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Die letzten Jahre in Dacca


»Ma wurde in Bengalen geboren, aber gehört sie irgendeinem Ort an? Wir hörten, sie habe die Vision eines Shivatempels im Himalaya gehabt ... Sie kam 1932 am Ort ihrer Vision an und lebte viele Jahre in diesem Teil des Landes ... Auch die Bewohner dieser Gegenden waren von ihrer magnetischen Ausstrahlung bezaubert, und neue Liebesbande wurden geknüpft ...«

Dr. Pannalal

»Nutzt euren Verstand, euren Intellekt, für das Streben nach dem ewigen Leben - alles andere wird sich daraus ganz natürlich ergeben. Es ist wie beim Wässern der Wurzeln eines Baums. Der Baum wächst aus eigener Kraft, treibt Zweige und Blätter, bringt zur rechten Jahreszeit Blüten und Früchte hervor. Die höchste Pflicht des Menschen ist deshalb, sich auf die Suche nach seinem wahren Wesen zu machen - ganz gleich, ob man dazu den Weg der Hingabe wählt, auf dem sich das ›Ich‹ im ›Du‹ verliert, oder den Weg der Selbsterforschung: auf der Suche nach dem wahren ›Ich‹ findet ihr im ›Du‹ wie im ›Ich‹ allein Ihn.«

Shri Anandamayi Ma

Ma‘s planlose Reisen in Begleitung zufälliger Gefährten erscheinen höchst sinnvoll, wenn wir ihre Wirkung auf Bholanath betrachten. Sie zwangen ihn zu dem Eingeständnis, daß er Ma im Grunde nicht verstand. Obwohl er nicht zweifelte, daß sie zu gegebener Zeit zu ihm zurückkehren würde, spürte er natürlich, wie sich die Autorität, die er über sie zu haben glaubte, plötzlich lockerte. Zudem war er den weltlichen Ansichten seiner Freunde und Angehörigen ausgesetzt. Seine Schwestern liebten ihn und wollten nur sein Bestes. Wahrscheinlich waren sie es, die ihn drängten, streng mit seiner Frau zu sein und ihr das Leben einer mittellosen Pilgerin zu verbieten. Bisher war es Bholanath nie in den Sinn gekommen, Ma das geringste Hindernis in den Weg zu legen. Was immer sie sagte und tat, hatte er stets vollkommen akzeptiert. Bholanath und seine Verwandten wußten, daß sie über große Yoga-Kräfte verfügte. Sie waren Zeugen vieler wunderbarer Ereignisse geworden; sie zweifelten nicht, daß Ma alles bewirken könne, wenn es ihr Kheyala sei. Man spekulierte sogar darüber, auf diese Weise zu Wohlstand und Ansehen in der Welt zu kommen. In Indien sieht man viele Mahatmas und Sadhus im Luxus leben. Selbst in alten Zeiten hatten die Rishis mit ihren Frauen und Schülern in Einsiedeleien gewohnt, denen es nicht an häuslichem Komfort mangelte. Und die Rishis waren doch gewiß Musterbeispiele für ein auf das Jenseitige gerichtetes Leben. Es gab also Präzidenzfälle.
      Daß Bholanath derlei Reden Gehör geschenkt hatte, kam erst viel später zutage. Zunächst fuhr er nach Calcutta, um dort mit Ma zusammenzutreffen, die aufgrund der Nachricht, er sei sehr krank, gleichzeitig in die Stadt kam. Bholanath war sichtlich verärgert. Er warf Ma vor, sie verhalte sich verantwortungslos. Sie antwortete nicht; weder gab sie Erklärungen ab, noch versuchte sie, seinen Zorn zu besänftigen. Sie machte einen ruhigen und gleichmütigen, aber recht teilnahmslosen Eindruck. Ihr sonstiges Strahlen fehlte vollkommen. Bholanath fuhr mit Ma nach Chandpur zu seinem Neffen Girija Shankar Kushari. Dort suchten ihn Bhaiji, Shashanka Mohan und Nishikanta Mitra auf, um ihn zur Rückkehr nach Dacca zu bewegen.

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Bholanath stimmte zu, wollte aber nicht in den Ashram einziehen. Er ging mit Ma nach Siddheshwari. Die Devotees mußten sich an die Regel  halten, ihre Besuche auf zehn Minuten zu begrenzen. In Siddheshwari sprach Bholanath all das aus, was in seinem Gemüt brodelte. Nach seinem Samadhi [Tod] im Jahr 1938 hatte Ma Gelegenheit, ausführlich über Bholanath zu sprechen. Zu Didi sagte sie: »Nach all diesen Jahren wollte Bholanath, daß ich für ihn kochte und ihm in Siddheshwari den Haushalt führte. Mir war es gleich ich versuchte, seinen Willen zu tun, aber wie ihr alle selbst gesehen habt, sollte es nicht sein. Zuerst wurde Bholanath ernsthaft krank, danach war ich sehr krank. Bholanath war dann nur zu froh, allen wieder wie früher Zugang zu gewähren. Ihr habt gesehen, daß er von lauterem Wesen war. Diese Umwölkung seines Gemüts war nur eine kurze, vorübergehende Phase. Als ich fortging, wurde er Opfer wirrer Gedanken, die ihm seine Verwandten eingeredet hatten. Man kann auch ihnen keine Vorwürfe machen, so ist es eben in der Welt. Vielleicht war es für Bholanath nötig, durch dieses Feuer weltlicher Einflüsse zu gehen, bevor er sich ganz seinem Tapasya hingeben konnte.
