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Yoga-Geschichten

von Sukadev Bretz

Yoga-Geschichten

aus klassischen indischen
Schriften
Sukadev

nacherzählt
von
Sukadev Volker Bretz

Copyright
Alle Rechte vorbehalten
Yoga Vidya Verlag
Gut Hoffnungstal
D-57641 Oberlahr

ISBN 3-931854-47-7Herausgegeben vom Bund der Yoga-Vidya-Lehrer e.V.


weitere Exemplare sind zu beziehen bei:
Yoga Vidya Verlag, Gut Hoffnungstal, D-57641 Oberlahr
Tel 02685-8002-0, Fax 02685-20
Email: versand@yoga-vidya.de
Internet: www.yoga-vidya.de

Inhaltsverzeichnis


 

Vorwort des Herausgebers
Geschichten und Märchen faszinieren die Menschen seit alters her. Deshalb gibt es auch in allen Kulturen und Traditionen eine Vielzahl von mythologischen Geschichten – unterhaltsam, rätselhaft, oft mit vielen Verwicklungen, oft – aber durchaus nicht immer - mit happyend, mit unerwarteten Wendungen, tiefgründig und voll vielschichtiger Weisheit und tiefer spiritueller Bedeutung.
Geschichten waren auch immer schon ein wichtiges didaktisches Hilfsmittel. So ist Sukadev Volker Bretz ein Meister darin, den umfassenden Stoff des ganzheitlichen Yoga in Yogalehrer-Aus- und –Weiterbildungen mit anschaulichen Geschichten zu illustrieren und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern so leicht zugänglich zu machen. Einige dieser Geschichten haben wir nun auf vielfältigen Wunsch in Papierform gebracht. Sie stammen aus klassischen indischen Schriften wie dem Mahabharata, dem Ramayana, den Puranas und den Upanishaden und wurden von Sukadev nacherzählt, wie er sie von seinem Meister, Swami Vishnu-Devananda gehört hat – mit manchen eigenen Interpretationen und Anpassungen an die heutige Lebenssituation vieler Menschen, was besonders hilft, ihre Lehren direkt in den eigenen Alltag zu übertragen.
Unser Dank gilt allen Meistern und Weisen, die diese inspirie-renden Geschichten an uns weiter gegeben haben und insbesondere Swami Vishnu-Devananda und Sukadev Volker Bretz, die uns den Zugang zu dieser Quelle natürlicher Weisheit ermöglichen. Danke auch allen, die mitgewirkt haben, dass dieses einzigartige Büchlein entstehen konnte: Klaus Bourquain für das Erfassen und die Erstüberarbeitung, Ralf Sturm für die Überarbeitung, Frank Millhäuser für die Korrekturen und Narayani Rabinovitch für die Umschlaggestaltung.
Wir wünschen der Leserin/dem Leser viel Freude und Inspiration mit den „Yoga-Geschichten“.

Der Herausgeber Oberlahr, im März 2003


Chudula und Shikidwaja
Es waren einmal ein König namens Shikidwaja und eine Königin namens Chudala. Der König war ein rechtschaffener König, ein guter König, ein gerechter König, aber doch ein König, der es auch liebte, im Luxus zu leben und berühmt zu sein: Als der Größte aller Könige wollte er in die Geschichte eingehen.
Chudala, seine Frau, war eine große Yogini, also eine selbstverwirklichte Yogameisterin. Sie wusste kraft ihrer yogischen Kräfte, dass der König spirituelle Samskaras, Eindrücke aus früheren Leben, hatte, die im Unterbewusstsein gespeichert waren. Es heißt, wenn man in diesem Leben ernsthaft den spirituellen Weg geht, dann ist das ein Zeichen dafür, dass man sich im früheren Leben schon einmal etwas höher auf der spirituellen Leiter befunden hat. Und es heißt auch, dass große Meister oder Meisterinnen diese Vergangenheit in den Schülern erkennen können.
Von Ramakrishna, einem der größten Meister des 19. Jahrhunderts, wird eine solche Geschichte erzählt. Zu ihm kam eines Tages ein junger Student namens Naren, der spätere Swami Vivekananda. Als der Student ankam, hielt Ramakrishna gerade einen Vortrag vor einer großen Menge von Zuhörern. Er sah Naren von weitem und rief ihm zu: „Endlich bist du gekommen! Warum hast du mich so lange warten lassen?“ Der junge Naren war gar nicht erbaut davon, dass ein Fremder ihn derart freudestrahlend begrüßte. Aber auf dem Weg der Selbstverwirklichung schritt er dann schnell voran.
So wusste auch die Königin, der König wäre eigentlich bereit für tiefe Yogapraxis und sagte: „O König, das Königreich zu regieren ist nicht alles, du musst auch für deine spirituelle Praxis etwas tun.“
Nun, Männer hören selten auf Frauen, insbesondere nicht auf die eigene, und früher mag das noch weniger der Fall gewesen sein als heute.
„Ach, lass mich mit diesem Unsinn in Ruhe“, erwiderte der König. „Ich praktiziere, ein rechtschaffener König zu sein, um berühmt zu werden, und das genügt. Du kannst ja machen, was du willst.“
Was blieb der Königin anderes übrig, als eine kleine List zu er-sinnen?
Einige Wochen später sagte sie zum König: „O König, die edelsten Pferde hast du und die gelehrigsten Elefanten und neben vielen anderen schönen Gebäuden in deinem Königreich den herrlichsten Palast und die besten Krankenhäuser, eines aber fehlt dir noch.“
„Und was soll das sein?“
„Die großartigste Debatte der berühmtesten Gelehrten.“
Im alten Indien, wo das Wissen hoch geschätzt wurde, war es üblich, Meinungsverschiedenheiten durch Debatten auszutragen, die wochen- und monatelang dauern konnten. Es galt, den oder die Gegner von den eigenen Ansichten zu überzeugen. Ein neutraler Schiedsrichter verkündete am Schluss den Sieger. Das war im Vergleich zu vielen anderen Kulturen, wo Meinungsverschie-denheiten meist auf dem Schlachtfeld ausgetragen wurden, durchaus eine Errungenschaft von Zivilisation und Toleranz. In Europa galt damals vielleicht noch mehr als heute: Wer das stärkere Heer und die spitzeren Waffen besaß, auf dessen Seite war auch das Recht.
Der König sagte: „Ja, das stimmt, das fehlt noch. Du kennst doch all diese Gelehrten und Intellektuellen, wähle du die aus, die kommen sollen. Ich setze den höchsten Preis aus, der jemals dem Gewinner einer Debatte gezahlt wurde: Fünftausend Goldmünzen und hundert..., nein, was sage ich, tausend Kühe.“
Chudala sagte: „Gern richte ich die Debatte aus. Die weisesten Leute aller Königreiche in weitem Umfeld werde ich einladen und ich werde auch das Thema bestimmen.“
Sie wählte als Thema Vairagya. (Vairagya heißt Nicht-Anhaften, Leidenschaftslosigkeit, Entsagung.) Als aufmerksamer Leser wirst du sofort erkannt haben, dass eine derartige Debatte und ein solches Thema ein Widerspruch in sich war, denn einerseits sollten sich die Schriftgelehrten um Leidenschaftslosigkeit und Entsagung streiten, andererseits würde der Sieger der Redeschlacht Tausende Goldmünzen und Kühe erhalten und sich außerdem mit dem zweifelhaften Ruhm schmücken, der weiseste Mensch aus mehreren Königreichen zu sein.
Prunkvoll reisten die Pandits, die Schriftgelehrten, von weit her an.
Chudala sagte zu ihrem Mann: „Du selbst musst während der Veranstaltung anwesend sein, sonst ist das eine Beleidigung für alle.“
Er jedoch fragte: „Reicht es nicht, wenn du dabei bist? Du bist doch die Königin.“
„Nein“, sagte sie, „das reicht nicht. Die Leute erwarten dich.“
„Gut“, seufzte er.
Ja, ja, was tut man nicht alles für den Ruhm des Königreiches und vor allem für den eigenen!
Als Erster trat ein Pandit auf, der sprach: „O König, alles Leben ist Leiden. Geboren zu werden, ist Leiden, denn kein Kind kommt lachend auf die Welt, sondern ein jedes schreit mit den ersten Atemzügen. Hilflos sind die Kinder danach für Jahre, die ihnen endlos erscheinen. Als ältere Kinder sodann wollen sie schnellstens erwachsen werden. Erinnere dich, o König, eine der schlimmsten Drohungen aus der Kindheit ist: Wenn du jetzt nicht brav bist, wirst du nicht groß und stark.’ Und auch die Jugendlichen wollen möglichst schnell selbständig und erwachsen werden, aber zäh verrinnen die Jahre. So voller Emotionen sind die Heranwachsenden, dass sie nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Der Erwachsene verbringt dann das ganze Leben in der Familie und im Beruf. Und der alte Mensch schließlich bedauert, dass er in seinem Leben nicht das gemacht hat, was er eigentlich hätte machen sollen oder wollen. Eine Krankheit nach der anderen befällt ihn und zum Schluss ist er tot. Oh König, alles Leben ist Leiden.“
Nach ihm ergriff der nächste Schriftgelehrte das Wort: „O König“, sagte er, „alle Wünsche führen zum Leiden. Es gibt nämlich drei Möglichkeiten: Entweder, man will etwas und bekommt es nicht – die Konsequenz ist Leiden. Oder man will etwas und bekommt es und dann verliert man es wieder – die Konsequenz ist: noch mehr Leiden. Und das Dritte ist, man will etwas und man bekommt es und es bleibt mit einem – Konsequenz: Es mag ein paar Tage Freude bereiten, aber dann ist doch wieder Leiden, denn man erkennt, man wird nicht so glücklich damit, wie man es sich eigentlich vorgestellt hat.“
Dann trat ein nächster Gelehrter auf: „O König, alle Menschen denken, dass andere glücklicher sind als sie selbst. Die Menschen auf dem Lande denken, dass die Menschen in der Stadt glückli-cher sind. Die Menschen in der Stadt denken, dass die Reichen glücklicher sind. Die Reichen denken, dass die Mächtigen glücklicher sind. Die Mächtigen denken, dass du, o König, am glücklichsten bist. Aber ich glaube nicht, dass du glücklich bist, o König; keiner ist glücklich auf dieser Welt.“
In dieser Art wurde die Debatte weitergeführt. Schließlich aber betrat ein Weiser den Saal, stellte sich vor den König und sagte: „Om na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa ma-nusuh.“
Alles klar?
„Om na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa manusuh.“
Jetzt klar?
„Nicht durch irgendwelche Werke, nicht durch irgendwelche Praktiken, nicht durch irgendwelche Rituale wird Unsterblichkeit erreicht, sondern allein durch Entsagung.“
Der König versank in Gedanken. Irgendwie hatte all dieses, was gesagt worden war, einen Nerv in ihm getroffen. Er war zwar noch körperlich anwesend, aber er hörte dem Gespräch gar nicht mehr zu. Schließlich sagte er zu seiner Frau: „Sag schon, wer gewonnen hat. Gib ihm den Preis.“
Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Er überlegte und dachte nach und am nächsten Morgen war sein Entschluss gefasst: Er wollte allem entsagen und das Königreich verlassen.
Das war nun nicht gerade das, was die Königin hatte bewirken wollen. Sie rief aus: „Aber das ist nicht der Sinn des spirituellen Lebens! Bleibe im Königreich, regiere, erfülle deine Pflichten und erkenne, dass sich hinter allem noch etwas anderes verbirgt. Wer wegläuft, erreicht nicht die Selbstverwirklichung.“
Hörte der König jetzt auf seine Frau?
Natürlich nicht. „Weißt du“, sagte er, „du bist noch nicht so weit. Ich übergebe dir das Königreich, regiere es, und wenn du auch so weit gekommen bist wie ich, dann entsage ebenfalls.“
Hier eine kleine Bitte an den Leser. Sag’ niemals irgendeinem Menschen: „Du bist noch nicht so weit!“, es sei denn, du willst in deiner Partnerschaft eine große Krise erzeugen oder jemand so vor den Kopf stoßen, dass er nie wieder mit dir spricht. Dieser Ausspruch ist die höchste Form von Arroganz, die es gibt. Nie-mand weiß, wie „weit“ jemand ist oder nicht ist. Vieles kann Illusion sein.
Der König sagte also zu seiner Frau: „Du bist noch nicht so weit, ich verlasse jetzt das Königreich.“
Und er tat, was er angekündigt hatte. An der Grenze der Stadt ließ er seine Kleider fallen, und betrat nackt den Urwald. Viele, viele Kilometer wanderte er, um sich schließlich mitten im Urwald an einer Stelle, wo er wusste, dass dort Bananen, Mangos und andere Früchte wuchsen, eine Hütte zu bauen. Damals gehörte Überlebenstraining zur Ausbildung eines Kindes, deshalb kannte er sich mit all diesen Dingen aus. Leicht ging ihm die Arbeit trotzdem nicht von der Hand. Mühselig errichtete er sich aus umgestürzten Bäumen mit Hilfe von Lianen und Bast eine notdürftige Hütte. Aus Bast fertigte er sich auch Kleider. Jetzt war er angekommen, hatte sich eingerichtet, und es war gar nicht so unangenehm, im Wald zu leben: Keiner, der ihn ständig etwas fragte, keiner, den er beeindrucken musste. Ab und zu hatte er vielleicht für ein paar Tage nichts zu essen, weil keine Mango und keine Bananenstaude reif waren, aber insgesamt war das Leben durchaus angenehm. Das unendliche Glück jedoch, die Unsterblichkeit, ließ auf sich warten; in seinem Bewusstseinszustand konnte er keine grundlegende Veränderung erkennen. Irgendetwas, dachte er, muss ich jetzt tun und so begann er zu meditieren.
Als Kind hatte er das ein wenig gelernt. Später, als Jugendlicher, hatte er es aufgegeben und als Erwachsener kaum noch daran gedacht. Nun meditierte er also wieder. Er erinnerte sich an ein Mantra und notdürftig rief er sich ein paar Atemübungen und Asanas (Yogaübungen) ins Gedächtnis. Zwar bekam er so einige schöne Energieerfahrungen, die Unsterblichkeit aber ließ weiter auf sich warten.
Schließlich begriff er, allein käme er nicht ans Ziel, sondern er bräuchte einen Guru, einen spirituellen Lehrer. Tief aus dem Innersten betete er: „O Gott, ich weiß nicht, was ich machen soll, denn so komme ich auf meinem Weg nicht weiter. Ich brauche einen Guru, bitte schicke mir einen spirituellen Lehrer.“
Eine alte Aussage besagt: „Ist der Schüler bereit, ist der Lehrer nicht weit.“
Chudala, mit ihrem geistigen Auge - es heißt, dass große Meister und Meisterinnen große telepathische und sonstige Fähigkeiten haben, und gleich werdet ihr von noch wunderbareren hören -, Chudala hatte mit ihrem geistigen Auge den Fortschritt ihres Mannes verfolgt. Sie wusste, jetzt ist er bereit. Aber da sie erfah-ren hatte, von ihr würde er keine Ratschläge annehmen, ersann sie eine weitere List. Zu ihren Ministern sagte sie: „Bitte stört mich nicht während der nächsten Stunden, ich werde jetzt meditieren. Unter keinen Umständen dürft ihr mich stören.“ Und sie verschloss ihre Kammer, ging in tiefe Meditation und verließ mit ihrem Astralkörper ihren physischen Körper. So reiste sie zu König Shikidwaja und manifestierte sich als Swami Kumbha in orangenen Gewändern, mit einem langen, wallenden, weißen Bart, einen Meter über dem Boden schwebend.
Der König betete gerade: „Bitte, lieber Gott, schick mir einen Gu-ru, einen Meister, ich komme allein nicht weiter!“
Als er die Augen öffnete, sah er, wie aus fünfzig Meter Entfer-nung ein Guru, in orangenen Gewändern, mit langem, weißem Bart im vollen Lotussitz auf ihn zu schwebte. Zwei Meter vor ihm hielt der Guru an, immer noch schwebend.
Der Guru schaute sehr ernst, hob den Zeigefinger und sagte: „Om na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa manusuh!“ Weder gegrüßt hatte er, noch sich eingeführt. „Nicht durch irgendwelche Werke, nicht durch irgendwelche Praktiken, nicht durch irgendwelche Rituale wird Unsterblichkeit erreicht, son-dern allein durch Entsagung.“
Der König verneigte sich.
„Ehrwürdiger Swami (selbstverwirklichter Meister), ich habe allem entsagt: Meinem Königreich habe ich entsagt, nackt habe ich diesen Urwald betreten, trotzdem merke ich nichts von ir-gendeiner Unsterblichkeit.“
Swami Kumba sprach: „D e i n e m, d e i n e m Königreich hast du entsagt?“
„Ja, meinem Königreich!“
„Wieso deinem Königreich?“
„Ich habe es geerbt.“
„Du hattest das Königreich geerbt und nanntest es dann dein! Hast du die Bäume in deinem Königreich gepflanzt?“
„Nein.“
„Hast du die Menschen in deinem Königreich geschaffen?“
„Nein.“
„Hast du die Häuser in deinem Königreich gebaut?“
„Nein.“
„Hast du die Felder in deinem Königreich angelegt und bestellt?“
„Nein.“
„Hat sich das Königreich aufgelöst, nachdem du ihm entsagt hast?“
„Nein.“
„Geht es den Menschen in deinem Königreich sehr viel schlechter, weil du ihm entsagt hast?“
„Vielleicht, aber meine Frau ist klug, vermutlich nicht.“
„O König, d e i n Reich hattest du als eine bestimmte Aufgabe geerbt, nie hat es dir gehört, nie hattest du die Kontrolle über ein einziges Blatt in ihm, und was dir nicht gehört hat, dem konntest du auch nicht entsagen.“
„Ich habe meinem Palast entsagt.“
„D e i n e m Palast?“
„Ja, ich habe ihn gebaut.“
„Allein?“
„Nein, natürlich nicht, ich habe ihn bauen lassen.“
„Aha, bauen lassen!“
„Ja, aber ich habe gesagt, wie groß er sein, wie er aussehen soll.“
„O König, woraus ist der Palast gebaut?“
„Aus Marmor, Gold, Diamanten, Edelsteinen...“
„Und woher stammt der Marmor, das Gold...?“
„Aus meinem Königreich.“
„Wir haben doch soeben festgestellt, dass das Königreich nicht wirklich dir gehörte. Du hast also Marmor und Diamanten aus der Natur geholt oder vielmehr holen lassen, die dir nicht gehört. Und wer hat den Palast errichtet?“
„Alle möglichen Arbeiter.“
„Die dir gehörten?“
„Ja, es waren meine Untertanen.“
„D e i n e Untertanen? Du hast sie geschaffen? Könntest du auch nur einen Finger mehr an ihnen wachsen lassen, wenn du wolltest? O König, kein Mensch war jemals dein Untertan. Du hattest eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, von der du letztlich davonge-laufen bist und das ist keine Entsagung. Nichts hast du entsagt!“
„Ich habe meiner Frau entsagt.“
„D e i n e r Frau?“
„Ja, wessen denn sonst?“
„O König, d e i n e r Frau? Hat sie dir jemals gehört? War sie dein Besitz?“
Wenn zwei Menschen in Indien heiraten, dann heißt es, dass jeder eine Ardha, eine Hälfte ist; der Eine ist die Hälfte des Anderen.
„O König, deine Frau hat dir niemals gehört. Deine Frau hat sehr wohl vor dir gelebt und sie lebt sehr gut auch jetzt, nachdem du sie verlassen hast; sie hat ihre eigene Persönlichkeit. Nur dadurch, dass ihr einen Bund der Ehe eingegangen seid, war sie noch lange nicht deine Frau. O König, da deine Frau dir nie ge-hört hatte, konntest du ihr auch niemals entsagen. Was oder wem hast du also entsagt?“
„Ich habe meinen Kindern entsagt.“
„D e i n e n Kindern?“
„Ja, ich habe sie gezeugt.“
„Allein?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Woher stammen die Seelen dieser Kinder?“
Keine Antwort.
„O König, uralt sind ihre Seelen und durch dich haben sie sich nur neu manifestiert, inkarniert; nicht einmal zur Hälfte hast du ihre Seelen geschaffen. Und ihr Körper, wie ist ihr Körper gewachsen?“
„Ja, zuerst im Mutterleib.“
„In deinem?“
„Nein, nein, natürlich in dem von meiner Frau.“
„Und wie hat deine Frau die Embryos ernährt?“
„Sie hat gegessen und die Embryos so mit ernährt und später hat sie die Kinder gestillt.“
„Und wodurch sind die Kinder danach gewachsen?“
„Ja, indem sie gegessen haben.“
„Was haben sie gegessen?“
„Reis und Dal, also Hülsenfrüchte, Gemüse und Chapati und manchmal auch gute Nachspeisen.“
„Und woher stammten die?“
„Aus meinem König..., Entschuldigung, von den Äckern in dem Königreich, das ich früher als mein bezeichnet habe.“
„Oh König, du siehst, die Seelen deiner Kinder haben sich nur neu manifestiert, ihre Körper sind gewachsen dank der Nahrung aus der Natur, sie haben sich nicht in Nichts aufgelöst dadurch, dass du ihnen entsagt hast; oh König, deine wunderbaren Kinder haben dir niemals gehört. Als Vater hattest du bestimmte Aufgaben zu erledigen, nichts weiter.“
Swami Kumbha schaute wieder ganz streng und wiederholte: „Om na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa manusuh! In einer Woche komme ich wieder. Ich will, dass du dann etwas entsagt hast.“
Über dieses Gespräch dachte der König während der nächsten Woche nach und plötzlich sah er die Natur mit ganz anderen Augen. Er sah die Schönheit des Waldes, er sah das Wunder eines einzelnen Blattes, und wenn er auf dem Boden Blätter beiseite schob, dann sah er die vielen unterschiedlichen Insekten, die dort lebten. „Ach, wie überheblich war ich“, rief er, „und ich hatte gedacht, das alles gehört mir!“
Seine Meditation wurde ruhiger, tiefer, sie bekam eine ganz neue Qualität.
Der Tag nahte, an dem Swami Kumbha zurückkehren würde. Der König zermarterte sich den Kopf, denn endlich wollte er etwas entsagen, was wirklich ihm gehörte. Meiner Hütte, meiner Kleidung und meinem Essgeschirr werde ich entsagen, beschloss er, und dies gehört nun wirklich mir, denn ich habe es mit mei-nen eigenen Händen angefertigt. Gedacht, getan: Er verbrannte die genannten Dinge.
Indessen sagte Chudala wieder zu ihren Ministern: „Bitte stört mich während der nächsten Stunden nicht, denn ich werde mich wiederum in eine tiefe Meditation begeben.“ Sie betrat ihr Zimmer, schloss sich ein, ging in die Meditation, verließ mit ihrem Astralkörper den physischen Körper, manifestierte sich als Shi-kidwaja.
Streng schaute er dem König in die Augen und sagte: „Om na karmana na prajaya dhanena...! Was hast du entsagt?“
Stolz erwiderte der König: „Ich habe meiner Hütte entsagt.“
„D e i n e r Hütte?“
„Ja, mit meinen eigenen Händen hatte ich sie gebaut und nun habe ich sie verbrannt; ich habe ihr entsagt.“
„Woraus hattest du die Hütte gebaut?“
„Aus Bäumen, die umgestürzt auf dem Boden lagen.“
„Und woher stammten diese Bäume?“
„Ja, hier aus dem Wald.“
„Und dieser Wald hat dir gehört?“
„Nein, erstens habe ich ihm schon entsagt und zweitens hat er mir nie gehört.“
Der König hatte also bereits etwas gelernt.
„O König, aus einem Wald, der dir nie gehörte, hattest du also, ohne jemanden zu fragen, Stämme herbeigeholt. Hattest aus ihnen eine Hütte gebaut, die Hütte dann verbrannt, Kleintiere getötet und die Umwelt verräuchert, und das nennst du Entsagung? O König, du hast noch immer nicht verstanden.“
„Ich habe meinem Essgeschirr entsagt.“
“D e i n e m, deinem Essgeschirr? “
„Ja, ja, ich weiß ja schon. Und mit meinem Bastrock wird es das gleiche sein.“
Shikidwaja war niedergeschlagen. Wieder schaute ihn Swami Kumbha streng an.
„Om na karmana..!“, rezitierte er seinen Vers. „In einer Woche kehre ich zurück, dann will ich, dass du etwas entsagt hast.“
Obwohl der König ratlos war, schätzte er nun die Natur, in der er lebte, noch höher. Und wenn er sich eine Banane pflückte oder Kräuter sammelte, dann spürte er eine neue Beziehung zu all den Pflanzen und Dingen um sich herum. Dankbar bereitete er sich abends ein Lager aus trockenen Blättern. Zum Glück war gerade keine Monsunzeit und es regnete kaum. Doch die Frage blieb, wem oder was konnte er entsagen? Was war sein? Was war wirklich ganz allein sein? Als Swami Kumbha eine Woche später erneut herbeischwebte, fand er Shikidwaja nicht an der gewohnten Stelle. Er musste eine zweite geistige Vision einschalten, und da sah er, dass Shikidwaja auf einem hohen Felsen stand.
Eilends glitt er zu diesem Felsen, hielt über dem Abgrund inne und rief: „König, König, was willst du entsagen?“
„Ich will meinem Körper entsagen!“ Und schon lief Shikidwaja los, um sich hinunter in die Schlucht zu stürzen.
Aber Swami Kumbha war bereits neben ihm, hielt ihn an der Schulter zurück und sagte: „Moment, deinem Körper willst du entsagen?“
„Ja.“
„Wieso d e i n e m Körper?“
„Ja, wessen denn nun sonst?“
„Woher stammt dieser Körper?“
„Nun, Mutter und Vater hatten etwas damit zu tun...“
Und wie ist der Körper dann gewachsen?“
„Ja, das hatten wir schon einmal besprochen, als es um meine Kinder ging. Durch alles mögliche: Getränke, Nahrung...“
„Gut, und wenn du nun dem Körper entsagst, was geschieht dann mit ihm?“
„Die Geier und die Tiger werden ihn fressen.“
„Könntest du deinen Körper auf ewig erhalten?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Wenn du wolltest, könntest du dir eine zweite Nase wachsen lassen?“
„Natürlich nicht.“
„Könntest du dir deine Haare plötzlich grün wachsen lassen?“
Shikidwaja blieb stumm.
„O König, dieser Körper ist ein großartiges Geschenk von Mutter Natur, er ist ein großartiges Wunder: jeder Atemzug, jeder Blick, jede Wahrnehmung eines Geräusches. Nicht einmal erklären könntest du, wie ein Fingernagel wächst! Du kennst nichts und beherrschst nichts, du sammelst Früchte und Kräuter aus der Natur, stärkst auf diese Weise deinen Körper, nennst diesen Körper dann dein und jetzt willst du dieses großartige Geschenk zerstören? Das nennst du Entsagung? O König, nichts hast du verstanden. In einer Woche kehre ich zurück.“
Den Zustand des Königs kann sich sicher jeder vorstellen. Und doch hatte Shikidwaja auch wieder etwas gelernt: tatsächlich, jeder Atemzug, jeder Schritt, jede Pore seiner Haut, jedes Haar war ein Wunder. Nur das Entsagen bereitete ihm Kopfzerbrechen. Denke ich falsch? Vielleicht sollte ich meinen Wünschen entsagen?
Und dann dachte er: „Ich werde meinen Gedanken entsagen.“
Gut. Wie gewohnt erschien Swami Kumbha eine Woche später.
„Was, König, willst du entsagen?“
„Ich will meinen Gedanken entsagen.“
„D e i n e n Gedanken? Ah, deinen Gedanken! Du hast also deine Gedanken im Zaum? Du kannst sie vollständig steuern, beherrschen?“
Nun, wer kann seine Gedanken schon vollständig beherrschen? Es heißt zwar, Yogis könnten das, aber wenn, dann höchstens während der Meditation. Niemand kann seine Gedanken ständig steuern. Man stelle sich vor, jeden einzelnen Gedanken müsste man hervorrufen oder nicht hervorrufen ...
Swami Kumbha sagte: „O König, zeitweise wirst du deine Gedan-ken vielleicht zur Ruhe bringen, doch nicht für längere Zeit. Deine Gedanken kommen und gehen, du kannst ihnen nicht entsagen. Überlege aber: Was ist die Ursache der Gedanken? In einer Woche werde ich wieder erscheinen.“
Während der König in der folgenden Woche meditierte, beobachtete er das Spiel seiner Gedanken und musste zuweilen lächeln. Was für eigenartige Bilder, Erinnerungen, Pläne, Wünsche tauchten da auf! Er erkannte, dass seine Wünsche die Ursache seiner Gedanken waren.
Und so sagte er zu Swami Kumbha, als dieser nach einer weite-ren Woche erschien: „Vielleicht, o Herr, sollte ich meinen Wünschen entsagen.“
Swami Kumbha erwiderte: „O König, auch deine Wünsche sind nicht wirklich dein. Weder hast du sie willkürlich geschaffen, noch kannst du sie willkürlich ändern. O König, auch diese Wün-sche sind einfach nur da. In einer Woche werde ich dich erneut besuchen.“
Der König meditierte während der nächsten Woche darüber und erkannte, wie die Wünsche in seine Gedanken hineingelangten. Tatsächlich stiegen oft die verschiedensten Wünsche in ihm auf: mal nach einer guten Mango, mal nach einer reife Banane, und dann dachte er an seine Frau, an seinen Schimmelhengst, auf dem er früher so gern geritten war, oder an seine Elefanten. Er stellte fest, die Wünsche tauchten zwar auf, aber sie gehörten ihm nicht. Er konnte ihnen auch nicht einfach so entsagen. Er-freut beobachtete er allerdings, dass sie, wenn er sich nicht mit ihnen identifizierte, schwächer wurden. Und dann entdeckte er, dass es etwas gab, was die Wünsche zusammenhielt: das Ego. Das Ego hielt die Wünsche zusammen.
Demütig sagte er zu Swami Kumbha, als dieser wieder herbei-schwebte: „Vielleicht sollte ich meinem Ego entsagen“.
Der Heilige lächelte. „Was ist das Ego ohne Wünsche, ohne Ver-haftung und ohne Identifikation?“, fragte er und verschwand.
In tiefer Meditation kam der König während der nächsten Woche zu dem Schluss, das Ego sei so etwas wie eine Zwiebel, denn wenn man von einer Zwiebel alle Schalen entfernt, was bleibt dann übrig? Nichts! Und wenn man vom Ego alle Wünsche und Identifikationen entfernt, dann bleibt ebenfalls nichts übrig, nichts, was man als Ego bezeichnen könnte. Das erzählte der König dem Swami Kumbha, als dieser nach einer Woche wieder schwebend im Lotussitz vor ihm saß.
Swami Kumbha sagte: „Nun, dann versuche noch zu erfahren, was jenseits ist von den Wünschen und Gedanken, jenseits vom Ego.“
Der König meditierte über diese Frage. Er hatte sich inzwischen lösen können vom Körper, von Gedanken, Wünschen, Emotionen und äußeren Besitzidentifikationen. Er erfuhr, dass es jenseits von all dem viel Licht und Wonne, Weisheit und Intuition gab. Am Ende der Woche erzählte er das dem Swami Kumbha.
Dieser schaute ihn nur kurz an und sagte: „Tat twam asi - das bist du.“
Der König fiel in tiefe Meditation. Swama Kumbha verschwand. Chudala rief nach einer weiteren Woche ihre Minister zusammen und diesmal befahl sie, dass alle Minister und der gesamte Hofstaat mit allen Pferden und Elefanten sich bereit machen sollten zu einem Ausflug. Auch der Schimmelhengst des Königs sollte gesattelt mitgeführt werden. Und so zogen sie dann hinaus in den Urwald, Chudala auf einem weißen Elefanten. Der König befand sich noch immer im überbewussten Zustand, in Samadhi.
Er hatte verwirklicht: „Aham brahma asmi, ich bin Brahman, ich bin das unendliche Bewusstsein, ich bin eins mit dem Unendlichen.“
Alle Verhaftungen, Identifikationen und Wünsche hatte er trans-zendiert und seine wahre Natur erkannt. Chudala trat vor den König. Mit dem Mantra „Ooooooommm“ holte sie ihn aus der tiefen Meditation in das Normalbewusstsein zurück. Er erkannte, dass er selbstverwirklicht war und dass Chudala vorher als Swami Kumbha sein Meister gewesen war.
Er verneigte sich vor ihr und sagte: „O Liebling, danke, dass du mich auf meinem Weg begleitet und mich belehrt hast; du bist mein Guru. Nun habe ich die Unsterblichkeit erreicht, nichts mehr gibt es zu tun.“
Lächelnd erwiderte Chudala: „Lieber, wieder irrst du, dein Karma ist noch nicht zu Ende. Kehre zurück, zusammen wollen wir das Königreich regieren und uns um unsere Kinder kümmern. Dieser Aufgabe können wir uns nun in dem vollen Bewusstsein stellen, dass unsere wahre Natur Brahman (das Absolute) ist, dass die Natur hinter allem Brahman ist, dass die ganze Welt eine Manifestation Brahmans, des Göttlichen, ist.“
Der König nickte. Dann fragte er: „Was eigentlich war zu entsagen?“
Die Königin lächelte nur.

