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Die Chandogya Upanishad

von Swami Krishnananda

 

 

4. Kapitel - Eine Analyse der Natur des Selbst

Anhang I:  Sandilya-Vidya
Anhang II: Samvarga-Vidya

1. Das universale Selbst im Herzen und in der Welt
Nun kommen wir zum achten und letzten Kapitel der Chhandogya Upanishad: In der tiefsten Kammer unseres Herzens liegt ein großes Geheimnis. Das ist das Thema dieses Kapitels. Tief in unserem Inneren liegt ein großes Mysterium. Nichts außer dem eigenen Selbst kann als ein größeres Mysterium angesehen werden. Alles andere ist definierbar und verständlich. Doch das eigene Selbst ist das größte Rätsel in der ganzen Welt. Alles kann genau untersucht werden, doch nicht das eigene Selbst auf Grund seines großen Geheimnisses. Es ist nicht wie eine offene Box, der man alles durch die Sinne Wahrnehmbare und Wünschenswerte entnehmen könnte. Es ist ein unermessliches Mysterium, das in seinem Schoß alle Wunder der gesamten Schöpfung verbirgt. Von dieser Art ist das Herz des Menschen, der Dreh und Angelpunkt aller innerlichen und äußerlichen Aktivitäten.

Es heißt, es gibt in unserem eigenen Selbst eine Stadt Brahmans, dem Absoluten. In unserem Herzen existiert eine winzigkleine Wohnung, und darin ist ein kleiner Raum, in dem sein eigenes Licht leuchtet. Was ist in diesem kleinen Raum? Das zu erfahren, ist die Pflicht eines jeden Menschen. Man muss herausfinden, was sich in diesem winzigkleinen Raum im eigenen Herzen befindet, der in der Stadt Brahmans, der Stadt Gottes, ist. Manch einer fragt sich: „Was ist das für ein großes Geheimnis, von dem hier die Rede ist?“ Die Antwort wird in den folgenden hier übersetzten Mantras gegeben:
" Du fragst mich, was in diesem kleinen Raum ist. Ich sage dir, alles ist in diesem Raum“, antwortet der Lehrer. Dieser Raum ist wie ein Fleck des Sonnenlichts. Obwohl es nur ein Fleck ist, so beinhaltet er doch alles, was in und auf dieser Sonnenkugel ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Inhalt dieses kleinen Raumes, der sich selbst in alle Richtungen unendlich ausdehnen kann. Es ist ein Emblem des kosmischen Geheimnisses. Wieweit sich der kosmische Raum auch immer ausdehnen mag, das gilt auch entsprechend für diesen kleinen Raum im eigenen Herzen. Doch es geht hier nicht um eine Ausdehnung im arithmetischen Sinne, sondern es geht hier um etwas völlig anderes als die Physik. Es geht hier nicht um eine handvoll Raum. Er ist wirklich ebenso expansiv wie dieser universale äußere Äther. Der ganze Himmel und die komplette Erde können in diesem kleinen Raum gefunden werden. Die Prinzipien der fünf Elemente, wie Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther, und alles, was man sonst noch sehen kann, ist in diesem kleinen Raum gegenwärtig. Die Sonne, der Mond und auch die Sterne kann man im eigenen Herzen entdecken. Sie alle haben ihren entsprechenden Abgesandten, der im eigenen Herzen eingepflanzt ist. Man muss nicht nach der Sonne am Firmament schauen. Sie ist im eignen Herzen, und sie scheint auf dieselbe Weise wie am Himmel im äußeren Raum. Selbst Blitz und Donner befinden sich im Herzen. Was auch immer außerhalb geschieht, selbst das kleinste Ereignis, ist im Herzen vorhanden. Was auch immer man in der Welt sieht, und alles, was man nicht sieht, alles ist in dem kleinen Herzen vorhanden.

Das innere Herz scheint ein noch größeres Mysterium als die äußere Welt zu sein. Es heißt, dass alles in unserem Herzen vorhanden sei, auch wenn man es in der äußeren Welt nicht erkennen würde. Warum kann man nicht alles in der äußeren Welt sehen, und warum sollte selbst das Nichtsichtbare im Herzen vorhanden sein? Weil das eigene Herz, das man auch als das Selbstsein bezeichnet, der wahre Vertreter der absoluten Wirklichkeit ist. Die äußere Welt kann nicht als solch ein Vertreter betrachtet werden. Die Äußerlichkeit, das Charakteristikum der äußeren Welt, hindert daran, alles, was im absoluten Sein enthalten ist, zu enthüllen, während eines der Aspekte des absoluten Seins, die Subjektivität in jedem von uns, gegenwärtig ist. Die Äußerlichkeit ist kein göttlicher Charakter. Letztendlich ist ER Subjektivität. Dieser Aspekt ist in jedem von uns allgegenwärtig, wohingegen die äußeren Aspekte es nicht sind. Die Unfähigkeit, die eigene Subjektivität in das äußere Universum zu verlagern, hindert den Menschen daran, alles über das Universum zu wissen, jedoch kann man in das eigene Selbst eintauchen und alle Dinge auf einen Schlag erfahren.

Auf Grund dieser Tatsache sind alle spirituellen Untersuchungen nur innerlich und nicht äußerlich, denn wenn etwas äußerlich ist, ist es des göttlichen Inhalts beraubt. Dadurch sind diese Inhalte teilweise außerhalb der Reichweite. Die äußere Welt ist der einzige Aspekt der Wirklichkeit, der von den Sinnen begriffen wird. Was auch immer die Sinne nicht aufnehmen können, ist auch nicht in der äußeren Welt enthalten. Nur ein klein wenig von der ganzen Wahrheit kann durch die Sinne erfasst werden, doch das meiste bleibt für sie verborgen. Was durch die Anregung der Sinne erfasst wird, ist nicht die ganze Wirklichkeit. Sie können nur das erfassen, was sie erkennen und wofür sie geschaffen sind. Nur die fünf elementaren Charakteristiken der äußeren Offenbarungen können durch die Sinne erfahren werden. Doch es gibt noch andere Aspekte, die sie nicht in sich aufnehmen können und über die sie darum keine Informationen zur Verfügung stellen können.

Dieses ist das Geheimnis, wie es die Upanishad ausdrückt. Dieses Herz ist ein großes Geheimnis. Durch eine Untersuchung des tiefen Bewusstseins ist es möglich, die Mysterien des ganzen Kosmos zu ergründen. Der Grund ist, dass die Tentakeln aller Ebenen des Seins im eigenen Herzen verankert sind. Es scheint, als wäre dieses Herz das Zentrum eines universalen Kreises. Die Radien dieses Kreises laufen in dieses winzigkleine Zentrum des Bewusstseins, das man vage als das Subjekt der Wahrnehmung bezeichnen kann.

In den vorherigen Abschnitten, d.h. insbesondere im dritten Abschnitt, wurde bereits erklärt, dass das Absolute in seiner Natur universal ist. Es ist nicht nur ein individuelles Subjekt. Doch, das ist für den Geist nur schwer zu begreifen. Der individuelle Geist kann nicht erkennen, was Universalität bedeutet, und jede Art von Instruktion geht ihm natürlich von seinem Standpunkt aus über sein Verständnis hinaus. Das gegenwärtige Kapitel richtet sich insbesondere an jene, die nicht in der Lage waren, die Verwicklungen aus dem vorherigen Kapitel bzgl. des universalen Aspekts des Absoluten zu verstehen. Auch wenn dieses Kapitel sich auf das individuelle Herz beschränkt, so bedeutet es nicht, dass man sich nur auf den individuellen Körper bezieht. Das Herz, von dem hier die Rede ist, ist nicht das körperliche Herz, sondern es handelt sich um ein Symbol für das Zentrum reiner Subjektivität im Individuum. Hier wird das Bewusstsein angesprochen, das sich in den Wänden des Körpers befindet. Dieses Bewusstsein jedoch kann in seiner überkörperlichen Natur nicht beschränkt werden. Die körperliche Einengung kann dieses Bewusstsein in keiner Weise beschränken. Schrittweise wird man in diesem Abschnitt von dem 'kleinen Ding’, das man im Herzen findet, hin zum 'universalen Ding’ aus dem dritten Abschnitt geführt. Beide empfindet man als ein und dasselbe. Was auch immer dort ist, ist auch hier!

Es heißt hier, dass sich im Herzen das ganze Mysterium der Dinge befindet. Alle Wunschobjekte befinden sich im eignen Herzen. Wonach man auch verlangt, ist in einem selbst enthalten. An dieser Stelle erhebt sich folgende Frage: „Wenn der Körper hinfällig wird, stirbt, was geschieht mit diesem Herzen, von dem hier die Rede ist? Verschwindet es mit dem Tod? Wie kann es über den Tod hinaus das Mysterium der Schöpfung bewahren?“ Dieser Zweifel wird im Folgenden ausgeräumt:
Dieses Herz, von dem hier gesprochen wird, altert nicht wie der Körper. Es wird beim Ableben nicht wie der Körper zerstört. Es ist die Stadt Gottes. Wie könnte diese zerstört werden? Sie kann niemals zerstört werden, denn sie ist keine Stadt aus Stein und Mörtel. Es ist keine von Menschenhand erbaute Stadt. Es ist die Heimstatt, das die Objektive der Ewigkeit, nach denen man strebt, beinhaltet. Dieses kleine Ding, das als Herz bezeichnet wird, ist nicht im physischen Sinne sterblich. Es ist Atman. Atman ist dasselbe wie dieses Herz. Es ist frei von allem Kummer, allen Sorgen oder Leid, frei von jeglichen Einschränkungen. Es ist alterslos. Es kennt weder Alter noch Zeit, denn es ist zeitloses Sein und löst sich nicht auf. Der Tod ist ihm unbekannt. Es ist durch sein eigenes unberührtes Wunder selbst-existent. Es kennt weder Hunger noch Durst. Es hat kein Verlangen, denn es ist sich selbst in seinem eigenen Selbst genug. Was auch immer es will, wird im Handumdrehen materialisiert. Dieses ist der reine Wille, ohne jegliche Falschheit wie in der äußeren Natur. Je näher wir diesem Herzen kommen, desto stärker werden der eigene Wille und die Fähigkeit ihn auszudrücken und diesen im praktischen Leben umzusetzen.

Je mehr sich der individuelle Menschen willentlich vom Zentrum des Herzens entfernt, desto mehr wird er durch das äußere Übel verseucht. Je mehr er sich den Äußerlichkeiten zuwendet, desto erfolgloser wird er in der Welt, und umso schwieriger wird es für ihn, sich seine Herzenswünsche zu erfüllen.

Doch je mehr man sich dem eignen Selbst zuwendet, desto kraftvoller wird der Wille und die Möglichkeit, erfolgreich die Wünsche zu realisieren. Wenn das Bewusstsein, der Wille und die Gedanken in der Wahrheit verwurzelt sind, dann werden sie sich selbst sofort in den erwarteten Formen materialisieren.

In dem Fall, wo die Menschen nicht in der Wahrheit verwurzelt sind, werden sie durch andere manipulierbar. Sie sind wie weltliche Subjekte, die durch Könige, Regenten, Chefs oder Administratoren beeinflussbar sind. Sie stehen teilweise unter Kontrolle, denn sie identifizieren sich vollkommen mit dem Land, in dem sie leben, oder dem Regime, sei es noch so korrupt oder gar grausam. Sie gehorchen wie folgsame dressierte Hunde. Was auch immer sie wünschen, bekommen sie von ihren Führern. Ein Stück Land, das ihnen durch die Regierungsstellen bzw. deren Beamten zur Bewirtschaftung überlassen wird, lässt sie in diese Führung vertrauen, von der sie abhängig sind. Dieses heißt auch, dass sich die Leute ausschließlich von höheren Stellen, Chefs usw. abhängig gemacht haben. Das Handeln der Menschen und ihr ganzes Leben beruht allein auf der Existenz äußerer Faktoren. Darum unterliegen die Menschen erheblichen Einschränkungen bei dem, was sie im Leben erreichen können. Welche Nöte die Menschen auch immer haben, die Lösung ihrer Probleme bedarf immer einer äußeren Führung. Darum sind sie niemals unabhängig. Ihr Wille kann die gesetzlichen Verfügungen der staatlichen Machthaber oder Chefs nicht überschreiten. So verhält es sich mit den meisten Menschen in dieser Welt. Diese Analogie dient nur der Beschreibung dieses Dilemmas, indem die Menschen im Allgemeinen stecken. Die hier erwähnten Regenten, Administratoren oder Chefs beschreiben nur die äußerlichen Faktoren, im Gegensatz zum eigenen Selbst. Es mag sich um natürliche Kräfte drehen, die Götter im Himmel, die das Individuum zwingen, bestimmte Regeln und Gesetze einzuhalten. Dieses Schicksal haben wir alle, die bei der Ausübung ihres Willens durch die äußeren Gesetze eingeschränkt sind. Es betrifft alle Menschen.

Jede Art von Handlung bringt eine Reaktion hervor. Es wird als Karma bezeichnet, was den Einzelnen in seine Natur bindet, Wiedergeburt verursacht und Leiden zur Folge hat. All dieses geschieht auf Grund äußerer Einflüsse, die von außen auf den Menschen wirken und ihn zwingen, sich dem Diktat zu unterwerfen. Je mehr jemand von den äußeren Faktoren abhängig ist, desto größer ist auch die ausgleichende Gerechtigkeit auf die Handlung. Dieses gilt entsprechend umgekehrt: je größer die Unabhängigkeit, desto geringer ist die ausgleichende Gerechtigkeit auf die Handlung. Und doch ist die, durch Menschen ausgeübte Handlung in der Lage, nur kurzlebige Ergebnisse hervorzubringen. Handlungen in dieser Welt verheißen kein unsterbliches Glück. Absolute Freiheit kann durch nichts in dieser Welt hervorgebracht werden, denn diese Welt hat ihre Abhängigkeiten und wirkt auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten ein. Es bedingt das Individuum, das Inhalt von dieser Welt ist, nur etwas hervorzubringen, das von innen wie von außen her beschränkt ist. Dieses ist mit der Freiheit vergleichbar, die man Pferden gibt, wenn man sie auf einer eingezäunten Koppel umherlaufen lässt. Sie genießen eine gewisse Freiheit, die ihrer Natur nahe kommt, doch sie bleibt auf Grund der Umstände, d.h. der Einzäunung, eingegrenzt. Entsprechend scheint es für den Menschen eine gewisse Freiheit zu geben, die durch die Ordnung zwischen Mensch und Atmosphäre eingeschränkt ist. Doch insoweit gibt es eine gewisse Freiheit für den Menschen. Auf diese Weise wird man hier durch die Upanishad in die Beschränkungen der menschlichen Natur eingeführt, die sich natürlich auch durch die Biologie, die Natur usw. ergibt, wie es vielerorts heißt.

Das Bankkonto ist nicht unendlich. Das individuelle Einkommen ist beschränkt, denn wie oft heißt es, kein Auskommen mit dem Einkommen. Je mehr man arbeitet, desto mehr Geld verdient man in der Regel. Doch das Einkommen hängt auch davon ab, was man arbeitet, wo man arbeitet, d.h. in welchem Land usw. Was auch immer man erreicht, was auch immer in dieser Welt sichtbar erscheint, unterliegt irgendwelchen Beschränkungen. Die individuelle Handlungsweise mag ein bedingtes Glücksgefühl erzeugen. Man kann nicht, bloß weil man in dieser Welt lebt, immer glücklich sein. Die Bedingungen unterliegen weltlichen Gesetzen, den Gesetzen der Handlungen und vielen anderen Faktoren, die nur ein begrenztes Glück hervorbringen können, und selbst dann wird man bei näherer Betrachtung feststellen, dass es sich nur um scheinbares Glück handelt.

Handlungen in dieser Welt erzeugen in dieser Welt nur Vergängliches, doch selbst die Ergebnisse tugendhafter Handlungen, die in eine andere Welt hineinwirken, sind vergänglich. So wie weltliche Handlungen beschränkte Ergebnisse in der säkularen Welt erzeugen, so erzeugen religiöse Handlungen begrenzte Ergebnisse in der anderen Welt. Selbst, wenn man Großes in dieser Welt vollbringt, und nach dem Tod in paradiesische Regionen aufsteigen sollte, so werden sie nur von begrenzter Dauer sein, denn all diese Erfahrungen sind aus Handlungen hervorgegangen. Die Frage, ob Handlungen gut oder bösartig sind, stellt sich nicht. Die Frage lautet vielmehr, ob sie einer Handlung entsprungen sind oder nicht. Handlungen beinhalten Bedingungen, Regeln, Faktoren usw. Darum sind die Ergebnisse aller Handlungen immer begrenzt. Es gibt nichts Unendliches, das aus Handlungen hervorgeht. Sorgen und Vergnügen sind gleichermaßen begrenzt. Vergnügen aus anderen Welten sind begrenzt. Darum ist letztendliches alles, was man bekommt, endlich. Keine endliche Handlung kann Unendliches hervorbringen.

Es gibt für den Menschen keine absolute Freiheit, da die Kenntnis des Atman fehlt. Selbst von den Menschen, die Großes für diese Welt vollbringen oder vollbracht haben, weiß man nicht, ob sie Atman kennen, und wenn nicht, enden sie wie jedes Tier auch. So wie die Tiere, sterben auch diese Menschen, und das Schicksal dieser Menschen ist letztendlich wie das der Tiere, auch wenn sie Großes hervorgebracht haben, aber unwissend sind. Die wahre individuelle Natur ist die Natur des individuellen Atmans. Die Betonung liegt hier auf dem individuellen Selbst. Wie will man jemand anders verstehen, wenn man sein eigenes Selbst nicht einmal versteht? Die eigene Wirklichkeit in einem selbst wird nicht verstanden. Wie will man dann verstehen, was sich wirklich in der äußeren Welt abspielt? Jene, die nicht einmal sich selbst kennen, bringen begrenzte Ergebnisse hervor und fühlen sich natürlich unfrei. So unfrei wie man in dieser Welt ist, so wird man von außen regiert und so geht man in die anderen Welten ein. Dort gibt es auch keine Freiheit. So wie in dieser Welt bestimmte Gesetze vorherrschen, so gibt es andere Gesetze, auch in den anderen Welten. So wie man hier den Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist, so geschieht es auch in den anderen Welten. Überall sind wir nur so genannte Subjekte und keine Regenten. Auch wenn man sich hin und wieder ein wenig irgendwelcher Objekte erfreut, so heißt das nicht, dass man vollkommen frei wäre. Es ist wie die Freiheit von Kühen, die Gras fressen und wiederkäuen. Dieses ist keine wirkliche Freiheit. Dieses ist das Schicksal aller, die nicht wissen, was Freiheit ist. Der Grund ist einfach, denn man kann seinen Willen nicht über seine Grenzen hinaus ausdehnen.

Doch die Menschen, die gesegnet sind Atman zu kennen, sind in der Tat großartig. Wenn sie diese Welt verlassen, ist für sie das Unendliche zuständig. Sie sind nicht durch die äußerlichen Gesetze eingeschränkt, sondern sie machen die Gesetze. Ihr Wille ist universales Gesetz. Es existiert eine Einheit zwischen ihrem Willen und dem universalen Gesetz, das außerhalb wirkt. Bei den normalen Individuen ergibt sich eine Schwierigkeit auf Grund des Konflikts zwischen dem äußeren und inneren Gesetz. Warum ist man in dieser Welt beschränkt? Weil der individuelle Wille nicht mit dem Willen des Universums einhergeht. Man hat eine bestimmte Art zu denken, was nicht unbedingt mit dem Gesetz des ganzen Universums einhergeht. Der individuelle Wille entspricht nicht dem Willen des Schöpfers. Das ist der Grund von Bindungen. Doch je mehr man in die Tiefen des Seins eintaucht, desto mehr nähert sich das eigene Selbst den von außen wirkenden Gesetzen. Die Frage von außen und innen tritt nicht auf, wenn beide im Einklang sind. Man spricht nur solange von außen und innen, wie man unabhängig durch einen physischen Körper denkt und solange, wie man als individuelles Subjekt über externe Objekte nachdenkt. Doch wenn man Atman erkennt, wie es in der Upanishad heißt, kennt man auch die letztendliche Wirklichkeit. Dann wird das Gesetz der Außenwelt zum Gesetz der inneren Welt. Das Gesetz des Atman ist das Gesetz des Universums. Daher sind jene, die dieses große Geheimnis kennen, absolut frei. Was auch immer diese Menschen wollen, setzt sich unmittelbar in Erfahrungen um. Es gibt keine Zeitverzögerung zwischen der Offenbarung ihres Willens und dessen Materialisierung. Es ist nicht so, dass sie heute an etwas denken, was sich erst am nächsten Tag materialisiert. Es offenbart sich selbst sofort. Dieses ist der Fall bei den gesegneten Seelen, die Atman kennen.

Die Wunschobjekte erscheinen außerhalb von einem selbst, und dass ist der Grund, dass es eine gewisse Zeit dauert, bis Wünsche realisiert werden können. Zwischen den Individuen als Wunschzentren und den äußeren Objekten befindet sich eine Entfernung in Raum und Zeit. Daher ergibt sich natürlich eine Zeitverzögerung. Die Zeit zur Verwirklichung liegt in Raum und Zeit, was nach außen hin unendlich sein kann, ist nach innen winzig klein. Außerdem hat man keine Kontrolle über die Wunschobjekte. Die Wünsche sind nicht von Wahrheit erfüllt, nicht Satyakamas. Sie sind bedingte künstliche Projektionen, die nicht in völliger Übereinstimmung mit den Gesetzen der Wahrheit stehen müssen. Darum ist es schwierig, sich selbst Wünsche zu erfüllen. Wahrheit allein triumphiert, und nichts anderes. Wenn die Wünsche eines Menschen von Unwahrheit begleitet sind, können sie nicht mit der Natur der Wahrheit kooperieren, sodass sie nur insoweit verwirklicht werden können, wie sie mit der Wahrheit übereinstimmen. Soweit wie sie mit der Wahrheit übereinstimmen werden die Wünsche auch erfolgreich verwirklicht. Die Äußerlichkeit der Objekte ist darum eines der Hindernisse in der Wunschobjekterfüllung. Der ganze Punkt scheint darin zu liegen, dass äußere Objekte ebenso einen individuellen Status haben wie das wollende Subjekt. Darum ist der Zugriff auf das Objekt durch das Subjekt nicht so einfach. Das Objekt ist kein 'Diener’ des Subjekts, in welcher Form auch immer. Niemand dient dem anderen. Beide sind gleichwertig. So verhält es sich auch zwischen Subjekt und Objekt. So wie man sich als Subjekt fühlt, so fühlt sich das so genannte Objekt aus seiner Sicht ebenfalls als Subjekt. Darum ist es schwierig, ein Objekt mit seinem Willen zu kontrollieren und es in einen Diener des eigenen Selbst zu verwandeln. Solange, wie Subjekt und Objekt individuelle Körper bzw. Persönlichkeiten bleiben, physisch voneinander getrennt sind, unterliegt man falschen Vorstellungen, dass derartige Wünsche erfüllbar sind. Eine Erfüllung ist sofort möglich, wenn ein Hingezogensein zum Objekt gespürt wird.

Es ist nicht wahr, der Verstand nähme fälschlicherweise an, dass die Objekte von den Subjekten getrennt seien. Je stärker die Identität mit dem Körper ist, desto größer sind die Schwierigkeiten irgendein Objekt in dieser Welt zu erreichen, denn die Objekte werden entsprechend von einem selbst abgeschnitten. Je mehr man sich isoliert, und je stärker das Gefühl der Abgrenzung von anderen Dingen ist, desto schwieriger ist es, irgendetwas in der Welt zu erreichen. Je mehr man sich von Dingen trennt, desto mehr wird das persönliche Bewusstsein intensiviert. Je mehr man in einer körperlichen Unabhängigkeit zu leben glaubt, desto mehr Schwierigkeiten hat man in dieser Welt, desto häufiger finden Reaktionen durch andere und durch Dinge in dieser Welt statt. Je größer die Selbstbehauptung, desto stärker ist die Trennung vom anderen Sein in dieser Welt, und desto größer sind auch die hervorgerufenen Reaktionen, die zum Ausdruck kommen. Wenn ich mich von dir unterscheide, dann unterscheidest du dich entsprechend von mir. Das ist die Psychologie, die hinter dem Geheimnis der Erfüllung der Wünsche steckt, wobei jene Schwierigkeiten haben, die sehr persönlichkeitsbewusst, selbstsüchtig oder egoistisch sind und auch nicht in der Lage sind, die innere Verbindung zwischen sich selbst und den anderen Dingen in dieser Welt richtig einzuschätzen.

Die Kenntnis vom Atman, worauf man sich hier bezieht, ist das tiefe Geheimnis bzgl. der Verbindung zwischen Subjekt und Objekt. Wenn Atman bekannt ist, fällt die Äußerlichkeit des Objekts weg, der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt löst sich auf und es entsteht eine wahre Einheit zwischen beiden. Das wird als wahre Erfüllung aller Wünsche gesehen. Dieses ist die Wahrheit, die von den großen Meistern der Upanishad dargelegt wird. Derjenige, der Atman kennt, dem werden alle Wünsche sofort erfüllt, und jene, die Atman nicht kennen, sind Subjekte, die den Gesetzmäßigkeiten unterworfen sind. Die ganze Welt gehört einem, wenn man in der Lage ist, eine innere Beziehung mit der Welt herzustellen. Umgekehrt, ist man verloren, wie ein Wanderer in der Wüste.

Jetzt folgen wunderbar Lehren der Upanishad. Im nächsten Abschnitt wird etwas über die Willenskraft eines Menschen erzählt, der Selbstverwirklichung erreicht hat. Für solche Menschen ist nichts unmöglich.

2. Verschiedene höhere Welten
Wenn man jemanden sehen möchten, z.B. einen seiner Vorväter in einer anderen Welt, dann kann man ihn sofort sehen. Derjenige, der Atman realisiert hat, für den gibt es so etwas wie andere Welten nicht. So wie diese Welt nicht existiert, so sind auch andere Welten nicht existent. Es gibt nur eine Sache, die dem eigenen Sein entspricht. Man kann seine eigenen Finger sehen, selbst wenn diese ein wenig von den eigenen Augen entfernt sind. Diese kurze Entfernung hindert nicht daran, die Finger zu sehen. Die Entfernung wird durch die Identität des Objekts mit dem eigenen Selbst geregelt. Die Vorväter in den anderen Himmelsebenen werden sofort sichtbar, wenn sich der eigene Wille in gleicher Weise projiziert.

