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Navajivan ke patha par - Auf dem Weg zu neuem Leben


Von meiner ersten Begegnung mit Ma an durchdrang Ihr stets freudiges, einfaches und liebevolles Wesen auf so unaussprechlich bezaubernde Weise mein Leben, dass ich selbst inmitten verschiedenster Ablenkungen und Aufregungen all meine Sorgen und Versuchungen vergessen lernte. Es blieb nur ein brennender Wunsch: ein Fünkchen Ihrer Gnade zu erhalten. Wie die hohe Brandung des Meeres wallte dieses Gefühl Tag und Nacht tief aus meinem Herzen zu Ihren Füßen und erstickte allen Lärm der Welt. Wenn ich dann manchmal wie ein Verrückter rufen konnte „Ma, Ma“ und Tränen nach Ihr vergießen und Ihren Lobpreis singen konnte, fand ich dadurch große Erleichterung. Aber dazu hatte ich zuhause kaum Gelegenheit.
      Als ich Ma‘s physischen Körper in verschiedenen, noch nie dagewesenen, ekstatischen Zuständen erblicken durfte, wurde ich tief bewegt vor Freude und Staunen. In Ihrer Gegenwart hatte ich oft das Gefühl, dass ich bloß ein Kind oder ein nahezu hilfloser, armer Bettler war und völlig unwürdig, zu Ihren Füßen zu sitzen. Tatsächlich setzte ich mich mein ganzes Leben lang niemals in Ihrer Anwesenheit hin. Ich pflegte immer in einer gewissen Entfernung stehenzubleiben. Jeden Morgen hatte ich das Glück, den ersten Darshan Ihrer Lotosfüße zu erhalten, denn nur sehr wenige Leute konnten so früh zum Ashram kommen. An manchen Morgen fand ich Ma still auf einer Seite Ihres Bettes sitzend, die Augenlider noch vom Schlaf verhangen. Zuweilen schienen Ihre strahlenden Augen und Ihr süßes Gesicht mütterliche Zuneigung und Güte für alle Menschen zu verströmen. Andere Male zeigten Ihre Züge zu jener Stunde all die ruhige Klarheit und Hoheit eines wunderschönen, herbstlichen Morgenhimmels, unendlich strahlend und doch völlig unberührt von den Dingen dieser Welt. Der Ausdruck Ihres Gesichtes war ein ständig wechselnder Spiegel Ihrer inneren Gedanken und Gefühle. Zeitweise konnte Sie wie eine alte Frau aussehen, dann wiederum konnte Sie, inmitten ausgelassener Scherze und dem lauten Lachen eines fröhlichen Mädchens, plötzlich so ernst, gedankenvoll und entschieden blicken, dass Sie eine ehrfürchtige Scheu und Angst in uns hervorrief. In jenem Zustand nahm Ihr Körper so ungewöhnliche Dimensionen an, und Ihr Gesicht bekam einen solch erhabenen Ausdruck, dass wir alle das Gefühl hatten, Mutter Rudrani[39], habe Ihr ganzes Wesen eingenommen. In solchen Zeiten flößten Ihr wildes Lachen, Ihre rollenden Augen und Ihre Bewegungen unseren Herzen große Furcht ein. Nach kurzer Zeit jedoch kehrte Ihr natürlicher Ausdruck der Freude und Sanftheit zurück.
      Ich war stets so von Ma angezogen, dass ich unruhig wurde, wenn ich einen Tag lang nicht zu Ihr ging, so dass ich die schnellste Gelegenheit suchte, wieder Zuflucht und Frieden zu Ihren Füßen zu finden. Mir war, als würde Sie meiner Seele immer zurufen: „Komm, komm zu mir“, als beobachte Sie mich ständig und sei immer auf mein inneres Heil bedacht.
      Oft strengte ich mich wirklich an, jeden Gedanken an Sie auszulöschen, aber Sie ließ mich erfahren, wie dumm und lächerlich solche Versuche waren und nahm all mein Denken und Fühlen nur noch mehr ein. Diese Versuche machten mich sehr erschöpft und ließen mich stumm und gelähmt wie ein Stein zurück. Ich konnte kein Mittel finden, um meinen Durst nach Ma‘s Zuneigung zu löschen. So wurde ich immer schwächer, und mein Körpernäherte sich rapide einer Krise.
