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Brahmacharya -eine EinstellungKapitel 10 von : Yoga als eine Universelle Wissenschaft" , „Yoga as a Universal Science“ , eine Vortragsreihe von Swami Krishnananda, übersetzt von Sri Divya Jyoti, © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien - Unter den verschiedenen Aspekten der Selbstbeschränkung, aus denen sich die Yamas zusammensetzen, haben wir teilweise die Prinzipien von Ahimsa, Satya, Aparigraha und Asteya besprochen, was Nicht-verletzen, Wahrhaftigkeit, keinen Besitz aneignen (verlangen), und Vermeiden von Besitz bedeutet, der unter den gegebenen Umständen nicht erforderlich ist. Ein anderer, der letzte unter den Aspekten von Yamas ist Brahmacharya, was tatsächlich die ‘Lebensführung im Sinne des Absoluten’ bedeutet. ‘Brahman’
ist das Absolute Sein: ‘Charya’ bedeutet Einstellung oder Verhalten.
Wie Gott sich verhält - das wird letztendlich als Brahmacharya bezeichnet. Das ist sehr schwer zu verstehen, denn wir wissen nicht, wie
Gott sich verhält, und welche Einstellung das Absolute hat. Das Verhalten
des Absoluten Seins gegenüber dem Universum und allem Sein ist Brahmacharya,
und in soweit, wie wir in der Lage sind, an diesem Verhalten teilzuhaben,
befolgen wir auch die Grundregeln dieses Verhaltens. Unser Teilhaben an
diesem Verhalten des Absoluten Seins mag sehr gering sein, doch sollte
sich bei uns eine Tendenz hinsichtlich dieses Verhalten mit derselben Einstellung,
wie bei dem Herrn, erkennen lassen. Darum ist Brahmacharya eine
Einstellung, die in das Bewußtsein eingebunden ist, ein Verhalten
der
Persönlichkeit und eine Interpretation der Dinge. Das sind die wesentlichen
Grundprinzipien von Brahmacharya. Und ohne diese Grundprinzipien
ist der Brahmacharya-Begriff in seiner Auslegung chaotisch und wenig
hilfreich. In der Anu-Gita der Mahabharata wird Brahmacharya ähnlich,
als Anweisung Krishnas gegenüber Arjuna, interpretiert. Die Idee hinter
diesem bedeutenden Begriff Brahmacharya, der als Haltung des Absoluten
übersetzt wird, ist die schrittweise Einstellung der Mächte der
eigenen Persönlichkeit hinsichtlich immer größerer Dimensionen
der Unpersönlichkeit, denn das Absolute oder Brahman ist die
kaum vorstellbare, existierende Absolute Unpersönlichkeit. Es existiert
nichts außerhalb des Absoluten, und darum kann es auch nicht nach
außen gezogen werden. Obwohl es zu allem eine Beziehung hat, so hat
Es doch keine bewußte Beziehung zu irgend etwas. Man kann nicht behaupten,
daß Es keinen Bezug zur Welt hat. Es ist selbst mit den kleinsten
Dingen, wie beispielsweise dem Sandkorn verbunden. Und doch ist Es irgendwie
auch mit nichts verbunden. Die Idee ist, daß das Verhalten des Absoluten
Geistes von allgemeiner oder universaler Beziehung zu allen Dingen oder
Objekten ist, und das dieses Verhalten frei von besonderen oder speziellen
Interpretationen oder Bewertungen ist. Wie unsere Energie abgelenkt und vergeudet wird
Wann immer es eine Aussicht auf ein Objekt oder eine Gruppe lebendiger oder lebloser Objekte gibt, wandert unser Bewußtsein in diese Richtung. Dabei ist es gleichgültig, ob unser Interesse in diese Richtung geht, denn unser Bewußtsein bewegt sich dorthin. Wenn sich der Geist bewegt, geht die Energie mit. Eines folgt dem anderen. Unsere gefühlsmäßige Neugierde zieht die Macht des Pranas in dieselbe Richtung, und unsere Energie wird wie eine elektrische Entladung vergeudet. Wannimmer wir an ein Objekt mit besonderem Interesse denken, was bei Patanjali als Klishta Vritti bekannt ist, wird ein Teil von uns zum Objekt hingezogen. Jedes psychologische Interesse hinsichtlich eines besonderen Objektes, ist eine Ablenkung der Energie, und dieses Interesse psychologischer oder gefühlsbetonter Natur, ist nichts weiter als ein Weg der eigenen teilweisen