In der Upanishad findet sich eine lange Liste von Beispielen dieser Art, die nicht notwendigerweise übersetzt zu werden braucht. Es heißt, dass alles Erdenkliche, wie Verwandte, Freunde, Väter, Mütter, Ehemänner, Ehefrauen, gute Dinge, große Dinge, angenehme Dinge, Wunschobjekte dieser Welt oder anderer Welten, was auch immer es sei, sich im Handumdrehen offenbaren werden, wenn der Wille in angemessener Weise ausgeübt wird. Was bedeutet in angemessener Weise? Der Wille muss im Einklang mit den Gesetzen des Atman stehen. Dieses ist die einzige Bedingung. Es muss sich um einen universalen Wunsch handeln, der aus einer Ecke der Welt kommt und aus sich selbst heraus jedes beliebige Objekt entfaltet. Dann findet eine direkte Offenbarung der Dinge zur Zufriedenheit des universalen Willens dieses selbstverwirklichten Heiligen statt. Welcher Art auch immer dieser Wunsch sein mag, er wird sich realisieren, doch die Wunscherfüllung wird nicht im Widerspruch zur Universalität stehen, denn der Wunsch an sich ist universal.

All die Wünsche im Herzen sind auf die eine oder andere Art verzerrte Formen der Offenbarung des Bewusstseins. Das große universale Sein sucht seinen Ausdruck in unterschiedlichsten Erfahrungen in dieser Welt. Alle Gedanken, alle Wünsche, alles Treben, wie auch immer die Funktionen der Psyche sein mögen, sind Bewegungen des Bewusstseins hin zur Selbstverwirklichung. Es ist die Suche des Selbst nach dem Selbst in der äußeren Welt. Doch in der Bewegung des Bewusstseins liegt ein Fehler, wenn es in einem individuellen Körper logiert und sich vorstellt, es sei durch den Körper auf die eine oder andere Weise in seiner Ausdehnung eingeschränkt. Dieser falsche Eindruck des Bewusstseins in Verbindung mit dem Körper wird als Anrita, Falschheit, bezeichnet. Wenn sich Falschheit mit der Wahrheit vermischt, d.h., wenn körperbezogenes und äußeres Bewusstsein mit dem wahren Bewusstsein durcheinander gebracht werden, was tatsächlich beim Menschen passiert, dann wird es schwierig irgendetwas zu erreichen. Je mehr man sich von der Vorstellung entfernt, der Köper und/ oder das Äußere sollte mit dem Bewusstsein identifiziert werden, desto stärker wird die Willenskraft, um die individuellen Wünsche zu verwirklichen.

3. Der Raum innerhalb des Herzens
Die Fähigkeit einen Wunsch zu erfüllen, liegt in der visionären Kraft heraus zu finden, wo sich das Wunschobjekt aufhält und welche Verbindung das Objekt zum eigenen Selbst hat. Ein Fehlen dieser Visionsfähigkeit hinsichtlich des Wunschobjekts ist ein Hindernis bei der Erfüllung der Wünsche. Wünsche sind Visionen des Bewusstseins, die auf verschiedene Art und Weise und auf verschiedenen Erfahrungsebenen agieren. Wenn, auf Grund des Verschließens einer bestimmten Erfahrungsebene ein Visualisieren äußerlicher oder jenseits davon befindlicher Dinge nicht möglich ist, wird es natürlich schwierig, mit bestimmten Wunschobjekten in Berührung zu kommen.
Die Begriffe Satya und Anrta bedeuten 'wahr’ und 'unwahr’. Wahrheit bedeutet hier: die Fähigkeit, Dinge, wie sie sind, zu visualisieren, und Unwahrheit bedeutet, ein Blockieren dieser Visionsfähigkeit. Dinge, wie sie sind, sind nicht wirklich voneinander getrennt. Es gibt keine wirkliche Entfernung der Objekte untereinander. Wenn Entfernungen nicht wirklich bestehen, sollte es keine Probleme bereiten, mit ihnen in Verbindung zu treten. Doch die Entfernungen existieren nur für eine bestimmte Art von Bewusstsein, das sich selbst eingeschränkt hat und darum annimmt, es sei von dem gesamten Universum in dessen Vollkommenheit getrennt. Dieses ist der Grund, warum jene, die sich nicht in der körperlichen Welt befinden, nicht von körperlich lebendigen Wesen gesehen und kontaktiert werden können. Es existiert kein kommunikatives Medium zwischen dieser Erfahrungswelt und der anderen Welt der Erfahrung. In Wirklichkeit gibt es keinen Unterschied zwischen dieser und irgendeiner anderen Welt. Es gibt nicht viele Welten, sondern nur eine unermessliche Fortsetzung von Erfahrungen. Der Unterschied zwischen dieser und anderer Welten erhebt sich nur auf Grund verschiedener Bewusstseinsdichten, die scheinbar verschiedene Erfahrungsebenen verursachen.

Man kann keine bewusste Kommunikation zwischen Wach- und Traumzustand herstellen, ungeachtet dessen, dass es keine wirkliche Kluft zwischen der Wach- und Traumerfahrung gibt. Es gibt keinen Unterschied, wenn man die Strukturen des Traum- und des Wachzustands genauer untersucht. Und doch scheinen beide so unterschiedlich zu sein, dass man im Wachzustand nicht in die Traumwelt eintreten kann oder umgekehrt. Es ist die Verschiedenartigkeit der Fähigkeiten bestimmter Ebenen des Bewusstseins, die sich hinter der Andersartigkeit zwischen diesen beiden Welten verbirgt. Welten sind Erfahrungsebenen, und Erfahrungen unterscheiden sich in ihrer Intensität entsprechend der Ebene, in der sich der Einzelne befindet. Entsprechend der Ebene der objektiven Welt, in der man sich befindet, besteht die Möglichkeit oder Unmöglichkeit zu erkennen, was sich jenseits des Erfassbaren befindet. Menschen, die verstorben sind, sind nicht wirklich tot, sondern sie befinden sich auf einer Erfahrungsebene, einem anderen Bereich, in einer anderen Bewusstseinsdichte. Jene, die sich dort befinden, können nicht mit anderen in einer anderen Bewusstseinsdichte in Kontakt treten.

Nun wird in der Upanishad eine wichtige Aussage gemacht: es heißt, dass all diese Menschen, die gestorben sind, geboren wurden und jene, die noch nicht geboren wurden, jene, die gekommen sind oder in andere Welten gingen, sich im eigenen Herzen befinden. Sie sind nirgendwo anders. Man trägt sie im eigenen Herzen, im Äther des Bewusstseins. Zuvor hieß es, dass, was sich außen befindet, ist auch innen. Das bedeutet, was auch immer sich in den verschiedenen Ebenen oder Bereichen aufhält, ist auch im eigenen Herzen existent. Man kann sie im eigenen Selbst mithilfe der Geisteskraft anrufen. Dieses ist nicht möglich, wenn man sich auf das Körperbewusstsein oder auf das nach außen gerichtete Bewusstsein beruft, das sich gern in universale Erfahrungen einmischt. Das größte Hindernis bei der Wahrnehmung der Dinge ist, wie gesagt, wenn bzgl. des Universums das Bewusstsein in einem bestimmten Körperteil eingeschlossen ist. Es ist im Individuum gefangen, und es ist nur in der Lage, in dieser Einschränkung zu denken. Das ist mit der Unwahrheit gemeint, worauf man sich hier bezieht. Es ist etwas, was nicht wirklich vorhanden ist, doch auf Grund von Gewohnheit und durch wiederholtes Anwenden der individuellen Erfahrungsart auf diese Weise erfahren wird, die fälschlicherweise jede andere Möglichkeit der Erfahrung ausschließt. Auf diese Weise sind Verstorbene und Ungeborene unsichtbar. Doch Ungeborene existieren auch irgendwo in der Welt. Mit Bezug auf diese Entfernung zum Ungeborenen heißt es aus Sicht des Menschen, es wäre außerhalb. Die Frage des 'Außerhalb’ erhebt sich nicht im Kontinuum des Bewusstseins. Doch es mischt sich in die Erfahrung durch das Körperbewusstsein, der Individualität und des Egoismus.

Wenn man wirklich tief in den Ozean des eigenen Herzens eintauchen könnte, würde man alles sehen und wäre überrascht über Dinge, von denen man kaum zu hoffen gewagt hätte, dass sie existieren. All jene, die seit Urzeiten gestorben sind, und all jene, die nicht geboren wurden bzw. in Kürze oder in ferner Zukunft das Licht der Welt erblicken werden, sind im eigenen Herzen verborgen. Doch in dieser Welt ist dieses nicht erfahrbar, denn dieses ist eine Welt der Körper und intensiver körperlicher Wahrnehmungen. Darum scheint alles in alle Richtungen zerrissen zu werden, so, als gäbe es keine Verbindungen der Dinge untereinander, obwohl im Herzen, dem Schatz des Universums, wo die gesamte Entwicklung des Kosmos von Anfang bis Ende enthalten ist, all diese Dinge entdeckt werden könnten.

An dieser Stelle gibt die Upanishad ein Beispiel: es ist so, als würden Menschen über einen Schatz spazieren ohne zu wissen, dass tief im Innern tatsächlich ein Schatz ist. Vielleicht hat jemand hier oder dort einen Schatz in einem Acker gefunden, wo viele Menschen zuvor ahnungslos darüber hinweg gelaufen sind. Ähnlich verhält es sich mit dem Schatz im eigenen Herzen. In einem selbst ist alles vorhanden. Doch man hat keinen Zugang, denn man hat dafür keine Wahrnehmungsfähigkeit entwickelt. Das eigene Bewusstsein wurde auf Grund einer anderen Interessenslage zurückgewiesen. So stolpert man jeden Tag über den eigenen Schatz. Man fällt über die Wahrheit und beschäftigt sich doch in allen Inkarnationen mit allem Möglichen überall in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und man spürt nicht, dass man ständig mit kaum merklichen subtilen ätherischen Wellen und Lichtwellen in Berührung kommt. Diese Wellen weisen hohe/ niedrige Frequenzen auf. Doch, obwohl sich diese Wellen weder in zu niedriger noch in zu hoher Frequenz über den Menschen 'ergießen’, bleiben sie für ihn verborgen, denn man kann nur bestimmte Wellenlängen wahrnehmen. Darum weiß man nicht, was in einem selbst wirklich verborgen ist.

Es ist unmöglich, diesen großen Schatz durch eine Projektion des Geistes nach außen zu erkennen, denn dieser Schatz sitzt tief im Wesen der Dinge. Das findet nicht außerhalb statt. Die Suche im Äußeren hindert daran, die Dinge in eigenen selbst zu erfahren. Die Dinge existieren nicht im Äußeren. Sie sind auch nicht exklusiv, denn alles ist eingeschlossen. Das Wissen um diese internen Verbindungen wird durch die nach außen gerichteten Wünsche ignoriert. Auf diese Weise entsteht ein Widerspruch, der sich auf Grund der Wünsche ergibt, die sich durch die Sinne in Bezug auf äußere Dinge einstellen, und das Wissen wird daran gehindert, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind.

Es gibt eine außergewöhnliche etymologische Herleitung der Bedeutung des Begriffes Hridaya, was normalerweise 'Herz’ bedeutet. In der Upanishad neigt man häufig dazu, derartige Begriffe zu verwenden, die das Wunderbare eines Wortes widerspiegeln. Hridaya bedeutet also Herz. Es ist ein Wort aus dem Sanskrit. In der Upanishad wird die Bedeutung näher erklärt: „Hier ist es das innerste ES.“ Dieses heißt soviel wie, die Wahrheit ist in einem selbst. Es ist die Heimstatt dessen, was ist. Darum wird es als Hridaya bezeichnet. Jemand, der das eigene Herz als Heimstatt der Wahrheit kennt, steigt zu dem höchsten Himmel der Erfahrungen auf. Die alltäglichen Erfahrungen sind nicht ausschließlich weltlicher Natur, so wie man sie im Allgemeinen zuordnet. Es gibt weder weltliche noch körperliche Erfahrungen. Dieses sind lediglich Namen, die man einer Erfahrung der Wahrheit zuordnet. Diese Namen dienen dem Zweck der sprachlichen Unterscheidung, um die gemachten Erfahrungen in der weltlichen Denkweise voneinander unterscheiden zu können. Doch tatsächlich gehören alle Erfahrungen derselben Kategorie an, so wie die verschiedensten Wellen des Ozeans demselben Gewässer angehören. Mit jeder Erfahrung kann man in dieselbe Wahrheit eintauchen, mit dem vergleichbaren Ergebnis, so wie jede Ozeanwelle demselben Wasser angehört. Mit jeder Erfahrung wird nur DAS erfahren. In jeder Art von Erkenntnis wird nur die Wirklichkeit erkannt. Doch unglücklicherweise interpretiert man das Sein der Objekte auf Grund der Gewohnheit des Geistes in unterschiedlichster Form.

Wenn sich jemand über sein Körperbewusstsein hinaus erhebt, gewinnt er Klarheit über seine Erfahrungen. Es ist so, als würde er von den Folgen einer 'Drogeneinnahme’ befreit, in die er irgendwann hineingeschlittert ist, und der er über lange Zeit erlegen war. Das Bewusstsein gerät auf Grund des Einflusses toxischer Materie, für die man kein vernünftiges Verständnis entwickeln kann, durcheinander. Wenn diese toxischen Folgen beseitigt wurden, entsteht Klarheit, Ruhe und ein Gleichmut gegenüber den Erfahrungen. Er fühlt, als wäre etwas Neues in sein Leben eingetreten. Er wacht auf, als ob es ein neues Tageslicht gäbe. Das ist Samprasada, jener Gleichmut des Bewusstseins, der sich auf Grund der neu gewonnenen Freiheit durch das Abschütteln des Körperlichen erhebt. In dem Augenblick, wo das Bewusstsein von körperlicher Bindung befreit ist, steigt es wie eine helle Flamme auf. Es ist die absolute Helligkeit. Dieses Licht strahlt auf Grund seines eigenen Rechts, ein Licht, das kein anderes Licht zum Leuchten erforderlich macht, Paramjyoti. Wenn jemand dieses Leuchten erreicht, was seine eigene wirkliche Natur ist, dann ist dieser Jemand in seinem eigenen Selbst angekommen. Dann ist er in seiner waren Form. Es ist so, als würde man aus einem Traum erwachen und seine eigene Natur erkennen, die sich von dem, was man im Traum erfahren hat, unterscheidet. Auf diese Weise erobert man seine wirkliche Natur zurück und befreit sich von den alten Vorstellungen, den Verbindungen mit den Körpern, die sich scheinbar voneinander unterscheiden. Der Zustand des Bewusstseins glaubt, es wäre ein Tier, ein anderes meint, es wäre ein Mensch usw. Verschiedene Zustände identifizieren sich mit unterschiedlichen Formen der Körpererfahrung. Um welche Formen es sich auch immer handeln mag, das Bewusstsein befreit sich davon und es ist sich selbst genug, wie ein befreites Sein. Dieses ist Atman. Der wirkliche Atman, der frei von jeglicher Form oder Bindung ist. Dieses ist das Unsterbliche. Es ist die Nicht-Identifikation mit dem Körper, die Ursache für Unsterblichkeit. Das wird als Brahman, das Absolute, bezeichnet, das letztendlich die universale Natur dieses Atmans ist. Was man als Wahrheit bezeichnet, ist Brahman selbst. Man kann es Atman oder Brahman nennen. Es macht keinen Unterschied. Dieses ist die Wahrheit, die allein zählt, und die in allen drei Zeitperioden gegenwärtig ist. Sie macht keinen Unterschied bzgl. des Zeitgeschehens. Es ist die Ewigkeit, die ohne Unterschied von Raum und Zeit existiert. Das ist Atman und wird als Brahman bezeichnet.

Erneut wird die symbolische Bedeutung eines Begriffes erklärt, d.h. von Satyam. Was bedeutet Satyam? Satyam, so heißt es, kann in drei Silben aufgeteilt werden, d.h. in sa, ti und yam. Sa steht für die Unsterblichkeit, ti für Sterblichkeit, und yam hält die beiden vorhergehenden Silben zusammen. Die Sterblichkeit und die Unsterblichkeit begreifen sich beide zusammengenommen als etwas, was sich von der Sterblichkeit bzw. der Unsterblichkeit, jeweils allein stehend, unterscheidet, denn damit ist das innewohnende Prinzip (Antaryamin) gemeint, die absolute Wirklichkeit, die in sich selbst Subjekt und Objekt sowie Bewusstsein und Materie birgt. Was als das Unsterbliche gesehen wird, ist das Bewusstsein, und was man als das Sterbliche oder Vergängliche ansieht ist Materie. Beide werden in diesem universalen Sein zusammengehalten. Dieses steht über dem Konzept von Sterblichkeit und Unsterblichkeit. Selbst der Begriff 'Unsterblichkeit’ ist in seiner Bedeutung relativ, denn etwas als unsterblich anzusehen, würde sich auf das Phänomen von Sterblichkeit beziehen. Wenn der Tod eintritt, ist die Unsterblichkeit nicht gegenwärtig. Und doch sind beide Aspekte der Erfahrung, die subjektive Seite, bekannt als Bewusstsein, und die objektive Seite, bekannt als Materie. Die gesamte weltliche Erfahrung besteht aus diesen beiden Aspekten, dem Subjektiv und dem Objektiv, die in einem einzigen Begriff, d.h. in dem Absoluten, zusammengeschweißt wurden. Dieses ist, wie es heißt, die Bedeutung des Wortes Satyam. Jemand, der dieses Geheimnis kennt, erreicht die höchsten Himmelsebenen der Erfahrung, selbst in den kleinen täglichen Wahrnehmungen. In all den täglichen Erfahrungen erfährt man Satyam, die Wahrheit in verschiedener Form, auf verschiedene Art und Weise und unter unterschiedlichsten Umständen.

4. Das Leben im Jenseits
Der Atman hält die verschiedenen Welten im Kosmos im Zustand der Harmonie zusammen, sodass kein Chaos entsteht. Die verschiedenen Elemente, Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther, die verschiedenen Welten, die Reiche des Seins, wie sie genannt werden, werden auf Grund der Gesetze des Atman in Position gehalten. Das Gesetz bestimmt, dass das, was in einer bestimmten Körperform stattfinden soll, in dieser für diese Form vorgesehenen Zeitdauer verbleibt und sich in seinen Erfahrungen erschöpft. Wenn Atman nicht sein Gesetz durch seine Gegenwart ausüben würde, gäbe es weder ein System noch eine irgendeine Methode. Was man als System, Gesetzmäßigkeit, Symmetrie oder systematisches Handeln bezeichnet, geschieht auf Grund dieser All-Gegenwart des Seins, des Atman. Die Integration, die man im eigenen Körper, im Geist und den Gesetzesgrenzen, die man überall in der äußeren Natur spürt und teilweise sieht, wird durch die Gegenwart des Atman bestimmt. Sonst gäbe es nur Chaos. Alles könnte alles sein. Alles könnte zu jeder Zeit in jeglicher Art und Weise, ohne jeden Bezug, geschehen. Doch das ist nicht der Fall. Es gibt Ursache und Wirkung, die Beziehung zwischen Erfahrungen. Es gibt auf Grund des symmetrischen Charakters des Bewusstseins des Atmans die lebendige Beziehung zwischen verschiedenen Dingen in dieser Welt.

Diese Brücke, die mithilfe des Atman Welten verbindet, ist wie ein Damm, über die sich selbst weder Tag und Nacht noch die Zeit hinwegsetzen können. Tag und Nacht repräsentieren den Zeitfaktor. Doch hier existiert keine Zeit. Wenn man die Brücke überquert, die die Welten der allgemeinen Erfahrungen mit dem reinen Sein verbindet, findet ein Übersteigen der Zeit statt. In der Upanishad heißt es, dass es im Atman keine Berührung mit phänomenalen Dingen gibt. Alles, was man als vergänglich bezeichnet, kann dieses Sein nicht berühren. Weder hohes Alter, noch Tod oder Sorgen können ES berühren. Handlungen, welcher Art auch immer, tugendhaft oder nicht, können ES nicht berühren. Weder gut noch schlecht, nichts, was auch immer man als wertvoll erachtet, noch die Regularitäten dieser Welt, haben in dieser absoluten Integrität irgendeine Gültigkeit. Jedes Übel kehrt nach der Berührung dieses Dammes wieder zurück. Diese absolute Welt, die man als Brahman bezeichnet, ist von keinem Übel beeinflussbar. Übel ist nichts weiter als körperliches und objektbezogenes Bewusstsein. Diese Art von Bewusstsein existiert dort nicht. Damit ist ES frei von jeder Art der Verunreinigung.

Selbst ein Blinder wird in dem Augenblick vom Übel befreit sein, wenn er die Brücke passiert, die man als Atman bezeichnet. Verwundete sind nicht mehr länger verwundet. Menschen voller Kummer haben keinen Kummer mehr. Selbst die Nacht sieht wie der Tag aus. Da die Zeit dort nicht mehr existiert, können Tag und Nacht auch nicht länger existieren. Brahman heißt dieses ewige Licht. Es ist ewig und selbstleuchtend. Dieses ist Brahma-loka. An dieser Stelle ist Brahma-loka keine Welt, die man mit einer irdisch-kosmischen Welt vergleichen könnte. Brahman, das absolute Selbst, wird als Welt des Brahmans bezeichnet. Dieses ist die symbolische Art und Weise, sein eigenes Sein als vollkommene Erfahrung darzustellen. Das Feld dieser Erfahrung wird als Loka bezeichnet.

Eine nicht-eingeengte Freiheit ist der Segen für jene, die dieses Reich Brahmans durch die Praxis der Enthaltsamkeit erreichen. Für jene gibt es weder Beschränkungen bzgl. ihrer Macht oder Kraft, noch bzgl. ihrer Fähigkeiten Dinge zu visualisieren, noch gibt es Einschränkungen in ihrem Wissen oder gar in ihrer Existenz. Sie sind in jeder Hinsicht unbeschränkt.

5. Die Bedeutung von Brahmacharya
Die Bedeutung der Verwirklichung dieser großen Wahrheit wird in diesem Abschnitt beschrieben. Sie heißt Brahmacharya. Der Charakter Brahmans ist Brahmacharya. Das Verhalten Brahmans nennt man Brahmacharya. Charya bedeutet Verhalten. Man sollte sich so wie Brahman verhalten. Das ist nur schwer vorstellbar. Es bedeutet, ein völliges Zurückziehen der Sinne in eine Erhabenheit des Bewusstseins, die nur sich selbst erkennt, um alles andere auszuschließen. Dieses ist die einzige Praxis, um die man sich kümmern muss. Während dieser Praxis müssen alle weltlichen Pflichten ausgeübt werden, denn alle Pflichten dienen der Erfüllung dieser einen Pflicht. Dieses wird wie folgt beschrieben:
Was man als heilige Opferhandlung bezeichnet, entspricht der Praxis der Enthaltsamkeit, denn Enthaltsamkeit zeitigt all jene Ergebnisse, die auch durch Opferhandlungen erreicht werden. Der Kenner der Wahrheit erreicht durch die Praxis der Selbstkontrolle jenen Segen, wie er auch durch Opferungen erzielt wird. Was man als Opferhandlungen aus Sicht der Veden bezeichnet, entspricht der Praxis der Selbstkontrolle, Brahmacharya.

Sattrayana ist, wie es heißt, eine Opferhandlung. Sattra ist ein Yana, ein Opfer, und als Sattrayana eine Opferhandlung, ein großes Ritual, das Bestandteil der Vedas ist. Dieses Ritual ist mit der Selbstkontrolle vergleichbar und führt zum selben Ergebnis. Sat bedeutet Sein, trayana ist der Weg zur Freiheit, dem alles übertreffenden Segen, als Ziel. Damit schützt man sich selbst, befreit sich durch die Berührung des wahren Seins. Dieser Schutz oder diese Freiheit wird durch Selbstkontrolle, Brahmacharya, erreicht. In dieser Hinsicht entspricht es dem vedischen Opfer Sattrayana. Was als Einhaltung der Stille, Nicht-Sprechen, Maunam, bezeichnet wird, ist dasselbe wie Brahmacharya, denn es bedeutet die 'Stille aller Sinne’ auf Grund der Berührung Atmans, der absoluten Stille. Man versteht die Dinge richtig und betritt den Zustand psychischer Stille durch das Bemühen um das Wissen, das automatisch der Praxis der Selbstkontrolle folgt.

Anasakyana ist ein Gelübde für das Fasten. Dieses Gelübde des Fastens entspricht ebenfalls dem Brahmacharya. In der Upanishad wird dazu ebenfalls eine Erklärung gegeben. Atman ist unsterblich. Dieser unsterbliche Charakter des Atman ist mit dem unsterblichen Ergebnis vergleichbar, das der Praxis religiösen Fastens folgt. Welcher Segen einem Fastenteilnehmer durch dieses Gelübde auch immer widerfahren mag, entsteht spontan durch Selbstkontrolle. Ein Leben im Wald oder ein Leben in Abgeschiedenheit sind beides zweifellos große Gelübde und Disziplinen. Doch was auch immer aus diesen Disziplinen, Gelübden oder Praktiken folgt, ist Selbstkontrolle, denn es ist die höchste Disziplin und es gibt nichts Vergleichbares.

Wenn man über die sterblichen Erfahrungen hinauswächst und damit gesegnet wird, das Reich Brahmans zu betreten, muss man durch verschiedene mystische Erfahrungen hindurchgehen. Einige dieser beschriebenen Begebenheiten sind dem höheren Sein, dem Aufstieg zu Brahman, zuzuordnen. Es heißt, dass zwei Ozeane im Reich Brahmans mit Nektar angefüllt seien, d.h., dort wo diese und jene Welt in brüderlicher Umarmung zusammenkommen. Es ist so, als würden zwei Ozeane zu einem verschmelzen. Ara und Nya sind die Bezeichnungen für diese beiden Ozeane, die jenseits dieser Welt existieren. Sie befinden sich in der dritten Welt, nicht auf physischer Ebene, nicht in der atmosphärischen oder der Astral-Welt, sondern in der spiritualen Welt. Es handelt sich dabei um eine wundersame Portalwache, die man nicht wirklich sehen kann, sondern es ist vielmehr ein Behältnis, angefüllt mit erfrischendem Nektar, der Nahrung der Götter und die Nahrung jener, die sich ihres Körpers entledigt haben. Es ist keine greifbare Nahrung, die man wirklich schmecken kann. Es ist nur eine mystische Erfahrung der Seele, um die es sich hier handelt, wie bei einer Berührung mit Nektar von außerordentlicher Süße. Dort wird man auf Nachfrage an einen Baum verwiesen, aus dessen Körpermitte der Nektar ausgeschieden wird. Es ist ein großer Baum mit riesigem Geäst, das sich weithin ausdehnt, und aus dessen Poren der Nektar austritt. Kalpavriksha, wie er in den Puranas genannt wird, gibt alles, wonach man begehrt. Wenn man unter dem Baum sitzt und an etwas denkt, materialisiert es sich sofort. Dieser Baum steht in der Stadt Brahmans, die nicht von jenen betreten werden kann, dessen Geist nach außen gerichtet ist und dessen Sinne nach äußeren Objekten streben. Sie ist wie eine unsichtbare Festung Brahmans. Niemand kann sie erobern, niemand sie weder durchbohren noch in sie einbrechen noch berühren, denn sie ist nicht von körperlicher Natur. Sehr selten gelang es, sie schrittweise zu erobern. Doch jene, die mit den weltlichen Erfahrungen verheiratet sind, sind unreif, um diese Stadt zu betreten. Innerhalb dieser Stadt gibt es eine Halle, die Prabhuvmitam genannt wird und von Brahman selbst erbaut wurde, die wie Gold schimmert und in alle Richtungen strahlt, worin die Seele eingeführt wird. Diese Erfahrungen werden auf verschiedene Art und Weise in anderen Upanishads beschrieben, alle scheinen sehr mystisch, beziehen sich auf belebende, erbaulich Erfahrungen des Bewusstseins, die man erfährt, wenn man vom Körper getrennt wird und sich dem Universalen immer mehr nähert. Jede Sprache versagt hier, denn Wörter können nicht ausdrücken, was all dieses wirklich bedeutet. Dieses ist ein Indiz für wunderbare, unaussprechliche Erfahrungen, die man sich kaum erträumen kann, denen man aber als Ergebnis von Selbstkontrolle und Meditationspraxis begegnet.

