Jan 26 2016

Kongressbericht 2015 – Yoga in Therapie und Prävention


Vom 13. bis 15.11.2015 fand bei Yoga Vidya Bad Meinberg der Yogakongress mit dem Schwerpunkt „Yoga in Therapie und Prävention“ statt. Hier der Kongressbericht von Christine Endris (BYV):

Freitag, 13.11.2015

Acht Uhr morgens im großen Vorraum zum Sivananda-Saal. Die Veranstaltungslisten für den Yogakongress sind zum Eintragen ausgelegt. Nun heißt es sich entscheiden! Die Auswahl ist groß und fällt schwer: Workshops, Yogastunden, Vorträge, wer sind die Referenten, was ist förderlich für mein Yogalehrer-Dasein und was will ich?

Zur Eröffnung des Kongresses sind Landrat und Bürgermeister gekommen. Sie erweisen sich als Kenner des Yoga, auch der traditionellen Philosophie, und wissen die therapeutischen Wirkungen zu  schätzen. In den Rehabilitationseinrichtungen des Kurortes hat Yoga schon längst Einzug gehalten. Yoga Vidya hat seit 2003 vier Klinikgebäude in Bad Meinberg erworben und die Stadt ist froh darüber, kann doch mit Yoga und Ayurveda der Gesundheitssektor und der Kurbetrieb bestens weiter entwickelt werden.

Die Abgesandte des indischen Botschafters in Berlin, Frau Manjistha Mukherjee Bhatt, geht mit viel Wissen auf die Wirkungen des Yoga auf Körper, Geist und Seele ein, von der Entgiftung bis zur Erfahrung der Einheit. Sie erwähnt den Weltyogatag, der alljährlich am 21. Juni stattfindet von der UNESCO gefördert wird und unterstreicht ihre Freude, endlich in Bad Meinberg zu sein. Sie hatte schon viel von Yoga Vidya gehört.

Bei seiner Begrüßung meint Sukadev, dass Yoga in vielerlei Hinsicht Teil der Schulmedizin geworden ist. Es existieren inzwischen Tausende von Studien über Prävention und Therapie und auch über die Grenzen der Möglichkeiten von Yoga. Alle Referenten sind ehrenamtlich tätig und setzen sich ein für Heilung, Verständigung und Frieden. Ein Lichtfeld gehe von diesem Kongress in die Welt. Sukadev bezieht in diesen Gedankengang bewusst das Thema Flüchtlinge ein.

Sein Vortrag „Der Yogatherapeut als Kümmerer, Heiler, Präventologe, adjuvanter und eigenständiger Therapeut“ soll aufzeigen, wo Yogalehrer und Yogatherapeuten „andocken“ können. In der Yogastunde erhalten die Schüler ganz praktische Anleitungen für das eigenverantwortliche Üben zu Hause. In der Gruppe entwickelt sich eine Empfindung der Spiritualität und der Einheit mit allem. Durch die Konzentration auf das Gegenwärtige wird der Geist still, die Wahrnehmung sehr viel bewusster. Am Ende gehen die Teilnehmer leicht und entspannt nach Hause.

Das Wort Therapeut kommt aus dem Griechischen und bedeutet Diener, Pfleger und Kümmerer. Heiler (hole) meint das Helfen zum Ganzwerden. Bei der Yogatherapie wird Yoga oft im Einzelunterricht gegeben, mit persönlichen Gesprächen, der Erörterung von Ernährung und Lebensstil, dem Hinterfragen von Schmerzen und Gesundheitsproblemen, der Frage nach dem Sinn. Zusammen mit sanften Übungen und der Vermittlung einer positiven Herangehensweise an die Dinge des Lebens kann der Klient wieder heil werden.

Yogalehrern steht dafür ein riesiges Methodenspektrum zur Verfügung. Die Krankenkassenfinanzierung findet bei besonders qualifizierten Yogalehrern bereits statt. Der BDY hat sich hierfür mit Yoga Vidya zusammen engagiert eingesetzt. Heute führen Gesundheitsfachkräfte aus, was der Arzt verordnet hat. Dazu gehören Ernährungsberatung, Physio- und Sporttherapie – so gut wie alle Leistungen in Rehakliniken. Seit Jahren fließen auch Yogatechniken in diese Bereiche ein. Es werden noch mehr Studien zur Wirkung von Yoga gebraucht, insbesondere bei bestimmten Krankheitsbildern, damit die Krankenkassen auch diese ganz finanzieren. Die verschiedenen Yogaverbände sollten mehr zusammenarbeiten, um dieses Ziel gemeinsam zu erreichen, meint Sukadev. In 15 bis 20 Jahren werde Yoga ein selbstverständlicher Teil der Schulmedizin sein.