oder vollkommenen Verwandlung hin zum Zentrum unseres Interesses. Wenn wir etwas bewundern, etwas lieben oder uns von irgend etwas angezogen fühlen, hören wir teilweise auf, wir selbst zu sein. Manchmal, wenn wir uns beispielsweise bei der Betrachtung eines Gemäldes oder beim Lesen eines Buches vollkommen versenken, verlieren wir uns gänzlich. Wir sind teilweise durch die Anziehungskraft der Objekte wie verwandelt. Wenn wir einem bezaubernden Musikstück lauschen, versinken wir völlig in die Modulation der Musik. Wenn wir eine schöne Form, Landschaft oder ein Gemälde anschauen, verlieren wir uns in unserem Bewußtsein; dieses gilt auch für ein spannendes Buch. In all jenen Prozessen der Sinneswahrnehmungen, die nach außen gerichtet sind, findet ein entsprechendes Kanalisieren unsere Kräfte statt, - Kräfte, aus denen wir bestehen und die unsere Stärke ausmachen. Solange wir uns selbst nicht zu irgendwelchen Objekten hin "verkaufen" und an nichts Äußerem teilhaben, bleiben wir uns selbst treu. Ansonsten hören wir bis zu einem gewissen Prozentsatz auf, wir selbst zu sein. Wenn wir zu etwas anderem werden, und nicht mehr länger wir selbst sind, wird für diese Zeit A zu B, und A verliert seine Charakteristik. Das Subjekt wird zum Objekt und übernimmt als solches, dessen geistige Interessen. Das sollte gem. Patanjali nicht sein. Denn, wenn das geschieht, wird die zum Zweck der Meditation auf das Universale der Purusha konservierte Energie vergeudet, und wir verlieren unsere Kräfte. Der launische, unruhige Geist und die sprunghaften Gefühle, über die wir häufig klagen, sind dem Energieverlust zuzuschreiben. Es ist genauso, als würde "Mother Ganga" in ihrer Wellenbewegung mächtig tosend aufschäumen, und nicht wie ein ruhiges klares Gewässer dahingleiten. Wenn unsere Energien in Aufruhr sind, fühlen wir dieses im Geist. Unser ganzes System ist in Unruhe, denn wir möchten uns wieder davon befreien. Genauso wie Milch durch Schütteln langsam zu Quark wird, so verwandelt sich das Subjekt zum Objekt. Und jede Art von Liebe ist nichts weiter als die graduierte Umwandlung von einem Subjekt in ein Objekt, egal ob dieses Objekt wahrnehmbar oder bloß eine Idee ist. Allein der Gedanke an das Objekt stört den Geist. Das wird auch in einem berühmten Abschnitt von Bhishma in der Shanti Parva der Mahabharata erwähnt. Wie bereits erwähnt, kann der Gedanke an ein Objekt von zweierlei Art sein, nämlich Aklishta Vritti (ohne Schmerzen) und Klishta Vritti (schmerzlich). Wenn wir einen Baum vor uns sehen und an ihn denken, bildet sich eine Aklishta Vritti. Es findet eine Veränderung des Geistes statt, denn Geist verwandelt sich in Gedanken in die Form eines Baumes. Doch dieser Gedanke hat unser Gefühl nicht beeinträchtigt. Er nimmt unsere Aufmerksamkeit nicht allzusehr in Anspruch. Wir werden uns nur des Baumes bewußt. Und unser Geist wird nur insoweit transformiert, wie wir uns des äußeren Objektes bewußt werden; der Geist hat für den Augenblick der Wahrnehmung, aufgehört er selbst zu sein, obgleich dieser Zustand keinerlei Sorgen bereitet. Der Baum hat uns weder angezogen noch abgestoßen. Doch beim Anblick einer sich aufrichtenden Kobra, handelt es sich bei der Modifikation des Geistes nicht um Aklishta, und es ist nicht nur ein Anstarren des Objektes ohne innere Regung. Im Gegenteil, unser Gefühl reagiert im Angesicht der Schlange heftig, während es beim Baum oder einem Berg nahezu kühl bleibt. Neben der besonderen Gefühlsregung beim Anblick einer Schlange, gibt es ähnlich starke Gefühlsregungen, wenn wir Dinge betrachten, die aus unserer Sicht von besonderem Wert sind. Es mag sich dabei um eine Schatztruhe oder andere, vermeintlich wertvolle Dinge handeln. Darum erweckt alles, was wir mögen oder nicht mögen, eine Klishta Vritti im Geist. Dinge, die nicht unsere besondere Aufmerksamkeit wecken, erzeugen eine Aklishta Vritti in unserem Geist. Aus der Sicht des Yoga - Mano-nirodha oder Chitta-vritt-nirodha -, müssen beide Vrittis (Aklishta und Klishta) besiegt werden. Die
