Sadhu (Wandermönch), warum hast du der Welt entsagt und statt dessen Vairagya (Leidenschaftslosigkeit) und Tyaga (Entsagung) in dein Leben gebracht? Warum läßt du das Leben nicht seinen natürlichen Gang gehen?” Der Sadhu antwortet: „Bruder, ich tue dies, um Gott zu verwirklichen.” „Wo ist Gott?” „Er ist alldurchdringend.” Für den weltlichen Menschen ist das nicht einsichtig. Der Weise erklärt dann, wie man Geist und Charakter, die wankelmütig und nach außen gerichtet sind, beständig und standhaft machen kann. Dann sollte man den Quirl einpünktiger Konzentration und Meditation nehmen und damit den festgefügten Geist (Antahkarana = inneres Instrument) gut umrühren und schlagen. So verwirklicht man Gott. Er ist alldurchdringend, in jedem Teilchen der Schöpfung. Aber Er ist für das physische Auge nicht sichtbar und kann nur durch den Prozeß des Sadhana (spirituelle Übung) verwirklicht werden.

So wie die Tochter von der Mutter lernte, daß Butter in der Milch enthalten ist und durch den Vorgang des Butterns zum Vorschein kommt, so braucht man auch einen Lehrer (Guru), um zu erkennen, daß Gott alldurchdringend ist und durch spirituelle Praxis erreicht werden kann. Wenn der Aspirant den Anweisungen des Guru folgt, kann auch er Gott verwirklichen.

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  • Gleichnis von der Krähe auf dem Dach


Ein Mann kam in ein Dorf und fragte jemanden an einer Kreuzung: „Mein Freund, wo ist das Haus von Herrn Iyer?” „Sehen Sie das Haus, auf dessen Dach eine Krähe sitzt? Das ist das Haus von Herr Iyer,” antwortete dieser. Der Mann ging weiter. Eine Woche später kam er wieder. Auf keinem der Dächer saß eine Krähe. Wiederum fragte er jemanden: „Welches ist das Haus von Herrn Iyer?” Er bekam die Antwort: „Das dreistöckige Steinhaus dort.” Von da an kannte der Mann das besagte Haus ganz genau.

Die Schriften (Shastras) sprechen über Gott oder Brahman (das Absolute) als den höchsten Ursprung des Universums. Aber es gibt Zeiten, in denen überhaupt keine Schöpfung existiert. Daher ist dies keine umfassende Definition von Brahman. Man braucht ewige Begriffe wie „Satyam Jnanam Anantam Brahma” (Brahman ist Wahrheit, Erkenntnis, Unendlichkeit). Wenn man sich daran orientiert, kann man das Ziel, Brahman (Gott, das Absolute), niemals verfehlen.

  • Gleichnis vom Traum des Königs


Ein König legte sich in seinem Palast schlafen, der von allen Seiten von Wachposten bewacht wurde. Nicht einmal eine Fliege konnte in den Palast eindringen und den König stören. Das Schlafzimmer war mit jeglichem Komfort ausgestattet, den man sich vorstellen kann. Es fehlte an nichts, um dem Monarchen zu tiefem Schlaf zu verhelfen.

Kurz nachdem er sich hingelegt hatte, hatte der König einen Traum. Irgendwie war ein Schakal in den Palast eingedrungen, hatte ihn angegriffen und ihm einen Zeh seines linken Fußes abgebissen. Inzwischen erreichte ihn die Nachricht, daß Feinde in sein Königreich eingedrungen seien und alles erobert hätten. Er flieht in panischer Angst, aber der abgebissene Zeh schmerzt ihn sehr. Zur Behandlung sucht er einen Arzt auf. Der Arzt weigert sich, ihn zu behandeln, da er kein Geld für die Arztrechnung bei sich hat. Als Bettelmönch flieht er in den Wald. Dort findet er einen Mahatma (Meister), der seine Wunden heilt. Er fühlt große Dankbarkeit im Herzen. Da wacht er auf.