Beim Satsang am Abend erinnert Swami Nirgunananda daran, dass unser Meister Swami Sivananda Arzt war, der gar nicht anders helfen und heilen konnte als im Bewusstsein der Ganzheitlichkeit des Menschen. Er sagt: Gesundheit ist ein positiver Zustand, denn alle Organe arbeiten in vollkommener Harmonie miteinander. Der Geist sei heiter – ein unübertroffenes billiges Spezialmittel für das gesunde, glückliche Leben!

Danach der Vortrag „Wirkmechanismen von Yoga in Prävention und Therapie“ von Prof. Dr. Marcus Stück. Marcus Stück erforscht seit 1994 die Themenbereiche Gesundheit, Yoga, Meditation und menschliche Psyche. Er ist Diplompsychologe, Psychotherapeut, praktizierender Yogi, Gründer des Zentrums für Bildungsgesundheit in Leipzig (www.bildungsgesundheit.de) und arbeitet mit Pädagogen, Erwachsenen und Kindern. Autor zahlreicher Bücher.

Der Begriff Prävention ist schon negativ besetzt, er geht von der Möglichkeit zu erkranken aus. Statt dessen steht für die Wissenschaftler das Thema Gesundheitsförderung ganz vorne, im privaten wie im öffentlichen Bereich. Wo gefährden die Verhältnisse unsere Gesundheit, wo ist unser eigenes Verhalten gesundheitsgefährdend, wie wird Arbeitsschutz gestaltet? Auch in der Meditation gibt es Schwankungen zwischen Synchronisierung und Desynchronisierung – wann treten diese Krisen auf? Wie steht es mit unserer Belastungsfähigkeit (Resilienz)? Trancezustände im Wasser werden untersucht hinsichtlich Zeitwahrnehmung und Physiologie, beides hängt eng zusammen.

Die Wirkfaktoren des Yoga müssen interdisziplinär erforscht werden unter Aspekten wie Hormonsystem, Nervensystem, Sensibilität, physischer Körper (Beispiel Umkehrhaltungen), Immunsystem, Achtsamkeit, Fähigkeit zu entspannen u.v.m.. Natürlich ist Yoga heute auch Verhaltensprävention, immer mit dem Blick auf die Verhältnisse. Der Mensch soll in seiner eigenen Integrität ruhen können in einem Wertesystem von Mitgefühl und Liebesfähigkeit. Entspannung und Präsenz sind ein Weg dorthin – also Yoga! Marcus Stück empfiehlt für die Yogalehrerausbildung ein Modul mit diesen Inhalten.

Diese hochinteressanten Forschungen umfassen alle Bereiche unseres Daseins, wir hören gespannt zu. Jeder Einzelne trägt dazu bei, wie sich die Welt weiter entwickelt, wie Frieden entsteht und die Menschheit ein bisschen glücklicher werden kann. Er erinnert aber auch daran, dass Mitstreiter und Multiplikatoren gebraucht werden, Yogalehrer, Wissenschaftler, Ärzte, Krankenkassen.

Auch der zweite Abendvortrag „Der Einfluss von Yoga und Meditation auf die Alterung von Geist und Gehirn“ von Dr. Tim Gard befasst sich mit Forschungsergebnissen. Er ist Neurowissenschaftler und  untersucht in den USA, in Holland und in Deutschland die neuronalen Mechanismen von Achtsamkeit und Yoga in verschiedenen Kontexten.

