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Ajamila

erzählt von Swami Sivananda

Ajamila war der Sohn eines Brahmanen. Er war pflichtbewußt, tu-gendhaft, bescheiden, wahrhaftig und regelmäßig in der Befolgung vedischer Vorschriften. Eines Tages ging er auf Wunsch seines Vaters in den Wald, um dort Früchte, Blumen, Opferholz und Kushagras zu sammeln. Auf dem Rückweg sah er einen Shudra (Angehöriger des vierten, dienenden Standes) in Gesellschaft eines Sklavenmädchens. Vergeblich bemühte er sich, seine Leidenschaft zu unterdrücken. Aus Liebe zu diesem Mädchen verbrauchte er sein ganzes väterliches Erbe. Er gab seine eigene Frau auf und lebte mit dem Sklavenmädchen zu-sammen. Sie hatten mehrere Söhne, deren jüngster Narayana hieß. Ajamila verlor alle seine guten Eigenschaften in niedriger Gesell-schaft und vergaß seine täglichen spirituellen Übungen. Um für den Lebensunterhalt der Frau und der Kinder zu sorgen, beging er alle möglichen lasterhaften und ungesetzlichen Taten. Sein Lieblingssohn war Narayana, den er oft liebkoste. Schließlich näherte sich Ajamilas Ende. Selbst in diesem Augenblick dachte er an seinen jüngsten Sohn, der in einiger Entfernung spielte. Drei grimmig blickende Boten des Totengottes Yama erschienen mit Stricken in den Händen. Bei ihrem Anblick rief Ajamila schreckerfüllt: „Narayana, Narayana“. Sofort erschienen die Boten Vishnus. Gerade als die Diener Yamas die Seele aus Ajamilas Herz entfernen wollten, hielten die Diener Vishnus sie mit starker Stimme davon ab. „Aber wer seid ihr, daß ihr euch der gerechten Herrschaft Yamas widersetzt?“, fragten sie. Die strahlenden Diener Vishnus lächelten nur und sagten: „Was ist Dharma (rechtes Handeln)? Richtet euer Gott Yama das Zepter der Bestrafung gegen alle, die ihr Karma erfüllen? Macht er keinen Unterschied?“

Die Boten erwiderten: „Die Befolgung der vedischen Vorschriften ist rechtes Handeln, ihre Mißachtung ist Unrecht. Ajamila zollte in frü-heren Tagen den Veden den nötigen Respekt. Aber in Gemeinschaft mit dem Sklavenmädchen hat er sein Brahmanentum verloren, die Veden mißachtet und Dinge getan, die ein Brahmane nicht tun sollte. Er kommt zu Recht vor Yama zur Bestrafung.“

Die Gefährten Vishnus wunderten sich über diese Worte. „Ihr seid die Diener dessen, der König des rechten Handelns genannt wird, und wißt nicht, daß es etwas gibt, das noch über den Veden steht? Ajamila hat bewußt oder unbewußt den Namen Narayanas zitiert und das hat ihn vor eurem Zugriff gerettet. Es liegt in der Natur des Feuers, Brennbares zu verbrennen; ebenso zerstört der Name Vishnus von Natur aus alle Sünden. Wenn jemand eine hochwirksame Medizin einnimmt, ohne sich dessen bewußt zu sein, hat sie deswegen dann keine Wirkung? Es spielt keine Rolle, ob Ajamila seinen jüngsten Sohn gemeint hat oder nicht; auf jeden Fall wählte er den Namen Narayanas. Daher müßt ihr euch zurückziehen.“

Verwundert ließen die Diener Yamas Ajamila los. Sie gingen zu ihrem Meister und beklagten sich: „Es muß ein Gesetz geben und einen Be-freier von diesem Gesetz. Sonst werden manche bestraft und andere nicht. Warum dieser Unterschied? Wir kennen dich als einzigen, der die Lasterhaften vom Gesetz freisprechen kann. Aber gerade jetzt kamen die Gefährten Vishnus und haben uns einen Übertreter der vedischen Gesetze entrissen“.

„Es ist wahr, meine Söhne“, erwiderte Yama. „Es gibt jemanden über mir und das ist Vishnu. Seine Wege sind unergründlich. Das ganze Universum liegt in Ihm. Seine Gefährten retten seine Anhänger im-mer. Nur zwölf von uns kennen Sein Gesetz, die Bhagavata. Diese zwölf sind Brahma, Shiva, Sanatkumara, Narada, Kapila, Manu, Prahlada, Janaka, Bhishma, Bali, Suka und ich.“

Ajamila hörte die Unterhaltung zwischen den Boten Yamas und Vish-nus. Er bereute aus tiefstem Herzen. Er überwand seine Bindungen, verließ das Haus und ging nach Haridwar. Dort meditierte er konzen-triert über Vishnu. Die Gefährten Vishnus erschienen abermals und brachten ihn in einem Wagen zum Wohnsitz Vishnus.

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