Der Traum schwindet. Der König liegt immer noch auf seinem goldenen Bett in seinem Palast, wo keine Fliege eindringen kann. Er stellt fest, daß es weder den Schakal, noch die Wunde, noch seine Flucht in den Wald gibt. Aber die Gnade des Mahatma hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Obwohl alles ein Traum war und er sich dessen auch bewußt ist, behält er den Dienst des heiligen Mannes für immer in Erinnerung und zieht Inspiration daraus.

In gleicher Weise ist der Mensch (Jiva, die individuelle Seele) tatsächlich der höchste Herrscher des Universums. Es fehlt ihm an nichts. Er ist im Besitz der höchsten Wonne -– ist Wonne selbst. Aber wenn sich der Schleier der Unwissenheit über ihn legt, träumt er und der Schakal des Egoismus beißt ihn. Die Sinne als seine Feinde überwältigen ihn. Die Glückseligkeit, an der er sich so lange erfreut hat, ist verschwunden; er erfährt Unglück und Leid. Unruhig sucht er nach Befreiung vom Elend und nach Glückseligkeit.

Überall begegnet ihm Selbstsucht. Ohne unmittelbaren Nutzen ist niemand bereit, ihm auch nur ein Glas Wasser zu geben. Angewidert von der Welt, nimmt er Zuflucht bei einem Weisheitslehrer (Sat-Guru). Der Guru heilt seine Wunden und erweckt sein höheres Bewußtsein. Die erwachte Seele erkennt: Alles ist nur ein langer Traum. Die Dankbarkeit für den weisen Lehrer, der sie von der Krankheit von Geburt und Tod geheilt hat, bleibt. Die Unterweisung des Gurus und seine Gnade bleiben, während alles andere, was Teil des Traumes war, verschwindet. Die erwachte Seele fühlt wieder, daß sie die höchste Herrscherin des Universums ist, daß nichts ihre Souveränität je beeinträchtigt hat, daß es weder Unwissenheit noch Egoismus gab, und daß sie von Ewigkeit zu Ewigkeit fortfährt, das gleiche Selbst zu sein - immer wonnevoll, friedvoll und unsterblich.

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  • Gleichnis von der Frau, die ihr Spiegelbild schmücken wollte


Eine Frau schaute sich selbst im Spiegel an. Das Spiegelbild gefiel ihr nicht. Sie holte Schmuckstücke und begann, das Spiegelbild damit zu schmücken. Aber es wollte ihr nicht gelingen. Sie brachte die Schmuckstücke nahe an das Spiegelbild heran. Im Spiegel sah es nun so aus, als ob sie sich im Gegenteil vom Spiegelbild entfernten. Schließlich legte sie sich den Schmuck selbst um. Zu ihrer Verwunderung war jetzt auch das Bild im Spiegel geschmückt und sah sehr schön aus.

Das Spiegelbild repräsentiert Jiva, die individuelle Seele, und die Frau das Selbst oder Gott. Der unwissende Mensch meint, es fehle ihm an Wohlstand, Reichtum und Glück. Er jagt den Dingen der Welt hinterher und häuft Reichtum und Luxus an. Diese befriedigen ihn jedoch nicht, noch bereichern sie seine Seele. Je mehr er versucht, sich mit den Reichtümern der Welt zu schmücken, desto weiter entfernen sie sich von ihm. Dann versteht er, daß sein kleines Selbst das Spiegelbild des alldurchdringenden Atman, des Höchsten Selbst, ist. Er bringt all seinen Wohlstand dem Selbst dar, durch Wohltätigkeit, Hilfsbereitschaft und Selbsthingabe. Er dient den Armen, Kranken und Leidenden mit der Überzeugung (Bhava), dem gleichen alldurchdringenden Selbst in allen zu dienen. Er bringt sich dem Selbst dar, indem er über es meditiert. Er schenkt dem Spiegelbild, dem Jiva, keine Aufmerksamkeit mehr; statt dessen widmet er sich der Wirklichkeit und erkennt, daß er selbst im Besitz allen Erfolgs, aller Schönheit, allen Glücks und aller Wonne ist.