Wenn man diese Form der Meditation praktiziert, entsteht als Folge uneingeschränkte Freiheit. Man sollte all diese Schätze, diesen Nektar, die Bäume, die Ambrosia ausschütten, usw. in Besitz nehmen. All dieses würde man besitzen, man würde sich all dieser Erfahrungen erfreuen und eins mit ihnen werden, vorausgesetzt, man wäre in der Lage, die Sinne zurückzuziehen und das Bewusstsein in Brahman zu zentrieren. Dann wäre man frei, und diese Freiheit wird als Moksha bezeichnet.

6. Der Weg nach dem Tod
In Verbindung mit einer Beschreibung über den Weg der Seele nach dem Tod, wird man noch mit einem anderen Thema vertraut gemacht, d.h. mit der Existenz bestimmter psychischer Nerven, bekannt als Nadis, die im menschlichen Körper ihre Bahnen ziehen. Diese Nadis im menschlichen Körper, die sich auf der Astralebene befinden, kontrollieren nicht nur das ganze psychische System, sondern auch den Geist, die Atmung und die ganze Persönlichkeit. Jene, die im Hatha-Yoga bewandert sind, kennen die Bedeutung der Nadis sehr gut.

Diese Nervenbahnen sind mit einer feinen Flüssigkeit, dem Nervenwasser, angefüllt, hier als Animna bezeichnet, das die Launen des Menschen maßgeblich beeinflusst. Es existiert zwischen der Sonne und diesen Nerven eine außerordentlich enge Verbindung.

Es geht nicht darum, dass die Sonne körperlich weit von uns entfernt scheint. In dieser Beziehung hat man falsche Vorstellungen über die wahre Entfernung zwischen den Menschen und der Sonne, den Mond und die Sterne. Auf Grund der Entfernung zu den Planenten scheint es, dass man zu ihnen gar keine Beziehung haben könnte. Doch der trennende Raum zwischen der Erde und den Gestirnen ist nicht leer, sondern wie eine lebendige Flüssigkeit. Die allgemeine Vorstellung der Astronomen, der Raum wäre nicht organisch mit den Individuen verbunden, muss aufgegeben werden. Die höheren Aspekte der Astronomie, die in die Ebenen der Astrologie hineinreichen, besagen, dass der Raum kein verbindendes Element darstellen würde. Wenn das so wäre, hätten die Planeten keinen Einfluss auf die Individuen auf Erden. Doch die Planeten haben einen außerordentlichen Einfluss auf das Leben hier auf Erde, nicht nur in mechanischer Hinsicht, was sich in der Gravitation ausdrückt, sondern auch auf das Leben als solches und das Organische an sich.

Das Nervenwasser in den Nervenbahnen ist von unterschiedlicher Farbe, d.h. von braun-gelb über weiß, blau, gelb bis rot. Diese Farben werden hier besonders erwähnt, obwohl es noch unzählige andere Kombinationen gibt. Es gibt tausende von Nadis, doch man unterscheidet hier nur 101, d.h. die wichtigsten Nadis. Die unterschiedlichen Farben, so heißt es, beruhen auf den Einflüssen unterschiedlicher Sonnenstrahlen. Weitere Einflüsse ergeben sich aus den Genen des Individuums. Selbst nach dem Sonnenuntergang setzt sich der Einfluss der Sonnenstrahlen fort. Dieser Einfluss der Sonnenstrahlen betrifft die gesamte Erde, Tag und Nacht. Selbst die gelb-braune Gallenflüssigkeit wird durch die Sonnenstrahlen beeinflusst. Die Gallenflüssigkeit ist bei phlegmatischen Menschen hell und weiß. Wenn ein Windelement mit ins Spiel kommt oder vorherrscht, nimmt diese Flüssigkeit eine bläuliche Färbung an. Eine rötliche Färbung wird durch die roten Blutkörperchen im Blut hervorgerufen.

Es heißt, die Verfärbungen der Flüssigkeiten werden durch die Farben in der Sonne beeinflusst. Die Verfärbungen im Nervenwasser entstehen wie in einem Spiegelbild durch die Sonnenstrahlen, d.h. diese Farben finden sich gleichermaßen in der Struktur Sonne und in den Nadis wieder. Es ist bekannt, dass die Sonnenstrahlen unterschiedliche Farben haben, die für die Färbungen der Körperflüssigkeiten in den Nervenbahnen verantwortlich sind.

Wie auf Autobahnen und Schnellstraßen, die Städte, Orte und Landschaften miteinander verbinden, scheinen die Sonnenstrahlen, ausgehend von der Sonne, durch den Raum zu reisen, den Himmel einerseits, die Erde und die Individuen andererseits zu berühren, und alles, was sie berühren, zu beeinflussen. Sie berühren diese Welt und andere Welten. Sie durchdringen Röntgenstrahlen gleich jedes Objekt und niemand kann sich dem entziehen. Sie durchdringen die Nervenzellen der Menschen, das Licht bzw. ihre Energie wird gebrochen und zur Sonne zurückgeworfen, sodass sie der Sonne mitteilen, wie es um den Menschen hier auf Erden bestellt ist.

Auf diese Weise muss man die wirkliche Verbindung zwischen der Sonne und dem Menschen sehen. Die Sonnenstrahlen sind wie Botschafter der Sonne, die dem Menschen Nachrichten von der Sonne übermitteln und umgekehrt Botschaften über den Menschen zurück zur Sonne bringen. Diese Arbeit, dieses Hin und Her der Strahlen ist mit dem Hin und Her postalischer Nachrichten zwischen Familienmitgliedern vergleichbar. Die Sonne und wir Menschen gehören zu einer untrennbaren Familie. Auf diese Weise sind wir wie Geschwister, wobei diese Unzertrennlichkeit nur der Vorstellung dient. Körperlich sind die Familienmitglieder weit voneinander entfernt, und doch sind sie Teil ein und derselben Familie. Es herrscht eine Verbindung lebendiger Kräfte zwischen der Sonne, den Menschen und alles um den Menschen herum. Auf diese Weise kann man sich vielleicht vorstellen, welche Beziehungen zwischen den Individuen, der Atmosphäre, den Himmelsebenen und Sternensystemen besteht. Nichts ist wirklich voneinander getrennt, auch wenn es so aussieht. Das scheinbare Getrenntsein findet nur in den Köpfen der Menschen statt.

Die Nerven sind beim Tiefschlaf für das Zurückziehen des Geistes verantwortlich. Was man als Tiefschlaf, Gleichmut des Geistes, Zurückziehen der Sinne von allen Aktivitäten und auch als Loslassen von allen Traumerfahrungen bezeichnet, ist eine Erfahrung, die durch die Reise der Strahlen des Geistes durch die Nervenbahnen hin zum Zentrum des Herzens erzeugt wird. Dort ruht der Geist wenn man schläft, inaktiv und unwissend, wie ein kleines unschuldiges Kind im Schoß der Mutter. Auf diese Weise tragen die Nadis ihren Teil zum so genannten psychischen Schlaf bei. Im Schlafzustand wird man von einem überirdischen Licht überwältigt.

Es gibt verschiedene Ansichten über das, was im Schlaf geschieht. Sie unterscheiden sich alle voneinander. Eine Theorie besagt, dass man auf Grund der Ermüdung der Sinne einschläft, was wiederum ein Ergebnis der Erschöpfung des Geistes auf der Suche nach dem Glück in der Welt ist. Eine andere Doktrin geht davon aus, dass man auf Grund der auf den Menschen einwirkenden Sonnenstrahlen zur Aktivität erwacht, was den Menschen über den Tag ermüden lässt und schließlich am Abend zum Schlafen zwingt. Eine dritte Theorie besagt, dass der Geist zum Schlafen zu seiner Quelle zurückkehrt und vom Licht des Atman überwältigt wird. Das Erblinden durch das blendende Licht ist in gewisser Weise mit dem Nichtsehen im Schlaf gleichzusetzen. Man sieht irgendwann nichts mehr, wenn man stundenlang in die Sonne schaut und durch das strahlende Sonnenlicht geblendet wird. Dieses ist eine sehr mystische Doktrin über den Schlaf, wobei es heißt, dass man mit der Strahlung des Atman konfrontiert wird, wenn man Schlafen geht. Und, da es nichts Sichtbares mehr gibt, werden die Sinne von den Objekten vollständig zurückgezogen. Man fällt in einen Zustand so genannter Bewusstlosigkeit, nur weil es für die Sinne nichts zu tun und für den Geist nichts zu denken gibt. Wenn es also nichts zu ersinnen oder zu denken gibt, was ist das für eine Bedingung? Es ist ein Rückfall in die Vergessenheit bzgl. aller Art von Erfahrungen.

Nun kommt man zum wesentlichen Punkt dieses Abschnitts. Alles Vorgehende galt der Einführung zu diesem Thema, d.h., was geschieht mit der Seele nach dem Tod. Wenn jemand auf Grund seines Alters schwach wird und sein Ableben erwartet wird, sorgen sich die Menschen um seinen Zustand. Sie sitzen um ihn herum und denken daran, dass er die Welt bald verlassen wird. Sie fragen ihn: 'Erkennst du uns?’ 'Weißt du, dass ich dein Vater bin?’ 'Ich bin mit dir verwandt.’ 'Erkennst du deinen Sohn bzw. deine Tochter?’ Er ist in der Lage, den Anwesenden zu antworten, solange die Lebensenergie ihn noch nicht verlassen hat und sein Geist noch normal funktioniert. Doch wenn der Geist durch das Versiegen der Lebensenergie gezwungen wird, sich zu seiner Quelle zurückzuziehen, bleibt das Denkvermögen aus. Was geschieht dann mit diesem Menschen?

Die selben Sonnenstrahlen, die zuvor beschrieben wurden und mit denen man in direkter Verbindung steht, werden zum Weg für die Seele beim Aufstieg in höhere Regionen. Diese Sonnenstrahlen bilden den Pfad für die Seele, wenn sie sich nach der Trennung vom Körper aufwärts bewegt. Diese Beschreibung steht im Zusammenhang mit dem Tod einer geläuterten Persönlichkeit, von der angenommen wird, dass sie auf den nächsten Stufen schrittweise Befreiung erreichen wird, was als karmamukti bezeichnet wird. Solch eine Persönlichkeit singt zum Zeitpunkt seines Ablebens 'OM’. Nicht jeder wird in diesem entscheidenden Augenblick 'OM’ singen. Jene, die es in ihrem Leben gewohnt waren, die ein diszipliniertes Leben auf Erden führt haben, werden sich zum Zeitpunkt ihres Ablebens dieser Praxis erinnern, wenn der Geist normalerweise auf Grund seiner natürlichen Handlungsweise in ein Verwirrspiel gerät.

Wie lange braucht die Seele, um die Sonne zu erreichen? Sie braucht genauso viel Zeit wie der Geist zu Lebzeiten bräuchte, um irgendeinen Ort zu erreichen, d.h., nicht viel Zeit. Die Entfernung von ca. 150 Mill. km zwischen der Erde und der Sonne macht dabei für die Seele keinen Unterschied. Es bedarf für die Seele kaum ein Handumdrehen, so schnell wird diese Entfernung überbrückt. Im Augenblick eines Gedankens ist sie dort.

Die Sonne ist der wundervolle Eingang zu Brahma-loka, dem Reich des Schöpfers. Dieses ist der Eingang zur wundervollen unsterblichen Heimstatt von Brahma. Es ist auch der Aufenthalts- und Kontrollort für die unbekannte Seele. Jene, die keinen 'akzeptierten Pass’ besitzen, kehren wieder zurück, denn nicht jeder wird hineingelassen. Die Wissenden gehen hinein, die Unwissenden kehren zurück. Den Letzteren wird nicht einmal erlaubt das Tor zu berühren. Auf diese Weise ist die Sonne der Kontrollposten, wo die Seelen gefiltert werden. Die Reinen dürfen passieren, die Unreinen werden auf die Erde zurückgeschickt. Die Sonne ist für die reinen Seelen das Tor zum Reich Brahmans, und für die unreinen Seelen das verschlossene Tor für den weiteren Aufstieg.

In diesem Zusammenhang wird auf die 101 Hauptnervenstränge im Körper hingewiesen. Eines dieser 101 Nervenstränge bewegt sich senkrecht zum Haupt des Kopfes hin. Diese Nervenbahn ist in der Yoga-Sprache als Sushumna-Nadi bekannt. Wenn die Lebensenergie und der Geist sich auf diesem Weg zum Haupt des Kopfes bewegen können, erreicht man Unsterblichkeit. Dieses ist Kramamukti, die schrittweise Befreiung. Doch wenn die Lebensenergie beim Ableben nicht auf diesem Weg durch das Haupt des Kopfes entweicht, sondern durch andere Öffnungen des Körpers, dann kommt es zur Wiedergeburt. Diese Wiedergeburt kann in dieser Welt oder in anderen niederen Welten stattfinden, was durch den Weg, den die Pranas zum Zeitpunkt des Ablebens nehmen, bestimmt wird. Es ist solange keine Befreiung möglich, wie die Lebensenergie nicht den Ausgang über die Sushumna-Nadi nimmt. Damit ist ein Teil der Diskussion über das Thema 'Atman’ im Herzen abgeschlossen.

7. Prajapatis Anweisungen an Indra bzgl. des wirklichen Selbst
Jetzt wird mit einem anderen wichtigen Aspekt dieses Themas vertraut gemacht, d.h. den Stufen des Bewusstseins. Diese Stufen der Verwirklichung des Atman, der sich selbst durch den Wach-, Traumzustand und dem Tiefschlaf offenbart, werden bereits in der Mandukya Upanishad eingehend beschrieben. Doch auch hier wird dieses Thema mit der gleichen Intensität und Bedeutung mithilfe einer Anekdote erläutert, der man in vielen Upanishads immer wieder begegnet.

Anlässlich irgendeiner Versammlung in einer großen Halle hielt Prajapati folgende Ansprache: „Dieser Atman ist frei von jeder Art von Übel. Er ist unberührt von Alter oder Zerfall jeglicher Art. Er kennt weder Tod noch Sterblichkeit. Er ist unsterblich. Er ist frei von Kummer, Durcheinander oder Schrecken, den man in dieser Welt, in diesem Leben, immer wieder beobachten kann. Er kennt weder Hunger noch Durst. Sein Wille entspricht der Wahrheit. Seine Wünsche werden unmittelbar materialisiert. Alle aufkommenden Wünsche werden unmittelbar erfüllt, ohne jegliche Einschränkung durch Raum und Zeit. Diesen Atman muss man näher untersuchen. Diesen Atman muss man kennen lernen. Wer auch immer sich mit IHM beschäftigt und Seine Natur erkennt, erreicht alle Welten und erfüllt alle Wünsche. Dieses ist der große Segen, der den Kennern des Atman zuteil wird.“

Dieses war die Ansprache Prajapatis, die von den himmlischen Zuhörer, den Gottheiten und Dämonen, vernommen wurde. Die Bedeutung war klar und deutlich und bedurfte keiner besonderen Erläuterung. Die Gottheiten eilten wieder nach Hause und hielten mit Indra, ihrem Chef, eine Konferenz ab: „Brahma/ Prajapati hat uns etwas sehr Interessantes erzählt! Wer auch immer Atman kennt, hätte alle Welten gemeistert und die Fähigkeit, jeden Wunsch zu erfüllen. Wir müssen diesen Atman kennen lernen. Es müssen sich einige zu einem Training in der Schule Brahmas/ Prajapatis zur Verfügung stellen. Wir müssen unbedingt in dieses Mysterium des Atman eingeführt werden.“ Die Gottheiten wählten Indra als würdigen Schüler und sandten ihn zu Brahma/ Prajapati. Sie sagten ihm: „Geh und lass dich unterweisen und lerne diesen Atman kennen, denn er hat bereits die Erklärung abgegeben, dass, wenn man IHN kennen würde, wundervolle Ergebnisse folgen würden.“

Ä hnlich war die Reaktion der Asuras, den Dämonen, denn auch sie wohnten der Versammlung bei. Sie gingen zurück in ihre Welt und hielten eine Konferenz ab. Sie sagten: „Dieser Atman muss etwas Wundervolles sein. Wir müssen IHN kennen lernen.“ So wählten sie ihren Chef, Virochana, zu diesem Zweck aus. Sie sagten ihm: „Du gehst zu Brahma/ Prajapati und lässt dich in diese Weisheit des Atman einweihen, sodass auch wir davon profitieren.“ Dieses war das Ergebnis der Erklärung Prajapatis.

Beide, Indra und Virochana trafen einander, vielleicht auf Grund des gemeinsamen Weges, doch sie sprachen nicht miteinander über den Zweck ihrer Reise. Indra und Virochana waren Todfeinde. Sie sprachen nicht miteinander, da ein jeder mit seinem Ziel der Reise beschäftigt war. So erreichten beide die Heimstatt Brahmas/ Prajapatis als demütige Schüler und überbrachten heilige Geschenke. Es heißt in der Upanishad, dass sie 32 Jahre lang dort blieben, sich den geforderten Disziplinen unterzogen und ihre Sinne kontrollierten. Sie sprachen weder miteinander noch zu Prajapati selbst.

So ging es 32 Jahre lang. Prajapati schien ihren Aufenthalt sorgfältig beobachtet zu haben und fragte schließlich: „Was ist mit euch los? Warum verbringt ihr so viele Jahre in Selbstdisziplin? Was wollt ihr?“ Dann sagten beide dasselbe: „Wir sind hier zu einem bestimmten Zweck.“ „Was bezweckt ihr?“ fragte Prajapati. Sie antworteten: „Oh Herr, wir haben deine große Ansprache gehört. Du hattest darüber gesprochen, dass der Kenner Atmans alle Wünsche erfüllen könne, ein Meister aller Welten und unberührt von Schmerz jeglicher Art ist. Wir sind hierher gekommen, um nach dem Wissen des Atman zu suchen. Darum sind wir gekommen und leben hier seit 32 Jahren.“ „Das ist sehr gut“, sagte Prajapati. Da sie sich bereits einiger Disziplinen unterzogen hatten, bestand Prajapati nicht weiter darauf, dass sie sich weiterer Formalitäten unterziehen sollten. Er begann direkt mit der Einweihung: „Ihr möchtet Atman kennen lernen? Hier ist das Wissen darüber.“ Er gab präzise Instruktionen, die auf die eine oder andere Weise interpretiert werden konnten. Es war so, als würde sagen: „Die Griechen die Römer erobern sollen.“ Niemand kannte die genaue Bedeutung dieser Aussage. Es könnte bedeuten, dass die Griechen die Römer erobern sollten oder umgekehrt. Die Anweisungen waren rätselhaft.

„ Das Sein, das man mit eigenen Augen sieht, ist der Atman“, sagte Prajapati. Es war eine fremdartige Aussage. Dieses war die ganze Instruktion. Es gab keine weiteren Erläuterungen. Es war zwar richtig, was er sagte, doch es konnte leicht missverstanden werden. „Jene Purusha, das Sein, das man mit eigenen Augen sieht, ist der Atman. Seid ihr zufrieden? Das ist die Einweihung für euch. Dieses ist das Unsterbliche, dieses ist die Heimstatt der Furchtlosigkeit, das ist das Absolute.“

Die ganze Instruktion wurde von beiden Schülern natürlich missverstanden, so wie es jedem Menschen in dieser Situation ergehen würde. Sie kamen bzgl. dessen, was sie sahen, zur selben Schlussfolgerung. Es ist klar, was man sieht. Körper werden reflektiert. Was könnte außer dem Körper in den Augen reflektiert werden? „Oh, das ist also der Atman. Das, was man sieht, ist der Atman.“ So war von beiden, Indra und Virochana, die Schlussfolgerung. „Ist das, was im Wasser reflektiert wird, der Atman?“ fragten sich beide. „Das, was im Spiegel reflektiert wird, ist das auch der Atman?“ Sie waren so glücklich, dass es so einfach schien, den Atman zu erreichen. Auf diese Weise wollten sie sich durch eine Frage bestätigen lassen: „Was ist der Atman, der, der als Spiegelbild im Wasser, oder der im Spiegel reflektiert wird? Oder sind beide der Atman? Ist das wahr? Verhält es sich so?“ fragten sie Prajapati. Seine Antwort fiel sehr einfach aus, denn er sagte: „Er kann in jeder Art von Reflektion gesehen werden.“ „Ist ER im Wasser?“ fragten sie wiederum. „Ja, auch im Wasser, ER wird überall reflektiert“, antwortete Prajapati.

Eine sehr knappe Instruktion. Und beide waren dessen zufrieden. Die Schüler glaubten, dass sie Atman kennen gelernt hatten. Doch tatsächlich muss Brahma/ Prajapati seine Schüler auf Grund deren Unwissenheit bedauert haben, denn sie hatten diese ganze Lehre völlig missverstanden, denn sie dachten, der physische Körper könnte der Atman sein, denn nur er kann auf diese Weise reflektiert werden. Was könnte sonst reflektiert werden, wenn nicht ein äußerer Körper.

8. Das körperliche Selbst
Nun sagte Brahma/ Prajapati: „Nun geht, betrachtet euer Spiegelbild im Wasser und seht, was da ist; wenn ihr jetzt nichts von Atman versteht, dann lasst es mich wissen.“ Sie gingen und sahen ihr Spiegelbild im Wasser. Dann fragte Brahma/ Prajapati: „Was habt ihr gesehen?“ Sie gaben sofort Antwort: „Von den Haarspitzen bis zu den Füßen haben wir unser Spiegelbild im Wasser gesehen. Wir haben uns gesehen, wie wir sind.“

Dann sagte Prajapati: „Das ist Atman.“ Was Prajapati sagte, war höchst interessant. Doch das Mysterium hinter dieser Instruktion war so tief greifend, dass sie von seinen Schülern missverstanden wurde. Was auch immer man sieht, ist Gott, - so heißt es im Allgemeinen. Dieses ist eine ehrliche Aussage, ohne Zweifel. Doch ist es auch eine unwahre Aussage. Der unwahre Aspekt kann in die Irre führen. Der wahre Aspekt hingegen wird von allen Bindungen befreien. Das ist die Instruktion Prajapatis. „Was man mit den Augen sieht, ist Atman. Was man im Spiegelbild sieht, ist Atman. Dieses ist Atman, die furchtlose Heimstatt, das Absolute.“ So wurde ihnen über ihr Spiegelbild erzählt. Voller Glück im Herzen gingen beide Schüler zurück in dem Glauben, Atman erkannt zu haben.

Als sie außer Sichtweite waren, dachte Prajapati: „Welch ein Jammer. Diese beiden Schüler haben nichts verstanden. Sie haben meine Lehren völlig missverstanden. Sie glauben, ihr eigener Körper sei Atman. Wenn jemand seinen eigenen Körper als Atman betrachtet und ihn als die absolute Wahrheit annimmt, andere Menschen entsprechend belehrt, dass der materielle Körper Atman sei, wird das wenig Erfolg haben, denn jene, die dieser Doktrin folgen, werden überall besiegt.“

Virochana ging zurück zu seinen Dämonen und sagte: „Ich bin eingeweiht worden. Nun weiß ich, wer Atman ist, durch den man alle Welten kontrollieren und alle Wünsche erfüllen kann. Dieser Körper hier, den ihr seht, ist Atman. Dieses hat Prajapati erzählt. Dieser Körper muss hübsch geschmückt und behütet werden, denn er ist die Wirklichkeit. Es gibt nichts Wirklicheres als diesen Körper. Er muss in jeder Hinsicht beschützt werden. Das ist das Wissen der Wirklichkeit, Atman, die Verkörperung, die uns helfen wird, all unsere Wünsche zu erfüllen. Der Körper ist ein Instrument zur Erfüllung der Wünsche. Durch dieses Instrument in Form dieses Körpers müssen alle Welten kontrolliert werden.“ Dieses ist die Doktrin eines krassen Materialisten und Sinnesmenschen, die die Dämonen von Virochana lernten. Dieses wurde zur Doktrin der Asuras.

Bis zum heutigen Tag heißt es im Allgemeinen, wenn sich jemand wenig großzügig verhält: 'Er ist ein Dämon’. Wer kein Vertrauen in übernatürliche Reiche hat, Gott nicht dient, keine heiligen Opfer darbringt, absolut selbstsüchtig ist, wer ich- und körperbezogen ist, wird als Dämon beschimpft. Dieses ist die Doktrin der Asuras. Wer an den Wert des Körpers glaubt, ihn sogar schmückt und mit Gold und Silber behängt, glaubt, dass sein Körper das wahre Selbst des Menschen darstellt. Die Menschen glauben auch heute noch, dass der Körper einen außerordentlichen hat, denn sie können sich nicht vorstellen, dass der Körper nach dem Tod seinen Wert vollkommen verloren hat. Dieses war die Schlussfolgerung, zu der Virochana gelangte und all die Asuras wurden mit dieser Philosophie vertraut gemacht. Diese dämonische Doktrin war die Konsequenz der Einweihung, die Virochana von Brahma in Bezug auf Atman empfing. Dieses ist das Schicksal von Virochana und seinem Gefolge.

Was geschah nun mit Indra? Folgte er ebenfalls dieser Doktrin? Armes Wesen! Er kam überhaupt nicht zu Hause an. Breits auf halbem Weg zweifelte er an seinem Verstand. Er dachte: 'Wie kann dieser Körper Atman sein? Das ist nicht möglich, denn wenn er im Wasser oder irgendwo reflektiert wird, ist er nichts weiter als ein Körper, ein Atman, der durch alles Mögliche berührt werden könnte, für die Körper lediglich Subjekte sind. Auf diese Weise wäre Atman verletzlich. Dieser Atman wäre nicht unsterblich. Dieser Körper wäre ein Subjekt des Todes. Wenn dieser Körper geht, würde Atman ebenfalls gehen, wenn er denn Atman wäre. Woher kommt dann die Furchtlosigkeit, die Unsterblichkeit und Brahmatva, die vom Schöpfer erwähnt wurden? Irgendetwas muss ich bzgl. der Lehren falsch verstanden haben.’ Dieses waren seine Zweifel, und darum ging er nicht zurück zu den Gottheiten, um sein Wissen weiterzugeben, sonder kehrte auf halbem Wege um und ging direkt zurück zu Prajapati.