Objekte sprechen eine Sprache, die wir nur auf unsere individuelle Weise
verstehen. Wenn die Objekte in unseren Geist kommen, erhalten sie in eine
bestimmte Bedeutung; und jeder Einzelne von uns hat seine individuelle
Lesart. Jedes Objekt singt sein Lied, und wir lauschen der Musik; doch
die Auslegung der Bedeutung ist von Mensch zu Mensch verschieden. Derselbe
Begriff führt bei den Menschen aufgrund der individuellen Assoziationen
zu unterschiedlichen Interpretationen. Alle Objekte in der Welt sprechen
zu uns in einer psychologischen Sprache oder mit einer philosophischen
Bedeutsamkeit. Doch die Assoziation ruft bei allen Menschen unterschiedliche
Reaktionen hervor. Diese individuelle Interpretation, als Antwort auf den
allgemeinen Aufruf der Objekte, sind seine Liebe oder sein Haß. Die
Objekte haben jedoch keinerlei Absicht, geliebt oder gehaßt zu werden,
sondern sie existieren ebenso wie wir. Genausowenig, wie wir besondere
Gefühle von Liebe oder Haß gegenüber uns selbst hegen.
Liebe und Haß entwickeln wir nur gegenüber äußerlichen
Dingen, und wir können diese Logik ebenfalls zu anderen Objekten ausdehnen.
Niemand bewertet sich selbst unter der Bedingung von Liebe und Haß.
Die Bewertung findet nur gegenüber anderen Dingen oder Personen statt.
Wenn wir also die Dinge unparteiisch beurteilen, bleiben Liebe und Haß
außen vor. Sie sind nicht Teil der Natur, denn sie kommen dort nicht
vor. Doch wir selbst haben nur Lieben und Hassen im Kopf! Wir sind in dieses
tumulthafte Chaos oder dieses Protestgeschrei der Sinne bezüglich
Mögen und Ablehnen verwickelt. Das Speichern der Energie für Brahma-Sakshatkara (Schau Gottes)
Hierin liegt die eigentliche Begründung für die Ermahnung der Yogalehrer zum Speichern von Energie. Allgemein versteht man unter Brahmacharya, im Zölibat zu leben. Doch dieses ist eine armselige Übersetzung des Wortes und ebenso falsch verstanden. Unter Zölibat versteht man, daß man nicht heiraten darf und wir assoziieren damit, daß Yoga Brahmacharya oder Enthaltsamkeit erfordert. Doch nichts dergleichen ist Brahmacharya. Es ist weder Ehelosigkeit noch ist es Zölibat in seiner heutigen Bedeutung. Jemand, der nicht verheiratet ist, muß nicht zwangsläufig ein Brahmacharin sein und umgekehrt. Wir müssen sehr sorgfältig die Absicht hinter dieser Anweisung und nicht bloß den gesellschaftlichen Sprachgebrauch beachten. Die Absicht liegt in der Konservierung von Energie und darin, die eigene Persönlichkeit vollkommen in Richtung auf das große Ziel - das Universale Bewußtsein - auszurichten. Und Energie des menschlichen Systems ist für jede Art von Konzentration erforderlich, und nicht nur zur Gottverwirklichung oder Brahma-Sakshatkara. Wir brauchen beispielsweise Energie, um ein mathematisches Problem zu lösen, eine Brücke zu bauen oder die Bausteine der Natur im Labor zu untersuchen. Selbst ein Drahtseilakt erfordert Konzentration. Immer dort, wo es gilt den Atem anzuhalten und sich zu konzentrieren, ist viel Energie erforderlich. Eine zwei Fuß breite Brücke ohne Geländer über einen Abgrund läßt uns den Atem anhalten und ausschließlich an diese Gefahrenstelle denken. Sicherlich denken wir in einer solchen Situation an nichts anderes. Genauso erfordert das große ideelle Yoga unsere ganze Aufmerksamkeit, Konzentration und vollkommene Hingabe mit unserem ganzen Wesen. Dieses, so heißt es im Yoga, kann nicht geschehen, wenn andere Interessen vorherrschen. Wenn
Brahmacharya nicht ausgeübt wird, bedeutet dies, daß andere
Interessen als Yoga vorliegen. Es kann sich bei den ablenkenden Objekten