      Ein- oder zweimal habt ihr euch in Shahbagh über die todesähnlichen Symptome dieses Körpers den Kopf zerbrochen. Immer wenn er sich mir mit weltlichen Gedanken näherte, wie z.B. Geldangelegenheiten oder dergleichen, reagierte dieser Körper, als wolle er ganz fortgehen. Er wurde völlig starr. Das ängstigte ihn, und er tat sofort alles, was in seiner Macht stand, um mich in den Normalzustand zurückzuholen. Er versuchte es mit Nama-Japa, Beten oder Meditation. Einmal - ihr erinnert euch - rief er euch alle zum Nama-Japa an meine Seite! Seine weltlichen Neigungen waren ihm nicht einmal bewußt. Ihm selbst waren solche Vorfälle rätselhaft. Weil er ein so aufrechter Mensch von reinem Herzen war, behandelte er mich nicht anders als [die als Pflegekind angenommene] Maroni, wenn wir neben ihm lagen. Ihr habt gesehen, wie korrekt er sich immer verhielt. Ich habe ihn nie eine unpassende Bemerkung oder einen unfreundlichen Scherz über Dinge oder Menschen machen hören. Die wenigen Tage in Siddheshwari reinigten ihn vollkommen von allen Schlacken, die noch geblieben waren. Nach dieser Episode machte er stetige Fortschritte.«
      Ma und Bholanath ermunterten die Devotees nicht, lange in Siddheshwari zu bleiben. Ma sah schlecht aus. Dies war etwas Neues, denn auch wenn sie krank war, hatte man ihr das bisher nie angesehen. Didi und die anderen waren wegen ihres blassen Aussehens sehr besorgt, aber sie durften nichts unternehmen oder auch nur, wie in Shahbagh, bei ihr bleiben.
      Bholanaths innerer Konflikt war zum Glück nicht von langer Dauer. Solange er währte, sah Ma sehr krank aus. Ihr übliches Leuchten und ihre Ausstrahlung erloschen. Überdies wahrte sie Schweigen, auch wenn sie gelegentlich mit kaum hörbarer Stimme wenige Worte zu Bholanath und anderen sagte. Niemand kannte jedoch den Grund für diesen Wandel in ihrem Gebaren.
      Nach einigen Tagen erkrankte Bholanath ernstlich. Ma wachte allein die ganze Nacht an seiner Seite, bevor die Devotees davon erfuhren. Sie holten ärztliche Hilfe und wechselten sich mit seiner Pflege ab. Ma selbst war immer zur Stelle, ihn zu bedienen. Man brachte ihn in Ashwini Kumars Haus, weil dort bessere medizinische Versorgung gewährleistet war. Mit Bholanaths Einverständnis ging Ma manchmal in den Ashram und hielt sich dort allein auf.
      Im August stieg Ma‘s Temperatur, und innerhalb weniger Tage hatte sie hohes Fieber. Es war jedoch unmöglich, eine Fieberkurve aufzuzeichnen, denn die Temperatur kletterte manchmal in kürzester Zeit auf über 41 Grad, Augenblicke später sank sie unter 38 Grad und stieg kurz  darauf wieder auf 40  oder 40,5 Grad an, obwohl man ihr äußerlich keine Veränderung anmerkte. Mit der Krankheit schien Ma ihre Fröhlichkeit wiedergewonnen zu haben. Sie lächelte, sprach und verhielt sich trotz ihres hohen Fiebers ganz wie eine Gesunde. Didi und die anderen gaben es daher als zwecklos auf, das Fieber zu messen. Nach ein paar Tagen erschlaffte ihr Körper vollkommen. Sie konnte sich nicht mehr bewegen und mußte hochgehoben und getragen werden. Dabei hing jedes Glied, das nicht gestützt wurde, kraftlos herunter, als gehöre es nicht zu ihr. Bholanath erlaubte Didi nun, in Siddheshwari zu bleiben und sich um Ma zu kümmern, wobei ihr Ashwini Kumars Tochter Chana und andere halfen. Es schien eine Art plötzlicher Lähmung zu sein, doch Ma sprach und lachte ganz normal. Sie selbst sagte: »Warum hebt ihr diesen Körper so vorsichtig auf? Er ist wie ein Mehlsack geworden. Ihr könnt ihn herumschieben.« Verzweifelt flehte Didi Ma an: »Wir schaffen es nicht, deinen Körper in diesem Zustand zu betreuen. Bitte, werde jetzt gesund.«

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Nach diesen Bitten hob Ma eines Nachts ihre Hand ohne fremde Hilfe. Es war nach vier oder fünf Tagen die erste kontrollierte Bewegung ihres Körpers. Am nächsten Tag konnte sie einige Schritte tun und erlangte dann langsam den Gebrauch ihrer Glieder zurück. Doch das Fieber blieb, hinzu kamen blutiger Durchfall und Symptome von Wassersucht. Ihre Fröhlichkeit blieb dennoch unbeeinträchtigt. Bholanath meinte, wenn sie sich in ihrer Krankheit weiterhin so wohl fühlte, hätte sie nie das Kheyala, gesund zu werden. So sagte er mit gespielter Ungeduld: »Krankheit ist nichts, worüber man so fröhlich sein sollte. Werde jetzt wieder gesund!«
      Nach Bholanaths Zurechtweisung sah Ma wie eine ernsthaft kranke Patientin aus. Sie war in sich gekehrt und sprach mit niemandem. Viele Devotees aus Dacca blieben nun über Nacht in Siddheshwari, und die Bewohner von Siddheshwari waren ständig zur Stelle. Siddheshwari war jetzt ziemlich bevölkert. Hausfrauen ließen ihr Heim im Stich und scharten sich viele Stunden lang um Ma. Wenn die Devotees sie baten zu gesunden, sagte Ma: »Ich schicke euch alle auch nicht fort, wenn ihr kommt. Warum sollte ich die Krankheit wegschicken? Sie wird schon zur rechten Zeit von selbst gehen.«
      Tatsächlich nahmen die Beschwerden nur sehr zögernd von ihr Abschied. Das Fieber hielt noch viele Tage an, nachdem die anderen Symptome verschwunden waren.
