Feb 19 2017

Sthiram sukham asanam – Oder: Wie sehr soll ich mich beim Yoga anstrengen?

Abgelegt 07:00 unter Hatha Yoga,yoga-blog-news,Yogatherapie


Beim Yoga haben wir selbst in der Hand, wie anstrengend unsere Praxis ist. Je nach dem, wie weit wir in eine Stellung gehen oder wie lange wir diese halten, wird es mehr oder weniger anstrengend. Aber was ist das richtige Maß?

Wir leben heute in einer Leistungsgesellschaft, die uns schon in sehr jungen Jahren beibringt, dass wir durch Anstrengung Liebe und Anerkennung bekommen. Wir glauben daran, dass nur der, der sich anstrengt, erfolgreich ist. Ganz nach dem Motto: Viel hilft viel.

Aber stimmt das wirklich? Schon Patanjali schreibt im Yoga Sutra: „sthiramsukham asanam“. Was so viel bedeutet wie: Die Asana soll fest und leicht sein. Einer meiner Lehrer Dr. Ronald Steiner sagte in einem seiner Workshops: „Stehe in Tadasana so fest wie ein Zinnsoldat und gleichzeitig so locker, wie ein Rapper.“

Worauf kommt es also an?

Es gilt also – wie so oft im Yoga – das Gleichgewicht zu finden zwischen Anspannung und Entspannung. Wer sich in der Hatha Yoga Praxis gar nicht bis wenig anstrengt und immer nur in seiner Komfortzone bleibt, wird sich nicht weiter entwickeln oder nur sehr langsam voran kommen.

Wer zu ehrgeizig praktiziert und sich zu sehr anstrengt, geht schnell in die Überanstrengung und schadet seinem Körper. Das kann zu Verletzungen führen und auf diese Weise den Fortschritt bremsen. Wie will man üben, wenn man z.B. eine Zerrung hat oder mit einer Erkältung im Bett liegt?

Rein sportwissenschaftlich betrachtet, gilt das Prinzip der Superkompensation. Dieses Prinzip besagt, dass der Körper nach einer Beanspruchung eine gewisse Regenerationszeit benötigt und danach eine höhere Leistungsbereitschaft zur Verfügung stellt, als davor. Auf diese Weise werden Kraft und Ausdauer aufgebaut und weiterentwickelt. Mehr dazu erfährst du im Yoga Wiki zum Thema Allgemeines Anpassungsprinzip.

Wartet man zu lange, fängt man wieder bei Null an. Setzt man den Folgereiz regelmäßig zu früh, kommt man ins Übertraining und der Körper wird schwächer. Das Immunsystem wird anfälliger, die Muskeln schwächer und die Verletzungsgefahr steigt.

Je nach Intensität Muskelbeanspruchung liegt die Regenerationszeit bei ca. 2-3 Tagen. Da viele Yogis und Yoginis den Anspruch haben täglich zu praktizieren, wird klar, dass der Trainingsreiz bei dieser Häufigkeit sehr niedrig sein darf, damit der Körper sich bis zum nächsten Tag wieder regenerieren kann.

Und was sagen die alten und weisen Inder?

Patanjali gibt uns in den Yoga Sutras noch weitere Hinweise auf die Art und Weise wie wir Asanas üben. Und zwar in den Yamas und Niyamas.

Die Asanapraxis sollte frei von Gewalt (ahimsa) und ehrlich (satya) sein. Das bedeutet, dass du die Asanas immer so einnimmst, wie es für deinen Körper möglich und gut ist. Dich also nicht durch Ausweichbewegungen, Ziehen, Drücken oder Gewalt weiter hinein bringst, als normalerweise möglich.

Dabei bleibst du ganz bei dir und bist auch nicht neidisch auf andere (asteya), die das Asana „besser“ zu beherrschen scheinen. Du bist zufrieden, so wie es ist (samtosha). Wenn du das Asana auf diese Weise gewaltlos, ehrlich und zufrieden eingenommen hast, kannst du dich bemühen länger zu halten oder etwas weiter zu kommen (tapas). Jedoch ohne die vorherigen Punkte zu verletzen.

Beobachte dabei deinen Körper, deinen Atem, deinen Geist und deine Emotionen (svadhyaya). Beobachte was in dir vorgeht, identifiziere dich jedoch nicht damit.

Das möchte ich dir ans Herz legen!

