Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
24 Das unendliche
Leben
Das Leben
ist weder ein geschichtlicher Ablauf noch eine Wissenschaft, sondern ein
Rätsel, das gewaltiger ist, als es irgendein Wert sein könnte,
mit dem man es wahrscheinlich gleichsetzt. Die Bedeutung des Lebens liegt
weder in einem Muster, das mit einer Folge zeitlicher Ereignisse vergleichbar
ist, die wir allgemein als Geschichte bezeichnen, noch kann man es mit
einer mathematisch berechenbaren Gleichung oder mit dem System der Induktion
und Deduktion gleichsetzen, aus denen sich folgern ließe, daß
bestimmte Ursachen bestimmte Wirkungen haben. Das Leben ist nichts dergleichen.
So trotzt es jeglichem Versuch, seine Bedeutung einzuschätzen und
zu beurteilen, der auf traditionellen und stereotypen Vorgehensweisen basiert,
da diese ja allesamt Ergebnisse einer historischen oder mathematischen
Haltung sind, die man in der Abwägung gewöhnlicher Probleme des
Lebens einnimmt. Die wechselseitige Verbundenheit und der organische Charakter
der unzähligen Aspekte, die die Bedeutung des Lebens bilden, machen
es einem isolierten Individuum beinahe unmöglich, die Geheimnisse
des Lebens zu untersuchen, da jede individualistische Annäherung an
das Leben ein Versuch wäre, es den empirischen oder traditionellen
Vorstellungen einer dreidimensionalen Annäherung an die Dinge zu unterwerfen,
was genau der historischen oder mathematischen Denkweise entspräche.
Es ist diese irrige Annäherung, die das Lebenssystem in die mechanisierte
Form einer Ethik von Geboten und Verboten verwandelt hat, die ihrerseits
eine Begleiterscheinung der allgemeinen mechanistischen Haltung ist, die
man dem Leben gegenüber einnimmt. Da das Leben keine Maschine ist,
muß jedes System, das allgemeingültige Denk- und Verhaltensmuster
festlegt, der Wahrheit des organischen Charakters der Existenz widersprechen,
der ja die Essenz des Lebens ausmacht.
Im selben
Moment, in dem sich das Individuum in einer Welt der Raum-Zeit-Beziehungen
wiederfindet, beginnt das individuelle Bewußtsein sofort damit, die
Bedeutung des Lebens als Maschine mit stereotypem Arbeitsablauf zu interpretieren
und zu beurteilen, die jeder Person und Sache einen auf ewig gültigen
Wert gibt. Dies hat zur Folge, daß die Evolution und der Fortschritt
des Individuums durch die Lebensprozesse hindurch in der starren Form der
“festgelegten Örtlichkeit” aller Dinge verkrustet, was einem gewaltigen
Irrtum entspricht, dem zufolge zu einer gegebenen Zeit alles nur an einem
Ort und in einem Zustand sein kann, ohne dabei eine lebendige Beziehung
zu anderen Dingen und eine Bedeutung für die sich ändernden Umstände
der äußeren Atmosphäre zu haben. Dieses irrige Verständnis
von sich und den eigenen äußeren Beziehungen hat das Leben zu
einem unergründlichen Etwas gemacht, das noch nie auf eine seiner
Natur oder inneren Struktur gemäßen Weise betrachtet wurde.
Dies hat zur Folge, daß man sein ganzes Leben damit verbringt, Irrlichtern
zu folgen, ohne jemals seinen Anfang zu kennen, oder sein Ziel, auf das
es sich hin bewegt.
Man erklärt
uns, daß das Universum ursprünglich ein einziges unendliches
Atom war, das in der mystischen Geschichte Indiens als Brahmanda
oder “Kosmisches Ei” bekannt ist; daß es sich selbst geteilt hat
und sich diese zwei Teile wiederum immer weiter in die unzähligen
Individuen geteilt haben, die man nun als Personen, Dinge oder Objekte
bezeichnet. Dies ist der Grund dafür, daß jeder Teil um die
Vereinigung mit einem anderen Teil kämpft. Die Teile können nämlich
nicht zur Ruhe kommen, es sei denn als Aspekte innerhalb des Ganzen, das
in seiner Vollständigkeit in jedem Teil gegenwärtig ist und sich
in allen oder durch alle Teile Anerkennung erzwingt. Jeder Teil sucht nur
das Ganze.