      Atul, ein Junge aus Jogesh Rais Dorf, war gekommen, um Jogesh zu suchen, da er nach seinem Mittelschulabschluß in dessen Fußtapfen treten wollte. Er blieb in Sid-dheshwari und schloß sich Ma‘s immer weiter wachsender Familie an. Ihm wurde die Aufgabe übertragen, die Kali-Statue zu betreuen und die Speisen für den täglichen Gottesdienst zu kochen.
      Wir erinnern uns, daß die Figur der Kali und das Opferfeuer schon mehrmals hatten umziehen müssen. Kurz nach der Kali-Puja im Jahr 1926 war auf Ma‘s Anweisung in der Nähe des Teichs in Shahbagh eine Grube ausgehoben worden. Nach der Weihung der Erde fand das Opferfeuer in diesem Kund seinen Platz. Kulada Banerjee, damals einem Neuling, wurde die Verantwortung für den Yajña-Kund übertragen. Solche Formen der Puja entsprachen seinem Temperament. Viele Jahre lang betreute er die Kali und das Opferfeuer in Dacca. In Siddheshwari hatte das Feuer seinen Platz unter dem Pipal-Baum bekommen. Ma erlaubte nicht, daß es in irgendein Haus gebracht wurde. Wann immer nötig, gab sie Anweisungen, wie es zu erhalten und zu pflegen sei.
      Die Devotees hatten nun den Wunsch, die Kali-Statue und das Feuer dauerhaft im Ramna-Ashram zu beherbergen.
      Ma schlug vor, die Göttin an der Stelle zu plazieren, wo das Fragment eines Shivalingam gefunden worden war. Auch eine Vertiefung für das Opferfeuer wurde auf ihre Anweisung ausgeschachtet und eingefaßt.
      Inzwischen wollten die Devotees den Ashram in Ramna erweitern. Nagen Babu übernahm die Bauleitung. Beim Ausheben der Erde für das Fundament fand man mehrere Gräber, von denen einige noch gut erhalten waren. Skelette, Asche von Opferfeuern und irdene Lampen kamen zutage. Da erinnerte man sich an Ma‘s Worte, daß früher viele Asketen an diesem Ort gelebt und Sadhana ausgeübt hatten.
      Gemäß Ma‘s Kheyala wurden die Gräber belassen, wie sie waren. Über den drei größten entstand der zentrale Raum des Ashrams. Über einem weiteren wurde ein Shiva-Tempel gebaut, andere befanden sich unter Ma‘s Zimmer.
      Zu Mahalaya [Neumondtag zwei Wochen vor der Durga Puja] im Oktober 1929 kamen Ma und Bholanath nach Ramna. Beide hatten noch Beschwerden und mußten mehrere Tage im Bett bleiben. Es dauerte lange, bis Ma‘s normale Verfassung wiederhergestellt war. Einmal verließ sie zwei Wochen lang kaum das Bett. Sie stand nur für wenige Minuten auf, die ganze übrige Zeit lag oder saß sie auf ihrem Bett. Eines Tages kam Bhaiji frühmorgens und überredete sie zu einem Spaziergang über den Poloplatz von Ramna. Dies führte zu einer anderen Reaktion. Nun machte sie jeden Tag drei- bis vierstündige Fußmärsche.
      Eines Morgens stand Ma überhaupt nicht auf. Zwei Tage vergingen, in denen sie bewegungslos auf ihrem Bett lag. Bholanath war mit seiner Weisheit am Ende. Er rief die Devotees zu einem Kirtan zusammen, der die ganze Nacht andauerte. Am nächsten Nachmittag setzte sich Ma auf und nahm langsam wieder ihre alltäglichen Beschäftigungen auf. »Dieser untätige Zustand ist für mich ganz dasselbe wie Tätigkeit. Ich empfinde keinerlei Unterschied, was soll ich also erklären?«
      Ohne große Worte bewirkte Ma in dieser Zeit eine tiefgreifende Veränderung in Bholanaths Leben. Er war dem leiblichen Wohlergehen nicht abgeneigt. Sein Bett war weich und bequem, während Ma nur eine Decke auf den Boden gebreitet hatte. Eines Nachts weckte sie Bholanath auf seinem feinen Bett und äußerte das Kheyala, sich selbst daraufzulegen. Ihm blieb nichts übrig, als ein paar Kleider zusammenzurollen, die ihm als Kissen dienten, und mit Ma‘s Decke als Bettstatt vorliebzunehmen. Ein paar Tage später rollte sie Bholanaths feines Bettzeug zusammen und ließ es verstauen. Für sich selbst nahm sie eine andere Decke.

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Es war für alle eine traurige Zeit. Niranjan Rai, von dem die Initiative zum Bau des neuen Ashrams in Ramna ausgegangen war, war am 15. Juni 1929 gestorben, etwa einen Monat, nachdem Ma Dacca verlassen hatte. Alle empfanden schmerzlich die Tragödie seines Todes und sein Fehlen in ihrem Kreis.
      Doch allmählich bildete sich der frühere von fröhlichem Zusammensein geprägte Lebensrhythmus wieder heraus. Im Dezember 1929 fand in Dacca der Jahreskongreß der indischen philosophischen Vereinigung statt. Der namhafte Vedanta-Philosoph Dr. Mahendranath Sirkar kannte Ma bereits. Viele seiner Kollegen wollten ihr gerne vorgestellt werden. Eines Abends kamen mehrere Delegierte zum Ramna-Ashram. Dr. Sirkar übersetzte. Ein Professor des Wilson College führte die drei Stunden dauernde Diskussion an. Dr. Sirkar erinnert sich: »Fragen aller Art wurden gestellt, meist philosophische. Mataji konnte sie alle spontan beantworten. Sie zögerte nicht, sie brauchte nicht nachzudenken, sie ließ nicht die geringste Nervosität erkennen. Ihre Antworten trafen ohne jede metaphysische Terminologie genau den Punkt«. Er fügte hinzu, daß alle Anwesenden von ›der Tiefe ihrer Weisheit, dem freien Fluß ihres Ausdrucks und dem leuchtenden Lächeln auf ihrem Gesicht‹ tief beeindruckt waren.