Oh Mensch, gib den Wunsch nach Selbstbehauptung in der Welt auf und suche das wahre Selbst. Du bist nicht dieser Körper, Geist, Intellekt und nicht das kleine „Ich”; du bist der unsterbliche, alldurchdringende Satchidananda Atman, das Selbst, das reines Sein, reines Wissen, reine Wonne ist. Verwirkliche dies und sei frei.

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  • Gleichnis vom Jackfrucht-Baum im Hof


In einem Hof stand ein großer Jackfrucht-Baum[01], der von unten bis oben schönste Früchte trug. Wie besessen stürmte der Sohn des Hauses mehrmals hinaus zu dem Baum. Er berührte die Früchte, aber sie waren noch hart und nicht reif. So wandte er sich mißmutig wieder ab. Weit weg von zu Hause hatte er eine Palme gesehen. Dorthin wollte jetzt. Nach einem Fußmarsch von mehreren Stunden in der glühenden heißen Sonne stand er vor der Palme. Seine Gier hatte einen Höhepunkt erreicht. Die wenigen kleinen Früchte an der Spitze des Baumes verlockten ihn. Als er auf die Palme zustürmte, fiel er in einen Busch, dessen Dornen ihn am ganzen Körper zerkratzten. Ohne sich darum zu kümmern, begann er, auf die Palme zu klettern. Die Schuppen am Stamm waren hart und messerscharf und verletzten ihn. Er achtete nicht darauf. Wie er so hinaufkletterte, wurde er von einem Schwarm giftiger Ameisen, deren Bisse wie Feuer brennen, am ganzen Körper gebissen. Irgendwie schaffte er es, die Spitze zu erreichen. Oben schwärmten Hunderte von Bienen um die Früchte herum. Sobald er sie pflücken wollte, stachen sie ihn. Mehr als die Hälfte der Früchte fiel nach unten. Mit dem Rest kletterte er hinunter. Unterwegs verlor er einige davon. Unten setzte er sich hin, um die restlichen zu genießen. Zu seinem Entsetzen stellte er fest, daß der größte Teil bereits harte Nüsse waren, deren Schale mühsam entfernt werden mußte. Sie hatten auch nur ganz wenig Fruchtfleisch. Voller Widerwillen warf er sie schließlich weg. In dem Moment kam er wieder zu Sinnen. Nun litt er alle möglichen Qualen. Der Schmerz der Dornenstiche, die Bisse der Ameisen, die Stiche der Bienen und die Schnitte an seinem Körper von den scharfen Schuppen des Stammes – all das schien ihn gleichzeitig zu martern.

[01 Info Jackfrucht-Baum]
Sehr großer Baum in Indien und einigen anderen asiatischen Ländern. Die Früchte sind sehr groß, dick, hart und schwer, oval bis rund, ähnlich wie Wassermelonen, wachsen direkt am Stamm, oft bis weit hinunter. Außen grüne Schale. Das reife Fruchtfleisch ist creme-bis gelbfarbig und wird roh gekocht oder gebraten gegessen. Die weiße Samen innen schmecken ähnlich wie weiße Bohnen und werden für Currys, Dhals etc. gekocht.

Mittlerweile waren einige Tage vergangen. Blutend, mit zerfetzten Kleidern, lief er nach Hause – dort wartete sein Vater mit köstlichen reifen Früchten auf ihn. Der junge Mann stolperte ins Haus und fiel seinem Vater zu Füßen. Ohne zu fragen, gab der Vater ihm neue Kleider, zog die Dornen aus seinem Körper, versorgte die Wunden und reichte ihm dabei die ganze Zeit honigsüße Früchte. Der junge Mann war glücklich und schlief friedlich auf dem Schoß seines Vaters ein.