Die Teile
versuchen jedoch irrtümlicher weise, sich über einen nach außen
gerichteten, räumlich-zeitlichen und psychologisch-physischen Kontakt
mit den Objekten zu vereinigen, indem sie diese mit ihren Sinnen und ihren
Egos berühren. Dieser Versuch muß jedoch scheitern, da sich
nichts, auch nicht ein einziges Objekt, außerhalb der universellen
Selbstheit des Bewußtseins befindet, in der jedes sogenannte Objekt
nur einen Aspekt der Selbstheit darstellt. Folglich kann die ersehnte Vereinigung
mit den Objekten nur dann erfolgreich sein, wenn diese selbst zum Subjekt
werden, das sich nach ihnen sehnt - und das ist letztendlich das universelle
Subjekt.
Aus der Einheit
der Natur erwachsen räumliche Unterscheidung und zeitliche Ausdehnung,
die das ursprüngliche Prinzip der Isolierung einer Sache von der anderen
darstellen; sowie die Trennung von Individualität als einem lokalisierten
“Subjekt” empirischer Erfahrung, das sich die gesamte Natur, aus der es
hervorging, als ein “äußeres Objekt” gegenüberstellt. Daraufhin
plaziert das Individuum auch andere solche Individuen als seine Objekte
vor sich, womit es zu einer Umkehrung der Position des Bewußtseins
kommt: Das Objekt wird sozusagen zum Subjekt, da sich das Subjekt auf das
Objekt überträgt, damit es “außen” das kontaktieren kann,
was den Mängeln entspricht, die es in der eigenen psycho-physischen
Form erfährt. Und so eilt das individuelle Subjekt, das sein eigenes
Selbst im “anderen” sieht, in dessen Richtung und kämpft darum, sich
mit ihm zu vereinen. Das Selbst kann nämlich nur das Selbst lieben.
Über
die Abstufungen des körperlichen Selbst, des Objekt-Selbst, Ego-Selbst,
Familien-Selbst, Gemeinde-Selbst, Nationen-Selbst, Welt-Selbst und Universal-Selbst
hindurch kämpft das Bewußtsein darum, sich alles einzuverleiben,
was es sieht, riecht, hört, berührt oder schmeckt. Dies geschieht
mit der offensichtlichen Absicht, den Objekten nahe zu sein, so daß
deren Verschmelzung mit dem eigenen Selbst notwendigerweise das letztendliche
Ziel sein muß. Das größte Glück erfährt man
dann, wenn das Objekt zum Subjekt wird. Das Bewußtsein stürmt
nach draußen, um sich mit seinem Inhalt zu vereinigen, wenn dieser
von ihm getrennt erscheint, und so kommt es zu dem quälenden Verlangen
des Bewußtseins, sich zur Reproduktion der eigenen Form mit seinem
abgetrennten Inhalt zu vereinigen, um sich so zu verewigen. Es ist die
Tragödie des Lebens, daß das Subjekt darum kämpft, seine
körperliche und psychologische Form über den sinnlichen Verkehr
der zeitlichen Bestandteile seiner sterblichen Individualität zu verewigen,
anstatt zu erkennen, daß es in allen Dingen gegenwärtig ist.
Das universelle
Sein ist als Virat bekannt. Virat oder der universelle Körper ist
eine in sich integrierte Ganzheit, in der alle “Gesichtspunkte” die Herrlichkeit
eines einzigen universellen “Gesichtspunkts” darstellen. Aus der allumfassenden
und alles vereinigenden Ebene des Seins, dem Virat, wählt das Bewußtsein
einen bestimmten “Gesichtspunkt” aus und wird damit zum individuellen Selbst.
Auf diese Weise entstehen die zahllosen, voneinander getrennten Individuen,
deren Erfahrungsinhalte jeweils auf einen individuellen “Gesichtspunkt”
beschränkt sind.
Direkt darunter
haben wir die niedrigere Ebene des Fühlens, Denkens, Empfindens und
Wollens, in der sich das Bewußtsein bestimmte Muster aussucht, die
zu Objekten der Wahrnehmung und der Erkenntnis heraus gearbeitet werden
und zum Inhalt des gewöhnlichen menschlichen Bewußtseins werden.