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König Parikshit und der Sohn des Asketen
Ein Einsiedler lebte mit seiner Familie im Wald. Viele Weise und Heilige hatten damals eine Familie, aber sie lebten abgeschieden, waren mit einfachen Dingen zufrieden und meditierten viel. Dieser Meister war eines Tages in tiefe Meditation versunken. Da kam König Parikshit vorbeigeritten. Er hatte einen langen Ritt hinter sich und wollte etwas zu essen und zu trinken.
In Indien gilt das Gesetz der Gastfreundschaft gegenüber jeder-mann, und dem König gegenüber natürlich in besonderem Maße. Der König klopfte also an und als keine Antwort kam, öffnete er die Tür und sah dort jemanden in Meditation sitzen. Er rief: „Bit-te, großer Weiser, ich brauche etwas zu essen und zu trinken. Ich bin ganz schwach und muss heute noch weit reiten.“
Er bekam keine Antwort.
„Ich habe mit dir gesprochen, nun sag‘ doch etwas!“, rief er dar-aufhin. Als immer noch keine Antwort kam, schüttelte er ihn.
Der Asket blieb immer noch reglos sitzen. Nun wurde der König wütend. „Das ist kein Heiliger“, dachte er, „sondern er ist nur zu faul oder zu geizig, mir etwas zu geben und tut deshalb so, als würde er meditieren. Denn so lange und vertieft kann jemand unmöglich ruhig sitzen.“
In seinem Zorn nahm der König eine Schlange, legte sie dem Ein-siedler um den Hals und ging weiter. In diesem Augenblick kam der Sohn des Weisen von hinten her und sah das. Er war noch jung und daher zu schüchtern, den König anzusprechen. Er war von seinem Vater dazu erzogen worden, niemals auch nur eine einzige Lüge zu sagen und hatte in seinem ganzen Leben bisher immer nur die Wahrheit gesagt. Und deshalb waren seine Ge-danken unheimlich stark und jedes Wort, das er sagte, musste zur Wahrheit werden. Er sagte: „Dieser König wird in sieben Ta-gen an einem Schlangenbiss sterben“.
Nach ein paar Stunden kam der Weise aus seiner Meditation heraus, sah die Schlange um seinen Hals und nahm sie vorsichtig ab. Es heißt, einem Weisen in der Meditation tun Schlangen und wilde Tiere nichts zu Leide. Das ist die Kraft von Ahimsa, der Gewaltlosigkeit. Wenn jemand fest in Ahimsa verankert ist, tun ihm Tiere nichts Böses.
Der Weise kam aus der Meditation, legte die Schlange ab und fragte seinen Sohn: „Was ist denn passiert? Was ist mit der Schlange los, und wie kommt sie hierher?“
Der Sohn antwortete: „Der König war da. Er hat dir diese Schlange um den Hals gelegt und bewusst in Kauf genommen, dass du daran stirbst. Dem habe ich’s aber gezeigt. Er wird jetzt in sieben Tagen an einem Schlangenbiss sterben.“
„So?“
„Ja, ich habe gesagt, dass er es wird und du weißt selbst, wenn ich etwas sage, wird es geschehen.“
„Aber der König ist doch insgesamt ein gerechter König und mir ist ja auch nichts passiert. Wir hätten ihn ja auch bewirten sollen und da ich es nicht gemacht habe, hättest du es tun sollen. Ich habe leider nichts von seiner Anwesenheit gemerkt. Das tut mir leid. Der König hat sich eben geärgert. Er ist kein Weiser, des-halb hat er seine Emotionen nicht so unter Kontrolle. Aber wir, die wir Asketen sind, wir sollten unsere Emotionen vollständig unter Kontrolle haben.“
Darauf sagte der Sohn: „Ja, ich sehe es ein, es war nicht richtig von mir. Aber du weißt, es wird geschehen. Ich kann es nicht zu-rück nehmen.“
Schweren Herzens ging also der Weise zum König und sagte: „O König, ich muss dir leider sagen, du wirst in sieben Tagen an einem Schlangenbiss sterben.“
„Warum“, frage der König. Der Weise erklärte es ihm und ent-schuldigte sich: „Es tut mir leid, aber es ist leider nicht mehr zu ändern.“
Auch der König erkannte, dass er sich nicht richtig verhalten hatte, aber auch er konnte es nicht rückgängig machen. Er gab den Auftrag, ein neues Haus auf Pfählen aus ganz neuem Mate-rial zu bauen. Alle Baumaterialen wurden genau überprüft, da-mit ja keine Schlange irgendwo verborgen sein oder sich hoch schlängeln konnte. An diesem Haus wurde sieben Tage lang ge-baut. Gleichzeitig sorgte der König aber auch auf anderer Ebene vor und erkundigte sich: „Was ist der schnellste Weg, innerhalb weniger Tage zur Verwirklichung zu kommen, falls ich doch ster-be?“ Darauf hieß es: „Der schnellste Weg zur Selbstverwirkli-chung ist es, Geschichten von Gott zu hören und den Lobpreis Gottes zu singen.“ Daraufhin lud der König Sukadev ein, den Sohn von Vyasa (Weiser, die viele alte klassische Schriften aufge-schrieben hat), der ihm die Bhagavatam erzählte, die von Geschichten der Inkarnationen Vishnus und insbesondere Krishnas handelt. Kurz vor Ende der sieben Tage bezog der König sein neues Haus. Oben setzte er sich hin. Als ihm Essen gereicht wurde, war in einer Frucht eine Schlange, die ihn biss, und er starb daran.
Aber da er in der Zwischenzeit den Lobpreis Gottes gesungen und die Geschichten von Krishna gehört hatte, kam er zu höheren Bewusstseinsebenen und erreichte die Befreiung. So stellte sich die ganze Begebenheit letztlich als ein Segen für ihn heraus, denn in den sie
ben Tagen konnte er sich auf den physischen Tod und seine Befreiung vorbereiten und Abschied nehmen.