um alles mögliche handeln. Wenn irgend etwas anderes unsere Aufmerksamkeit
ablenkt, verschwenden wir unsere Energie. Jede Art von Energieschwäche,
die durch irgendein Objekt oder Ereignis hervorgerufen wurde, bedeutet
ein Bruch im Brahmacharya. Ein Wutausbruch ist ein Bruch im Brahmacharya,
obwohl niemand daran denkt. Niemand verdammt einen Menschen, weil er wütend
ist. Wir mögen glauben, daß jemand aufgrund seines Wutausbruches
ein wundervoller Mensch sei, doch in Wahrheit hat er im Brahmacharya vollkommen
versagt. Er ist völlig zusammengebrochen. Da die meisten Menschen
traditionsbewußt sind, folgen sie den gesellschaftlichen Traditionen
und Gewohnheiten, und glauben, daß Religionen nichts weiter sind,
als etwas, was die Gesellschaft erlaubt. Doch dies ist nicht richtig. Religion
ist nicht bloß etwas, was eine hinduistische oder christliche Organisation
fordert. Es hat damit überhaupt nichts zu tun. Das, was das Universum
als Respekt von uns erwartet, ist die große Religion der Menschheit,
die Religion Gottes oder die Religion des Universums. Niemand wird uns
retten, bloß weil wir in den Augen der Menschen religiös sind.
In diesem Fall können wir mit all unseren Religionen getrost vor die
Hunde gehen. Was hilft uns, was führt uns, was wird uns an die Hand
nehmen und auf dem Pfad des großen Gesetzes führen, dem wir
in der Art und Weise gehorchen, wie es von uns unter den Bedingungen unserer
Beziehungen zu allem im Universum erwartet wird. Darum müssen wir
jegliche Möglichkeit nutzen, unsere Energie - ohne jede Ablenkung
- zu konservieren. Das Individuum - Ein Zentrum des Drucks
Die
Philosophen, die Mystiker, die Heiligen und Weisen haben eine sorgfältige
Analyse der Energien des menschlichen Geistes, dem psycho-physikalischen
Organismus als Ganzes, durchgeführt. Es scheint so, daß wir
Zentren des Drucks oder Streß sind. Jedes Individuum stellt ein solches
Zentrum des Drucks oder Streß dar, dem jeder, mit den Umständen
entsprechenden geeigneten Mitteln, zu entkommen sucht. Doch das Verständnis
darüber, wie dieser Streß überwunden werden könnte,
hängt von der persönlichen Entwicklungsstufe ab. Jeder weiß,
daß Streß und Spannung nicht gut sind, doch nicht alle wissen,
wie man sich davon befreien kann, weil die kausalen Zusammenhänge
nicht richtig verstanden oder analysiert werden. Wir wissen vielleicht,
daß wir krank sind, doch wir wissen nicht so ganz, warum wir krank
sind. Und solange wir die Krankheit nicht kennen, die hinter dem psychologischen
Streß, der Spannung, der Störung, dem Mögen oder der Ablehnung
stecken, können wir nicht wissen, wie wir damit richtig umgehen sollen.
Die sogenannten Wünsche sind der äußere Ausdruck der Persönlichkeit,
um sich von Streß und Spannung zu befreien. Wir sind von Kindheit
an, bis hin zum Jüngsten Gericht, andauernd in einem Zustand des mentalen
Streß‘ und nervöser Spannung, und das ganze Leben lang versuchen
wir einen Ausweg zu finden und uns, mit unserer gedanklich von uns selbst
entwickelten Methode, davon zu befreien. Dieser Weg der persönlichen
Befreiung, wird als ‘Ausdruck der Wünsche’ bezeichnet. Wünschen
ist die Methode, mit der wir uns von Spannungen und Nervosität befreien
wollen. Auf diese Weise versucht jeder, sich mit seiner eigenen Methode
von seinen Spannungen, - entsprechend seines Verständnisses - zu befreien.
Doch meistens führen diese Wege in die falsche Richtung. Aufgrund
von Unwissenheit erhöhen sich die Spannungen, weil der Grund nicht
erkannt wird. Streß und Spannungen - deren Ursache und Heilung
Streß
und Spannungen stellen sich aufgrund der Trennung des Einzelnen von der
Natur ein. Die Welt hat uns ins Exil geschickt. Wir wurden aus dem Reich
der Natur, wie unerwünschte Kinder, entfernt. Unser innerer Wunsch
ist letztendlich, uns selbst mit der Natur, die unsere Mutter ist, zu vereinen.