9. Indra fühlt die Unzulänglichkeit der Theorie über das Körperliche
Indra empfand große Sorge und Furcht in seinem Herzen. Er dachte bei sich: 'Wenn ich gut angezogen bin, dann ist es Atman ebenfalls. Wenn der Körper blind ist, ist Atman ebenfalls blind. Wenn der Körper ein Krüppel ist, ist auch Atman ein Krüppel. Wenn der Körper letztendlich stirbt, stirbt auch Atman. Dieses ist die Konsequenz, wenn man seinen Körper als Atman annimmt. Ist dieses etwa ein zerstörbarer Atman, in den ich eingeweiht wurde? Das ist nicht gut. Ich will zum Meister zurückgehen und um Klarstellung dieser Position bitten.’

Wiederum trat Indra voller Zweifel und Unbehagen und in tiefer Bescheidenheit vor Prajapati. Sein Zweifel bestand darin, dass Atman weder sichtbarer Körper noch sonst irgendetwas Sichtbares sein könnte, denn alles Sichtbare ist von Natur körperlich und entsprechend durch alle möglichen Fehler, die einem Körper anhaften können, charakterisiert. Prajapati befragte Indra bzgl. seiner Zweifel: „Als du weggingst, warst du zufrieden. Was trieb dich nun wieder zurück zu mir?“ „Großer Meister“, antwortete Indra, „wie könnte dieser Körper als Atman betrachtet werden, wenn er Subjekt dieser Fehler ist? Wenn dieser Körper blind wäre, wäre Atman auch blind. Wenn dieser Körper krank wäre, wäre auch Atman krank. Wenn dieser Körper stürbe, würde auch Atman sterben. Was für ein Atman ist das? Aus diesen Gründen kann das Spiegelbild nicht Atman sein. Ich habe große Zweifel. Ich bin zu dir gekommen und bitte um Aufklärung. Vielleicht habe ich deine Lehren falsch verstanden. Ich habe nur Kenntnisse über einen sterblichen Atman. Was ist die Wahrheit? Bitte weihe mich weiter ein.

„ Nun gut, ich werde wieder mit dir sprechen. Doch lebe weitere 32 Jahre hier in strenger Disziplin. Danach werde ich wieder mit dir sprechen“, sagte Brahma. 32 Jahre waren bereits vergangen und weitere 32 Jahre musste Indra bei Prajapati in strenger Disziplin, Selbstkontrolle und Strebsamkeit verbringen. Nach den zweiten 32 Jahren eines disziplinierten Lebens in der Heimstatt von Prajapati erhielt Indra weitere Instruktionen.

„ Was im Auge oder im Wasser reflektiert wird, muss nicht, wie du bereits erwähnt hast, der Atman sein“, sagte Prajapati. „Nun werde ich dich mit einer höheren Wirklichkeit vertraut machen, die nicht durch die Bedingungen eines physischen Körpers berührt ist. Dieses muss als Atman angenommen werden. Wenn es Zweifel gibt, dass der Atman von einem physische Charakter berührt sein könnte, dann sollte das, was nicht berührt werden kann, als Atman betrachtet werden.“ Im nächsten Abschnitt wird Indra mit der Erfahrung vertraut gemacht, die nicht durch den Charakter physischer Körper bedingt ist.

10. Das Traum-Selbst
Nun sagte Prajapati: „Das, was du im Traum siehst, ist Atman. Es ist Brahman, über den ich jetzt sprechen werde. Das Sein, das sich im Traumzustand erfreut, ist Atman, der furchtlos und unsterblich ist. Dieses ist die Wirklichkeit, über die ich bereits früher schon gesprochen habe und in die du jetzt eingeweiht werden möchtest.“

Bis zu einem bestimmten Punkt war Indra zufrieden gestellt. Der physische Körper berührt die Bedingungen des Träumers nicht. „Ja, das muss so sein“, dachte er und machte sich frohen Herzens wieder auf den Weg. Er fühlte sich entsprechend seiner Möglichkeiten mit dem, was er erfahren hatte, zufrieden gestellt. Doch bevor er seine Heimstatt erreichte, beschlichen ihn wieder Zweifel.

„ Wie ist das möglich?“ dachte er bei sich selbst. „Das, was im Traum vorherrscht, soll der Atman sein? Ist das überhaupt möglich? Ja, wenn der Körper blind ist, muss die Traumperson nicht notwendigerweise blind sein. Und wenn dieses Individuum irgendein Problem hat, wie z.B. eine Behinderung, dann berührt diese Tatsache nicht den Träumer. Vielleicht wurde sogar irgendetwas amputiert oder gar ernsthaft geschädigt, dann bleibt der Träumer davon unberührt.“

Nun kamen Indra allerdings andere Bedenken. Selbst wenn der Träumer im Traum nicht durch irgendeine tatsächlich vorhandene körperliche Behinderung berührt wird, so kann der Träumer doch durch andere Defekte berührt werden. Man ist im Traum nicht immer vollkommen. Der Punkt, ob der physische Körper des Wachzustandes den Traumkörper berührt oder nicht ist irrelevant. Entscheidend ist, dass der Träumer dieselben Probleme hat wie der Wache. Es gibt dieselbe Freude und denselben Schmerz bzgl. unzuverlässiger Faktoren im Wach- wie im Taumzustand. Man fühlt sich auch im Traumzustand verfolgt, getrieben oder gar ermordet. Man nimmt Kummer und Sorgen auf Grund schlechter Erfahrungen auch im Traum wahr. Kann das denn Atman sein? Natürlich nicht, denn er ist nicht vollkommen. Er ist denselben Veränderungen unterworfen wie der wache Körper. Auch im Traum schreit, weint und schluchzt man, wenn man schmerzliche Erfahrungen macht. Dieser träumende Atman ist nicht gut. Diese gedanklichen Anwandlungen verspürte Indra als er schon halb wieder zuhause war.

Mit gesegnetem Feuerholz kam der demütige Schüler Indra wieder zu Prajapati. Prajapati verwundert: „Du kommst zum dritten Mal. Du warst doch zufrieden als du weggingst, Indra. Wo ist dein Problem?“

Indra legte wiederum seine Zweifel dar. „Dieser individuelle Traumzustand ist nicht gut“, sagte er. „Derjenige, der träumt, kann traurig sein, kann von jemandem, der wach ist, attackiert werden, und er kann auch die Erfahrungen vom Tod usw. machen. Was soll daran Gutes sein bzgl. dieses Atmans? Das sind meine Zweifel. Nun erzähl mir bitte etwas über den wirklichen Atman.“

„ Bleib weitere 32 Jahre hier und führe ein Leben in Disziplin. Dann wollen wir sehen, ob ich dir mehr über Atman erzählen kann“, sagte Prajapati. Dieses war nun das dritte Mal, dass er gebeten wurde, ein Leben der Selbstkontrolle zu führen. Indra muss sehr hartnäckig gewesen sein, denn er wollte nur das große Wissen, nach dem strebte, um die Meisterschaft über alle Welten zu erlangen, und um seinen Herzenswunsch zu erfüllen. Entsprechend Prajapatis Verfügung blieb er für weitere 32 Jahre dort und führte ein Leben intensiver Disziplin, Strenge und Tapascharya. Danach weihte er Indra erneut ein.

11. Das Selbst im Tiefschlaf
„Nun werde ich dir etwas anderes erzählen. Ich werde über einen Atman berichten, der weder durch den physischen Körper noch bedingt durch irgendwelche Sorgen im Traumzustand berührt wird, aber in seinem eigenen Zustand gesegnet ist. Wer/ Was ist das? Derjenige, der sich im Tiefschlaf befindet, ist Atman. Dieses ist der Unsterbliche, dieses ist der Furchtlose, dieses ist Atman. Wer? Derjenige, der sich im Tiefschlaf befindet“, sagte Prajapati.

Derjenige, der sich im Tiefschlaf befindet, macht überhaupt keine Erfahrungen. Er fühlt nicht von irgendetwas berührt zu sein. Er spürt weder Kummer noch Sorgen. Er spürte nicht einmal, wenn er stirbt. In dieser Hinsicht geht es in Ordnung. Der Schlafzustand ist ein Zustand von Freiheit. Es gibt weder ein Durcheinander auf physischer noch auf psychischer Ebene.

Als Indra diese Instruktionen Prajapatis gehört hatte, war er zufrieden. Darum verließ er Prajapatis Heimsatt und ging in dem Glauben zurück, dass er Atman nun erkannt hätte. Doch auf dem Heimweg kamen ihm wieder Zweifel. Noch bevor er sein Zuhause erreichte, befiel ihn große Furcht.

„ Welche Art von Atman ist das im Tiefschlaf? Es ist, als wäre er überhaupt nicht vorhanden. Er ist ein Nichts, zerstört, eine Verneinung aller Dinge! Dieser Atman ist wie Dunkelheit, der weder sich selbst noch andere kennt. Was ist das für ein Schlaf? Er weiß weder, dass er ist, noch weiß er, dass irgendetwas anderes existiert. Er ist wie etwas völlig Zerstörtes. Wie kann etwas Vernichtetes oder etwas Nicht-Vorhandenes Atman sein? Diese Art von Atman ist nicht gut. Er kennt nicht einmal sein eigenes Selbst! Was für ein Atman ist das?“ Mit diesen Zweifeln kehrte Indra zurück zu Prajapati.

Wieder kam Indra als Schüler mit heiligem Feuerholz zu Prajapati, um wiederum die Wahrheit über Atman kennen zu lernen. Prajapati sagte: „Oh Indra, warum bist du wieder zurückgekommen? Als du fortgingst warst du mit den Instruktionen zufrieden.“ Indra antwortete: „Dieser Atman, über den du mit mir gesprochen hast, weiß überhaupt nichts. Er ist unwissend. Dieses ist ein Zustand offensichtlicher Selbst-Zerstörtheit. Ich kann nicht glauben, dass dieses der unsterbliche Atman ist, durch den man, wenn man ihn kennt, Herr der Welten wird und alle Wünsche erfüllen kann, und über den du in deiner Proklamation gesprochen hast. Sei so freundlich und weihe mich in den Atman ein.“

„ Dazu sind weitere fünf Jahre der Disziplin erforderlich. Also bleib weitere fünf Jahre hier“, sagte Prajapati. Dem Rat seines Meisters folgend, lebte er weitere fünf Jahre in intensiver Disziplin und wartete auf Einweihung. Auf diese Weise übte sich Indra 101 Jahre in dieser Disziplin bei Prajapati, um absolutes Wissen zu erlangen. Jetzt sagten die Leute: „Indra, solch eine machtvolle Persönlichkeit mit so einem brillanten Intellekt, musste 101 Jahre in solch einer Disziplin verbringen, um die Gnade für diese Atman-Kenntnis zu erlangen!“

Was bedeutet das für den normalen Menschen? Wie viel Disziplin ist nötig? Wie viel Vorbereitung erforderlich? Welche intensive Disziplin muss vom Lehrer zu diesem Suchen nach Wissen vorausgehen? Dieses zeigt die notwendige Vorbereitung, um in das Wissen eingeweiht zu werden. Es kommt nicht so einfach. Nach dieser Vorbereitung von 101 Jahren auf Seiten Indras, weihte ihn Prajapati in die letztendliche Wahrheit ein.

12. Das Selbst als Spirit
Prajapati sagte: „Oh Indra hör mir zu. Dieser Körper ist sterblich. Er ist von allen Seiten vom Tod eingeschlossen. Wie könnte dieses der Atman sein?“

Der physische Körper ist ein Subjekt der Veränderungen und des Todes, wie allgemein bekannt ist. Genauso verhält es sich mit der psychischen Individualität. Auch der Geist ist in keiner Weise besser dran als der Körper, was die Endlichkeit, die Begrenztheit oder die Bedingtheit angeht. Mit den Beschränkungen der Persönlichkeit in Raum und Zeit und der Exklusivität der Menschen untereinander verhält es sich ähnlich, egal ob physisch oder psychisch. Darum ist diese Individualität ein Subjekt des Todes. Das Sichtbare, das Individuelle, das Bestimmte oder gar das Endliche können nicht der Atman sein. Weder der Körper noch der Geist können der Atman sein. Weder der Wachende noch der Träumende oder der Erfahrende des Tiefschlafs können der Atman sein. Der Schlaf ist ursächlich bedingt, was die Erfahrungen des Geistes im Traum und im Wachzustand hervorruft. Er ist wie eine potenzielle Nahrung, der die Saat des Lebens in Form der Erfahrungen im Traum- und im Wachzustand enthält. Doch kann er aus Sicht der Erfahrungen, nicht losgelöst von diesem Phänomen gesehen werden.

Der Atman ist weder individuell wie ein Mensch bewusst noch ist er eine unbewusste Existenz. Er/ Es ist etwas völlig anderes. Er/ Es ist kein persönliches Bewusstsein und auch kein Nicht-Bewusstsein. Welche Art von Bewusstsein ist es dann? Kann man sich vorstellen, welche Art von Bewusstsein das ist, wo man seiner eigenen Individualität nicht bewusst, doch wo man sich (sonst) allem bewusst ist? Solch ein Bewusstsein ist der Atman, den man kennen lernen will. Er ist kein Körper, der durch Veränderungen und Tod charakterisiert ist.

Niemand kann sich dem Tod entziehen, solange er einen Körper hat. Dieser Körper ist nichts weiter als ein Vehikel für die Offenbarung des unsterblichen körperlosen Atman. Dieser Körper offenbart eine Ebene der Wirklichkeit des Atman. Das ist wahrhaftig. In diesem Sinne ist er ein Empfänger dieses Bewusstseins des Atmans. Das Unsterbliche ist in der Lage, seine Existenz durch die Funktionen des Körpers zu offenbaren, doch ist er nicht mit dem Körper identisch. Diese körperliche Erfahrung, das sterbliche Leben, das man lebt, ist nicht mit dem unsterblichen Leben des Atman identisch. Doch es ist in dem Sinne ein Vehikel, da man durch seinen Charakter die Möglichkeit hat, durch Einweihung, der Natur des Atman schrittweise näher zu kommen. Obwohl es ein Vehikel ist, so ist nicht mit ihm identisch.

Jeder, der einen Körper hat, was für ein Körper es auch immer sein mag, physisch oder psychisch, kann nicht, bedingt durch dieses Dasein, den Veränderungen von Freude und Schmerz entfliehen. Es ist sinnlos, angesichts von Freuden zu frohlocken, denn sie dauern nicht ewig. Es herrscht immer ein Unterton zukünftiger Sorgen, selbst wenn man gerade einen Glücksmoment erfährt. Es ist wie ein flüchtiger Wind, was den Menschen in Form des Glücks in dieser Welt widerfährt. So verhält es sich auch mit den Sorgen im Leben. Niemand kann, solange er einen endlichen Körper hat, der Umklammerung von Freude oder Schmerz entfliehen. Niemand ist frei, solange er einen Körper hat. Die Freiheit ist ein Fantasiegebilde solange man im individuellen Körper existiert. Man ist gezwungen, den Spuren von Freude und Schmerz, d.h., diesen flüchtigen Erfahrungen des Lebens zu folgen, solange man in diesem Körper wohnt. Der Körper, von dem hier die Rede ist, ist nicht notwendigerweise ein irdischer Körper. Es kann sich auch um irgendeinen Körper auf jeder anderen Ebene der Existenz handeln, selbst um einen Körper im Paradies. Selbst dieser Körper im Paradies ist ein Subjekt der Zerstörung, denn auch er befindet sich auf Grund irgendeines Auftrages in Raum und Zeit. Auch dieser Körper ist letztendlich von Endlichkeit charakterisiert. Und was ist Endlichkeit? Es ist das Bewusstsein von etwas, das außerhalb seines Selbst existiert und damit sein eigenes Selbst begrenzt. Dieses ist das Schicksal eines jeden, der einen Körper hat, und niemand kann mit einem Körper frei sein, in welcher Form auch immer.

Doch diese Schwierigkeiten erheben sich nicht, wenn der Körper verschwindet und man die körperlose Existenz erfährt. Es ist unmöglich zu ermessen, was köperlose Existenz bedeutet. Dieses befindet sich jenseits menschlicher Vorstellungskraft, denn der menschliche Geist dient nur der körperlichen Erfahrung. Er akzeptiert einfach, was der Körper wünscht, wonach er schreit und was die Sinne ihm einflüstern. Was immer der Geist denkt, geschieht nur unter der Bedingung des Körpers. Wie sollte sich der Geist damit Körperlosigkeit vorstellen? Er müsste sich dazu auf seinen eigenen Kopf stellen, was unmöglich ist. Darum dürfte die Aussage von Prajapati, nämlich, dass die körperlose Existenz frei von den Veränderungen von Freude und Schmerz ist, dem Geist nicht so leicht klar werden, da er von den Bedingungen körperlicher Existenz gekennzeichnet ist.

Doch hier liegt die Wahrheit. Atman ist körperlos. Das heißt nicht, dass er eine ätherische Abstraktion wäre. Der Zweifel, der aufkommen mag, dass die Freiheit vom Körper, eine ätherische Abstraktion sein könnte, entsteht auf Grund eines Missverständnisses als Folge des gewohnheitsmäßigen Denkvermögens. Atman ist keine Abstraktion von der physischen Existenz. Was Atman ist, kann der Geist aus dem einfachen Grund nicht erfassen, da er nur gewohnt ist sich vorzustellen, dass Körper Substantive sind, die Qualitäten und Charaktere beinhalten. Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist es dem menschlichen Gehirn nur möglich, in substantiven Körpern zu denken. Was immer man denkt, ist nur körperlich. Selbst wenn man seine Augen schließt und an etwas Nicht-körperliches mit der Ausdehnung aller Vorstellungskraft denkt, ist es niemals Nicht-körperlich, denn es kann in Raum und Zeit ausgemacht werden. Das, was in Raum und Zeit lokalisiert werden kann, ist physisch. Dieses ist die wirkliche Bedeutung der Physikalität. Es gibt kein Nicht-körperliches denken, darum ist Atman unermesslich. Hier liegt der Grund, warum man sich nicht vorstellen kann, was körperlose Existenz bedeutet.

Mit der körperlosen Existenz wird der Atman in keiner Weise der Wirklichkeit beraubt. Atman bedeutet absolute Freiheit und ist keine Negierung von irgendetwas. Es ist wie die Genesung von einer Krankheit. Es ist ein unpersönlicher Zustand, eine unpersönliche Bedingung, eine unpersönliche Erfahrung und eine Unpersönlichkeit des Seins. Der so genannte Körper oder die physische Atmosphäre würde das Endliche dieses unpersönlichen Seins bedeuten. Könnte man etwa wie in folgendem Beispiel behaupten, dass ein Eisklumpen, der in seinem körperlichen Sein endlich ist, in jedem Fall über der Ursache steht, aus der er entstanden ist? Er ist lediglich die feste Form von Wasser. Wasser hat im Allgemeinen in seiner Form eine viel größere Ausdehnung als in dieser begrenzten Form von Eis. Doch selbst Wasser hat eine Ursache, d.h. Wasserstoff in Verbindung mit Sauerstoff, und man kann nicht behaupten, dass Wasser über seiner Ursache steht, in welcher Form auch immer. Könnte man behaupten, dass Wasserdampf minderwertiger als Wasser in flüssiger oder Eis in fester Form ist? Doch selbst diese Dämpfe, bestehend aus Wasserstoff und Sauerstoff, sind nicht die letztendliche Ursache. Sie sind wiederum chemische Offenbarungen von höheren oder subtileren Charakteren, was noch undenkbarer ist. Nur weil etwas undenkbar ist, wird es nicht zu einer unwirklichen Existenz. Je intelligenter man ist, um Ursachen zu erkennen, desto mehr ist man in der Lage, die Natur des Atman zu verstehen. Und warum erscheint er/es so abstrakt, nun, weil er/es so allgemeingültig und universal ist.

Der Raum ist eigentlich eine unpersönliche Existenz. Er hat keine endliche Form wie ein Körper, den man mit den eigenen Augen wahrnehmen kann. Doch man kann auch aus Sicht des Körperlichen nicht behaupten, dass der Raum oder der Äther ohne Erde, Feuer, Luft oder Wasser existieren würde. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass man die Erde in ihre Bestandteile bis hin zur Ursache zerlegen könnte, so dass sie flüssig, gasförmig und schließlich zu Äther würde, womit nicht die Verleugnung physischer Bestandteile gemeint ist, sondern, wie bei allen Dingen, die ätherische unpersönliche Existenz, die man als körperlich betrachtet. Einige Dinge dieser Art geschehen, wenn man in das Bewusstsein des unpersönlichen Atman eintritt. Auf Grund dieses unpersönlichen Seins kann er nicht berührt werden. Denn alles, was Reaktionen auslöst, muss anders sein als das was berührt, und muss auch anders als Atman sein, was ER niemals ist.

Dieses ist offensichtlich das, was Prajapati meinte. Indra mag es verstanden haben oder auch nicht. Prajapati brachte einige Beispiele, um die unpersönliche Natur des Atman verständlicher zu machen. Luft hat keinen Körper. Sie ist weder durch Freude noch durch Schmerz berührt. Sie ist körperlos, denn sie kann nicht an einem bestimmten Platz lokalisiert werden. Sie hat volle Bewegungsfreiheit. Die Blitze am Himmel sind in gewisser Weise auch von unpersönlichem Charakter. Die Wolken sind in gewisser Weise ebenfalls von unpersönlichem Charakter. Der Donner hat auch einen unpersönlichen Charakter. Die Wolken lösen sich im Raum auf. Dann schläft auch der Wind ein und wird wieder mit dem Raum identifiziert, wenn dieser durch die Sonnenstrahlen aufgeheizt wird. Die Windbewegung, der Regen und andere Phänomene der Atmosphäre verlieren sich letztendlich unter bestimmten Bedingungen wieder im Raum. Sie lösen sich wieder in ihren Ursprung auf. Sie erheben sich aus dieser Ursache und gehen wieder zurück. Der Raum ist die letztendlich Ursache aller physischen Elemente. Mit dem Raum ist nicht die Leere gemeint, sondern ein höchst subtiler unpersönlicher Zustand physischer Existenz. Darum löst sich alles wieder in diesen Urzustand auf, d.h. im universalen Äther. Und alles erhebt sich aus diesem universalen Äther. So verhält es sich mit der gesamten Schöpfung, die sich aus diesem universalen Atman erhoben hat und wieder in denselben mündet.

So wie sich endliche Objekte in der unpersönlichen Ursachen, der sie entstammen, zu verlieren scheinen, so hat sich dieses Sein aus seiner körperlichen Existenz erhoben, den unsterblichen Zustand erreicht, und leuchtet in der Natur wie das reine Bewusstsein, das es ursprünglich war. Dieses ist der höchst unberührte Zustand des eigenen Selbst in allem. Man kann nicht behaupten, man wäre unbewegt oder gleichmütig, nur weil weder Klang noch Berührung vorhanden sind. Unbewegtheit oder Gleichmut bedeuten wirkliche Freiheit, eine Erfahrung, die frei von jeglicher Sorge oder Beschränkung im Zustand des Wachseins, des Träumens und des Schlafens ist. Man muss sich über diese drei Zustände, d.h. der körperlichen, subtilen und kausalen Bedingungen erheben, die eine Beschränkung des Atman darstellen. Die drei Zustände: Wachen, Träumen und Schlafen sind die drei Bedingungen, an denen offensichtlich das Bewusstsein des Atman gebunden ist, und auf Grund dessen man ein Individuum zu sein scheint. Man müsste sich von dieser begrenzten Verkörperung erheben, d.h. von der wachen körperlichen Erfahrung, sogar von den Beschränkungen des Geistes, der auch im Traum wirkt, und von der Beschränkung des Tiefschlafs. Dann würde man zum wahren Sein.

Wahres Sein ist nicht unbewusst. Es ist weder eine Ursache, noch ist es eine subtil offenbarte Bedingung. Es ist auch kein physischer Körper. Es ist absolute Helligkeit, param jyoti. Es ist das Licht aller Lichter. Es ist nicht wie das Licht des Sonnenlichts, sondern Selbst-leuchtendes Sein. Es ist ein Licht, das keine andere Quelle als sich selbst benötigt. Es ist Selbstleuchtend in dem Sinne, dass es sich selbst erhellt. Dieses bedeutet nicht, dass es über die Existenz anderer keine Kenntnis hätte. Es ist das Selbst allen Seins. Es ist nicht das Selbst von einer oder zwei Personen, von einem Individuum oder einer Gruppe von Individuen. Der Begriff 'Selbst’ ist genauso missverständlich wie der Begriff 'Atman’, der allein durch die Sprache begrenzt wird. Man ist es gewohnt, den Begriff 'Selbst’ im Sinne von 'mein’, 'dein’, 'sein’ usw. personenbezogen und besitzergreifend zu verstehen und zu verwenden. Doch in diesem Sinne ist dieser Begriff 'Selbst’ hier nicht zu verstehen. Hier bezieht man sich nicht auf diesen oder jenen, sondern auf die Selbstheit, das wahre Sein, das allem innewohnt.

Mit 'selbstleuchtend’ ist nicht gemeint, dass jede Form eines Selbst im Sinne eines Körpers leuchtet, denn es wurde bereits darauf hingewiesen, dass das Selbst kein Körper ist. Das Selbst, zum Zwecke der Interpretation, wieder in Verbindung mit einem Körper zu bringen, wäre eine Verhöhnung der Angelegenheit. Das Selbstleuchten ist ein universales Leuchten. Warum ist es universal? Weil es das Selbst von allem im Universum ist. Es ist die Selbstheit von allem überall. Darum ist es ein universales Leuchten der universalen Selbstheit.

„ Oh Indra, von solcher Art ist das wahre Sein, in das du eingeweiht werden möchtest. Dieses ist der wahre Gleichmut des Selbst. Du musst dich durch dein eigenes Recht behaupten. Du musst deinen wirklichen Status annehmen. Dieses ist die Freiheit, dieses ist die Freiheit des Selbst, “ sagte Prajapati.