      Am 4. Januar 1927 erkrankte ich schließlich. Bereits zu Beginn fühlte ich einen heftigen Schmerz in der Herzgegend. Keine Medizin verschaffte mir Erleichterung. Eines Tages kam Ma zu Besuch und legte Ihre zarte, sanfte Hand auf meine Brust. Bei dieser Berührung vergingen all meine Schmerzen. Dennoch wurde die Krankheit immer ernster. Nach Angabe des Arztes litt ich an Tuberkulose. Einige Tage später kam Ma eines Abends zu mir, saß an meinem Bett und sagte etwas vor sich hin. Viel später erfuhr ich von Ihr, dass Sie zu der Krankheit [40], gesagt hatte: „Du hast getan, was du konntest, jetzt hör auf!“ Von jener Zeit an besuchte Sie mich nicht mehr. Während der letzten paar Monate akuter Krankheit hatte ich nicht das Glück, Sie sehen zu dürfen.      

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Das war notwendig für mich. Der heftige Wunsch, Ma zu sehen, ließ mich den Schmerz der Krankheit vergessen, und meine Gedanken waren damals Tag und Nacht bei Ihren Lotosfüßen. Sie durchdrang mein ganzes Sein, sowohl innerlich als auch äußerlich. Später erzählte manmir, Ma habe einmal in Shahbag gesagt, Sie sehe Blut auf den Lippen aller Leute. Als Pitaji diese Bemerkung ernahm, besuchte er mich am Abend sofort. Zu jener Zeit erbrach ich Blut, und ich war fast am Ende all meiner Kräfte. Bei vielen Gelegenheiten pflegte Ma mir zu helfen, indem Sie ein bestimmtes Heilmittel vorschlug, lange bevor Sie äußerlich über die Entwicklung in meiner Krankheit informiert wurde.
      Eines Nachts kam es zu einer sehr heftigen Krise. Die behandelnden Ärzte erklärten meinen Fall für hoffnungslos. Es war zwei Uhr nachts, und draußen regnete es in Strömen und ohrenbetäubend laut. Hundegebell machte die düstere Atmosphäre noch furchterregender. Ich begann, schreckliche Visionen zu erblicken, und alle Haare meines Körpers sträubten sich vor Angst. In diesem Augenblick sah ich Ma ganz klar wie am hellichten Tag rechts von meinem Kopfkissen sitzen. Ich empfand ein Gefühl freudiger Überraschung. Bevor der erste Moment des Staunens vorbei war, fühlte ich, wie Ma mit Ihrer Hand über meinen Kopf strich. Es war so beruhigend! Augenblicklich fiel ich in tiefen Schlaf.
      Von diesem Tag an, d.h. die ganzen acht bis zehn Monate, die ich noch ans Bett gebunden war, fühlte ich immer, dass Ma mit einem sehr ruhigen, heiteren Gesicht nah beim Kopfkissen auf meinem Bett saß und dass Sie mich nicht dem Tod überlassen würde. Manchmal, wenn die Schmerzen stundenlangen Hustens, gefolgt von Blutspucken, unerträglich wurden, pflegte ich Ma‘s Namen zu wiederholen, und bald wurden die Schmerzen geringer. Während meiner Krankheit bat Ma Brahmacari Yogesh, ein Jahr lang nach Westindien zu gehen und ohne einen festen Wohnsitz nur von Almosen zu leben. Möglicherweise diente das dazu, mein Leiden zu lindern.
      In jener Zeit, als ich ein Haus der Regierung in der Nähe von Shahbag bewohnte und bereits einige Monate lang krank war, reiste Ma nach Hardwar, um an der Kumbh Mela[41], teilzunehmen. Ich bekam einen zweiten ernstlichen Rückfall, und man sandte Ma ein Telegramm nach Rishikesh. Sie kam jedoch nicht. Später erfuhr ich, dass Sie zu Pitaji, der sich über mich Sorgen machte, gesagt hatte: „Ich habe Jyotish gesehen, wie er auf meinem Schoß lag und völlig unbekümmert über seine Krankheit war.“
      Nach ungefähr fünf Monaten wollte ich ausprobieren, wieviel Kraft ich durch die medizinische Behandlung bekommen hatte. Ich versuchte, einige Schritte zu gehen, und stützte mich dabei an der Zimmerwand ab. Diese Anstrengung führte noch am selben Abend zu starkem Bluterbrechen. Als der Arzt informiert wurde, gab er den Bewohnern meines Hauses die Anweisung, ich solle flach auf meinem Bett liegen bleiben und dürfe nicht aufstehen.