      Einer der Delegierten fragte sie: »Wenn die menschliche Natur sich wandelt und alle Menschen selbstlos werden, wird die Welt dann vollkommen?«
      Ma antwortete prompt: »Aber das ist sie doch schon!« Es war den Zuhörern klar, daß sie aus ihrer eigenen Erfahrung sprach, für die alles vollkommener Ausdruck des höchsten Seins ist.
      Anfang 1930 nahm Bholanath auf Ma‘s Wunsch sein Sadhana in Siddheshwari wieder auf. Einer oder zwei Brahmacharis [unverheiratete spirituelle Schüler] wie Atul oder Kamalakanta blieben nachts bei ihm und kümmerten sich, wenn nötig, um seine Bedürfnisse. Sonst war er praktisch allein. Wie in Tarapeeth konnte man ihn auch hier viele Stunden in tiefer Meditation in einer Yoga-Stellung sitzen sehen. Einige der Devotees von Dacca hatten den Wunsch, von ihm spirituell eingeweiht zu werden. Sein früherer Vorgesetzter Bhudeb Basu wurde ebenso sein Schüler wie Didis Bruder Birendra Chandra und viele andere.
      Ma‘s Geburtstagsfeier fand 1930 im Ramna-Ashram statt. Bholanath kam von Siddheshwari, um die Puja auszuführen. Kurz nach der Feier bemerkte Ma einmal: »Ich höre aus allen Häusern Weinen und Klagen.« Dies erfüllte sich innerhalb weniger Tage. Während der gewalttätigen Unruhen zwischen Hindus und Moslems von 1930 herrschte Terror auf den Straßen. Über die Stadt wurde eine Ausgangssperre verhängt. Für einige Zeit wagte sich niemand aus seinem Haus. Nur Bhaiji kam wie immer täglich zum Ashram. Sein Nachbar sagte ihm einmal: »Ich sehe sie jeden Tag vorbeigehen, und ich habe keine Ruhe, bis sie zurückkommen. Das ist für mich jetzt beinahe eine Nachtwache geworden.«
      Im August desselben Jahres traten Ma und Bholanath in Begleitung von Shashanka Mohan, Didi, Jogesh, Ashu und einigen anderen eine Rundreise durch Südindien an. Es war Ma‘s erster Aufenthalt im Süden. 1952 reiste sie noch einmal nach Südindien. Ma war überall, wo sie hinkam, zu Hause. Nirgends hinderten Sprachbarrieren die Menschen daran, sich an Tempeln um sie zu scharen.
      Im Oktober kehrte die Reisegruppe nach Vindhyachala zurück. Shashanka Mohan hatte ein kleines Gebäude auf dem Ashtabhuja Hügel gekauft. Es kann als dritter Ashram im Dienste Ma‘s bezeichnet werden. Ihre Anwesenheit erfüllte die einsame Gegend mit Leben. Aus dem nahegelegenen Varanasi trafen Devotees ein. Ein paar Tage lang herrschten Freude und Feststimmung. Dann fuhr Ma über Jamshedpur nach Calcutta weiter.
      Dort wurde das Haus der Familie Guha zum Treffpunkt der Devotees und zur Zentralstelle für Nachrichten über Ma. Die ganze Familie bestand aus begabten Sängern. Kirtan-Gruppen kamen daher leicht zustande, und man kam in diesem Haus wie in einem Ashram zusammen. Als Ma nach Dacca zurückkehrte, war etwa ein halbes Jahr vergangen.
       Anfang 1931 erhielt Bholanath Nachricht von seinem zum Christentum übergetretenen Bruder. Er war Geistlicher geworden und hieß nun Reverend K.K. Chakravarty. Bholanath besuchte ihn und seine Frau; die beiden wurden ebenfalls Teil seiner immer weiter wachsenden Familie von Devotees. Bholanath war sehr glücklich, seinen Bruder wiedergefunden zu haben, den er lange aus den Augen verloren hatte.
      Abends machte Ma Spaziergänge in den weiten Grünanlagen des Poloplatzes, die den Ashram umgaben. Dabei war sie immer von einer Menge umringt. Einmal sagte ein Besucher: »Du warst im Samadhi. Du warst erkennbar eins mit Gott. Nun mußt du auf unsere Ebene hinabsteigen und zu unserem Nutzen zu uns sprechen.« Lächelnd erwiderte Ma: »Bist du denn von Gott getrennt? Für mich gibt es kein Hinauf- und Hinabsteigen. Für mich ist alles eins. Nur die körperlichen Reaktionen sind verschieden.«
      Die Devotees von Dacca wollten den neugebauten Ashram gern weiter vergrößern. Es war bekannt, daß man Ma zu religiösen Zeremonien um Rat fragen konnte, daher schlug man ihr vor, die Statuen von Shiva, Annapurna und Vishnu in einem eigens zu diesem Zweck gebauten Tempel aufzustellen. Die Tonfigur der Kali hatte bereits in einem kleinen Zimmer des Ashrams ihren Platz gefunden. Sie war schon mehrmals sehr vorsichtig von Ort zu Ort transportiert worden: von Shahbagh in das gemietete Haus, dann in den Uttama Kutir, dann nach Siddheshwari, nun kam sie zu guter Letzt nach Ramna. Die Devi gehörte untrennbar zum Leben der Devotees von Dacca.

