Mein Leben
Shri Swami Krishnananda
Gebet:
Oh Herr!
Du bist meine Mutter und
auch mein Vater bist Du;
mein Verwandter und
mein Freund bist Du;
Du gibst Erkenntnis mir und Reichtum;
Du bist mein EIN und ALLES;
Oh Herr der Herren.
Oh Herr!
Führe mich vom Unwirklichen zum Wirklichen,
von der Dunkelheit zum Licht,
und von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit.
Herausgegeben von:
THE DIVINE LIFE SOCIETY
- Zweigstelle Hannover -
Germany
Erste deutsche Ausgabe
für das Internet: 2001
„My Life“
von Swami Krishnananda
Übersetzung von:
Shri Divya Jyoti
Aufbereitet für das Internet: 2001
Hans-J. Schröer
c/o THE DIVINE LIFE SOCIETY
- Zweigstelle Hannover -
Kopenhagener Str. 40
D-30457 Hannover
© THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY
P.O. Shivanandanagar 249192
Dist. Tehri-Garhwal, U.P.
Himalayas, INDIA
Veröffentlicht zum einmaligen Download über Yoga-Vidya
Vorwort
Swamiji hatte das Gefühl, dass er etwas über seine früheren
Erlebnisse, seine Bemühungen und seine Leiden schreiben sollte. Es
liest sich wie eine sich windende Geschichte in verschiedenen Episoden,
die manchmal humorvoll, manchmal tragisch und erfolgreich anmuten. Sie
steht wofür sie stehen soll, und das ist auch gut so.
2. Februar 2001 Die Divine Life Society
Mein Leben
Als ich sechs Jahre alt war saß ich auf der Veranda vor unserem
Haus. Ich wurde in eine sehr orthodoxe brahmanische Familie hineingeboren.
Wir glaubten traditionell an Narayana als die absolute Wirklichkeit
und als das Ziel des Lebens. Dieses ist das Madhva -Prinzip. Ich rief
nach meinem Vater, der sich im Inneren unseres Hauses befand und sagte
ihm: „Gemäß unserer Familientradition ist Narayana das Höchste.“
Dann fragte ich ihn: „Ist Narayana all-durchdringend?“ Er antwortete:
„Ja.“ „In dem Fall ist ER auch alles.“ Mein Vater sagte: „Ja, das muss
so sein.“ Dann fragte ich ihn: „Wo befinden wir uns jetzt? Sitzen wir
direkt auf Narayana, denn Narayana ist alles und ist überall?“ Der
Vater sagte zu mir, dass ich noch ein kleiner Junge sei, und ich nicht
alles verstünde, und ich sollte auch keine solchen Fragen stellen.
Damit war unser Gespräch beendet.
Doch diese Frage, zu der ich keine Antwort bekam, spukte in meinem Kopf
herum. Und selbst heute in meinem hohen Alter hat mich diese Frage nicht
losgelassen und besteht auf eine Antwort. Ich bin ein Madhva Brahmin und
diese Orthodoxie ist noch immer überall.
Obwohl ich praktisch alle Arten westlicher und östlicher Philosophie
gelesen habe, und niemand zurzeit meinen philosophischen oder religiösen
Argumenten standhalten kann, und ich somit bzgl. aller Philosophien und
aller Religionen der Welt sehr zufrieden bin; und obwohl sich diese Philosophien
und auch die Religionen scheinbar voneinander unterscheiden, habe ich
mit meinen rationalen Fähigkeiten versucht sie zusammen zu bringen,
und für mich gibt es jetzt nur noch eine Philosophie und eine Religion.
Ich sehe nicht mehr länger viele Philosophien oder viele Religionen;
sie existieren für mich einfach nicht mehr. Ich stimme mit Chesterton
überein, der sagte: „Es kann nur eine kosmische Philosophie und eine
kosmische Religion geben, und jene, die an viele Philosophien und viele
Religionen glauben, suchen nach vielen Himmeln, vielen Sonnen und vielen
Monden.“
Ich wuchs auf und bewahrte dabei meine Madhva Tradition, die mir das
Gefühl gab, als heiliger Mann bestimmt zu sein, und ich wurde bei
meinem Vater geboren, der ein Beispiel an Heiligkeit und Frömmigkeit
war.
Ich habe meinen Vater jeden Tag vor und auch nach dem Mittagsmahl verschiedene
Bücher lesen hören. Ich fragte ihn, was er denn lese? Er erwiderte,
dass sie für mich ohne Bedeutung seien, und wenn ich auf eine Antwort
bestand, sagte er, dass es sich um die Schriften Srimad Bhagavatam und
Sundara Kandam aus der Valmiki Ramayana handelte. Er fügte hinzu,
dass Srimad Bhagavatam ein Heiliges Buch sei, und ich solle es nicht anrühren,
denn ich wüsste nichts von dessen Bedeutung. - Sundara Kandam wird
für die Zerstörung der Feinde und Gegner gelesen, falls es welche
gibt.
Mein Vater stand frühmorgens auf, ging durch die Felder und schaute
sich die Kokosnussbäume an, um zu sehen, wie sie sich entwickelten.
Dann kam er zurück, nahm um ca. 9.00 Uhr ein Bad und begann mit seiner
Puja , die ca. vier Stunden andauerte. Er verehrte alle Gottheiten, die
er sich vorstellen konnte, was man als die Panchadevatas bezeichnet. Da
wir ihm alle als Jungs geboren worden waren, hatten wir kein Recht, die
Mutter vor Beendigung der Puja um Nahrung zu bitten. Wenn die Puja beendet
war, kam er heraus, die Mutter breitete die Bananenblätter am Boden
für das Essen aus, und dann gab es etwas zu essen. Nach dem Essen,
wenn wir unsere Hände gewaschen hatten, lehrte er mich die Aussprache
der Rigveda Samhita ; und ich kannte die ganze Pavamana Suktam, ein langes
‚Ding‘ in der neunten Mandala der Rigveda. Er lehrte mich auch die
Mahasaura Suktam. All das habe ich von ihm gelernt, einschließlich
der Rishi, Chhanda und Devata. All diese Schriften kannte ich auswendig.
Wenn er die Puja drinnen zelebrierte, saß ich draußen auf
der Veranda und versuchte diese Veda Mantras auswendig zu lernen.
Wenn ich einen Fehler beim Lesen machte, dann gab er während der
Puja ein „Hum, Hum“ von sich, was mir andeutete, dass ich eine falsche
Aussprache hatte. Mein Wissen über die Veden habe ich meinem Vater
zu verdanken. Ich lernte von meinem Vater, der ein Experte war, einige
Riten, wie Mahamrityunjaya Yajna, und einige spezielle Mantras.
Am Nachmittag vor dem Essen sangen wir das fünfzehnte Kapitel aus
der Bhagavadgita. Einer meiner Freunde erzählte mir, dass dieses
das fünfzehnte Kapitel ein Teil der Bhagavadgita sei, wovon ich ursprünglich
nichts wusste. Als mein Vater einmal außer Haus war, schaute ich
in seine Kopie der Bhagavatam und versuchte ihre Bedeutung zu verstehen.
Als er dann zurückkam habe ich ihm von meinem Einblick in das Buch
erzählt und gesagt, dass ich es verstanden hätte. Er sagte:
„Oh, du hast es angefasst. Warum hast du das getan? Es ist ein heiliges
Buch; du kannst es nicht verstehen.“ Ich sagte, ich hätte es verstanden,
da ich Sanskrit-Kenntnisse hätte. Ich musste einen Abschnitt vorlesen
und ihm den Inhalt erklären, was ich zu seiner Zufriedenheit konnte.
Er lehrte mich viele andere Mantra Suktas der Vedas, jene mit den wohlgesinnten
ebenso wie jene, die mit den üblen Gottheiten im Zusammenhang stehen.
Nun komme ich auf meine Frage zurück: „Worauf sitze ich, wenn Gott
überall ist?“ Ich durchwühlte und studierte alle Philosophien
und Religionen. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es nur eine Philosophie
und eine Religion gibt. Jene, die glauben, dass es viele Philosophien
und viele Religionen gibt, wissen nicht, wo-nach sie suchen.
Ich habe die Kunst des vollkommenen Denkens erlernt. Für mich gibt
es nur einen einzigen Gedanken, und alle Gedanken sind in ihm eingeschlossen.
Die Gedanken aller sind Teil jenes einzelnen Gedanken. Ich habe versucht,
wie Gott zu denken. Was würde Gott von seiner Schöpfung halten?
Hat er Vorlieben oder Hassgedanken bzgl. seiner Schöpfung? Gott zu
lieben bedeutet, seine ganze Schöpfung zu lieben. Dieser Gedanke
wird Meditation genannt. Jetzt ist die Zeit gekommen, in den Zustand des
Virat Purusha einzutreten, der mich durch seine Köpfe mit all
seinen Augen sieht, - Sahasrasirsha Purusha .
Ich war finanziell ziemlich arm. Ich litt unter extremer Armut, nicht
weil ich nicht genug zu essen gehabt hätte, - ich hatte zu Hause
sehr gutes Essen und darum war es auch kein Problem. Ich verließ
mein Zuhause, um die höheren Werte des Lebens zu suchen. Auf dieser
Reise zum Shivananda Ashram habe ich viele Menschen und Orte kennen gelernt,
wobei ich viele schöne Dinge erlebt und gelernt habe: Ein Brahmane
– Sridhar Batt – kam, wie durch ein Wunder, mit nur 200 IRS nach Benares.
Ein skrupelloser Pandit hat eine Hochzeit innerhalb von einer Stunde
in orthodoxer Weise zelebriert. Bei dieser Gelegenheit hat Tiruvanatapuram
Kshetra, ein ausgezeichneter Koch aus Kerala, für ausgewählte
Gäste das Hochzeitsmahl bereitet. Er war als Koch auserwählt
worden, und er hat die geladenen Gäste mit weniger als 200 IRS
wundervoll beköstigt. Als er sagte, dass er nach Haridwar gehen wolle,
bat ich ihn mich mitzunehmen. Einige Gönner sagten mir, ich solle
mich nicht mit Sadhus und Sannyasins abgeben. Doch er gab
mir acht IRS für eine Fahrkarte von Benares nach Haridwar, und eine
weitere halbe IRS für die Weiterfahrt zum Shivananda Ashram nach
Rishikesh. Dies ist meine Geschichte. Ich traf Swami Shivananda nachmittags
gegen 3:30 Uhr. Einige Ashrambewohner wechselten einige Worte mit mir,
doch Swamiji gab keine Silbe von sich. Er beendet seine tägliche
Durchsicht der Post und ging davon. Am dritten Tag rief er nach mir und
nahm mich im Ashram auf.
Swami Shivananda sprach drei Tage lang nicht mit mir. Ich war niedergeschlagen,
denn es gab nichts zu essen, und ich wusste auch nicht, ob überhaupt
jemand im Ashram etwas aß; ich war in dem Glauben, sie würden
sich von Blättern ernähren. Der einzige, der am zweiten Tag
zu mir kam, war ein Swami Gopalananda, der Swami Shivananda schon in früheren
Tagen im Swargashram bedient hatte. Dieser besagte Swami Gopalananda brachte
mir am zweiten Tag einen trockenen Chapati mit ein bisschen Zucker.
Ich bin ihm selbst heute noch sehr dankbar für das erste Essen in
diesem Ashram. Er sagte: „Es gibt auch Reis und Gemüse, doch es ist
jetzt 3:00 Uhr nachmittags und darum kann ich nichts für dich bekommen.“
Während ich Swami Gopalananda sehr dankbar war, den ich auf Grund
seines guten Herzens nicht vergessen kann, war ich über mein Schicksal
tief betrübt, da ich kein Anzeichen verspürte, dass ich im Ashram
hätte bleiben können. Als ich am Abend des dritten Tages auf
einem schmalen Pfad am Gangesufer spazierte, sah mich Swamiji und winkte
mich zu sich heran. Das war der Tag meiner Glückseligkeit. Er rief
nach mir und fragte mich, wer ich sei und was ich wünsche. Ich gab
eine kindische Antwort, mit der er nicht zufrieden war, doch er schickte
mich zur Bhajan Hall zum Akhanda Kirtan des Mantras: Hare Rama, Hare Rama,
Rama Rama Hare Hare, Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna Hare
Hare. Er sagte: „Geh nirgendwohin; ich werde dafür sorgen, dass Könige
und Präsidenten deine Füße berühren,“ etwas, von
dem ich nichts verstand und was mir spanisch vorkam. Ich dankte Swamiji,
und bevor ich ging, bat er mich zum Essen zu gehen. Ich wusste nicht,
wo ich hätte etwas zu essen bekommen können. Er deutete auf
die Veranda, die heute ein Teil des Postamtes ist. Ich ging und setzte
mich zu den anderen, die Chapatis und Gemüse aßen. Obwohl ich
sonst niemals so etwas aß, war diese Nahrung für jemandem,
der tagelang nichts zu sich genommen hatte, wie Nektar. Ich gesellte mich
zum Akhanda Nama Sankirtana Yajna bei Tirumala Acharya, der mich unter
seine Fittiche nahm, als er erfuhr, dass Swamiji mich zu ihm geschickt
hatte. Ich intonierte mehrere Tage Mantra Japa in der Bhajan Hall,
bis Swamiji mich wieder zu sich rief und fragte, ob ich Schreibmaschine
schreiben könne. Als ich bejahte, fragt er mich nach meiner Praxis
im Schreibmaschine schreiben. Ich sagte ihm, dass ich eine achtmonatige
Praxis an einem Institut gehabt hätte, was ihn sehr zufrieden stellte,
denn, wenn jemand eine solche Praxis hat, dann muss er sehr gut in der
Lage sein, die Arbeit von Swamiji zu unterstützen. Er gab mir einige
Brief, die ich beantworten sollte, und er gab mir auch einige seiner handgeschriebenen
Manuskripte, die ich in dreifacher Ausfertigung abschreiben sollte. Swamiji‘s
System lag darin, dass er alle Manuskripte in dreifacher Ausfertigung
erstellen ließ. Der Grund lag darin, falls etwas verloren ging,
war bestimmt immer noch eine Kopie auffindbar; eine sehr weise Methode,
wenn man immer noch eine Kopie in der Hinterhand behält. Tag für
Tag zeigte Swamiji mehr Interesse an mich. Wann immer ich selbstständig
Briefe beantwortete, sagte Swamiji zu mir: „Zeig sie zunächst Sridhar
Raoji und bring sie dann zu mir.“ Dieser Sridhar Raoji war zufällig
jene Person, die ich am Gangesufer traf, als ich ein Bad nehmen wollte,
während er bereits dabei war ein Bad zu nehmen. Er war im Ashram
als großer Englischkenner bekannt, und darum wurde ihm der gesamte
englische Schriftverkehr vorgelegt, bevor ihn Swamiji zu Gesicht bekam.
Dieser Sridhar Raoji ist in Wahrheit Swami Chidanandaji, der späterhin
Präsident der Divine Life Society wurde.
Aus einem seltsamen Grund wurden wir gute Freunde, wobei wir uns bei
jeder Gelegenheit unterstützen. Er war selbst dann freundlich zu
mir, wenn ich Dummheiten machte, wie z.B. als ich den Ashram verließ,
um nach Norden zu gehen. Swami Dayananda, unterstütze mich in meiner
Dummheit, mich aus allem zurückzuziehen und auf der Straße
zu verkümmern. Doch nach ein paar Tagen konnte er mir nicht mehr
folgen und sagte: „Ich kann dich nicht mehr weiter begleiten;“ und kehrte
um. Ich verlor jegliches Gefühl in meinen Fingern und zerbrach innerlich,
als müsste ich sterben. Ich wandte mich nach nirgendwo, denn ich
hatte nicht den Mut, wieder zu Swamiji in den Ashram zurückzukeh-ren.
Ich hatte ein Kleidungsstück, eine Art Lungi . Ein Freund aus dem
Ashram sagte zu mir: „Swami Krishnananda, das mag ich nicht an dir. Warum
läufst du wie ein Bettler herum? Gehe nicht.“ Ich hatte nicht den
Mut zu Swamiji zurückzukehren und ihm über mein dummes Vorhaben,
Gott zu suchen, zu berichten. Ich ging vielmehr zum Swargashram, wo mich
der Bootsführer erkannte und sich wunderte, wieso ich daher kam.