In gleicher Weise ignoriert der Mensch die Quelle immerwährender Wonne im Innern seines eigenen Herzens. Er schreckt vor den anfänglichen Schwierigkeiten im Sadhana (spirituelle Praxis) zurück. Er macht sich nicht die Mühe, dieses grobe Äußere zu öffnen, um dafür höchste Wonne zu genießen. Er ist hungrig. Er läuft weg von sich selbst und seinem Baum, der die besten Früchte hervorbringt. Über den brennenden Sand des Samsara (Rad von Geburt und Tod) läuft er hierhin und dorthin. Hier fällt er in den dornigen Busch der Schande, dort schlägt er sich wund an den Felsen des Fehlschlags. Er verliebt sich. Wie viel von seinem sorglosen Leben muß er opfern, bevor er sich der Angebeteten nähern kann! Während er den Baum der Ehe erklimmt, beißen ihn tausend Sorgen - von der Ernährung der Kinder bis zum Geldverdienen für den notwendigen Lebensunterhalt für sich und seine Frau. Aber immer noch verfolgt er dasselbe Ziel. Er ist beschäftigt mit den kleinen Früchten des sinnlichen Vergnügens. Während er danach greift, befallen ihn verschiedene Leiden. Schließlich wird er all dieser Dinge überdrüssig und erkennt, daß er von der Welt in Wirklichkeit nicht die geringste wirkliche Freude erwarten kann. Er sucht nach einem Ausweg.

Während er den Baum des Familienlebens besteigt, zerreißen die scharfen Kanten der Forderungen von Gläubigern und Verwandten seine Kleider und fügen ihm am ganzen Körper blaue Flecken zu. Er bleibt zurück mit zerfetzten Kleidern und einem verwundeten, erschöpften Körper. Müde setzt er sich für eine Weile hin und untersucht die Früchte, die die Ursache all seiner Schwierigkeiten waren. Die meisten haben eine harte Schale, der Rest ist nur ein bißchen dünne Haut. Wenn Schale und Haut entfernt werden, bleibt nichts mehr - außer Wunden und Quetschungen, Stiche und Bisse, zerrissene Kleider und ein müder Körper. Überdrüssig und angeekelt wirft der Mensch die illusorischen Früchte weg und läuft nach Hause.

Hier wartet der Lehrer mit den köstlichen Früchten der Weisheit auf ihn. Er hat alle bereits geschält und zum Essen vorbereitet. Der Guru trocknet die Tränen, heilt die Wunden und bringt die neuen Kleider der Entsagung und Hingabe. Der Mensch fällt ihm zu Füßen und ruht sicher in seinem Schoß. Mit höchster Liebe und großem Mitgefühl, wie sie nur aus dem Herzen des Guru fließen können, nährt er den Schüler mit dem süßen Honig der Weisheit, dem Wissen um das Selbst (Atma-jnana). In seinem innersten Selbst erwacht, wendet sich der Mensch gleichsam wie im Schlaf von den Angelegenheiten der Welt ab und erfreut sich an dem großartigen schlaflosen Schlaf des Samadhi (überbewußter Zustand).

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  • Gleichnis von dem Mann und seinem Hund


Ein Mann ging mit seinem Hund spazieren, auf den er sehr stolz war. Der Hund lief immer vor ihm her. Der Mann hatte auch immer einen Regenschirm dabei. Um zu zeigen, daß sein Liebling alles für ihn tat, ließ er den Hund den Regenschirm zwischen den Zähnen tragen. So lief der Hund mit dem Regenschirm stolz vor ihm her. Plötzlich begann es zu regnen und der Mann wollte den Regenschirm benützen. Aber der Hund war ein gutes Stück voraus. Daher lief der Mann dem Hund eilig nach. Der verstand nicht, warum sein Herr plötzlich hinter ihm herlief. Erschrocken rannte er nach Hause, so schnell er konnte. Als der Mann endlich auch zu Hause ankam, war er bis auf die Haut durchnäßt.

Der Mensch (Jiva, die individuelle Seele), geblendet von Stolz und Unwissenheit, vertraut sein spirituelles Bewußtsein dem Geist an. Eine Weile scheint es so, als ginge der Geist voraus und führe den Menschen. Der Geist beherrscht das Bewußtsein und der Mensch hat das Gefühl, sicher zu sein. Dann kommt ein heftiger Schauer des Leides des weltlichen Lebens und der Versuchung der Sinnesobjekte. Der Hunde-Geist mit dem Regenschirm des spirituellen Bewußtseins entfernt sich immer weiter.

