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Der Aufstieg des Geistes

 
 
   1 Einführung

Das Ideal der Menschheit ist spirituell. Diese These kann von keinem wirklich wachen Verstand geleugnet werden. Selbst dort, wo das Ideal offenbar das Gegenteil des Spirituellen zu sein scheint, ja selbst in den krassesten materialistischen Annäherungen an das Leben, kann hinter den äußeren Erscheinungen die spirituelle Bedeutung erkannt werden, wenn man sich die motivierenden Kräfte hinter den mannigfaltigen Lebenshaltungen und -äußerungen mit psychoanalytisch geschultem Auge bewußt macht. Selbst im schlimmsten Menschen schlummert ein spirituelles Element, auch wenn uns die bösartigen Neigungen, die man in etlichen Kreisen der Menschheit beobachten kann, manchmal daran zweifeln lassen wollen, daß die treibende Kraft hinter all den Übeltaten wirklich der als allgegenwärtig zu erachtende Geist ist. Doch er ist es tatsächlich. Selbst hinter dem unauffälligsten Ereignis liegt ein verborgener Sinn, auch wenn wir ihn nicht erkennen können. Er wirkt als Motivkraft, die sich auf rechte oder fehlgelenkte Art und Weise, über die verschiedensten Pfade innerhalb der Wüste des Lebens auf das Erwachen in das Bewußtsein dessen ausrichtet, was man wirklich sucht. Die Fehler der Menschheit sind in Wirklichkeit die Folgeerscheinungen einer tief verwurzelten Unwissenheit. Und die Unkenntnis einer Tatsache besagt nicht, daß es diese Tatsache nicht gibt. Das Fehlen eines eindeutigen Bewußtseins des Zieles des menschlichen Lebens kann grundsätzlich nicht bedeuten, daß ein solches Ziel überhaupt nicht existiert.

Die Bewegungen des Menschen in der Welt von Raum und Zeit, innerhalb der Gesellschaft und im Ablauf der Geschichte werden durch feine, tief liegende Impulse hervorgerufen, deren Ziele im allgemeinen körperlicher, materieller, finanzieller oder sozialer Natur sind, und somit ziemlich das Gegenteil von dem, was man allgemein hin als geistig oder spirituell erachtet. Dieser anscheinende Widerspruch widerlegt jedoch nicht den eigentlichen Zweck dieser Impulse. In Wirklichkeit gibt es lediglich einen einzigen komplizierten inneren Wachstumsprozeß der menschlichen Natur in ihrem Kampf darum, sich der eigenen wahren Bedürfnisse bewußt zu werden, und dieser Prozeß, der sich in verschiedenen Formen der Bemühung äußert, stellt die Geschichte der Menschheit, angefangen bei der Schöpfung bis hin zum heutigen Tag, dar. Was wir auch immer über die erstaunlichen Bemühungen und Bewegungen der Menschheit gehört haben mögen und was wir auch immer für erstrebenswert oder sonstwie für angenehm oder unangenehm halten mögen - all dies kann ohne Ausnahme in dem einen Beweggrund, dem alleinigen und einzigen universellen Impuls, zusammengefaßt werden.

Dieser universelle Impuls ist der eigentliche spirituelle Antrieb, und wenn wir wollen, brauchen wir nicht das Wort “spirituell” zu verwenden, um ihn zu bezeichnen. Dennoch kann man diesen alles-verzehrenden Impuls in Richtung eines allem gemeinsamen Zieles durchaus als spirituelles Streben und als grundsätzlichstes Bedürfnis der individuellen Natur bezeichnen. Dieser Impuls mag auf bestimmten vorherrschenden Ebenen der Erfahrung zwar nicht in der geeigneten Ausdruckskraft oder Verhältnismäßigkeit sichtbar sein, doch kann man ihm seine Bedeutung nicht deshalb absprechen, weil man ihn an der Oberfläche der Dinge nicht sehen kann. Wie wir alle sehr wohl wissen, kommt nicht alles, was wir sind, an die Oberfläche unseres bewußten Lebens. Und dennoch sind wir auch das, was in uns unsichtbar darauf wartet, früher oder später als treibende Kraft in unseren Leben an die Oberfläche unserer Persönlichkeit zu kommen, wenn nicht bereits in diesem, dann in den noch bevorstehenden Leben. Die Drangsale der menschlichen Natur sind ihrem Umfang nach universell und nicht individuell, nicht einmal sozial im Sinne unserer geläufigen Gesellschaftsdefinition. Welche Sehnsüchte die Menschheit auch immer haben mag, sie haben ein universelles Ausmaß, da sie in jedem Wesen gegenwärtig sind: in mir, in dir, bis hin zu den anorganischen Ebenen der Offenbarung, wobei sie verschiedene Formen und Ausdrucksarten annehmen.