Glücklicherweise fand im Swargashram ein kleiner Markt statt und
ich war einer der Swamis, der Kleidung verteilen durfte. Dafür erhielt
ich Puri, doch ich hatte kein Behältnis für etwas Flüssiges.
Einer der Swamis, der erkannte, dass ich keine Schale hatte, gab mir seine,
sodass ich ein wenig Dhal und Puri essen konnte. Ich war bei der
Ambulanz des Ashrams und dem Bootsführer sehr gut bekannt, da ich
normalerweise Salben, Medizin usw. verteilte, und sie waren sehr überrascht
mich mit einem Umhang bekleidet betteln zu sehen. Ich konnte ihre Gesichter
nicht sehen, denn ich entfernte mich auf einem anderen Weg.
Einige Swamis suchten bereits nach mir, und sie fanden mich am Ende der
Straße. Einer der Swamis erzählte mir, Swamiji möchte
dich sehen und nahm mich mit zu ihm. Ein anderer freundlicher Swami hatte
Swamiji erzählt: „Er ist ein guter Junge; es wäre gut, wenn
du nicht mit ihm schimpfen würdest.“ Als ich schüchtern hinter
Swamiji stand, wobei er seiner Arbeit nachging, sagte er nur: „Wer hat
dich zur Arbeit gebeten? Geh und ruhe dich aus.“ Dann ging ich zu einem
Ort, der jetzt als Musikhalle bekannt ist. Zu dieser Zeit war niemand
dort. Swami Chidananda (Sridhar Rao) zündete in seiner Freundlichkeit
eine Laterne an und gab sie mir, wobei er sagte: „Wie dumm, wie dumm!
Gehe nirgendwo hin. Du kannst hier glücklich sein.“ Dieser gute Samariter
der Menschen verhinderte Strömungen im Ashram, die mir hinderlich
waren und war mir immer zugetan. Späterhin wurden Freunde und gingen
häufig auf der Hauptstraße zu Lakshman Jhula. Doch damals kannten
wir uns noch nicht persönlich, obwohl wir instinktiv einander anzogen.
Ohne jemanden zu informieren, verließ ich auf der Suche nach Krishna,
den Herrn, meinen geliebten Gott, ein zweites Mal den Ashram. Ich ging
auf der Straße nach dem heiligen Ort Badrinath ca. 20-25 Kilometer
weit. Ich war nur unzureichend mit einem Fell bekleidet, das ich einst
von Swami Chidanandaji bekommen hatte. Ich schlief am Gangesufer. Man
kann sich vorstellen, wie kalt einem in den Februarnächten ist, wenn
man unter Höllenqualen und großer Sorge auf den Tagesanbruch
wartet, doch Krishna der Herr kam nicht. Ich verkroch mich in dem nahen
Sitram Baba Kutir , wo der Baba am Morgen Chapatis und Buttermilch
zubereitete. Er fragte mich, woher ich gerade an diesem Morgen käme.
Ich sagte, ich käme vom Gangesufer. Er war schockiert und konnte
nicht glauben, dass ich in solch einer kalter Nacht am Ganges hätte
übernachten können. „Wohin gehst du?“ fragte er, und ich antwortete:
„Ich möchte nach Badrinath.“ Er sagte: „Dies ist nicht die Zeit,
um nach Badrinath zu gehen, denn es ist im Februar zu kalt. Geh zurück
zu deinem Wohnort und tue Gutes.“ Er gab mir ein paar Chapatis und etwas
Buttermilch. Er klopfte mir auf die Schulter und wollte aus meiner Hand
lesen, wo meine Zukunft geschrieben stand. Er fügte hinzu: „Du wirst
wie Swami Vivekananda leuchten. Gib dein Vorhaben auf und geh zurück.“
Ich ging zurück zum Ashram, zitternd vor Kälte und Furcht vor
Swami Shivanandaji, und sogar vor Furcht um mein Leben. Swami Shivananda
war wie gewöhnlich sehr freundlich zeigte großes Verständnis.
Mein Vater und andere nahe Verwandte wollten mich dazu bringen Geld zu
verdienen, was als einziger Wert der Menschen galt, obwohl mein persönlicher
Wunsch das Studium der Vedas war, einem Teil von dem, was mich mein Vater
ursprünglich gelehrt hatte. Ich war in der Lage, die ganze Pavamana
Sukta der Rig Veda auswendig aufzusagen. Nebenbei lernte ich die Brihajjataka
des berühmten Astronomen Varaha Mihir auswendig. Im Alter von 16
oder 17 Jahren lernte ich die ganze Bhagavad Gita und auch die heilige
Vishnu Sahasranama auswendig, die meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch
nahm und mich berührte. Ich liebte meine Mutter, die eine ungebildete
Frau war, so sehr, dass ich ihr erzählte, dass es gut sei, jeden
Tag die Verse von Shri Vishnu Sahasranama zu rezitieren. Für mich
war es wiederum eine Überraschung, dass sie ausschließlich
durch das Hören, die Verse von Shri Vishnu Sahasranama meisterte.
Wo auch immer ich hinkam, warb ich für das Rezitieren der Verse von
Shri Vishnu Sahasranama, und selbst jene Menschen, die nur wenig Interesse
an religiösem Leben hatten, fanden Freude am Rezitieren dieser Verse.
Alle Menschen um mich herum wandten sich mit Beharrlichkeit dem Studium
und der Rezitation jener Verse zu.
Später änderte mein Vater seine Gesinnung und weigerte sich,
mich in den Vedas zu unterweisen, indem er sagte, dass ich Arbeit finden
müsse und Geld für das Haus verdienen solle. Dieser plötzliche
Sinneswandel meines Va-ters ließ meinen Spirit sinken, und alle
wollten mich dazu bringen Geld zu ver-dienen, doch ich hatte keine Arbeit.
Inzwischen suchte mein Onkel einen Unter-beamten auf, einen liebenswürdigen
jungen Mann, der mir einen Job in seinem Büro besorgte. Der Unterbeamte
sagte: „Sehr gut, er mag kommen; ich gebe ihm etwas zu tun.“ Er prüfte
meine Handschrift und war sehr zufrieden. Am nächsten Tag sollte
ich bei ihm anfangen. Doch es sollte anders kommen, denn für den
nächsten Tag bekam ich eine Aufforderung, mich beim Schulamtsleiter
des Di-striktes Bellary zu melden, um mein Pflichtjahr in der Hospet Government
Trai-ning School anzutreten. In Anbetracht der Entfernung zur Hospet
Government Training School änderte mein Vater seine Meinung und sagte,
ich solle den Job nicht annehmen. Doch jene - inkl. mein Onkel, - die
den Wert des Menschen nur in seinem Einkommen messen, wollten, dass ich
die Stellung in der Hospet Go-vernment Training School antrat, obwohl
ich davon keine Ahnung hatte. Durch das Wohlwollen meines Onkels erhielt
ich vorübergehend eine Arbeit als Schreiber beim hiesigen Distrikt
Musif Court . Doch es war schwierig, diese Arbeit zu behalten.
Am Distrikt Musif Court gab es jemanden, der normalerweise in Hospet
zu Hause war. Eine Tatsache, über die er Stillschweigen bewahrte,
doch er zeig-te mir einen Weg durch ein kurvenreiches, unwegsames Gelände
mit Bus und Bahn nach Hospet. Während der ganzen Zeit passte ich
auf, dass ich den richti-gen Zug nach einem Ort namens Harihar bekam.
Obwohl der Busfahrer darauf achtete, dass ich rechtzeitig zum Bahnhof
kam, setzte sich der Zug bereits in Bewegung als wir ankamen. Ich warf
mein Gepäck in den Zug und bemühte um eine Sitzgelegenheit,
wobei der Zug immer schneller wurde. Ich stellte fest, dass es bei fahrenden
Zügen im Staate Mysore keine Zugschaffner gab. Niemand prüfte
meine Fahrkarte. Der Zug erreichte Harihar. Ich verließ den Zug
und sah einen Schalterbeamten. Es war inzwischen Abend geworden und ich
fragte den ihn, ob ich irgendwo ein Hotelzimmer finden könne. Der
Beamte versicherte mir, dass ich nirgendwo in Harihar eine Übernachtungsmöglichkeit
finden kön-ne. Er ließ mich jedoch in seinem Büro auf
einer Bank, die er freiräumte, über-nachten. Am Morgen danach
traf der Bus nach Hospet ein. Ich traf einen weiß gekleideten Mann,
der mich nach meinem Ziel fragte. Ich sagte ihm, dass ich nach Hospet
wolle. Der Mann erzählte mir, dass er auch dorthin wolle. Wir be-stiegen
beide den Bus. Es war eine lange Busfahrt in heißer Sonne, und wir
er-reichten Hospet spät am Abend. Der gute Mann, der mich begleitete,
erkannte, dass ich den ganzen Tag nichts gegessen hatte, denn tagsüber
waren wir ge-meinsam im Bus. Als wir nun in Hospet ankamen, nahm mich
der gute Mann mit zu sich nach Hause und gab mir zu essen. Ich aß
schnell und bat ihn, mir den Weg zur Schule der Regierung zu zeigen. Er
brachte mich mit seinem Motorrol-ler dorthin und holte anschließend
noch das Gepäck nach. Ich betrat das Schul-gebäude. Das Büro
war verschlossen, denn es war schon spät am Abend. Hier traf ich
wiederum einen guten Samariter, einen alten Mann, der nur Englisch und
Telugu sprach. Er hieß Peraiah Sastri. Er lud mich ein und erzählte
mir, dass ich den Schulleiter aufsuchen solle, der sich zurzeit in der
Bibliothek befände. Ich ging dorthin und fand ihn zeitunglesend.
Doch seine arrogante und gleich-gültige Art war unübersehbar,
als er nicht einmal von der Zeitung aufschaute und nur sagte: „Sprich
mit ihnen“, ohne die Höflichkeit zu besitzen mir zu sa-gen, wen er
damit meinte. Ich ging zurück zum Büro, und der alte Mann, der
Telugu sprach, lud mich ein im Büro zu übernachten. Dieser alte
Mann war für mich eine große Hilfe. Er war examinierter Lehrer
und nur fälschlicher Weise zur Schule der Regierung nach Hospet versetzt
worden, obwohl er richtigerwei-se zu Rajahmundry in Andhara Pradesh gehörte.
Auf Grund einer Absonderlich-keit in der Versetzungspraxis erwartete er
nun eine Versetzung von Hospet an eine Schule, wo nicht Kannada, von dem
er keine Ahnung hatte, sondern Telugu gelehrt wurde. Am nächsten
Morgen wartete ich im Büro. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass
ich bis dahin niemals in meinem Leben in einem Büro gear-beitet hatte;
ich kannte keinen ordentlichen Bürobetrieb. Mein Kollege Subra-maniam
half mir, denn er war mit allen Einzelheiten vertraut, die für mich
bis dahin geistlos, trocken und ohne Bedeutung waren, mit einer Ausnahme,
dass ich ein Monatsgehalt von 30 IRS erhielt. Was sollte ich mit den 30
IRS anfan-gen? Die Arroganz des Schulleiters kommt mir dabei wieder in
den Sinn. Er würde sagen: „He! Frisst du kein Geld?“ Dieses war sein
Umgang mit den ande-ren Lehrern, mit denen ich zu tun hatte. Ich war zu
guter Letzt nicht besonders glücklich. Das Essen in Hospet war für
mich nicht genießbar. Die merkwürdigen Leute verzichteten auf
ihr Frühstück. Sie aßen nur zwei Mal am Tag; und für
mich fand dieses Essen im Hotel statt. Ich fühlte mich angewidert,
diese Schul-lehrerpflicht auf mich genommen zu haben.
Einer der jungen Lehrer, der in der Schule im Zentrum tätig war,
war ein guter Mensch. Er bot dem Telegu-Lehrer und mir die Möglichkeit,
mit ihm ei-nen Ausflug in das frühere Vijayanagara Reich zu machen,
das offensichtlich von Swami Vidyaranya im 14. Jahrhundert unter Aufsicht
zweier Brüder, Hukka und Bukka, gegründet worden war. Die Fähigkeiten
von Swami Vidyaranya in der Verwaltung spiegelte sich in der Ausdehnung
des Reiches wieder, das die beiden Brüder entwickelten, und das eine
erstaunliche Anziehungskraft auch für westliche Besucher, wie Fashian
hatte, der die Größe des Vijayanagara Reiches als prächtiger
als das Römische Reich beschrieben hatte. Die Besucher schrie-ben
in ihr Tagebuch: „Die Bewohner verschlossen nicht einmal ihre Türen,
die Juweliere verkauften die Juwelen ohne Furcht am Straßenrand.“
Oh Wunder! Ein britischer Reporter des Distriktes Bellary schrieb ein
Buch: „Ein Vergesse-nes Reich“. In jenen Tagen beherrschten die britischen
Reporter die Gazetten des Distriktes. Robert Sewell war offensichtlich
einer dieser Reporter in Bellary, der das Buch „Ein Vergessenes Reich“
schrieb. Ich habe das Buch niemals zu Gesicht bekommen, obwohl ich selbst
einmal in Bellary war. Ich könnte mir vorstellen, dass es genauso
interessant ist wie das sechsbändige Werk von Ed-ward Gibbon über
den Aufstieg und den Fall des Römischen Reiches. Die Köni-ge
des Vijayanagara Reiches kamen mit ihren muslimischen Nachbarkönigen
in Konflikt, und Egoismus prallte auf Egoismus. Die fünf Muslimfürsten,
die sonst immer miteinander im Streit lagen, gingen nun gemeinsam auf
das Vijayanagara Reich los, um es auszulöschen. Der Aufstieg zu einem
großartigen Reich und die große Zerstörung, die viele
Jahre später folgte, sind beide Teil der Weltge-schichte. Dieser
junge Mann führte uns über das ganze Gelände von Vijayanag-ara.
Eigentlich war dort nichts zu sehen. Man konnte nur noch die Grundmauern
von einigen Häusern erkennen. Wir gingen ein langes Stück Weg,
um vielleicht doch noch etwas Sehenswertes zu finden, doch es gab nichts;
wir fanden nur zerstörte Reste. Müde und erschöpft kehrten
wir gegen 12 Uhr wieder zu Ham-pi‘s berühmten Virupaksha Tempel zurück,
den wir auf Grund seiner alten Kon-struktion nur der Zeit von Swami Vidyaranya
zuordnen konnten. Wir waren hungrig und durstig und die Sonne stand hoch
am Himmel. Da sahen wir ein paar Leute an einer Ecke in einem Gasthaus
essen. Wir setzten uns zu ihnen, und bekamen auch Reis und Pudding, ohne
bezahlen zu müssen, und waren rundum zufrieden. Ich hörte inzwischen,
dass es diese Art Gasthäuser heutzutage nicht mehr gibt.
Das Schulgebäude der Regierung war von einem Versicherungsagenten
gemietet worden. Es war ein großes weitläufiges Gebäude.
Der Besitzer kam eines Tages in das Büro des Schulleiters und erzählte
ihm, dass er mich be-schwören sollte, eine Lebensversicherung abzuschließen.
Der Schulleiter sagte mir, ich solle eine solche Police unterzeichnen,
obwohl es mir widerstrebte, denn ich verdiente nur wenig Geld, und das
meiste Geld ging für die Unterkunft drauf. Da ich kein Geld hatte,
trug ich weder Schuhe noch Sandalen. Wo auch immer ich hin ging, ich ging
Barfuß.
Da der Schulleiter wusste, dass ich die Bhagavad Gita auswendig kannte,
bat mich dieser kuriose Schulleiter eines Tages, ob ich für den Lehrkörper
eine ‚Lecture‘ geben könnte. Ich willigte ein, und eines Abends schlossen
sie ihre Büros und wollten mich hören. Bis zu diesem Zeitpunkt
war ich es nicht ge-wohnt frei zu sprechen, und es fiel mir schwer, mich
über die Länge der Bhaga-vad Gita auf den Inhalt zu konzentrieren,
doch irgendwie funktionierte es und ich kam über die Runden.