      Vier oder fünf Tage später kehrte Ma nach Dhaka zurück und besuchte mich. Sie fragte: „Wie fühlst du dich jetzt?“ Ich sagte: „Ich habe nicht viel Schmerzen, aber ich fühle mich sehr unwohl, weil ich schon lange Zeit kein kaltes Bad mehr nehmen konnte.“ Es war Mai und glühend heiß. Ma blieb einige Zeit und ging dann wieder. Am nächsten Tag gegen ein Uhr mittags kam Sie mit Pitaji wieder. Alle im Haus schliefen fest, auch meine Tochter, die damals etwa elf oder zwölf Jahre alt war und extra auf mich aufpassen sollte. Ma sagte: „Du wolltest doch baden. Dort drüben ist ein Becken. Wenn du Lust hast, geh hin und nimm ein schönes Bad.“
      Das Becken lag etwa 65 Meter entfernt. Kaum hatte ich Ma‘s Worte vernommen, durchdrang neue Stärke meinen geschwächten Körper, begleitet von einem Gefühl der Liebe und Hingabe für Sie. Mein Körper war damals nur noch ein Skelett. Blitzartig ging mir die Warnung des Arztes, mein Bett nicht zu verlassen, durch den Kopf und verschwand dann wieder. Ich schwankte, als ich versuchte aufzustehen und noch ein Lendentuch zum Wechseln nach dem Bad mitnehmen wollte, so dass Pitaji mich sofort stützte und zum Becken geleitete. Meine Wohnung lag ungefähr 1,20 Meter über dem Erdboden. Ich ging die Stufen herab und das ganze Stück bis hin zu dem Becken. Es war ein Reservebassin, an dessen Ufer sich das mohammedanische Gästehaus der Universität befand. Auf einem Schild der Wasserschutzabteilung stand, dass das Becken nicht zum Baden oder Waschen benutzt werden dürfe. An jenem Tag aber war kein Bewohner des Gästehauses zu erblicken. Auch in meinemHaus schliefen alle. Ich stieg in das Bassin und hatte ein wunderbar erfrischendes Bad. Dann kehrte ich in meine Wohnung zurück, hängte die nasse Kleidung auf eine Wäscheleine und ruhte mich auf meinem Bett aus.
      Kaum hatte ich mich zu Bett gelegt, wachte meine Tochter auf und sah Ma neben sich sitzen. Bei meinem Gang über den Rasen waren zahllose Chorkanta-Samen an meinem Lendentuch hängengeblieben. Als mein Diener Khagen das entdeckte, schloss er natürlich daraus, dass ich mittags über den Rasen gegangen sein musste. Dies wurde meiner Frau hinterbracht, die Ma das Tuch zeigte und sich bei Ihr beklagte, dass ich gegen das ausdrückliche Verbot des Arztes mittags über den Rasen gegangen sei.
      Ma lachte, ohne ein Wort dazu zu sagen. Ich war wirklich überrascht und wunderte mich nachträglich darüber, wie es möglich gewesen war, dass ich über das offene Grundstück gehen und am helllichten Tag unbemerkt ein Bad in dem Bassin nehmen konnte, und woher ich die Kraft bekommen hatte, um so eine Anstrengung durchzuhalten. Diese Leistung überstieg meinen Verstand. Als ich drei oder vier Monate später Dhaka verließ, um ein gesunderes Klima aufzusuchen, erzählte ich Niranjan davon. Später nach meiner Genesung, als ich meine Büroarbeit wiederaufnahm, erwähnte ich diese Begebenheit auch meinen Ärzten gegenüber, welche die ganze Geschichte zunächst bezweifelten. Auch meine Frau schenkte ihr zuerst keinen Glauben. Erst als ich ihnen alles genau beschrieb, konnten sie es schließlich glauben.    

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Als die Krankheit in vollem Gang war, entwickelte ich einen sehr starken Wunsch, gekochten Reis zu essen. Die behandelnden Ärzte erlaubten es jedoch nicht. Niranjan wandte sich an Ma und sagte: „Ma, Jyotish möchte gekochten Reis essen, und die Ärzte erlauben es nicht. Wenn er stirbt, werden wir sehr traurig darüber sein, dass wir ihm diesen Wunsch vor seinem Tod nicht erfüllen konnten.“ Ma lachte und sagte: „Wenn Jyotish danach verlangt, sollte man ihm Reis geben.“ Einige Tage später brachte Pitaji etwas gekochten Reis von Shahbag und gab ihn mir zu essen, ohne dass es jemand bemerkte.