Jede individuelle Struktur kämpft darum, mit anderen solchen Zentren in Kommunikation zu treten. Und diese Tendenz, mit dem Wesen von anderen zu verschmelzen, ist der Anfang alles spirituellen Strebens. Was ist Gravitation, wenn nicht ein spiritueller Drang? Was ist die Kraft, die die Erde um die Sonne kreisen läßt, wenn nicht eine spirituelle? Wir mögen uns verwundert fragen, wieso die Gravitationskraft spirituell sein soll, da wir doch wissen, daß sie ein physikalisches Phänomen ist - doch es ist alles nur eine Frage der Nomenklatur. Wir können sie physikalisch, psychologisch, sozial, ethisch, moralisch oder spirituell nennen - ganz wie es uns beliebt. Die Frage lautet nämlich: Was ist sie ihrem Wesen nach? Warum gibt es überhaupt eine Anziehung? Die Anziehung moralischer Kraft, die Anziehung der psychischen Inhalte, der Liebe und Zuneigung? Was ist es, das eine Sache zur anderen hinzieht? Warum sollten sich zwei Zentren überhaupt anziehen? Welche Absicht, welches Ziel, welches Motiv und welches Geheimnis befinden sich hinter diesem Drang? Wenn wir die Quellen der menschlichen Natur und die Neigungen von allem und jedem in der Welt, selbst auf den anorganischen Ebenen, nüchtern untersuchen, werden wir feststellen, daß es da so etwas wie eine Art Sehnsucht danach gibt, mit Dingen in Kontakt zu treten, die sich außerhalb der eigenen Persönlichkeit befinden. Dieses “Gefühl” ist manchmal bewußt und manchmal unbewußt gegenwärtig und drängt danach, die Gefühle und Standpunkte der anderen abzuwägen und abzuschätzen, so daß man durchaus von einem Verlangen nach Vermengung der verschiedenen Standpunkte sprechen kann, wobei dieser Drang, dieses Bestreben oder Empfinden erst aufhört, wenn der allgemeine universelle Standpunkt erreicht worden ist. Ob dies jedermann bekannt ist oder nicht, ist eine andere Sache, denn nicht alle Menschen befinden sich auf derselben Entwicklungsstufe. Demzufolge wäre es unfair und unsinnig zu erwarten, daß sich ein jeder auf der gleichen Verständnisebene befinden sollte. Wenn bestimmte Teile der Menschheit nicht spirituell zu sein scheinen, heißt das noch lange nicht, daß sie Spiritualität grundsätzlich ablehnen. Sie sind lediglich noch nicht dazu fähig, die Bedeutung hinter den eigenen Bestrebungen, Aktivitäten und Motiven in ihrem Leben vollständig zu begreifen. Ihre Unfähigkeit, den Beweggrund hinter ihren Handlungen und Erwartungen zu verstehen, ist ein Punkt, der nicht als das Gegenteil des spirituellen Bedürfnisses angesehen werden muß. Letztlich kann es für die Menschheit keine zwei Ideale geben. Ganz gleich, ob jemand in China oder in Peru lebt, die Grundlagen der menschlichen Natur sind dieselben. Das Ideal der Menschheit, das Ideal aller Wesen, selbst das der unter- oder übermenschlichen, kann nicht anders als eins sein, so daß die Ursache aller Unternehmungen des Lebens auf die Rastlosigkeit zurückzuführen ist, die von der Gegenwart dieses ursprünglichen Bedürfnisses ausgeht. Der Fabrikarbeiter, der Handwerker, der Beamte und so weiter - all diese Menschen, die sich für anscheinend unterschiedliche Ziele im Leben mühen und plagen -, sie alle arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin, das ihnen im Moment nicht klar ist. Sobald wir auf einer angemessenen Verständnisebene angelangt sind, werden wir in der Lage sein, die Gemeinsamkeit zu erkennen, die sich hinter den Haltungen aller menschlichen Wesen verbirgt, selbst wenn diese Haltungen anscheinend voneinander verschiedenen Zwecken dienen.
Die menschliche Natur durchläuft einen Entwicklungsprozeß, und nicht alle Männer und Frauen sind wirklich voll entwickelte menschliche Wesen. Häufig sind noch Elemente der Tiernatur in die menschliche Natur verwoben, die jedoch langsam im aufsteigenden Evolutionsprozeß verschwinden. So kann man mit Sicherheit behaupten, daß es selbst unter den menschlichen Wesen noch Tiermenschen gibt, wie man auch selbstsüchtige Menschen, gewöhnliche Menschen, gute Menschen, heilige Menschen und Gottmenschen finden kann. Wir können nicht sagen, daß sich alle Menschen auf derselben Stufe befinden, was es den Individuen auch nicht gestattet, dem Leben gegenüber die gleiche Haltung einzunehmen oder dieselbe Art von Bemühungen zu unternehmen. Was ist das Lebensideal einer Katze, einer Maus oder eines Büffels? Man mag denken, daß sie als Tiere keine Ziele haben, da sie ja lediglich essen und kauen und ihren Instinkten folgen. Und dennoch ist der Geist in ihnen gegenwärtig, wenn auch in einem schlafenden Zustand. Wir alle kennen den Ausspruch, daß der Geist in der Materie schläft, in den Pflanzen träumt, in den Tieren denkt und im Menschen versteht. Er ist jedoch selbst in der menschlichen Natur noch nicht vollständig zu einem umfassenden Selbst-Bewußtsein erwacht. Über die menschliche Ebene hinaus erstreckt sich noch ein beträchtlicher Aufstieg, über den wir in Schriften wie den Upanishaden  ausgiebig nachlesen können. Die Bemühungen eines menschlichen Wesens sind endlos, und niemand kann in Frieden ruhen, solange der universelle Standpunkt nicht zum festen Bestandteil des eigenen praktischen Lebens wird, ganz gleich wie reich oder mächtig man in dieser Welt sein mag. Dieser universelle Standpunkt wird als spirituelle Lebensanschauung bezeichnet.