Die Metaanalyse von 15 wissenschaftlichen Studien hat ergeben, dass ab dem Alter von 20 Jahren  die fluide Intelligenz des Menschen bereits nachlässt, es fällt ihm zunehmend schwerer, für ihn neuartige Probleme zu lösen. Die gute Nachricht: Nicht so bei Yoga Praktizierenden! Danach bei Meditierenden und dann folgen die sog. Normalos. Entscheidend ist dabei die Korrelation zwischen rechter und linker Gehirnhälfte, alles ist verbunden und kommuniziert. MRT-Messungen haben gezeigt, dass sich die Pfadlängen verkürzen bei kontinuierlicher Yogapraxis, Meditation und Achtsamkeit. Es gelingt Yogis besser, im gegenwärtigen Moment zu sein und diesen ohne sofortige Bewertung wahrzunehmen. Das befähigt zu einer unvoreingenommenen Betrachtungsweise der Dinge und häufig zum Loslassen derselben, wenn sie „unwichtig“ sind. Und: Bei Schlaganfällen ist die Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) von Yogis höher. Neueste Untersuchungen ergaben: Wer langzeitig Yoga und Meditation praktiziert, verliert weniger graue Substanz.

Mir fällt unser Meister Swami Sivananda (1887 – 1963) ein. Nicht umsonst hat er, der Arzt, höchsten Wert auf die Yogapraxis gelegt. Alle Yoga Vidyas kennen seinen magischen Spruch: Ein Gramm Praxis ist besser als Tonnen von Theorie!

Samstag, 14. November

6 Uhr stille Meditation im großen Sivananda Saal. Der Raum ist voll und es ist mucksmäuschenstill.  Im Bewusstsein dieser Gemeinschaft ist das Meditieren etwas ganz Besonderes.

Für den Vortrag im Satsang hat Sukadev das Thema „Die fünf Leiden des Menschen“ gewählt. Der Mensch weiß nicht, wer er wirklich ist und identifiziert sich in seiner Unwissenheit mit materiellen Dingen. Das führt zwangsläufig zu Angst und Leiden. In der Anamnese muss er erkennen: Das alles ist mehr als ein falscher Lebensstil – er ist unwissend, denn er weiß nicht, wer er ist und wohin es geht! Er sieht: Der Körper ist endlich, er stirbt irgendwann einmal und wird abgelegt. Er verbringt seine Lebenszeit in verschiedenen Rollen, auch diese werden nacheinander abgelegt. In der Selbstanalyse stellt sich die Frage: Was tue ich den ganzen Tag? Womit identifiziere ich mich?  Die Therapie ist: regelmäßige spirituelle Praxis, Pranayama, Hatha Yoga, Meditation. Nach Sukadev lautet die Endtherapie: Moksha, Befreiung.

Swami Sivananda sagte vor seinem Tod: „Mir geht es vorzüglich, aber mein Körper hat unerträgliche Schmerzen – das ist die feine Unterscheidungskraft!“ 

Es folgt der Vortrag „Salutogenese – Annäherung an mehrdimensionale Stimmigkeit/Gesundheit“ von Theodor Petzold. Er ist Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren und arbeitet therapeutisch in vielen Funktionen. Er ist Sprecher des Dachverbandes Salutogenese (s. Internet) und Autor zahlreicher Bücher. Salutogenese geht davon aus, dass alles miteinander in Resonanz ist, insbesondere die menschlichen Beziehungsfelder. Stimmigkeit (Kohärenz) entsteht, wenn Beziehungen stimmig sind: Ein Baby lächelt seine Mutter an, die Mutter lächelt zurück – Stimmigkeit und Urvertrauen. Gesund oder krank zu sein ist ein ständiger Prozess des Zuwendens zu und Abwendens von bestimmten Zielen. Wenn Vertrauen, Sinnhaftigkeit, Verstehen, Wohlbefinden erfahren werden, wird sich der Mensch diesen Zielen (Attraktoren) zuwenden und sich an der Stimmigkeit seines Lebens erfreuen und beispielsweise die Zugehörigkeit zu seiner Familie oder zu einer bestimmten Gruppe genießen (stimmige Verbundenheit). Er kann sich ethisch verhalten und Verantwortung übernehmen, auch für seine Gesundheit.

Wer anstelle dessen Misstrauen entwickelt, Ablehnung oder Aggression gegen alles Mögliche hegt, zu viel Stress in sein Leben lässt oder auch Ängsten ausgesetzt ist und sich von allem abwendet, erlebt Depression und Krankheit.