Wenn das Bewußtsein nicht dem Geist anvertraut wird, der, nebenbei gesagt, ohnehin nicht wirklich Gebrauch davon machen kann, dann kann sich der Mensch selbst vor dem Regen des Elends und der Versuchungen schützen. Ansonsten entfernt sich die Befreiung von Leid und Ablenkungen immer mehr, je schneller der Mensch vorwärts stürmt.

Darum begehe nicht die Dummheit, dem unzulänglichen Geist deinen spirituellen Reichtum und dein spirituelles Wohlergehen anzuvertrauen. Er ist höchst unzuverlässig und wird dir im Ernstfalls nichts nützen. Lerne, auf Gott allein zu vertrauen. Mache Ihn zu deiner alleinigen Stütze.

  • Gleichnis vom Großgrundbesitzer und seinem Verwalter


Ein Zamindar (Grundbesitzer) beauftragte einen Verwalter mit der Beaufsichtigung seiner Ländereien. Der Verwalter erhielt weitreichende Vollmachten über die Besitztümer. Die Angestellten wurden dazu angehalten, seine Anweisungen zu befolgen. Sie gingen davon aus, der Verwalter habe die Macht, sie zu kontrollieren, sie einzustellen oder zu entlassen. Der Besitzer beobachtete den Agenten und seine Aktivitäten aus dem Hintergrund. Nach und nach wurde der Verwalter immer hochmütiger und arroganter und maßte sich mehr und mehr die Macht des Besitzers an. Eines Tages kam ein Sadhu (Weiser, Heiliger; Mönch) und wollte den Zamindar besuchen. Der Verwalter wies den Sadhu streng zurecht: „Wo soll hier ein Zamindar sein? Hier gibt es keinen Zamindar. Ich bestimme hier alles. Was immer du willst, frage mich danach.” Der Sadhu, der über besondere Kräfte verfügte, rief aus: „Oh Zamindar, bitte komme und kläre diesen Mann auf!” Der Zamindar kam sofort herein, als ob er auf diesen Ruf gewartet hätte. Der Verwalter senkte beschämt seinen Kopf und fiel dem Besitzer und dem Sadhu demütig zu Füßen. Der Zamindar enthob ihn sofort aller Ämter und stellte ihn erst wieder ein, nachdem er seinen Fehler vollständig erkannt und aufrichtig gelobt hatte, niemals mehr die Souveränität des Zamindars in Frage zu stellen, sondern seine Herrlichkeit gegenüber allen zu preisen.

Der Großgrundbesitzer steht für das Höchste, für Gott. Der Verwalter ist der Geist. Der Geist ist aus Gott entstanden; er strahlt nur durch Sein Licht und hat in Wahrheit keine unabhängige Existenz. Aber es scheint so, als seien seine Kräfte unbegrenzt, weil das Selbst den Geist als seinen Verwalter eingesetzt hat, um das Spiel (Lila) der Welt fortzuführen. Der Geist meint, er sei Herr der Sinne, und habe die Macht, die Sinne einzusetzen oder zurückzuziehen. Der irregeleitete Geist verleugnet die ihm übergeordnete Kraft. Dann kommt der gottverwirklichte Heilige, der den Geist an das Selbst erinnert. Aber der weltliche Mensch leugnet die Existenz des Selbst: „Wo soll das Selbst oder Gott sein? Ich bin alles!” Aber der Guru oder verwirklichte Heilige ist nicht so leicht zu besiegen. Er ruft den Menschen den Namen Gottes in Erinnerung. Nun erkennt der Mensch die höhere Macht. Er anerkennt die alldurchdringende und allgegenwärtige Natur Gottes und übergibt sich Ihm ganz. Gott entläßt sofort den Geist. Wenn der Geist zur Ruhe kommt, dann geht der Sadhaka (spirituelle Sucher) in Samadhi (überbewußter Zustand) ein und genießt Glückseligkeit. Wenn er aus Samadhi zurückkehrt, ist er ein vollständig veränderter und gereinigter Mensch. Er schwört, Gott niemals mehr zu verleugnen, sondern immer seine Herrlichkeit zu preisen.