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Bei der Geburtstagsfeier im Jahr 1931 führte Ma eine neue Art des Kirtan ein. Sie sagte: »Warum soll Kirtan nur etwas für Männer sein? Laßt uns Frauen eine Nacht wach bleiben und Kirtan singen!« Ihr Vorschlag wurde mit so viel Begeisterung und Erfolg in die Tat umgesetzt, daß andere Frauen, als sie am nächsten Tag davon hörten, darum baten, einen weiteren nächtlichen Kirtan veranstalten zu dürfen. Am Abend versammelten sich fast 150 Frauen und junge Mädchen im Ashram. Ma schickte alle Männer heim. Sie beauftragte ein paar ältere Devotees aufzupassen, daß keine Eindringlinge oder Störenfriede hereinkämen, da die Feier im Freien stattfinden sollte. Ma achtete immer sehr darauf, daß die um sie versammelten jungen Frauen sicher und geschützt waren.
      Die Frauen schmückten sich mit Blumengirlanden und Sandelpaste. Der Duft von Räucherstäbchen durchzog die Luft. Etliche der Frauen waren gute Musikerinnen. Bhramara, die älteste Enkelin von Jogesh Ghosh, übernahm die Rolle der Vorsängerin. Sie alle verzauberten die Nacht musikalisch mit ihrem inspirierten Gesang. So entstand in Dacca die erste rein weibliche Kirtangruppe, die zum Modell für weitere derartige Gruppen in anderen Städten wurde.
      Nach den Geburtstagsfeierlichkeiten reiste Ma über Bajitpur nach Darjeeling ab. Viele der Frauen, die sich von ihr verabschieden wollten, stiegen im letzten Moment in Autos und schlossen sich Ma‘s Gruppe an - alles unter viel Lachen und Scherzen, daß ihre Familien sie wegen ihres impulsiven Entschlußes für verrückt erklären und bei ihrer Rückkehr ernsthaft ausschelten würden. Doch niemand wollte so weit in die Zukunft denken, und so begleiteten sie Ma abenteuerlustig nach Bajitpur.
      Bajitpur wurde für einige Tage von einer Flut von Festlichkeiten überschwemmt. Ma zeigte altbekannte Stellen. Ihr Lehmhaus war noch da, aber das Dach war eingestürzt, und die Mauern zerbröckelten. Die Bewohner des Ortes, die sich um sie scharten, berichteten Didi und den anderen von Ma‘s Leben während ihrer Zeit des Sadhana. Das Mädchen, das bei Ma gearbeitet hatte, kam und gesellte sich scheu zu ihnen. Sie war so froh, ihre Herrin wiederzusehen. Didi hob in der Zimmerecke, in der Ma meditiert hatte, ein bißchen Erde auf und nahm sie mit; später wurde sie unter der Plattform im Ramna-Ashram aufbewahrt, auf der Ma gewöhnlich saß.
      Die Frauen fuhren zurück nach Dacca und Ma reiste mit wenigen Begleitern nach Darjeeling. Von dort fuhr sie über Calcutta weiter nach Puri. Dort findet alljährlich das Fest des Ratha-Yatra statt, bei dem der Tempelwagen von Lord Jagannath durch die Stadt gezogen wird. Zu diesem Fest hatten viele Freunde und Devotees Ma begleitet. Ein paar Tage vor dem Festtag sagte Ma: »Ich sehe ein drohendes Unheil. Tut, was ihr könnt (es zu verhindern).«
      Bholanath schloß daraus, daß während des großen Ansturms von Menschen bei der Wagenprozession ein Unfall geschehen würde, und wollte Puri sofort verlassen, aber seine Gefährten überredeten ihn zu bleiben. Didis Schwager Nirmal Chandra Chatterjee war mit seiner Familie aus Varanasi gekommen. Am Tag ihrer Abreise bestanden sein ältester Sohn Santosh und seine Schwester Tarubala darauf, bei Ma zu bleiben. Ihre Mutter (Didis Schwester) sagte: »Ich vertraue sie dir an.« Es gab Grund für Sorge um Santosh, da er wegen seiner epileptischen Anfälle ständig unter Aufsicht stehen mußte. Er wußte selbst von seiner Krankheit, und gewöhnlich konnte man sich darauf verlassen, daß er in sicherer Umgebung blieb. Eine Woche verging, dann wurde Santosh eines Tages vermisst. Nach einer verzweifelten Suche fand man seinen Leichnam in einem Brunnen. Der Schock dieser Entdeckung lähmte alle. Nur Ma blieb still in ihrem Zimmer. Bholanath, Shashanka Mohan (Santoshs Großvater) und andere brachten den Leichnam ins Haus. Ma‘s gleichmütige Haltung wirkte besänftigend auf sie. Viele Leute, die gekommen waren, um Ma zu besuchen, wollten schon am Eingang umkehren, da sie dachten, zu dieser Stunde der Trauer sei ihr Eindringen unwillkommen. Doch als sie hörten, Ma sei ganz wie immer, faßten sie sich ein Herz und traten ein.
      Ein Unfalltod gilt mitunter als unheilträchtig. Dann ist die übliche Leichenverbrennung verboten; der Leichnam muß begraben werden. Zusätzlich zur Tragödie des Todes war nun diese Schwierigkeit zu überwinden. Doch angesehene Bürger von Puri warfen ihre Autorität in die Waagschale und erwirkten die Erlaubnis der Pandits, den Leichnam zu verbrennen. Sie verfügten, daß im geheiligten Bezirk des Jagannath- Tempels kein Tod als Unfalltod zu gelten habe.

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Nachdem alle Besucher gegangen waren, sprach Ma fast die ganze Nacht mit Santoshs Schwester und Didi über den Verunglückten. Im Morgengrauen ging sie zu dem Brunnen, um den Unfall zu rekonstruieren. Warum er überhaupt dorthin gegangen war, blieb ein Rätsel. Von Puri reiste Ma nach Vindhyachala. Dort erfuhr man zur allgemeinen Bestürzung, daß die Pandits von Varanasi das Urteil der Pandits von Puri nicht anerkannten: die letzten Riten, die am 13. Tag nach dem Tod zum spirituellen Heil des Verstorbenen stattfinden, durften nicht ausgeführt werden!