Interessanter Weise stellte mich dieser Telugulehrer allen lokalen Wür-denträgern
sowie den Geschäftsleuten in wohlwollender Art vor. Dieses machte
er mit großem Erfolg. Zur gleichen Zeit bemühte er den Schulmeister
jeden Tag aufs Neue um seine Versetzung in seine Heimat Rajahmundry (Telugu
Gegend).
Manchmal sind die Menschen in ihren Kommentaren lieblos. In den ers-ten
beiden Hotels, wo ich zu Mittag aß, war das Essen schlecht; darum
ging ich zu einem dritten Hotel, wo das Essen einigermaßen akzeptabel
war. Einige Leu-te sagten, dass dieses besagte dritte Hotel, wo ich zum
Essen ging, einfach war. Der Besitzer hatte eine Tochter, die jung und
hübsch war, wovon ich allerdings nichts wusste, und man begann zu
munkeln, dass sie der Grund für meinen Um-zug war. Dieses war falsch,
denn ich war natürlich nicht wegen dieser Tochter umgezogen; ich
wusste nicht einmal von ihrer Existenz, bis ich von dem Klatsch und Tratsch
der Leute erfuhr.
Das Hotelessen wurde nun zu einem Albtraum; ich konnte es nicht herun-terbringen.
Ich bekam wieder Asthma. Der alte Telugulehrer half mir wieder und bat
den Doktor des Ortes, mich ohne Bezahlung zu behandeln, denn ich hat-te
kein Geld. Der Arzt half mir zunächst. Doch als ich ein zweites Mal
krank wurde, verweigerte er eine kostenlose Behandlung. Ich weiß
nicht was danach wirklich geschah. Ich überlebte nur knapp. Alles
war nur eine hässliche, sinnlose Tortur für mich. In dieser
Verfassung schrieb ich an meinen Onkel nach Hause, dass ich die Stellung
aufgeben würde und nach Tirupati oder so reisen würde. Als mein
Onkel meinen Brief erhielt, kam er sofort mit dem nächsten Zug nach
Hospet und erreichte am Abend die Schule. Er sagte mir: „Es hat keinen
Sinn hier zu bleiben, lass uns gehen.“ Ich hatte bereits vom Arzt eine
Arbeitsunfähig-keitsbescheinigung bekommen. Wir bestiegen zunächst
eine Pferdedroschke und erreichten später den Zug nach Bangalore.
Nach einer langen Fahrt mit dem Zug stiegen wir in Bangalore in den Zug
nach Mysore um, wo wir sehr spät am A-bend ankamen und uns ein Hotelzimmer
nahmen. Und obwohl es spät am A-bend war, bekam ich zum ersten Mal
ein hervorragendes Essen, auch wenn aus den Resten bestand, die andere
übrig gelassen hatten. Mein Onkel deutete an: „Hast du jemals solch
eine Sambar gegessen?“ Ich sagte: „Nein, so etwas Gu-tes habe ich
noch nicht gegessen.“ Am nächsten Morgen fuhren wir nach dem Frühstück
mit dem Bus über Mercara nach Puttur und ich war wieder zu Hause.
Ich fühlte tiefen Kummer in meinem Herzen. Ich wollte niemals wieder,
auf welchen Druck auch immer, eine solche Arbeit annehmen. Ich verließ
das Haus wieder und fuhr mit dem Bus nach Mercara und weiter nach Mysore.
Am Bahn-hof wartete ein Zug. Ich sprach den Kontrolleur an und fragte
ihn, ob dieser Zug nach Puna führe. Er bejahte es, bat mich einzusteigen
und los ging es. Doch der Zug fuhr nicht direkt nach Puna. Ich musste
in Arsikere aussteigen, wo ich in den Zug aus Bangalore nach Puna umsteigen
musste. Ich hatte nur wenig Geld. In Puna kaufte ich eine Fahrkarte nach
Jubbalpur, ohne zu wissen, ob dieses mein wirkliches Ziel war. Als meine
Fahrkarte abgefahren war, ging es nicht mehr weiter. Ich blieb mit etwas
Trink- und Essbarem (Gemüse), das mir meine Mutter bereitet hatte,
auf dem Bahnsteig sitzen, wobei ich nicht wusste, ob ich nach Hause umkehren
sollte. Da sprach mich ein Bediensteter an: „Warum sitzt du hier noch,
wo alle anderen Leute schon gegangen sind?“ Ich erzählte ihm aufrichtig:
„Ich bin ein Student. Ich sterbe vor Hunger und meine Kehle ist aus-getrocknet.“
Als er das hörte, reichte er mir etwas Tee in einer Untertasse, -
die-ses war das erste Mal, dass ich Tee probierte. Dann ließ er
mich gehen und ich verließ den Bahnhof. Dann lief ein Zug ein, der
möglicherweise nach Allahabad fuhr. Ich erzählte dem Schalterbeamten,
der im Büro saß, er möge mich ohne Fahrkarte mitreisen
lassen, da ich arm sei und kein Geld hätte, um eine Fahrkar-te zu
kaufen. Er winkte dem Kontrolleur und man ließ mich mit nach Allahabad
fahren. Ich wollte aussteigen, doch der Zugschaffner ließ mich nicht
gehen, denn er wollte meine Fahrkarte sehen. Ich sagte ihm, dass ich keine
Fahrkarte hätte, und ich hätte nur mitfahren können, weil
der Kontrolleur in Jubbalpur Mitleid mit mir gehabt hätte. Doch der
Schaffner wollte mich nicht gehen lassen. Als ich beschwor, dass ich Student
sei und nichts bezahlen könne, ließ er mich angewi-dert laufen.
Es war vier Uhr morgens und stockdunkel. Ich wusste nicht, wo ich bleiben
sollte. Ich fühlte etwas auf mich zukommen. Ich erkannte, dass es
Hund war, der etwas Wärme suchte. Ich hatte Mitleid mit ihm und ließ
ihn gewähren. Er diente mir als Kissen. Als der Tag anbrach nahm
ich mein Bündel auf und ging zum Ganges, wobei ich einige Leute fragte,
wo denn der Ganges überhaupt sei. Ich starb vor Hunger. Ich fühlte
mich halb tot und niemand gab mir etwas zu essen. Am Wegesrand sah ich
einen Obstkarren mit Guava-Früchten. Als ich den Obstverkäufer
um eine Frucht bat, wurde sie mir verweigert. Als ich in Richtung Ganges
ging wusste ich nicht, was mir widerfahren würde. Ich fand ein hölzernes
Kinderbett. Ich bedeckte meinen Körper mit meinem einzigen Kleidungsstück
und versuchte zu schlafen. Gegen morgen kam ein Pandit , der mich bedrohte,
denn das Bett schien sein Besitz zu sein. „Wer bist du? Steh auf und hau
ab!“ Ich stand auf und schlief am Ufer im Sand weiter. Es ist wohl kaum
eine Übertreibung, wenn ich sage, dass es kalt war. Ich stand wieder
auf, ging zum Bahnhof und bat den Kontrolleur, mich mit dem Zug nach Benares
fahren zu lassen. Er war mir zugetan, denn er wusste, dass ich ein hoffnungslo-ser
Fall war, und ich durfte mitfahren. Der Zug erreichte Benares; ich weiß
nicht mehr wie spät es war. Vor vielen Jahren wohnten mein Großvater,
mein Onkel und meine Eltern hier in diesem Ort bei einem Pandit namens
Chikka Bhau A-charya. Ich fragte im nächsten Geschäft nach dem
Haus von Chikka Bhau Acha-rya, doch der führte mich zu jemandem,
der so ähnlich hieß, nämlich Dodda Bhau Acharya. Er klopfte
an die Tür, eine Frau öffnete die Tür, weil sie einen Kunden
vermutete. Ich erzählte, dass ich vor Hunger sterbe würde, und
dass ich kein Kunde des Pandits sei. Man erlaubt mir jedoch einige Tage
zu bleiben. Zur selben Zeit kam jemand namens Narayana Tantri aus Upundi,
das wenige Kilo-meter entfernt war, zu jenem Haus und bot mir an mit ihm
zu gehen. Ich stimm-te zu und verließ das Haus von Dodda Bhau Acharya
und ging zu Narayana Tantri. Doch hier gab es ein neues Problem. Woher
sollte ich etwas zu essen be-kommen? Es gab 2 oder 3 Gasthäuser
am Ort. Man sagte ich solle mit einem Gefäß dorthin gehen.
Der Chef würde Leute auswählen, die er als in Ordnung ansah,
und wer auch immer ein Gefäß dabei hätte, könnte
sicher sein Essen zu bekommen. Ich stand früh am Morgen auf und suchte
diese Gasthäuser mit mei-nem Gefäß auf, wo man eine kostenlose
Speisung bekommen könnte, wobei ich zu Gott betete, dass mein Gefäß
akzeptiert würde und ich etwas zu essen bekä-me. Doch dieses
Gefäß wurde an allen sieben Tagen nicht akzeptiert. Solange,
nämlich sieben Tage, saß ich hoffnungslos wie ein Bettler in
Narayana Tantri’s Haus, wobei er mich in sein Haus zum Essen einlud. Armut
war mein Name. Ich kann mich nur so sehen. Zu jener Zeit erfuhr ich, dass
ein reicher Man namens Narayandas Bajoria in Sarnath demjenigen 10 Rupien
bezahlen wollte, der die Bhagavad Gita vollständig aufsagen könnte.
Dieser Narayana Tantri sagte mir: „Lass uns gehen. Die 10 Rupien verdienen
wir uns.“ Der Weg von Benares nach Sarnath zum Wohnhaus dieses Seth, wo
ich die ganze Gita ohne Unterbrechung rezitierte und die zehn Rupien bekam,
war acht Meilen lang. Dieser Seth war nicht geneigt darüber hinaus
noch irgendetwas springen zu lassen. Dann ging ich mit meinem Bekannten
wieder zurück nach Benares. Jeden Tag nahm ich im Ganges ein Bad.
Wir hatten beinahe Dezember, und doch war das Wasser nicht so kalt wie
in Rishikesh. Ich hatte Angst mich zu waschen, denn ich hatte keine Ersatzwäsche.
Wenn ich ein Bad nahm, ließ ich meine Anziehsachen auf einem Stein
liegen und zog dieselben Sachen nach dem Bad wieder an. Elend war mein
Name. Ich kam mit einer Bettelschale zurück zu Narayana Tantri’s
Haus. Zu dieser Zeit kam Sridhar Bhatt, der seine Bußezeit in Sirmur
in den Himalajas beendet hatte, zu demselben Platz, wo ich mit einem anderen
Sadhu war, der ein Kerala Kenner war, ein gutes Benehmen hatte und sich
gut auszudrücken ver-stand. Just an dieser Stelle rezitierte ich
vor diesem Kerala Yogi mein Lakshmi- Mantra. Als der Kerala Yogi diese
Rezitation hörte, bat er mich, das Mantra für ihn aufzuschreiben.
Narayana Tantri, bei dem ich ebenfalls dieses Mantra rezitierte, war sehr
erstaunt über meine Sanskrit Aussprache. Dieser Narayana Tantri war
auch ein Astrologe, doch er konnte kein Englisch. Er verdiente sein Geld
mit Horoskopen, wobei er sehr armselig war, denn er schrieb die Horoskope
für Leute, die des Englischen mächtiger waren als er. Er sagte
mir darum: „Sei so freundlich und übersetze ins Englische, was ich
dir in Kannada sage.“ Dieses wurde von seinen Kunden honoriert, und er
verdiente dadurch mehr Geld.
Nun kam die Zeit, dass Sridhar Bhatt von Sirmur heiraten wollte. Er kon-sultierte
Narayana Tantriji, um den richtigen Zeitpunkt für die Hochzeit zu
er-fahren. Alles musste für 200 Rupien erledigt werden. Wen wollte
Sridhar Bhatt heiraten? Im Erdgeschoss von Shri Dattatreya Mutt, wo alle
von uns wohnten, lebte eine Witwe mit ihrer Tochter. Der Tochter der Witwe
wurde ein Heiratsan-trag gestellt. Sie war außerordentlich arm und
stimmte allem zu. Narayana Tantri übernahm selbst die Rolle des Priesters.
Zwei der örtlichen Gelehrten un-terbrachen die Traunung, wobei sie
sagten, dass die Zeremonie nicht korrekt sei. Doch Sridhar Bhatt, der
daran interessiert war, die Zeremonie so schnell wie möglich zu beenden,
hatte keine Lust zu streiten. Er schloss die Trauung, ver-teilte Dakshina
und die Angelegenheit war beendet.
Einige Leute waren zum Essen geladen. Ein Koch aus Kerala war schnell
gefunden, von dessen kostenlosen Mahlzeiten ich, wie bereits zuvor erwähnt,
gelegentlich in seinem Gästehaus profitierte. Danach verließ
Sridhar Bhatt den Ort und fuhr mit einem Zug nach Haridwar. Er fragte
mich, ob ich ihn begleiten wolle. Ich stimmte zu, um mich von der Bettler-Atmosphäre
zu befreien, und wir fuhren nach Haridwar. In Haridwar angekommen, gab
er mir eine halbe Ru-pie, damit ich nach Rishikesh weiterfahren konnte.
In Haridwar gab es zwei Hal-tepunkte. Einer war der Hauptbahnhof und der
andere der Stadtbahnhof, den ich verfehlte, denn ich war schon spät
dran. Ich gab dem Schaffner die halbe Rupie, doch er verweigerte mir die
Fahrkarte. Da es jedoch zu spät war, um den Zug wieder zu verlassen,
fuhr ich ohne Ticket nach Rishikesh. Mit der halben Rupie (Anna) in der
Tasche verließ ich den Zug und erklärte dem Kontrolleur am
Aus-gang, dass ich auf Grund meiner Eile kein Ticket mehr hätte am
Fahrkarten-schalter kaufen können. Er nahm die halbe Rupie und hieß
mich zu gehen. Mein Ziel war der Shivananda Ashram. Ich traf zwei Pilger,
die ebenfalls in sengender Mittagshitze auf dem Weg dorthin waren. Um
drei Uhr nachmittags kamen wir bei Swami Shivananda im Büro an. Er
sah sich gerade die Post durch, nahm ei-nige Brief an sich und warf den
Rest auf den Boden, damit sich der Sekretär der Post annehmen konnte,
um sie zu bearbeiten. Wir saßen dort ca. eine Stunde lang. Dann
stand er auf. Ich ging schnell zu ihm und sagte: „Ich möchte gern
Yoga lernen.“ Doch er kümmerte sich nicht darum, was ich sagte, und
ging in sein Kutir. Ich hatte keine andere Alternative als in der baufälligen
Blechhütte des Rama Ashrams auf dem Boden zu schlafen, der nicht
einmal zementiert war. Den Rest der Geschichte kennt ihr schon von früher.
Um mit der Geschichte fortzufahren: Es war für mich überraschend,
dass Swami Shivanandaji mich am dritten Tage zu seinem Kutir rufen ließ
und einige beschwörende Worte sprach. Mein intellektuellen Fähigkeiten
erhoben sich und ich schrieb sofort in gutem Englisch einen Aufsatz mit
einem Vokabular, das selbst Swamiji betäubte. Einer meiner Kollegen,
Balan Menon, der spätere Swami Chinmayananda zeigte Swamiji meinen
ersten handgeschriebenen Aufsatz über die Gita. „Schrieb Swami Krishnananda
diesen Artikel?“ „Ja, Swamiji.“ „Oder hast du ihn geschrieben? Hat dieser
Swami diesen Aufsatz geschrieben, oder wurde er von dir aufgezeichnet
und dann nieder geschrieben?“ Ich kann selbst nicht verstehen, wie man
Bücher in solch einer Geschwindigkeit schrei-ben kann, etwas, was
ich zuvor nicht fertig gebracht hätte. So weit ich mich er-innern
kann, war meine erste Niederschrift ein Kommentar über Swamiji’s
Moksha Gita, eine Aussage über meine Fähigkeiten zu schreiben.