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Ein König, sein Minister und die Räuber
Es war einmal ein König, der hatte einen Minister und dieser vertrat die Philosophie: „Alles, was auch immer geschieht, ge-schieht zum Besten“.
Natürlich war der Minister bei seinem König sehr angesehen, denn es ist wohltuend, einen positiv denkenden Menschen um sich zu haben, vor allem, wenn man ein Land regieren muss.
Eines Tages ritten der König und sein Minister auf die Jagd. Mit-ten im Wald zerteilte plötzlich ein Keiler das Gebüsch. Der König riss seinen Bogen von der Schulter und einen Pfeil aus dem Köcher. Er spannte die Waffe, aber da verrutschte ihm der Pfeil am Holz und die Sehne schnellte los und trennte ihm einen kleinen Finger von der Hand. Schmerz verspürte er im ersten Moment nicht, doch die Wunde blutete stark und ein Glied von ihm lag auf der Erde. Der König lamentierte und wehklagte.
Da sagte sein Minister: „Oh, königliche Hoheit, nehmt den Unfall nicht so tragisch, Ihr wisst doch, alles geschieht immer zum Bes-ten.“
Nun, es gibt Momente, da hält man besser den Mund.
Wütend schrie der König: „Ich werde dir zeigen, was zu deinem Besten ist!“
Er befahl, den Minister augenblicklich in den Kerker zu werfen. Und das geschah auch augenblicklich.
Der König hatte einen guten Arzt, vielleicht einen ayurvedischen, denn zwei Wochen später war die Wunde verheilt. Da packte den König erneut das Jagdfieber, und er ritt wiederum Jagen, doch diesmal in einen anderen Wald. In diesem verirrte er sich.
Und plötzlich umzingelte ihn eine Räuberbande. Die Räuber suchten gerade einen Menschen als Opfer für ihre Dämonenver-ehrung. Da kam ihnen der König gerade recht. Sie nahmen den König gefangen, fesselten ihm die Hände auf dem Rücken und brachten ihn zu ihrem Versteck. Am Abend sollte er geopfert werden. In einem Ritual wurde er gewaschen und angemalt, und musste weiße Kleidung anziehen. Und dann kniete der König mit gebundenen Händen vor dem Priester, der dumpfe Worte mur-melte.
Schließlich hob der Priester das Schwert, um dem König den Kopf abzuschlagen. Doch da sah er, dass an der einen Hand des Königs ein Finger fehlte.
Der König war nicht mehr vollkommen! Nach ihren Vorschriften durfte aber ihren Dämonen kein unvollkommener Mensch geopfert werden. Und da sie an dem König die Reinigungsriten bereits vollzogen hatten, durften sie ihn auch nicht in anderer Weise umbringen. Die Räuber verbanden dem König die Augen und führten ihn zum Rand des Waldes. Dort ließen sie ihn frei. Der König eilte zurück in sein Schloss. Als erstes lief er zum Kerker und öffnete mit eigener Hand die schwere Tür.
Zu seinem Minister sagte er: „Verzeih, du hattest Recht. Es war tatsächlich zu meinem Besten gewesen, dass ich bei dem Jagdun-fall den kleinen Finger verloren habe; das hat mir das Leben gerettet.“ Und der König erzählte dem Minister sein gefährliches Abenteuer, das so übel hätte enden können. Zum Schluss jedoch fragte er, verschmitzt lächelnd: „Nun, mein kluger Minister, sag’ mir aber einmal, warum war es für dich das Beste, dass du von mir eingekerkert wurdest?“
„Oh, königliche Hoheit“, sagte der Minister und lächelte ebenfalls, „wenn Ihr mich nicht in den Kerker geworfen hättet, dann wäre ich während der Jagd bei Euch gewesen. Und da mein Ori-entierungssinn auch nicht gut ist, hätte ich mich mit Euch zusammen verirrt, die Räuber hätten uns also beide gefangen ge-nommen. Nachdem sie dann festgestellt hätten, dass Ihr nicht vollkommen seid, hätten sie mich geopfert. Darum, oh, königliche Hoheit, danke ich Euch, dass Ihr mich ins Gefängnis geworfen habt.

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Rama
Einst lebte ein König, der der Meinung war, er habe jetzt schon lange genug regiert. Deshalb wollte er seinem Sohn Rama die Regierungsgewalt und das Königreich übergeben.
Rama, obwohl erst sechzehn Jahre alt, stimmte zu. Vor der Krö-nung wollte er sich aber erst einmal noch im Reich umschauen, und die Wallfahrtsorte, heiligen Flüsse und Haine sehen. Mehre-re Wochen und Monate reiste er durch alle Teile des Königreiches. Als er zurückkam, sprach er kein Wort. Er war zutiefst nie-dergeschlagen, zog sich in seine Kammer zurück und aß kaum.
Der König befahl die besten Ärzte zu sich. Sie sollten herausfin-den, was mit Rama los sei. Sie prüften die Temperatur und den Puls, hießen Rama den Mund öffnen, um in den Rachen zu schauen; aber soviel sie auch untersuchten, sie fanden keine Krankheit. Rama ließ alles still und teilnahmslos über sich erge-hen.
Da die Ärzte ihn nicht heilen konnten, ließ der König die Weisen des Landes rufen. Sie kamen und unter ihnen befand sich Vish-vamitra, einer der weisesten. In Anwesenheit des gesamten Kö-nighofes und aller anderen Weisen sollte er Rama nach den Gründen für seinen Zustand befragen.
Vishvamitra fragte Rama direkt: “Was ist los mit dir?“
Wer würde als 16-jähriger in dieser Situation ein Wort herausbringen?
Aber, oh Wunder, Rama sprach zum ersten Mal wieder. Er sagte: „Im ganzen Königreich bin ich herumgereist und habe viele heili-ge Stätten und Einsiedeleien besucht, und auch wenn meine Worte töricht klingen mögen, will ich mich dennoch äußern. Folgende Gedanken gehen mir durch den Kopf: Unser Tun und Trei-ben und die ganze Welt sind ohne Bestand. Wir werden geboren, um zu sterben, und sterben, um wieder geboren zu werden. Was soll ich mit einem Königreich? Überall hetzen die Menschen Gold und Gütern nach. Aber Gold und Güter zu besitzen, kann doch nicht der Sinn des Lebens sein! Was soll ich mit schönen Dingen? Wozu ist alles da? Wer bin ich? Was bin ich? Wie kann das Un-glück enden? Wenn ich über all das nachdenke, fühle ich mich unwohl und niedergeschlagen. Wie ein Wanderer, der eine Wüste durchqueren muss.“
Die Antwort genügte Vishvamitra, den Grund für Ramas eigenartiges Verhalten zu erkennen. Nach der Anamnese, der Unter-suchung der Krankengeschichte, folge also die Diagnose und gleich auch die Therapie. Vishvamitra wandte sich dem Herrscher zu und sagte: „O König, freue dich. Dein Sohn ist nicht krank, sondern er hat die erste Stufe des Wissens erreicht, die in der heiligen Sprache Subecha, Verlangen nach Wahrheit, ge-nannt wird. Erkennen will er, was wirklich ist. Er will den Sinn des Daseins verstehen. Nicht dadurch wirst du ihn zur Fröhlichkeit zurückführen, indem du ihm immer großartigere Vergnü-gungen und Zerstreuungen anbietest, sondern dein Sohn dürstet nach Wissen, nach tiefem Wissen; er muss anfangen zu meditieren. Um ihn aber in die Meditation einzuführen, o König, braucht er spirituelle Unterweisung.“
Vishvamitra sah sich unter den anwesenden Weisen um, und wie ein guter allgemeiner Arzt seinen Patienten an einen guten Facharzt überweist, sagte er: „Vasishtha, der Kenner des Yoga, ist der geeignete Lehrer.“
Vasishtha, der große Weise, lehrte den Königssohn Rama nun Abend für Abend die Weisheit des Selbst. Nicht in philosophi-schen Abhandlungen lehrte er, sondern in vielen Geschichten.
„Die Welt“, so sagte er, „obwohl scheinbar gegenständlich, ist unwirklich. Schein, Maya, die Dinge und deine Wünsche umge-ben dich wie ein Urwald, in dem tief drinnen das unsterbliche Selbst, das göttliche Bewusstsein, der Tropfen des Brahman als tiefer, klarer See der Wildgänse liegt (Hamsa, die Wildgans, gilt als Symbol der Befreiung). Um zu diesem See zu gelangen, musst du dir durch das Dickicht einen Weg schlagen, das ist deine all-tägliche Pflicht, die du erfüllen musst. Nur so erreichst du den See, kannst aus ihm trinken, oder auf seinen Grund schauen, oder in ihn eingehen. Hast du verstanden?“
„Ja“, antwortete Rama, „ich habe verstanden.“
Vasishtha sah ihn streng an und sagte: „Nichts hast du verstan-den, denn niemand hat etwas gesagt, niemand hat zugehört, folg-lich gibt es niemanden, der etwas verstanden haben kann, denn alles in der Welt ist nur Maya, Illusion. In Wirklichkeit ist alles ist nur Brahman, Bewusstsein, und nichts passiert.
Rama wurde gekrönt. Während seiner langen Regierungszeit überwand er viele Schwierigkeiten, und wurde ein glorreicher König.

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Das glückliche und das unglückliche Ehepaar
So, wie es in Europa Tausende von Partnerschaftsratgebern und Paartherapeuten gibt, so gab es im alten Indien die Weisen, die man auch in ehelichen Angelegenheiten um Rat fragen konnte. Einmal geschah es, dass in einem Dorf zwei sehr unterschiedli-che, ältere Ehepaare lebten: Die einen waren unglücklich und stritten sich ständig, die beiden anderen aber lebten glücklich und harmonisch zusammen. Sie galten als weise. Eines Tages, als sich die streitsüchtige Frau und der streitsüchtige Mann einmal wieder furchtbar verzankt hatten und es beinahe zu Tätlichkei-ten zwischen ihnen gekommen war, ging die Frau weinend zu der glücklichen.
„Schwester“, sagte sie, „hilf mir, ich kann so nicht weiter leben. Warum ist mein Mann immer so feindselig, so dass wir ständig aneinander geraten? Du lebst mit deinem Mann so glücklich und friedvoll zusammen. Wie machst Du das?“
Die glückliche Frau überlegte einen Augenblick. Dann sagte sie: „Nun gut. Schau mir zu. Ich werde dir etwas vorführen.“
Sie rief ihren Mann, der auf dem Terrassenfeld neben dem Haus gerade die Kartoffelstauden anhäufelte. Er kam, wechselte an der Tür die Schuhe und betrat die Hütte. Sie sagte zu ihm: „Lieber, bitte, sei so gut und zünde ein Feuer an!“
Der Mann sah seine Frau kurz an, runzelte die Stirn und zündete das Feuer an.
„Und jetzt“, sagte die Frau, „setz’ bitte einen Topf auf das Feuer.“
Der Mann setzte einen Topf aufs Feuer.
„Nun gib etwas Ghee (reine, geschmolzene Butter) in den Topf.“
Auch das tat er.
„Gieß Honig hinzu.“
Er träufelte Honig hinzu.
„Und nun schütte das Ganze ins Feuer!“
Ohne ein Wort zu verlieren, nahm der Mann den Topf und schüt-tete den ganzen Inhalt ins Feuer, so dass es hoch aufloderte.
„Danke, Lieber“, sagte die Frau, „das war alles, nun brauche ich dich nicht mehr.“
Und der Mann ging wieder hinaus auf sein kleines Feld, um die Kartoffeln weiter anzuhäufeln. Die Hausherrin wandte sich an die unglückliche Besucherin und fragte: „Hast du verstanden?“ „Ja“, antwortete sie, „ja, ich habe verstanden.“
Und sie eilte nach Haus. Im Garten vor der Hütte jätete ihr Mann gerade das Unkraut zwischen den Okrapflanzen. Sie huschte in die Hütte. Nach einer Weile trat sie in die Tür und rief: „Du, Lieber, komm doch bitte mal zu mir ins Haus!“
„Siehst du nicht, dass ich arbeite?“, brummte der Mann.
„Das sehe ich, aber ich war gerade bei dem weisen Ehepaar, das so glücklich zusammen lebt. Die Frau hat mir eine magische Handlung gezeigt. Komm, auch wir werden bald glücklich zu-sammen leben!“
„Quatsch“, grummelte der Mann, „du mit deinem Blödsinn im-mer!“
„Ich werde nachher auch Milchreis für dich zubereiten, den du so gern isst.“
Immer noch grummelnd, schlurfte der Mann zur Hütte. Sie gin-gen hinein.
„Zuerst musst du, bitte, ein Feuer anzünden“, sagte die Frau.
„Ein Feuer, jetzt am Nachmittag, bei der Hitze?“
„Bitte, bitte!“
Widerwillig zündete der Mann in der Kochstelle ein Feuer an.
„Jetzt setz’ bitte einen Topf aufs Feuer.“
„Was, einen Topf? Das Kochen ist doch deine Arbeit!“
„Bitte, bitte. Ich bitte dich sehr, tu’ es.“
Unmutig nahm er einen Topf und setzte ihn aufs Feuer. „Du bist verrückt geworden“, sagte er.
„Und nun tu’ Butter hinein.“
„Butter? Die teure Butter einfach so hinein tun? Ich weiß ja gar nicht, was das werden soll!“
„Nun gieß’ Honig hinzu!“
„Honig? Du bist total verrückt! Du spinnst!“
„Und jetzt gieß’ das ganze ins Feuer!“
Der Mann fuhr auf. Er sah sie an, als hätte sie ernsthaft von ihm verlangt, er solle fliegen. Er zeigte ihr einen Vogel und ging schimpfend aus der Hütte an seine Arbeit. Die Frau schlug die Hände vor das Gesicht und weinte. Etwas später ging sie nieder-geschlagen zu ihrer Ratgeberin.
„Dein magisches Ritual“, jammerte sie, „hat bei uns nicht ge-klappt. Obwohl ich es, das schwöre ich, genau so wiederholt habe, wie du es mir vorgeführt hast. Wir haben uns sofort wieder ge-stritten.“
„Ein Ritual?“ Die weise Frau lächelte. „Was für ein Ritual? Ich habe dir kein Ritual vorgeführt. Ich habe dir doch nur gezeigt, dass die Grundlage einer jeden guten Partnerschaft Vertrauen ist. Sieh, mein Mann wusste nicht, was ich mit meinen eigenarti-gen Wünschen bezweckte, aber er hatte dich kommen sehen, und er hatte sich denken können, dass wir miteinander gesprochen hatten. Er wusste, wenn ich ihn nachmittags in der Gluthitze bitte, ein Feuer anzuzünden, einen Topf darauf zu stellen, Butter und Honig hineinzutun, beides zu erhitzen und es schließlich wegzuschütten, dann hat das seinen Grund. Er vertraute mir.“, erklärte sie. „Und sieh“, fügte sie hinzu, „hätte mein Mann mich gebeten, das Gleiche für ihn zu tun, dann hätte auch ich seinen Wünschen entsprochen. Das ist alles.“

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Die Geschichte vom Ring
Es war einmal ein Ehepaar, das schon längere Zeit verheiratet war. Beide waren berufstätig - wir machen daraus ein modernes Ehepaar -, haben sich gemeinsam um die Kindererziehung ge-kümmert, sich die Hausarbeit geteilt, sich beim Kochen abge-wechselt – das ist fast schon zu ideal, um wahr zu sein.
Eines Tages erhielt der Mann bei der Arbeit eine freudige Nach-richt: Er war der beste Verkäufer im letzten Jahr gewesen und hatte eine hohe Geldprämie bekommen. Er überlegte, was er mit dem Geld machen sollte. Irgendwie hatte er das Gefühl, seiner Frau ginge es zur Zeit gerade nicht so gut und außerdem war sie gerade an dem Tag an der Reihe, zu kochen. Deshalb wollte er ihr gern eine Freude machen. Er erinnerte sich, dass seine Frau beim Schaufensterbummel öfter bei einem Juweliergeschäft ste-hen geblieben war und einen Ring angeschaut hatte. Sie hatte ihn sogar schon mal anprobiert. Aber sie waren nicht so reich und hatten für die Kinder gesorgt und für alles Mögliche gespart, deshalb hatte sie nie wirklich den Wunsch nach dem Ring geäu-ßert. Aber der Mann wusste, sie mochte diesen Ring über alles.
Also dachte er: „Jetzt kaufe ich diesen Diamantring, um sie rich-tig glücklich zu machen.“
Als er nach Hause kam, war die Frau schon da. Sie hatte einen anstrengenden Tag gehabt, Ärger mit dem Chef und jemand hat-te eine Delle in ihr geparktes Auto gefahren, eines der Kinder brauchte Hilfe bei einer wichtigen Schularbeit und das Essen war angebrannt. Ihre Stimmung kann man sich also vorstellen.
Der Mann kam freudestrahlend nach Hause, überreichte ihr das Päckchen und sagte: „Sei glücklich, Liebling.“
Die Frau öffnete es und sah den Diamantring. Sie schaute ihn fragend an. Er sagte: „Ja, ich habe eine Prämie bekommen und die soll nur für dich sein.“
Nehmen wir an, die Frau hat sich diesen Ring wirklich sehr ge-wünscht, sie hat davon geträumt und nichts mehr ersehnt als diesen Ring. Ist sie jetzt, gerade in diesem Moment glücklich? – Ja. In dem Moment, wo ein großer Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist, ist sie glücklich. Und warum ist sie in dem Moment glücklich? Denkt sie in dem Moment an den Chef, an das Auto, an die Schularbeit des Sohnes oder der Tochter oder die ver-brannte Suppe? – Nein. In dem Moment denkt sie eigentlich an fast nichts. Ihr Geist ist ruhig und konzentriert auf den Ring. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass sie aus dieser Geste sieht, dass ihr Mann sie liebt. Auf jeden Fall ist der Geist ruhig und nicht von anderen Wünschen oder Gedanken abgelenkt. Und wenn der Geist sehr ruhig ist, dann strahlt die Freude des Selbst durch. Es ist nicht wirklich der Diamantring und es ist auch nicht die Beziehung zu ihrem Mann, die das Glück auslöst. Wenn es so wäre, bräuchte sie in Zukunft nur noch ständig den Ring zu tragen und wäre immer glücklich. Oder sie bräuchte nur die gan-ze Zeit mit dem Mann Händchen zu halten, um immer glücklich zu sein. Wir wissen alle, dass dem nicht so ist. Zärtlichkeit und Liebe ist natürlich dem Glücklichsein zuträglich, aber es ist nicht etwas, was einen dauerhaft glücklich macht. Nur in dem Maße, wie sie unseren Geist ruhig und damit durchlässig machen für das Glück des Selbst, können äußere Handlungen und Dinge uns Glück schenken.
Wenn wir dieses Spiel durchschauen, gibt uns das eine unglaub-liche Freiheit. Wir sind dann immer noch nicht so weit, dass wir gleich auf Anhieb das innere Glück spüren können. Leider kann man das nicht willkürlich erzeugen: Augen zu, Gedanken still, Glückseligkeit. Aber wir erkennen wenigstens: Was ich für mein Glück brauche, ist nur eine Methode, eine Weise, meinen Geist zu konzentrieren und entspannt konzentriert zu halten. Dann kann das Glück des Selbst zum Vorschein kommen. Und das kann sich schrittweise in der Meditation, bei regelmäßiger Praxis, entfal-ten, auch wenn ich das Glück nicht gleich beim ersten Mal und auch nicht jedes Mal auf Knopfdruck erfahre. Mein Glück hängt nicht davon ab, dass ich dieses oder jenes Haus besitze. Mein Glück hängt nicht davon ab, dass ich diesen oder jenen Beruf ergreife. Mein Glück hängt auch nicht von etwas anderem ab. Was nicht heißt, dass es nicht hilfreich sein kann, sich Ziele zu setzen. Ziele setzen hilft, den Geist zu konzentrieren. Aber wir wissen: Mein Glück hängt nicht von irgendetwas ab, sondern ich selbst bin Glück. Und ich kann das Glück dann erfahren, wenn ich irgendwie meinen Geist dazu bringe, konzentriert zu sein. Wenn mein Herz bei einer Sache oder bei einem Menschen dabei ist, dann kann das Glück aus mir selbst heraus strahlen.