      Ma nahm die Angelegenheit nun in ihre eigenen Hände. Sie schickte wiederholt Telegramme nach Puri und Varanasi, bis die Mißverständnisse zuletzt beseitigt waren. Sie selbst kam am Tag der letzten Riten (Shraddha) in Varanasi zu Nirmal Chandra. Santoshs Vater begrüßte sie gefaßt und sagte: »Ma, ich habe dir zwei meiner Kinder gegeben. Ich sehe, du hast einem von ihnen Zuflucht gewährt.« In einem der seltenen Fälle, in denen Ma Trauer zeigte, begann sie nun herzzerbrechend zu weinen. Nirmal Chandras Frau, die selbst die ganze Zeit leise geweint hatte, nahm Ma in ihre Arme und beschwichtigte sie, als wäre Ma ein kummervolles kleines Mädchen.
      Ma blieb zwei Wochen bei ihnen, während derer das Haus nicht den Eindruck eines Trauerhauses machte. Die Eltern waren damit beschäftigt, sich um Ma und ihre glücklichen Devotees zu kümmern. Einmal fragte Santoshs Vater sie: »Ma, warum hast du am ersten Tag geweint?« Ma antwortete: »Weil du es nicht getan hast. Ich weinte, um die Last auf deinem Herzen zu erleichtern!«
      Von Varanasi fuhr Ma wiederum nach Vindhyachala. Eines Tages sah sie vom ihrem Balkon aus zwei Männer den Hügel heraufsteigen. Sie hatten einen Proviantkorb bei sich und waren offensichtlich auf einem ganztägigen Ausflug zu den verschiedenen Sehenswürdigkeiten des Ashtabhuja-Hügels. Als sie die Höhe erklommen hatten, versteckten sie ihren Korb unter einem Strauch und gingen fort. Ma wies Didi an, den Korb zu holen. Zurückgekehrt suchten die verdutzten Männer vergeblich ihren Korb. Nach ein paar Minuten ließ Ma sie in den Ashram bitten. Sie waren hocherfreut, daß Ma ihre Vorräte an sich genommen hatte (die nun samt zusätzlichem Prasad zurückgegeben wurden) und beglückwünschten sich, auf diese unerwartete Weise ihren Darshan erlangt zu haben.
      Ma war ständig unterwegs. Nach der Kali-Puja reiste sie im  November 1931 nach Cox’s Bazar. Dort logierte sie in einem Strandhaus bei Dinabandhu und seiner Frau, einem alten Ehepaar, das seit langem zu Ma‘s Anhängerkreis gehörte. Auf Bitten der alten Dame unternahm Ma eine weitere Reise zu verschiedenen Pilgerstätten. Dinabandhus Frau, die nie zuvor gereist war, war sehr glücklich, die heiligen Stätten in Ma‘s Gesellschaft sehen zu können.
      Im April 1932 kam Ma nach Calcutta, wo sie bei Bholanaths christlichem Bruder wohnte, der den Devotees nun als Kakababu [Onkel] bekannt war. Wieder einmal gingen Tage und Nächte ineinander über. Der endlose Strom von Besuchern, die Ma sehen und bei ihr sein wollten, ließ ihr keine ruhige Minute. Kakababu als Gastgeber beschloß, eine gewisse Ordnung mit festen Zeiten für den Darshan einzuführen. Mittags wurden alle Besucher gebeten heimzugehen, damit Ma sich ein wenig ausruhen könne. Nachdem die Gäste zögernd gegangen waren, sollte Ma sich in einem kühlen Zimmer im Innern des Hauses ausruhen. Der April ist ein heißer Monat, glühend stand die Sonne über der Stadt. Die Männer hielten in einem anderen Zimmer Mittagsruhe. Nach einer kurzen Weile stand Ma mit schelmischer Miene auf. Gefolgt von Didi und Kakima [Kakababus Frau] betrat sie das Zimmer, in dem Bholanath und Kakababu Siesta hielten, und bat ihren Schwager, auf einen Spaziergang mitzukommen. Der protestierte gegen das Ansinnen, in der Gluthitze aus dem Haus zu gehen: »Ich habe allen gesagt, du brauchtest Ruhe, und jetzt gehst du hinaus! Was sollen die Leute von mir denken?« Ma setzte sich über seine Einwände hinweg und sagte: »Weißt du nicht, daß mit meinem Gehirn etwas nicht stimmt! Tut mir leid, daß ich auch noch dein Mittagsschläfchen störe.« Ma schlenderte in der Gegend umher, blieb an einigen Läden stehen und kaufte ein paarKleinigkeiten.  Auf diese Weise gelangte sie zum Haus ihres Devotees Pashupati Babu, dessen Frau krank war und Ma nicht hatte besuchen können. Jetzt war sie überglücklich, da sie von Herzen gebetet hatte, Ma möge die Stadt nicht verlassen, bevor sie ihren Darshan gehabt habe.

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Am Abend kehrte Ma zu Kakababu zurück, der die Gäste um neun Uhr abends wieder bat, das Haus zu verlassen. Er war fest entschlossen, Ma eine ruhige Nacht zu verschaffen. Doch Ma war immer noch zu Streichen aufgelegt. Sie brachte die wenigen im Haus verbliebenen Leute mit unterhaltsamen Erzählungen zum Lachen. Bei dem ausgelassenen Lachen fand niemand Schlaf. Als Kakababu Einspruch erhob, neckte sie ihn in der Art einer privilegierten älteren Schwägerin. Die ganze Nacht verging fröhlich, aber schlaflos. Am nächsten Morgen erfuhren die Devotees, wie Ma am Nachmittag und in der Nacht ›geruht‹ hatte. Kakababu gab nun den Plan auf, Ma‘s Zusammenkünfte mit ihren Leuten zu regulieren.