Man ist nicht in einem eigenen Zustand. Man erfreut sich nicht wirklich eines eigenen Zustands im physischen Körper. Jeder weiß, wie viel Sklaverei es bedingt durch die körperliche Individualität gibt. Die Bedingungen des Körpers, der ein Ausdruck des Weges ist, indem die physischen Gesetze der Natur wirken, beschränken alle Lebewesen. Man ist sehr unglücklich in dieser Welt. Es gibt auf Grund der Abhängigkeit vom Körper keine Sicherheit im Wachzustand. Selbst im Traum ist man unglücklich, wo allein der Geist agiert, doch der Geist ist in all seinen Erkenntnissen Sklave des Körpers. Darum ist er auch weder helfender Führer noch bietet er Unterstützung. Was ist gut am Schlaf? Er ist so gut wie Zerstörung, wie Indra es ausdrückte. Darum kann keiner dieser Zustände wirkliche befriedigen. Man ist nichts, weder im Wachzustand noch im Traum oder Tiefschlaf. Eigentlich ist man nichts oder man ist nur eine Marionette, die an Bändern geführt wird, die von irgendwoher oder von irgendjemand über die Bänder dirigiert wird, aber dessen Existenz sie nicht versteht. Der wahre Zustand der Freiheit ist die Unabhängigkeit von jeder Art von äußerem Dirigismus oder äußeren Gesetzmäßigkeiten. Und das kann nur erreicht werden, wenn die so genannte Äußerlichkeit aufhört zu existieren. Solange diese Äußerlichkeit existiert, werden auch ihre Gesetze wirken. Darum gibt es keine Freiheit, ausgenommen im Zustand der Universalität. Es gibt solange keine Freiheit, wie der Körper existiert.

Prajapati sagte: „Dieses ist die ganze Wahrheit über Atman. Verstehst du jetzt, was Atman ist? Wenn man IHN als Persönlichkeit sieht, dann ist ER die absolute Persönlichkeit. ER ist jedoch in Wirklichkeit kein Mensch. Man bezeichnet IHN nur so, um dem unreinen Geist etwas verständlich zu machen. ER ist das absolute Sein. Dieses ist nur eine Übersetzung für den Begriff uttama-purusha, um den es hier geht. Über der vergänglichen gibt es die universale Purusha. Das Wort uttama-purusha wird auch im 15. Kapitel der Bhagavadgita angewendet, wo von zwei Purushas die Rede ist, der kshara und der akshara, und dass es darüber hinaus eine dritte, die absolute Purusha, gibt, d.h. die purushottama oder die uttma-purusha, was bedeutet, dass etwas das Sterbliche und das Unsterbliche übersteigt, nämlich, das innewohnende Bewusstsein.

Die Beschreibungen, die sich mit dem Leben der spirituellen Freiheit befassen, werden auch als Jivanmukti bezeichnet. Im allgemeinen Sprachgebrauch der Vedanta Philosophie gibt es diesen Zustand von Jivanmukti, was spirituelle Befreiung bedeutet, selbst dann, wenn der Körper vorhanden ist. Es gibt zig Beschreibungen zu Jivanmukti, und in all diesen Beschreibungen findet sich eine Einschränkung. Es wird immer wieder festgehalten, dass die so genannte Existenz des Körpers des Jivanmukta aus Sicht derjenigen, die ihn wahrnehmen, vorhanden ist, aber nicht vom eigenen Standpunkt aus. Dieses ist eine Möglichkeit der Betrachtung. Man kann nicht sagen, ob er sich seines Körpers bewusst ist oder nicht. Doch andere sehen ihn. Solange andere die Existenz jenes individuellen Körpers und dessen Bewegungen wahrnehmen, solange ist dieses Individuum als Mukta in Verbindung mit dem Körper anzusehen. Darum wird er als Jivanmukta bezeichnet.

Nach anderer Auffassung mag man sich auch auf vollkommen andere Weise, was man in Bezug auf seinen eigenen Körper fühlt, seiner physischen Existenz bewusst sein. Das Bewusstsein der Körperexistenz muss nicht notwendigerweise von Übel sein, vorausgesetzt, er wird in der richtigen Perspektive erfahren. Unwissenheit ist die Ursache von Bindung, und nicht allein die Existenz dieser oder jener Sache. Die bloße Anwesenheit des Körpers ist nicht gleichbedeutend mit Bindung, vorausgesetzt, er wird in der Wirklichkeit erkannt.

Dieses ist wiederum nur sehr schwer zu verstehen. Was sollte man über dieses Ding in der Wirklichkeit wissen? Niemand kann es erklären, solange man nicht in diesen Zustand persönlich eingeht. Es kann auch niemand verstehen, solange er nicht in diesen Zustand eingeht. Es heißt, dass man im Zustand eines Jivanmukti eine außerordentliche Freiheit in der Verwirklichung und Erfüllung erfährt. Welche Art von Freiheit ist das? Es ist keine Freiheit in dem Sinne, dass man eine Lizenz erhalten würde, sodass man bis zu einem gewissen Grad Tun und Lassen könne, was man wolle. Es ist vielmehr eine Freiheit, die auf Grund eines Wissens, das aus der Tiefe von allem aufsteigt, kein logisches Wissen, sondern ein Wissen, das in der Natur der Wirklichkeit verborgen scheint.

Um zu verstehen, wie sich so ein Mensch gegenüber anderen verhält, müsste man sich vorstellen, wie man sich gegebenenfalls verhalten würde, wenn man eins mit der Existenz einer Sache wäre. Dieses ist solange nicht vorstellbar, wie man die Einheit nicht erfahren hat, doch wenn man seine Vorstellung weiter ausdehnt, fühlt man, was für ein Zustand das sein könnte. Wie würde man sich gegenüber etwas verhalten, mit dem man eins geworden ist? Wie verhält man sich demgegenüber? Nun, es ist weder ein Festhalten noch ein Widerwillen fühlbar, weder ein Mögen noch ein Ablehnen, sondern ein Gefühl einer vollkommenen Meisterschaft darüber. Dieses charakterisiert den Zustand, wenn man eins mit allem ist, jedoch nicht daran festhält oder abgeneigt ist. Die Freiheit, die man als Jivanmukti erfährt, ist die vollkommene Meisterschaft, die aus dem Einssein geboren wird; es ist keine Meisterschaft im Sinne einer Kontrolle von einem über einen anderen Menschen, wie man sie in dieser Welt immer wieder beobachten kann. Es geht nicht um eine Ausübung der Macht eines Menschen über einen anderen. Es ist ein Überschwang von Fülle einer Macht, die untrennbar mit der Universalität des Seins verbunden ist. Die letztendliche Macht ist eins mit dem Sein selbst. Dieses ist etwas sehr Rätselhaftes, das nur schwer zu verstehen ist. Es ist genauso schwer zu erklären, wie Gott selbst. Es ist ein Göttlichsein, das man hier beschreibt, wenn die Rede von Jivanmukti ist, eine so genannte Verkörperung, die zum Träger der Gotteserfahrung in dieser Welt wird. Darüber sprach Prajapati in diesem Abschnitt.

Die Wahrnehmungsweise eines Jivanmukta wurde sehr genau in wenigen Sätzen beschrieben. Mit dem gegenwärtigen Zustand des menschlichen Geistes ist es nicht möglich zu verstehen, was der Jivanmukta wahrnimmt. Man kann nur Analogien, Vergleiche oder Illustrationen heranziehen. Doch was die Wahrnehmung wirklich beinhaltet, ist unmöglich zu verstehen. Man mag den Eindruck gewinnen, dass er Gott und nicht die Welt sieht. Dieses ist die normale Annahme von dem, was ein Jivanmukta wahrnimmt. Wie bereits erwähnt, handelt es sich dabei um individuelle Sichtweisen bzgl. der Dinge und bleiben Gedankenspiele. Man kann aber nicht wie Gott sehen und die Welt dabei vergessen. Solche Unterscheidungen, derartige Kontraste haben keinen Platz in einer Vision, die die Wahrheit sieht. Es gibt viele Kontroversen zwischen verschiedenen Denkschulen, wie z.B. ob die Welt von einem Jivanmukta gesehen wird oder nicht. Es hängt alles davon ab, was man unter dem Begriff 'Welt’ versteht. Er sieht die Welt! Ja. Oder aber, er sieht die Welt nicht. Beide Aussagen sind richtig. Er sieht die Welt, wie sie wirklich ist, und er sieht die Welt nicht, wie sie über die Sinne verzerrt wahrgenommen wird. Die relativen Werte müssen auf der Ebene der universalen Wahrnehmung außen vor bleiben. Die Erfahrungen eines Jivanmukta mit den Maßstäben des menschlichen Verstandes zu bewerten, ist nicht möglich.

Es gibt selbst jetzt keine Welt, und damit erhebt sich die Frage nach dem Sehen oder dem Nichtsehen der Welt überhaupt nicht. Was jetzt da ist, wird selbst danach da sein. Nur weil jemand seinen Geist verändert hat, verändert sich die Welt nicht. Doch sein Verstand hat sich insoweit Disziplinen unterzogen, sodass sich die Sichtweise gewandelt hat, und damit sieht er die Welt wie sie gesehen werden muss. Die Upanishads werden niemals müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die richtige Wahrnehmung darin besteht, das Selbst in den Dingen und nicht deren Form zu sehen. Dieses genau sieht der Jivanmukti. Das Selbst in einem Ding zu sehen, bedeutet nicht, das Ding oder Objekt als solches zu sehen. Selbst diese Analogie hinkt etwas, denn man kann nicht verstehen, was es wirklich bedeutet, das Selbst in einem Ding zu sehen.

Jetzt wird man wiederum das Selbst als etwas Äußerliches ansehen, das mit dem Auge spiritueller Wahrnehmung gesehen wird. Mit diesem Hintergrund muss man dieses kurze Portrait über den Jivanmukta mit Bedacht versuchen zu verstehen. Er mag genau dasselbe tun, was man selbst tut. Es gibt keinen Unterschied in seinem äußerlich erscheinenden Verhalten. Er mag dieselbe Sprache sprechen und dasselbe Essen zu sich nehmen. Und doch, weder isst er noch spricht er. Dieses kann man nur schwer verstehen, denn diese besonderen Aktivitäten und Formen der Erfahrung werden in seinem Inneren verallgemeinert oder universalisiert, sodass sie nicht länger zu Hindernissen seiner ureigenen Erfahrung werden. Sie werden nur zu einem Hindernis, wenn sie aus ihrer universalen Verbindung herausgerissen und zum individuellen Ich gemacht werden oder auf eigenen Füßen unabhängig von anderen stehen. Seine Handlungen sind nicht individuell, sondern es sind universale Bewegungen. Und er denkt nicht im Sinne von Ich oder Du, Mein oder Dein. Sein Gedanke beinhaltet alle Gedanken. Sein Gedanke ist von allgemeiner Substanz, jeder Art von Geist oder Gedanken. Darum heißt es in der Upanishad, dass, wenn er spricht, lacht, sich bewegt oder sich freut, es aus der Sicht aller geschieht. Die Frage bzgl. des Sprechens oder Bewegens erhebt sich weder aus dem individuellen Bewusstsein noch einem individuellen Zeitgeschehen oder entsprechender Bewegung heraus. Aus Sicht der anderen Leute erscheint er wie jedermann. Er wird nicht als Jivanamukta gesehen, doch in ihm besteht im Vergleich zu anderen ein himmelweiter Unterschied.

Die Elektronen sind mit dem bloßen Auge nicht sichtbar, doch mit dem Mikroskop werden sie sichtbar. Wenn man sich ein festes Objekt mit bzw. ohne Mikroskop anschaut, werden die Unterschiede sichtbar. Beide Male sieht man dasselbe Objekt. Doch das Ergebnis unterscheidet sich. Wenn man beide Sichtweisen vergleicht, stellt sich die Frage, was ist richtig? Dieses ist nur ein Beispiel.

Man selbst sieht die Welt und der Jivankukta sieht sie ebenfalls, doch er sieht sie auf Grund seiner Wahrnehmungsfähigkeit anders. Er braucht kein Instrument. Er selbst ist das Instrument und er selbst ist das gesehene Objekt. Er ist zu dem geworden, was er sieht, und so kann man es nicht als Sehen bezeichnen, sondern es ist vielmehr ein 'Sein’. Sehend, sieht er nicht. Es scheint, als würde er nicht sehen, denn 'außerhalb’ existiert nichts, und doch sieht er alles, denn er selbst ist das. Er kann sich des Körpers nicht bewusst sein. Er ist nicht nur in einem Körper. Er ist in allen Körpern. Was immer man denkt, ist sein Gedanke, und was auch immer jemand anders denkt, ist auch nur sein Gedanke. Darum kann man nicht sagen, ob er denkt, ob man selbst denkt oder jemand anders. Das Bewusstsein über einen individuellen Körper oder ein Objekt erhebt sich nicht, denn all diese Körper oder Objekte sind sein, nicht er selbst. Darum heißt es in der Upanishad, er hätte kein Bewusstsein einer bestimmten Hülle in Form eines individuellen Körpers. So wie Ochsen mit dem Joch eine Karre ziehen, offenbart sich das absolute Selbst als Prana und ist in einem Joch gefangen, um einen Körper zu ertragen. Die Bullen werden nicht eins mit ihrer Karre. Sie bleiben verschieden. Genauso verhält es sich mit Prana oder dem Bewusstsein, das im Körper eingejocht ist. Es ist ebenfalls mit dem Körper nicht identisch. Was auch immer die Augen einer befreiten Seele sehen, ist anders im Vergleich zu normalen Menschen. Aus Sicht der befreiten Seele sehen die Augen anders, denn seine Augen sehen nicht das Objekt, sonders etwas anderes.

Dieses war der subtile Punkt, an den Prajapati dachte, als er Virochana und Indra direkt zu Beginn sagte: „Was auch immer im Auge reflektiert wird, ist Atman.“ Darum hat er aus seiner Sicht Recht. Doch Indra und Virochana verstanden seine Absicht nicht. Das, was mit den Augen sieht, sind nicht die Augen, sondern es unterscheidet sich von den Augen. Das Gleiche gilt für die Ohren. So verhält es sich mit all den Sinnesorganen. Die Sinne berühren nicht die Objekte. Derjenige, der berührt, ist jemand anders, wobei er die Sinne als Instrumente nutzt.

Die Augen sind lediglich Instrumente der Wahrnehmung. Das. was ein Objekt sieht, sind nicht die Augen. Das, was man mit den Augen sieht, bedeutet das Gleiche, wie mit den Ohren zu hören. Augen können nicht hören, und Ohren können nicht sehen, und so verhält es sich mit allen anderen Sinnen, die auf ihre jeweiligen Funktionen beschränkt sind. Es gibt Unterschiede zwischen den Funktionen der verschiedenen Sinne. Doch es ist bekannt, dass man die Wahrnehmungen aller Sinne zu einem Gesamteindruck vermischen kann, sodass sich ein Individuum simultan bewusst ist, das es sehen, hören, riechen usw. kann. Für den Menschen ist es nur eine Einmischung, doch für eine befreite Seele bedeutet dies Enthüllung.

Es ist nicht nur das. Die Verwicklung liegt noch tiefer. Das, was durch die Augen sieht, unterscheidet sich von den Augen, und das, was mit den Augen gesehen wird, unterscheidet sich von dem wahrgenommenen Objekt. Es sind nicht die Augen die sehen, und es sind nicht die Objekte, die gesehen werden. Es wird etwas 'Anderes’ gesehen, und es ist dasselbe 'Andere’ das sieht. Darum sind das Gesehene und der Seher identisch. Es ist so, als würde sich das 'Andere’ sich selbst bewahren. Es ist Atman, der riecht, und nicht die Nase. Die Nase oder das Instrument zum Riechen ist nur Mittel zum Zweck für das Bewusstsein. Das, was spricht, ist nicht die Zunge. Atman spricht, indem er die Zunge benutzt, um sich bei einer bestimmten Gelegenheit zu einer bestimmten Sache zu offenbaren. So verhält es sich auch mit den Ohren. Die Ohren sind nur eine Gelegenheit zur Offenbarung für den Atman. Atman ist ein einziges, nicht-duales, alldurchdringendes Sein, das auf verschiedene Weise in Form der Sinne, der Sinneswahrnehmung und der Wahrnehmung der Objekte wirkt. Darum gibt es in Wirklichkeit weder Sinneswahrnehmungen noch die Sinne und ihre Objekte. Atman projiziert sich selbst in jeder Ecke und in jedem Winkel des Universums durch diese 'Löcher’, die so genannten Sinne, und berührt seine eigenen Körper im Äußeren, die man fälschlicherweise als Sinnesobjekte bezeichnet. Dieses ist die Wahrheit. Die befreite Seele ist sich dessen vollkommen bewusst, während andere es nicht wissen, obwohl es sich bei ihnen genauso verhält.

Was auch immer den Verstand zum Denken nutzt, ist ebenfalls Atman. Der so genannte Geist ist nur ein erkennendes Instrument, doch ist es eine Art höher stehendes Instrument. Es ist ein himmlisches Auge, das sich sorgt. Tatsächlich arbeitet der Geist im Brahma-loka. Die bekannten Sinnesorgane existieren dort nicht. Diese Offenbarungen in Form der Sinne treten in Brahma-loka nicht in Funktion. Die großen Seelen, die in Brahma-loka leben, sehen weder mit den Augen noch sprechen mit der Zunge, und sie essen und trinken auch nicht so wie der normale Mensch. Sie existieren lediglich in ihrem mentalen Körper. Einige von ihnen sind in dem Glauben, das selbst der Geist dort nicht in seiner normalen Funktion arbeitet. Es ist etwas Überkörperliches, Nicht-Materielles, was zum Träger der Erfahrungen der Seele in Brahma-loka wird. Dieses himmlische Auge begreift alle Dinge auf einen Schlag, nicht so wie die Sinne, die nur eine Sache zurzeit wahrnehmen können. So wirkt dieses Instrument, wie es in Brahma-loka zur Anwendung kommt. In dem Augenblick, wo solch ein Geist zu denken beginnt, ist das ganze Konglomerat der Objekte, die mit diesem Gedanken verbunden sind, auf einen Schlag gegenwärtig. Die Urfassungen der Dinge werden möglicherweise in Brahma-loka visualisiert, nicht deren Reflexionen. Die Objekte, die man in der Welt sieht, sind nicht die Originale. Es handelt sich dabei nur um deren Reflexionen. Alle Originale aller Lebewesen befinden sich in Brahma-loka. Der sichtbare irdische Mensch ist nur ein Abbild seines Originals, d.h. alle Menschen sind unwirkliche Körper, in gewisser Weise Geistererscheinungen, die lediglich wie wichtige Persönlichkeiten aussehen. Die Bedeutung des Menschen befindet sich irgendwo anders, verwurzelt in höheren Regionen, mit denen jeder, selbst in diesem Augenblick, verbunden ist. Die Beine, mit denen man sich scheinbar fortbewegt, sind dort. Man stellt nur eine Reflexion dar und wirkt darum verzerrt. Man ist hier auf Erden irgendwie nur teilweise vorhanden und endlich, und deshalb ist man auch nicht in der Lage, die eigenen Wünsche zu realisieren. Nur das Original allein, das das Ganze, das Unendliche ist, kann wirken. Reflexionen können nicht so effizient wie das Original arbeiten. Diese Effizienz in der Arbeit tritt nur ein, wenn man in Brahma-loka eingeht.

Brahma-loka ist keine andere Welt, die irgendwo Millionen von Kilometern entfernt ist, sondern es ist ein Zustand des Bewusstseins. Es befindet sich innerhalb der eigenen vier Wände. Bei Brahma-loka handelt sich nur um eine höhere Frequenz des Bewusstseins, in das man sich selbst an dem Ort, an dem man sich gerade befindet, hinein erheben kann. In Wirklichkeit stellt sich die Frage von 'hier’ und 'dort’ nicht. Dieses sind unpassende Begriffe, die in Verbindung mit den Sinneserfahrungen benutzt werden. Es existiert weder ein 'Hier’ noch ein 'Dort’, weder ein 'Dann’ noch ein 'Jetzt’. All diese Wörter können auf Brahma-loka nicht angewendet werden. Wo auch immer man sich befindet ist Brahma-loka, denn man kann sich nur selbst auf die höheren Frequenzen dieser Bewusstseinsebene einstellen.

Die Gottheiten kontemplierten auf Atman. Sie hatten Indra als ihren höchsten Führer auserwählt, der wiederum von Prajapati eingeweiht worden war. Darum waren sie in der Lage, all ihre Wünsche allein durch Gedanken zu erfüllen. Sie nahmen dabei unter der Berücksichtigung von allem, was sie derzeit dachten, mit Ihrem inneren Geist Kontakt auf. Sie verstanden alle Welten. Sie konnten das ganze Universum durchdringen. Selbst Objekte, wie die riesigen Berge konnten sie in ihrer Bewegung nicht aufhalten. Physische Körper waren für sie keine Hindernisse. Manchmal liest man in den Schriften von Engeln, die fliegen, und von Gottheiten, die sich einfach von einer Ebene zur nächsten bewegen. Dieses wird dadurch möglich, dass sie sich in ihren subtilen mentalen Körpern befinden. Sie sind nicht körperlich. Darum unterliegen sie nicht den Gravitationskräften der Erde. Sie beherrschen all diese Kräfte. Sie können jede beliebige Ebene betreten. Sie können sich überallhin bewegen. All ihre Wünsche werden auf Grund dieses durchdringenden Bewusstseins erfüllt. Dieses durchdringende Bewusstsein kann durch nichts aufgehalten werden.

Dieses ist die Verehrung des Wissens des Atman in Bezug auf die Gottheiten, die ihr Wissen durch Indra erfahren haben. Dieses ist ein Wissen, das nicht nur den Gottheiten allein, sondern auch allen Menschen zugänglich ist. Es gibt in dieser Hinsicht kein Privileg für irgendjemand in dieser Welt. Jeder hat die Berechtigung, vorausgesetzt er unterzieht sich der notwendigen Disziplin. Man kann sich vielleicht vorstellen, welchen Entbehrungen Indra ausgesetzt war. Möglicherweise muss der Einzelne sich weitaus größeren Entbehrungen unterziehen. Man muss sich darauf vorbereiten, um den Preis für dieses Wissen zu bezahlen. Dann wird es kommen. Jeder kann dieses Wissen empfangen, doch zuerst muss man sich dafür bereit machen. Dieses galt und gilt noch heute für alle, die das Selbst verwirklicht haben bzw. es verwirklichen wollen. Schließlich erreicht man vollkommene Kontrolle über die Dinge und die Erfüllung aller, selbst kleinster Wunsche, die sich im Geist auftun mögen. Dieses sagte Prajapati zum Abschluss.

Mit dieser Geschichte über die Einweihung Indras durch Prajapati erhält man eine Analyse der verschiedenen Zustände des Bewusstseins. Diese Analyse ist die logische Annäherung durch ein schrittweises Eindringen in die Existenz des individuellen Bewusstseins. Was Prajapati damit bewirken wollte, war das Heimwertsgehen des Geistes zu seinem Ursprung, damit er erkennt, das Atman überall, in allen drei Zuständen, allgegenwärtig ist. Darum sagte er, dass ES sich zuerst im Wachzustand im Auge reflektiert, dann im Traumzustand sowie unter der Bedingung des Schlafens gegenwärtig und schließlich auch als etwas Transzendentes vorhanden ist. All diese Definitionen sind korrekt, obwohl man sie nicht wörtlich nehmen darf. Man muss die wirkliche Absicht dahinter erkennen. Nichts, weder Traum- noch Wach- oder Schlafzustand wären ohne dieses Bewusstsein möglich. Die einzelnen Zustände wurden so dargestellt, als gäbe es eine Wand zwischen ihnen, und man wäre nicht imstande, eine Verbindung zwischen diesen verschiedenen Erfahrungen herzustellen. Wenn man sich auf einer Ebene befindet, vergisst man die anderen vollkommen. Wenn man wach ist, kann man nicht im Traumzustand oder im Tiefschlaf sein. Wenn man träumt oder sich im Tiefschlaf befindet, hat man keine Beziehung zu den jeweilig anderen Zuständen. Hierin liegt die Schwierigkeit, obwohl dasselbe Bewusstsein für all die Erfahrungen in allen Zuständen verantwortlich ist. Der Unterschied ergibt sich auf Grund der besonderen Veranlagung des so genannten Geistes. Es ist kein Fehler des Bewusstseins, das in allen Menschen und auch beim Jivanmukta gleich ist. Der so genannte Geist ist nicht unabhängig oder unterscheidet sich vollkommen vom Atman. Er ist wie ein Vermischungsverhältnis, bestehend aus zwei Komponenten, das einerseits geboren wurde und andererseits zu etwas anderem gehört. Jedoch aus praktischen Gründen kann man sagen, dass es eigentlich dasselbe Bewusstsein wie Atman ist, das sich irgendwie verdreht hat, das nur auf eine Seite gerichtet ist, und das davon besessen ist, dass nur eine Seite wirklich und alle anderen Richtungen unwirklich und nicht existent sind. Diese eingeschlagene Richtung des Bewusstseins sind die Sinnesobjekte. Dieses ist seine eigene Schöpfung auf Grund seines Prarabdha, und man weiß nicht, warum und wie es funktioniert. Doch den Hintergrund bildet Atman, das absolute Bewusstsein. Es verändert sich nicht. Bei all diesen Zustände, wie dem Wach-, Traumzustand, dem Tiefschlaf oder dem Geist, der sich selbst transzendiert hat, herrscht dasselbe alldurchdringende Bewusstsein vor. Das Gefühl des „Ich existiere“ ist Atman, der mit seiner eigenen Zunge spricht. Dasselbe Gefühl besteht auch im Traum und man kann nicht sagen, dass es nicht im Tiefschlaf existieren würde. Darum ist es immer und überall gegenwärtig. Es existiert als unabhängiges Bewusstsein. Man ist sich dessen im Wachzustand bewusst und erfährt es in den beiden anderen Zuständen völlig anders. Es gibt einen Unterschied in der Struktur des Bewusstseins, denn es gibt den Unterschied in der Natur der Objekte, mit dem dieses schubladenartige Bewusstsein verbunden ist. Auf diese Weise wird der Geist auf Grund der Angliederung an diese Bereiche, in die er sich hineinbewegt, auf die jeweilige Ebene emporgehoben. Dadurch wird der Geist allerdings unfähig, sich mit der anderen Seite zu verbinden.

Darum sind Prajapatis Instruktionen über Atman, der in allen Zuständen gegenwärtig ist, von universaler Natur. Selbst im unbewussten Zustand ist ER gegenwärtig. Das Unbewusstsein kommt nicht vom Atman, sondern nimmt im individuellen Geist seine Ursache. Es handelt sich dabei um eine Art von Druck, der im endlichen Individuum stattfindet. Unter dem zu Ende kommenden Geist sieht man ein Ersticken desselben. Er verschließt in einem unbewussten Zustand im Schlaf, im Koma und selbst im Tod seine Augen, was nicht dem Atman zugeschrieben werden kann. Darum ist dieser Teil so schwer zu verstehen.