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Die Geschichte von Jada Bharata
Es gab einmal einen großen König namens Bharata. Er soll in legendärer mythologischer Vorzeit Indien erstmals geeint haben. Nach ihm ist das Land auch benannt. Denn die Inder nennen sich selbst Bharatas, die Nachkommen von Bharata, und ihr Land Bharata, das Land des Bharata. Der Begriff „Indien“ entstand durch die Griechen. Er bedeutet „das Land, das hinter dem In-dusfluss liegt“. Der Fluss heißt bei den Indern eigentlich Sindu. Daraus haben die Griechen Indus gemacht, und die Menschen, die um das Industal herum wohnten, als Inder bezeichnet. Später wurde dann das ganze Land so genannt.
Als König Bharata alt wurde, überließ er seinem Sohn die Herr-schaft und zog sich, entsprechend den vier Ashramas, den vier natürlichen Lebensstadien – Brahmacharya (Kindheit und Lehr-zeit), Grihasta (Berufs- und Familienleben), Vanaprasta (Pensio-när, Zurückgezogenheit), Sannyasa (Entsagung, intensive spiri-tuelle Praxis) -, in die Einöde zurück. Er ließ sich an einem Fluss nieder, und widmete den Rest seines Lebens der Meditation. Ei-nes Tages, als er sein Bad im Fluss nahm, wurde ein Rehkitz herunter getrieben. Er rettete es und zog es auf. Und er, der dem ganzen Königreich entsagt hatte, seinen Kindern, seiner Frau, Luxus, Reichtum und Macht; er entwickelte nun eine Verhaftung an dieses Rehkitz. Immer öfter, wenn er meditierte, dachte er an das Rehkitz, und fragte sich, wie es ihm wohl gehe. Es kam auch oft zu ihm, setzte sich auf seinen Schoß oder lenkte ihn sonst ab, wenn er meditierte – und so erreichte er doch nicht ganz die Selbstverwirklichung.
So kam es auch, dass er im letzten Augenblick seines Lebens an das Rehkitz dachte, statt an das Unendliche oder statt sein Mantra zu wiederholen.
Er dachte: „Was wird denn jetzt aus meinem Reh? Wer kümmert sich um mein Reh?“ – obwohl es schon längst alt genug war, sich um sich selbst zu kümmern. Aber Anhaftung funktioniert nun einmal so. Und weil er so intensiv an das Reh gedacht hatte, wurde er im nächsten Leben als Reh wiedergeboren.
Man muss also aufpassen, was man denkt. Der letzte Gedanke bestimmt das nächste Leben!
So wurde der König also im nächsten Leben als Reh geboren. Da er aber doch ein sehr fortgeschrittener Aspirant gewesen war, der schon höhere Bewusstseinsebenen erreicht hatte, hatte er die Erinnerung an frühere Leben behalten. Und weil er sich daran erinnerte, hielt er sich abseits von den anderen Rehen und lebte ein ruhiges meditatives Leben, bis er als Reh starb und sich dann wieder als Mensch inkarnierte. Diesmal entschied er sich, den gleichen Fehler nicht nochmals zu machen. Er wollte keine An-haftungen mehr eingehen. Und da er schon als König sehr spiri-tuell gewesen war und bereits die Vorstufen der Erleuchtung erreicht hatte, machte er in seinem neuen Leben schon in der Kindheit rasche Fortschritte. Um also Verhaftungen zu vermei-den und die Selbstverwirklichung zu erreichen, entschied er sich, mit niemandem zu sprechen. Seine Eltern fanden das natürlich nicht besonders schön. Sie empfanden ihn als eine große Belas-tung. Alle anderen ihrer Kinder lernten, er lernte nichts. Sie setzten ihn zwar für einfache Arbeiten ein und er machte das, was ihm gesagt wurde, aber nicht mehr. Wenn man ihm nichts sagte, saß er einfach nur da – meditierte also.
Aber für seine Eltern war er nur ein Verrückter, mit dem man nichts anfangen konnte. Eines Tages sagten die Eltern zu ihm: „Du willst ja doch immer nur herumstehen und nichts tun, also geh’ aufs Feld, vertreibe die Krähen und sorge dafür, dass sie die Ernte nicht auffressen!“
Er bekam ein Vogelscheuchenkostüm und stellte sich aufs Feld. Die Vögel kamen. Er sah den Sinn seiner Aufgabe nicht ein. Wa-rum sollte er die Vögel vertreiben, sie hatten doch Hunger?
Also stand er ganz leblos da und meditierte über das Absolute. Am Abend kam sein Vater und sah, dass alle Samen aufgefressen waren. Da schlug er ihn mit dem Stock und befahl ihm, zu ver-schwinden. Gut, es wurde ihm gesagt, er solle gehen, also ging er seines Weges.
Nun geschah es, dass auf diesem Weg der König in seiner Sänfte getragen wurde. Er war unterwegs zu seinem Guru, um etwas über Brahman, das Absolute, und die Selbstbefreiung zu erfah-ren. Einer der Sänftenträger verknackste sich den Fuß, so dass es nur noch drei Träger waren. Ein König braucht nämlich parado-xerweise eine Sänfte, Sänftenträger und einen Kommandanten vor sich und einen hinter sich, auch wenn er zu seinem Guru geht. So beratschlagten nun die Kommandanten, was zu tun sei. Da sahen sie plötzlich Jada Bharata, wie er jetzt hieß, den Weg entlang kommen. Der Kommandant rief ihn her und machte ihn zum Sänftenträger. Während sie nun weitergingen, sprang Jada Bharata plötzlich hoch, weil auf dem Weg eine Schnecke war, die er erst im letzten Moment gesehen hatte, als sein Fuß fast schon unten war. Um sie nicht zu zertreten, machte er schnell einen Sprung. Die Sänfte bewegte sich unsanft, der König bekam eine Beule und rief heraus: „Was ist denn los?“ Der Hauptmann sagte: „Entschuldige, König, aber der neue Sänftenträger ist noch nicht so geübt“. Darauf sagte der König: „Dann soll er sich gefälligst ein bisschen bemühen und acht geben“. Nach einer Weile führte eine Ameisenstraße über den Weg. Jada Bharata sprang wieder hoch, um die Ameisen nicht zu töten. Der König bekam eine zwei-te Beule, schaute aus der Sänfte heraus, sah, dass das wieder der neue Träger gewesen war und sagte: „Wenn du das noch einmal machst, schlage ich dir den Kopf ab“. Sie gingen weiter, bis eine Kröte auf dem Weg saß, die sich tot gestellt hatte, so dass Jada Bharata sie erst sehr spät bemerkte und wieder einen Sprung machte. Der König sprang aus seiner Sänfte, nahm sein Schwert und sagte: „Weißt du nicht, wer ich bin? Ich bin der Herr über Leben und Tod und du wagst es, das zu tun?“ Nun öffnete Jada Bharata zum ersten Mal in seinem Leben den Mund und sagte: „Oh großer König, du denkst du bist Herr über Leben und Tod und kannst doch nicht einmal deinen eigenen Geist beherrschen. Du kannst vielleicht diesen Körper töten, aber das Selbst kannst du nicht töten.“ Plötzlich durchzuckte es den König, er zitterte am ganzen Körper und erkannte, wie dumm er sich benahm. Er befand sich auf dem Weg, um die Erleuchtung zu erlangen. Einer seiner Sänftenträger besaß sie offensichtlich bereits, und er war gerade dabei, ihn zu töten. Wie wollte er so die Selbstverwirkli-chung erreichen? Der König fiel Jada Bharata zu Füssen, und bat ihn um Unterweisung. Und Jada Bharata erzählte ihm von Brahman, dem Absoluten, und zog anschließend seines Weges.
Und nur weil der König ihn danach gefragt hatte, kennen wir die Geschichte von Jada Bharata.
Jada Bharata befand sich in Padarthabhavani (‚sieht Brahman überall’), der achten der klassischen neun Bhumikas (Stufen zur Befreiung). Er identifizierte sich nicht mit einem Individuum, seinem Körper und seinem Geist, sondern mit allem, dem ganzen Universum. So gab es für ihn keinen Grund, zu handeln. Nur wenn man ihm etwas sagte, machte er es. Ansonsten tat er nichts.
Aber davor brauchen wir keine Angst zu haben. Das wird uns nicht so schnell passieren.

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Der Sohn des reichen Mannes
Es war einmal ein reicher, gütiger und hilfsbereiter Mann, dem wurde ein wunderschöner Sohn geboren, den er sehr liebte. Da überfiel eines Tages eine Räuberbande sein Haus und raubte das Baby. Die Räuber flohen mit dem Kind und verlangten ein Löse-geld. Der reiche Mann zahlte die verlangte Summe, aber dem Räuberhauptmann gefiel der Knabe gut, und deshalb behielt er ihn, um ihn wie seinen eigenen Sohn aufzuziehen. So wuchs der Junge in dem Glauben heran, der Sohn des Räuberhauptmannes zu sein. Als das Ziehkind fünfundzwanzig war, beschloss der alte Hauptmann, seine mühselige und gefährliche Tätigkeit auf-zugeben und sich zur Ruhe zu setzen. Er rief die Bande zusam-men und verkündete ihr seinen Entschluss.
„Mein Sohn soll euer Anführer sein“, sagte er, „aber vorher muss er sich als fähig und würdig erweisen. Er muss die Bewohner eines bestimmten Hauses in einer bestimmten Ortschaft töten und ihr werdet ihm dabei helfen.“
Die Räuber, selbst die älteren, waren einverstanden mit dem Führungswechsel, denn der Sohn war mutig, immer freundlich und klug. Reichtum und sehr bald ein angenehmes Leben ver-sprachen sie sich unter seiner Führung. Außerdem waren sie froh, dass der alte, knorrige Hauptmann abtreten wollte. Auch der junge Mann freute sich über sein höheres Ansehen und die neue Aufgabe. Er ließ das Haus, das sie überfallen sollten, aus-kundschaften, postierte bei anbrechender Dunkelheit seine Leute um den Ort und wartete darauf, dass dort Ruhe einkehrte.
Da trat ein alter Räuber zu ihm und sagte: „Ich habe lange über-legt, ob ich es dir sagen soll, aber das Herz lässt mir keine Ruhe. Du bist nicht der Sohn unseres Hauptmannes, sondern dein rich-tiger Vater ist der Mann, den du heute Nacht umbringen sollst.“
Dem angehenden Hauptmann stürzten die Sterne vom Himmel, er wollte das nicht glauben.
„Doch“, fuhr der Räuber fort, „es ist so, wie ich es sage. Ich soll es beweisen? Nun, was ist das für ein Medaillon, was du da an dei-ner Halskette trägst?“
„Das trage ich schon immer.“
„So? Gut, dann rate ich dir, sieh dich einmal in dem Haus um, das wir überfallen wollen. Wenn du dort das gleiche Siegel fin-dest, wirst du erkennen, dass ich die Wahrheit sage.“
Nach diesen Worten ging der Räuber an seinen Platz zurück. Der junge Anführer war total durcheinander. Aber nach kurzer Zeit besann er sich und sagte dem Unteranführer, er wolle vor dem Überfall das betreffende Haus noch einmal allein auskundschaf-ten, und die Kameraden sollten ihm erst dann folgen, wenn er ihnen ein Zeichen gebe. Er schlich sich in das Dorf.
Währenddessen dachte er: „Geraubt bin ich also worden? Der Sohn des reichsten Mannes aus der ganzen Umgebung soll ich sein? Der reiche Mann, höchstwahrscheinlich mein Vater, ist - so heißt es - ein guter Mensch, und den soll ich nun töten oder töten lassen?“
Unbemerkt drang er in das Haus ein. Und dort fand er schon bald das gleiche Siegel, wie es auch auf seinem Medaillon aufge-zeichnet war. Der junge Mann kämpfte noch einmal mit sich, dann weckte er das Ehepaar. Er erzählte den beiden kurz seine Geschichte und zeigte ihnen das Medaillon. Die Gedanken der alten Leute verwirrten sich, sie wollten ihm nicht glauben, denn zu lange hatten sie vergeblich gehofft, ihren Sohn lebendig wie-derzusehen. Aber das Medaillon und die Ähnlichkeit des Jungen mit dem Vater überzeugten sie schließlich. So lautlos wie möglich riefen sie viele Nachbarn herbei. Dann gab der junge Mann das vereinbarte Zeichen und die ganze Räuberbande wurde gefangen genommen. Während seines verbleibenden Lebens war der reiche Mann noch gütiger und hilfsbereiter. Da er außerdem weise war, wurde er von den meisten Menschen aus der Umgebung schon bald wie eine göttliche Inkarnation angesehen. Sein Sohn folgte ihm auf diesem Weg.

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Der Aspirant und der Satguru
Es war einmal ein junger Aspirant, der wollte wissen: „Was ist Gott?“
Darüber dachte er nach und kam zu keinem Ergebnis. Da fragte er viele Menschen und jeder gab ihm eine andere Antwort. Dar-auf las er fünfundzwanzig verschiedene Bücher und aus ihnen erhielt er fünfundzwanzig unterschiedliche Antworten.
Da dachte er: „Ich muss zu jemandem gehen, der mir eine über-zeugende Antwort geben kann. Und wer kann das sein? Nun, bestimmt nicht jemand, der nur von Gott gehört oder nur über ihn spekuliert hat. Nein, ein selbstverwirklichter Guru muss es sein, der Eins ist mit Gott.“ Er erkundigte sich nach einem sol-chen Meister. Im Dschungel sollte so ein Lehrer leben, vier Ta-gesreisen entfernt. Also nahm er zehn Tage Urlaub und begab sich auf den Weg. Flüsse musste er durchschwimmen, Moraste durchwaten, und fünftausend Mücken stachen ihn. Nach vier Tagen erreichte er die Hütte des Meisters. Er klopfte an die Tür. Doch niemand öffnete. Er klopfte noch einmal. Immer noch blieb es still. Er wartete eine ganze Stunde vor der Hütte, doch nie-mand kam. Da öffnete er vorsichtig die Tür und sah in das Halb-dunkel hinein. Und er sah den Meister meditierend dort sitzen. Leise setzte er sich zu ihm und meditierte ebenfalls. Nach einer weiteren Stunde öffnete der Meister die Augen. Vor ihm saß ein Fremder, der ihn fragend anschaute.
Sitzend verneigte sich der Schüler und sagte: „Oh, großer Meis-ter, ich würde gern wissen: ‚Was ist Gott? Wo ist Gott?’ Die einen sagen: ‚Gott ist im Himmel.’ Die anderen sagen: ‚Gott ist in der Erde.’ Noch andere sagen: ‚Gott ist im Herzen.’ Dann heißt es: ‚Gott ist immanent.’ Und es wird gesagt: ‚Gott ist transzendent.’ Und wiederum andere meinen: ‚Gott ist sowohl immanent wie auch transzendent.’ Dann gibt es Menschen, die sagen: ‚Gott ist männlich.’ Andere sagen: ‚Gott ist weiblich.’ Und die nächsten sagen: ‚Gott ist sowohl männlich wie auch weiblich.’ Die einen schwören: ‚Gott hat einen Bart.’ Die anderen sind überzeugt: ‚Gott hat Stoßzähne.’ Oh, Meister, bitte sag mir: Wer ist Gott? Was ist die Wahrheit?“
Der Meister, der seit Stunden meditiert hatte, hörte dem Aspi-ranten mit Mühe zu. Ruhig saß er da und schließlich antwortete er: „Prajnanam brahman - Bewusstsein ist Brahman, Bewusst-sein ist Wahrheit.“, und er schloss wieder die Augen.
Das war alles. Eine ausführlichere Antwort bekam der Schüler nicht. Also begab er sich auf den Rückweg. Flüsse musste er durchschwimmen, Schlangen ausweichen, ein Bär erschreckte ihn.
Unterwegs dachte der Aspirant: „So weit musste ich reisen, so viele Gefahren auf mich nehmen und der Meister sagt mir nur einen Satz: ‚Prajnanam brahman - Bewusstsein ist Brahman.’ Ist das wirklich die Antwort, die ich suche? Und der Meister, ist er der Guru, den ich brauche? Ich brauche einen Guru, den ich ver-ehren kann. Ich suche einen großen, den idealen Guru.“
Aber dann dachte er: „Und ich, bin ich denn der ideale Schüler? Und so viele Worte habe ich gesprochen, musste ich so viel reden? Nun“, dachte er weiter, „in Büchern steht, der weise Dattatreya brauchte keinen menschlichen Guru, sondern eine unscheinbare Biene war seine Lehrerin. Von ihr lernte er, dass man bei schö-nem Wetter Nahrung sammeln muss, um im Winter nicht zu hungern. Und eine andere Biene lehrte ihn, den Sinnen nur mit Bedacht zu folgen, denn sie war abends bereits ziemlich beladen noch in eine Blüte gekrabbelt, um auch diesen Nektar in den Stock zu tragen, aber die Blüte hatte sich geschlossen, ein Ele-fant war des Weges gekommen und hatte die Blüte mitsamt der Biene zertrampelt.“
„Ja, einen Satz nur hat der Meister zu mir gesagt. Was hat er mit ihm gemeint: ‚Prajnanam brahman - Bewusstsein ist Brahman?’ Ist das wirklich so? Wenn ich nun ohne Bewusstsein wäre?“ Er erschrak. „Oh“, rief er, „ohne Bewusstsein wäre ich ja tot! Und was wären die Tiere ohne Bewusstsein? Sie wären ebenfalls tot. Und was wären die Pflanzen ohne Bewusstsein? Sie wären abge-storben.“
Er erkannte, dass die Erde ohne das Bewusstsein der Lebewesen ein entsetzlicher Ort wäre. Da schaute er plötzlich die Natur mit ganz anderen Augen an. Dort, in diesem Schmetterling also, der da an ihm vorüber gaukelte, war Bewusstsein! In den Bäumen, die ihn umgaben, war Bewusstsein! In den Bächen, die er durch-waten musste, war Bewusstsein! Er erkannte: „Gott ist nicht ir-gendwo im Himmel und nicht irgendwo in der Erde. Und unwich-tig ist es, ob er transzendent oder immanent ist. Ja, unwichtig ist es sogar, ob er existiert oder nicht, sondern wichtig allein ist das Bewusstsein, das Bewusstsein in uns und um uns herum, und wichtig ist es, das Bewusstsein zu spüren und zu erkennen.“
Mit diesem Wissen kehrte er in sein Dorf zurück. Klar sah er: Überall ist Bewusstsein, Gott ist Bewusstsein. Aber dann tauchte eine neue Frage auf. Man sollte Gott ja nicht nur erkennen, son-dern auch verwirklichen. Wie konnte er denn Gott verwirklichen? Danach drängte es ihn doch. Er beschloss, den Meister noch ein-mal zu besuchen. Wieder kämpfte er sich durch den Dschungel. Die Moskitos stachen ihn zu Tausenden. In einem Fluss, der während der Monsunzeit Hochwasser führte, ertrank er beinahe. Doch schließlich stand er wieder vor der Hütte des Meisters. Er klopfte, wartete, dann trat er ein. Der Meister meditierte wieder-um und der Aspirant setzte sich zu ihm.
Irgendwann kam der Meister aus seiner Meditation heraus und der Schüler sagte: „Oh, Meister, ich habe erkannt: ‚Prajnanam brahman.’ Tatsächlich, Gott ist Bewusstsein. Ich habe erkannt, Bewusstsein ist das Wesentliche, das Schöne im Universum. Und ohne Bewusstsein ist alles sinnlos. Den Körper liebt man nicht des Körpers wegen, sondern weil Bewusstsein in ihm ist. Die Schönheit liebt man nicht der Schönheit wegen, sondern weil sich in ihr Bewusstsein verbirgt. Und wir muten unserem Körper vie-les zu und kräftigen ihn, weil das Bewusstsein uns dazu drängt. Verlässt das Bewusstsein eines Tages unseren Körper, dann hat er keine Bedeutung mehr und das Bewusstsein wandert weiter. Das habe ich erkannt, aber, oh, großer Meister, es heißt, man soll Gott nicht nur erkennen und spüren, sondern auch verwirkli-chen. Wie verwirkliche ich Gott?“
Der Meister hatte zugehört. „Tat twam asi.“, sagte er. „Das Be-wusstsein, das du überall gesehen, gespürt und erkannt hast, ‚tat twam asi’ - das bist du’.
Und er schloss wieder die Augen und versank in tiefe Meditation. Mühselig war der Weg des Schülers zurück durch den Dschungel. Vor einem zornigen Wildelefanten musste er um sein Leben ren-nen. Nachdem er sich gerettet hatte, wanderte er weiter und ständig dachte er an den Satz: „Tat twam asi. Tat twam asi.“
Auf einmal rief er: „Aber ja, natürlich, warum bin ich nicht schon früher darauf gekommen? Mein Bewusstsein ist ein Teil des un-endlichen, absoluten und göttlichen Bewusstseins. Aham brah-masmi - ich bin Brahman.“
Dieser Gedanke durchfuhr ihn, durchdrang alle Zellen und ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte ihn.
„Ayam atma brahman -“, flüsterte er, „ - mein Selbst, dieses Selbst ist Brahman.“
Und dann spürte er das Absolute, das Göttliche. Nicht nur in seinem Körper, sondern auch in den Vögeln, in den Bäumen, in den Wolken und im Himmel. Sein Bewusstsein war eins mit dem Bewusstsein in allen Körpern, und allen Erscheinungen um ihn herum. Keine Trennung, keinen Unterschied gab es mehr. So kehrte er in seinen Heimatort zurück. Aber je länger er in seinem Haus lebte und den alltäglichen Arbeiten nachging, umso unsi-cherer wurde er, ob das, was er gefühlt und gedacht hatte, auch die Wahrheit war. Dachte er tief genug, konnte er seinem ge-fühlsmäßigen Verständnis trauen? Nach ein paar Monaten, als er sich von seinen Pflichten wieder für zehn Tage frei machen konn-te, begab er sich noch einmal zu seinem Guru. Beschwerlich und gefährlich war der Weg wiederum. Aber dann stand er vor der Hütte, klopfte und trat ein. Der Meister, erwartete ihn bereits.
„Nun, mein Sohn, was kann ich für dich tun?“ fragte er.
Der Schüler sagte: „Oh, großer Meister, bei meinem vorigen Be-such hast du mir gesagt: ‚Tat twam asi.’ Ich habe darüber nach-gedacht und meditiert, und ich habe die Einheit mit allem ge-spürt, aber ich bin mir nicht sicher.“
Der Lehrer sagte: „Ayam atma Brahman - dieses Selbst ist Brahman.“
Dies war die Bestätigung. Dieser Satz räumte alle Zweifel aus.
„Aham Brahmasmi - ich bin Brahman“, sagte der Aspirant und erreichte Nirvikalpa Samadhi (höchster überbewusster Zustand, ohne Dualität).