Als ich vor vielen Jahren in der Bhajan-Hall untergebracht war, kam eines
Tages Swami Shivanandaji vorbei, schaute durch Fenster und fragte: „Womit
bist beschäftigt? Du weißt, dass T.M.P. Mahadevan von der Universität
in Ma-dras ein Buch über „The Philosophy of Advaita“ geschrieben
und damit große Lorbeeren eingeheimst hat. Was machst du, du sitzt
auch hier. Warum schreibst du nicht auch ein solches Buch?“ Ich sagte
Swamiji, dass ich mein Bestes tun wollte. Von diesem Tage an, entschloss
ich mich ein Buch zu schreiben. Der Titel lautete: „The Realisation of
the Absolute“. Der Ruhm, den dieses Buch er-langte, ist vielen Leuten
bekannt, und es kommt einer Doktorarbeit gleich. Ich schrieb dieses Buch
innerhalb von zwei Wochen mit der Hand. Das ganze Ma-nuskript wurde von
Swami Omkarananda, der zu jener Zeit im Ashram lebte, in die Maschine
geschrieben. Das Manuskript wurde vom Vize-Präsidenten Swami Mownananda
gelesen, der Swami Shivanandaji berichtete: „Hier ist ein gut ge-schriebenes
Buch.“ Das war genug, um Swami Shivanandaji zufrieden zu stellen und die
Aufmerksamkeit eines literarischen Genius, wie Swami Mownananda, zu erregen.
Das Buch wurde in Rishikesh gedruckt und steht kostenlos zur Ver-fügung.
Es wurde ins Deutsche übersetzt und steht auch in deutscher Sprache
im Internet zur Verfügung.
Meine erste literarische Arbeit war das Buch „The Philosophy of Life“,
dass ich direkt einer Hilfskraft in die Maschine diktierte. Er schrieb
es zunächst ins Unreine, um daraus dann eine druckreife Vorlage zu
erstellen. Die Leute, die dieses Buch gelesen haben, konnten feststellen,
wie ich mich inzwischen auf literarischem Gebiet von einem Bettler, der
um sein tägliches Brot betteln musste, zu einem Literaten entwickelt
hatte; und viele andere Bücher kamen, mehr als zwei oder drei Dutzend,
- einige Bücher, die aus Gesprächen zusammen ge-stellt wurden
und andere als reine Kompositionen.
Ich bin 79 Jahre alt und diktiere meine Memoiren und mache mir Gedan-ken
über die Höhen und Tiefen meines Lebens, über die Saat,
die mein Großva-ter, auf dessen Schoß ich als kleiner Junge
gesessen habe, gesät hat, als ich ihn über große Persönlichkeiten
wie Krishna, Vasishta usw. befragte. Diese Saat ist schrittweise in eine
weitreichende Vision eines entschlossenen Lebens der Me-ditation und in
einem literarisch substanziellen Beitrag zur Arbeit von Swami Shivanandaji
aufgebrochen, - administrativ, literarisch und spirituell. Meine Memoiren
unterscheiden sich von der „Rose in December“ von Richter M.C. Chagla,
dem obersten Richter am Oberlandesgericht in Bombay, der später zum
Minister für Äußere Angelegenheiten der Indischen Regierung
ernannt wurde. Er schrieb seine Memoiren unter dem Titel „Rose in December“.
Er hat seine Memoiren sehr gut geschrieben, wenn auch aus politischer
Sicht. Es gab einen kleinen Aufruhr in seiner Kariere als Minister für
Äußere Angelegenheiten, die durch die Flucht einer bedeutsamen
russischen Lady mit einem amerikanischen Flugzeug verursacht wurde. Da
ich all diese Gedanken in aller Eile diktiere, hat dies nicht den Scharm
von Edward Gibbon’s Meisterstück. Meine Meisterwerke sind „The Philosophy
of Life“, „The Philosophy of Religion“, „The Ascent of the Spirit“, „Essays
in Life and Eternity“, „The Prloblems of Spiritual Life“, „Your Questions
Answered“ und einige andere Bücher dieser Art, die in ver-schiedene
Sprachen übersetzt wurden. Alle Ehre gilt Swami Shivanandaji, der
aus einer Eichel des Bemühens einen Eichenbaum werden ließ.
Swami Shiva-nandaji hat uns 1963 körperlich verlassen, und er lässt
uns heute das sein, was wir in den Augen Gottes sind.
Swami Chidanandaji, der als Generalsekretär für die Administration
zu-ständig war, folgte am 2. November 1959 einer Einladung ins Ausland.
Dadurch war die Stelle unbesetzt. Da die Post des Generalsekretärs
des Ashrams als sehr wichtig betrachtet wurde, gingen einige Ashrambewohner
zu Swami Shivanan-daji Maharaj und baten ihn, mich, den Sekretär,
zum Generalsekretär zu ernen-nen. Swami Shivanandaji Maharaj schrieb
eine Anweisung, die mich ab einem bestimmte Tag zum Generalsekretär
machte. Obwohl einige Bedingungen an die Ernennung eines Generalsekretärs
geknüpft sind, war der Gründungspräsident ermächtigt
diese Bedingungen zu übergehen und die Aufgabe direkt mit einer geeigneten
Person zu besetzen. So wurde ich zum Generalsekretär. Als Swami Chidanandaji
aus Amerika zurückkehrte, fühlte er sich in einer höchst
bedauer-lichen so wie enttäuschenden Situation, da sein Posten bereits
durch jemand an-ders besetzt war. Doch blieb er wohl weislich für
eine Weile im Ashram, holte sich die Erlaubnis des Gründungspräsidenten
Swami Shivanandaji Maharaj für ein „Retreat “ und verließ den
Ashram mit unbekanntem Ziel. Diese Hand-lungsweise hatte einen dubiosen
Beigeschmack, der von glücklicher als auch von unglücklicher
Natur war. Glücklich einerseits, weil jemand die Aufgabe ei-nes Generalsekretärs
wahrnahm, - unglücklich andererseits, weil es in aller Eile geschehen
war, was die persönliche Verantwortung eines Anderen in derselben
Position berührte. Auch ich fühlte mich betroffen, und es gab
einige Leute, die am liebsten alles rückgängig gemachten hätten,
weil sie feststellen mussten, was sie mit dem Wunsch nach einer Besetzung
in Abwesenheit des Amtsinhabers angerichtet hatten, auch wenn dies letztendlich
von dem Gründungspräsidenten veranlasst worden war. Swami Chidanandaji
kehrte drei Wochen bevor der Gründungspräsident verstarb in
den Ashram zurück. Seine Rückkehr in den As-hram war für
einige Ashrambewohner tröstlich, brachte mich jedoch in eine schlimme
Situation, sodass die offizielle Beziehung zwischen Swami Chidanan-daji
und mir unbeschreiblich wurde. Swami Chidanandaji wusste dies nur zu gut
und distanzierte sich von allen Managementangelegenheiten, bis er, als
der Gründungspräsident verstarb, gezwungen war in das Rampenlicht
zurückzukeh-ren. Nach dem Ableben des Gründungspräsidenten
wurde er zum neuen Präsi-denten gewählt, und ich wurde der Generalsekretär
de jure und de facto.
Die ganze Last des Managements der Divine Life Society lag nun auf meinen
Schultern, dem Generalsekretär einer international berühmten
Instituti-on. Von allen Seiten gab es Schwierigkeiten, die mir vorher
weder bekannt noch bewusst waren. Ein unweiser Filmemacher wollte in guter
Absicht die Annahme eines Filmes über Swami Shivananda durch die
DLS dadurch erzwingen, indem er die Zustimmung aller Ashrambewohner suchte,
obwohl der Film ohne Wissen der rechtmäßig gewählten Repräsentanten
der DLS gedreht wurde, die selbst einen Film vorbereiten wollten. Man
kann sich vorstellen, dass dies zu einem Fall für die Gerichte wurde,
nachdem der Filmemacher das Original nur dann herauszugeben wollte, wenn
die DLS bereit wäre, ihm 250000 Rupien für etwas zu geben, von
dem er annahm, er hätte die Arbeit doch schon gemacht. Der Ash-ram
widerlegte all die Argumente des Filmemachers und befand sich in einer
Schlacht, die sich über zehn Jahre hinzog. Der Fall ging von einer
Instanz zur Nächsten, bis hin zum Obersten Gericht und landete schließlich
beim Magistrat. Auf diesem Schlachtfeld einer zehn Jahre währenden
Schlacht spielte als legaler Vertreter in dieser Angelegenheit ein sehr
fähiger Bewohner des Ashrams, näm-lich Shri Jaya Kumar, eine
wesentliche Rolle. Schließlich war es möglich, eine Entscheidung
herbeizuführen. Der Magistrat fällte plötzlich ein Urteil
zu Guns-ten der DLS und schloss die Akten. Dies geschah deshalb, weil
der Filmemacher selbst allmählich die Nase voll hatte und eine Erklärung
abgab, indem er den Fall abschließen wollte und niemanden, weder
der DLS noch sonst jemanden Schaden zufügen wollte. Die Fähigkeit
dieses Jaya Kumar ist es wert erwähnt zu werden.
Wenn ein Pachtvertrag für ein Stück Land, das vor 30 Jahren
von der Forstverwaltung gepachtet wurde, zu Ende kommt, muss ein neuer
Vertrag ab-geschlossen werden. Ich bat Shri Jaya Kumar, den Pachtvertrag
auf weitere dreißig Jahre abzuschließen. Shri Jaya Kumar kontaktierte
alle offiziellen Stel-len und war letztendlich bei den Regierungsstellen
erfolgreich, obwohl wir viele Auflagen hinnehmen mussten.
Swami Chidanandaji ging aus kulturellen Gründen wieder ins Ausland
und blieb lange fort. In der Zwischenzeit kam eine offizielle Verordnung
heraus, wonach alle Ashrams des Staates Uttar Pradesh unter Aufsicht der
Staatsregie-rung gestellt werden sollten. Zu damaliger Zeit hatte ich
für solche Angelegen-heiten keinen richtigen Ansprechpartner; ich
musste sehr sorgfältig abwägen, ob ich entweder die Verordnung
akzeptieren und der Regierung alles überlassen oder Widerspruch einlegen
sollte. Ich entschied mich für das Letztere und schrieb einen Brief
an den Regierungspräsidenten mit den Worten, dass sein Vorschlag
einen Verein zu einen Beamtenapparat zu machen, zum Scheitern verurteilt
wäre, und die Regierung keinen Nutzen davon hätte. In meinem
Brief erwähnte ich detailliert alle Konsequenzen, die sich aus dem
Vorhaben der Re-gierung ergeben würden, denn kein Vereinsmitglied
(Sannyasin) würde solch einer plötzlichen Übernahme durch
die Regierung zustimmen. Mein Brief be-rührte das Herz des Präsidenten
und er befreite die Divine Life Society mit noch zwei anderen Ashrams
von dieser Verordnung.
Jaya Kumar war bei vielen juristischen und offiziellen Angelegenheiten
eine große Hilfe, und darum darf sein Name bei einer Geschichtsaufzeichnung
dieser Art über die Divine Life Society nicht übergangen werden.
Er war eine verantwortliche Säule unter den Bewohnern des Ashrams,
und er war eine Stüt-ze für den freundlichen Umgang der Ashrambewohnern
untereinander, wozu ich notwendigerweise regelmäßig alle Bewohner
anhielt und davon überzeugte, dass alles im Ashram gut voran kam.
Es war auch notwendig, eine gute Beziehung zur Öffentlichkeit zu
unterhalten. Dies galt insbesondere dem direkten Umfeld und den lokalen
Behörden, denen ich eine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Außerdem
mussten die täglich ankommenden Briefe aus Indien und der ganzen
Welt in Bezug auf die verschiedensten Angelegenheiten - inkl. meiner Gesund-heit
- beantwortet werden, was mein ganzes Tagewerk ausfüllte. Wenn ich
mit den Leuten Kontakt hatte, musste ich auch ihre Einstellung kennen
lernen und in Erfahrung bringen, was sie darstellten.
Meine Gespräche mit den vielen Menschen, denen ich begegnet bin,
mei-ne Texte und Artikel für das Monatsmagazin der Divine Life Society
haben mich berühmt werden lassen, was durch die Bekanntmachung meiner
Bücher im Internet verstärkt wurde, für dessen Erfolg meine
Assistentin Narayani (Swami Narayanananda) verantwortlich war. Der Internetauftritt
hat mich über meine Erwartungen hinaus weltberühmt gemacht.
Ich erinnere mich dabei der ersten Worte von Swami Shivananda als ich
ihn vor vielen Jahren traf, und die durch die Webseiten im Internet ihre
Früchte trugen.
Nach dem Ableben des Gründerpräsidenten Swami Shivanandaji
Maharaj fand ich mich in einer neuen schwierigen Aufgabe, indem ich die
Wahl des neu-en Präsidenten vorbereiten musste. Leidenschaftlich
setzte ich mich für die Wahl von Swami Chidanandaji zum neuen Präsidenten
ein, dem alle Mitglieder mit Ausnahme von zwei Personen zustimmten. Die
Wahl von Swami Chidanan-daji zum neuen Präsidenten der Divine Life
Society wurde bestätigt. Alles lief gut.
Eine meiner Pflichten bestand darin, für meine Assistentin
Narayani (Swami Narayananda), die gebürtige Kanadierin ist, die indische
Staatsbürger-schaft zu erreichen, wofür ich mich sehr einsetzen
musste, und wo ich viel Un-terstützung von einem hohen Tier in der
Regierung bekam. Die indische Staats-bürgerschaft wurde gewährt
und vom Distrikt Magistrat von Tehri-Garhwal rati-fiziert. Dies war notwendig,
um das aufwändige Verfahren für die jährliche Er-neuerung
des Visums zu vermeiden.
In dem Abenteuer meiner Managementtätigkeit für die Divine
Life Socie-ty habe ich darauf geachtet, dass alle Aspekte, nämlich,
finanzielle, soziale, ethi-sche und spirituelle gleichermaßen, in
Betracht gezogen wurden. In meiner Me-ditation tat ich das Gleiche, indem
ich keinen Gedanken als wertlos beiseite schob, denn auch der unterdrückte
Gedanke ist ein Gedanke und darum wird er sich weigern, so einfach beiseite
geschoben zu werden; die Synthese all dieser Gedanken läuft auf einen
kosmischen Gedanken, dem vollkommenen Gedanken, hinaus. Jeder mögliche
Gedanke des Universums hat ein gleichwertiges Echo, und das wird zu einer
alles überstrahlenden universalen Meditation. Dieses hält den
Menschen immer in einer positiven, vollkommenen Übereinstimmung mit
dem allmächtigen Gott.
Swami Chidanandaji und ich sind beide Madhva Brahmins, und wir beide
glauben, mit kleinen Unterschieden, in Bezug auf das praktische Leben,
dass Moksha das erstrebenswerte Ideal ist. Obgleich wir derselben
Auffassung be-züglich des Zieles sind und die soziale Einheit in
unserer Verhaltensweise be-wahren, so können wir beim genauen Hinsehen
doch Unterschiede feststellen. Wenn wir etwas sehen wollen, können
wir es sehen, und wir wollen etwas nicht sehen, wenn es wirklich nicht
vorhanden ist. Die Bhagavad-Gita ist dafür das beste Beispiel: „Das
Wirkliche kann nicht unwirklich werden, und das Unwirk-liche kann nicht
wirklich sein.“ Was hat man hier unter den Begriffen „Wirk-lich“ und „Unwirklich“
zu verstehen? Dies gehört in den Bereich der Psycholo-gie der Wahrnehmung.