Der transzendentale Zustand, von dem Prajapati spricht, jener körperlose Zustand, ist durch bestimmte Disziplinen zu erreichen, auf die in den Upanishads zwar besonders hingewiesen wird, die jedoch hier nicht näher beschrieben werden. Man schreibt von Brahmacharya, doch man kann dessen genaue Bedeutung nicht verstehen. Dreimal 32 plus fünf Jahre, - das kann auch Eintausend Jahre bedeuten. Doch was hat Indra all diese Jahre gemacht? Hat er sein Frühstück und sein Mittagessen im Hotel Brahma eingenommen usw.? Sicherlich nicht! Es muss etwas sehr Fremdartiges in diesem Leben stattgefunden haben. Eine Ahnung kann man vielleicht von dem Leben der Meister aus früherer Zeit bekommen, wo die Schüler in den Häusern ihrer Meister lebten und sich ihnen vollständig zum Zweck der Selbstverwirklichung unterwarfen.

Es sollte eine völlige Ausrichtung auf das Streben nach Selbstverwirklichung stattfinden. Darum geht man zu einem Meister. Es sollte keine Ablenkung vom Ziel möglich sein. Die Disziplin, von der in der Upanishad die Rede ist, ist nichts weiter als ein Kanalisieren des Bewusstseins. Man kann es als Brahmacharya oder aber auch als Selbstkontrolle bezeichnen. Es ist eine Konzentration des ganzen Seins in eine vorgegebene Richtung, sodass es sich in keine andere Richtung verirren kann. Es ist wie ein Pfeil, der seinem Ziel zustrebt. Der Pfeil ist sich nichts anderem bewusst, weder diesen noch eines anderen Weges. Dieses Pfeilbewusstsein wird von dem Schüler erwartet, und er sollte nicht nachgeben, solange das Ziel nicht erreicht ist. Man hat über ein vergleichbares Verhalten auch von Persönlichkeiten wie Buddha und anderen berichtet, die sich nicht von ihrem geistigen Ziel haben abbringen lassen.

In der heutigen Zeit sind die Menschen vielleicht nicht darauf vorbereitet, sich derartigen Disziplinen zu unterziehen. Die Menschen sehen sich vielerlei Problemen gegenüber. Doch die Wahrheit liegt nicht allein darin, dass man von Problemen spricht. Man sollte vielmehr seinen richtigen Platz in der Welt finden. Man sollte sich nicht in einer falschen Umgebung aufhalten. Man muss sich von der angestammten Ebene wegbewegen, wo auch immer man sich gerade befindet. Es mag sich dabei um die Ebene eines Kindes, Erwachsenen oder der Ebene eines bereiten Geistes handeln. Es mag sich um eine berufliche, studentische oder lehrende Ebene handeln. Jeder sollte selbst herausfinden, wo er sich gerade befindet. Er muss sich in seiner Umgebung verstehen und betrachten, womit sich sein Geist beschäftigt, und diese Situation mit dem Hintergrund seines Bestrebens in Verbindung bringen.

Es heißt in den Überlieferungen, dass der große Ramatirtha eine besondere Technik der Selbstkontrolle hatte. Er fertigte eine Liste all seiner Wünsche an. Das ist kein Spaß. Er durchforschte aufrichtig seinen Geist. Einen Teil der Wünsche sind jedem selbst bekannt. Man möge einen abgeschiedenen Ort aufsuchen, in der Nähe eines Tempels oder einen Platz im Wald und denke über die eigenen Wünsche nach. Man sollte nicht von sich behaupten, man hätte keine oder man wüsste keine. Einige kennt man sicherlich, denn bei den hartnäckigen Gedanken handelt es sich um Wünsche. Wenn man nicht durch das tägliche Einerlei abgelenkt wird, dann werden sich die wirklichen Wünsche auftun. Mit diesen Wünschen muss man sich richtig auseinandersetzen. Das ist die Disziplin, um die es hier geht. Die Disziplin oder Brahmacharya, von der in der Upanishad die Rede ist, ist die Disziplin, die sich mit den Wünschen befasst. Was macht man nun mit den Wünschen? Sollte man sie einfach hinunterschlucken, sich gegen sie auflehnen und sie brechen oder doch besser erfüllen? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Dieses ist der Grund, warum man sich einer ausgewählten Persönlichkeit zur Führung anvertrauen sollte. Die Wünsche sind wie unberechenbare Schlangen. Man kann sie nicht einfach anfassen oder in der Ecke liegen lassen. Man kann nichts mit ihnen machen. Man kann sich aber auch ruhig verhalten. Man weiß um die Natur der Schlangen. Darum muss man sehr geschickt vorgehen. Man darf sie, im wörtlichen Sinne, weder zu unterjochen noch zu zerstören oder zu erfüllen versuchen. Man kann sie jedoch in der Art angehen, wie man sie unter den gegebenen Umständen angreifen muss, wobei man die Kräfte und die Schwächen des eigenen Geistes einbezieht und die Konsequenzen der Handlung abwägt. Das ist die Disziplin. Auf diese Weise müssen viele Faktoren berücksichtig werden. Doch das kann man nicht allein bewerkstelligen. Dazu ist ein Guru erforderlich.

13. Der Aufschrei der befreiten Seele
Jetzt wird das Reich des Brahma betreten. Das Streben kommt zum Zenit. Darum spricht die Seele zu sich selbst: 'Ich werde das Absolute erreichen’. Wörtlich heißt es in dem Mantra für diesen Abschnitt: 'Vom Dunkelblauen gehe ich zur Klarheit, und von der Klarheit gehe ich zum Dunkelblauen.’ Niemand kann das so verstehen. Die Kommentatoren sagen, dass es sich auf den Zustand der Absoluten Erfahrung bezieht. Andere Kommentatoren machen andere Aussagen. „Von der Ursache gehe ich zum Subtilen, und vom Subtilen gehe ich zur Ursache“, – dieses ist eine andere Bedeutung. Eine weitere Auslegung sagt: „Vom Ishvara gehe ich zu Hiranyagarbha und von Hiranyagarbha gehe ich zu Ishvara.“ Bei weiteren Auslegung heißt es u.a.: „Von Brahman gehe ich zu Ishvara, und von Ishvara gehe ich zu Brahman,“ – oder: „Vom Universalen gehe ich zur Ursache, und von der Ursache gehe ich zum Universalen.“ All dieses sind Beschreibungen der Freude der Seele, die dabei ist, den Ozean des Seins zu betreten. Und was geschieht bei dieser außerordentlichen Erfahrung? Die Seele schüttelt ihren Körper und reinigt ihn dabei wie ein Pferd, das sich von Schmutz befreien will und all den Staub aus seinen Haaren schüttelt. Damit ist nicht wörtlich gemeint, dass die Seele sich vom Körperlichen befreit, sondern sich vielmehr ihrer Kleider der Persönlichkeit entledigt. Das Körperliche, die Lebendigkeit, das Gefühl, die Intelligenz und das Ursächliche, - von all diesen Hüllen bzw. Körpern befreit sich die Seele automatisch.

Die Seele schreit auf: „Ich werde mich selbst befreien, wie der Mond sich aus dem Erdschatten bei der Mondfinsternis befreit. Ich befreie mich aus der Umklammerung der Unwissenheit, der Dunkelheit, die mich bis jetzt umfangen hielt. Ich befreie mich von dem Körper, der eigentlich gar nicht existiert. Ich wurde von dem Gefühl umnebelt, dass alles um mich herum wirklich vorhanden sei. Ich werde mich selbst von dieser Besessenheit befreien. Ich werde zum Kritatma, zu jemand, der seinen Zweck erfüllt hat. Das Ziel des Lebens wurde erreicht, und der eigentliche Zweck des Lebens wurde erfüllt. Es gibt nichts mehr zu tun, denn dieses war der wirkliche Sinn all meiner Bemühungen im Leben und er wurde erreicht. Ich werde in Brahma-loka, der absoluten Heimstatt des Schöpfers, eingehen. Ich werde seine Heimstatt erreichen und eins mit ihm werden.“

Die späten Mystiker haben ebenfalls von vergleichbaren Erfahrungen berichtet. Die großen Heiligen Indiens wie Ramdas, Tukaram, Jnanesvar Maharaj, und auch die Mystiker im Westen haben von ähnlichen Erfahrungen gesprochen, ohne dabei das Wort Brahma-loka zu verwenden. Für diese übernatürliche Erfahrung gibt es eine Interpretation des Bewusstseins. Bei Plato spiegelt sich alles in allem. Es scheint so aus, als würde man von allem nur ein Spiegelbild erfahren, als sähe man nur Spiegelbilder, mit denen die Individuen ständig verglichen würden. Dieses sind natürlich keine im Raum befindlichen tatsächlichen Spiegel, sondern es handelt sich vielmehr um nicht-örtliche überphysische Spiegel, wenn man sie als solche überhaupt bezeichnen kann, wo jedes Individuum sich in allen anderen Individuen spiegelt. Alles ist überall. Dieses entspricht der Erfahrung beim Eindringen in Brahma-loka.

14. Das Gebet des Suchers nach ewigem Leben
Der Raum, der wahrgenommen wird, ist die Ursache für das Unterscheiden von Dingen als Namen und Formen. Was man als Sinnesobjekte bezeichnet, sind nichts weiter als Namen und Formen. Sie offenbaren sich auf Grund von Raum und Zeit. Doch was verbirgt sich im Raum und ist noch subtiler als der Raum? Ist das das Absolute? Man kann den Raum sehen, doch man kann nicht sehen, was sich dahinter bzw. innerhalb desselben verbirgt. Das, was sich selbst für das subtilste Objekt, den Raum, als innerhalb befindlich darstellt, ist Atman. Es ist Brahman, das Absolute. Dieses ist das Unsterbliche.

Nun folgt ein Ausruf der befreiten Seele: „Dieses ist Atman, dieses ist Brahman. Für die Befreiung betrete ich die Halle, die Heimstatt Prajapatis, den Schöpfer.“

In einigen Upanishads, wie auch z.B. in Kaushitaki, finden sich wundervolle Beschreibungen mit realistischen Erklärungen, welchen Dingen die Seele auf dem Weg zum Aufstieg zu Brahma-loka begegnet. Die Seele betritt die Halle Brahmas, geht zur Heimstatt Prajapatis, den Schöpfer, wird zur Schönheit jedes Einzelnen. Alle individuell empfundenen Schönheiten sind ein und dasselbe, denn das 'Ich’ tritt in 'Alles’ ein. Was auch immer die Größe von allem ist, wird zu 'Meiner’ Größe. Großartige Menschen, Genies, Meister, Wissenschaftler, Künstler, wer auch immer, welche Größe sie auch immer haben mögen, das ist 'Meine’ Größe, denn 'Ich’ betrete ihr Sein, 'Ich’ werde eins mit ihrem Sein. Was immer sie sind, das bin 'Ich’ selbst. Das ist 'Meine’ Schönheit. Das 'Ich’ betritt alles. 'Ich’ bin die Schönheit aller Schönheiten. Was ist die Schönheit der ehrenwerten Menschen in der Welt? Diese Schönheit kommt nicht von ihnen, sondern von etwas Anderem, und das bin 'Ich’.

„ Möge ich nicht noch einmal in den Bauch einer Schwangeren eintreten“, ist das letzte Gebet einer befreiten Seele. Sie will nicht wieder in den Leib einer Schwangeren eintreten. Dieser besondere Satz bedeutet: 'Möge ich nicht wieder in den Leib von Schwangeren (Müttern) eintreten, die alle Seelen in eine Verkörperung schlucken und in Persönlichkeiten zwingen.’

Dieses ist die große Weisheit der Chhandogya Upanishad in seiner Quintessenz.

15. Das Weitergeben der Weisheit an den Schüler
Dieses sprach der große Schöpfer Brahma zu seinen Schülern, den Prajapatis, Marichi, Asvini, Kasyapa, Angirasa und anderen. Dieses Wissen wurde durch Guru-parampara und nicht durch Bücher weitergegeben. Bücher können dieses Wissen nicht vermitteln. Dieses Wissen wurde wörtlich vermittelt. Brahma sprach zu Prajapati. An dieser Stelle gibt es unterschiedliche Auffassungen bzgl. der Interpretation der Bedeutung der Upanishads. Was ist damit gemeint, wenn es heißt, Brahman sprach zum Schöpfer Hiranyagarbha, der auch als Brahma bekannt ist. Oder es kann sein, dass Narayana zu Brahma sprach, wie es beispielsweise in der Srimad-Bhagavata geschrieben steht. Oder gemäß Sankaracharya, der die Upanishads kommentierte, Brahma, der Schöpfer, sprach zu Kasyapa und anderen Familienvorfahren des Universums, die als Prajapatis bekannt sind. Und diese Prajapatis sprachen zu Manu, dem ersten Menschen, dem Adam dieser Schöpfung. Dann gab Manu sein Wissen weiter. Auf diese Weise kam das Wissen schrittweise vom Guru zum Schüler und schließlich in diese Zeitepoche.

Im abschließenden Abschnitt dieser Upanishad wird der Rat erteilt, dass man für dieses Wissen sein ganzes Leben einer höheren Disziplin opfern muss. Diese Berufung, wenn man sie als solche bezeichnen kann, geht nicht mit den vielen anderen Aktivitäten im Leben einher. Es ist ein ganzheitliches Streben, und darum bedarf es der Einbeziehung der ganzen Persönlichkeit. Was man allgemein als die vier Stufen des Lebens bezeichnet, d.h., die Enthaltsamkeit eines Schülers, den verheirateten Ehemann, das Leben eines Einsiedlers und das Mönchtum, deuten auf einen beispielhaften Prozess hin, den man zur Reifung des Geistes durchlaufen muss. Und zur gleichen Zeit sollte man sich darüber im Klaren sein, dass das ganze Leben so gelebt werden muss, dass es der Vorbereitung des spirituellen Ziels dient. Häufig wird fälschlicherweise angenommen, dass der spirituelle Teil nur auf das Mönchtum allein zutrifft, und die vorhergehenden Stufen nichts mit Spiritualität zu tun hätten. Das wird von allen Upanishads widerlegt. Alle Stufen im Leben, beginnend mit Brahmacharya, sind für ein spirituelles Leben von Bedeutung. All diese Stufen sind für den Aufstieg zum spirituellen Ziel notwendig. Das ganze Leben, von der Geburt bis zum Tod dient der spirituellen Vorbereitung. Es gibt nichts außer Atman, den Spirit im Leben, und darum kann keine Handlung von der Gegenwart Gottes - als Ziel des Lebens - ausgeschlossen werden. Besonders in Indien kennt man so genannte Samskaras, verschiedene symbolische Zeremonien, zur Festlegung jeder Stufe im Leben auf dem Weg zum spirituellen Ziel. Es gibt keinen unspirituellen Aspekt im Leben. Hier wird ein wichtiger Rat erteilt, nämlich, dass das ganze Leben eines Menschen, wen auch immer es betrifft, eine Trainingsphase ist, um das Ziel der Befreiung zu erreichen. Kein Lebensabschnitt kann dabei ausgelassen oder unterdrückt werden bzw. wäre irgendwie für das Lebensideal verloren.

Selbst die Kindheit muss richtig zugeordnet werden. In dem Augenblick, wo Bewusstsein zu Selbstbewusstsein wird, selbst bei einem Kind, muss die traditionelle Methode Anwendung finden. Das Kind geht zur Ausbildung zu einem Lehrer oder Guru. Diese heilige Trainingsgrundlage ist als Gurukula, lernen in der Heimstatt und Atmosphäre eines Gurus, bekannt. Dort werden die Vedas unterrichtet und studiert. Die Vedas werden nicht in der Form studiert, wie man es von den allgemeinen Lehrinstituten her kennt. Es geht nicht um nachplappern von Wörtern ohne Kenntnis des Hintergrundes. Das Studium der Vedas ist wie ein Trinken des Wissens, aber kein Gedächtnistraining. Die Vedas sind nicht nur ein Buch oder irgendeine Schrift. Es heißt in einem Sprichwort, die Vedas seien endlos. Veda ist der Name für die Fundgrube des universalen Wissens, das verschiedene Stufen und Zielaspekte beinhaltet. Nur wenige Menschen haben die Zeit, um alles, was die Vedas beinhalten, zu begreifen oder zu erfassen. Häufig haben sich die Leute nur auf bestimmte Gebiete konzentriert, und selbst diese Abschnitte können nicht vollständig erfasst werden. Selbst wenn all diese Abschnitte gelehrt würden, könnten ihre Inhalte weder vollständig vom menschlichen Geist aufgenommen noch verstanden werden. Das Studium der Vedas ist jedoch eine sehr notwendige Stufe für das Training.

Es gibt einen weiteren Punkt, der von vielen außer Acht gelassen wird. Das Studium der Schriften bei einem Lehrer sollte in der Zeit neben dem Dienen dieses Lehrer bzw. Gurus erfolgen. Man kann nicht von morgens bis abends über den Büchern hocken und dabei seine Pflichten gegenüber dem Guru vergessen. Das Studium kommt erst an zweiter Stelle und ist ein Nischenfüller neben der Tätigkeit des Dienens gegenüber einem Guru.

Nach einem solchen Training bei einem Lehrer oder Guru wird man in der Regel heiraten und seine Pflichten als Ehemann übernehmen. Dieses Eheleben sollte nicht einseitig weltlich ausgerichtet sein und von dem eigentlichen Lebensziel ablenken, denn es ist nicht das genaue Gegenteil von Sannyasa. Es ist wie Brahmacharya, eine Stufe auf dem Weg zu Sannyasa und ein wichtiger Teil im Leben zur individuellen Reifung. Es gibt eine Vielzahl von Aufgaben, verbunden mit allerlei Schwierigkeiten, in diesem Lebensabschnitt zu erfüllen. Darum ist dieses Training so wichtig. Danach sollte man eine Möglichkeit finden, einen Platz in der Nähe eines Tempels aufzusuchen, um die früheren Studien zu vertiefen, damit der Geist auf diese Weise für das Lebensziel bewusst wach gehalten wird. Ansonsten wird alles vergessen, obwohl man sich vielleicht schon früher mit den Schriften auseinandergesetzt hatte. Außerdem ist es ratsam, die Inhalte der Schriften auf das Leben anzuwenden, damit deren Inhalte verinnerlicht werden. Svadhyaya ist ständig erforderlich. Dieses Studium muss also ständig fortgesetzt werden, ansonsten wird man alles wieder vergessen. Als Familienvater hat man vielleicht tugendhafte Kinder oder Schüler, an die man sein Wissen weitergeben kann. Auf diese Weise erfüllt man über einen gewissen Zeitraum seine Pflichten als Vater, Lehrer und Ehemann.

Nach dem Eheleben und das fortgesetzte Studium der Schriften an einem heiligen Ort folgt Vanaprastha, das Zurückziehen der Sinne. Wenn die Sinne zurückgezogen werden, werden alle Aktivitäten in das Selbst zentriert. Anstelle der äußeren Handlungen treten die inneren Aktivitäten. Eine psychische Funktion ersetzt alle physischen Pflichten, wie z.B. die Opfer, die Panchamahayajnas. Die verschiedenen Dienste, die früher in der Welt getätigt wurden, werden jetzt für das innere Leben der Selbstkontrolle und das Zurückziehen der Sinne verantwortlich.

Das große Gelöbnis des Sannyasin ist Ahimsa, das Nichtverletzen. Sannyasa ist die Verkörperung der Furchtlosigkeit, das er auf alles lebendige Sein ausdehnt. Niemand fürchtet sich vor einem Sannyasin, da er niemandem etwas zuleide tun wird, denn sein Herz hat sich über die Grenzen seines eigenen Körpers und seiner Familie ausgedehnt. Es ist sicherlich schwierig in der heutigen Welt, unter den Bedingungen des Ahimsa zu leben. Es ist dabei noch schwieriger, nahezu unmöglich, im wahrsten Sinne des Wortes und strengster Auslegung, keiner Fliege etwas zuleide zu tun, denn das würde bedeuten, dass man sich ständig allem bewusst wäre. Richtig und wichtig ist jedoch die Absicht, niemand etwas zuleide zu tun. Unbewusstes Verletzen geschieht natürlich. Ein Familienvater ist selbstverständlich aus gesundheitlichen Gründen schon dazu verpflichtet, eventuell auftretendes Ungeziefer, wie Insekten, Mäuse etc., zu verjagen. In diesem Zusammenhang lassen sich noch viele andere Beispiele finden. Diese Umstände bzgl. des unbewussten Verletzens sind natürlich ausgeschlossen. Außerdem kann dieses Handeln durch intensives Sadhana in einem reinen, innerlichen, spirituellen und meditativen Leben als Sannysin gesühnt werden.

Auf diese Weise sollte man sein ganzes Leben führen. In dem Augenblick, wo das Lebensziel erkannt wird, ist man in der Lage, alle Aktivitäten irgendwie mit diesem Ziel in Verbindung zu bringen. Man sollte sich nicht gegen dieses Wissen stellen. Damit ist es möglich, das ganze Leben in eine spirituelle Kunst und Hingabe zu transformieren.

Häufig heißt es, dass der letzte Gedanke den bestimmenden Faktor für die Zukunft ausmacht. Der letzte Gedanke, der einem in der Stunde des Todes in den Kopf kommt, ist die Frucht dieses Baumes eines langen Lebens, das man in dieser Welt geführt hat. Es ist sehr wohl bekannt, dass sich die Frucht nicht von der Natur des Baumes unterscheiden kann. Darum kann sich die Frucht nicht von den verschiedenen Eindrücken im Geist durch die fortlaufend unterhaltenen Gedanken im Leben unterscheiden. Und wenn diese spirituellen Ideale zum Zeitpunkt des Ablebens im Bewusstsein vorherrschen, dann muss eine Disziplin während des ganzen Lebens stattgefunden haben.

Auf diese Weise erreicht man die Heimstatt des Schöpfers, Brahma-loka, von dem man nicht mehr zurückkehrt. Wenn man einmal dorthin gegangen ist, kehrt man nicht mehr zurück. Dieses löst bei manchen Menschen Furcht aus. Sie bemerken erstaunt: „Man kommt nicht mehr zurück! Es ist so, als betrete man die Höhle eines Löwen!“ Man muss auf solche Anmerkungen nicht weiter eingehen, denn es wirkt komisch, nachdem man die Upanishad studiert hat. Es scheint eine unheimlich Furcht davor zu geben, dass Gott den Menschen schlucken würde, und es keine Gelegenheit gäbe zurückzukehren. Die Frage einer Rückkehr erhebt sich nicht, denn man wird eins mit der universalen Wirklichkeit. Dieses Kommen und Gehen ist nur ein Sprachgebrauch in dieser phänomenalen Welt. Was wirklich tatsächlich geschieht, ist eine Vereinigung des Bewusstseins mit dem Allsein, dem Absoluten.

Hier endet die Chhandogya Upanishad, doch es folgen noch zwei Anhänge aus den früheren Abschnitten I und II, d.h. Sandilya-Vidya und Samvarga-Vidya.


Anhang I
Sandilya-Vidya
Sandilya, der große Rishi, machte folgende Enthüllung über das absolute Sein. Vidya bedeutet Meditation, eine Kunst des Denkens über das absolute Ziel. Diese Meditation beginnt mit den Worten:
„Alles ist Brahman.“ Diese Vidya ist unter Punkt 14 im 3. Abschnitt der Upanishad enthalten.

Dieses ist ein ganz berühmter Abschnitt der Upanishad. Hier wird beschrieben, wie man auf DAS meditieren sollte, von dem alles kommt, in dem alles bewahrt wird und wohin alles zurückkehrt. DAS, Brahman, ist der Schöpfer, der Erhalter und der Auflöser. Insoweit wie ES die Ursache aller Dinge ist, insoweit ist auch deren Folge in Form der Schöpfung enthalten. Jeder ist eine Folge der Schöpfung. So ist auch jedermann darin enthalten. Es besteht eine Rechtfertigung in der Behauptung, dass alles Absolutes Sein ist. Wenn alle Folgen logisch und natürlich in der Ursache enthalten sind, sollte man in der Lage sein, die Universalität der absoluten Ursache zu schätzen wissen. Diese Ursache besteht nur insoweit wie keine Folge von ihr trennbar ist. Es gibt keine differenzierte Beziehung zwischen der Folge und der Ursache. Es existiert keine Lücke zwischen beiden. Darum ist man auch nicht von der Ursache getrennt. Es gibt weder einen Schnitt noch eine Kluft zwischen dem Universum als Folge und seiner Ursache, d.h. Brahman. Das bedeutet, dass man selbst in diesem Augenblick mit dem Absoluten leibhaftig in einer organischen Beziehung verbunden ist. Die Schwierigkeit bei dieser Meditation liegt darin, dass man als Denker lebendig und organisch mit dem Absoluten Sein verbunden ist, auf das man gleichzeitig meditiert. Man kann es kaum glauben, denn der Verstand weigert sich so zu denken. Man mag an etwas Äußerliches oder an das ganze Universum denken, doch man kann nicht an etwas denken, worin man gleichzeitig involviert ist. Hier streikt das Denkorgan. Es gibt keinen Geist, der sich selbst denken kann.

Aristoteles sagte, dass Gott ein Gedanke sei, der sich selbst denkt. Es ist nur schwer zu verstehen, was das bedeutet. Wie kann ein Gedanke sich selbst denken? Er denkt immer etwas anderes. Darum kann Brahman nicht mit dem eigenen Verstand gedacht werden, und doch wird genau das von der Upanishad so beschrieben. Die höchste Form der Meditation ist sarvam khalvidam brahma. All die Offenbarungen, die man als Individuum sieht, seien sie organisch oder unorganisch, sichtbar oder unsichtbar, wo auch immer sie sich befinden, sind DAS. Nichts außer DAS ist.

Es ist nur schwer hinzunehmen, wenn man sich selbst als Teil des Ganzen, d.h. DAS, mit einbeziehen soll. Der Meditierende ist Teil dessen, worauf man gleichzeitig meditiert. Wie soll man das verstehen? Es bedarf einer genauen psychologischen Vorbereitung und einer enormen Reinheit des Geistes, um diese Anweisung richtig einzuschätzen. Dieses ist keine normale Meditation. Es ist höchst außergewöhnlich, dass man auf sich selbst und nicht auf irgendetwas anderes kontemplieren soll. Dieses ist in der Aussage enthalten, nach der alles in DAS involviert, den Meditierenden eingeschlossen, und nichts auszuschließen ist.

Auf diese Weise sollte man meditieren: sarvam khalvidam brahma, - all dieses ist absolutes Brahman. Wie kann man auf Brahman kontemplieren? Das ganze Universum kam von DAS, wobei man sich sicherlich vorstellen kann, was das ganze Universum ist. Es ist kein anderes DAS aus DAS entstanden. Die Substanz dieser Schöpfung ist die Substanz des Absoluten. Dieses ist ein Aspekt. Der andere Aspekt ist, dass es keinen Unterschied zwischen Ursache und Wirkung gibt. So kann man sich vielleicht vorstellen, wie schwer es ist, diesen Gedanken zu erfassen. Alle Folgen sind auf Grund der Ursache, DAS, wobei sich die Folgen nicht von der Ursache unterscheiden. Die Folge ist mit der Ursache verbunden. Das geschieht selbst jetzt während der Schöpfung, die nur in DAS enthalten ist und irgendwann zu DAS zurückkehrt. Darum gibt es keinen anderen Ort der Existenz, außer DAS. Es gibt nichts anderes als DAS. So sollte man meditieren.