Nun, der universelle Standpunkt, von dem hier die Rede ist, muß nicht unbedingt der Standpunkt Gottes sein, da sich der höchste kosmische Geist im Leben eines Individuums vielleicht nicht unmittelbar offenbart. Dennoch kann das Ideal als solches nicht verworfen werden. Das Wesen des spirituellen Lebens oder der Spiritualität ist die Fähigkeit einer Person, sich das Ideal der universellen Harmonie und der universellen Existenz vor Augen zu halten, auch wenn dieses noch nicht vollständig zu einem integralen Teil des eigenen Lebens geworden sein mag. Wir mögen keine Gottmenschen sein und die Gottes-Erfahrung mag noch nicht über uns gekommen sein, und doch kann dieses Ideal nicht verfehlt werden. Die richtige Einschätzung von weltlichen Werten und der Bedeutung der praktischen Existenz aus dem Blickwinkel der Notwendigkeiten des höheren spirituellen Ideals heraus kann bereits als ein Schritt zum spirituellen Leben hin angesehen werden.

Spirituelles Leben entspricht jener Lebens- und Verhaltensweise, jenem Denken und Verstehen, das jemanden dazu befähigt, jede Situation des Lebens, egal ob körperlicher, sozialer, ethischer, politischer oder psychologischer Natur, vom Standpunkt des Ideals aus zu interpretieren, das es zu erreichen gilt, auch wenn es noch in weiter Ferne liegen mag. Die Unfähigkeit, die praktischen Angelegenheiten des Lebens und die gegenwärtige Lage der eigenen Existenz vom Standpunkt des unmittelbar über uns befindlichen Ideals aus zu betrachten, würde uns im Zustand unvollständiger und unglücklicher menschlicher Wesen belassen. Zum Glück ist eine derartige Unfähigkeit jedoch nur der Tiernatur vorbehalten. Tiere und Menschen, in denen die Tiernatur überwiegt, können gegenwärtige Situationen nicht vom Standpunkt des spirituellen Ideals aus deuten, das den gegenwärtigen Zustand übersteigt. Sobald wir jedoch dazu fähig werden, das Niedere im Lichte des Höheren zu verstehen und zu erklären, können wir als wahre Menschen bezeichnet werden, da es genau diese eigentümliche Fähigkeit ist, die den Menschen über die Tiere erhebt. Daß jemand auf zwei Beinen läuft, muß nicht unbedingt bedeuten, daß er auch wirklich menschlich ist. Solange in einer Person nicht die menschliche Natur und ein typisch menschlicher Charakter manifestiert sind, ist es bedeutungslos zu behaupten, daß diese Person menschlich sei. Solche Personen mögen die körperlichen Merkmale der Menschheit vorweisen und man mag sie aus diesem Grund auch zur Gattung der Menschen zählen, psychologisch jedoch befinden sie sich noch immer auf einer niedrigeren Ebene, wofür zum Beispiel Ausbrüche von Ärger, Eifersucht und Gewalttätigkeit ausreichende Beweise sind. Alle Reibungen, Spannungen, Schlachten und Kriege in der Menschenwelt werden genau von diesem Personenkreis verursacht. Das psychologische Erwachen des Individuums in die sogenannte Menschlichkeit oder in die wahre menschliche Natur ist der tatsächliche Beginn des spirituellen Strebens.