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Ein Heiliger besucht ein Dorf
Über staubige Straßen gelangte ein Heiliger eines Tages in ein Dorf. Als die Bewohner ihn sahen, freuten sie sich sehr, denn sein Besuch versprach Abwechslung im eintönigen Alltag.
„Bitte“, bestürmten sie ihn, „leite heute Abend auf dem Ver-sammlungsplatz vor unserem Tempel einen Satsang (gemeinsa-mes Meditieren, Singen, Beten, Vortragen oder Lesen aus Schrif-ten)!“
„Gern“, erwiderte der Heilige.
Am Abend gegen acht Uhr versammelten sich über zweihundert Dorfbewohner auf dem Rasenplatz. Gemeinsam meditierten sie, sangen Kirtans (kurze Sanskritlieder), einer spielte Harmonium, ein anderer begleitete den Wechselgesang rhythmisch mit der Tambura.
Um neun Uhr, als der Weise aus der Bhagavad Gita (bedeutende alte Yogaschrift; Lehrgespräch zwischen Krishna und Arjuna über richtiges Handeln) rezitierte, lauschten ihm immer noch einhundertundfünfzig Zuhörer. Der Weise steigerte sich in die Geschichte des königlichen Familienstreites hinein und seine Worte loderten, als er die weisen Ratschläge wiederholte, die Krishna dem Königssohn Arjuna vor der großen Schlacht gab.
Trotzdem waren um zehn Uhr nur noch einhundert Leute um ihn versammelt. Immer mehr geriet der Heilige in Ekstase: Er war der Krishna, er war der zweifelnde Königssohn: welch eine Mi-mik, welch eine Gestik!
Um zwölf Uhr harrte noch eine handvoll Leute um ihn aus.
Schließlich, um ein Uhr morgens, als der Heilige aus seiner Tran-ce erwachte, sah er nur noch einen einzigen Menschen vor sich.
„Wo“, fragte er ernüchtert „sind all die anderen?“
„Die anderen“, antwortete der Mann, „sind nach Hause gegangen, sie hatten noch einiges zu erledigen und heute werden sie hart arbeiten müssen.“
Der Heilige nickte. Dann sagte er: „Aber schön, dass wenigstens du bis zum Schluss mitgefeiert hast, darüber freue ich mich.“
Antwortete der: „Ja, Meister, aber um ehrlich zu sein - du sitzt auf meiner Decke!“

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Der Weise und der Tölpel
Am Rande eines Dorfes lebte ein weiser Mann. Eines Tages be-suchte ihn Narada, der Götterbote, der Zugang zur physischen, astralen und kausalen Ebene hat und daher auch in die Zukunft blicken kann.
Der Dorfweise verneigte sich vor Narada und sagte: „O Narada, großer Meister, ich würde sehr gern erfahren, wie lange es noch dauert, bis ich die Selbstverwirklichung erlange. Würdest du bit-te einmal nachschauen?“
Narada antwortete: „Gern, das nächste Mal, wenn ich mich in den höheren Welten aufhalte, werde ich in der Akashachronik, der Astralchronik, in der alles auf der gedanklichen und astralen Ebene aufgezeichnet ist, nachsehen.
Gleich neben dem Dorfweisen wohnte ein gutmütiger Tölpel, der einfach so in den Tag hinein lebte, ab und zu auch mal etwas me-ditierte oder aus Spaß die Asanas (Yogaübungen) nachahmte, die der Weise praktizierte.
Der hörte die Frage und aus Jux sagte er zu Narada: „Oh, Bote, wenn du schon einmal da oben in dem Buch nachsiehst, dann guck’ doch bitte gleich, wie lange ich noch warten muss.“
Narada versprach es und ging. Nach einer Woche kehrte er zu-rück.
Gespannt fragte ihn der Dorfweise: „Nun, Narada, wie lange dauert es noch?“
„Drei Leben.“
„Was, drei Leben noch! Oh Elend, dreimal muss ich noch wieder geboren werden, dreimal schreiend, unwissend und sprachlos auf die Welt kommen, dreimal noch ohnmächtig als Kind den Eltern ausgeliefert sein, dreimal noch mich als Jugendlicher mit meinen Emotionen herumschlagen und dreimal noch mühselig einen Gu-ru suchen, der mich unterweist, damit ich den Dorfbewohnern später auf ihren albernen Fragen antworten kann? Oh, Narada, was für eine schlimme Botschaft!“
Der Dorfweise war ganz niedergeschlagen. Da tauchte der Nach-barsjunge auf und wollte wissen, wie lange es denn bei ihm noch dauere.
Narada deutete auf einen mächtigen Baum. „Siehst du diesen Banyanbaum dort?“
„Ja.“
So viele Blätter, wie dieser Baum hat, so oft wirst du wiedergebo-ren werden, ehe du dich selbst verwirklichst.“
„Was, nur so wenige Male?“, rief der Tölpel.
„Schau richtig hin, es sind viele Blätter, es sind fast unzählige.“
„Aber danach werde ich die Selbstverwirklichung erreichen?“
„Ja.“
„Und dann werde ich, obwohl ich nicht sehr klug bin, eins sein mit Gott?“
„Ja, dann wirst du eins sein mit Gott. Aber wie gesagt, es wird noch sehr lange dauern.“
„Oh Bote, ich habe bisher kein heiliges Leben geführt und medi-tiert habe ich immer nur so ein wenig aus Spaß. Sag’ es noch einmal, ich werde dann Eins mit dem Unendlichen sein?“
„Ja.“
Da sprang der Junge auf, so dass er die Zweige berührte und tanzte unter dem Banyanbaum. „Ich werde die Selbstverwirkli-chung erreichen!“, rief er in Ekstase. „Ich werde die Wonne erfah-ren! Ich werde überall nur Liebe sehen! Ich werde eins mit Gott sein! Ich werde in das Unendliche eingehen!“ Und er freute sich und tanzte und schrie, bis er müde wurde. Dann setzte er sich unter den Baum und nach und nach beruhigte er sich und medi-tierte. Seine Meditation wurde tiefer, und er ereichte die sehr tiefe Meditation, in der er die Selbstverwirklichung erlangte.

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Ratnakar der Räuber
Es war einmal ein sehr geschickter Räuber, der weithin gefürch-tet war. Er lebte in einem Wald, durch den eine Fernstrasse führ-te. Er versteckte sich auf Bäumen und sowie jemand des Weges kam, sprang er dem Reisenden vor die Füße, bedrohte ihn mit einem Schwert und forderte die Herausgabe von Gold und Wert-sachen.
Der König hatte schon des öfteren seine Truppen in den Wald geschickt, um ihn gefangen zu nehmen. Aber da er so geschickt war, und die Gabe hatte, tagelang regungslos in einem Baumwip-fel auszuharren, hatten sie ihn nie fassen können – denn schließ-lich konnten sie nicht jeden Baum durchsuchen.
Eines Tages kam Narada, einer großer Weiser und Heiliger, des Weges. Narada hatte meist eine Vina (indisches Saiteninstru-ment) bei sich und pflegte Mantras zu singen. So spielte er auch jetzt auf seiner Vina und sang dazu: „Om Namo Narayanaya. Om Namo Narayanaya. Om Namo Narayanaya.”, als ihm Ratnakar plötzlich vor die Füße sprang und ihm drohend sein Schwert hin-hielt.
„Weißt du, wer ich bin?“, fragte er drohend.
„Nein, bisher noch nicht, wir haben uns ja noch nicht vorgestellt. Aber wir können uns gern bekannt machen. Ich heiße Narada. Und wie heißt du?“
„Ich bin Ratnakar der Räuber“
„Ja, sehr angenehm. Freut mich, deine Bekanntschaft zu ma-chen.“
Ratnakar, der gewöhnt war, dass alle ihn fürchteten, war etwas irritiert.
„Gib’ mir Gold und Diamanten und alles, was Du an Wertvollem bei dir trägst. Sonst schlage ich dir eine Hand und einen Fuß ab.“ sagte er und richtete drohend seine Waffe auf.
Narada zeigte immer noch nicht den mindesten Anflug von Angst und wich auch nicht zurück. Im Gegenteil, er lächelte und sagte dann ganz ruhig: „Weißt du, ich lebe von dem, was mir die Leute unterwegs zu essen geben. Geld und Gold habe ich leider keines.“ Er überlegte einen Augenblick, dann fügte er hinzu: „Aber hier, meine Vina kann ich Dir gerne geben und Dir auch zeigen, wie man damit umgeht.“ „Vina, was ist das?“ – „Dieses Musikinstru-ment hier. – Aber weißt du, einen alten wehrlosen Mann wie mich zu überfallen, bringt dir wahrlich keinen Ruhm und ist dei-ner nicht würdig. Ich kenne einen Gegner, der ist tausendmal stärker als du.„ „Stärker als ich? Das gibt es nicht. Ich habe bis-her jeden besiegt! Wer soll das sein?“ – „Es ist dein eigener Geist.“ „Mein Geist? Was soll das heißen?“ „Dein größter Gegner ist dein Geist, deine Gedanken. Du kannst sie nämlich nicht kon-trollieren und beherrschen. Ich kann es dir beweisen. Setz’ dich mal fünf Minuten ruhig hin“ – hier zeigte Narada dem Räuber, wie man sich kreuzbeinig zur Meditation hinsetzt – „und jetzt versuche mal, fünf Minuten lang an nichts zu denken.“ – Nun, jeder weiß, was passiert, wenn man an nichts denken will – zahl-lose Gedanken stürzen auf einen ein. Nach ein paar Minuten be-endete Narada das Experiment und fragte: „Und, wer war stär-ker, du oder dein Geist?“ Ratnakar antwortete: „Du, du scheinst etwas zu wissen. Gibt’s einen Trick?“ Als Räuber wusste er, dass man im Leben meist nur mit Tricks zurecht kam. Narada erwi-derte: „Ja, es gibt einen Trick. Man muss den Namen Gottes, ein Mantra, beständig wiederholen. Und für dich wäre ‚Rama’ am geeignetsten“ „Namen Gottes? Mit Gott will ich nichts zu tun haben. Ich will den Geist beherrschen, weiter nichts.“ „Gut, es geht auch anders. Lass mich mal überlegen. Ja, ich hab’s. Kennst du Mara?“ „Den Dämon? Ja, klar.“ „Gut. Dann setze dich hin und wiederhole ‚Mara Mara Mara...’ In einer Woche komme ich wie-der und dann kannst du mir sagen, welche Fortschritte du ge-macht hast.“ Ratnakar setzte sich wieder in Meditationshaltung hin und begann zu wiederholen „Mara Mara Mara Mara ma Ra-ma.Rama.....“ Ganz unmerklich wurde bei der ununterbrochenen Wiederholung aus „Mara“ „Rama“. Narada blieb noch eine Weile bei ihm und meditierte mit ihm, dann ging er seines Weges.
Eine Woche später kam er wieder vorbei, um nach seinem neuen Schüler zu sehen. Es war alles still. Er ging mehrfach an der be-sagten Stelle auf und ab, aber keiner sprang ihm vor die Füße und weit und breit war kein Ratnakar zu sehen. „Ratnakar, Rat-nakar“, rief er. Keine Antwort. Aber am Wegrand war ein großer Termitenhügel, an dem ein reger Verkehr von Ameisen war. Mit der yogischen Kraft seines Dritten Auges erkannte Narada plötz-lich, dass das die Stelle war, wo er Ratnakar verlassen hatte und dass Ratnakar unter dem Ameisenhügel war.
Das ist ein häufig wiederkehrendes Motiv in den mythologischen Geschichten, dass Ameisen einen Hügel über selbstverwirklichte Weise bauen. Das soll zwei Dinge veranschaulichen: Zum einen, dass Tiere niemanden verletzen, der selbst diese friedliche Schwingung der Meditation und des Nichtverletzens ausstrahlt und sich von dieser Schwingung auch angezogen fühlen und zum anderen soll es die große Konzentration und die Tiefe der Ver-senkung zeigen, die nicht einmal durch einen ununterbrochenen Strom von Ameisen zu stören ist.
Narada sprach nur einmal „Ooooom“ und weckte so Ratnakar aus seinem Samadhi (überbewusster Zustand).
Ratnakar erhielt den Namen Valmiki (der aus einem Ameisen-hügel kam), und wurde ein großer Heiliger und Weiser.
Er schrieb anschließend das berühmte Sanskrit-Epos Ramayana, in dem die ganze Geschichte von Rama und Sita erzählt wird.

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Der Schafslöwe
Es war einmal eine Löwin mit einem neugeborenen Löwenjun-gen. Nun war sie hungrig und näherte sich einer Schafsherde in der Hoffnung auf ein gutes Abendessen. Ein Jäger hatte aber dort gelauert, zielte auf sie und erschoss sie. (In einer anderen Variante dieser Geschichte brachte die Löwin ihr Junges im Mo-ment des Sterbens zur Welt.)
Das hilflose, verwirrte, schutzlose Löwenbaby erweckte das Mit-leid einer Schafsmutter, die soeben ihr Schafjunges durch eine Fehlgeburt verloren hatte. So nahm die Schafmutter das Löwen-baby als ihr Junges an und es wuchs in der Schafherde auf. Es lernte, zu essen wie ein Schaf, zu blöken wie ein Schaf, wegzu-rennen, wenn Gefahr drohte – kurzum, es wuchs heran und wur-de sozialisiert wie ein Schaf – ja, sogar wie ein minderwertiges Schaf, denn die anderen, die wohl bemerkten, dass es anders war als sie, spielten ihm oft Streiche oder hänselten es. So war das Löwenjunge ein unglückliches, schüchternes Schaf geworden.
Eines Abends kam der König der Tiere, der Berglöwe, aus den Bergen herunter. Als die Schafe ihn witterten, blökten sie alle in panischer Angst und stoben in wilder Flucht davon. Der Berglö-we sprang mitten unter sie und richtete noch größeres Entsetzen unter ihnen an. Aber er interessierte sich überhaupt nicht für die Schafe, die eine beste Beute für ihn gewesen wären. Das einzige, was ihn interessierte, war der Schafslöwe. Er holte ihn bald ein, packte ihn am Nackenfell und schüttelte ihn ein paar Mal. Der Schafslöwe war gelähmt vor Angst.
„Was machst Du hier“, knurrte ihn der Berglöwe scharf an.
„Mäh, Mäh, Mäh, ich bin nur ein kleines schwaches junges Schaf, bitte tue mir nichts, sondern lass´ mich zu meiner Mutter. Mäh, Mäh, Mäh.“ „Was redest Du da für einen Unsinn? Wo ist denn deine Mutter?“
„Da vorne läuft sie, mit der Herde. Mäh, Mäh, Mäh, bitte lass mich los und tu´ mir nichts.“
„Was suchst Du hier unter den Schafen? Du, der Sohn des Königs der Tiere?“
„Mäh, Mäh, Mäh, ich habe Angst.“
„Hör’ auf zu blöken wie ein Schaf. Du bist kein Schaf, Du bist ein Löwe wie ich.“
„Nein, nein, ich bin ein armes kleines Schaf, bitte lass’ mich jetzt los, damit ich wieder zu meiner Mutter kann.“
„Hör’ endlich mit dem Unsinn auf. Du bist ein Löwe!“
„Ja, ja, das mag schon sein, aber bitte, lass´ mich jetzt zu meiner Mutter. Mäh, mäh, mäh.“
Da packte der Löwe den Schafslöwen erneut am Schlafittchen und trug ihn zu einem kleinen See in der Nähe und hielt ihn über das Wasser. „Was siehst Du?“ – „Ich sehe überhaupt nichts. Mäh, Mäh, Mäh.“ „Mach’ gefälligst Deine Augen auf!“ – „Ich kann im-mer noch nichts sehen“ – „Schnauf’ nicht so unruhig, das gibt zu viele Wellen, da kannst du nichts sehen. Drei bis vier Sekunden tief in den Bauch einatmen, drei bis vier Sekunden ausatmen....“ – „Gut. Was siehst Du?“ – „Ich ..., ich sehe Dich doppelt!“ – Bewe-ge mal deinen Kopf nach links und rechts. Noch mal. Was siehst Du?“ – „Ein Bild bewegt sich, das andere nicht!“ „Also?“
Der junge Schafslöwe schaute den großen Berglöwen an. Dann schaute er wieder ins Wasser. Dann bewegte er sich wieder et-was, legte den Kopf zur Seite, hob die Pfote, schaute wieder den Berglöwen an, sah jetzt auch, dass das andere Spiegelbild im Wasser größer war als seines. Und allmählich, obwohl er es an-fänglich kaum glauben konnte, erkannte der kleine bisher so ängstliche und schüchterne Schafslöwe, der von den Schafen her-um gestoßen worden war: „Ich bin ein Löwe. Ich bin frei. Ich bin stark.“ Und fortan blökte er nie mehr wie ein Schaf, sondern brüllte wie ein Löwe.
So ist es auch mit uns Menschen. Wir denken, wir sind klein und schwach, können nichts bewirken, haben vor allem Möglichem Angst und Bedenken – bis ein Meister kommt und uns sagt: „Deine wahre Natur ist Sat-Chid-Ananda, reines Sein, Wissen und Glückseligkeit. Ich habe es verwirklicht und du kannst es auch. Und mühsam überzeugt er uns und zeigt uns den Weg und fordert uns auf: „Sei mutig, sei stark. Blöke nicht wie Schaf, son-dern brülle Om, Om, Om, wie ein Löwe des Vedanta!