Es ist so, als würde man einen Regenbogen sehen, der nicht wirklich
existiert, oder als würde man den Spiegel im Wasser sehen, der nicht
wirklich vorhanden ist. Hier stellt sich folgende Frage: sind Dinge, die
wir wahrnehmen, wirklich oder nicht? Wenn jemand auf der Hauptstraße
spazieren geht und zwei Frauen entgegenkommen sieht, wobei er sie zu Anfang
auf Grund der Entfernung nicht voneinander unterscheiden kann, jedoch
später feststellen muss, dass die eine seine Schwester und die andere
seine Frau ist, worin liegt dann der Unterschied zwischen seiner Schwester
und seiner Frau? Hier liegt das ganze Problem der menschlichen Beziehungen,
in die man eingebunden sein kann und ist. Der berühmte Panchadasi
von Swami Vidyaranya erklärt, wie ein und dieselbe Frau die Mutter
des Einen, eine Ehefrau eines Anderen, eine Schwägerin eines Dritten
usw. sein kann, die alle existent und doch nicht exi-stent sind. Wie kann
eine Frau, die einerseits die Mutter von jemanden ist, die Frau von jemand
anders werden? Obwohl diese Unterschiede ergreifend sind, so können
sie durch die falsche Bewertung der Wahrnehmung für den Einen die
Hölle und für den Anderen den Himmel bedeuten, und obwohl es
so etwas wie Mein und Dein nicht gibt, kann etwas, was heute mir gehört,
morgen auf Grund irgendwelcher Umstände dir gehören. Das Lied
der Erde, das für uns in der Vis-hnu Purana und in der Srimad Bhagavatam
aufgeschrieben steht, verneint in beiden Darstellungen einen Regenten
der Erde. Dies gilt auch noch heute, ob-wohl viele Egoisten glauben, Fürsten
und Besitzer eines Landes zu sein. „Rama und Ravana sollten sich ihrer
Königreiche schämen,“ sagt die Vishnu Purana, denn das Wandeln
auf der Erde verwandelt dieselbe nicht in ein Objekt des Be-sitzes. Weitere
Einzelheiten habe ich auf den letzten Seiten meines Buches „Antwort auf
Deine Fragen“ niedergelegt. Auf diese Weise sind Swami Chi-danandaji
und ich in erster Linie Eins, doch wir sind auch Zwei in anderer Hin-sicht.
Religion und Spiritualität sind zwei klare Faktoren in Bezug auf
die höhe-ren Werte des Lebens. Diese beiden Funktionen der inneren
Stimme des menschlichen Daseins stehen in Beziehung zu dem Leben in der
Welt und zum Leben in Gott. Die Beziehung zwischen Gott und der Welt ist
genauso zu ver-stehen, wie die Beziehung zwischen Religion und Spiritualität.
Man sagt, dass Gott sich selbst als Welt offenbart. Genauso kann man sagen,
dass die Spirituali-tät sich selbst als Religion offenbart. An dieser
Stelle kommen wir zur Notwen-digkeit, den Charakter Gottes zu beschreiben.
Es wird allgemein angenommen, dass Gott alldurchdringend, allwissend und
allmächtig ist. Doch diese drei Merkmale, die man im Allgemeinen
Gott zuschreibt, sind mit den Objekten in Raum und Zeit verbunden, wobei
der Raum, die Zeit und die Objekte in der Rangfolge hinter dem göttlichen
Original stehen, und Gott wiederum über der Schöpfung steht.
Dies würde bedeuten, dass keine Qualitäten oder Attribute Gott
zugeordnet werden können, nicht einmal in der entferntesten Vorstellung.
Nichtsdestotrotz sollte man akzeptieren, dass jede denkbare Qualität
oder jeder erdenkliche Charakter seine potenzielle Existenz in Gott selbst
hat. Oder, woher sollten diese Qualitäten sonst kommen? Hier haben
wir einen Fingerzeig auf das Wesen der Religion und der Spiritualität.
In Indien haben wir eine strikte Disziplin, die die schrittweise Entwick-lung
des Menschen wie folgt beschreibt: (1) Ausbildung, (2) Anpassung an das
natürliche und an das gesellschaftliche Leben, (3) ein striktes Abnabeln
von den täglichen Verstrickungen und (4) schließlich das eigene
Verwurzeltsein in Gott. Diese letzte Stufe wird als Sannyasa bezeichnet,
und die beiden ersten Stufen als religiöse Disziplin, die den Menschen
auf die dritte und die vierte Stufe vorbe-reiten.
Die Religion hat dem Menschen die verschiedensten Pflichten auferlegt
und belegt den menschlichen Aktionsradius mit verschiedenerlei Geboten
und Verboten, - 'tu dies' und 'lass jenes'. Es gibt keine Religion ohne
diese Gebote und Verbote. Die Menschen werden in den ersten beiden o.a.
Stufen in die Pflicht genommen, diese Gebote und Verbote der Religion
im sozialen Umfeld, in der eigenen Lebensführung und im Umgang mit
anderen Menschen auf jeden Fall zu befolgen. Jede Religion kennt diese
Bräuche, Riten und ungeschriebenen Gesetze in Form des Dienens, von
Pilgerreisen, selbst in den Essgewohnheiten, den Waschungen und den Gebeten
in Verbindung mit den Schriften. Diese Be-schränkungen helfen dem
Menschen in der dritten Stufe, wo er sich mit den in-neren Gedankenbewegung,
den Gefühlen und dem Verstehen befasst und nicht mehr mit der Gesellschaft
verbunden ist.
Im hinduistischen Kastenwesen haben sich die Gelehrten (Smritis) vehe-ment
zur Überlegenheit der Brahmin (Brahmana) bekannt und den Kshatriya,
den Vaishya und den Shudra weniger Bedeutung beigemessen. Die Smritis
und die Schriften bezeichnen die Menschen, die nicht den Brahmin angehören,
als unrein. Die Ausländer werden als Yavanas und Mlecchas bezeichnet,
was so viel heißt wie Ungläubige. Diejenigen Brahmins, die
in die Länder dieser Un-gläubigen reisten, besudelten ihre Reinheit,
und jene, die nach Übersee reisten, wurden aus der Gemeinschaft der
Brahmins ausgeschlossen.
Der Sannyasin ist ein Atyashramin, der das Kastenwesen durchdringt, denn
er durchdringt das Gesetz der Gesellschaft, und es wurde ihm auch nach-gesagt,
dass er den gesellschaftlichen Tod durchlebt hat. Er gehört nicht
mehr den vier Kasten an. Er ist in Gott verwurzelt. Er ist ein Gottesmann
und unter-liegt damit nicht mehr den Beschränkungen, denn Gott selbst
hat keine Be-schränkungen.
Diejenigen, die einer Gottverwurzelung kritisch gegenüberstehen,
müssen den herkömmlichen Regeln folgen, doch wenn sich ein Sannyasin
sicher ist, auf das Gottesbewusstsein fixiert zu sein, gelten für
ihn keine Regeln mehr. Er ist in jeder Hinsicht frei. Während das
Kastensystem ursprünglich dazu diente, das gesellschaftlich Gefüge
zu erhalten, und die damit verbundenen Pflichten der Menschen zu regeln,
ging der philosophische Hintergrund über die Generationen hinweg
verloren, und an seine Stelle trat übertriebener Fanatismus, Egoismus,
Gier, Hass und das Gegenteil einer wirklichen religiösen Praxis als
sozialer Ausdruck eines inneren spirituellen Strebens für einen schrittweisen
Aufstieg zur göttlichen Allmacht.
Vidura, bekannt aus der Mahabharata, wurde von einer Shudrafrau gebo-ren.
Er hatte jedoch die Gedankenkraft, den Sohn Brahmas von dessen Heimstatt
herbeizuzitieren. Welche orthodoxe Brahmin verfügt über derartige
Kräfte?
Darum ist es für jeden notwendig, die Welteinheit und das Wohlwollen
al-ler zu beachten, so wie es von dem Herrn in der Bhagavad-Gita erwähnt
wurde. Die Gerechtigkeit ist wichtiger als das Gesetz. Niemand ist nur
auf Grund seiner Herkunft ein Brahmin, denn alle Körper bestehen
lediglich aus den fünf Grund-elementen: Erde, Wasser, Feuer, Luft
und Äther. Außerdem wäre es als Sohn eines Brahmin eine
Sünde, den leblosen Körper seines Vaters den Flammen zu übergeben.
Es ist darum nicht richtig, einen Anhänger irgendeiner Religionsgemein-schaft,
die mit einer fundamentalistischen Doktrin verbunden ist, mit Hilfe eines
Aktionsplanes zu schikanieren.
Durch den Evolutionsprozess ist die Welt zum Dorf geworden. Sonne, Mond,
Sterne und Galaxien wirken in einem kosmisch operierenden Geist. Die Luft,
die wir atmen, bewegt sich frei, kennt keine Nationalität und hat
keine e-thische Bestimmung. Die Selbstbehauptung der Individuen ist nicht
im Gleich-klang mit dem agierenden Universum. Ereignisse haben eine kosmische
Bedeu-tung. Die Schöpfung und selbst Gott sind jeweils von eigener
Bedeutung.
Ein spanischer Professor schrieb eine Doktorarbeit über meine veröffent-lichten
Texte mit dem Titel "The Philosophy of Swami Krishnananda". Er ver-suchte
herauszustellen, dass ich ein Anhänger des Advaita bin, obwohl ich
ihm gesagt habe, dass dies nicht richtig ist. Ich verschließe mich
keiner Gedanken-schule, weil ich alle Doktrin, jede Philosophie, alle
Religionen als Entwick-lungsstufe im Evolutionsprozess in Bezug auf das
Absolute betrachte. Sei alles und beende alles. Ich stimme mit Shankara,
Ramanuja, Nadhva, Nimbarka, Val-labha und auch mit dem Pratyabhijna-System
überein. Ich stimme mit Plato, A-ristoteles, Deskartes, Leibniz,
Spinoza, Locke, Berkeley, Hume ebenso wie mit Kant, Hegel und deren Seitenlinien,
F. H. Bradley, Bosenquet sowie Josiah Royce überein. Ich sehe keinen
Widerspruch. Jede Spektralfarbe im Kristall ist wunderschön, jedes
Blütenblatt der Rose ist charmant und jeder Lichtstrahl der aufgehenden
Sonne ist ein Ruf des Lebens und eine Verjüngung.
Alles, was ich über mich selbst aussage, sieht so aus, als wäre
ich ein merkwürdiger Mensch, interessiert, humorvoll, voller Freude,
wie ein Kind und wiederum ernsthaft, wenn das Gespräch auf die Liebe
Gottes als Lebensziel kommt, auch wenn dies für die Menschen von
unterschiedlicher Bedeutung ist. Ich kann dazu nicht mehr sagen.
Der Inhalt meine Buches "Epik des Bewusstseins" ist tatsächlich
die Epik meines eigenen Lebens in epischer Form. Das Buch "Die Probleme
des spirituel-len Lebens" schildert meinen inneren Charakter und die Natur
meiner allgemei-nen Wahrnehmung.
Äpfel waren eine kostspielige Angelegenheit, und niemandem im Ashram
war es vergönnt, sich einen Apfel leisten zu können. Swami Shivananda
Maha-raj erhielt täglich zur Anregung seiner Verdauung einen Apfel.
Swamiji hatte mich damit beauftragt, den täglichen Abend-Satsanga
für 6:00 Uhr vorzuberei-ten. Ich hatte das Portrait von Shri Bhagavan
aufzustellen, den Teppich auszu-breiten, die heiligen Bücher zur
Lesung bereitzuhalten und für Swamiji Maharaj eine Sitzgelegenheit
vorzubereiten. Es traf sich, dass mein abendliches Eintref-fen zum Satsanga
um 6:00 Uhr im Shri Gurudev Kutir zeitlich mit dem Abend-essen von Shri
Gurudev zusammenfiel. Swamiji's Natur ließ ihn immer einen Teil
seiner Mahlzeit - ein Stückchen Apfel - übrig lassen, den er
mir gab, wenn ich zur Arbeit kam. Nachdem dies nahezu allabendlich um
6:00 Uhr geschah, verdächtigte mich der Koch, der Swamiji das Essen
brachte, dass ich es absicht-lich einrichtete, um von der Mahlzeit von
Shri Swami Shivanandaji Maharaj zu profitieren. Die Koch ging daraufhin
direkt zum Sekretär des Ashrams und be-richtete ihm: "Der Junge geht
regelmäßig um 6:00 zu Swamiji, um an seinem Essen teilzuhaben."
Der Sekretär ließ mich rufen und sagte mir, ich solle nicht
mehr um sechs, sondern erst ein wenig später zum Shri Gurudev Kutir
gehen. Den Grund dafür nannte er auch, nämlich, wenn ich um
6:00 ginge, würde ich Teil von Swamiji's Verdauung werden. Am nächsten
Tag ging ich später zum Gurudev Kutir, woraufhin mich Swamiji befragte,
weshalb ich so spät käme, denn ich wäre doch ein sehr disziplinierter
Junge und würde alles genauso tun, wie man es mir auftat. Ich sagte
nichts dazu, doch kam ich die nächsten beiden Tage weiterhin später,
denn es war für mich eine delikate Angelegenheit. Am dritten Tage
war Swamiji verärgert und fragte: "Warum bist du plötzlich so
un-diszipliniert?" "Disziplin ist Gott," fügte er hinzu. Nun hatte
ich keine andere Wahl mehr, als ihm die Wahrheit zu berichten, nämlich,
dass der Koch sich über mich beschwert hätte, und dass der Sekretär
mich gebeten hätte, etwas später zum Kutir zu kommen. Swamiji
sagte überhaupt nichts, doch am nächsten Tag, als ich wieder
später kam, wartete Swamiji bereits auf mich. Als der Koch Swamiji
fragte, warum er sein Abendessen noch nicht zu sich genommen hätte,
war dessen Antwort: "Lass den Jungen kommen, dann esse ich." Der Koch
war erschüttert und wusste nicht mehr, was er sagen sollte und ging.
Er erzählte dem Sekretär, dass sein Rat mssachtet wird. Es gibt
nichts weiter über diesen Vorfall zu berichten, außer das Swamiji
das tat, was er für richtig hielt.
Bei einer anderen Gelegenheit, als ich am Ufer in der Annakshetra-Küche
saß, schaute Swamiji nach dem Satsanga plötzlich herein. Er
fragte mich, warum ich dort säße. Ich sagte ihm: "Ich bin auf
ein Glas Milch vorbeigekommen." Swamiji fragte: "Hast du die Milch schon
getrunken?" Ich antwortete ihm, dass es keine Milch mehr gäbe, da
sie bereits alle wäre. Er ging zu seinem Kutir und ich zu meinem
Zimmer, wo mich jemand aufsuchte und mir ein Glas mit heißer Milch
brachte. Er sagte, dass diese Milch Prasad von Swamiji wäre. Ich
probier-te sie und schmeckte den Ingwer heraus, denn Swamiji war der Einzige
im Ash-ram, der seiner Milch Ingwer hinzufügte. Ich war tief von
der Güte meines Guru berührt, der seine Milch mit mir teilte
und auf seinen Anspruch verzichtete. Die-se Vorfälle sind sehr interessant,
und, wenn ich mich erinnere, gab es viele wei-tere derartiger Ereignisse.
Eines Morgens kam ich ohne Wolldecke zum Satsanga. Es war Januar o-der
Februar, als es wirklich kalt war. Swamiji erteilte mir sofort eine Rüge
und sagte: "Warum zitterst du vor Kälte, warum hast du keine Decke
dabei? Es ist auch schlecht, sich nur an Vairagya zu klammern. Das ist
nicht in Ordnung." Am nächsten Tag kam ich mit Wolldecke zum Satsanga,
und so hielt ich es je-den Tag, selbst im März. Dann bemerkte Swamiji:
"Seht euch diesen Menschen an, er klebt selbst jetzt noch an seiner Wolldecke.
Das Festhalten an einer Decke ist genauso schlimm wie das Festhalten an
Vairagya!" Ich war sehr beschämt. Am nächsten Tag warf ich die
Decke weit von mir. Dies waren einige Beispiele, wie Swamiji normalerweise
lehrte und seinen Schülern Lektionen erteilte.
Jeden Samstagabend sagte Swamiji: "Morgen ist Sonntag. Dann will ich
dich hier nicht sehen. Du musst dich ausruhen." Wenn er dies sagte, bat
er sei-nen Assistenten, mir 20 IRS zu geben, weil er wusste, dass ich
mir das Geld nicht selbstständig vom Büro abholen würde.