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  • Gleichnis von der verlorenen Armbanduhr


Ein Mann suchte wie wahnsinnig etwas in einem dunklen Raum. Er tobte, schrie und veranstaltete ein riesiges Durcheinander. Dabei zerbrach er so manches und stolperte über anderes, ohne indes zu finden, was er suchte.

Ein Freund schaute zur Tür herein und fragte nach dem Grund seiner Aufregung. Der Mann antwortete: „Oh mein Freund, ich habe meine Armbanduhr verloren. Sie ist weg.”

Der Freund sagte: „Wie kann sie hier verschwinden? Was für ein Narr du bist, daß du in der Dunkelheit nach der Uhr suchst! Ich habe Licht mitgebracht. Nun beruhige dich erst mal. Denke nach und versuche, dich zu erinnern, wo die Uhr sein könnte. Dann wirst du sie bald finden.”

Der Mann hielt sich an diesen Rat und fand die Uhr. Sein Freund erklärte: „ Die Uhr war weder verloren noch hast du sie wiedergewonnen. Sie war die ganze Zeit hier. Aber aufgrund der Dunkelheit im Raum und weil du an der falschen Stelle gesucht hast, hast du sie nicht gefunden. Jetzt, wo die Unwissenheit beseitigt ist, denkst du, du hast sie wieder. Sie war jedoch immer dein und nicht wirklich verloren.”

Im tiefsten Inneren jedes Menschen befindet sich das Selbst, voll Wonne und Frieden. Blind durch die Dunkelheit der Unwissenheit ist der Mensch unfähig, das Selbst zu sehen und die Wonne und den Frieden zu erfahren. Auf der Suche nach Glück und Frieden streift er zwischen den Objekten der Welt umher, bringt sich selbst und die Dinge durcheinander, verursacht Unglück für sich und andere, weint und klagt. Aber das Gesuchte findet er nicht. Zuletzt erscheint der Guru (Lehrer) mit der Lampe der Weisheit. Er erklärt dem Menschen: „Beseitige die Dunkelheit der Unwissenheit mit der Lampe der Weisheit. Beruhige dich. Bringe alle Gedankenwellen zur Ruhe. Dann analysiere alle Erfahrungen und meditiere darüber. Du wirst das Selbst entdecken. Du hast es niemals verloren, noch jetzt wiedergefunden. Es ist immer da gewesen. Du wußtest es nur nicht. Jetzt, wo in deinem reinen Herzen und ruhigen Geist das leuchtende Selbst erstrahlt, hast du das Gefühl, es wiedergefunden zu haben.”

  • Gleichnis von der Fußmatte


Ein Mann betrat eilig das Haus seines Nachbarn. Vor der Türschwelle befand sich eine farbenfrohe Fußmatte mit der Aufschrift „Willkommen”. Ohne sie weiter zu beachten, trat er auf die Matte. Sie rutschte weg und der Mann stürzte auf den Rücken. Dabei wurde die Matte so hochgeschleudert, daß sie mit der Rückseite nach oben wieder herunterfiel. Der Mann verfluchte die Fußmatte und das Wort „Willkommen” darauf, und stand auf. Sein Blick fiel wieder auf die Matte, auf deren Rückseite er jetzt las: „Vorsicht: Gefahr!”. Die Aufschrift auf der Rückseite war extra für die bestimmt, die unachtsam auf die Matte traten!

Ein Mann liest in den Schriften: ‘Maya Tatam Idam Sarvam’ (Alles ist durchdrungen von Mir), ‘Isavasyam Idam Sarvam’ (Alles ist wahrhaftig Gott), ‘Sarvam Khalvidam Brahma’ (Alles ist wahrhaftig Brahman). Da ja alles von Gott durchdrungen ist, glaubt er, es bestehe keine Notwendigkeit zu Wachsamkeit, Vairagya (Leidenschaftslosigkeit) und Sadhana (spirituelle Praxis). Er rutscht aus und stürzt. Wie kann Gott ihn so fallen lassen? Sind die Schriften falsch, die sagen: „Alles ist durchdrungen von Mir“? Nein. Der Mann schaut sich nochmals die Schriften an. Nun entdeckt er eine weitere Aussage: ‘Anityam Asukham Lokam Imam Prapya Bhajasva Mam’ (Wenn du in die unbeständige Welt voller Leid kommst, dann verehre Mich). Jetzt erkennt er: Wenn man nachlässig ist und zu sehr an weltlichen Dingen hängt, rutscht man bei jedem Schritt aus. Obwohl die Welt von Gott durchdrungen ist, muß man seinen Weg achtsam gehen, wachsam und frei von Wünschen.