Vermeidung ist keine Lösung, Angst bekämpfen zu wollen vergrößert sie zumeist. In der Psychotherapie sollte Kontakt zu den Ressourcen des Betroffenen hergestellt werden, um Handlungsalternativen zu finden: Was brauchst du, damit du Sicherheit bekommst? Hier kommen neben der materiellen Ebene wieder Mut, Sicherheit und stimmige Verbundenheit ins Spiel. Der Glaube an eine höhere Macht führt in die globale Dimension und ist eine starke Ressource. Theodor  Petzold erwähnt die vielen Menschen, die derzeit auf der Flucht sind, und unsere Verantwortung auch für diesen Bereich.

Als letzte Dimension finden wir den Klang der Stille.

Es täte uns gut, den Spaß an Zukunftsvisionen zu erhalten. „Der Zug der Zukunft ist stärker als der Schub der Vergangenheit“ gibt uns Theodor Petzold mit auf den Weg.

Ravi Persche (Heilpraktiker, Yoga– und Ayurvedatherapeut und -Ausbilder) geht in seinem Vortrag „Yogazyklus zum Abbau unbewusster Aggressionen“ den Ursachen von Aggressionen nach. Bei uns zivilisierten, wohlerzogenen Menschen kommt so etwas nicht so schnell zum Vorschein! Wir widmen uns den schönen Künsten, der Musik, dem Tanz, dem Yoga, dem Sport, der gepflegten Unterhaltung – doch wenn zu viel verdrängt wird, bauen sich Spannungen und Dissonanzen auf, Zwangsverhalten entsteht, Entfremdung, Überdruss und Depression.

Spätestens jetzt müssen wir uns fragen: Habe ich genügend Glücksmomente? Warum geht es mir so? Was muss ich ändern?

Nach dem großen Gelehrten Vasishta gilt Vairagya (Verhaftungslosigkeit) als Voraussetzung für die Befreiung.  Ein guter Anfang ist das Praktizieren von Asanas und Pranayama. Die Konzentration auf das gegenwärtige Tun befreit den Geist, der Körper in Bewegung atmet im wahrsten Sinne des Wortes auf. In der Stille, abseits vom Trubel des Alltags, findet der Geist zu seinem wahren Selbst. Unser wahres Wesen ist Sat–Chid–Ananda, Sein–Wissen–Glückseligkeit.

Es gibt viele Yogastellungen, die für die Praxis in diesen besonderen Fällen geeignet sind, insbesondere Gleichgewichtsübungen. Mit der ganzheitlichen Yogatherapie kann den Betroffenen geholfen werden.

Ein langer Glücksmoment ist mir die Yogastunde bei Lalita Furrer „Asana flow“. Ihre Stunden sind kenntnisreich, lebendig, fordernd und gleichzeitig entspannend. Lalitas Muttersprache ist französisch und als sie sagte: Ände nach Indien! wusste ich einfach nicht, was sie meinte, bis – alle die Hände hinten hatten. Danke, Lalita, deine Sprache ist so schön, und ich mag deine Stunden sehr!

Die 39 angebotenen Yogastunden (ich habe sie im Programm gezählt!) sind passend zum Kongressthema vielfältig. Leider, leider geht da innerhalb von zwei Tagen nur ganz wenig! Für diejenigen, die glauben, der Yogakongress sei nur etwas für Fachleute, möchte ich ein paar Themen nennen:

  • Yoga – Prävention für den Rücken
  • Yoga für gesunde und starke Gelenke
  • Yoga bei Burnout
  • Mit Yoga zu innerer Freude und Frieden
  • Aktive Pause mit Business Yoga
  • Hormonyoga mit Klangschalenbegleitung
  • Energie-Vampire positiv transformieren

Die frühest mögliche Yogastunde fand am Sonntag um sechs Uhr statt, nach der Homa, dem indischen Feuerritual (fünf Uhr).

Die Vorträge und Workshops zeichnen sich ebenfalls durch große Vielfalt aus. Ein paar seien genannt:

  • Kann essen glücklich machen?
  • Lebenslänglich Yoga
  • Die Kinder von heute sind die Gesellschaft von morgen
  • Schamanische Reise zur Heilung der Chakras
  • Wie Kraftorte dich heilen
  • Miteinander aufblühen: Bewusste Kommunikation für ein erfülltes Leben

Essen kann glücklich machen! Bei Yoga Vidya ganz bestimmt angesichts dieser Vielfalt, bei so viel Gesundem, bei so viel Geschmack. Salate, Gemüse, Obst, Brot und Brei, Suppen, Saucen, Gewürze, Aufstriche, Marmeladen, vegan, aber auch ein bisschen Milch. Im Speisesaal geht es dem entsprechend lebendig her – und wer schweigen will, geht in den Raum nebenan. Dort ist es ganz still.