      In jenen Tagen pflegte Ma mich täglich zu besuchen. Eines Morgens kam Sie sehr früh, und nachdem Sie gegangen war, brachte Brahmacari Kamalakanta mir einige Champak-Blumen. Mit Bedauern betrachtete ich die Blumen, da ich an dem Tag keine Gelegenheit mehr haben würde, sie Ma eigenhändig zu Füßen zu legen. Nachmittags brachte mir Kulada Dada eine herrliche Rose, und wieder kam mir derselbe schmerzvolle Gedanke. Die Rose wurde auf den Tisch neben die Champak-Blumen gestellt. Es betrübte mich sehr, dass so wunderschöne Blumen nicht Ma zu Füßen gelegt werden konnten. Im selben Augenblick trat Ma plötzlich in mein Zimmer, ging zu dem Tisch und lehnte sich nach links. Sie schaute mich drei oder vier Minuten ziemlich abwesend an und ging dann wieder. Ich vermutete, dass Ma die Blumen mitgenommen hatte - die Rose fehlte. Am nächsten Tag, als Sie kam, fragte ich Sie. Sie sagte: „Ich weiß nicht genau, was ich nahm, aber ich muss etwas von hier mitgenommen haben. Ich ging zum Haus des Zamindars von Dhankora und gab einer Frau dort etwas. Dann ging ich zum Haus eines Verwaltungsbeamten, wo eine Frau erkrankt war, und ließ auch dort etwas zurück.“ Später erfuhr ich, dass Sie im ersten Haus die Rose verschenkt und im zweiten eine Champak-Blume dagelassen hatte. Die kranke Frau wurde anschließend bald gesund.
      In diesem Zusammenhang sagte Ma: „Intensive Sehnsucht nach dem Göttlichen ist das Wesentliche bei aller Verehrung und allen Gebeten. Ewige Quellen göttlicher Kraft liegen in unserem Herzen, und jedes Bestreben trägt die Urkräfte aller schöpferischen, erhaltenden und auflösenden Energien des Seins in sich.“
      Noch eine andere Begebenheit kommt mir jetzt in den Sinn: Während meiner Krankheit ordnete Pitaji an, dass mir täglich etwas Reis-Prasad aus Shahbag gebracht werden sollte. Die Speisen wurden jedoch erst um etwa zwei Uhr mittags im Tempel geopfert, und das Prasad kam so noch viel später bei mir an. Alle zuhause ärgerten sich darüber, dass ich so spät am Tag auf Prasad wartete. An einem bestimmten Tag wurde ausgesprochen ungehalten Kritik an der ganzen Regelung geübt. Das verletzte mich so sehr, dass ich das Gefühl bekam, es würde sinnlos sein, angesichts so starker Ablehnung und Kritik von seiten meiner Familie weiterhin Prasad bringen zu lassen. Der Tag verging, und es wurde zwei Uhr nachts. Kein Prasad war von Shahbag geschickt worden. Mir kam der Gedanke, dass meine Abgeneigtheit, angesichts so großer Schwierigkeit überhaupt Prasad zu empfangen, höchstwahrscheinlich der Grund dafür war, dass man die Regelung eingestellt hatte. Ich weinte und weinte in meinem Bett. Innerhalb einer halben Stunde kam das Prasad! Ich hörte, dass sich Ma kurz zuvor vom Bett erhoben und befohlen hatte: „Geht rasch, bringt Jyotish sofort Prasad.“ Später erfuhr ich, als man Sie wie üblich am Mittag um Erlaubnis gebeten hatte, mir Prasad zu senden, habe Sie „Nein“ gesagt. Deshalb war die regelmäßige Prasadsendung unterbrochen worden. In diesem Zusammenhang sagte Ma: „Ich tue nichts aus eigenem Antrieb. Ihr lacht und weint euren Gefühlen entsprechend, und eure Wünsche werden erfüllt.“
      Während meiner Krankheit reiste ich zur Erholung nach Vindhyachal. Auf meinem Weg traf ich Ma unvorhergesehen in Kalkutta und bat Sie, doch auch dorthin zu reisen, aber Sie willigte nicht ein. Nach meiner Ankunft in Vindhyachal weinte ich die ganze Nacht hindurch nach Ihr. Nur einen Tag später trafen Ma und Pitaji dort ein.