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Der Papageienjäger und der Einsiedler
Es war einmal ein Papageienjäger, der spannte eines Tages sein Netz in der Nähe einer Einsiedelei aus. Der Einsiedler, der dort lebte, sah, wie der Jäger über zwanzig Papageien fing.
Vorwurfsvoll sagte er: „Hörst du nicht, wie gequält die armen Tiere schreien? Wie kannst du die Vögel, die Freiheit gewöhnt sind, in solche Not bringen?“
Der Jäger antwortete: „Ich fange sie, um sie zu verkaufen, das ist mein Broterwerb. So sorge ich für mich und meine Familie.“
„Kannst du dein Brot nicht auf andere Weise verdienen?“
„Ich habe nichts anderes gelernt.“
„Und wie viel Geld bekommst du für die armen Tiere?“
Der Jäger nannte die Summe.
„Das passt gut“, sagte der Einsiedler, „denn bis vor kurzem lebten einige Schüler bei mir. Sie sind jetzt nach Hause zurückgekehrt, und sie haben mir genau die Summe Geldes überlassen, die du nennst. Ich möchte dir das Geld geben, wenn du dafür die Vögel frei lässt. Für wie lange kannst du mit dem Geld deine Familie ernähren?“
„Für einen Monat.“
„Gut. Ich gebe Dir das Geld und du versprichst mir, während eines Monats keine Papageien zu jagen.“
„Ja, wenn du mir die genannte Summe gibst, dann tue ich das gern.“
Der Einsiedler sagte: „Aber zwei dieser Papageien möchte ich mit in meine Hütte nehmen.“
„Einverstanden.“
Der Einsiedler gab dem Jäger das Geld und der Vogelfänger ließ alle Tiere bis auf zwei frei.
In seiner Hütte lehrte der Einsiedler die Papageien immer wieder den Satz: „Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hin-ein, fliegt weg! Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg!“
Nach zwei Wochen sprachen die Vögel den Satz fehlerfrei und er gefiel ihnen so gut, dass sie ihn von morgens bis abends krächz-ten: „Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg! Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg!“
„Ausgezeichnet“, dachte der Einsiedler, „die habe ich gut unter-richtet. Ich werde ihnen jetzt die Freiheit zurückgeben und im Wald können sie die Gurus der anderen Papageien sein.“
Also ließ er die beiden gelehrigen Schüler frei.
Froh flogen sie zu ihren Schwestern und Brüdern, Tanten und Onkeln, Cousinen und Cousins und erzählten ihnen: „Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg! Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg!“
Nach zwei weiteren Wochen hallte es im ganzen Wald:
„Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg! Jäger wird kommen...!“
Der vereinbarte jagdfreie Monat war vorüber und der Jäger kehr-te mit seinem Netz zurück! Er hörte das Geschrei und es klang ihm entsetzlich in den Ohren.
„Auweia“, dachte er, „jetzt hat mich der Einsiedler aber hereinge-legt. Nun werde ich hier wohl niemals mehr einen Papagei fan-gen.“ Aber dann dachte er: „Nun, wenn den Menschen etwas bei-gebracht wird, dann gibt es immer einige, die nicht lernen wollen, oder die das Gelehrte nicht begreifen, oder die es vergessen. Ich bin jetzt den weiten Weg bis hierher gegangen, darum spanne ich einfach einmal mein Netz aus, und warte was geschieht.“
Er breitete also das Netz aus. Und weil er die Situation so ein-schätzte, dass er lange ausharren müsste, um vielleicht zwei, drei Papageien zu fangen, legte er sich seitwärts zu einem Mittag-schläfchen nieder.
Bereits nach einer halben Stunde erwachte er durch lautes Ge-schrei und Gezeter: „Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg! Jäger wird kommen, spannt sein Netz...!“
„Ja, ja“, dachte er, „nun haben also die klugen Vögel das Netz bemerkt und darum schreien sie jetzt noch lauter und aufgereg-ter. Ich werde schnell meine Sachen packen und verschwinden, denn das Jagen in diesem Wald hier ist sinnlos und wird es auch in Zukunft sein.“
Er ging zu dem Netz und was sah er? Hunderte von Papageien hatten sich in dem Netz verfangen, schreiend: „Jäger wird kom-men, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg! Jäger wird kommen...!“

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Der Jäger
Es war einmal ein Jäger, der hatte den ganzen Vormittag gejagt und nichts erlegt. Zu Mittag war er hungrig. Er entledigte sich seiner Waffen, setzte sich unter einen Rhododendrenbaum und packte sein Lunchpaket aus, um zu essen. Am selben Tag hatte ein Tiger in der Umgebung gejagt und nichts erbeutet.
Als er den Menschen unter dem Baum sitzen sah, dachte er: „Oh, da ist ja mein Fressen.“
Vorsichtig schlich er sich an den Jäger heran. Aber ein trockenes Blatt raschelte, der Jäger fuhr herum und entdeckte die Raub-katze. Er sprang auf, sein Herz raste, die Nackenhaare sträubten sich, und die Muskeln spannten sich. Dummerweise hatte er sei-ne Waffen, Speer, Pfeil und Bogen, drei Meter entfernt abgelegt. Ein Kampf war sinnlos. Ihm blieb nur die Flucht. Also rannte er los, so schnell er konnte. Doch es gibt ein altes Naturgesetz, das besagt: Tiger läuft schneller als Mensch. Und der Jäger musste feststellen, dass dem tatsächlich so war. Fast spürte er den hei-ßen Atem des Raubtieres in seinem Nacken, da sah er vor sich einen alten Brunnen. Gerade noch rechtzeitig sprang er hinein. Während des Sprunges sah er, dass der Brunnen trocken war. Aber gleichzeitig entdeckte er in dem Halbdunkel eine Python-schlange, die sich gerade aufrichtete. Viele Gedanken rasten ihm durch den Kopf.
Einer davon war: „Die Schlange wird seit längerem nichts gefres-sen haben.“
Zum Glück sah er in halber Tiefe des Brunnens eine dicke Wur-zel, die dort aus der Wand ragte. Beherzt griff er zu und klam-merte sich an ihr fest. Da hing er nun in halber Tiefe des Brun-nens. Oben der knurrende Tiger, unten die Pythonschlange. Als er die Wurzel genauer musterte, um festzustellen, ob er auch sicher daran hing, entdeckte er zu seinem Entsetzen neben dem knorrigen Holz ein Loch und darin eine weiße und eine schwarze Ratte. Die Tiere nagten an der Wurzel und ließen sich auch nicht stören. Glücklicherweise war die Wurzel tatsächlich ziemlich dick. Während er nun da so hing, entdeckte er gleich neben der Wurzel eine Bienenwabe.
Der Duft des Honigs stieg ihm in die Nase und er dachte: „Ich muss etwas essen, damit meine Kräfte länger reichen.“
Mit einer Hand fuhr er an der Wabe entlang. Er spürte den Ho-nig und schleckte die Finger ab. Die wütenden Bienen stachen ihn. Eine Ewigkeit schien es zu dauern, und doch war es nur eine kurze Zeit, da hatten die weiße und die schwarze Ratte die Wur-zel durchgenagt und der Jäger fiel in die Tiefe des Brunnens, wo die Pythonschlange ihn fraß.
Eine schreckliche Geschichte, nicht wahr? - Es ist die Geschichte unseres Lebens. Der Tiger ist die Zeit, die uns jagt, und die Wur-zel ist das Leben, an dem wir hängen. Und das Essen und der Honig und so weiter, das sind natürlich die äußeren Sinnesobjek-te, von denen wir uns Freude und Erfüllung versprechen.
Ich habe die Geschichte mehrere Male von meinem Lehrer Swami Vishnu Devananda, gehört und der pflegte zu sagen: „Für Nicht-Yogis ist jeder Tag, der vergeht, ein Tag näher am Tod. Aber für einen Yogi ist jeder neue Tag ein Tag näher an der Befreiung, der Selbstverwirklichung, der Unsterblichkeit.“

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Das Vogelpaar
Es war einmal ein Vogelpaar, das gerade ein Nest gebaut und Eier hinein gelegt hatte. Es war an einem Strand am Meer. Eines Tages kam plötzlich eine Springflut und riss das Nest mit sich. Die beiden Vögel waren ganz verzweifelt und traurig, und über-legten fieberhaft, was sie machen könnten, um ihr Nest zu retten. Schließlich beschlossen sie, einfach den ganzen Ozean zu leeren. Sie machten sich an die Arbeit: Jeder von ihnen nahm ein paar Tropfen Wasser in den Schnabel. Dann flogen sie auf die andere Seite des Berges, wo sie das Wasser herunter fallen ließen. Dann kehrten sie wieder zurück, nahmen wieder einige Tropfen in den Schnabel, und flogen abermals zur anderen Seite des Berges. So flogen sie stundenlang hin und her. Zu der Zeit gab es dort einen Weisen namens Agastya. Dieser Agastya war eigentlich dabei, zu meditieren. Als er gerade die Augen aufmachte, sah er die Vögel hin- und herziehen. Für ihn war es zuerst eine schöne Nacken-übung, schließlich fragte es sich aber doch, was die beiden Vögel vorhatten.
Da fragte er sie: „Was macht ihr denn da?“ „Siehst du das nicht? Wir leeren den Ozean.“
„Warum denn das?“
„Der Ozean hat unser Nest weggenommen, und unsere Eier. Und jetzt leeren wir den Ozean, um das Nest wieder zu finden.“
Agastya schaute sich das noch ein paar Minuten an. Doch schließlich hatte er Mitleid mit den Vögeln. Er ging zum Ozean, machte eine bestimmte Mudra (Yoga-Haltung) und wiederholte einige Mantras (gesprochene oder gesungene Urschwingungen der kosmischen Energie). Plötzlich floss der ganze Ozean in Ku-bikkilometern in seinen Mund, und er verschlang ihn. Der Ozean sank Meter für Meter immer tiefer.
Da tauchte der Meeresgott auf, und fragte Agastya: „Was machst du denn da?“
„Ich schlucke dein Wasser.“
„Warum machst du das?“
„Weil du diesen Vögeln ihr Nest weg genommen hast. Ich werde so lange das Wasser trinken, bis das Nest wieder auftaucht.“
„Weißt du nicht, dass es ihr Karma ist, dass sie Nest und Eier verlieren?“
Darauf sagte Agastya, „Wenn du ihnen das Nest und die Eier nicht zurück gibst, dann ist es dein Karma, alles Wasser zu ver-lieren.“
So gab der Ozean das Nest zurück, und Agastya spuckte das Wasser wieder aus.

Das war übrigens ein sehr vollständiges Kunja Kriya (yogische Reinigungsübung für den Magen-/Darmtrakt), und man sagt, dass das Wasser, das durch den großen Heiligen ging, geheiligt worden sei. Das ist mit ein Grund, weshalb am Meer eine beson-ders gute Schwingung herrscht. Natürlich wäre es für die Vögel eigentlich unmöglich gewesen, den Ozean zu leeren. Aber die Geschichte soll zeigen, dass konzentrierte Gedanken- und Wil-lenskraft auch das Unmögliche möglich machen kann. Agastya symbolisiert die voll entwickelte, starke Gedankenkraft.

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Der Holzfäller
Ein Holzfäller war älter geworden, und war es müde zu arbeiten. Da er keine Kinder und auch keine Frau hatte, und es keine Al-terssicherung gab, er aber selbst langsam zu schwach wurde, um weiter diesem harten Beruf nachzugehen, erinnerte er sich an seinen Guru. Dieser hatte nämlich übernatürlichen Kräfte, und kommandierte über Dschinnis, dienstbare Geister.
Er ging zu seinem Guru und sagte: „Bitte, Guru, ich kann meinen Lebensunterhalt nicht mehr verdienen, und brauche einen deiner dienstbaren Geister. Bitte, bitte, gib mir einen.“
Dieser antwortete ihm: „Das ist nicht so ganz ungefährlich. Ich gebe sie nicht so gerne, denn wenn du nicht richtig mit ihm um-gehst, dann bekommst du Probleme.“
„Aber, Meister, ich habe sowieso schon Probleme, viel größer können sie gar nicht werden. Ich werde Hungers sterben, wenn du mir nicht hilfst.“
„Nun gut“, antwortete dieser. „Ich gebe dir einen meiner Geister. Du musst ihn aber ständig beschäftigt halten, sonst frisst er dich auf.“
„Kein Problem“, antwortete der Holzfäller. „Ich habe mehr als genug zu tun.“
Er kam zu Hause an, und fand dort schon den Dschinni, der auf ihn wartete. Er sagte: „Meister, gib mir etwas zu tun!“
„Siehst du die Bäume in diesem Waldstück hier?“, fragte der Holzfäller. „Schlag jeden zweiten Baum davon ab!“
Der Dschinni zog los, und hatte nach zwei Stunden die Arbeit erledigt.
„Meister, gib mir etwas zu tun!“, forderte er.
„Entrinde die Bäume, schneide die Äste ab, mach’ sie dann klein und bündele sie schön auf.“ sagte der Holzfäller.
Eine Stunde später war der Dschinni auch damit fertig, und for-derte wieder vom Holzfäller: „Meister, gib’ mir was zu tun, sonst fress’ ich Dich auf!“
„Dann geh’ jetzt ins Dorf und verkauf’ das Ganze!“
So ging das eine Weile weiter. Der Dschinni erledigte auch die schwierigsten und langwierigsten Aufgaben in kürzester Zeit. Schließlich ließ sich der Holzfäller noch eine Hütte und ein Haus bauen und neue Bäume pflanzen.
Doch nachdem er drei Tage und drei Nächte nur beschäftigt ge-wesen war, sich auszudenken, was er dem Dschinni als nächstes zu tun geben könnte, und der Dschinni immer wieder drohte, ihn zu fressen, rannte er schließlich zu seinem Lehrer und sagte: „Oh, Guru, du hast Recht gehabt. Ich kann unmöglich meinen Dschinni ständig beschäftigt halten. Du musst mir helfen.“
“Ich will Dir einen Ausweg zeigen“, antwortete der Meister. „Bitte deinen Dschinni, den höchsten Baum zu fällen, die Zweige abzu-schlagen und als Pfahl neben dein Haus in den Boden zu setzen. Und dann sag ihm; er soll hochsteigen, und wenn er oben ange-kommen ist, dann soll er wieder runter steigen. Wenn er unten ist, dann soll er wieder hochklettern und wenn er oben ist, dann soll er wieder runter klettern. Und das soll er so lange machen, bis du ihm etwas anderes zu tun gibst.“
Und so lebte unser Holzfäller glücklich und zufrieden bis an das Ende seiner Tage. Und wenn er nicht gestorben ist, dann rennt der Dschinni noch heute hoch und runter.

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Die Schlange und das Seil
In Indien, wo es viele Schlangen gibt, kam abends ein Mann nach Hause, und trat in seinem Vorgarten auf eine Schlange. Schnell sprang er zur Seite, doch er merkte schon, dass die Schlange ihn gebissen hatte. Und da er wusste, dass es eine Giftschlange ge-wesen sein musste, rief er sofort den Priester für die letzten Ö-lungen und die letzten Riten. Er spürte, wie seine Lebenskräfte ihn langsam verließen.
Da kam eine alte Frau vorbei, die Dorfweise, und schaute sich die Wunde an. Sie stutzte, dann nahm sie eine Lampe, und ging hin-aus in den Vorgarten. Und was sah sie dort? Ein Seil! Und neben dem Seil wuchs ein Dornbusch. Als der Mann erschrocken zur Seite gesprungen war, hatte er sich an dem Busch die Wunde zugezogen, und gedacht, es sei ein Schlangenbiss. Die Frau ging wieder hinein und rief dem Mann zu: „Du stirbst nicht. Das ist kein Schlangenbiss, das war nur ein Seil, da draußen. Und deine Wunde ist nur eine Dornenwunde.“
Die ganze Zeit war nur das Seil wirklich gewesen. Woher kam die Schlange? Die Schlange existierte nur in der Einbildung, in der Vorstellung des Mannes. Brahman entspricht dem Seil, es ist immer da. Die Welt, so wie wir sie sehen, ist eine Einbildung. Sie existiert nicht wirklich in der Form, wie wir sie wahrnehmen. Wir legen die Vorstellung einer Welt über das reine Bewusstsein. Das Seil ist niemals zur Schlange geworden, Brahman ist nie-mals zur Welt geworden. Brahman existiert immer weiter als reines Bewusstsein.

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Die Geschichte vom Fleischer
Es war einmal ein junger Aspirant, der unbedingt die Gotteser-fahrung haben wollte. Er zog sich in den Wald zurück und prak-tizierte intensiv Pranayama (Atemübungen). Eines Tages, wäh-rend er Pranayama übte, saß ein Vogel auf einem Zweig oberhalb von ihm und ließ etwas fallen, was auf den Kopf des Yogis fiel. Der Yogi ärgerte sich über diesen Vogel und schaute ihn an. Durch die Kraft seiner Praxis war sein drittes Auge geöffnet, ein Feuerstrahl trat hinaus und verbrannte den Vogel.
Zufrieden mit seinen erreichten Kräften ging der Aspirant in das nächste Dorf, um Nahrung zu erbetteln. Bei einem Haus öffnete eine Frau die Tür. Sie versprach ihm, ihm gleich etwas zu essen zu bringen und bat ihn, etwas zu warten. Nach einigen Minuten ärgerte der Aspirant sich, dass er solange warten musste, und dachte: "Diese Frau hat keinen Respekt, ich sollte meinen Feuer-strahl auch auf sie richten, um ihr Respekt beizubringen". Im nächsten Moment hörte er die Frau sprechen: "O großer Yogi, ich komme gleich, ich muss mich erst noch etwas um meinen pflege-bedürftigen Mann kümmern. Ich bin nicht wie dieser Vogel. Dein Feuer kann mir nichts anhaben". Schockiert und doch neugierig wartete der Yogi.
Nach ein paar Minuten kam die Frau mit etwas Nahrung. Nach dem Essen fragte der Yogi: "Bitte sage mir, woher kanntest Du meine Gedanken? Welche Yogaübungen praktizierst Du, um solch hohe Kräfte erreicht zu haben?“ Die Frau antwortete: "Ich habe nicht viel Zeit für Pranayama und Meditation. Ich übe jeden Tag ein paar Minuten Meditation. Ich diene meinem pflegebe-dürftigen Mann, opfere alle Handlungen Gott und versuche in jedem Menschen Gott zu sehen. So hat mich Gott mit vielerlei Erkenntnissen gesegnet. Aber gehe in das Nachbardorf. Da wirst Du einen Fleischer auf dem Marktplatz sehen. Der wird Dir er-klären, was wirkliche Spiritualität ist."
Der Aspirant brach sofort auf. Auf dem Marktplatz fand er den Fleischer. Als der ihn sah, sagte er: "Bist Du derjenige, den die Frau aus dem Nachbardorf geschickt hat? Bitte warte bis heute Abend, wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin". Der Aspirant, be-eindruckt von den telepathischen Fähigkeiten des Fleischers, wartete geduldig und beobachtete, was der Fleischer so machte. Er sah, dass der Fleischer stets gleichmütig, liebevoll und freude-voll war. Am Abend folgte er dem Fleischer nach Hause, sah, wie er sich liebevoll um Frau, Kinder und die kranken pflegebedürf-tigen Eltern kümmerte. Schließlich fragte er ihn: "Welche Prak-tiken hast du gemacht, um soviel Gleichmut und telepathische Kräfte zu bekommen? Noch dazu wo Du einen solchen Beruf hast?" Der Fleischer antwortete: "Ich mache nicht viele Prakti-ken. Ich meditiere jeden Tag etwas und mache ein paar Runden Pranayama und Asanas, so wie es mein Tagesablauf zulässt. An-sonsten denke ich stets an Gott und opfere jede Handlung Gott. Ich diene Gott in meinen Eltern, meiner Familie und überall. Meinen Beruf konnte ich mir nicht aussuchen. Ich wurde in die Fleischerkaste hereingeboren. So versuche ich sogar zu den Tie-ren freundlich zu sein, auch wenn ich meine Pflicht tun muss. Und Gott hat mir in seiner Gnade wahres Wissen und bestimmte Fähigkeiten gegeben. So solltest auch Du das tun, was zu tun ist. Du solltest mittels Dienen und Liebe Dein Herz öffnen, all Deine selbstsüchtigen Ideen überwinden und so die Einheit mit Gott verwirklichen.“
Man kann Gott in allen Lebensumständen erreichen. Das Erfül-len der Pflichten im rechten Geist besser sein kann als stunden-lange spirituelle Praktiken. Natürlich muss man verstehen, dass im alten Indien keine freie Berufswahl bestand, dass also ein Sohn eines Fleischers nur Fleischer werden konnte.
Wenn man die Wahl hat, ist es sicher besser, auf solche Tätigkei-ten zu verzichten, die man als unethisch empfindet. Aber ansons-ten kann man alles, was man macht, Gott widmen und so Gott näher kommen.