Zum Abschluß möchte ich darauf hinweisen, daß es nirgendwo irgend etwas völlig Unspirituelles geben kann. Es gibt keine durch und durch unspirituellen Wesen in der Welt, und selbst jene, die offenbar am Gegenteil des spirituellen Ideals festhalten und diesem womöglich entgegenarbeiten, wirken trotzdem nur für dieses eine spirituelle Ideal, wenn auch auf fehlgeleitete Art und Weise. Sie sind wie Blinde, die im grellen Sonnenschein nach Licht suchen. Grundsätzlich müht sich ein jeder auf das selbe Ziel hin, das man heutzutage das “spirituelle Ideal” nennt, auch wenn noch nicht alle in den Zustand einer wahrhaft strebenden Menschheit erwacht sein mögen und sich ihr Verstand noch nicht so weit erhoben haben mag, daß sie die Bedeutung der inneren Verwandtschaft und der Verbundenheit von allen Dingen miteinander innerhalb der Schöpfung begreifen könnten, einer Tatsache, die heutzutage zu unserem Glück selbst von der Physik wissenschaftlich zu veranschaulichen versucht wird. Wissenschaftler scheinen durch die bloße Kraft der Logik und der Beobachtung auf die weiterführenden philosophischen und spirituellen Ebenen zu stoßen, was in der Tat als ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft der Menschheit anzusehen ist. Es ist durchaus möglich, daß im Zuge der Fortentwicklung irgendwann einmal eine Zeit kommen wird, in der die Menschen in der Lage sein werden, sowohl die wahre Bedeutung hinter ihren Irrtümern, Anhänglichkeiten und Abneigungen, als auch die Ursache hinter der Rastlosigkeit und dem Unglücklichsein zu erkennen, das ihnen im Laufe ihres Lebens früher oder später die Kräfte raubt, ein Phänomen, das dem Lebensprozeß innewohnt und dem niemand entkommen kann.

Demzufolge sollte die Errungenschaft sogenannter Internationalität, vereinter Menschheit oder globaler Brüderlichkeit, von der überall gesprochen wird und die über verschiedene Wege angestrebt wird, sei es durch soziale Wohlfahrtsverbände, durch menschenfreundliche Aktivitäten, interkulturelle Konferenzen und ähnliches mehr, ohne Zweifel möglich sein. Ich bin mir sicher, daß Gott nicht tot ist. Und wenn Er lebt, bleibt es der Menschheit gewiß erspart, in alle Ewigkeit immer nur den falschen Weg zu beschreiten, auch wenn es im Moment noch so aussehen mag, als gäbe es für die Menschheit aufgrund des unzulänglichen Erwachens des Geistigen keine Hoffnung mehr. Dieses hat sich jedoch in einigen Wesen bereits vollständig manifestiert und versucht, sich auf vielerlei Wegen als Heilmittel in jedermanns Leben Zugang zu verschaffen. Was wir gemeinhin spirituelles Erwachen nennen, ist jener innere Drang beziehungsweise jene Fähigkeit der psychischen Struktur der Individuen, in ihrem Rahmen die universelle Bedeutung zu erfassen, die zwingenderweise selbst in den scheinbar unbedeutendsten Motiven und niedersten Handlungen immer gegenwärtig ist. Erfolg liegt vor uns allen!



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