      Ma bemerkte in diesem Zusammenhang: „Das Ziel aller religiösen Übungen ist es, alle egoistischen Impulse zu veredeln und ihnen eine einheitliche Richtung auf das Göttliche hin zu geben. Sobald das Ego aufhört zu wirken, wird das „Ewige DU“ an seine Stelle treten.“
      Von Vindhyachal aus fuhr ich nach Chunar, und auch Ma reiste dorthin. Eines Tages fragte Sie: „Gehst du nie spazieren?“ Ich antwortete: „Ich bin zu schwach dazu, wie könnte ich das tun?“ Am nächsten Morgen nahm Sie mich früh mit auf einen Spaziergang. Wir wanderten etwa neun bis zehn Kilometer über ebene Strecken und kleine Hügel und kehrten um elf Uhr morgens zurück. Als wir bergab stiegen, fühlte ich mich sehr schwach und konnte kaum noch gehen. Ma drehte sich um und sagte: „Unser Haus ist nicht mehr weit.“ Binnen zehn Minuten tauchte völlig unerwartet eine Pferdekutsche aus einer kleinen Gasse auf. Wir hätten sonst noch ein bis zwei Kilometer bis zur nächsten Haltestelle zurücklegen müssen. Ich befürchtete, die Strapaze dieser langen Wanderung würde meine Krankheit verschlimmern, aber nichts dergleichen geschah.

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Eine Weile später bemerkte Ma: „Sowohl in dieser Alltagswelt als auch im spirituellen Bereich ist Geduld die wesentliche Grundlage.“
      Einmal saßen Ma, Pitaji und ich etwas entfernt von meinem Haus auf dem Rasen. Ma sagte, Sie würde gerne mit dem Wasser aus dem Brunnen beim Fort ein Bad nehmen. Sie verlangte immer wieder danach wie ein kleinesKind. Ich sagte: „Lass mich meinen Diener rufen.“ Sie antwortete: „Nein, das darfst du nicht.“ Ich war verwirrt, denn nach Sonnenuntergang pflegten die Leute in jener Gegend kein Wasser mehr aus den Brunnen zu schöpfen. Ma‘s Wunsch nicht erfüllen zu können, stimmte mich traurig. Zu meiner Überraschung tauchte jedoch plötzlich ein Mann mit einer Laterne auf, um am Brunnen Wasserzu holen, und er ließ sich dazu überreden,Wasser für Ma‘s Bad zu schöpfen.
      Ma sagt: „Alles, wonach Ihr strebt, kann erlangt werden, wenn der Durst nach dem Ziel eures Wunsches jede Faser eures Seins durchdringt.“
      Während meiner Krankheit verbrachte ich einige Tage in Giridih. Eines Tages sehnte ich mich sehr danach, Ma zu sehen. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass Ma mit Ihrer ganzen Begleitung am nächsten Morgen dort eintraf.
      Nach dieser Luftveränderung kehrte ich nach Kalkutta zurück. Ich musste damals trotz allem immer noch Blut spucken, wenn ich hustete. Meine Ärzte rieten mir, den Rest meines Lebens an einem Kurort zu verbringen. Ma wies mich jedoch an: „Gehe an deinen Schreibtisch zurück ins Büro, und nimm deine Arbeit dort wieder auf.“ Ich fuhr nach Dhaka. Pitaji und Ma begleiteten mich zum Büro und gingen erst wieder, nachdem sie mich in meinen Stuhl gesetzt hatten.