Jeden Samstagabend wiederholte sich diese Prozedur, und er sagte mir immer
wieder: "Morgen will ich dich hier nicht sehen." Er betonte diese Worte
selbst dann, wenn er krank war und auf Grund eines paralytischen Anfalls
kaum sprechen konnte. Von dieser Art war seine Liebe für mich und
seine beharrliche Erinnerung an seine Schüler.
Die Regierung hat die „The Divine Life Society“ von der Einkommens-teuer
befreit, wobei ich bei den Verhandlungen mit den Regierungsstellen große
Unterstützung von Swami Gurukripanandaji und Swami Maheshanandaji,
dem Leiter unserem Buchhaltung, bekam. „The Divine Life Society“ wurde
von zu-sätzlichen Leistungen, Umsatzsteuer, Lizenzabgaben und besonderen
Auflagen (Laufzeiten) bzgl. des Druckbetriebes befreit. The Divine Life
Society erhielt viele weitere Genehmigungen von der Regierung, die an
dieser Stelle nur schwerlich dargelegt werden können.
Über Jahre, wenn ich nicht durch körperliche Beschwerden daran
gehin-dert wurde, habe ich für Gruppen von Schülern aus aller
Welt und der allgemei-nen Öffentlichkeit Meditationen abgehalten.
Meine Vorschläge und Lösungen für die Probleme, mit denen
die Menschen persönlich zu mir kamen, haben mich als Ratgeber in
spirituellen, sozialen und praktischen Angelegenheit sowie in Fragen bzgl.
der Ausbildung berühmt gemacht. Meine Bücher „The Problems of
Spiritual Life“ und „Your Questions Answered“, die in viele Sprachen übersetzt
wurden, sind exemplarisch dafür, wie ich die verschiedensten Fragen
behandelt habe. Ich habe versucht, neben meiner administrativen Tätigkeit
und neben mei-ner Rolle als Philosoph und religiöser Lehrer, Mensch
zu sein. Ich habe Lehrre-den in Hülle und Fülle gehalten, wovon
die meisten Leute gar nichts wissen, denn sie wurden noch nicht veröffentlicht.
Ich betrachte die Unterweisungen über die verschiedensten Themenfelder
für mich selbst als einen Ausbildungs-prozess, und ich war glücklich
darüber, wenn ich zu den Menschen sprach, die sich dann sehr zufrieden
gestellt fühlten. Ich hinterlasse der Welt meine Lehrre-den und Bücher
als Erbe den Menschen, die damit sehen bzw. hören können, wenn
sie dafür Zeit finden.
Bevor ich ein Glas Wasser trinke ehre ich aus alter Angewohnheit alle
Gottheiten, denen ich mich verbunden fühle. Und als ich noch ein
Kind war, versuchte mein Vater darauf zu achten: „Schau, er schließt
seine Augen.“ Er wollte nicht, dass ich meine Augen dabei schloss. Mein
Familie war höchst or-thodox religiös, und sie waren es gewohnt,
den Göttern zu huldigen, eine Tradi-tion, die ich von ihnen, von
meinem Großvater und anderen übernahm. Ich hatte meine eigene
kleine Schatulle, wo ich meine Utensilien zur Ehrung verwahrte. Kein Brahmin
verlässt ohne seine Utensilien zur Ehrung der Götter das Haus,
denn diese Utensilien sind sein größter Schatz. Selbst als
ich in Hospet war, hielt ich meine Puja ab. Sie kostete mich Zeit. Darum
stand ich um 3.00 Uhr morgens auf, nahm ein Bad und saß unter Beachtung
der genauen Aussprache der Man-tras bis 7.30 bzw. 8.00 in der Frühe
in tiefer Konzentration. Danach nahm ich mein kleines Frühstück
ein. Moksha ist mein Ziel, Gottverwirklichung ist das Ziel des Lebens;
- darauf bestand Swami Shivanandaji Maharaj und schrieb es in jedes seiner
Bücher. Seine Bücher begannen mit dieser Ermahnung, und sie
en-deten auch damit.
Jemand aus Hospet zeigte mir den Weg dorthin. Ich sprach mit ihm, denn
er war ein Mitarbeiter vom Munsiff Bezirksgericht in Puttur. Bis zum Ende
sag-te er nicht, dass er früher Schüler an der öffentlichen
Schule in Hospet war. Den Grund dafür erfuhr ich erst später,
denn jeder, der einen Abschluss von einer öffentlichen Schule erhält,
muss ein bzw. zwei Jahre lang als Lehrer arbeiten, denn schließlich
hat ihm die Regierung ein kostenloses Stipendium ermöglicht. Doch
dieser Herr wollte seine Lehrerzeit nicht absolvieren, da sie ihm nicht
be-hagte, und so kam er zum einem Job am Bezirksgericht in Puttur. Dieses
ist normalerweise unzulässig, doch er bekam diesen Job. Als man von
offizieller Stelle nach seiner Adresse suchte, bekam ich Wind davon, dass
er sein Pflicht-jahr nicht absolviert hatte. Ein paar Tage hielt ich meine
Kenntnis über ihn zu-rück, obwohl ich wusste wer er war. Doch
als man nach ihm suchte, musste ich dem Rektor Meldung darüber machen,
dass ich die gesuchte Person kannte. Der Rektor und die Belegschaft in
der Schule waren überrascht, dass ich die ganze Wahrheit kannte und
bislang noch keine Mitteilung gemacht hatte. Der Rektor war schockiert
über meine Aussage, indem er hinzufügte: „Oh, du hast die Wahrheit
zurückgehalten, obwohl wir nach diesem Mann suchten.“ Jedenfalls
endetet hier die Geschichte und mir ist auch nicht bekannt, wie sie ausging.
Der Schulleiter war ein Tyrann. Sein Name war H. Krishnacharya, der aus
Tumkur im Bundesstaat Mysore stammte. Die ganze Belegschaft der Schule
hasste ihn für seine einerseits freimütige und andererseits
tyrannische Art, mit der er die Mitarbeiter zu behandeln pflegte. Die
Lehrer der Schule tuschelten scherzhaft untereinander: „Schrecklich, wir
sollten entweder die Führung der Schule selbst übernehmen oder
davonlaufen.“ Ich schrieb an meinen Onkel, wo-bei ich erwähnte, dass
dieser Schulleiter ein Tyrann sei und ich so nicht weiter-machen könnte.
Mein Onkel antwortete: „Wenn dies der Fall ist, beschwere dich bei der
nächst höheren Stelle.“ Doch ich tat es nicht, denn sonst hätte
ich meinen Job verloren. Ich arbeitete an der Schule hart; jeder mochte
mich. Ein stellvertre-tender Ingenieur der PWD, der mich gut leiden konnte,
bat mich, ihm die Be-deutung des Kommentars von Shankaracharya über
die Bhagavad-Gita aus dem Sanskrit-Buch, das ich immer bei mir trug, zu
erläutern. Mein Problem lag darin, dass ich keine Lehrreden halten
konnte. Das Halten von Lehrreden habe ich erst durch die Gnade von Swami
Shivanandaji im Shivananda Ashram gelernt. Das richtige Schreiben und
das Lehren habe ich erst gelernt, weil Swami Shivanan-daji mich drängte,
Meister in allen Dingen zu werden, und nicht bei der Über-nahme irgendwelcher
Arbeiten zu zögern. Dies hat mich zu meinen heutigen Fähigkeiten
gebracht, wo ich meine Memoiren schreibe. Geehrt sei Swami Shi-vanandaji,
der große Lehrer, Meister, Heilige, und ich sollte Gottmensch sagen.
Die miese Art des Schulleiters kam erneut zum Vorschein, als die Beleg-schaft
einen Ausflug zum nahegelegenen Bergtempel machte, an dem ich dum-merweise
teilnahm, ohne zu wissen, was mich wirklich erwarten würde. Auf dem
Weg dorthin bemerkte der Schulleiter in sarkastischer Weise: „Das Büro-personal
sollte eine Erklärung darüber abgeben, warum es unerlaubter
Weise die Regel gebrochen hätte, die Grenzen der staatlichen Schule
zu überschreiten.“ Natürlich war ich beschämt, denn ich
kannte die Regel nicht. Und noch viele andere Dinge begriff ich erst viel
später. Wir hatten zum Beispiel eine Biblio-thek mit vielen guten
Büchern, und obwohl es nicht meine Pflicht war, habe ich mich darum
gekümmert. Eines Tages kam ein Lehrerkollege zu mir und machte mich
auf einige gedruckte Formblätter aufmerksam, die unter meiner Obhut
wä-ren, und die nicht verlorengehen sollten. Dummerweise hatte ich
nicht verstan-den, worum es eigentlich ging, weil ich mich nie in dem
Raum aufhielt, wo jene Formular aufbewahrt wurden. Bei bestimmten Sachen
verhielt ich mich wie ein Simpel. Einige Tage danach stellte man fest,
dass jene Formblätter verlorenge-gangen waren, und niemand wusste,
wo sie abgeblieben waren. „Du musst dafür bezahlen,“ hieß es
und ich war schockiert. Wo sollte ich das Geld hernehmen? Dann erzählte
jemand, dass die staatliche Schule in Bellary noch über Kopien verfügen
und gegen Bezahlung abgeben würde, und ich sollte sie bezahlen, ob-wohl
es nicht mein Fehler war. Wenn ich jedoch nicht bezahlt würde, würde
man mich bei den Regierungsstellen anschwärzen. Weiterhin wurde mir
aufge-tragen, die Grundregeln der Regierung zu erlernen. Dann sollte ich
mich mit den britischen Regeln und den Ausnahmen der Regierung in Madras
beschäftigen. Dann erfuhr ich, dass jeder Staatsdiener ein Dienstbuch
haben müsste, wovon ich nichts wusste. Irgendjemand erzählte
mir, dass dieses Dienstbuch dazu die-nen würde, dass der Schulleiter
seinen monatlichen Bericht über mein Verhalten schreiben könnte.
Ich war in dem Glauben, dass diese Vorgehensweise in jedem Amt üblich
wäre. Ich wusste nichts über diese geheimnisvollen Verfahren,
die alle zu meinem Nachteil gereichten, und die mir weitere Sorgen bereiteten.
Ich schrieb an meinen Onkel, dass all diese Umstände mich veranlassen
würden, so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Er besuchte
mich umgehend in Hospet, um mich daran zu hindern, einfach davonzulaufen.
In einer schwierigen Situation entschloss ich mich, den Ashram
zu ver-lassen und für längere Zeit nach Gujarat zu gehen. Dr.
Krishna Rao, der nun im Ashram weilte, kümmerte sich um mein Taxi
und ließ mich direkt zu seinem Freund bringen, dessen Haus sich
gegenüber dem Balaknath Tempel in Delhi befindet. Dort erholte ich
mich für einige Tage und befasste mich mit meinem Manuskript über
„The Philosophy of the Bhagavadgita“, wobei mich mein alter Freund Devinder
Kumar täglich beschwor, die Überarbeitung so schnell wie möglich
zu vollenden. Er übernahm die Verantwortung für den Buchdruck
und schickte die fertigen Bücher an meine Adresse in Gujarat. Mein
Aufenthalt in Gujarat ist eine Geschichte für sich. Dr. Gangadhar
Bhatt aus Dhrangadhra, Dr. Adhwaryoo aus Virnagar und Shri Pran Lal Mehta
aus Rajkot schenkten mir in Gujurat ihre Aufmerksamkeit. Zu jener Zeit
besuchte ich zusammen mit Dr. Adhwaryoo den heiligen Somnath Tempel an
der Westküste. Auf dem Weg dorthin besuchte ich Bhavalka Tirth, den
Ort, von dem man annimmt, dass Shri Krishna dort seinen Körper verlassen
hatte, nachdem ein Jäger aus Bhavalka mit seinem Pfeil irrtümlich
seinen Zeh getroffen hatte, von dem er annahm, dass es sich um den Schnabel
eines Vogels gehandelt hätte. Diese Geschichte ist in wundervoller
Weise von Srimad Bhagavata Mahapurana niedergeschrieben. Ich besuchte
auch den Ort nahebei, von dem es heißt, dass dort Arjuna mit seinen
Riten Krishna zum Bleiben veranlasst hätte. Weiterhin besichtigte
ich eine na-hegelegene Höhle, in die sich Balarama in Form einer
Schlange zurückgezogen haben soll, von der angenommen wird, dass
sie die Inkarnation von Ananta, der göttlichen Schlange, ist. Krishna
soll der Legende nach Narayana selbst sein. Der gegenwärtige Tempel
von Somnath ist eine gewaltige Steinkonstruktion, was dem ehemaligen Verteidigungsminister
Sardar Patel zu verdanken ist, der sich damals gegen Jawaharlal Nehru
durchgesetzt hatte, damit die Mittel auf Grund der kulturellen Bedeutung
des Gebäudes vom Indischen Staat bereitge-stellt werden mussten,
denn, so hieß es, Somnath diene nicht ausschließlich reli-giösen
Zwecken. Damit konnte Nehru entgegen seiner eigenen Überzeugung zustimmen.
Ganz in der Nähe befindet sich ein kleiner Tempel, von dem be-hauptet
wird, dass es sich um die Reste des Siva Linga handelt. Der Tempel wurde
in früherer Zeit während der Invasion von Mohammed von Gazni
zer-stört. Der Tempel wurde in den letzten Jahren auf Grund der anwachsenden
Pil-gerströme zum Arati immer wieder erweitert. Dieser Tempel ist
nicht wie ein normaler Tempel, wie sie überall in der Umgebung zu
finden sind. Die Besucher können nicht hineingehen und sich vor ihrer
Gottheit verneigen und sie vereh-ren. Nur eine Person, den man Pujari
nennt, ist für die Verehrungen zuständig. Mittags um zwölf
ertönt ein Glöckchen und der Pujari entzündet ein heiliges
Licht, hält einen Gottesdienst und die Puja ist beendet. Ein Pfeil
weist vom Tempel auf den Ozean und lässt erkennen, wo Gazni Mohammed
während sei-ner Invasion den Lingam zerbrochen und dann in den Ozean
geworfen hat.
Ich verbrachte ungefähr eine Woche im Gästehaus Sharadagram,
einer Hochschule, unter der Leitung von Gandhian, von dem ich herzlich
empfangen wurde, denn Dr. Adhawaryoo hatte alles liebevoll arrangiert.
Dr. Adhwaryoo stellte mir sein Fahrzeug samt Fahrer und seinen Koch zur
Verfügung, sodass ich überall hinfahren konnte und nach Herzenslust
jedes Essen auswählen konn-te. So gütig war Dr. Adhwayoo. Dr.
Adhwaryoo nahm mich mit nach Diu, wo seine Frau geboren worden war. Offensichtlich
stand dieser Ort früher unter por-tugiesischer Verwaltung. Die Reise
dorthin dauerte sehr lange, ermüdete mich sehr und ich fühlte
mich wie tot, als wir zurückkamen. Doch nun kommt das Wichtigste.
Auf dem Weg sah ich auf Grund eines Hinweises von Dr. Adhwary-oo einen
großen Baum mit einem riesigen Umfang. Dieser Baum wurde von Leuten
verehrt, die sich Prachi-Vriksha nannten. Die Leute erzählten, dass
unter diesem Baum Shri Krishna seine letzte Anweisung an Uddhava gegeben
hätte, so wie es in der Srimad Bhagavata Mahapurana geschrieben steht.
Shri Shiv Narayan Kapur, ein Treuhänder, der „The Divine Live Society“
lud mich zu einem Dreitagesseminar nach Bombay ein, wo ich über Philosophie,
Psychologie und Yogapraxis Lehrreden hielt. Dr. Adhwaryoo nahm mich mit
nach Bhavnagar, wo ich über Nacht blieb, und auch vor einer Versammlung
sprach. Bhavnagar war der Hauptsitz von einem der Marathaoberhäupter,
der auch als Gaekwad bekannt war. Die anderen Marathaführer waren
Holkar von Indore, Bhonsle von Nagpur, Scindia von Gwalior und Peshwa
von Puna. Die Marathaoberhäupter mischten sich mit dem Führer
von Peshwa in die Schlacht gegen Ahmed Shah Abdali ein. Ahmed Shah Abdali
versuchte die Marathas zu unterwerfen. Die Marathas fielen in der Schlacht
von Panipat. Auf dem Weg nach Bhavnagar wurde uns ein Tempel gezeigt,
wo Nana Phadnavis seine letz-ten Tage verbrachte, als die britischen Truppen
ihn als Leutnant (Assistent) der Maharani von Jhansi verfolgten. Der zweite
Assistent der Maharani war Tantia Tope, der von den Briten gefangen genommen
und getötet wurde. Ich schreibe nicht über die Geschichte der
britischen Besetzung Indiens, sondern ich schreibe nur über das,
was zufällig am Weg lag und sich dort zugetragen hatte.