Die Zuflucht, nach der wir als Erleichterung von Streß und Spannungen
suchen, ist letztendlich nichts weiter, als der Wunsch wieder mit unseren
Eltern vereinigt zu werden, von denen wir getrennt oder isoliert wurden.
Unser Wunsch ist es, alles zu besitzen. Und diesen Wunsch nennt man ‘Liebe’.
Mit ‘Liebe’ ist in dieser Welt der Wunsch nach Besitz verbunden, und dieses
Besitzen wird als Instrument betrachtet, was Streß und Spannungen
überwinden soll. Ob wir die Situation richtig interpretieren, steht
auf einem anderen Blatt. Doch geringfügiges Kratzen an einem Ekzem
gibt dem Leidenden ein wenig Entlastung, wobei er die Spannungen und den
Streß für kurze Zeit in dem Glauben vergißt, als hätte
er sich von dem Leiden befreit. Wenn uns ein größerer Schlag
trifft, werden die kleineren Übel einfach vergessen. Angenommen, wir
haben ein paar Probleme, und wir denken über sie nach. Dann strömen
größere Problem auf uns ein, und wir vergessen darüber
die kleineren Übel. All unsere Schmerzen, Sorgen und Nöte sind
in dem Augenblick vergessen, wo wir plötzlich in einem Fluß
zu ertrinken drohen. Dann vergessen wir alles Klagen. Alles scheint in
Ordnung zu sein, wenn wir doch bloß vor dem Ertrinken bewahrt werden.
Dieses Problem hat eine weit höhere Priorität als alle anderen
Probleme des Lebens. So verhält es sich mit dem Erfüllen unserer
Wünsche, wenn wir mit den Dingen in Berührung kommen. Durch die nach außen gerichteten Sinne droht Verwüstung
In einer der Sutras von Patanjali heißt es, daß es durch Berührung der Dinge mit den Sinnen nicht möglich ist, Spannungen, die durch Wünsche verursacht wurden, aufzulösen, denn Wünsche können durch keinerlei Berührung der Sinne beseitigt werden. Das ist die ganze Wahrheit, obwohl es so scheint, daß die Sinne uns Glauben machen wollen, daß unsere Spannungen durch die Berührung mit verschiedenen Dingen in dieser Welt gelöst würden. Wir bitten nicht um die Dinge. Niemand möchte letztendlich irgend etwas in dieser Welt, obwohl es so aussieht. Die Situation wird durch unsere Sinne falsch interpretiert, indem wir unser Sehnen nach Vereinigung mit allen Dingen als etwas Äußerliches ansehen. Alle Liebe, alles Wünschen, sind das Verlangen nach Vereinigung mit den Dingen. Während es unser innigster Wunsch ist, mit allen Dingen in Einklang zu kommen, mit der ganzen Natur EINS zu sein, wird dieser Impuls durch die Macht der Sinne nach außen in Richtung auf ‘Raum und Zeit’ gerichtet. Worin liegt das Ergebnis? Das Verlangen in eine bestimmte Richtung nimmt aufgrund der Reflexion der Sinne eine andere Gestalt an. Obwohl unser Gesicht mit dem Körper verbunden ist, sieht es spiegelbildlich so aus, als wäre es außerhalb von uns. Doch erscheint es nur im Spiegelbild so. Der Fehler wird durch den Spiegel verursacht. Wenn unsere Liebe, Vorlieben, Gefühle und Wünsche in den Schlamm der Sinne geworfen werden, findet eine ähnliche Katastrophe statt. Die Sinne haben nämlich nur eine Aufgabe, alles nach außen zu tragen. Auf diese Weise werden unsere Wünsche nach außen befördert, obwohl dieses Wünschen etwas völlig anderes betrifft. Das ist die Ursache, warum wir nicht zufrieden sind, und egal welches Objekt vor uns erscheint, wir sind letztendlich immer unzufrieden. Welchen Besitz wir unser Eigen nennen, er befriedigt uns nicht, denn unsere Fragestellung betrifft etwas ganz Bestimmtes. Doch wir erhalten durch die Umtriebe unserer Sinne etwas völlig anderes. Sehr
fremdartig ist das Phänomen, wenn der Geist sich selbst ausdehnt,
sich bei dieser eigenen vorübergehenden Aktivität mit den Aktivitäten
der Sinne verbindet, und seine eigenen Wünsche, die er verloren hat,
anscheinend für jene Wünsche nach äußeren Dingen hält.