      Damals war Mr. Finlow Direktor der Landwirtschaftsabteilung und mein Vorgesetzter. Er schätzte mich und erwies mir immer Achtung. Er sagte zu mir: „Machen Sie soviel Büroarbeit, wie Sie können, alles andere legen Sie auf meinen Schreibtisch.“ Dann fragte er: „Sagen Sie mir doch einmal,wie Sie diese grausame Krankheit überleben konnten?“ Ich antwortete: „Nur durch die Gnade von Mataji, die drüben im Ramna Ashram lebt. Sie gab mir keinerlei Medizin. Obwohl ich den Anweisungen des Arztes folgte, ist Ihre Gnade meine einzige Rettung gewesen.“ Mr. Finlow bemerkte: „In unserem Volk kennt man ähnliche Begebenheiten. Ich glaube Ihnen, was Sie sagen.“
      Eines Abends besuchte mich ein langjähriger Nachbar namens Shyama Charan Mukherji, der etwa 80 Jahrealt war. Als die Unterhaltung auf Ma kam, sagte ich: „Nur durch Ihre Gnade allein bin ich jetzt noch am Leben.“ Er wetterte: „Jemands Gnade hin oder her - kann einer länger leben als vom Schicksal vorbestimmt?“Mitten in dieser Unterhaltung verstummte er plötzlich und ging einige Sekunden später fort. Am nächsten Morgen kam er zurück und sagte: „Wissen Sie, weshalb ich gestern so abrupt aufbrach? Als wir über Ma sprachen, sah ich auf der Rücklehne Ihres Stuhls ein ovales, glänzendes Licht wie von der Sonne. Draußen war es zu der Zeit jedoch dunkel, und kein Licht brannte im Zimmer. Ich sah mich um und konnte nirgendwo die Quelle jenes Lichtes zu so einer Stunde entdecken. Ich wollte deshalb das Phänomen überdenken, ehe ich es Ihnen erzählte. Nach sorgfältiger Überlegung bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass durch die Gnade eines Heiligen alles möglich ist. Ma hat Sie tatsächlich die ganze Zeit beschützt.“
      Wenige Monate nach seiner ersten Begegnung mit Ma hatte Niranjan in Shahbag zu Ihr gesagt: „Ma, Jyotish und ich denken sehr oft, dass wir nach der Gründung Deines Ashrams dort in unserem nächsten Leben Brahmacaris sein möchten.“ Ma blickte mich an und fragte: „Warum sagst du nichts? Kannst du das nicht bereits in diesem Körper?“
      Etwa drei oder vier Jahre später, als ich von meiner Krankheit genesen war und meine Arbeit wieder aufnahm, erinnerte Ma mich an dieses Gespräch und sagte: „Bedenk einmal, auf welche Weise du wiedergeboren wurdest.“ Dann nahm Sie eine goldene Kette von Ihrem Hals und legte sie mir mit den Worten um: „Von diesem Tag an wisse sicher, dass du ein Brahmacari bist und deine Wiedergeburt gehabt hast.“
      Ma benutzte die kleine Hütte, die ich nach eigenem Entwurf für Sie im Ashram gebaut hatte; sie maß 5,60 x 3,80 Meter, und rundherum war eine Veranda gezogen. Ma pflegte sich jeweils auf einer der beiden langen Veranden hinzulegen. Sie erzählte mir, ich sei einer der Sannyasis gewesen, die an jener Stelle gelebt hätten, und der Platz, den ich unbewusst für den Bau Ihrer Hütte ausgesucht habe, sei genau der Ort, an dem ich mein früheres Leben verbracht hätte.
      Ich glaube, es war ein einzigartiges Glück für mich, dass Ma‘s physischer Leib nun an genau derselben Stelle ruhte, an der ich im früheren Leben Sadhana geübt hatte. Vermutlich hatte mein Karma die Entwicklung so gelenkt, denn als ich Ma erstmals erblickte, schien Sie mir alle Gottheiten in sich zu vereinen, und ich hatte das Gefühl, dass Sie in all meinen früheren Leben meine Höchste Göttin gewesen war.
      Von Ende 1929 an pflegte ich ganze drei Jahre lang sehr früh morgens nach Ramna zu gehen, um Sie als erster zu sehen. Aus diesem Grund stand ich um zwei Uhr nachts auf, beendete meine morgendlichen Gebete und die rituelle Verehrung gegen 4.30 Uhr und ging dann los. An bestimmten Tagen passierte es, dass ich die Zeiger meiner Uhr verwechselte, die Zeit falsch ablas und viel früher fortging. Wenn ich dann auf dem Weg in einem Haus die Uhr schlagen hörte, merkte ich, dass ich viel zu früh war. In solchen Fällen wanderte ich auf den Ramna-Wiesen umher oder setzte mich an das Tor von Ramna Kalibari, um die Morgendämmerung abzuwarten. Um fünf Uhr betrat ich den Ashram und ging dann mit Ma auf den Wiesen spazieren; gegen 10.30 Uhr oder 11 Uhr kehrte ich schließlich nach Hause zurück. An bestimmten Tagen kam ich sogar erst um zwölf oder ein Uhr mittags zurück.