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Der Bettler und der Minister
Es war einmal ein Minister in einem indischen Königreich, der jeden Tag reich geschmückt mit seinem Pferd, das ebenfalls wunderschön geschmückt und mit einer edel verzierten Decke bedeckt war, zum Palast ritt. Der Minister selbst war immer prächtig gekleidet und mit Diamanten und Juwelen geschmückt. Ein alter Bettler war jeden Tag im Park und sah ihn vorbeikom-men. Nach ein paar Jahren sagte der Bettler einmal zum Minis-ter: „Ich danke dir so sehr.“ Der Minister fragte: „Warum und wofür dankst du mir?“ Antwortete der Bettler: „Du hast mich so reich beschenkt, vor allem mit deinen Juwelen.“ Der Minister fürchtete zunächst, er habe vielleicht Juwelen verloren und der Bettler habe sie gefunden. So fragte er: „Habe ich dir Juwelen gegeben?“ Da sagte der Bettler: „Nein, aber jeden Morgen und jeden Abend sehe ich dich so geschmückt mit all diesen Juwelen und in all Deiner Pracht. Und das ist ein schöner Anblick, an dem ich mich erfreue und Freude für den ganzen Tag daraus schöpfe.“ Der Bettler sieht die Juwelen, weil sie nicht ihm gehören und nicht er selbst sie trägt und kann sich daran erfreuen, während der Minister sie nicht sieht. Natürlich hätte der Bettler auch vor Neid erstarren können, nach dem Motto: „Der hat all diese Juwe-len, und ich armer Schlumpf muss von Bettelgaben leben.“

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Krishna und Arjuna auf Pilgerreise
Krishna und Arjuna gingen einst auf Pilgerreise. Beide waren durchaus machtvolle Kämpfer; Krishna war ein König und eine Inkarnation Gottes und Arjuna ein Prinz. Aber ab und zu gingen sie eben auch auf ganz einfache Pilgerfahrt. Eine Pilgerreise hilft, Abstand zu gewinnen, vom normalen Leben. Man kommt an spi-rituelle Kraftorte, zu Weisen, die einem Rat geben können, und man lernt, ob man tatsächlich an den Dingen hängt oder nicht. Es gibt verschiedene Arten von Pilgerreisen. Bei der strengsten Form nimmt man kein Geld mit, sondern lebt allein von Bettel-gaben. Und da ist es in Indien genau so wie überall: Manche Menschen geben etwas, und manche schimpfen.
Die beiden waren so den ganzen Tag gewandert, und am Abend waren sie beide sehr müde und hungrig. Da sahen sie, dass in einem Haus von reichen Leuten ein großes Fest im Gang war. Grosse Mengen an Nahrungsmitteln waren übrig geblieben, und so wollten sie dorthin gehen.
Sie klopften an, und sagten: „Wir sind hungrige Pilger. Können wir etwas zu essen bekommen?“
„Verschwindet!“, rief ihnen jedoch der Reiche zu. „Was wollt ihr hier überhaupt? Wenn ihr Essen wollt, dann müsst ihr arbeiten!“
„Es ist aber doch so viel übrig. Wir sind auch mit Resten zufrie-den.
„Verschwindet“, rief der Reiche erneut. Und da die beiden ihn nochmals nach Essen fragten, rief er seine Leibwächter. Diese warfen Krishna und Arjuna in hohem Bogen heraus. Krishna und Arjuna wären natürlich stark genug gewesen, mit einer Hand die Leibwächter zu besiegen, aber sie befanden sich ja auf Pilger-fahrt, und da übten sie sich in Ahimsa (Gewaltlosigkeit).
Mit Prellungen und Schürfwunden gingen sie also weiter und kamen in einen anderen Teil des Dorfes, wo ein ganz armer Mensch lebte. Er hatte nur einen Besitz, nämlich seine Kuh. Die Kuh gab Milch, aus der er Käse machte. Den Käse verkaufte er, und davon bestritt er seinen dürftigen Lebensunterhalt.
Krishna ging zielstrebig auf das Haus zu. Als sie ankamen, dreh-te er sich um und sagte: „Möge sich der Reichtum des reichen Mannes vervielfältigen. Möge sein Gold sich verzehnfachen, seine Getreideernte sich verzwanzigfachen, und möge er dreißig mal so viel Kühe haben.“
Arjuna wunderte sich. Dann ging Krishna bei dem armen Mann hinein. Arjuna versuchte ihn festzuhalten. „Aber Krishna“, sagte er, „hier sieht es doch so arm aus, hier können wir nicht hinein-gehen.“
Krishna klopfte jedoch einfach an, und fragte den Mann: „Wir sind arme Pilger. Bitte, können wir etwas zu Essen haben?“
„Ich habe zwar nicht viel, aber was ich habe teile ich gerne mit euch.“, antwortete der.
Er hatte sich gerade ein Essen bereitet und teilte es in drei Teile.
Arjuna war zwar hungrig, aber er traute sich trotzdem nicht, etwas zu essen. Krishna aß seine Portion und sagte: „Arjuna, iss doch!“
Währenddessen hielt sich der Gastgeber zurück, und als er sah, dass Krishna mit seinem Teller fertig war, gab er ihm auch noch seinen Teil. Krishna sagte: „Ich bin noch etwas hungrig. Hast du noch etwas?“
Der Mann hatte noch etwas Mehl, was er aufbewahrt hatte, um am nächsten Morgen einen Brei zu machen. Das gab er ihm, und Krishna aß es auf. Dann gab er ihm auch noch den Käse, den er eigentlich am nächsten Morgen verkaufen hatte verkaufen wol-len, um sich für den nächsten Abend etwas zu essen kaufen zu können. Auch die Milch, aus der er am nächsten Tag neuen Käse hatte machen wollen, gab er ihm.
Arjuna wäre dabei vor Scham fast in den Boden versunken. Schließlich, als es nichts Essbares mehr im Haus gab, bedankte sich Krishna, und die beiden gingen. Da drehte Krishna sich um, und sagte: „Möge die Kuh dieses Mannes heute Nacht sterben!“
„Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben!“, rief Arjuna da. „Du bist keine Inkarnation Gottes, du bist ein Dämon!“ Denn Arjuna wusste: was Krishna sagte, das würde auch eintreffen.
Da lächelte Krishna. „Du verstehst die Gnade Gottes nicht, Arju-na. Beide Menschen haben um etwas gebeten. Der reiche Mann hat ab und zu schon einmal bereut, und bittet, ein besserer Men-schen zu werden. Und da gibt es für ihn nur eine Möglichkeit: Er muss ganz deutlich erkennen, dass Reichtum wirklich nicht glücklich macht. Er hat sowieso schon mehr als er braucht. Mit jeder zusätzlichen Goldmünze steigen seine Sorgen ins Unendli-che. Er wird niemanden mehr in der Familie haben, dem er trau-en kann. In reichen Familien gibt es ständig Streit um die Erb-schaft. Und dann wird er merken, dass es keine echten Freunde gibt. Alle sind nur hinter seinem Geld her. So wird er tief im In-nern erkennen, dass Geld nicht glücklich macht. Erst dann kann er wirklich auf den spirituellen Weg kommen. Aber dieser arme Mann hier meditiert seit Jahren und ist ein gottesfürchtiger Mensch. Er sagt: ‚Gott, du bist mein Ein und Alles, dein Wille geschehe.’ Aber in der Hinterhand hält er zur Sicherheit noch seine Kuh, falls es mit Gott nicht ganz klappen sollte. In dem Moment, wo er die Kuh verliert, bekommt er die Gelegenheit, sich Gott wirklich ganz, ohne Vorbehalt, ohne Rückversicherung, hinzugeben: ’Gott, jetzt habe ich nur noch dich.’ Wenn er es das schafft, dann erreicht er die Selbstverwirklichung. Und dann werde ich dafür sorgen, dass er alles hat was er braucht.“
So kann die Gnade Gotte sein. Die Menschen erwarten die Gnade Gottes auf großartige Weise, aber sie kann eben auch ganz an-ders kommen.

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Krishna und Narada
Einst wanderten Krishna und Narada an einem Fluss entlang durch die Steppe. Narada, der Götterbote, fragte: „Herr, sag mir, was ist Maya (Illusion)? Bis heute verstehe ich das nicht.“
Krishna erwiderte: „Das erzähle ich dir nachher. Jetzt würde ich gern ein wenig meditieren. Wenn du mir in der Zwischenzeit Wasser von dem Fluss dort unten holen würdest, dann wäre ich dir sehr dankbar, denn ich habe Durst und würde nach der Medi-tation gern etwas trinken.“
„Natürlich hole ich dir Wasser.“, sagte Narada.
Er stieg zum Fluss hinunter und überlegte, was er in der Zeit, während Krishna meditierte, tun könnte. Da sah er am jenseiti-gen Ufer eine junge Frau, die einen Riesenkrug mit Wasser füll-te.
„Niemals wird sie den allein heben können“, dachte er. „Ich muss ihr helfen.“
Kurz entschlossen watete er in das Wasser hinein und schwamm über den Fluss.
„ Willst du etwa diesen schweren Krug tragen?“, fragte er.
„Ja.“, antwortete die Frau.
„Und wohin?“
„Ins Dorf, gleich dort vor der steilen Felswand“, antwortete sie.
„Warte, ich helfe dir.“
Die Frau hatte ein freundliches Wesen und war schön. Narada schaute sie an, und sie schaute ihn an, und sie verliebten sich auf den ersten Blick.
Als sie zusammen das Dorf erreichten, fragte Narada ihren Va-ter, ob er sie heiraten dürfe. Dem Vater gefiel der kräftige Mann mit dem offenen Blick, und er stimmte zu.
So heirateten die beiden, und lebten zufrieden zusammen. Sie bauten sich eine schöne Hütte, die Frau wurde schwanger, und gebar ein Kind.
Da Narada und die Frau geschickt und fleißig waren, verdienten sie ausreichend Geld, um sich Ersparnisse zurückzulegen: Goldstücke, die sie in einem Säckchen sammelten und in ihrer Hütte vergruben.
Da galoppierte eines Tages ein Bote auf einem Pferd in das Dorf und rief: „Oberhalb des Flusses ist heftiger Regen niedergegan-gen, der schlimmste seit Menschengedenken. Das Wasser hat einen Damm durchbrochen. Jeden Moment muss die Flutwelle das Dorf erreichen und wird alles überschwemmen.“
Was sollten sie nun tun?
Hinauf ins Gebirge konnten die Dorfbewohner wegen der senk-rechten Felswände nicht flüchten. Allein der Weg über den Fluss versprach Rettung.
Narada sagte zu seiner Frau: „Noch ist das Wasser niedrig. Komm, wir flüchten über den Fluss!“
Eilig grub er das Gold aus, und packte den Sack und das Kind. Sie liefen zum Fluss, der bereits anschwoll.
Die Frau sagte: „Du weißt, ich kann nicht schwimmen.“
„Halte dich an meinen Schultern fest, wir schaffen es.“
Auf dem einen Arm trug er das Kind, in der anderen Hand hielt er den Sack mit dem Gold.
Tief und tiefer wateten sie ins Wasser. Die Frau klammerte sich an ihn. Das Wasser zerrte an den Beinen und am Körper. Es wurde reißend, und plötzlich verlor er den Grund unter den Fü-ßen, und sie trieben schnell dahin.
Immer wieder tauchte Narada unter, denn er hatte keine Hand frei, um richtig schwimmen zu können, und das Geld zog ihn hin-ab. Seine Frau bekam Angst und klammerte sich fester an ihn. Das Kind schrie. Unbedingt brauchte er einen freien Arm, eine freie Hand. Und wieder zog ihn das Gold unter Wasser. Da ließ er es los.
Jetzt konnte er sich besser über Wasser halten.
Aber da rief seine Frau: „Narada, ich kann nicht mehr.“
Narada spürte, wie sich ihr Griff lockerte. Was sollte er jetzt tun? Nun schoss auch noch eine riesige Flutwelle heran und begrub sie alle drei für einen Moment unter sich. Narada stieß mit den Beinen, hielt in einem Arm das Kind, und griff mit der anderen Hand nach seiner Frau. So gelangten sie an die Oberfläche, doch immer noch wurden sie wie trockene Zweige herumgewirbelt.
Narada konnte sich nur noch mühselig über Wasser halten. Seine Kräfte erlahmten, und unbedingt brauchte er die eine Hand wie-der zum Schwimmen.
„Halt dich wieder fest!“ rief er seiner Frau zu. Sie tat es. Für ei-nen Moment ging es besser, aber da bäumte sich vor ihnen das Wasser wie ein bockiger Schimmelrücken auf. Er spürte einen Stoß, und die Frau schrie vor Schmerz. Dann rief sie, bereits in einiger Entfernung von ihm: „Rette das Kind!“, und trieb hinweg.
Mühsam hielt er das schreiende Kind über das Wasser. Da pack-te ihn ein Wirbel, drehte ihn im Kreis, und zog ihn nach unten. Er schluckte Wasser. Dann stieg er auf, jedoch ohne an die Ober-fläche zu gelangen, wurde wieder nach unten gewirbelt, und ging wieder hinauf und hinunter. Fast hatte er die Besinnung verlo-ren, als er Boden unter den Füssen spürte. Halb ohnmächtig stieß er sich seitwärts aus dem Strudel hinaus, gelangte an die Oberfläche, schnappte und rang nach Luft.
Aber das Kind! Sein Herz blieb fast stehen. Wo war das Kind? Er hielt es nicht mehr im Arm. Nirgends sah er es. Auf dem reißen-den, gurgelnden Wasser trieb er dahin. Er hätte schreien, sich den Kopf einschlagen mögen, so schlimm war alles. Das Kind war verschwunden.
Er hatte keine Kraft, keinen Lebensmut mehr.
Da trieb er in einem Flussbogen gegen einen Ast, der von einem Baum am Ufer dicht über das Wasser ragte. Instinktiv griff er nach ihm, klammerte sich fest und hangelte sich dann an Land, wo er niedersank. Fassungslos starrte er auf den Fluss, dessen Wasser langsam zurückwich.
Da hörte er plötzlich eine leise Stimme: „Narada, Narada, wo bleibt mein Wasser?“

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Geschichten von Sukadev und König Janaka
Sukadevs Geburt
Als sich Sukadev im Mutterleib befand, unterrichtete ihn sein Vater Vyasa, der große Weise und Heilige, bereits vor der Geburt. Er rezitierte seinem werdenden Sohn die Veden, das Brahma-sutra und die Puranas, so dass dieser bereits ungewöhnlich früh die spirituelle Weisheit erfuhr.
Sukadev wurde sich im Leib bewusst, dass die Gefahr groß sei, sich nach der Geburt, wie während früherer Leben, in den Netzen von Maya (Illusion, Täuschung) zu verheddern. Deshalb be-schloss er, sich nicht zu inkarnieren. Die Frau war neun Monate schwanger, zehn Monate schwanger, elf Monate schwanger, zwölf Monate schwanger... Da beschloss Vyasa zu handeln. Er nahm telepathischen Kontakt zu seinem Sohn auf und fragte: „Was ist mit dir, Sukadev, warum inkarnierst du dich nicht? Spürst du nicht, dass du deine Mutter in Gefahr bringst?“
Sukadev antwortete: „Ich habe Angst, mich in diesem Leben wie-derum in den Netzen der Maya zu verstricken, deshalb bleibe ich, wo ich bin.“
Vyasa fragte: „Gibt es keinen Ausweg?“
„Doch, wenn Krishna mir verspricht, dass ich mich nicht wieder in den trügerischen Netzen verfange, dann werde ich mich inkar-nieren.“
Vyasa eilte zu Krishna. Als der Vater ihm die Forderung des un-geborenen Kindes vortrug, lachte der Gott. Er sagte: „Kehre zu-rück zu deinem Sohn und richte ihm aus, er solle, falls er sich während des neuen Lebens im Mayanetz verheddert, nur einfach an Gott denken und Hingabe üben, dann wird er augenblicklich freikommen. In seinem vorigen Leben hat er zu viel Jnana Yoga (Yoga des Wissens) praktiziert, deshalb ist er am Schluss gefal-len. Wenn er in diesem Leben also Jnana, die Weisheit, mit Bhakti, der Liebe, verbindet, dann wird er sich trotz mancher Gefahren am Ende verwirklichen.“
Vyasa eilte zurück, trat wiederum in telepathischen Kontakt mit seinem Sohn und erzählte ihm, was Krishna gesagt hatte. Nach-dem das Kind das vernommen hatte, war es beruhigt. Die Wehen traten ein und Sukadev wurde geboren.

Sukadev und der Wald
Der Sohn des Heiligen wuchs rasch heran. Von klein auf fühlte sich Sukadev eins mit allem, fühlte die Einheit der Schöpfung und empfand wenig Verhaftung zu seinem eigenen Körper. Er liebte es, sich im Freien, in der Natur aufzuhalten. So lief er auch eines Morgens in den Wald, um Schwänen zu folgen, die am Himmel dahinzogen.
Als er bis zum Nachmittag nicht zurückgekehrt war, folgte ihm sein Vater, um ihn zu suchen. „Sukadev!“, rief er, „Sukadev, wo bist du?“
Tiefer drang er in das Grün ein, gelangte an einen See. „Sukadev, Sukadev!“
Und plötzlich – was war das? - antwortete es von überall her, hundertfach, tausendfach: „Hier bin ich, Vater! Hier bin ich, Va-ter! Hier bin ich, Vater!“
Sukadev saß an dem See mitten im Wald. Er hatte sein Bewusst-sein so sehr mit allem um sich herum verschmolzen, dass die Bäume, Sträucher und Lianen sich ebenso als Sukadev fühlten, wie er sich selbst. So antworteten diese nun alle dem besorgten Vater.

Sukadev und die Festmahlsglocke
König Yudhishthira wollte aus Anlass seiner Kaiserkrönung alle Menschen seines Landes zu einem Festmahl einladen. Die herr-lichsten Speisen sollte es geben, alle umsonst. Ihn interessierte aber, wie viele Gäste essen würden. Deshalb fragte er Vyasa (ein großer Weiser und Heiliger), ob es eine Möglichkeit gäbe, sie ohne großen Aufwand zu zählen.
„Ganz einfach“, sagte der, „ich werde eine magische Glocke auf-hängen und jedes Mal, wenn tausend Menschen gegessen haben, wird sie erklingen. Du brauchst nur einen Diener neben sie zu stellen, der ihr Ertönen zählt, dann weißt du, wie viele Personen du verköstigt hast.“
Der Tag rückte heran, in den Sälen, im Garten standen lange Tafeln voll der köstlichsten Speisen. Bunte Menschenscharen strömten herbei, und die Gäste ließen sich nieder, aßen, redeten und lachten, wie Yudhishthira es sich gewünscht hatte.
‚Dong’’, ertönte die Glocke und wieder ‚dong’ und dann wieder ‚dong’. Bis zum späten Abend war ihr Klang zu vernehmen, wenn auch in immer größeren Zeitabständen. Doch da plötzlich, bereits sehr spät, läutete sie ‚dong’, ‚dong’, ‚dong’, ‚dong’, ‚dong’; sie läute-te Sturm.
„Was ist das“, fragte Yudishtira den Weisen Vyasa, „ist deine Glocke kaputt? Es sitzen doch kaum noch Menschen an den Ta-feln, und trotzdem ertönt sie ununterbrochen.“
Vyasa erwiderte: „Ich habe ein Mantra über die Glocke gespro-chen. Sie kann nicht kaputt sein. Irgendwo müssen Tausende Menschen sitzen.“
Sie standen auf, um nachzusehen. Und da, in einer Ecke im Gar-ten, entdeckten sie Sukadev. Er saß dort an einer Tafel und aß von den Resten, aber jedes Mal, wenn er einen Bissen in den Mund nahm, dann erklang die Glocke: ‚dong’, ‚dong’, ‚dong’; denn Sukadev identifizierte sich mit allen Menschen, so dass nicht nur sein Körper aß, sondern alle Menschen der Welt am Mahl teil-nahmen.