      Didi erinnert sich an eine bemerkenswerte Begebenheit, die in diesem Haus stattfand. Kakima stammte aus dem Punjab; sie war sehr stolz auf ihre athletische Figur und ihre Körperkraft. Sie sagte, kein Mädchen aus Bengalen könne es mit ihr aufnehmen. Bei freundschaftlichen Kraftproben schlug sie Didi und andere. Eines Tages packte Ma sie spielerisch mit nur drei Fingern am Arm. Zur allgemeinen großen Belustigung gelang es Kakima nicht, sich aus diesem zarten Griff zu befreien.
      Von Calcutta fuhr Ma zu Atal Bihari nach Rajshahi. Eines Abends war sie mit ihrer Gruppe in einem Nachbarhaus zum Kirtan eingeladen. Atal blieb daheim. Bei ihrer Rückkehr stellte Ma fest, daß Atal sich schon zur Ruhe gelegt hatte. Als er seine Gäste kommen hörte, stand er auf. Ma sagte: »Du bist ein feiner Kerl. Deine Gäste haben noch nicht zu Abend gegessen, und du hast gespeist und schläfst friedlich.« Atal Bihari entgegnete: »Eine Mutter ist zufrieden, wenn ihr Sohn gut verpflegt und ausgeruht ist. Daß ich zu Abend gegessen habe, sollte dir genügen.« »Wirklich!« entgegnete Ma. »Gut, vergiß nicht, was du gerade gesagt hast!« Als für Ma ein leichtes Abendessen serviert wurde, schob sie ihren Teller Atal zu und sagte: »Ich bin gesättigt, wenn Atal ißt.« Ohne Zögern leerte Atal die Schüsseln. Dann sagte Ma: »Ich brauche mich nicht hinzulegen, denn Atals Schlaf ist mein Schlaf.« Atal antwortete: »Gut, du kannst sitzen bleiben, ich gehe ins Bett.« Damit stand er auf und ging zu Bett.
      Am nächsten Morgen sagte Ma: »Wenn Atal im Haus ist, bin ich im Haus. Wir wollen nun woanders hingehen. Begleitet von Didi, Atals Frau und anderen ging Ma zu einem Tempel am nahegelegenen Flußufer. Ma sagte: »Kocht das Mittagessen hier.« Bholanath und Shashanka Mohan besorgten alles dafür Nötige auf dem Markt. Didi und Atals Frau kochten im Freien ein einfaches Eintopfgericht aus Reis, Linsen und Gemüse, dazu Kheer [Milchreis] als Nachtisch. Als das Essen fertig war, goß Didi ein wenig Kheer in ein Glas und reichte es Ma. Als sie einen Mundvoll heruntergeschluckt hatte, forderte Ma Didi  auf, ein wenig davon zu kosten. Das tat sie, mußte den Kheer aber sofort ausspucken, weil er noch siedend heiß war. Ma‘s Lächeln milderte ihre Verlegenheit und Selbstvorwürfe ein wenig. Atal Biharis Frau sagte: »Auch ich habe meine Lektion gelernt. Oft biete ich sehr heiße Speisen an, ohne mich darum zu kümmern, ob sie schon genießbar sind.«
      Ma kehrte dann in das Haus ihres Gastgebers zurück. Es lag nicht in ihrer Natur, einen Sieg auszukosten. Deshalb ging sie zurück, um ihm seine Besorgnis und Reue darüber zu nehmen, daß er seine Scherze zu weit getrieben hatte.
      Nach einigen weiteren Wochen auf Reisen kehrten Ma und Bholanath im Mai 1932 nach Dacca zurück. Im Ramna-Ashram wurde gerade Ma‘s Geburtstagsfeier vorbereitet. Bhaiji hatte die Götterstatuen im Ashram einschmelzen und neu gießen lassen, wofür Ma den Großteil ihres Goldschmucks gestiftet hatte. Devotees und Verwandte gaben ihr viel Schmuck, aber Ma behielt ihn nie lange. Jahrelang trug sie nur eine dünne Goldkette, ein Geschenk von Bholanath. Der Sitte gemäß trug sie wie alle verheirateten Frauen ein Paar Armreifen aus Muschelhorn und einen vergoldeten eisernen Armreif.
      Wie in den Vorjahren strömten die Devotees nach Dacca. Tag und Nacht wimmelte es in dem kleinen roten Gebäude auf der weiten Grünfläche des Poloplatzes von Männern, Frauen und Kindern. Bei diesem Fest kam eine weitere Facette von Ma‘s Wesen zutage. Sie riet mit unfehlbarem Urteil, wie die Besucher unterzubringen und nützlich zu beschäftigen seien. Sie machte Vorschläge zu verschiedenen religiösen Feiern. Jeder bekam etwas zu tun. Sie war überall zugleich, sie beriet, half, löste Probleme, sobald sie aufkamen. Höhepunkt der Feiern war die Aufstellung der Götterstatuen im Tempel. Unter Ma‘s Anleitung führte Bholanath alle dazu gehörenden Riten aus. In Siddheshwari wurde ein Shivalingam auf der Plattform über dem Hohlraum aufgestellt, so daß er für alle Zeit vor Entweihung geschützt war.
      Ma‘s Anweisungen bezüglich des Tempels waren, wie wir jetzt wissen, weit vorausschauend. Der kleine Schrein, in dem die Tonfigur stand, blieb unberührt. Die Mauern des neuen Tempels wurden um ihn herumgebaut. Der Boden des neuen Tempelraums befand sich auf mehr als halber Höhe des Schreins, der nun die innere Zelle des neuen Tempels bildete. Einige Stufen führten hinunter zur Tür des inneren Heiligtums. Die Abdeckung des Schreins bildete den Altar, auf dem die Götterstatuen aufgestellt wurden.