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  • Gleichnis vom zufriedenen Kamel


Ein Kaufmann mußte eine Wüste durchqueren. Er mietete ein Kamel und lud ihm das gesamte schwere Gepäck sowie eine kleine leere Büchse auf den Rücken. Das Kamel brach unter dieser Last zusammen und bewegte sich nicht vom Fleck. Der Kaufmann nahm die leere Büchse herunter und warf sie weg. Das Kamel fand nun, das Gewicht auf seinem Rücken sei stark vermindert und brach auf. Ohne weitere Unzufriedenheit durchquerte es den heißen Sand der Wüste.

Diese Welt - die Wüste des Samsara (Kreislauf von Geburt und Tod) - ist ein Platz, wo Maya (Täuschung) ihr Geschäft betreibt. Sie wirft die arme Seele (Jiva) in die Wüste mit ihrem brennenden Sand endlosen Schmerzes und Leidens. Der Mensch ist schwer beladen mit Krankheit und Leid, Sorgen, Ängsten und Schmerzen. Gelegentlich erleichtert Maya, die Täuschung, die Last um ein geringfügiges Leidenspäckchen. Dadurch erfährt man ein wenig Freude. Nun glaubt man, vollständig von allem Leid der Welt befreit zu sein und eilt Kopf voraus in die Wüste des Kreislaufs von Geburt und Tod (Samsara). Armer, irregeleiteter Mensch! Die ganze Zeit trägt er das volle Gewicht und läßt sich von der List der Maya täuschen.

  • Gleichnis vom Reisenden und seinem Gepäck


Ein Dorfbewohner erhielt ein dringendes Telegramm von seiner Frau, die in einem entfernten Dorf wohnte. Sie sei sehr krank und wünsche, ihn zu sehen und zu sprechen. Der Dorfbewohner, der noch nie Zug gefahren war, eilte zur Bahnstation und kaufte eine Fahrkarte. Unmittelbar hinter der Bahnstation wurden Reparaturarbeiten an den Gleisen ausgeführt, so daß der Zug sehr langsam fuhr. Der Dorfbewohner verstand nicht, warum der Zug sich so kriechend vorwärts bewegte. Er war auch ungeduldig, das Dorf seiner Frau zu erreichen. So begann er nachzudenken, und meinte zuletzt: „Was für ein Narr ich bin! Nicht nur ich bin eine Last für den Zug, sondern ich habe auch noch mein Bettzeug und meinen Koffer als zusätzliches Gewicht bei mir. Wegen dieses Gewichts fährt der Zug so langsam.“ Sofort hob er den Koffer und das Bettzeug auf und trug sie auf dem Kopf – sehr zum Vergnügen seiner Mitreisenden.

Der Mensch besteigt den Zug des Lebens auf der Erde. Er wird von unsichtbaren Kräften getragen. Aber sein Glück (seine Frau) ist in ernster Gefahr. Er möchte es schnell erreichen. Die Dinge ereignen sich nicht immer so, wie man es wünscht. Der Ungeduldige meint, wenn er die Verantwortung für Familie und Kinder, Geschäftsangelegenheiten und häusliche Angelegenheiten selbst trägt, wird er sein Ziel – das Glück - schneller erreichen. Er weiß nicht oder vergißt, daß es in jedem Fall der Zug ist, der ihn und sein ganzes Gepäck trägt, ob er es nun auf dem Kopf hat oder auf dem Boden des Abteils. Gott ist letztlich der Schirmherr, die Kraft hinter allem.

