von Swami Venkatesananda
4. DAS SÄEN DES SAMENS
Swami Sivananda legte größten Wert auf Sadhana-chatushtaya
(Unterscheidungsvermögen, Leidenschaftslosigkeit, göttliche
Qualitäten und ein starkes Sehnen nach Befreiung). Während
die orthodoxen Rishis, Weisen, Yogis und heiligen Männer warteten
(der bereit war, der sich selbst diszipliniert hatte, der sich vorbereitet
hatte), dass der reife Suchende zu ihnen kommen möge, sagte Swami
Sivananda, dass es vielleicht zu viel ist, von einem in der modernen
Welt lebenden, von allen Seiten von Ablenkungen und Versuchungen bestürmten
Menschen Unterscheidungsvermögen und Leidenschaftslosigkeit zu
erwarten. Er sagte, dass es selbst im Falle eines Menschen, der vor
seinem Versagen davonläuft, möglich ist, einen Funken zu finden,
der zu einer großen Flamme angefacht werden könne. Wenn manchmal
der Funke nicht da war, entzündete er ihn sogar. Das war Swami
Sivanandas außergewöhnliche Begabung.
Eine der von ihm gewählten Methoden war massive Verbreitung spirituellen
Wissens. Es war absolut und vollständig unterschiedslos. Viveka
wird oft mit Unterscheidungsvermögen übersetzt. Hier war ein
Meister, der unterschiedslose Nächstenliebe praktizierte und spirituelles
Wissen unterschiedslos verbreitete, in der Hoffnung, dass eine dieser
Broschüren oder eines der Bücher, wenn es zu einem bestimmten
psychologischen Augenblick in die Hände eines Menschen fällt,
vielleicht Viveka, wahre Sehnsucht, in ihm entzündet. Ich will
Euch nur ein oder zwei Beispiele geben.
Er verschickte viele Bücher kostenlos an Schüler und Nicht-Schüler.
Unter den Empfängern dieser kostenlosen Bücher waren Sir Winston
Churchill (Premierminister, London, England), Präsident Truman
(Washington) und Marschall Stalin (Moskau). Einmal sagte jemand, "Swamiji,
die werden jene Männer nie erreichen." Er erwiderte, "Egal,
es sind trotz allem Bücher, und sie sind gepackt und adressiert
nach Moskau, London, Washington. Da müssen sie nun hin. Jemand
muss sie aufmachen, um herauszufinden, was das Paket enthält. Derjenige
wird sie lesen."
Nun zu einem anderen recht interessanten Ereignis, das für die
Diskussion wichtig ist. Eines Tages war ein offizieller Brief von einem
Regierungsministerium angekommen. Darauf standen Name und Adresse des
Vorsitzenden dieses Ministeriums. Sofort signierte Swamiji ein Buch
mit "Möge Gott Dich segnen, viele Grüße, Prem und
Om, Sivananda", und schickte es an diese Adresse. Der Name des
Mannes wurde auch in das Gratis-Register des Divine Life Magazins aufgenommen.
Er bekam das Buch und einige Tage später eine Kopie des Divine
Life Magazins. Wahrscheinlich hat er es weggeworfen. In kommenden Monat
erhielt er wieder das Divine Life Magazin, worauf er seinen Assistenten
bat, einen förmlichen Brief an die Divine Life Society zu schreiben
mit den Worten, "Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit damit, mir dies
zu schicken, ich mag es nicht. Ich habe keine Lust, mir das anzusehen."
Als dieser Brief ankam, sagte Swamiji, "Ah, er will nicht, gut.
Streicht seinen Namen vom Gratisregister des Magazins. Wir wollen ihm
nichts aufdrängen." Es sah so aus als ob die Geschichte hiermit
beendet wäre.
Aber nein, zwei Jahre später schrieb der Mann einen Brief an Swamiji,
der uns alle bewegte: "Vor zwei Jahren bekam ích von Ihnen
ein Buch, der Himmel weiß, wie Sie an meinen Namen und meine Adresse
gekommen sind. Zu jener Zeit war ich so arrogant und hochmütig
- ich hatte eine Stellung mit Macht und Prestige inne - dass ich das
Buch, was Sie mir geschickt hatten, wegwarf. Ich war ganz oben, eine
Weile später aber ging es bergab - ich verlor meine Arbeit, mein
Geld, alles ging schief. Eines Tages hatte ich Selbstmordgedanken und
ging in mein Arbeitszimmer. Als ich dort saß, niedergeschlagen
und depressiven Gemüts, sah ich zufällig auf, und dort stand
'Erfolg im Leben und Gottesverwirklichung'. Fast mechanisch nahm ich
das Buch und schlug eine Seite auf, und da stand 'Verzweifele nicht'.