Dieses ist eine sehr bedeutsame Situation, in der sich jeder befindet,
- etwas, was sich immer der eigenen Aufmerksamkeit entzieht, ein sehr gefährlicher
Zustand, über den man nicht viele Worte verlieren muß. Und man
braucht auch nicht immer wieder zu erwähnen, daß der Weg unserer
Wunscherfüllung nicht richtig ist. Zum einen ist da der grundlegende
Fehler im Verhalten unseres Geistes in der Erfüllung äußerlicher
Wunschvorstellungen. Zum anderen liegt der Fehler in seiner nach außen
gerichteten Bewegung, wobei er seine Energie verliert, was ihn schwächt.
Wenn das Selbst zum Nicht-Selbst wird, dann wird es körperlich und
führt zum Tode. Auf diese Weise wird der Mensch zum Schwächling
und verliert alle Kräfte. Er hat weder körperliche noch mentale
Kräfte. Je mehr unerfüllte Wünsche er hat, desto schwächer
wird sein Körper und Geist. Er kann sich nicht einmal mehr bewegen,
nichts essen, nicht denken und verliert sein Gedächtnis. Dies geschieht,
wenn man zu viele unerfüllte Wünsche hat. Doch, was sollte man
unter solchen Umständen tun? Wünschen - ein metaphysisches Übel
Da
wir als Yogaschüler an dem aufrichtigen Wohlergehen unserer Seelen
interessiert sind, müssen wir in der Lage sein zu erkennen, was wirklich
mit uns geschehen ist. Wir sollten uns nicht wie die Wollsammler bei einer
Schafherde oder im Namen von Religion oder Spiritualität wie in einem
Narrenhaus aufführen. Keine zur Schau getragene rituelle Handlung,
auch nicht im Namen einer Religion, ist letztendlich in der Lage, uns zu
retten, weil dieses Übel des Wünschens, ein metaphysisches Übel
und kein gesellschaftliches oder körperliches Übel ist. Es ist
ein metaphysisches Übel, wie die Philosophen es bezeichnen.
Es ist eine kosmische Katastrophe, und darum erfordert es all unsere analytischen
Fähigkeiten, um herauszufinden, was mit uns geschah, und zu erkennen,
wie wir uns schrittweise von diesem Impuls befreien können, der uns
in Richtung der Sinnesobjekte treibt und dabei aus uns selbst herauszieht.
Dieses Entwöhnen von den Objekten geht nur sehr langsam vonstatten.
Doch das Erfüllen von Wünschen wird besonders in der indischen
Religion nicht verdammt, obwohl es klar ist, daß das Wünschen
früher oder später vollkommen ausgemerzt werden muß; weil
diese Wünsche Bindungen darstellen, die die Seele an den Körper
und dessen physische Assoziationen bindet. Das große lebendige Sozialsystem
und die persönliche Lebendigkeit, wie es in Indien eingepflanzt ist,
und auch von Philosophen anderer Länder akzeptiert wird, ist als das Varnashrama-System bekannt - eine hoch wissenschaftliche Analyse des menschlichen Daseins,
sowie dessen Wünsche und Erfordernisse zu unterschiedlichen Zeiten.
Wir haben verschiedene Bedürfnisse, obwohl man alle Bedürfnisse
als Wünsche bezeichnen und letztendlich als nicht wünschenswerte
Dinge ansehen kann. Doch, wenn sie für die Sinne und den Geist als
etwas Wirkliches existieren, und nicht weniger real als unsere Körper
sind, müssen wir sie mit größter Vorsicht angreifen. Wir
müssen sie als genauso realistisch betrachten wie uns selbst. Die
Objekte sind ebenso wirklich wie unwirklich, so wie wir selbst sind. Insoweit
wie wir real sind, sind die Dinge, die mit uns verbunden sind, ebenso real
und umgekehrt. Subjekt und Objekt entwickeln sich gleichermaßen.
Die
Entwicklung ist nicht ausschließlich individuell und subjektiv. Auf
diese Weise ist das Varnashrama-System eine systematische Prozedur
uns selbst den Umständen entsprechend, gesellschaftlich (horizontal)
und in unserer eigenen Persönlichkeit (vertikal) anzuordnen und anzunehmen.