Der Wort kratuh, das in diesem Mantra enthalten ist, hat verschiedene Bedeutungen. Es bedeutet: ein Bemühen des Willens, eine Handlung des Geistes, eine Entschlossenheit im Verstehen und eine Meditation, die man praktiziert. All das kann man unter dem Wort kratuh verstehen. Das ganze Leben ist demnach nichts anderes als ein Wollen. Das ganze Leben lang will man irgendetwas. Das Individuum ist eine Verkörperung der ausgeübten Handlung durch eigenen Willen. Und was auch immer man will, das bekommt oder erreicht man auf Grund der Intensität des Wollens. So wie man sich behauptet, so erfährt man und zu dem wird man. Die eigenen Erfahrungen sind nichts weiter als die eigenen Beteuerungen im Wollen. Man hat vielleicht im vorigen Leben auf etwas sehr eindringlich bestanden, und das führt in diesem Leben zu den Erfahrungen, die man durchlebt. Es sind die Ursachen, die dem einzelnen zugeordnet wurden. Woran man intensiv und fortgesetzt denkt, das bekommt man auch. Und warum sollte man sich sein ganzes Leben lang wünschen Brahman zu werden? Doch wohl, weil man zum Absoluten selbst werden möchte. Welche Art von Gedanken sollte man in seinem Leben pflegen? Welche Beteuerungen sollte man machen? Wie sollte der eigene Wille wirken? Auf diese Fragen muss man nicht näher eingehen, denn das ist offensichtlich. Darum, sollte man seine Zeit damit verbringen, seine Gedanken in Brahman zu absorbieren. Diese Meditation sollte das Leben beherrschen! Die Upanishad macht noch weitere Ausführungen, wie man in seinem Leben meditieren sollte.

Die gesamte mentale Welt ist von diesem Sein durchdrungen. Das Licht des Geistes, das Licht des Verstehens und das Licht der Intelligenz sind das Licht Brahmans. Es scheint durch die Pranas und den Körper verkörpert zu sein. Körper und Pranas als Träger sind die Verkörperung dieses unendlichen Bewusstseins im Kleinen. Und wie bereits zuvor erwähnt, unterscheiden sich selbst diese Folgen nicht von der Ursache, d.h. vom Bewusstsein. Darum unterscheidet sich dieser mentale oder lebendige Körper auch nicht vom Absoluten. Sie bilden lediglich eine Gelegenheit auf Brahman zu meditieren. Vom Einzelnen muss man zum Universalen gehen. Obwohl das einzelne Individuum im Vergleich zum Universalen in seiner Ausdehnung begrenzt ist, so unterscheidet es sich doch nicht vom Universalen. Genauso wie man von einem Wassertropfen auf den Ozean schließen kann, so kann man vom Individuellen das Universale erreichen. Von der Art ist diese Meditation. Der Glanz in seiner Natur und das Licht sind sein Charakter. Die Herrlichkeit des Bewusstseins ist sein Glanz.

Was immer mithilfe dieses Bewusstseins gewollt wird, materialisiert sich sofort. So wurde es im letzten Kapitel der Upanishad bereits beschrieben.

Das Selbst dieses Seins ist so weit ausgedehnt wie der Raum, das Himmelszelt. Es ist kein begrenztes individuales Selbst. Der ganze Raum ist vom Selbst erfüllt. So weit wie sich der Raum ausdehnt, so weit dehnt sich auch dieses Selbst aus, d.h. Brahman. Darum ist ES allumfassend.

Alle Handlungen sind seine Handlungen. ES macht alles. Was auch immer man tut, was auch immer irgendwo geschieht auf irgendeiner Ebene der Schöpfung sind Aktivitäten des Seins. Der Finger Gottes wirkt in all den Phänomenen der Natur. Alle Gedankengänge sind Seine Wege des Denkens.

Alle Wünsche sind letztendlich irgendwie nur Seine Wünsche. Jede Art von Wunsch, von welcher Natur dieser Wunsch auch immer sein mag, ist irgendwie nichts weiter als eine Bewegung des Bewusstseins hin zur Universalität. Dieses Thema wird ausführlich in der Brihadaranyaka Upanishad beschrieben, d.h. wie jeder Wunsch letztendlich ein universaler Wunsch ist. Alles, was man riecht, ist nur eine Aktivität dieses Seins. Auch dieser Punkt wurde schon zuvor erwähnt. Die Objekte sowie die Bedeutung des Erkennens sind beide das Selbst, die einerseits scheinbar als Objekte dastehen und andererseits von subjektiver Natur sind. Alle Geschmäcker, alles, was man mit dem Geschmackssinn berührt, sind ausschließlich Seine Aktivitäten.

Alles ist von DAS durchdrungen und eingeschlossen. Was gibt es darüber hinaus noch? ES schließt alles ein, wie es in der Isavasya Upanishad heißt. Innerlich und äußerlich existiert ES dort als Antaryamin. ES spricht nicht, doch kann ES seine Botschaften überbringen und ist frei von Angriffen und frei von Begierden. ES kennt im eigentlichen Sinne keine Wünsche. ES will nichts ergreifen oder etwas haben, denn ES hat alles. Dieses ist keine Lehre, um irgendwelche Informationen zu geben, sondern eine Meditationsanleitung, ein Weg, wie der Geist bei der täglichen Meditation organisiert werden muss, sodass er nicht von Pontius nach Pilatus läuft oder versucht an viele Dinge zu denken. Die vielen Dinge existieren nicht. Was will der Geist unternehmen, wenn er diese Wahrheit kennt.

Dieses große Sein, das absolute Brahman wohnt im eigenen Herzen so klein und subtil, wie man es sich nicht vorstellen kann. ES ist das Subtilste. ES ist höchst subtil selbst unter jenen, die man sich als äußerst subtil in dieser Welt vorstellen kann. Subtiler als ein Reiskorn oder Hirsekorn bzw. noch subtiler als der Kern dieses Reiskorns, subtiler als ein Senfkorn. Es heißt, dass das Sein im eigenen Herzen wohnt. Bedeutet dieses, dass ES kleiner als ein Senfkorn ist? Nein, denn ES ist gleichzeitig umfassender als die gesamte Schöpfung. Darum muss auf ES in der gleichen Weise als Objekt in seiner Weite wie auch als Subjekt im tiefsten Selbst, das untrennbar mit dem Kosmos verbunden ist, kontempliert werden. Das kleine Ding, um das es hier im eigenen Selbst geht, ist größer als die riesige Erde. ES ist nicht nur so fein wie ein Hirsekorn, sondern auch so groß und weit wie alle Welten, nicht bloß wie diese eine Atmosphäre. ES ist größer als der Himmel. ES ist weit größer als die vierzehn Welten der Schöpfung, die in ihrem Ausmaß nicht fassbar sind. So weit reicht sein objektives Ausmaß, das in seinem Sein unendlich ist, und doch ist ES gleichzeitig in jedem Individuum, wie eine kleine Flamme des Lichts enthalten.

Diese Symbolik dient nur dem Zweck der Kontemplation, denn man muss eine vage Vorstellung davon bekommen, dass ES nicht nur eine unendliche äußere Ausdehnung ist, die als transzendentes Etwas keine Verbindung zum Individuum hat, sondern auch mit dem eigenen Sein identisch ist. Die Upanishads werden nimmer müde, diesen Gedanken in jeden Schüler einzuhämmern, nämlich, dass das absolute Sein beides ist, objektiv unendlich und subjektiv im Selbst jedes Einzelnen existiert. Dieses ist die bedeutendste Meditation beinahe aller Abschnitte in jeder Upanishad. ES ist das weite Unendliche, unvorstellbar für den Geist, und doch steht dem Einzelnen nichts näher als DAS. ES ist auf Grund seiner Unendlichkeit und Weite so weit entfernt wie selbst die entferntesten Horizonte, und doch ist ES so nah, sodass ES nicht vom Einzelnen trennbar ist, denn ES ist Atman selbst.

Der heilige Sandilya verkündete sein großes Wissen: „Dieses große Sein, dessen Handlungen die Handlungen aller sind, dessen Wünsche die Wünsche aller sind, dessen Funktionen durch die Sinne aller wirken, ist in mir und in allen.“

Der Grund, warum Atman als Brahman bezeichnet wird, liegt darin, dass ES das Selbst aller ist. Als das Selbst von jedem wird ES als Atman bezeichnet. Als allumfassendes Selbst wird ES als Brahman bezeichnet. Es ergeben sich Zweifel auf Grund einer örtlichen Zuordnung von Atman, doch sie werden dadurch ausgeräumt, da es das Selbst aller ist. Es ist eine Kontemplation auf das alldurchdringende, universale Selbst. Darum ist Atman im Individuum das überall existierende Brahman, das in allem vorhanden ist.

„ Ich bin Brahman!“ – auf diese Weise sollte meditiert werden. Wenn man morgens aufwacht, sollte dieser Gedanke in den Geist kommen. Der Fortschritt im spirituellen Leben kann durch diesen ersten Gedanken am Morgen eingeschätzt werden. Was kommt als Erstes in den Kopf, wenn man erwacht. Das ist die Idee, die den Menschen über den Tag beherrschen und lenken kann. Der bewusste Geist bleibt still und nur die Impulse allein wirken im Tiefschlaf. Diese Impulse bringen bestimmte Ideen hervor, die beim Erwachen in den Kopf kommen. Dabei kann es sich um etwas Weltliches oder um etwas handeln, das mit den täglichen spirituellen Übungen zu tun hat. Es kann sich um etwas Angstvolles oder um freiheitliche Gedanken drehen. Es kann sich auch um Gedanken handeln, die mit dem täglichen Einerlei zu tun haben. Hieraus können sich wiederum Gedanken entwickeln, die sich damit befassen, wie man sein Gedankenspektrum vernünftigerweise richtig ordnet.

In den Upanishads wird beschrieben, wie man den ganzen Tag über in dieser Weise meditieren sollte. So viel Zeit wie möglich sollte dafür aufgewendet werden. Man muss schrittweise zum Zustand des Seins heranwachsen, wenn man alle Zeit in Meditation verbringen will. Häufig haben die Menschen Schwierigkeiten, Zeit zum Meditieren zu finden, weil ihn das tägliche Einerlei ständig beschäftigt. Darum sollte in den frühen Stufen, so heißt es, viel Zeit zur Meditation abgezweigt werden, selbst wenn es nur eine halbe oder dreiviertel Stunde am Tag ist, da es nicht einfach ist, den Geist zu dieser neuen Denkweise zu bringen, und dass alles, was er denkt, mehr oder weniger mit Spiritualität in Verbindung zu bringen ist. Normalerweise bezieht er alles auf das allgemeine Leben im Körper, auf die Sinne und die soziale Existenz, die sich von der Spiritualität unterscheidet. Das ist die Gewohnheit des Denkens, auch wenn diese Art des Denkens nicht richtig ist. Doch darin lebt er und das glaubt er. Darum ist es besonders am Anfang so wichtig, einige Zeit für das Meditieren aufzuwenden, allerdings ohne dabei zu übertreiben. Das Leben eines Spirituellen bedeutet nicht, die Gefühle zu ersticken oder gar den Geist völlig zu unterdrücken. Es geht vielmehr um ein schrittweises Wachsen, wie das Heranwachsen eines Kindes bis hin zum Erwachsenenalter, ohne jegliche Unterdrückung natürlicher Eigenschaften. Man sollte sich mit einem zufriedenen Geist Zeit für die Entwicklung des Geistes nehmen. Späterhin kann man die äußeren Aktivitäten, wie Schlaf oder andere nutzlose Dinge, vorsichtig einschränken. Nutzlos kann sein, ständig ins Kino zu gehen, Discos zu besuchen, andauernd mit Freunden zum Smalltalk zu treffen usw. Diese Dinge sind nicht wesentlich und fallen häufig von selbst ab, sodass nur Wesentliches übrig bleibt. Im fortgeschrittenen Stadium lernt man allmählich, keinen Unterschied mehr zwischen dem allgemeinen und dem spirituellen Leben zu sehen. Das wird wirklich von einem spirituellen Sucher erwartet.

Letztendlich gibt es kein unspirituelles Leben. Dieses wird immer und immer wieder in der Upanishad betont. Auf Grund einer individuellen Einschätzung sieht so aus, dass viele im Leben Dinge unspirituell wären. Die Idee von 'Ich’ und 'Mein’ sind die Ursache dieser besonderen Vorstellung, als gäbe es einen Unterschied zwischen einem normalen und einem spirituellen Leben. Mann sollte es allerdings unterlassen Dinge zu tun, die man als völlig unspirituell oder, mit dem letztendlichen Ziel, als nicht vereinbar ansieht. Man sollte auch nichts tun, was für das eigene Leben als vollkommen irrelevant angesehen wird. Man sollte auch jede Form von Niedergeschlagenheit oder Zaghaftigkeit, die man häufig gegenüber unnützer Arbeit empfindet, vermeiden, denn es gibt immer eine Verbindung zwischen der Arbeit und dessen spiritueller Sinnhaftigkeit. Doch die Weisheit liegt im Verstehen, worin diese Verbindung oder der tiefere Sinn liegt. Obwohl es diese Verbindung gibt, ist man nicht in der Lage, das Bewusstsein dafür aufrecht zu erhalten. Wenn dieses Bewusstsein dafür erwacht, betritt man eine Flut einer allumfassenden Annäherung in allen Aspekten des Lebens.

Darum sollte Meditation kontinuierlich praktiziert werden. Wie lange sollte man diese Kontinuität aufrechterhalten? Man muss solange immer wieder meditieren, bis man Selbstverwirklichung erreicht hat oder stirbt, was auch immer früher eintritt. Wer auch immer dieses Vertrauen aufbringt, von dem hier die Rede ist, wird ES ganz sicher erreichen. Man sollte darin nicht wankelmütig werden. Es sollten keine Zweifel gehegt werden. 'Bin ich reif dafür?’ 'Werde ich ES erreichen?’ 'Was ist gut daran?’ Diese Art der Selbstzweifel sollten nicht zugelassen werden. 'Ich muss ES erreichen.’ 'Ich mache mein Bestmögliches.’ 'Ich verwende alle Kraft darauf, um meine Möglichkeiten auszudehnen.’ 'Ich tue meine Pflicht.’ Solch ein zweifelfreies Verhalten sollte man ständig an den Tag legen, ein Leben lang. Wer dieses unerschütterliche Vertrauen hat, wird ES sicherlich erreichen. Darüber gibt es keinen Zweifel. Das lehrt die ganze Upanishad und wird in diesem Abschnitt von Sandilya Vidya geballt ausgedrückt. Obwohl dieser Abschnitt nur kurz ist, so enthält er doch alles Wesentliche.

Die Bedeutung dieser Vidya, Meditation, ist sehr tief greifend. Je mehr man darüber nachdenkt, desto umfassender und tiefer ist deren Bedeutung, die man in ihr entdecken kann. Je tiefer man in diese Meditation eintaucht, desto besser kann man diese Bedeutung herausfinden. In der Sandilya-Vidya findet man das ganze Thema der Upanishad für das tagtägliche Verhalten des Geistes hinsichtlich Spiritualität und Gottes-Bewusstsein eingebunden.

Diese Vidya beinhaltet durch verschiedene Prozesse am Anfang die Ausrichtung des Geistes innerlich wie äußerlich und erfasst schließlich das allumfassende Brahman, d.h. die Wirklichkeit in seinen simultanen dualen Aspekten der Universalität und Individualität.

In einer Passage der Satasloki wird von Acharya Sankara auf diese Vidya hingewiesen. Er erwähnt, wie sich das Bewusstsein schrittweise von der Ebene der individualen hin zur universalen Perspektive verändert. Es ist nicht einfach, die Bedeutung der Aussage von Acharya Sankara zu verstehen, da man den Unterschied zwischen der Individualität und Atman nicht verstehen kann, auf den man sich hier bezieht. Beide werden immer wieder vermischt. 'Atman bin ich selbst’, und man weiß sehr wohl genau, was man mit dem Wort 'bin ich selbst’ bzw. 'mein’ sagt, ausdrückt oder meint. Es ist eine eingefleischte Gewohnheit im Sinne des Körpers zu denken. Was auch immer es ist, was mit Individualität assoziiert wird, wird sofort in der Meditation identifiziert. Der Kern im Menschen, das Wesenhafte des Menschen, muss bei dieser Meditationstechnik vom Körper, der man ist, getrennt werden. Am Anfang steht das Bewusstsein, dass man selbst alles ist. Dieses ist nicht nur eine Aussage, die sprachlich bzw. grammatikalisch begründet ist, sondern eine Sache der Erfahrung. Die eigene lokale Position in all den Dingen neben dem eigenen Körper wird im fortgeschrittenen Stadium dieser Meditation zur Offenbarung. Hier einige Beispiele, wie es geschieht:

Es ist so etwas wie der Raum in einem Topf, der realisiert, dass er überall ist. Man vergleiche sich selbst mit einem kleinen Raum im Wasserglas, der plötzlich feststellt, dass er sich nur innerhalb und nicht außerhalb des Wasserglases befindet, doch außerhalb befindet sich für ihn ein Objekt. Er muss sich selbst zur Nicht-Dualität erheben, um die Gemeinsamkeit zwischen seinem und dem Raum außerhalb zu erreichen. Das ist, vage ausgedrückt, die Bedeutung, die Acharya Sankara dabei vielleicht durch den Kopf ging. 'Ich bin alles’, der Raum im Wasserglas erkennt, dass er der Raum überall ist. Das heißt nicht, dass man durch die eigene Vorstellungskraft zum Überall-Raum wird. Es ist ein Heben des Bewusstseins, dass die Wand rings herum, d.h. das Wasserglas, nicht die alldurchdringende Natur begrenzen kann.

Dann kommt die Verwirklichung. Es ist nicht nur das 'Ich’, das zu allem wird, sondern jeder und jedes, alles ist ein und dasselbe. Das Selbst in mir ist nicht nur in mir allein. Jeder kann gleichermaßen von sich behaupten: 'Ich bin Brahman’. Dieses ist eine größere Verwirklichung, sagt Sankara. Es ist ein Erheben von der individuellen Beschränkung hin zur kosmischen Wirklichkeit des eigenen Wesens, mit einem simultanen Bewusstsein der Identität eines jeden Selbst, die so genannte Vielfalt des Selbst aus dem einzigen Selbst. Die Gesamtheit allen Selbst’ in verschiedenster Vielfalt erhebt sich zu dem einzigen allumfassenden Brahman. Dieses ist der tatsächliche Sinn der Meditation, die Sandilya-Vidya genannt wird.

Anhang II
Samvarga-Vidya
1. Abschnitt
Die Samvarga-Vidya ist jene Vidya, die von dem Heiligen Raikva gelehrt wurde. Sie ist im Kapitel 4, Abschnitt 1 bis 3 der Chhandogya-Upanishad enthalten. Samvarga bedeutet in Wahrheit Auflösungsprozess. Samvarga-Vidya ist das Wissen über das Auflösen bzw. das Absorbieren in das Eine. Es wird in den folgenden Abschnitten dieses Absorbieren in das Eine erklärt:
König Janasruti war möglicherweise ein Enkel des großen Eroberers Janasruta. Janasruti war außerordentlich berühmt für seine Wohltätigkeit. Er war ein großer Geber und hatte großes Vertrauen in diese Handlungsweise des Gebens. Er verhielt sich dabei sehr großzügig. Er war glücklich, dass er in der Lage war geben zu können. Er gab alles weg, was ihm möglich erschien. Seine Küche war immer aktiv. Er ließ viele Essensportionen zubereiten, die er kostenlos als Armenspeisung gab. Er ließ überall freie Unterkünfte bauen. Er muss sehr großzügig gewesen sein. Er unterhielt nicht nur freie Unterkünfte, sondern auch Einkehrmöglichkeiten, Herbergen, kleine Restaurants usw., sodass überall für die Menschen die Möglichkeit bestand, in seinem Namen freie Unterkunft und Verpflegung zu erhalten. 'Sie essen alle mein Essen’, sagte er voller Begeisterung. Solch ein König war nicht nur gemäß dieser Upanishad berühmt für sein gesellschaftliches oder politisches Engagement, sondern er war auch eine fortgeschrittene Seele. Er war religiös, und auf Grund seiner Wohltätigkeit, spirituell gut ausgebildet und von reinem Geist. Auf diese Weise war er innerlich und äußerlich eine außergewöhnliche Persönlichkeit.

In der Geschichte heißt es, dass der König in einer heißen Sommernacht auf seiner Terrasse schlief. Er lag auf einer Couch als zwei Schwäne über ihn hinwegflogen. Der Hintere sprach zu dem Vorderen: „Sei nicht so dumm! Sei nicht so sorglos! Du kannst doch sehen oder siehst du nicht die Gefahr vor dir. Eile nicht so, denn wir passieren gerade den unter uns liegenden großen König Janasruti. Sein Ruhm und seine Ehre reichen bis zum Himmel. Wenn du nicht durch den Schein seiner Ehre verbrannt werden möchtest, fliege um diesen Ort herum. Er ist eine so große Persönlichkeit, und du fliegst einfach über ihn hinweg. Sei nicht so sorglos und fliege mit geschlossenen Augen.“

Doch der andere Schwan entgegnete: „Du sprichst von Janasruti, dessen Ruhm bis zum Himmel reicht, und über den wir nicht so einfach hinwegfliegen sollten. Wer ist dieser Janasruti? Was für ein Mensch ist Janasruti. Ist er so berühmt wie der Raikva mit seiner Karre? Was ist er schon im Vergleich zu Raikva mit seiner Karre?“

Dieses war die Unterhaltung, die die beiden Schwäne miteinander führten. Der König lauschte diesem Gespräch. Der eine der beiden Vögel pries ihn, und der andere sagte, dass er nicht diese Ehre verdiente, denn jemand anderes wäre größer als er.

Bei einem Würfelspiel in Indien gibt es Würfel, die nur über insgesamt vier Ziffern verfügen, d.h. die 1 auf der einen, die 2 auf einer anderen Seite, die 3 auf einer dritten und die 4 auf einer vierten Seite usw., doch insgesamt nur diese 4 Ziffern. Wer bei dem Würfelspiel die höchste Zahl wirft, wird als Krita (Vollkommener) bezeichnet. Er siegt über alle anderen Mitspieler. Die 4 beinhaltet die anderen Zahlen/ Mitspieler mit der geworfenen 3, der 2 oder der 1. Derjenige, der eine 4 würfelt, hat also automatisch auch die drei anderen Mitspieler besiegt.

In ähnlicher Weise sind all die guten Taten, die irgendein Mensch irgendwo vollbringt, in den guten Taten bzw. den Tugenden dieses großen Raikva enthalten. Seine Tugenden sind wie ein Ozean, der all die Tropfen, Bäche und Flüsse kleinerer Tugenden, die von anderen Menschen irgendwo vollbracht werden, enthalten. So kann man sich vielleicht vorstellen, was für ein Mensch das sein muss. Seine Güte, Größe, Tugendhaftigkeit, Rechtschaffenheit ist wie ein Ozean, der die Tugenden aller von überall auf der Welt schluckt.

Man spricht von vier Zeitaltern: Krita, Treta, Dvapara und Kali. Nach alter indischer Zeitrechnung wird die gegenwärtige Zeit als Kali-yuga bezeichnet, was der eigentlichen Eisenzeit entspricht. Die doppelte Zeitdauer von Kali-yuga entspricht der Zeitspanne von Dvapara-yuga, die Dauer der dreifachen Zeit von Kali-yuga ist Treta-yuga und die vierfache Zeit von Kali-yuga ist Krita-yuga, was der längsten Zeitdauer entspricht. Krita-yuga beinhaltet alle anderen Yugas. Verglichen mit diesen vier Zeitrechnungen und dem Würfelspiel, beinhaltet auch die Zahl 4 (Krita) alle anderen drei, d.h. Krita, Treta, Dvapara und Kali.

Was hiermit angedeutet werden soll ist, dass Raikva eine große Persönlichkeit war, und Janasruti, der König, war ein Nichts für ihn. Das war eine Beleidigung für den König. Bis dahin war er glücklich und berechtigt stolz auf seine Wohltaten und sein bisheriges Leben. Doch fühlte er sich auf Grund dieser für ihn wenig schönen Unterhaltung unter den Schwänen am Himmel wie vor den Kopf geschlagen. Darum war er für den Rest der Nacht ruhelos, und dachte darüber nach, was für eine Persönlichkeit dieser Raikva wohl wäre, und ob er ihm wohl einmal begegnen könnte: 'Wo liegt der Sinn meiner Wohltaten, wo liegt der Sinn meiner Tugenden, wenn alles, was ich tue, im Vergleich zu anderen, die größer als ich sind, nicht von Bedeutung ist?’ Dieses ging Janasruti durch den Kopf.

Wenn Könige am Morgen aufwachen, vernehmen sie Klänge schöner Musik oder Gesänge zu ihren Ehren. Auch Janasruti vernahm bei seinem Erwachen am Morgen derartige Klänge zu seinen Ehren. An diesem besondern Morgen war er jedoch nicht sonderlich davon angetan. Er spürte Kummer, war unglücklich. „Worin liegt der Sinn dieser Verehrung?“ dachte er. Er rief nach seinem Diener Kshatta und fragte ihn: „Verehrst du mich genauso wie jemand, der Raikva mit dem Karren verehrt?“ Der König hatte die Idee, nach diesem Raikva suchen zu lassen und ihm zu sagen, dass er ihn zu sprechen wünschte. Der Diener fragte: „Meister, wer ist Raikva? Du bittest mich nach ihm zu suchen?“ Irgendwie irritiert wiederholte der König mit einfachen Worten die Unterhaltung, die er die Nacht zuvor von den Schwänen gehört hatte. „So wie die gewürfelte 4 jede andere gewürfelte Zahl beinhaltet, sind alle Tugenden der Menschen insgesamt in den Tugenden dieser einen Persönlichkeit enthalten. Alles Wissen der Menschen zusammengenommen kennt auch er, und nur was er weiß, kann auch jemand anders wissen. Darin liegt die Größe von Raikva. Es gibt nichts, was er nicht weiß, und niemand kann wissen, was er nicht weiß. So eine Persönlichkeit muss gefunden werden.“ Nun, das klingt sehr verwunderlich! Kshatta, der Diener, brach auf, um nach Raikva in allen Städten und an bedeutenden Plätzen zu suchen.