Ich sah das und erinnerte mich plötzlich daran, dass ich dieses
Buch vor zwei Jahren von Ihnen zugeschickt bekommen und es gefühllos
in den Papierkorb geworfen hatte. Aber der Angestellte, der mein Zimmer
reinigte, hatte den Korb geleert und gedacht, dass ich das Buch versehentlich
da hinein habe fallen lassen. Also nahm er es heraus, machte es sauber
und stellte es ohne mein Wissen in das Bücherregal. Ich bin ihm
sehr dankbar, und ich bin Ihnen sehr dankbar. Jenes Buch hat mir mein
Leben gerettet." Dann nahm er die Fäden auf von dem, was noch
übrig war, und machte Erfolg aus seinem Leben.
Das war Swami Sivanandas Methode. Ich bin mir ziemlich sicher, dass
von den tausend und aber tausend Menschen, die Bücher, Broschüren
und Magazine von ihm erhalten haben, nur wenige auf diese Weise Nutzen
daraus zogen. Aber irgendwo mag es irgendwann das Herz irgendeines Menschen
berührt haben. Swami Sivananda wollte spirituelles Wissen verbreiten.
Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, wird man höchstwahrscheinlich
(wie ich) fühlen, dass er eine göttliche Inkarnation gewesen
sein muss, denn nur Gott hat diese Einstellung. Nur in Gottes Natur
findet man eine solche Einstellung. Wenn man sich einen Obstbaum ansieht,
wird man diese Philosophie wunderbar verstehen. Kann man die Samen,
die ein Baum im Laufe eines Jahres hervorbringt, zählen? Man stelle
sich vor, was passieren würde, wenn alle diese keimen und Bäume
werden würden. Es wäre nicht einmal für eine einzige
Baumart Platz auf dieser Erde! Aber das passiert nicht. (Erklärungen
interessieren mich nicht, ich sehe mir nur die Wahrheit an.) Gott hat
einen Früchte tragenden Baum erschaffen. Der Baum trägt tausende
von Früchten jedes Jahr, und es keimen längst nicht alle.
Dieser allwissende, allmächtige und allgegenwärtige Gott ist
recht zufrieden damit. Man mag damit argumentieren, dass die restlichen
Früchte zu Dünger werden. Ausgezeichnet, das passt mir gut!
Genau das hat Swami Sivananda getan. Er säte weiter tausende und
aber tausende von Samen. Einige keimten und wurden selbst zu mächtigen
Bäumen, die anderen dienten als Dünger für die Vorbereitung
der Erde für ein zukünftiges Wachstum.
Menschen, die Swami Sivananda liebte und ausbildete, denen er diente
und die er führte, Menschen, in denen Swami Sivananda die Samen
spiritueller Aspiration säte - und die vielleicht nicht so eifrig
reagierten wie man eventuell meinte - sind jetzt bei anderen Lehrern
, und dort leuchten sie als große Yogis, große Mahatmas,
große Suchende. Also haben die Samen, die er säte, gekeimt
und sind in einigen Fällen zu mächtigen Bäumen geworden;
in anderen Fällen sind aus Nichtsuchenden Suchende geworden. Als
sie innerlich erwachten, fanden sie einen Heiligen und folgten ihm.
Das war seine wundersame Einstellung. Er war ein außergewöhnlicher
Optimist, der davon ausging, dass mit der Voraussetzung dieser unterschiedslosen
Verbreitung spirituellen Wissens letzten Endes jeder den Weg und das
Ziel finden werden.
Er war also damit einverstanden, dass Sadhana-chatushtaya grundlegende
Voraussetzungen für Sadhana sind. Ohne sie wird man gar nirgendwo
hinkommen.
Man wäre nicht einmal fähig, seinen spirituellen Lehrer zu
erkennen, und alle Ausbildung, die man unternähme, wäre nutzlos,
fruchtlos. Aber er bestand darauf, dass es die Pflicht erleuchteter
Menschen sei, die Samen zu säen, ungeachtet dessen, ob der Boden
bereit ist, diese Samen aufzunehmen. Das ist unser Dienst. Diese Samen
werden irgendwann keimen.