Die horizontale Anordnung ist Varna und die vertikale Anordnung Ashrama.
Wir müssen die Gesellschaft durch unsere Beziehung zu den Menschen
vervollkommnen, und wir müssen in uns selbst, - durch eine annehmbare
harmonische Ausrichtung der verschiedenen Ebenen unserer Persönlichkeit,
- vervollkommnen. Solch eine Ausrichtung wird durch folgende große
Grundlagen des Varna und des Ashrama erreicht. Varnashrama - eine Hilfe, um uns aus der Umklammerung der Natur zu befreien
Die Menschen glauben im allgemeinen, daß Varna soviel wie Kaste bedeutet, doch das ist nicht richtig. Im eigentlichen Sinne wird die Klassifizierung der Gesellschaft als Varna-Dharma bezeichnet. Varna ist der falsche Name und die falsche Interpretation für den Begriff ‘Kaste’. Niemand ist vollkommen, und darum ist niemand, der nicht mit anderen kooperiert, mit sich selbst zufrieden. Der Mensch befindet sich inmitten von anderen Dingen, wie Intellekt, Willen, Gefühlen und Energien. Einige Menschen verfügen über enorme physische Reserven, doch sind es armselige Intelligenzen. Andere Menschen sind wiederum intellektuelle Genies, doch körperlich schwach. Die anderen beiden Aspekte, d.h. Gefühl und Willen, sind unter den Menschen ebenfalls ungleichmäßig verteilt. Insoweit, wie die Absicht im Wohlergehen der Menschheit liegt, gibt es eine allgemeine Solidarität, denn es ist notwendig, unsere Annehmlichkeiten untereinander zu teilen. Diese Annehmlichkeiten müssen nicht unbedingt gegenständlicher, sondern können auch von psychischer Natur sein. Wenn jemand intelligent ist und spirituellen Scharfsinn hat, - was für das Wohlergehen der Bevölkerung notwendig ist, - doch keine anderen Fähigkeiten hat, wird er sein Wissen, seine Weisheit und richtungsweisende Intelligenz mit anderen, die diese Fähigkeiten nicht haben, teilen. Diese gegenseitige Zusammenarbeit in der Gesellschaft bezüglich Spiritualität, Administration, Wirtschaft und Handwerk bildet das Wesen des Varna-Systems. Die Klassifizierung in Brahmanas, Kshatriyas, Vaisyas und Sudras ist keine Einordnung der Menschen in Nieder- und Höherwertige, wie Bosse und Untergebene, sondern es ist eine Klassifizierung in die Funktionsfähigkeit des Einzelnen entsprechend seinem Wissen und seiner Fähigkeiten, mit der ehrenwerten Absicht und zum Zweck einer vollkommenen, zusammenarbeitenden Organisation der Menschheit. Dieses ist ein Weg, auf der Welt glücklich zu werden, sonst werden wir uns immer in einem elenden Zustand befinden. Unsere Wünsche werden auf diese Weise klassifiziert, und sie geben so, - durch eine beiderseitige horizontale Kooperation, - Gelegenheit zu einer entsprechenden Zufriedenheit. Es gibt noch die andere, vertikale Seite, was als Subjekt - Ashrama-Dharma - oder die Pflichten bekannt ist, die mit den verschiedenen Ashramas oder den Stufen des Lebens verbunden sind. Wir haben nicht nur das Varna-System, sondern auch die Bedeutung des Ashrama-Systems mißverstanden. So, wie wir die Klassifizierung des Varna als Kastenstufen verdammt haben, so haben wir auch die Klassifizierung der eigenen Lebensstufen, den Weg des Ashrama, durch eine Art von leblosen religiösen Routinen ersetzt. Weder Varna noch Ashrama sind Routinen. Varnashrama ist so wohl eine Einteilung in innere, als auch äußere Lebensabschnitte. Äußerliche Lebensabschnitte werden als Varna und innerliche als Ashrama bezeichnet. Die Idee dahinter ist, den Erfordernissen des Menschen, auf eine bestimmte Art zu dem Zweck gerecht zu werden, alle Begrenzungen mit dem Ziel des Moksha oder der Befreiung des Geistes zu überschreiten. Was für eine ehrenwerte psychologische Organisation dieses Varnashrama ist! Kein einziger Punkt in dieser Klassifikation ist unwichtig, denn die Natur packt uns mit einem derartig festen Griff am Hals, daß wir uns selbst nicht ohne die Hilfe von