Sukadevs Selbstverwirklichung
Die Veden (klassische indische heilige Schriften) hatte Sukadev bereits im Mutterleib kennen gelernt und verstanden. Aber das hatte ihn noch nicht befriedigt. Deshalb ging er eines Tages zu seinem Vater, und sagte: „Vater, all das, was du mich gelehrt hast, verstehe ich. Aber ich lebe das Wissen noch nicht. Ich habe es noch nicht verwirklicht. Wie kann ich mein Wissen verwirkli-chen?“
„Du brauchst einen Lehrer. Geh zu einem Guru. Der kann dir helfen.“
„Kennst du einen geeigneten Lehrer?“
„Ja. Janaka ist für dich der geeignete Guru.“
„Was, Janaka, der König Janaka?“
„Ja, König Janaka ist ein selbstverwirklichter Weiser.“
„Wie kann ein König, der in Luxus lebt, ein selbstverwirklichter Heiliger sein?“
„Das kann ich dir erklären“, sagte der Vater zu Sukadev und er-zählte ihm die Geschichte:

König Janaka und sein Guru
Als Jüngling ging Janaka zum Guru Ashtavakra (großer Weis-heitslehrer) in die Lehre. Er verrichtete dort seinen Dienst, und da er ein großes Herz, einen scharfen Verstand und einen Blick für das Wesentliche besaß, begriff er schnell, und wurde im Handumdrehen wissend. Dann kam die Zeit, da er an den Kö-nigshof zurückkehren musste, um die Regierung zu übernehmen.
Um seine tiefe Dankbarkeit und Ergebenheit zum Ausdruck zu bringen, sagte er zum Schluss zu seinem Lehrer: „Was wünschst du dir als Dakshina, als Abschlussgabe? Was immer Du Dir wün-schen magst, es sei Dir gewährt.“
Ashtavakra als selbstverwirklichter Weiser hatte eigentlich keine Wünsche. Trotzdem fragte zurück: „Bist Du sicher? Du willst mir alles geben, was immer ich verlange?“
„Ja“, antwortete Janaka.
Ashtavakra sagte: „Dann gib mir Dein Königreich.“
Janaka schluckte zunächst – das hatte er nun doch nicht erwar-tet – aber dann wurden Zeugen und ein Rechtsgelehrter gerufen und er überschrieb Ashtavakra offiziell das Reich.
Als er sich verabschiedet hatte und gehen wollte – als Bettler, der nichts mehr besaß, rief ihn sein Lehrer zurück.
„Janaka“, sagte der Lehrer, „nun kehre an den Hof zurück und regiere das Land an meiner Statt, als wäre es deins, wisse aber, dass Du es in Wirklichkeit nur treuhänderisch verwaltest, dass Du es für mich regierst.“
Und Janaka regierte nach bestem Wissen und Gewissen. Ja, er gab sich mehr Mühe und opferte sich noch mehr auf, ja alles gut und recht zu machen, immer in dem Bewusstsein, dass er das Eigentum eines anderen verwaltete.
So ist es auch mit unserem Leben und allem, was wir tun: Wenn wir es als Leihgabe Gottes ansehen und uns als Instrument, sei-nen Willen zu erfüllen, dann handeln wir mit Verantwortungs-bewusstsein, aber ohne Anhaftung.
„Und so, mein Sohn“, sagte Vyasa, „hat sich Janakas vollkomme-ne Verhaftungslosigkeit entwickelt. Er kann in Luxus leben und sein Reich regieren und ist trotzdem ein Weiser.“
„Und ich will dir noch eine Geschichte über Janaka, deinen zu-künftigen Lehrer, erzählen:“

König Janaka und die Brahmanen
Die Brahmanen des Landes verstanden nicht, wie Janaka, der als ein großer Jnana Yogi galt, in dem Luxus leben konnte und trotzdem nicht träge oder vergnügungssüchtig wurde. Eines Ta-ges versammelten sie sich und gingen zu ihm, um das zu erfah-ren. Janaka hieß sie an einer großen Speisetafel Platz nehmen und ließ ein großartiges Mahl auftischen.
Die Brahmanen sprachen die Tischgebete, die nach ihrer Traditi-on sehr lang waren. Zu diesen Gebeten gehörte auch ein Reini-gungsritual, während dessen sie ihre Finger mit Wasser benetz-ten, um es dann über ihrem Kopf nach hinten zu verspritzen. In dem Moment, als sie das taten und dabei nach oben schauten, sahen sie, dass über einem jeden von ihnen hoch oben an der De-cke ein schweres Schwert hing. Und die Schwerter hingen an seidenen Fäden. Da die Brahmanen die Mantras bereits gespro-chen hatten, durften sie nicht aufstehen, bevor das Mahl beendet war. Sie saßen vor den Speisen und aßen hastig, denn sie wollten so schnell wie möglich den Platz an der Tafel und den Saal ver-lassen. Schließlich hatten sie gegessen und traten aus dem Spei-sesaal. Dort erwartete sie König Janaka.
Er fragte: „Wie war das Essen? Haben meine Köche gut gekocht?“
Die Antwort fiel den Brahmanen schwer: „Ja..., ja, es war wohl gut.“
„Wohl gut? Haben meine Köche nicht ihr Bestes gegeben? Es sind die fähigsten ihrer Kaste. Was gab es überhaupt? Was hatten sie als Vorspeise zubereitet, was zur zweiten Vorspeise, was als Hauptgericht, was als Nachspeise?“
Keiner der Priester konnte antworten.
„Ich werde den Chefkoch rufen lassen.“
Da sagt ein Brahmane schließlich: „Oh, Janaka, du weißt genau, warum wir uns nicht an die Speisen erinnern können. Hoch über einem jeden von uns hing ein Schwert an seidenem Faden, wie konnten wir bei dieser Gefahr darauf achten, was wir aßen?“
König Janaka lächelte und sagte: „Ein Schwert, ihr Kenner der Schrift, hängt zu jeder Zeit über einem jeden von uns, denn in jedem Moment kann uns der Tod ereilen. Wer daran immer denkt, der kann im größten Luxus leben und dennoch ohne An-haftung sein.“
Vyasa hatte geendet und sagte zu Sukadev: „Da du so sehr an deinem zukünftigen Lehrer zweifelst, möchte ich dir eine weitere Geschichte über ihn erzählen:“

König Janaka und der Wandermönch
Ein Wandermönch, der auch Pandit, also Schriftgelehrter, war, kam eines Tages an den Hof des Königs, um mit ihm über die Weisheiten der Upanishaden (indische Schriften, philosophischer Teil der Veden) zu diskutieren. Doch, so forderte er, während des Gespräches dürften sie nicht gestört werden. Janaka, den dieses Thema interessierte und der wusste, dass fähige Leute ihn wäh-rend dieser Zeit vertreten würden, willigte ein. Also gab er die Anweisung, ihn während der nächsten Stunden und vielleicht Tage nicht zu stören. Dann saßen die beiden zusammen und dis-kutierten über die tiefen Weisheiten der heiligen Schrift.
Am nächsten Morgen klopfte es an der Tür. Ein erschöpfter Bote betrat den Raum und berichtete: „O König, das Nachbarland hat uns den Krieg erklärt. Der Feind hat die Grenze zu deinem Reich bereits überschritten und marschiert auf die Hauptstadt zu.“
Janaka sagte: „Ja, ich höre. Aber warum störst du mich? Ich woll-te nicht gestört werden. Die Befehlshaber wissen, was sie zu tun haben. Geh’!“
Und er nahm das Gespräch mit dem Pandit wieder auf.
Nach weiteren Stunden erschien ein zweiter Bote: „O König“, rief er, „deine Söhne, die Unterführer, sind in Gefangenschaft geraten und der Feind belagert die Stadt.“
„So?“, sagte Janaka. „Nun, daran kann ich jetzt auch nichts än-dern, der Stadtkommandant ist doch sicher informiert, er wird wissen, wie wir uns am besten verteidigen. Ich diskutiere jetzt über Jnana Yoga, also störe nicht weiter.“
Zwei Stunden später stürzte ein dritter Bote in den Saal. „O Kö-nig, der Feind hat die Stadtmauer durchbrochen. Die feindlichen Soldaten strömen in die Stadt.“
„Ja“, sagte Janaka, „aber ich diskutiere jetzt über die Weisheiten der Upanishaden. Unterbrich’ unsere Gedanken nicht!“
Und schon folgte ein fünfter Bote. „O König, der Palast brennt. Bringe dich in Sicherheit, flüchte!“
„Ich rieche noch keinen Rauch“, erwiderte Janaka und er wandte sich an den Swami: „Wir können jetzt langsam den Saal verlas-sen und währenddessen unsere Diskussion fortsetzen.“
Derart verließen sie den Saal und den Palast.
Als sie sich vor dem Palast befanden, schreckte der Swami plötz-lich zusammen, blieb stehen und rief: „O, einen Moment, König Janaka! Meine Bettelschale ist noch im Schloss, ich brauche sie unbedingt und kann nicht auf sie verzichten.“ Und er rannte zu-rück in das Schloss, um seine Bettelschale zu holen.
Als der König das sah, lachte er und sagte: „Siehst du, wir haben die Diskussion fortgesetzt, obwohl das ganze Reich in Gefahr war. Wegen deiner Bettelschale hast Du sie nun unterbrochen. Wer besitzt nun wirkliches Nicht-Anhaften?“
Vyasa sagte: „Ja, mein Sohn, das geschah wirklich. Doch die Ge-schichte ist noch nicht zu Ende. Als der feindliche König hörte, wie König Janaka in dieser Situation reagiert hatte, erkannte er ihn als einen großen Meister und Heiligen, bekam ein schlechtes Gewissen, gab ihm das Königreich zurück und bat um Frieden.
Wenn dir jemand helfen kann, Sukadev, dass du dein Wissen verwirklichst, dann ist es dieser König.“
Sukadev am Königshof Janakas
Sukadev wanderte in die Hauptstadt zu König Janaka. Man muss wissen, dass die Heiligen in Indien sehr verehrt wurden; Vyasa war der größte Heilige seiner Zeit und auch seinen Sohn kannten bereits viele Menschen. Sukadev klopfte an das Tor des Palastes. Die Wache öffnete.
„Oh Wachmänner“, sagte er, „ich bin Sukadev, der Sohn Vyasas. Mein Vater schickt mich, damit König Janaka mich unterweist.“
Die Wachmänner verneigten sich und einer ging zu König Jana-ka.
Janaka befahl ihm: „Lasst ihn drei Tage warten.“
Das war ein großer Affront, aber Sukadev setzte sich - als wäre es die natürlichste Sache der Welt - in der Nähe des Tores nieder.
Sein Vater hatte ihm gesagt, Janaka sei ein großer Heiliger. Er vertraute ihm, also wartete er. Er hatte nichts zu essen. In der Nähe sprudelte eine Quelle, aus der trank er hin und wieder, ansonsten saß er einfach nur da.
Nach drei Tagen bat ihn die Wache ins Schloss. Und nun wurde er bewirtet wie ein königlicher Gast. Ein Bad mit wohlriechenden Essenzen stand bereit, er wurde massiert, bekam frische, kostba-re Kleider, die besten Speisen wurden aufgetischt, eine Kapelle spielte, gazellenschöne Frauen tanzten. Aber Sukadev blieb ru-hig, wie er es vor dem Tor gewesen war. Dann wurde er zu Jana-ka geführt.
Janaka sagte: „Sei gegrüßt, Sukadev. Die erste und zweite Prü-fung hast du bestanden, denn als ich dich warten ließ, du vor dem Tore nichts zu essen hattest und die Hitze des Tages und Kälte der Nacht ertragen musstest, als ich dich mit meiner Unhöflich-keit beleidigte, bist du gleichmütig geblieben. Und Gleichmut hast du auch bewahrt, als du wie ein König und Heiliger empfan-gen wurdest. Weder abgelehnt hast du meine Aufmerksamkeiten, noch hast du dich übermäßig über sie gefreut. Bevor ich dich aber nun unterweisen kann, musst du noch eine dritte Prüfung beste-hen.“
Er gab Sukadev einen Becher, der mit Öl gefüllt war, und zwar bis obenhin, so dass die Mitte der Flüssigkeit einen Hügel zwei Millimeter über dem Rand bildete. Und er sagte: „Nur wenn du es schaffst, mit diesem Becher um den Palast zu gehen, ohne ei-nen Tropfen Öl zu verschütten, kann ich dich unterweisen.“
Sukadev machte sich auf den Weg. Der König hatte aber befoh-len, Sukadev unterwegs abzulenken und zu ängstigen. So traten Gaukler auf, Tänzerinnen drängten sich an ihn heran, plötzlich wurde es finster, grauenerregende Wesen stellten sich ihm in den Weg, und eine vermummte Gestalt sprang mit erhobenem Dolch auf ihn zu. Aber Sukadev ließ sich nicht ablenken und empfand keine Furcht. Ohne einen Tropfen Öl zu verschütten, erreichte er die Stufen des Palastes, wo der König wartete.
„Berichte“, sagte König Janaka, „was hast du erlebt? Wie erging es dir?“
„Oh, König, ich kann nichts berichten, denn ich habe nichts gese-hen. Ich habe mich immer nur auf den Becher und den nächsten Schritt konzentriert.“
„Damit hast du auch die dritte Prüfung bestanden“, sagte der weise König, „denn so, wie du dich auf den Becher und den nächsten Schritt konzentriert hast, so wirst du dich im Leben auch auf Gott und den nächsten Schritt konzentrieren. Und das allein ist wichtig.“
Am Hofe des Königs Janaka erlangte Sukadev die Selbstverwirk-lichung.

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Die Brunnenfrösche
Einst lebten einige Frösche in einem kleinen Brunnen, am Rande eines alten Dorfes, das schon lange von den Menschen verlassen war. Tagaus, tagein lebten sie innerhalb dieser engen Mauern, doch beschwerten sie sich nicht weiter, weil sie ja gar nichts an-deres kannten. „Es ist einfach so“, sagten sie, „das hier ist unsere Welt.“
Sie lebten von den Würmern und den Bakterien die sie in der modrigen Umgebung fanden und wurden fett und träge. Tagaus, tagein ging die Sonne auf und unter, und zur Mittagszeit fielen ein paar warme Sonnenstrahlen in das stehende Wasser. Die Frösche nahmen es zur Kenntnis, dass die Sonne kam und dass sie wieder ging, und beachteten sie nicht weiter.
Eine junge Fröschin war jedoch unter ihnen, die sich schon lange wunderte, woher die Sonne kam, und wohin sie ging, wenn sie nicht mehr über dem Brunnen war. „Es muss doch noch etwas anderes geben, als dieses enge Gefängnis“, dachte sie. Sie sprach ihre Eltern an, aber die winkten ab, sie solle sich nicht solche Gedanken machen. Sie sprach auch mit ihren Freundinnen und Freunden darüber, aber auch die wollten lieber einfach nur in Ruhe gelassen werden. Schließlich fragte sie den Ältesten, und der wurde sogar richtig mürrisch, „Schlag Dir deine Träumereien aus dem Kopf, Kleine! Außer diesem Brunnen existiert nichts.“
Die Jungfröschin aber spürte in sich einen Ruf, den sie selbst nicht beschreiben konnte. Sie wusste nicht, was auf sie warten würde. Aber dass etwas auf sie wartete - darauf wartete, entdeckt zu werden - das spürte sie.
Heimlich machte sie sich in der Morgendämmerung, als alle noch schliefen, auf den Weg, um nach der Heimat der Sonne zu su-chen. Es war nicht leicht, den Brunnenrand zu überwinden – es kostet sie mehrere Froschhüpfer und Anläufe und viel Kraft, bis sie endlich oben war und verwundert um sich schaute. Im Osten sah sie es langsam heller werden. Hart und rau war der Sand, auf dem sie nun herumsprang, ganz anders als der bequeme Matsch im Brunnen. Hätte sie doch dort bleiben sollen? Sie be-gann zu zweifeln. Zudem wurde der Weg jetzt beschwerlich, weil es einen großen Hügel bergauf ging. Und das war sie nicht ge-wohnt, solche Anstrengung. Trotzdem fühlte sie in sich den Wunsch, ihrer inneren Stimme zu folgen, und so hüpfte sie weiter gen Osten. Trocken war es hier, und dornig. „Wäre ich doch im Brunnen geblieben“, dachte sie wieder einige Zeit lang. „Ob ich je wieder Wasser finde, um mich zu ernähren? Denn Wasser brau-che ich doch.“
Aber wie sie da stehen blieb, und in ihr Herz hineinhörte, was denn mit ihr geschehen würde, da spürte sie doch auf einmal wieder Zuversicht. Und plötzlich sah sie auch vor sich einige Blumen auf dem Weg wachsen, die sie lange bewunderte und die ihr Herz aufgehen ließen.
Die Blumen kündigten eine etwas lieblichere Landschaft an. Weiches Gras spürte sie plötzlich unter ihren Füßchen und da – tatsächlich, ein kleiner Teich mit strahlenden weißen Lotusblü-ten. Vor lauter Staunen über diese Schönheit und dieses Wunder vergaß sie sogar ihren Durst. Dann aber erfrischte sie sich und rastete etwas.
So ging es einige Tage, durch Ödland und dann wieder durch fruchtbare Felder. Und schließlich, eines Tages, kurz vor Mittag, als die Sonne schon ganz oben am Himmel stand, da sah sie es vor sich - das Meer. Wasser so weit sie sehen konnte und Palmen, und um sie herum summten die Fliegen, und unsere Jungfrö-schin hüpfte und freute sich. Und wie sie so ganz aufging in rei-ner Freude und Wonne, kam ihr plötzlich der Gedanke: „Das muss ich den anderen Fröschen sagen. Ich darf das nicht einfach für mich behalten. Sie alle können frei sein und diese Herrlich-keit und Schönheit und Grenzenlosigkeit des Ozeans erleben und erfahren.“ Und so hüpfte sie zurück zu dem alten Brunnen, um die gute Nachricht zu verbreiten.
„Frösche!“, rief sie. „Ich war da draußen, und dort gibt es ein rie-siges Wasser. Es ist wunderschön und unendlich, ohne Mauern, ohne Anfang und Ende“.
Und wie bei den Menschen, wenn ein Weiser oder Lehrer etwas verkündet, das den normalen Horizont übersteigt, gab es drei Arten von Fröschen: Die einen, die nichts davon hören wollten und es mit Logik und ins Lächerliche ziehen versuchten. Andere, die zwar gerne vielleicht wollten, sich aber nicht trauten, denn es war ja doch alles so ungewiss und anstrengend. Und die dritten, die sich wagemutig auf den Weg machten. Und auch bei den Frö-schen war die letzte Kategorie weit in der Minderzahl.
„Was redest Du da?“, fragte der Brunnenälteste. „Was soll es denn da draußen geben, außer Stein, aus dem unser Brunnen gemacht ist? Das ist doch Unsinn.“
„Aber, ich war doch draußen, und ich habe Wasser gefunden.“
„Und? War das Wasserloch so groß wie unser schöner Brunnen?“
„Größer. Noch viel größer. Viel, viel größer, als dieser Brunnen.“
„Was soll es denn größeres geben, als unsere Welt hier? Du hast vielleicht nur einen Hitzschlag bekommen und bist einer Fata Morgana erlegen, da wo Du warst. Außer unserem riesigen Was-ser hier, gibt es nur Mauerstein.“
„Es gibt nur Stein“, blieb der Alte stur. „Nichts weiter, und nichts größeres als unser Wasser.“
Ein paar andere Frösche näherten sich ihr später, als sie allein war und fragten sie weiter aus. „Ja, ich würde schon gern, aber das ist schrecklich weit...“, sagte der eine. „Und dann hätte ich auch Angst, wenn ich dieses riesige Wasser sehen würde – da könnten wir ja gar nicht drin herumhopsen...“, meinte ein ande-rer.
Unsere Jungfröschin aber wusste ja, was sie erfahren hatte. „Kommt doch mit mir, ich zeige Euch den Weg, wie ihr auch diese großartige Erfahrung machen und frei sein könnt“, rief sie fröh-lich den anderen zu, und machte sich wieder auf den Weg.
Und da rief ihr ein einziger wagemutiger und wissensdurstiger Frosch nach: „Halt, so warte doch. Ich komme mit. Ich will es auch sehen und erfahren.“ „Gut,“ sagte die Fröschin, „dann folge mir.“
Oben angekommen, blieb der Frosch erst mal atemlos sitzen und sah sich um. „Wie wunderschön“, sagte er und starrte in völliger Verzückung die Blumen an, genoss den Gesang der Vögel und das Zirpen der Grillen, das Summen der Bienen, den Duft der Blüten, den warmen Hauch des Windes... „Komm, wir müssen weiter, wenn wir unser Ziel erreichen wollen,“ ermahnte ihn die erfahre-ne Fröschin. Oder willst Du hier auf halbem Weg bleiben?“ „Nein, nein, ich komme ja schon“, erwiderte der Frosch und folgte ihr, wenn auch widerstrebend.
Als sie wieder viele Stunden durch trockenes Ödland mit Dornen und Steinen gehüpft waren, klagte der Frosch: „Es ist so trocken hier und steil und beschwerlich. Ich schaffe es nicht. Ich wäre doch wohl besser, im Brunnen geblieben.“ „Gib nicht auf. Das, was du für all diese Anstrengung bekommst, ist so unvorstellbar großartig, du kannst es dir nicht vorstellen. Du musst es selbst sehen, man kann es nicht wirklich beschreiben.“
„Viele Dornen haben wir schon durchquert“, rief die Fröschin ihm schließlich zu. „Hinter diesem Hügel, da ist das Meer.“ Und nun konnten sie schon das laute Rauschen des Ozeans hören. Und wenig später, da sahen sie es am Horizont: das weite, weite Meer. Der kleine Frosch fürchtete sich zunächst vor dem lauten Getöse der Wellen und schloss vor Angst vor dem Unbekannten die Au-gen. Die Fröschin musste ihm nochmals gut zureden, bis er end-lich näher kam und wagte, die Augen zu öffnen. Und dann starrte er fassungslos auf dieses unendliche blaue Wasser und wusste: er war frei und am Ende seiner Wünsche. Und er rührte sich nicht mehr von der Stelle, bis er selbstverwirklicht war.....
So ist unsere Welt wie der Brunnen. Wenn wir erst einmal wa-gen, über den Brunnenrand hinauszuschauen, entdecken wir wunderbare neue ungeahnte Welten und Schönheit.

 

 

 

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