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  • Gleichnis vom Mann, der sein Gedächtnis verlor


Beim Kricketspielen wurde ein Mann von der Kugel am Hinterkopf getroffen. In seinem Kopf wirbelte es. Ihm wurde schwarz vor Augen und er fiel in tiefe Ohnmacht. Man brachte ihn ins Krankenhaus. Nach verschiedenen Operationen kam er wieder zu Bewußtsein. Er fragte zuerst nach etwas zu essen. Als er sich umsah, bekam er Angst. Er fragte: „Wer seid ihr?” „Was ist das?” Die Krankenschwestern merkten, daß er sein Gedächtnis verloren hatte. Er konnte sich weder an seine Verwandten noch an seinen eigenen Namen erinnern. Die älteste Krankenschwester, die ihn zum Bewußtsein zurückgebracht hatte, übernahm die Rolle einer Mutter und adoptierte ihn. Der Mann hielt sie für seine richtige Mutter. Er pflegte neue Beziehungen und fand neue Freunde. Es war kaum ein Jahr vergangen, als es ihn unwiderstehlich zum Kricketplatz zog. Er spielte so gut wie früher, erkannte jedoch keinen seiner ehemaligen Mitspieler wieder. Diese wunderten sich über seine seltsame Veränderung.

Genauso spielt der Mensch das Spiel des Lebens auf der Erdebene. Der Tod ergreift ihn. Es wird dunkel um ihn. Er verliert das Bewußtsein. Boten aus der anderen Welt bringen ihn fort. Seine schlechten Taten martern ihn. Bei der nächsten Geburt kehrt sein Normalbewußtsein langsam zurück. Er weint angesichts der seltsamen Dinge um ihn herum. Er sucht instinktiv die Mutterbrust und saugt die Muttermilch. Wenn sein Bewußtsein gegenüber der Welt sich mehr und mehr entwickelt, beginnt er zu fragen: „Wer ist das?” Er hat seinen wahren Vater und seine wahre Mutter – nämlich Gott - vergessen. Die Frau, die ihn zur Welt brachte, sagt: „Ich bin deine Mutter.” Er akzeptiert sie als solche. Dann findet er sich in einem neuen Kreis von Verwandten und Freunden. Bald beginnt er das gleiche gewohnte Spiel des Lebens, getrieben von den Samskaras (Eindrücken im Unterbewußtsein) aus früheren Leben. Weise Menschen wundern sich über dieses Geheimnis der Seelenwanderung. Obwohl die Erinnerung an frühere Geburten verloren ist, bleiben die Samskaras und Vasanas (Neigungen) erhalten und lenken den Menschen.

  • Gleichnis vom gierigen Pilger


Ein Mann, der auf eine Pilgerreise gehen wollte, lieh sich hundert Rupien von einem Freund. Nachdem er verschiedene Orte besucht hatte, kehrte er in seinen Heimatort zurück. Als er den Freund traf, von dem er sich das Geld geliehen hatte, erinnerte dieser ihn daran. Der Pilger fragte: „Wieviel soll ich dir bezahlen?” „100 Rupien natürlich!” „Oh, du willst alles zurück?” - Was für eine sonderbare Frage!

Genauso merkwürdig ist das menschliche Verhalten. Das Individuum betritt das Riesenreich des Samsara (Geburt und Tod) und wandert dank dem von Gott verliehenen Bewußtsein durch verschiedene Daseinsebenen - als Mineral, als Pflanze, als Tier und als Mensch. Als Mensch kommt die individuelle Seele ihrem Ursprung, Gott, wieder sehr nahe. Nun, da die Reise fast zu Ende ist, verlangt Gott das geliehene Bewußtsein wieder zurück. Der Mensch soll erkennen, daß seine Seele Gott gehört. Das ganze Herz sollte Gott dargebracht werden. Aber dem unwissenden Menschen, der voll Verlangen und Wünschen ist, der Täuschung unterliegt und an weltlichen Dingen hängt, widerstrebt das. Wie machtvoll Maya, die Täuschung, doch ist!

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