Varnashrama-Dharma aus dieser Umklammerung befreien können. Wir sind förmlich durch die Natur, gesellschaftlich, körperlich, psychologisch, rational und sogar spirituell gefangen. Darum müssen wir uns selbst durch schrittweises Zurückziehen von der Natur aus dieser Umklammerung befreien, so als würden wir alle Knoten nacheinander lösen. Wenn wir einen Strick dutzendweise verknoten, und wir wollen diesen Knoten anschließend wieder auflösen, fangen wir nicht mit dem innersten, sondern mit den äußersten Knoten an. Der äußerste Knoten muß zuerst, dann der vorhergehende usw. gelöst werden, bis der erste erreicht ist. Ähnlich verhält es sich im spirituellen Leben, wo das erste Problem zuletzt behandelt werden muß, denn dieses Problem ist feiner und den Dingen viel näher als das letzte Problem, was in der Entwicklung von der Ursache viel weiter entfernt ist. Die Auswirkungen müssen zuerst betrachtet werden, und die Ursachen wesentlich später. Darum bereiten diese Organisationssysteme des Varna und Ashrama jedem Menschen innerlich und äußerlich viel Freude, wenn aufgrund der individuellen, gesellschaftlichen, körperlichen, lebensnotwendigen, emotionalen und intellektuellen Bedürfnisse usw., die verschiedenen Knoten der Verwicklungen im Leben aufgelöst werden. Ein
solch weites Feld ist mit dieser kleinen Angelegenheit Brahmacharya verbunden,
durch dessen Praxis wir nicht nur unsere Lebensführung und unsere
Einbindung in die Gesellschaft beeinflussen, sondern uns in einen Zustand
der Stärke versetzen, wobei wir auf die Dinge so eingestellt sind,
daß wir unsere Energie nicht in alle Richtungen verschwenden, sondern
auf eine gewisse Weise unterstützt werden, so daß es keinen
Grund gibt, unsere Energien an Äußerlichem zur Erfüllung
von Wünschen zu vergeuden. Wünsche müssen sowohl erfüllt
wie auch nicht erfüllt werden. Beide Aussagen sind richtig. Doch die
Aussagen müssen in ihrer wahren Bedeutung verstanden werden. Hunger
muß beispielsweise gestillt werden, obwohl Hunger eine Krankheit
des Körpers ist, obwohl es das Tier im lebenswichtigen Körper
des Menschen ist, das jeden zwingt, sich seines Körpers immer wieder
zu erinnern. Kann es irgend etwas Schlimmeres geben, als das Gefühl,
ein Gefangener seines Körpers zu sein? Man mag im Gefängnis eingesperrt
sein, doch warum muß man tagtäglich daran erinnert werden? Doch
genau dies ist es, was der Hunger tut. Andauernd erinnert Hunger an das
Körperbewußtsein. Solch eine üble Angelegenheit ist das
Hungergefühl, doch wie kann man sich davon befreien? - Indem man den
Bedürfnissen des Körpers nachkommt, während man gleichzeitig
größte Vorsicht walten läßt. Darum ziehen wir uns
warm an, wenn es kalt ist; wir gehen schlafen, wenn wir müde sind;
wir essen, wenn wir hungrig sind. Wir gehen spazieren und machen viele
andere Dinge. All diese Dinge sind so weit vom Ziel des Lebens entfernt,
und doch sind sie notwendig. Wir können sie als notwendiges Übel
bezeichnen. Es sind ohne Zweifel Übel, doch sind sie notwendig. Darum
müssen sie zufriedengestellt werden, selbst wenn wir uns zu diesem
Zweck vom Absoluten trennen. Die Absicht hinter der grundlegenden und schrittweisen
Praxis von Varna und Ashrama ist nicht die Wunscherfüllung
als schlechte Angewohnheit, doch ihre schrittweise, wissenschaftliche,
systematische und vorsichtige Erfüllung in einem Maße, wie sie
den Umständen entsprechend zulässig ist, um sich letztendlich
selbst davon zu befreien. Darum essen wir nicht, weil wir essen wollen,
sondern weil es notwendig ist, um eine Stufe zu erreichen, wo Essen nicht
mehr notwendig ist. Dafür ist ein Hintergrundwissen über die
Psychologie der Grundlagen von Yamas notwendig, und ein klares Verständnis
dieses Hintergrundes wird uns helfen, diese Grundlagen besser zu praktizieren. |
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