Er konnte nirgendwo solch einen Menschen finden. Raikva wurde nirgendwo gefunden. Darum kehrte er zum König zurück und sagte: 'Ich kann ihn nirgendwo finden.’ Der König antwortete: 'Suche nicht in den Städten und auf den Marktplätzen, denn dort findet man solche Menschen nicht. Du musst dort suchen, wo solche Persönlichkeiten normalerweise leben. Geh’ zu den einsamen Plätzen, Tempeln, Flussufern und den heiligen Höhlen, zu den ausgewählten Regionen. Nur dort sind solche Menschen zu finden. Wo die Kenner Brahmans leben, weißt du sehr wohl genau. Geh’ und forsche dort noch einmal nach ihm.“

Der Diener zog erneut los, und nach langer Reise fand er in einem einsamen Dorf in einer Ecke einen armen Menschen, der unter einer Karre saß und sich kratzte, als hätte er nichts anderes zu tun. Er war allein, niemand war bei ihm. Er sah sehr fremdartig und grotesk aus. Er nahm an, dass dieses Raikva sein müsste, denn er saß da mit einer Karre. Es war nur schwer, ihn und die Karre direkt miteinander in Verbindung zu bringen. Ob sie sein einziger Besitz war? Es gibt viele, die mit Karren umherziehen. Sie haben keine anderen Besitztümer. Oder, war es nur Zufall, dass er unter einer Karre saß? Es musste doch eine Verbindung zwischen ihm und der Karre geben, denn sonst gäbe es keinen Bezug zu Raikva mit der Karre. Darum nahm der Diener an, dass sie beide zusammengehörten, und er der Gesuchte sei. Demütig näherte er sich dem Mann mit der Karre. 'Bist du Raikva mit der Karre?’ 'Ja, mein Freund, ich bin es’, sagte er mit einer beinahe herz- und sorglosen Stimme.

Daraufhin kehrte der Diener zurück zum König: 'Ich habe ihn gefunden’, berichtete er, 'er sitzt in der hintersten Ecke eines Dorfes.’ Sicherlich beschrieb der Diener den genaueren Standort.

2. Abschnitt
Der König war hoch erfreut. Er raffte einige Geschenke für den großen Meister mit dem Karren zusammen. Als 'Mitbringsel’ wählte er sechshundert Kühe, ein goldenes Halsband und eine Kutsche. Er erreichte Raikva und sprach ihn mit folgenden Worten an: „Oh großer Meister, hier habe ich einige Geschenke für dich. Bitte akzeptiere diese Dinge und weihe mich in die Meditation auf die Gottheit ein, auf die du meditierst. Ich möchte in die große Vidya eingeweiht werden, in das Wissen jener Gottheit, das dir bekannt ist.“ Der große Meister war nicht erbaut von dem Anliegen. Er akzeptierte weder die Geschenke noch war er auf irgendeine Einweihung vorbereitet.

„ Oh Sudra, du Nichtsnutz, nimm all diese Geschenke zurück“, sagte er, als wäre er an nichts interessiert. „Verlass diesen Ort, nimm deine Kühe, deine Kutsche und das goldene Halsband. Sprich nicht mit mir.“

Der Begriff Sudra ist auch ein Thema der Brahma-Sutras hinsichtlich der Einweihung in Brahma-Vidya. Es ist auch ein Thema der Badrayana-Sutras. Sudra bedeutet eigentlich 'niedere Kaste’, die zur vierten Kategorie des Gesellschaftssystems gehört. Kann ein Mensch von derartiger Abstammung in Brahma-Vidya eingeweiht werden? Nachstehend die Verbindung des Wortes Sudra, und ob jemand dieses Standes ebenfalls eingeweiht werden darf: Nicht alle Details können an dieser Stellen offen dargelegt werden. In diesem Zusammenhang heißt es in den Interpretationen, dass Sudra hier nicht mit 'niederer Kaste’ bezeichnet werden darf. Jemand, der tiefen Kummer erleidet, ist ein Sudra. Das ist hier die sprachliche Bedeutung. Er erlitt großen Kummer, da er jemand gefunden hatte, der in seinem Wissen weit über ihm stand. Aus diesem Grund eilte er sofort zu Raikva, wo er dieses Wissen zu bekommen hoffte. Er war ein König und Kshatriya. Wie kann man ihn als Sudra bezeichnen? Sudra bedeutet also nicht 'niedere Kaste’ der vierten Stufe, sondern ist nur symbolisch, metaphorisch bezogen auf einen Menschen zu verstehen, wobei angenommen wird, dass dieser König voller Kummer und Sorge war, weil er dieses Wissen unbedingt erlangen musste. Dieses Punkt ist nicht wichtig für das eigentliche Thema, um das es hier geht, doch sollte man ihn nicht unberücksichtig lassen, denn er wird eingehend in den Brahma-Sutras behandelt.

Der König war voller Kummer. Er reiste mit noch mehr Geschenken zu dem Mann mit der Karre. Jetzt kam der König mit eintausend Kühen anstelle der sechshundert zuvor, dem goldenen Halsband, der Kutsche, die von Mulis gezogen wurde, und seiner Tochter, die er Raikva anbot.

Es gibt einige Dinge, die die Upanishad zwar verschweigt, die aber zwischen den Zeilen stehen. Es werden die vermehrten Geschenkangebote herausgehoben und zur Hauptfrage gemacht. Raikva fühlte, dass der König in seiner Art aufrichtig war, und dass er etwas an sich hatte, was bei den normalen Menschen nicht zu finden ist, denn er versuchte ihm seine Tochter anzubieten. Darum musste in diesem König eine außerordentliche Aufrichtigkeit sein. Er kam nun schon zum zweiten Mal. Wenn er nicht aufrichtig wäre, hätte er bestimmt aufgegeben und wäre zurückgegangen. Er war nicht wie die Reichen, die zu Jesus Christus gingen, und denen Jesus sagte, sie mögen alles weggeben und dann wiederkommen, aber doch nicht kamen, denn sie wollten sich nicht von ihrem Besitz trennen. Janasruti war bezüglich des Wissens, nach dem er strebte, eine andere Persönlichkeit. Darum bot er seine Tochter an. Dieses war für Raikva die Möglichkeit zu erkennen, dass der König aufrichtig war.

„ Ich habe dir all diese Dinge gebracht. Bitte weihe mich in die Gottheit ein, auf die du meditierst, auf Grund dessen du so groß bist, sodass dein Ruhm in alle Ecken der Welt ausstrahlt. Bitte weihe mich ein.“ Das war das Gebet des Königs.

Es gab noch eine andere über König Janasruti stehende Persönlichkeit, Janaka, der sich dem Heiligen Yajnavalkya selbst als Diener anbot und der von Yajnavalkya in Brahma-Vidya eingeweiht wurde. Er bot dem Heiligen sein ganzes Königreich an und sagte: 'Hier bin ich als dein Sklave.’ Von solcher Art waren die Könige seinerzeit in diesem Land, die die Weisheit der Wirklichkeit höher bewerteten als alle vergänglichen Schätze der Welt. Zu dieser Kategorie von Mensch gehörte auch Janasruti.

„ Mit all dem, was du mitgebracht und hier vor mir ausgebreitet hast, möchtest du mich sprechen. Nun, ich sehe deine Ehrlichkeit und deine aufrichtigen Abschichten,“ Sagte Raikva. Der König war hoch erfreut über dieses wohlwollende Verhalten des großen Meisters und überließ ihm in seiner Großzügigkeit dafür einige Dörfer. Der König sagte: „Oh großer Heiliger, dieses Dorf, in dem du hier weilst, ist dein. Ich schenke es dir.“

Er überließ ihm einige Dörfer. Diese Dörfer im Lande Mahavrisha werden Raikva-Parna genannt. Auf diese Weise wurde Raikva reich. Er war fortan mit Land, Dienern, Gold und vieles mehr gesegnet. Aber auch der König wurde reicher, denn er wurde Schüler von Raikva. Nun erhielt der König seine Einweihung in das Mysterium der Meditation über das alles absorbierende Sein. Aufgrund dieses Charakters des Alles-Absorbierens in das große Sein, auf das Raikva meditierte, wurde es als Samvarga bezeichnet. Es ist ein besonderer Begriff der Upanishad, der auf das Absorbieren hinweist, in das alles eintritt, und das alles in sich aufnimmt. Das ist Samvarga. Es gibt eine großen kosmischen 'Wind’, der alles in sich selbst 'hineinbläst’. Darin weihte Raikva den König ein. Hier geht es nicht um eine allgemeine Windbewegung. Es ist auch kein krankmachender Wind, sondern es ist ein besonderer 'Wind’, ein symbolischer Begriff, der in Bezug auf die große Wirklichkeit angewendet wird, auf die Raikva meditierte. Er meditierte auf etwas, was alles in sich selbst zurückzieht, dessen Wind alles erfasst und in sich selbst absorbiert. Raikva sprach zu Janasruti über dieses große Wissen.

3. Abschnitt
Raikva sagte: „Es gibt einen großen kosmischen Strom oder 'Wind’, der alles absorbiert. Alles wird aufgesogen, alles erhebt sich daraus, alles wird darin verwahrt und alles fällt in ihn wieder zurück. Wenn Feuer einschläft, geht es wieder zurück. Es wird von diesem großen alles verschlingenden 'Wind’, der alles in sich selbst absorbiert, aufgesogen. Auf diese Vayu, diese große Gottheit, meditiere ich.“

Wohin geht die Flamme, wenn eine Kerze auspustet wird? Niemand weiß es. Es ist kein normaler Wind, von dem hier die Rede ist, sondern hier geht es darum, dass selbst die Sonne darin absorbiert wird. Die Sonne kann durch keinen normalen Wind aufgelöst oder einfach verschluckt werden. Was ist es also, dass das Universum auf diese Weise rotieren bzw. drehen lässt. Das wird hier als kosmischer Wind bezeichnet, der in bestimmte Richtungen weht, die Planeten, Sterne und andere Himmelskörper in ihre Bahnen lenkt. Auf Grund der Furcht vor diesem Sein, bewegen sich alle nach einem symmetrischen Muster. Die Planeten bewegen sich um die Sonne, die Sonne bewegt sich am Rande der Milchstraße usw. und so fort. Dieses ist auch aus der modernen Physik bekannt. Das Feuer brennt, weil es sich vor ES fürchtet. Der Regen fällt aus dem gleichen Grund. Die Sonne scheint, weil sie sich vor dem alles absorbierenden Wind fürchtet. Der Tod verrichtet sein Werk, weil er ES fürchtet. Dieses ist die alles kontrollierende Regierung, die das Objekt der Meditation ist. Die Sonne versinkt darin. Wenn Sonne und Mond aufgehen, untergehen, am Himmel ihre Bahn ziehen und vollkommen in ihren Positionen verharren, liegt das an diesem großen Sein, das alles absorbiert, und durch dessen Existenz die Bewegungen aller Dinge kontrolliert werden.

Wenn Wasser abtrocknet, geht es dorthin. Es ist dieses Sein, das das Wasser in sich selbst absorbiert und es in 'nichts’ verschwinden lässt. Aus Sicht des objektiven Universums ist es eine große Gottheit, die als komischer 'Wind’ alles in sich selbst aufnimmt. Aus innerer mikrokosmischer Sicht ist es das Sein.

Im Universalen wird es als Luft bezeichnet, die alles in sich selbst absorbiert und jeden Effekt als Ursache aufnimmt. Auf ähnliche Weise wirkt es als Prana auch im Individuum. Wenn man einschläft, wird der Geist durch das Handeln von Prana zurückgezogen. Prana zieht den Geist in sich zurück. Alle Sinne werden in sich selbst zurückgezogen, die Augen, Ohren und jedes andere Sinnesorgan, das im Wachzustand aktiv ist. Alle Dinge dieser Art werden durch dieses absolute Prinzip reguliert, das durch Prana wirkt. Es kontrolliert alles und zieht alles zurück. Auf diese Weise wirkt es innerhalb und außerhalb. Es ist brahmanda und pindanda. Es ist Makro- und Mikrokosmos.

Dieses sind die beiden großen Auflöser im Kosmos. Im Inneren wirkt Prana und im Äußeren ist es die Luft, das kosmische Prana, Sutratman, Hiranyagarbha, das alles in sich selbst absorbiert. Diese beiden müssen in der Meditation miteinander in Verbindung gebracht werden, wie im Fall der Sandilya-Vidya. Das Innere und das Äußere müssen in der Meditation zusammenkommen, die man sich als eine Wirklichkeit vorstellen muss. Unter den Gottheiten ist es Vayu und bei den Sinnen und den inneren Funktionen ist es Prana. Dieses ist die Einweihung und Janasruti muss sie verstanden haben.

In früherer Zeit wurden Einweihungen in Mysterien dieser Art nicht als Lehren im eigentlichen Sinne angesehen. Man muss heutzutage überrascht sein, wie unkompliziert man mit diesem absoluten Wissen der großen Meister umgeht, das als einfache Anweisung weitergegeben wird. Obwohl tausendmal gehört, fühlen sich viele nur selten davon angetan. Der Grund liegt im Weitergeben dieses Wissens. Die Inhalte sind sehr wohl bekannt. Doch noch andere Faktoren darf man nicht außer Acht lassen. Die Aufnahmefähigkeit des Schülers, den Intellekt, der erforderlich ist, das Verlangen nach diesem Wissen bei dem Einzelnen, und die Umstände, die den ganzen Einweihungsprozess begleiten, sind wichtigere Faktoren als ein einfaches Wiederholen von Wörtern. Einweihung ist nicht nur ein Wiederholen von Wörtern, sondern mehr eine Kommunikation von Energie und Kraft. Es ist der Wille des Gurus, der in den Willen des Schülers eintritt, wobei beide auf derselben Ebene kommunizieren müssen. Ansonsten findet keine Einweihung statt. Dieses ist eine kurze Darstellung der Bedeutung von Einweihungen, die nicht durch ein einfaches Lesen von Wörtern ersetzt werden kann. Es ist ein Fundus an Wissen, das den Geist tief in die Mysterien der Schöpfung und der Wirklichkeit abtauchen lässt, in das der große Raikva, der so genannte arme Mann, König Janasruti Pautrayana einweiht, über den noch eine andere Geschichte erzählt wird:

Es gab einen Brahmacharin, der ein großer Meditierer auf Samvarga war, einer der diese Gottheit verehrte, in dessen Wissen Raikva den König Janasruti einweihte. Dieser Brahmacharin war ein disziplinierter Schüler dieser Vidya und ein Sucher, der fühlte, dass er sich auf Grund seiner tiefen Meditation mit der Gottheit identifizierte. Eines Tages bettelte er um Nahrung. Er kam zu zwei angesehenen Persönlichkeiten. Als er zu ihnen kam, wurde ihnen gerade das Essen serviert. Also bat auch er um Nahrung, doch sie verhielten sich als wären sie ihm gegenüber taub. Er bekam nichts. Sie blieben still, so als wäre nichts geschehen. Dieses ist eine Anekdote über einen anderen Aspekt der Samvarga-Vidya.

In der Upanishad spricht man von großen Persönlichkeiten, Saunaka und Abhipratarin, die hier beim Essen saßen, und einem aufrichtigen Schüler, der die Meditation im Sinne von Samvarga-Vidya praktizierte, der auf sie zukam und sie um Essen anbettelte. Sie gaben ihm nichts. Als er erkannte, dass er nichts bekommen würde, und dass die beiden Persönlichkeiten ihm auch nichts geben wollten, machte dieser junge Brahmacharin folgende Bemerkung:

Er sagte: „Meine Herren, die ihr hier beim Essen sitzt, hört, was ich euch zu sagen habe: Es gibt einen großen Gott, der alle vier anderen Gottheiten schluckt. Wer ist dieser Gott? Er ist der Erhalter aller Welten. Niemand kann diesem großen Gott widerstehen. Erkennt ihr beiden nicht, dass all dieses Essen diesem Gott zusteht? Diesem Gott habt ihr die Nahrung verweigert.“

Dieses ist im übertragenen Sinne das, was der Brahmacharin sagte. Es muss dabei noch etwas anderes in seinem Geist vorgegangen sein. Er war ohne Zweifel ein großer Meditierer im fortgeschrittenen Stadium. Er war praktisch mit der Gottheit, auf die er meditierte, eins geworden. Er trug in sich die Kraft jener Gottheit, und er konnte weitgehend das tun, was auch immer diese Gottheit tat. Diese Gottheit ist das universale Sein, Samvarga. Wenn dieser große Verehrer sich mit dieser Gottheit identifizierte und um Nahrung bat, verhielt er sich so, als würde er im Namen dieser Gottheit um Nahrung bitten. Es ist als würde diese Gottheit um Almosen bitten.

„ Die gesamte Nahrung der ganzen Schöpfung gehört nur diesem einen Gott, und wenn ER um Nahrung bittet, die IHM rechtmäßig gehört, und ihr IHM nicht Folge leistet, was passiert dann?! Nun versteht ihr die Konsequenzen eurer Handlungsweise. Ihr habt mich gekränkt und meine Gegenwart ignoriert. Ihr habt mir nicht zugehört. Ihr habt mir nicht gegeben, warum ich bat, und ihr verhaltet euch, als wäre ich Luft. Seit euch über die Konsequenzen im Klaren“, sagte der Brahmacharin.

Durch diese Art Ansprache wird klar, dass er sich selbst als diese Gottheit verkörpert sah. Er drohte den beiden, die aßen, und die keine Notiz von ihm nahmen. Nun die Konsequenzen wären ohne Zweifel schlimm, wenn das Gesagte richtig wäre. Der Zorn der Gottheit wäre fürchterlich. Dieses war sicherlich mit der Drohung des Brahmacharin beabsichtigt, dem die Nahrung verweigert wurde. Nachdem der Brahmacharin gesprochen hatte, erhob sich Saunaka und antwortete:

„ Du sagtest, dass der großen alldurchdringenden Gottheit die Nahrung verweigert würde. Hör’ mir genau zu. Du sprichst so, als lebtest du in der Vorstellung, dass du auf Samvarga meditierst. Du tust so, als würden wir die Gegenwart dieser großen Gottheit ignorieren, dem diese Nahrung zusteht. Was glaubst du, worauf wir meditieren? Ich werde es dir sagen: Es gibt eine große Seele, das Selbst aller, die Quelle und das Wesen aller Gottheiten, dem Schöpfer, dem geistigen Vater usw. Er ist derjenige, der durch den Mund des Wissens selbst isst. Es handelt sich dabei nicht um den normalen Mund mit Zähnen und einer Zunge. Es sind seine Zähne, die mit dem Schimmer des Wissens scheinen. Es ist das Wesen des Wissens, das Wissen seines Seins und ER schluckt alles. ER ist derjenige, der alles verschlingt. Es gibt nichts in der Schöpfung, das ER nicht verschlingen könnte. Alle Nahrung ist für IHN. ER konsumiert sie durch sein eigenes Sein und nicht mithilfe äußerer Instrumente. ER ist die weiseste aller Existenzen. Sein Ruhm ist wirklich groß. ER kann weder von jemand gegessen noch verschlungen oder irgendwie berührt werden. Alles ist für IHN Nahrung. ER isst auch Nicht-Nahrung, nicht nur das normale Essen. Darauf meditieren wir.“ Er gab seinem Diener Anweisungen dem jungen Brahmacharin Essen zu geben.

Diese Unterhaltung offenbarte etwas Interessantes, was nur schwer zu verstehen ist. Man kann den Kommentatoren bzgl. des Sinns dieses Gesprächs in gewisser Weise folgen. Es wird zunächst der Eindruck erweckt, dass der Brahmacharin Recht hätte, da die beiden am Boden sitzenden ihn scheinbar ignorierten und ihm nicht genug Aufmerksamkeit schenkten, da er doch kein normaler Mensch, sondern eher eine Gottheit war. Doch dann stellte sich heraus, dass die Beiden am Boden sitzenden nicht so unwissend waren, wie zunächst angenommen. Doch warum wird dem Brahmacharin zunächst das Essen verweigert? Da muss noch etwas anderes hinter stecken. In der Upanishad heißt es dann, dass die Beiden nur den Brahmacharin prüfen wollten, um heraus zu finden, wie tief sein Wissen sei. Darum gaben sie ihm die Antwort, womit sie dann mit ihrem Wissen vergleichsweise über ihm standen.

Wodurch wurde dieses höhere Wissen offenbart? Dieses höhere Wissen ist nur suggestiv, wird nicht offen ausgesprochen. Samvarga ist kosmisch so wohl als auch individuell zu betrachten. Als kosmisches Gegenstück gilt Vayu, das im Individuum als Prana wirkt. Die vier Großen, die von dieser Gottheit geschluckt werden sind, wie der Brahmacharin ausführt, das Feuer, die Sonne, der Mond und das Wasser, die alle im Sein des Vayu, Hiranyagarbha, der absoluten Wirklichkeit, begriffen werden. Im individuellen Aspekt sind es auch vier Dinge, die von Prana beeinflusst werden, d.h. die Augen, die Ohren, der Geist und die Sprache. Der Meditierende kann manchmal zu der falschen Annahme kommen, dass es eine Abgrenzung zwischen dem Individuum und dem Kosmos gibt. Entgegen der Tatsache, dass Beide eins sind, kommt es manchmal zur Unterscheidung vom Innerlichen und Äußerlichen bzgl. Prana und Vayu. Doch in der Meditation von Saunaka und seinem Freund ist diese Vorstellung gänzlich aufgehoben, denn sie kontemplieren auf das eine Sein, das keinen Unterschied von Innerlich und Äußerlich bzw. zwischen kosmisch und individuell kennt, sondern nur eine einzige Wirklichkeit zulässt. Mit dieser Entgegnung von Saunaka an den Brahmacharin soll die Tatsache einer einzigen Wirklichkeit besonders unterstrichen werden.

„ Wir haben dich geprüft. Du bist in Ordnung. Komm iss mit uns.“ Dieses scheint die letztendliche Schlussfolgerung von Saunaka, der seinen Diener anwies, dem Brahmacharin zu bewirten. Vielleicht ist diese Schlussfolgerung auch nicht richtig, und es gab keinen Fehler in der Meditation des Brahmacharin. Vielleicht sollte es auch nur eine Ansprache sein, um auf das große Wissen hinzuweisen. Was auch immer es sei, es wird die Samvarga-Vidya gerühmt, die zur Identität mit der Gottheit führt. Man wird letztendlich durch diese Form der Meditation mit derselben Macht wie die Gottheit bedacht. Man wird so selbstsicher, dass alles, was ein Thema der Gottheit ist, auch zum Thema des Meditierenden wird, der dieses Thema zum Willen und im Sinne der Gottheit regelt. Er wird zum Übermenschen, so wie die Gottheit selbst über den Menschen steht. Dieses ist die Folge von Samvarga-Vidya.

Sie gaben ihm also zu essen. Nun folgt ein sehr komplizierter Teilabschnitt. Die folgenden Mantras sind, wie viele andere in den Vedas und Upanishads, seltsam altertümlich. Man kann hier nur eine wortwörtliche Übersetzung wiedergeben: 'Diese fünf und jene fünf ergeben zehn’. Das ist die rätselhafte Bedeutung dieses Satzes. Man bezeichnet diese Darstellung im Sanskrit auch wieder als Krita (Vollkommenheit). Darum kommt die Nahrung aus allen zehn Richtungen. Virat (der Makrokosmos; die sichtbare physische Welt) ist der 'Verzehrer’ von allem. Was auch immer er wahrnimmt, verzehrt er. Die Nahrung selbst ist auch Nahrungsverzehrer. Dieses ist der Effekt für jeden, der dieses Geheimnis kennt.

Was kann man daraus herleiten? Alle Interpretationen sind möglich. Doch dahinter verbirgt sich eine besondere mystische Bedeutung. Diese fünf und jene fünf setzen sich jeweils aus Verzehrer und Verzehrte zusammen. Verzehrer 'im Äußeren’ ist der so genannte kosmische Wind, die Lebensenergie, der Absorber, das absolut Göttliche, in das alles verschwindet bzw. endet oder sich auflöst. Die anderen vier sind die Verdauungselemente dieser absoluten Gottheit, d.h. das Feuer, die Sonne, der Mond und das Wasser. Wenn man es nicht so kompliziert machen möchte, kann man auch sagen, es sind die vier Elemente Äther, Feuer, Wasser und Erde, die in dem absoluten Absorber aufgelöst werden. Im Inneren herrscht Prana als Verzehrer und die Verdauungselemente sind die Sinnesorgane, d.h. die Sprache, die Augen, die Ohren und der Geist. Auf diese Weise bilden die vier Begriffe, die als Verdauungselemente dienen, zusammen mit dem Verzehrer wiederum fünf. Die fünf aus dem Makrokosmos und die fünf aus dem Mikrokosmos ergeben zusammen zehn. Das ist Krita.

Krita ist ein schwieriger Begriff. Wie bereits früher erwähnt, ist er auch ein Name für den Würfel in einem Würfelspiel. Die Ziffern dieses merkwürdig magischen Würfels sind vier, drei, zwei und eins. Wenn man vier, drei, zwei und eins zusammenaddiert ergibt das ebenfalls zehn. Darum heißt es, dass alle Ziffern eines Würfels zehn ergeben müssen, was dem Inneren und Äußeren der Gottheit mit ihrer verzehrten Nahrung entspricht.

Ein anderer interessanter, hier erwähnter Begriff ist Virat. In der Veda ist Virat eine Maßeinheit mit zehn Buchstaben. Darum wird hier ein Vergleich zwischen dieser Maßeinheit Virat mit seinen zehn Buchstaben, den Ziffern des Würfels und der Gottheit mit seiner Nahrung hergestellt. Im Allgemeinen ist Virat die kosmische Persönlichkeit des All-Seins, die all-umfassende Wirklichkeit, für die alles nur Nahrung ist. In Virat ist nicht bestimmbar, was isst und was gegessen wird. Eine Unterscheidung zwischen beidem gibt es in Virat nicht. Die Nahrung kommt aus allen Richtungen und in jeder Form von Virat zu Virat. Virat bedeutet all-umfassende Wirklichkeit, wo es keinen Unterschied mehr zwischen Subjekt und Objekt gibt. Der Seher und das Gesehene, der Verzehrer und das Verzehrte können nicht mehr unterschieden werden. Das Verzehrte ist selbst Verzehrer, und der Verzehrer ist Verzehrtes gleichermaßen. Beide Sichtweisen sind möglich. Was auch immer wahrnimmt, ist der 'Stoff’, der verzehrt wurde, und was auch immer verzehrt wurde, ist auch das was wahrnimmt. Jemand, der dieses Mysterium kennt, wird zu dem Mysterium. Dieses Mysterium wird allen klar, die diesen Teilabschnitt gelesen, studiert und verstanden haben.

Hier endet die Samvarga-Vidya, womit auch das Studium der Chhandogya-Upanishad abgeschlossen ist. Alle wesentlichen Punkte der Chhandogya-Upanishad wurden damit beleuchtet.

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