Es gibt noch ein anderes interessantes Merkmal. Heute ist der Ashram modern, das Leben ist recht komfortabel. In solch einer Atmosphäre
ist es nicht so einfach zu verstehen, was die Suchenden gefühlt
haben, die Anfang der 40er Jahre hierher kamen. Einige von ihnen hatten
Swami Sivanandas brennende Worte gelesen. Ein paar dieser originalen
Schriften von Swami Sivananda waren so inspirierend, dass man sich beim
Lesen auf der Stelle alle Kleider vom Leibe reißen, in den Himalaya
fliehen, Enthaltsamkeit praktizieren und Selbstverwirklichung erhalten
wollte. Das war die Besonderheit seines Stiles. Viele von ihnen wurden
durch seine Schriften inspiriert und kamen hierher. Die meisten hatten
nicht einmal ihre Kleider gewechselt, weil sie in Swami Sivanandas 'Wie
man Vairagya erreicht' gelesen hatten "Verzichte auf alles"
und also verzichteten sie auf alles. "Suche die Einsamkeit"
uns sie kamen, um hier Einsamkeit zu suchen. Einige von ihnen mögen
beim Betreten dieses Ortes sogar bemerkt haben, dass andere, die hier
schon länger waren, einen schönen Mantel hatten. Es gab eine
Tendenz dazu, zu denken: "Ah, sie haben den Weg verloren, sie sind
abtrünnig geworden. Seht nur, wie leidenschaftslos ich bin. Meine
Bestrebungen sind viel größer als die Bestrebungen dieser
Leute, die schon so lange bei Swami Sivananda gewesen sind. Sie wissen
nicht, was Enthaltsamkeit, Leidenschaftslosigkeit und brennendes Bestreben
bedeuten. Jeden Morgen um 4 Uhr meditiere ich hier. Sehe man sich nur
alle diese alten Ashrambewohner an."
Swamiji beobachtete sie und wusste es zu schätzen. Was immer man
tat, zuerst kam die Ermutigung. Danach kam ein vorsichtiger kleiner
Schub. "Enthusiasmus ist sehr gut. Du hast brillante, wundervolle
Bestrebungen. Du bist das höchste, du bist wie ein Sukadeva. Aber
jugendlicher Enthusiasmus ist nicht gut." Zuerst viel Butter, dann
eine kleine bittere Pille das war seine Methode. Man sollte nicht entmutigt
werden, man sollte nie fühlen, dass das, was man macht, völlig
falsch ist. Nein, mach es, es ist wunderbar. Aber pass auf, dass es
nicht nur jugendlicher Enthusiasmus ist, etwas, das zu einer Reaktion
führen könnte. Brennendes Bestreben ist notwendig, aber es
muss beständig sein, nicht schnell aufsteigen und schnell herunterfallen
wie ein Ballon. Wenn es wahres Bestreben ist, wird es das ganze Leben
lang bei einem bleiben. Wenn da irgendein jugendlicher Enthusiasmus
mitspielt, verschwindet es nicht nur, sondern führt zu einer Reaktion,
die für gewöhnlich gleich und entgegengesetzt ist. Wenn man
nun zum Beispiel sechs Monate lang nackt herumläuft und sehr wenig
isst. Gott weiß, was man für Motive und Absichten hat. Gott
weiß, was im Herzen und im Geiste von einem vor sich geht. Wenn
man jedenfalls nach diesen sechs Monaten herausfindet, dass das alles
nutzlos war, dann wird man nie mehr aufhören zu reden, in einem
fort essen und zum entgegen gesetzten Extrem übergehen.
Swamiji war äußerst behutsam, und er lehrte seine Schüler,
auch behutsam zu sein. Ein Beispiel illustriert das: Als ich in den
Ashram kam, war noch ein anderer junger Mann mit mir. Dieser junge Mann
ist ein ganz wundervoller Mensch, es gibt nichts an ihm auszusetzen.
Obwohl er dem Meister und seiner Arbeit sehr ergeben war, entwickelte
er während seines Aufenthalts hier auch eine außerordentliche
Freundschaft zu einem der oberen Schüler Swami Sivanandas. Das
ist ganz natürlich wenn man hier sechs Monate oder ein Jahr ist,
fühlt man sich zu dem einen oder anderen der oberen Mahatmas hier
hingezogen. Einige Zeit später entschied sich dieser obere Swami,
uns zu verlassen und abzureisen. Plötzlich wollte auch mein Freund
gehen. Er war vom Ashram enttäuscht, weil der Swami, den er bewunderte,
abreiste. Er benachrichtigte Swamiji davon, dass er gehen wollte und
er wollte sogar, dass ich ihn begleitete. Ich sagte ihm, ”Obgleich
ich zusammen mit dir hierher kam, werde ich nicht zusammen mit dir abreisen.”
In jenen Tagen hielt ich mich im Bhajanzimmer auf und Swamiji wohnte
unten direkt am Ufer des Ganges. Drei- oder viermal an einem einzigen
Tag kam er hinauf und ging hinunter. Zu jener Zeit gab es dort keine
Treppe, also musste er einen Berghang hinauf. Das erste mal kam er herauf
und sagte, ”Ich glaube, er wird gehen. Bitte ihn, es nicht zu
tun. Er hat dieses Leben nun ein Jahr lang gelebt, und wenn er zurückgeht,
wird es eine riesige Reaktion geben. Er könnte all dies verlieren.”