Dankeschön an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Küche, die sich unermüdlich eingesetzt haben für 300 bis 400 Gäste, incl. Tee kochen, spülen, putzen und bei Sonderwünschen.

Den Abendvortrag hält Dr. Holger Cramer, Diplompsychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, Kliniken Essen-Mitte, und der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Dort leitet er verantwortlich die Yogaforschung. Sein Thema: Yoga als therapeutische Intervention bei chronischen Erkrankungen / Stand der Forschung“

Nachdem ich alle bisherigen Yoga Vidya Kongresse besucht und dokumentiert habe, bin ich gespannt auf diesen Vortrag – und, ehrlich gesagt, ich ahne schon, was herauskommen wird! Die Erforschung der Yogatherapie hat in den letzten Jahren stark zugenommen, Yoga ist in den USA und in Deutschland sehr populär. Heute liegen 50 bis 70 neue Studien pro Jahr vor. Sie sind wichtig für Ärzte, Therapeuten, Krankenkassen und Geldgeber. Ohne positive Ergebnisse gibt es keine Mittel für die Anwendung und für weitere Forschungen.

Yoga wird praktiziert hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen (3/4), für geistiges Wohlbefinden (2/3) und aus geistig-spirituellem Interesse (¼). Meditation und auch Mantrasingen sind von den Teilnehmern akzeptiert.

Ein Forschungsresultat: Bei chronischen Schmerzen des Nackens und des Rückens schneidet Yoga vor allen Therapien am besten ab, kurz- wie langfristig. Zwei Drittel dieser Patienten berichten über mindestens 30 % Reduktion der Schmerzen auch noch nach 12 Monaten, weil die Praxis fortgesetzt wurde. Das ist ein Ergebnis, das Krankenkassen überzeugt!

Ähnlich sieht es bei Herz-Kreislauf-Patienten aus. In der Kardiologie geht es immer – neben der Stressreduktion – um körperliche Aktivität, die Yoga reichlich bietet. Den Probanden, die kein Yoga machten, ging es stets schlechter als den Praktizierenden. Ernsthaft Erkrankte müssen natürlich weiterhin auch ihre Medikamente nehmen.

In der Krebstherapie, bei Diabetes und bei Depressionen wirken Asanas und Pranayama positiv. Holger Cramer hat drei Jahre lang Patienten seiner Klinik befragt. Ergebnis: Yoga Praktizierende sind gesünder, Meditierende glücklicher. (Kann das auch umgekehrt sein? frage ich mich. Oder bei  beiden beides?)

Es hat sich bei den Forschungen gezeigt, dass bereits eine Yogastunde pro Woche (90 Minuten) gute Wirkungen erzeugt. Wir alle haben in unseren Ausbildungen gelernt, dass etwas mehr nicht verkehrt ist, ganz im Gegenteil, aber diesen neuen Wert hat man doch gerne einmal zur Kenntnis genommen!

Interessant sind die dokumentierten Fälle von Nebenwirkungen und Verletzungen im Yoga. Innerhalb des Zeitraums 60er Jahre bis 2013 wurden 76 davon gefunden, überwiegend Verletzungen des Bewegungsapparates, z.B. Verstauchungen. Hatha Yoga gilt als relativ sicher, wenn achtsam praktiziert wird. Warnhinweise gibt es für Bikram Yoga – Einstufung gefährlich – und für den Kopfstand bei Grünem Star.

Holger Cramer berichtet von den Plänen, einen universitären Studiengang für Yoga einzurichten, vielleicht an einer Fachhochschule, vielleicht an einer Universität in Berlin. Yoga Vidya wird mit dabei sein.