Letztendlich kannst du jedes Asana, bzw. deine komplette Yogapraxis Gott oder dem Universum widmen (ishvara pranidhana). Dabei gilt es anzuerkennen, dass alles perfekt ist, wie es ist – auch dein Asana – egal, wie es gerade aussieht.

Und ob du in diesem Leben dieses oder jenes Asana meistern wirst, liegt letztendlich nicht in deiner Hand. Du kannst dich bemühen und dadurch gewisse Fortschritte machen, aber am Ende ist es Gottes Gnade, ob etwas passiert oder nicht.

Zum Schluss noch ein paar Punkte, mit denen du checken kannst, ob du noch entspannt übst:

– Wie fühlt sich der Körper an der beanspruchten Stelle an? Ist da ein Gefühl von Ausdehnung oder ein Zusammenziehen oder Verkrampfen?

– Atmest du ruhig und gleichmäßig oder kommt der Atem ins Stocken?

– Was geschieht im Geist? Fühlst du dich angespannt oder positiv herausgefordert?

– Spürst du Freude beim Praktizieren? Kannst du während der Praxis Lächeln?

– Wie fühlst du dich direkt nach der Praxis und in den Stunden danach? Energetisiert und entspannt oder geschwächt?

 

Viel Spaß beim kraftvollen und entspannten Üben!

Om Shanti

Eure Gauri

 

Quellen:

Das große Yoga-Therapiebuch, Remo Rittiner

Die Yogaweisheit des Patanjali für Menschen von heute, Sukadev Volker Bretz

http://wiki.yoga-vidya.de/Erholung

Hier in unserem Youtube Kanal findest du unglaublich viele Yogastunden, so dass du ganz entsprechend deiner Praxis üben kannst.

https://www.youtube.com/user/Sukadev108

 

Ein Artikel von Gauri Reich. 

Gauri Reich ist Yogalehrerin (BYV), Ayurveda Gesundheitsberaterin (BYVG), Yoga Personal Trainerin, Inner Flow Vinyasa Teacher und Diplom Betriebswirtin. Gauri praktiziert Yoga seit 2011.

Nach ihrer Yogalehrer Ausbildung lebte sie fast 2 Jahre im Yoga Vidya Ashram Bad Meinberg. Ihr Yogaunterricht basiert auf dem Yoga nach Swami Sivananda, der mal durch fließende Elemente aus dem Vinyasa, mal durch exate Ausrichtungsprinzipien aus dem Iyengar Yoga und mal durch ganz viel Bhakti und Mantras ergänzt wird.

 

 

 

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4 Kommentare

4 Yoga Blog Kommentare to “Sthiram sukham asanam – Oder: Wie sehr soll ich mich beim Yoga anstrengen?”

  1. Horst Salomonam 20. Februar 2017 um 07:08 1

    Klasse Ausarbeitung für den Sadana sehr lehreich !
    Danke Gauri

  2. Henryam 22. Februar 2017 um 11:50 2

    Die Tipps finde ich gut. Oft weiß man einfach nicht, wo die Grenze zwischen entspannt sein und verspannt sein ist. Immerhin will man ja auch mehr schaffen (oder es besser hinbekommen) und strengt sich dann an.

  3. anonymam 22. Februar 2017 um 18:15 3

    Om

    sehr schön beschrieben, die Praxis sollte, aus meiner Erfahrung, wenn möglich sattvig sein,

    Wenn der Körper mehr Praxis will, weil er geübt ist, dann kann er auch mehr trainieren

    es ist dann immer eine gewisse Form von Freude dabei, von Leichtigkeit…

    Der Geist (verstand) will oft mehr machen ,wenn Ehrgeiz aufkommt, dann ist es rajasig..

    mit zunehmendem Alter denkt der Verstand auch gerne, er hat immer noch die gleiche Beweglichkeit, wie als der Körper jung war….Geist und Körper dann auf unterschiedlichen Ebenen..und dann entstehen Verletzungen, wenn Geist nicht zuhört…

    Om

  4. Dorisam 27. Februar 2017 um 18:44 4

    Danke für diese sehr liebevolle und schöne Beschreibung. Gerade jetzt, wo ich seit 9 Wochen ein neues Hüftgelenk habe, fällt es mir schwer, meine Einschränkungen zu akzeptieren und liebevoll mit mir umzugehen.
    Danke
    Om shanti

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