      Ma bestimmte, daß die Tür zum Schrein verschlossen bleiben solle. Einmal im Jahr solle sie geöffnet werden, und dann könne jedermann, ohne Ansehen von  Kaste oder Religion, Darshan haben. Am Abend solle die Tür dann nach Puja und Abhisheka - der rituellen Waschung einer Götterstatue - wieder für ein Jahr geschlossen werden. Diese Regelung blieb viele Jahre in Kraft. 1938 stellten die Betreuer des Tempels zu ihrem Bedauern fest, daß die Tonfigur begonnen hatte, sich aufzulösen. 1938 war auch Bholanaths Todesjahr. Er war der Hohepriester ritueller Verehrung von Kultbildern. War es bloßer Zufall, daß die Lehmfigur erhalten blieb, solange er lebte? Ma, die damals nicht in Dacca war, entschied jedenfalls, daß der Schrein für immer zugemauert werden solle. Als Dacca später an Ostpakistan fiel, wurden alle Tempel in Ramna, einschließlich des alten Kali-Tempels, an dem Ma oft mit ihren Gefährten gesessen hatte, dem Erdboden gleichgemacht. Der Kali-Schrein blieb jedoch unbehelligt und unversehrt, da er ohnehin unter dem Erdboden lag. Ma hatte die Statuen des oberen Tempels schon lange vorher nach Varanasi bringen lassen. Später erkannten die Devotees, daß Ma schon vom Tage an, als die Statuen im Ramna-Ashram freudig eingeweiht wurden, Vorkehrungen für zukünftige Eventualitäten getroffen hatte.
      Gegen Ende der lang andauernden Festlichkeiten war Ma eines Tages bei einem Devotee eingeladen, dessen Tochter bald heiraten sollte. Das regte vielleicht ihr Kheyala für die Zukunft der kleinen Maroni an. Ma gewann Bholanath für die Idee einer Verlobung von Maroni mit Kulada Banerjees älterem Sohn Chinu. Bholanath hatte Maroni sehr gern, und der Gedanke an ein so frühes Verlöbnis behagte ihm anfangs wenig. Doch Ma sagte: »Sei nicht traurig. Alles ist zum Besten aller Beteiligten. Zum rechten Zeitpunkt wird  Maroni, wenn Gott will, Chinu heiraten.« Die Damen aus Dacca beteiligten sich begeistert an den Vorbereitungen und gestalteten die Verlobungsfeier so bunt und froh wie möglich.
      Rückblickend wird deutlich, daß Ma abschließende Regelungen traf, die Bholanath von seinen Bindungen an Dacca und seiner Verantwortung für Maroni befreiten. Eines Tages besuchte sie Siddheshwari, wo sie die Gebäude und den umgestürzten Baum liebevoll berührte. Am selben Abend saß sie eine Weile auf der offenen Veranda des Tempels im Ramna-Ashram. Eine kleine Gruppe hatte sich um sie geschart. Gegen halb zwölf stand sie auf und sagte mit einem seltsamen Unterton: »Ich gehe jetzt.« Diese Worte  trafen Birendra Chandra schmerzhaft. Vielleicht in der Hoffnung, ihr Kheyala abzuändern sagte er: »Ja, Ma, geh und leg dich hin. Es ist spät.« Ma  antwortete nicht. Die Devotees verneigten sich und gingen heim.
      Als sie gegangen waren, schickte Ma Didi, Bholanath zu holen, der übermüdet eingeschlafen war. Didi weckte ihn und überbrachte ihm Ma‘s Nachricht. Ma und Bholanath besprachen sich eine Zeitlang. Dann sah Didi ihn seine Reisekleider und Schuhe anziehen. Ma saß auf der kleinen Plattform in dem Hain aus fünf Bäumen (Panchavati). Sie sprach einzeln mit Kulada Charan, Atul, Kamalakanta, Jogesh. Offensichtlich gab sie ihnen detaillierte Anweisungen zu ihrem Sadhana und ihren Pflichten im Ashram. Dann rief sie Didi zu sich und sagte: »Sieh her, Seelenstärke ist die wichtigste Forderung an einen Sadhaka. Von dir wird jetzt Seelenstärke verlangt.« Als sie Didis Qual sah, fuhr sie fort: »Sei ganz ruhig. Ich habe Dacca so viele Male verlassen; aber weil euch alle meine Abwesenheit derart aus dem Gleichgewicht bringt, muß ich immer wiederkommen. Laß mich herumziehen, wie mein Kheyala es verlangt. Ich kann das nicht, wenn ihr mir Hindernisse in den Weg legt.« Ma erläuterte dies eingehend und appellierte an Didi, den anderen ein Vorbild zu sein. Daß sie Ma diesmal nicht begleiten durfte, war ein schwerer Schlag für Didi. Dann sprach Ma noch mit ein oder zwei Besuchern, die im Ashram wohnten.
      Bhaiji wurde gerufen. Als er kam, sagte Ma zu ihm: »Du mußt heute Nacht mit uns kommen.« Eine Pause trat ein. Als Bhaiji nicht antwortete, fragte sie: »Was ist, kannst du das nicht?«
      Es war allen klar, daß Bhaiji vor der folgenschwersten Entscheidung seines Lebens stand. Er antwortete gefaßt: »Ich gehe erst heim und hole Geld für die Reise. Er muß vorgehabt haben, seiner Frau und seinen Kindern Erklärungen zu geben, aber Ma sagte: »Nein, geh nicht heim. Sammle ein, was die Männer hier gerade bei sich haben.« Bhaiji antwortete nicht und ging schweigend zum Tempel.
      Dann ließ Ma ihre Eltern rufen. Bipin Bihari war über diesen plötzlichen Entschluß verärgert und kam nicht, aber ihre Mutter kam. Wie immer, wenn sie von ihr Abschied nahm, verneigte sich Ma zu den Füßen ihrer Mutter. Dann ging sie still aus dem Ashram. Sie hatte niemanden erlaubt, eine Kutsche oder ein Auto zu holen. Zu Fuß ging sie zum Bahnhof, begleitet von einer kleinen, betrübten Gruppe. Die wenigen Begleiter spürten, daß diesen Abschied ein Hauch von Endgültigkeit umwehte.

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