Während ich in Gujarat weilte, besuchte mich Brigadier L.N. Sabharwal,
um mich einzuladen. Er nahm mich mit zu sich nach Bhuj. Dazu mussten wir
eine lange Reise mit dem Auto seines Freundes unternehmen. Ich blieb ein
paar Tage bei ihm. Er kümmerte sich rührend um mich und führte
mich zu einem be-rühmten See, der als Narayana Sarovar in der
Srimad Bhagavata Mahapurana erwähnt wurde, wo man in früherer
Zeit zu baden und zu beten pflegte. Dann wurde ich zu einem alten Mann
geführt, der die Zukunft mit Hilfe des Namens voraussagen konnte.
Der alte Man fragte den Brigadier nach seinem Namen, und als der seinen
Namen nannte, sagte der alte Mann zu ihm, wann er befördert werden
würde und andere Dinge über sein Leben. Bezogen auf mich, sagte
der alte Mann, ich sei jemand, der die ganze Butter aufgegessen und die
Buttermilch und den Käse fortgeworfen hätte. Dann kehrten wir
zurück nach Bhuj. Danach flog ich nach Bombay und weilte im Haus
von Mr. Sanghvi, einem großen Freund und einer Stütze von Dr.
Adhwaryoo. In dem Haus traf ich zufälliger-weise auch Swami Chidanandaji,
der mir berichtete, dass alles durch die Gnade Gottes im Ashram gut lief.
Wir fuhren mit dem Zug zurück bis Mathura. Am 9. Dezember 1969 a-bends
erreichten wir Mathura, wo Shri Chamanlal Sharma mit seiner Familie, Shri
Devadhar Sastri vom Birla Mandir, Smt. Vimala Shankar aus Jaipur und Shri
Boribabaji aus Vrindavan uns erwarteten. Vom Bahnhof gingen wir direkt
zu Shri Krishna Janmasthana und nahmen am Arati im Tempel teil. Shri Devad-har
Sastriji führte uns herum und erklärte den derzeitigen Stand
der Ausgrabun-gen vom Geburtsort Shri Krishnas unterhalb einer Moschee,
die zur Zeit der mohammedanischen Herrschaft über dem Grab errichtet
worden war. Die offi-ziellen Stellen, die mit den Ausgrabungen und der
Wiederherstellung des heili-gen Ortes befasst waren, ließen den
Untergrund mit Marmorgestein bepflastern, bauten einen Tempel zu Ehren
von Shri Krishna und hielten den eigentlichen Geburtsort unter Verschluss,
von dem angenommen wird, dass er Teil eines Verlieses nahe dem Palast
von Kamsa gewesen sei, wo möglicherweise die gött-liche Ankündigung
stattfand. Eine Kommission, bestehend aus der Birla und Dalmia Familie,
denkt darüber nach, einen Satsanga Bhavan zu errichten, wo sie entweder
die Achtzehntausend Verse der Srimad Bhagavata in Marmor meißeln
lassen oder eine Bildergalerie mit Bildern über das Leben des Herrn
Krishna einrichten wollen.
Dann fuhren wir nach Vrindavan zu unserer Unterkunft bei Shri Chaman-lalji
und seiner Familie. Unmittelbar danach gingen wir zum heiligen Darshan
von Shri Banke-Behariji, dem heiligen Oberhaupt von Vrindavan. Der Schutz-heilige
des Tempels wurde von dem Heiligen Haridas an einem Platz bestimmt, den
man in Vrindavan ‚Nidhivan‘ nennt. Der Zeitpunkt der Entdeckung des Schutzheiligen
und die Gründung dieses Tempels wird alljährlich (am fünften
Tag nach Vollmond des Monats nach Margasirsha) im November/Dezember mit
großem Aufwand gefeiert. Wir erwiesen auch unsere Ehrerbietung dem
Tempel von Shri Radhavallabh, der unter Mithilfe des Heiligen Hitaharivamsh
gegrün-det wurde. Der Radhavallabh Kult in Vrindavan unterscheidet
sich sehr von dem von Shri Vallabhacharya, der eine Form der Pushti-Marga
Hingabe lehrte. Ob-wohl beide Verehrungsformen von Sampradyas in Vraja-Bhumi
zu finden sind, sollten sie nicht miteinander verwechselt werden. Vraja-Bhumi
ist ein gemein-samer Name, der die ganze Region von 168 Quadratmeilen
betrifft, und in dem sich Shri Krishna der Herr bewegte. Anstatt, wie
es üblich ist, Gott als Verkör-perung von Liebe (Premaswarupa
Bhagavan) zu betrachten, betrachten die An-hänger von Radhavallabh
Sampradaya, Liebe als die Verkörperung Gottes (Bhagavat-swarupa Prema),
und versuchen, mit solch einer Form der Hingabe zu Gott, ihr Leben zu
leben.
Am 10. Dezember besuchten wir einige andere Tempel in Vrindavan, un-ter
anderem auch den Tempel des berühmten Ranganatha-Swami, der nach
dem südindischem Muster eines Srirangam Schreins gebaut wurde. Wir
besichtigten auch den bereits erwähnten Nidhivan und Seva Kunj, der
noch eine weitere Be-sonderheit hatte. Es wird gesagt, dass im Grab von
Seva Kunj Krishna der Herr selbst heute noch sein ewiges Spiel von ‚Rasa-Lila‘
mit den Göttern treibt. Aus diesem Grunde sind zur Nachtzeit die
Tore zum Tempelbezirk für Besucher ver-schlossen. Man sagt, dass
Menschen, die sich in der Nacht dort hineinbegeben, entweder auf Grund
ihrer Auflösung in Gott oder auf Grund einer Verwirrung ihres Geistes,
nicht mehr zurückkehren. Wir besuchten in Vrindavan einen höh-lenähnlichen
Raum, wo die Heilige Mira in jenen Tagen ein Leben in Hingabe zum Herrn
geführt haben soll. Bei all diesen Tempelbesichtigungen in Vrinda-van
wurden wir von Shri Sevak Saran Sharma aus Delhi begleitet, der ein Ken-ner
des Lebens von Vrindavan in jenen Tage war.
Auf Einladung des Leiters des Instituts für orientalische Philosophie
nahm ich am Vormittag des 10. Dezembers an einer Vorlesung und Diskussion
über die Verwirklichung der Religion im praktischen Leben vor den
Studenten des Instituts teil. Man kann überall in der Welt beobachten,
dass die Regierungen die Verwaltung als weltlich und unabhängig von
jeglicher Religion ansehen. Dieses sollte die Augen der Protagonisten
der Religionen öffnen, die darin den Grund für die Aufteilung
von Religion und normalem Leben erkennen sollten. Es ist offensichtlich,
dass Religion nicht als Teil des Lebens angenommen wird, doch sollte dies
kein Vorwand dafür sein, dass die Religion von gesellschaftlichen
und politischen Kreisen geächtet wird. Bei genauem Hinsehen wird
es offen-sichtlich, dass es einerseits ein Missverständnis über
die Bedeutung der Religion durch die Administration der Regierung gibt,
und andererseits durch jene eine falsche Darstellung von Religion gibt,
die bekunden, es zu lehren und zu leben. Die Gegner der Religion umgab
immer die Furcht, die sich auf ein Leben nach dem Tod bezieht, was möglicherweise
existiert oder auch nicht, und dies hat auch ein wenig mit den Problemen
des Lebens in dieser Welt zu tun. Gott ist, wenn ER denn wirklich existiert,
nicht in dieser Welt, und die Religion, von der angenommen wird, dass
sie nur ein Weg zu IHM ist, kann für ein Leben auf Er-den nicht relevant
sein. Wenn dieses wirklich so ist, kann Religion nichts mit einem gesellschaftlichen
und politischen Leben zu tun haben, was eine Angele-genheit von dieser
und nicht von einer anderen Welt ist. Gleichzeitig hängen die Religionsanhänger
mit einem heimlichen Misstrauen starrsinnig an der Religi-onsausübung,
wie z.B. Ritualen, traditionellen Zeremonien und Gewohnheiten, dass Gott
über ihnen und nicht in dieser Welt ist. Es sind die Religionsanhänger,
die den Parlamentariern und den Spitzen der Gesellschaft ein Beispiel
für die Rahmenbedingungen geben, darum sollte man sich nicht über
die Verbannung der Religion aus dem gesellschaftlichen Leben wundern.
Doch falls das Leben nichts mit Religion zu tun hat, sollte man nur jener
Religion folgen, die im Le-ben vernachlässigt werden kann, insbesondere,
da niemand bisher ein Leben nach dem Tod gesehen hat.
Dieses ist ein Leid, das durch die Religionsanhänger geschaffen
wurde, die durch ihre Dogmas und Glaubensbekenntnisse scheinbar mehr Schaden
an-gerichtet haben als es gut ist. Wir haben viele Religionen, doch kein
religiöses Bewusstsein. Die religiöse Praxis sollte nicht so
aussehen, als ob man in einen Klub oder in ein Kino geht, oder wie eine
Art von Zerstreuung nach der tägli-chen Arbeit. Die Religionsführer
haben unglücklicherweise diesen Eindruck in den Köpfen der Leute
hinterlassen, was auch immer sie über einen all-durchdringenden Gott
den Menschen, die nur auf Schriften und religiöse Zu-sammenkünfte
angewiesen sind, gesagt haben mögen. Diese Art von Religion kann
nicht überleben, denn sie ist nicht wahr. Was nicht wahr ist, kann
keinen Menschen anziehen, denn wir können selbst Gott nicht lieben,
wenn ER kein Bezug zu unserem persönlichen Leben hat. Gott und Religion
sollten etwas für uns bedeuten und nicht als Objekte des Hörensagens
und als Werkzeuge be-trachtet werden, die man je nach belieben benutzen
oder wegwerfen kann. Uns fehlen die richtigen Lehrer der wahren Religion,
denn es ist nicht bloß eine der Lebensfunktionen, sondern es ist
ein anderer Name für ein vollkommen gelebtes Leben. Die Religion
ist eine solch große Wissenschaft, dass sie alle anderen dem Menschen
bekannten Wissenschaften übertrifft. Sie zeigt ihm, wie er Dinge
er-reichen kann und äußere Bedingungen schaffen kann. Die Wissenschaft
der Re-ligion sagt ihm, wie er leben kann, denn nichts kann als etwas
Höheres angese-hen werden als das Leben selbst, wobei die anderen
Wissenschaften nur Beiga-ben sind. Die Religion, was ein Leben in Wahrheit
und in Gerechtigkeit bedeu-tet, ist auch ein Leben in Gott, denn Gott
ist Wahrheit und Gerechtigkeit, und umgekehrt. In diesem Sinne stellt
die Religion eine Verbindung zwischen der menschlichen Existenz und seinem
Kosmos her, und macht ihn auf die Tatsache aufmerksam, dass er ein Zentrum
von universaler Bedeutung ist, indem die Verwirklichung des Menschseins
zur Brüderschaft wird, und das Leben ein Zu-fluchtsort von Frieden
und Freude ist. Niemand kann ohne solch eine Religion leben, und es sollte
die Pflicht eines jeden Bürgers der Bharatavarsha sein, da-nach zu
streben, dieses Ideal zu erreichen, und Meister und Helden darauf vor-bereiten,
die dieses Wissen des wahren Lebens verbreiten. Das Leben kann nicht ohne
Religion sein, denn die Religion ist die Seele des Lebens.
Am Morgen des 11. Dezembers fuhren wir nach Barsana, das bei den Schreinen
in seiner Bedeutung gleich nach Vrindavan kommt. Barsana war frü-her
dafür bekannt, der Wohnsitz von Radha, dem göttlichen Begleiter
von Kris-hna zu sein, dessen Tändeleien in vielen erhebenden Gedichten
seit der Zeit der Brahmavaivarta Purana über die großen Chaitanya
Mahabrabhu bis hin zu den ekstatischen Vaishnava-Anhängern besungen
wurde und in der heutigen Zeit wird. Der Tempel von Radha befindet sich
auf einem Hügel, der als wundervolle Offenbarung von Brahma in himmlischer
Verbindung mit zwei weiteren heiligen Hügeln in der Nähe verehrt
wird, wobei sich der Eine als Offenbarung von Vishnu in Govardhan und
der andere als Offenbarung von Shiva in Nandagaon befindet. Der verehrte
Shri Swami Harisharanandaji Maharaj, unse-rer älterer Gurubhai, der
ursprünglich aus unserem Ashram stammt, hielt sich nun in Barsana
auf und übte sich in Tapas und Sadhana. Auf Einladung von ihm besuchten
wir seinen Kutir in Dharmashala, wo wir uns einen Tag lang aufhiel-ten.
Shri Chamanlal Sharma begleitete uns mit seiner Familie und organisierte
die Fahrt nach Barsana. Alle Besuche zu den verschiedensten Schreinen
in Vraja wurden von diesen beiden Freunden liebevoll organisiert, was
zunächst viel Mühe bei der Organisation bereitete und danach
viel Aufwand bei den Erklä-rungen der heiligen Plätze nach sich
zog. Außerdem darf die Spende durch den Sohn von Shri Hari Govindiji,
dem Rasa-Lila-Vertreter und Organisator von Vrindavan, nicht unerwähnt
bleiben. Shri Hari Govindiji sorgte während unseres gesamten Aufenthaltes
in Vraja dafür, dass wir alle Schreine in der Umgebung besichtigen
konnten. Nach dem Darshan am Tempel des heiligen Radha fuhren wir zum
heiligen Ghavar Kunj (Wäldchen) nach Barsana, einem anderen be-rühmten
Ort des früheren Rasa-Lila von Bhagavan Shri Krishna mit Radha und
den Gopis von Vrindavan. Die Plantagen in Seva Kunj und Ghavar Kunj haben
etwas Gemeinsames und scheinen beide, Plätze desselben göttlichen
Sports des Herrn zu sein. Es herrscht hier am Vraja Bhumi eine tiefe Stille
und eine Atmo-sphäre der Feierlichkeit. Es gibt dort einen schwarzen
und einen weißen Felsen, die zusammen als Verkörperung von
Krishna und Radha mit zwei Gesichtern angesehen werden. Von dem engen
Pfad zwischen den zwei Hügeln wird ge-sagt, dass die Gopis hier früher
ihre Milch, ihren Joghurt und Ihre Butter in Ge-fäßen transportiert
hätten, wobei Krishna, der dieser Produkte regelmäßig
be-durfte, ihnen als Kind begegnen wäre. Zur Erinnerung an dieses
Lila lassen die Dorfbewohner noch heute ein wenig Milch auf den Weg tropfen,
wenn sie die-sen zum Milchtransport benutzen. Man glaubt, wenn man diese
Gewohnheit un-terlässt, gäbe es keine guten Geschäfte mit
den Milchprodukten mehr.
Bevor wir Nandagaon verließen, nahmen wir an einem kurzen Satsanga
im Kutir von Shri Swami Harisharanandaji Maharaj teil. Den letzten Schrein
erreichten wir bei Sonnenuntergang. Wir machten unsere Aufwartungen in
den Tempeln von Nanda, Yasoda, Balarama und Krishna. Danach kehrten wir
noch in der Nacht nach Vrindavan zurück.
Am Morgen des 12ten Dezember nahmen wir an einem Darshan von Go-kul teil.
Dieser Platz liegt auf der anderen Seite des Flusses Yamuna, wohin Va-sudeva,
der Vater von Krishna, sein Kind, auf göttlichem Geheiß, vom
Gefäng-nis aus hinbrachte. Auch hier gibt es einen Tempel, der Balarama,
dem ältere Bruder von Krishna, und seiner Gemahlin gewidmet ist.