Das sagte ich meinem Freund, und er erwiderte, ”Nein, meinem Vater
geht es nicht gut, meiner Mutter geht es nicht gut, ich muss gehen und
meiner Familie helfen.” Ich ging hinunter und erzählte Swamiji
dies.
Er kam etwas später wieder hoch und sagte, ”Wie viel wird
er verdienen? Wir werden seiner Mutter das Geld schicken.” Der
Ashram existierte in jenen Tagen von der Hand in den Mund, aber er sagte:
”Wir werden Dich unterstützen. Wir werden Deine Familie unterstützen.
Das spirituelle Wohl ist so kostbar.” Swami Sivananda erkannte,
dass der Besitz spiritueller Aspiration so zart war. Es ist da, tief
in dir, aber es ist so tief innen, und der Staub und die Asche, die
es bedecken, sind so dick, dass es so zerbrechlich geworden ist. Der
Meister muss den Samen säen, und nur er weiß, wie zart, wie
wertvoll er ist und wie nötig es ist, ihn vor einer Reaktion zu
schützen. Das war Swamijis außergewöhnliche Liebe, das
war seine außergewöhnliche Einstellung.
Da die Studenten nicht nur ungeschliffen sondern auch nicht erweckt
waren, musste auch der erweckende Einfluss vom Meister kommen. Die Menschen,
die kamen, kamen oft mit ihren eigenen schlechten Angewohnheiten. Wie
ging er mit diesem Problem um? Oft hat er die schlechte Angewohnheit
übersehen. Ich weiß von Anlässen, wo einige der ältesten
Schüler von Swamiji (die auch Autoritäten im Ashram darstellten)
mit allen möglichen Beschwerden über andere zu ihm kamen.
Swami Sivananda musste sie irgendwie auch zufrieden stellen. Er tat
so, als wäre er sehr wütend. Da war der Schüler zufrieden
und ging in der Annahme, dass Swamiji sich den jungen Suchenden vornehmen
würde. Doch im Gegenteil, der Mann, gegen den die Beschwerde vorgebracht
worden war, würde als erstes ein paar Bananen bekommen - ein kleiner
Junge, der Swami Sivananda in jenen Tagen diente, kam angelaufen und
sagte, ”Swamiji schickt dir Früchte, Prasad.” Eine
halbe Stunde später kam vielleicht jemand anderes, ”Swamiji
schickt dir Kaffee.” Eine Stunde später kam er selbst.
Er sagte: ‘Du scheinst, du strahlst. Du meditierst gut. Du machst
Japa gut. Du studierst Vedanta? Sehr gut.” Was geschah mit all
den Beschwerden? Er wartete, um zu sehen, ob alle diese Ermutigungen
halfen. Anstatt einem zu sagen, was für ein schlechter Mensch man
ist, bestand Swami Sivananda darauf, sich auf die guten Eigenschaften
in einem zu konzentrieren, einem zu sagen, was für ein großartiger
Arbeiter man ist, selbst wenn man überhaupt keine spirituelle Aspiration
oder Hingabe hat. Es gibt gute Qualitäten in jedem Menschen, warum
sollte man diese also nicht fördern? Er sagte, ”Du bist ein
ungeheuer guter Arbeiter. Keiner arbeitet so hart wie du.” Er
legte einen Samen - den Samen zu säen ist wichtig - und fügte
dann vorsichtig hinzu ”Wenn du arbeitest, sieh Gott in allem.
Warum gehst du nicht in die Küche und servierst Essen? Du bist
ein großartiger Mensch, du hast einen schönen Körper
und eine feine Stimme. Wenn du Roti dienst, sage ‘Roti Bhagavan,
Roti Narayan, Roti Maharaj’.”
Auf diese Weise wurde der Samen der Aspiration gesät.
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Inhaltsverzeichnis des Buches "Sivananda Yoga"
- Theorie und Praxis
- Wer ist ein Guru
- Kommunikation
- Das Säen des Samens
- Selbstreinigung
- Sich auf den Lehrer einstimmen
- Hingabe
- Karma Yoga
- Sei ein Instrument
- Bhakti Yoga
- Swami Sivananda Yoga
- Integraler Yoga
- Erinnerung an Gott
- Der Weg des Ego
- Selbstlosigkeit
- Entdeckung des Egos
- Der Yoga der Synthese
- Liebe, die Gott ist
- Glossar

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