Sonntag, 15. November

Das Thema des Abschlussvortrages von Sukadev lautet: „Die heilende Kraft der Rituale in Prävention und Therapie“. Ein Ritus ist eine Handlung, die aus dem Alltagskontext herausgetreten ist. Er stellt oft die Verbindung zu einer höheren Wirklichkeit her und dient der Sinngebung bestimmter Ereignisse. Die Salutogenese, wie sie im Vortrag von Theodor Petzold vorgestellt wurde, dient genau diesen Urbedürfnissen des Menschen nach Stimmigkeit, Verbundenheit, Zugehörigkeit und Anerkennung.

Weihnachten, Silvester, Fastnacht, Ostern und Oktoberfest haben ihre Rituale, bei wichtigen Lebensabschnitten wie Taufe, Einschulung, Kommunion und Konfirmation, Hochzeit und Beerdigung sind sie selbstverständlich. Schön und hilfreich wären Rituale auch bei Scheidung und Umzug, beispielsweise, oder bei psychischen Erkrankungen. Schamanen und Psychotherapeuten erzielen oft gleich wirksame Ergebnisse.

Die Puja ist ein archetypisches Verehrungsritual, die Teilnehmenden begeben sich über verschiedene rituelle Schritte aus dieser Welt in eine andere Wirklichkeit. Erinnern wir uns an das OM, das Blasen des Muschelhorns, die Reinigung mit Wasser, die Verehrung mit Milch, Blumen und Licht, an das Läuten der Glocken. Christliche Gottesdienste sind ganz ähnlich aufgebaut mit Gesängen, Gebeten und ritualisierten Handlungen.

Genau so können wir auch unseren Tagesablauf gestalten und nicht – womöglich! – vom Smartphone gestalten lassen, meint Sukadev. Das könnte so aussehen, dass man gleich nach dem Aufstehen eine kleine Puja oder ein Kerzenritual macht mit dem Segenswunsch „Möge es allen gut gehen!“ und ein Gebet spricht. Ich bin mir sicher, dass dieser Vorschlag sehr, sehr gut ist, vor allem für diejenigen, die, wie man so schön sagt, mitten im Leben stehen und sich nicht permanent in einem spirituellen Umfeld aufhalten.

Dagegen geht es in der Yogastunde um die Stimmigkeit mehrerer Teilnehmer mit einer höheren Wirklichkeit. Sukadev apelliert an alle Yogalehrerinnen und -Lehrer, ihre Räumlichkeiten unter diesem Aspekt auszustatten mit Kerzenlicht, Bildern, Blumen, Schmuck, Klängen, Duftöl und auch besondere Kleidung zu tragen. Sie sollten keine Angst davor haben, als sektiererisch wahrgenommen zu werden, denn Ärzte, Saunen, sogar Gaststätten nutzten heute solche Bilder, um Wohlgefühl und eine gute Atmosphäre zu erzeugen. Gerade in der Yogastunde wird das Alltägliche in eine höhere Wirklichkeit transformiert und die Menschen finden sich wieder in einer stimmigen Verbundenheit untereinander und mit dem Höchsten. Dass 15 % aller Deutschen schon einmal Yoga praktiziert haben, es derzeit aber nur noch 3,5 % tun, findet Sukadev traurig, das sollte sich ändern!

Die Schlussworte der Referenten sind alle sehr positiv, viel Begeisterung und Hochachtung über das, was in Bad Meinberg geschieht. Viele haben auch neue Anstöße für die eigene Praxis mit nach Hause genommen, indem sie Yogastunden mitgemacht und mitmeditiert haben. Die Gelegenheit, sich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen, wurde weidlich genutzt. Die Visionen mögen erhalten bleiben, heißt es, das Wort Pionierarbeit fällt. Und Dankbarkeit.

Über 200 Mitarbeiter haben dazu beigetragen, diesen Kongress so reibungsfrei zu gestalten, vor und hinter den Kulisssen. Auch dafür gebührt Dank! Und dem schließe ich mich von Herzen an!

Christine Endris, (BYV)

» Siehe auch: Fotoshow vom Yogakongress 2015

Weitere Infos zum Thema: 

Ein Kommentar

Ein Yoga Blog Kommentar to “Kongressbericht 2015 – Yoga in Therapie und Prävention”

  1. Scheffler Gabrieleam 7. Februar 2016 um 10:55 1

    Werden die Videos vom Kongress im Novemver noch veröffentlicht?

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