Der Haupttempel ist dem Kind Krishna geweiht. Im Umfeld gibt es noch einige
kleinere Tempel, die dem Kind Krishna geweiht sind. Die gesamte Gegend
von Mathura, Gokul, Vrindavan und anderen Vororten ist dem jungen Leben
von Krishna geweiht.
Am Nachmittag verließen wir Govardhan. Auf dem Weg nahmen wir am
Darshan von Radha Kund und Shyam Kund teil, den beiden Wasserbecken von
Radha und Krishna. Govardhan ist der berühmte Hügel, von dem
man sagt, er hätte die Form Krishnas angenommen, um Opfergaben von
den Bewohnern von Vraja anstelle von Indra zu erhalten. Dies ist eine
Geschichte, die uns bekannt vorkommen mag, und die der Beschreibung eines
Vorfalles aus der Srimad-Bhagavata entspricht. Die Besucher von Govardhan
kommen zu dem Hügel und ordnen, mit der Bitte um eine Wunscherfüllung,
kleine Steinformation wie Häu-ser an. Die Leute glauben, dass diese
Steinformationen die Erfüllung ihrer Wün-sche sichert, und ihren
Seelen nach dem Ableben einen Platz in der Heimstatt ihrer verehrten Gottheit
sichert. Wir fuhren nach Mukharavind, einem der Mün-der des Herrn
in Form eines Hügels, durch den ER die Opfergaben erhält. Nach-dem
wir unsere Ehrerbietung gezeigt hatten, gingen wir zum anderen Mund auf
dem Hügel unterhalb des Tempels von Srinath. Auch hier zeigten wir
unsere Ehrerbietung, berührten den heiligen Schrein und kehrten nach
Vrindavan zu-rück. Auf dem Rückweg besuchten wir Manasi Ganga,
einen See mit heiligem Wasser, von dem gesagt wird, es sei die sichtbare
Offenbarung und eine weiter Ausgabe des Ganges in Vajra, das durch die
Gedankenkraft von Krishna als Se-gen für seine Freunde erschaffen
wurde.
Am Abend desselben Tages wurde ich zu einem Vortrag in den Rotary Club
eingeladen. Ich hatte dort die Gelegenheit über einige Sichtweisen
zu spre-chen, die den Versammelten bisher unbekannt waren. Das Motto des
Clubs „Das Dienen steht über dem Selbst“, erregte beim Betreten meine
Aufmerksamkeit. Ich bemühte mich über das Wunder dieses Mottos
zu sprechen, denn es beinhal-tet eine versteckte Wahrheit, die der Öffentlichkeit
nur wenig bekannt ist. Die Arbeit und das Selbst sind zwei bedeutende
Begriffe, die zwei Aspekte des Le-bens ansprechen, nämlich das ‚Werden‘
und das ‚Sein‘. Die Arbeit ist irgendwie untrennbar von uns selbst, denn
es scheint, dass die Arbeit ein Ausdruck des Selbst ist, und es ist schwierig
zu verstehen, wieso die Arbeit über dem eigenen Selbst stehen kann.
Die Wirkung kann nicht über der Ursache stehen. Obwohl dieses die
oberflächliche Schwierigkeit sein könnte, die durch das Ideal
hervor-gebracht wird, so löst es sich doch bei einer näheren
Betrachtung von ‚Arbeit und Selbst‘ auf.
Es gibt zwei Formen von Arbeit, und zum Zweck der Analyse können
wir sie als die niedere und die höhere Arbeit bezeichnen. Die niedere
Arbeit ist die Arbeit, die als äußere Erscheinung von einem
persönlichen Selbst als Ursache ausgeht. Hier steht das Selbst im
kausalen Sinne über der Arbeit. Diese Art von Arbeit hat weitere
Folgen mit einer Rückwirkung auf das kausale Selbst und bindet es
als ausgleichende Gerechtigkeit. Unter diesen gegebenen Umständen
befindet sich das Selbst, obwohl es die scheinbare Ursache ist, auf der
gleichen Stufe mit der wirklichen Handlung. Beide sind individualistisch,
vorübergehend und beeinflussen sich wechselseitig. Dieses Netzwerk
eines solchen persönlichen Selbst mit den ausgleichenden Handlungen
ist die Welt der Bindungen.
Doch gibt es eine höhere Form der Arbeit, die nicht bindet, sondern
be-freit. Diese Form der Arbeit wird als Dienen bezeichnet und steht über
dem Selbst. Normalerweise kann keine wirkungsvolle Handlung die Ursache
(den Handelnden) durchdringen. Doch es liegt eine besondere Assoziation
im Die-nen, die transzendent zum individuellen Selbst steht. Dies wird
möglich, wenn das Motiv zur Handlung die wünschende Natur des
Individuums überwindet. Das Motiv oder die Absicht hinter einer Handlung
bestimmt, ob es das Indivi-duum bindet ober unberührt lässt.
Je größer die Motivation ist, desto größer ist die
Freiheit des eingebundenen Ausgangspunktes oder des Agenten, und desto
höher ist der Wert der Handlung. Das Ausmaß der Motivation
liegt in der Aus-dehnung der persönlichen Grenze, des Wunsches, der
Begehrlichkeit, der Gier usw. Es gibt Abstufungen dieser Selbsttranszendenz,
und das höchste Selbst, das absolut transzendent gegenüber allen
seinen Vorstellung ist, ist die absolute Re-ferenz und der bestimmende
Faktor einer Handlung oder Arbeit, wenn sie zum Dienen wird, und sie ist
ein unmittelbarer Ausdruck der eigenen Freiheit und der Güte. Je
mehr man sich der Universalität des Selbst nähert, desto intensiver
wird die eigene Freiheit und die innewohnende Güte des Charakters
und der Führung. Der Spruch „Das Dienen steht über dem Selbst“
zeigt nicht nur ein ethisches Prinzip, sondern deutet auf eine unvermeidliche
Referenz zur spirituellen Wirk-lichkeit im täglichen Leben hin.
Der 13. Dezember war der Jahrestag des Tempel-Idols von Banke-Behariji
in Vrindavan, der von dem Heiligen Haridas entdeckt wurde. An die-sem
Tag fand in Nidhivan ein wundervolles Musikfest statt, an dem viele nam-hafte
Sänger und Verfasser heiliger Schriften teilnahmen. Von hier aus
bewegte sich eine große Prozession singend und musizierend zum Haupttempel.
Wir schauten uns diese Prozession bis zum Ende an und machten unsere Aufwartung
am heiligen Schrein. Am Abend nahmen wir, nachdem wir Vishramghat besucht
hatten, wo Shri Krishna sich eine Ruhepause nach der Zerstörung von
Kamsa gegönnt haben soll, am Darshan von Shri Dwarakadhish teil,
der in Mathura auch als Mathuradhish bekannt ist. Danach gingen wir zu
Shri Krishna-Janmasthana zurück und hatten unsere Abendgebete. Dieser
Ort wird als der eigentli-che Geburtsort von Krishna angesehen. Wir nahmen
am Arati teil und gingen zu unserer Unterkunft in Vrindavan zurück.
Während unseres Aufenthaltes in Vrindavan nahmen wir am Rasa-Lila
teil, das von Krishna-Anängern vortragen wurde. Rasa-Lila ist eine
Aufführung des göttlichen Sports Krishnas in Vraja-Bhumi in
mehreren Akten, um in den Herzen der Menschen einen göttlichen Geist
und Liebe zu Gott zu erwecken. Vrindavan hat zwei große Spielstätten
für derartige Aufführungen. Die Auffüh-rungen finden über
das ganze Jahr hinweg täglich statt. Die Stücke werden in der
alten Vjara-Sprache dargeboten. Das Rasa-Lila beschränkt sich nicht
nur auf das Kräftemessen als Rasa-Tanz von Krishna mit den Gopis,
sondern beinhaltet alle Sportarten, die von Shri Krishna in Vraja-Bhumi
ausgeübt wurden. Die bildhafte und melodische Darbietung der Schauspieler
und Sänger ist wunder-voll und berührt die Zuschauer, und wenn
man einer solchen Aufführung beige-wohnt hat, fühlt man sich
erhoben.
Von Dhrangadhra aus, wo ich bei Dr. Gangadhar Bhatt untergebracht
war, und der mir in nur drei Tag ein großes Haus unter dem Titel
‚Krishna über sieben Meilen von zu Haus‘ zur Verfügung stellen
konnte, fuhr ich in seinem Auto nach Kurukshetra. Ich erzählte ihm
über eine Tradition, bei der niemand nach Kurukshetra gehen kann,
ohne dass ihn ein tragisches Missgeschick be-gegnen würde. Alles
ging gut, bis das Auto im Morast stecken blieb und nicht mit eigener Kraft
wieder herauskam. Ich erzählte meinem ehrenwerten Doktor, dass die
Mahabharata bereits, wie erwartet, stattfand. Er verließ augenblicklich
das Auto und kam mit einer Zugmaschine zurück, nahm unser Auto ins
Schlepp-tau und ließ es aus dem Morast ziehen. Einige Freunde warteten
schon zum Mit-tagessen auf uns. Wir aßen schnell ein wenig Reis
mit Linsengemüse. Denn wir hatten kaum Zeit zur Rast. Ich wollte
mir einige Denkmäler von Shri Krishna in Kurukshetra anschauen, doch
ich bekam keine zu sehen. Ich protestierte über das gefühllose
Verhalten der Menschen gegenüber einer solchen Größe Indiens,
dem sie nicht einmal mit einem Denkmal ihre Ehre erwiesen. Voller Abscheu
wollte ich nun den Platz sehen, wo Bhishma gefallen war. Ich wurde zu
einem Teich gebracht, von dem angenommen wird, dass sich Bhishma dort
niederge-legt hatte und um einen Schluck Wasser bat. Duryodhana brachte
ihm eiligst ein Gefäß mit Wasser, doch Bhishma sagte: „Ich
möchte Heldenwasser.“ Woraufhin Arjuna einen Pfeil mit solch einer
Gewalt in den Boden stieß, sodass ein Schwall Wassers emporschoss
und sich direkt in den Mund von Bhishma ergoss. Mein Ausflug nach Kurukshetra
stellte mich nicht zufrieden, denn einen Krishna gab es dort nicht, obwohl
er doch das Hauptsymbol für Hingabe und Respekt gewesen ist.
Swami Chidanandaji schickte mir aus Delhi eine Nachricht, ich möge
die Wohltätigkeitsveranstaltung besuchen, die von der ‚Swami Shivanandaji
Cultu-ral Association‘ unter der Leitung von Shri H.D. Sharmaji organisiert
wurde. Für die Veranstaltung war geplant, dass Stars wie Manna De
und andere Film-größen mit dem Gesang von Bhajans auftreten
sollten. Obwohl die Stars nur wenige Zeilen sangen, bestand das Publikum
auf Zugaben. Im Ashoka Hotel gab es ein einfaches Essen und etwas zu trinken.
Ich wünschte mich davonzustehlen, doch ich war aus gesellschaftlichen
Gründen gezwungen dort zu bleiben. Ich litt unendlich und verließ
schließlich die Veranstaltung. Dieses Ereignis zeigte, dass die
Menschen nur ihre Kinostars und sonst niemanden lieben.
Anlässlich einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu Ehren eines
Präsidenten-besuchs traf ich mit dem Zail Singh, dem Präsidenten,
im FICCI Auditorium zusammen. Obwohl er ein wenig Englisch sprechen konnte,
zog er es vor, mit den Anwesenden in Hindi zu sprechen. Ich musste meine
Ansprache auch in Hindi halten, doch, was ich sagte, war wohl jenseits
des normalen Verstehens. Nach meiner Rede sagte der Präsident: „Ich
erkenne an Ihrer Rede, dass Sie eine große Persönlichkeit sind.
Ihre Reden sollten im Radio (ALL India Radio) über-tragen werden.
Von Panipat fuhren wir zurück nach Delhi, und von dort kehrten wir
in den Ashram zurück.
Als ich am 25. April 1922 auf dem aufsteigenden Stern von Revati geboren
wurde, erzählte man mir, dass ich ein schwächliches Kind mit
gelber gallenartiger Hautfarbe sei. Die Leute glaubten, dass ich nicht
überleben würde. Mein Großvater hatte einen Blick auf
mein Horoskop geworfen und sagte: „Wenn das Horoskop korrekt ist, dann
wird dieses Kind nicht sterben.“ Meine Mutter rieb mich über einen
langen Zeitraum mit einer Salbe aus Blättern ein, um mein gelbliches
Aussehen zu mindern. Die gelbliche Hautfarbe verschwand. Dann bekam ich
Asthma, die ich von meiner Mutter geerbt hatte, wobei meine Mutter nach
meiner Geburt kein Asthma mehr hatte. Es war wie die Weitergabe eines
Besitztums. Wirklich Merkwürdig! Meine Mutter hatte ein Rezept gegen
mein Asthma. Das Rezept bestand aus einem aufgekochten Saft aus der Borke
eines Baumes, aus dem Trommelschlägel gefertigt werden. Es war ein
widerliches Gebräu, doch es half nach einiger Zeit. Wenn die Asthmaanfälle
zu schlimm wurden, trug mich mein Vater auf seinen Schultern zu Dr. M.S.
Satyasundar Rao, unserem Hausarzt, und bat ihn, mir eine Spritze gegen
die Asthmaanfälle zu geben. Danach brachte mich mein Vater wieder
nach Hause. Um mich zu sehen, besuchte mich dieser Arzt überraschenderweise
viele Jahre später im Shi-vananda Ashram und sagte: „Ich weiß
nicht, ob du mich überhaupt akzeptierst, denn du bist inzwischen
eine große Persönlichkeit geworden, und ich bin nur ein armer
Arzt geblieben.“
Ich habe immer noch Asthma. Viele Ärzte haben mich auf die verschiedenste
Art und Weise behandelt und mir bis hin zu Kortison, das mir meine restliche
Gesundheit ruiniert hat, alle möglichen Mittel verabreicht. Zur Zeit
geht es mir dank eines guten Arztes, N.B. Srivastava, vom Krankenhaus
der Regierung in Rishikesh etwas besser. Ich darf meine Behandlung jedoch
nicht abbrechen, denn sonst verschlimmert sich mein Asthma wieder. Ich
bin ein chronischer Asthmapatient, doch Gott hat mit seiner großer
Liebe für mich gesorgt, und alles ist gut.
Als es mir damals wieder besser ging, nachdem drei Brahmin Priester mir
bereits die letzte Ölung geben wollten, begann ich mit meiner intensiven
religiösen Praxis. Meine Mutter stand immer morgens um drei Uhr auf
und bereitete mir heißes Wasser. Ich nahm ein Bad und saß
anschließend, um Japa mit dem Gayatri Mantra oder irgendein anderes
Mantra zu üben, und fühlte mich erfrischt. Dieses Japa gab mir
eine gewisse innere Stärke. Die Gottheiten des Mantras begannen zu
wirken, und ich spürte die potenzielle Verkörperung der Mächte
der Gottheiten in mir.
Wo auch immer ich mich hinbegab, fühlte ich die Augen auf mich gerichtet;
was ich nicht verstehen konnte. Ein Besucher des Ashrams erzählte
mir: „Wenn ich dich sehe, fühle ich zunehmende Kräfte.“ Ein
anderer erzählte mir: „Wenn ich dich sehe, fühle ich mich glücklich.“
Dies mag so sein. Doch nun empfange ich keine Besucher mehr, weil ich
glaube, dass die Menschen, die zu mir zur Meditation gekommen sind, mich
nur angeschaut, aber nicht meditiert haben. Diese Besessenheit von einem
Teil meiner Besucher hat mich genug Kraft gekostet, und anstatt das meine
Energie zu den Menschen ging, scheint es so, dass deren Krankheiten und
deren Besessenheit mich inzwischen beeinträchtigt haben. Darum empfange
ich keine Besucher mehr. Lasst mich mit Gott allein und nicht mit den
Menschen zusammen sein. Genauso verhält es sich mit dem Darshan,
den ich ebenfalls aufgegeben habe. Jetzt bin ich allein und bin glücklich
mit Gott.
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