      Nie setzte ich mich in Ma‘s Gegenwart hin. Mein ganzer Körper blieb aufrecht und vibrierte innerlich vor Freude. Wenn mich jemand bat, mich hinzusetzen, wurde ich sehr verlegen. Während unserer morgendlichen Rundgänge blieb Ma gewöhnlich ganz still, nur in Ausnahmen brach Sie Ihr Schweigen. Ich pflegte Ihren Schritten stumm zu folgen.
      Eines Tages kam ein alter Rechtsanwalt namens Shri Ashvini Kumar Guha Thakurta zu seinem Morgenspaziergang dorthin und sagte zu Ma: „Ich bin nicht wegen Dir gekommen, Ma, sondern um Dein geliebtes Kind zu sehen und mit eigenen Augen zu erleben, wie es so früh jeden Morgen zu Dir kommt, unabhängig von Kälte, Hitze oder Regen, und stillschweigend Deinen Schrittenfolgt. Der bloße Anblick bereitet mir große Freude.“ Ich sagte zu ihm: „Segnen Sie mich, dass es mein Leben lang so bleiben möge.“ Der alte Mann drückte mich an sein Herz und sagte: „Du bist bereits gesegnet!“
      Manchmal regnete es frühmorgens in Strömen, aber oft, wenn ich mit Ma‘s Namen auf meinen Lippen aufbrach, hörte der Regen einstweilen auf, und ich hatte wenig Schwierigkeiten, zu Ihr zu kommen. Sowohl bei Regenwetter als auch in dichtem Winternebel hinderte mich nichts daran, drei Jahre lang jeden Morgen mit Ma spazierenzugehen.
      Eine Zeitlang kam es in Dhaka häufig zu Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems. Bevor sie ausbrachen, rief Ma eines Tages: „Wie schrecklich! Furchtbar!“ Als ich Sie nach der Bedeutung dieser Ausrufe fragte, sagte Sie: „In der ganzen Stadt höre ich wilde Schreie, Jammern und Klagen.“ Doch selbst als die Grausamkeit zwischen beiden Gruppen ihren Höhepunkt erreichte, stellte ich meine morgendlichen Spaziergänge nicht ein. Mein Nachbar Shrijut Bhavani Prasad Neogi betrachtete mich wie seinen eigenen jüngeren Bruder. Er warnte mich eines Tages und sagte: „Ich warte jedes mal sehr ängstlich auf deine Rückkehr. In der ganzen Stadt sind Überfälle, Mord und Totschlag an der Tagesordnung. Hältst du es wirklich für richtig, in solcher Atmosphäre alleine auszugehen?“
      Solange Ma jedoch nichts gegen meine morgendlichen Wanderungen sagte, hatte ich nicht das Gefühl, dass irgendein Anlass zur Besorgnis für mich bestand und blieb daher bei meiner täglichen Routine.
      Eines Tages war ich auf dem Weg zum Ramna Ashram. Die Straßenlampen brannten. Niemand war zu sehen. Ich kam am Dak-Bungalow vorbei und ging noch etwa 90 Meter weiter, als ich bemerkte, wie ein stämmiger, in ein Tuch verhüllter Mann, hinter einem Mahagonibaum hervorschlich und mir folgte.
      Ich fragte ihn, wohin er wolle. Er sagte, er wolle mit mir gehen. Ich teilte ihm mit, dass ich zum Ramna Ashram gehen würde. Er sagte, er würde ebenfalls dorthin gehen. Sein Verhalten schien mir verdächtig, und ich hatte große Angst. Plötzlich rief ich: „Nein, du darfst nicht mit mir gehen!“ und lief schnell, ohne mich umzusehen, weiter. Nachdem ich eine beträchtliche Strecke zurückgelegt hatte, drehte ich mich um und sah den Mann festgewurzelt wie einen Baum an der Stelle stehen, wo ich ihn zurückgelassen hatte.
      Als ich den Ashram erreichte, stand Ma bereits am Tor, Ihren liebevollen Blick unverwandt auf mich gerichtet. Ich fiel Ihr zu Füßen und erzählte Ihr, was geschehen war. Sie sagte kein einziges Wort.
      Später erfuhr ich, dass im selben Stadtteil ein Mord passiert war.

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