Dies ist die Ebene des Sinnes- oder Trieblebens, auf der man sich eifrig
mit der Zubereitung der Nahrung beschäftigt, die man zu verzehren
wünscht, wobei dieser Akt selbst auf einer noch niedrigeren Ebene
stattfindet, wo das Bewußtsein danach verlangt, die Formen physisch
durch Sinneskontakt in sich aufzunehmen und sich dadurch mit ihnen zu vereinigen.
Die Wirkung, die sich aus der Aufspaltung aus dem Virat ergibt, endet nicht
nur in der Wahrnehmung von Individuen durch Individuen, da in dieser Vielheit
verborgen bereits die Wurzeln für weitere Tendenzen liegen, wie Hunger
nach physischer Nahrung und Verlangen nach Sinneskontakt. Sobald die Einheit
des Virat-Bewußtseins verlorengegangen ist, kämpfen die abgetrennten
Teile darum, sich durch eine nach außen gerichtete leidenschaftliche
Suche wieder zu vervollständigen. Dies ist die Sehnsucht der Individuen
nach Selbstvervollständigung und der brennende Durst, der die Seele
aus sich heraustreibt, um die gesamte Welt zu durchstreifen, Nahrung zu
suchen und alles zu verzehren, was ihr begegnet. Dieser Durst, diese Gier
ist nicht nur eine psychologische Funktion der Triebe des Individuums,
sondern die Essenz der Konstitution des Individuums. Es ist dieser tosende
Ansturm der Sinne und dieses fundamentale Verlangen des Individuums, das
das schreckliche Gesetz der Natur erklärt, das einen dazu zwingt,
das eigene Leben durch Zerstörung fremden Lebens zu erhalten, indem
man dieses entweder, wie in der Liebe, in sich aufsaugt oder, wie im Haß,
auslöscht. Welch verrückte Wahrheit, die verkündet, daß
die schlimmsten aller tragischen Szenen ebenfalls nur Manifestationen der
Neigung zu Einheit und Untrennbarkeit aller Dinge sind! In den Formen,
die das Leben im Abwärtssog der nach außen gerichteten Leidenschaften
angenommen hat, kann das Individuum die innere Einheit jedoch nicht erkennen,
die letztlich die wahre Ursache hinter jedem Gedanken, hinter jedem Gefühl
und hinter jeder Handlung ist.
Virat ist
kein mechanistisches System mit äußeren Beziehungen, sondern
eine organische Einheit, in der die Personen und Dinge eher im Bewußtsein
gegenwärtig sind, als vom Bewußtsein wahrgenommen zu werden.
Nur in diesem Bewußtseinszustand kann man wahre Kontrolle über
alles haben, und nicht, indem man Objekte wahrnimmt. Im letztgenannten
Fall würden diese Objekte nämlich “außen” und somit jenseits
des eigenen Einflußbereichs verbleiben. Zuerst zieht man sich von
den Klishta-Vrittis zurück und dann von den Aklishta-Vrittis. Während
im ersten Schritt eine Unterwerfung des Verlangens nach Objekten stattfindet,
vermeidet man im zweiten Fall sogar die Möglichkeit, diese als etwas
“Äußeres” wahrzunehmen. In diesem zweiten Zustand steht das
Universum der Objekte nicht nur in Beziehung zum Bewußtsein (da dies
auch nur Wahrnehmung wäre), sondern verschmilzt in die innerste Essenz
des Bewußtseins, und zwar nicht im Sinne der Vereinigung zweier Dinge,
sondern im Sinne des “Wiedererkennens” der zugrunde liegenden Einheit der
Existenz. Und es ist eine Tatsache, daß die Leidenschaften des Egos
und der Sinne nicht abklingen können, solange die Aklishta-Vrittis
noch bestehen. Ein erfolgreicher und wahrer Rückzug der Sinne besteht
demnach nicht darin, die Augen vor den existierenden Objekten der Anziehung
zu verschließen, sondern darin, deren Bedeutung auszulöschen,
indem das Bewußtsein deren “Sein” selig in sich umarmt. Dies ist
die Vereinigung des Sat der Dinge mit dem Chit des Erfahrenden, was gleichzeitig
auch eine Flut von Ananda bedeutet, von der die gesamten Sinnenfreuden
des Universums nicht einmal träumen können.
All dies ist
für den genußsüchtigen Menschen jedoch ein wahrer Alptraum,
da es so aussieht, als würde man durch diesen erforderlichen Rückzug
von allen konzentrierten Freudenzentren, Objekte genannt, abgeschnitten.
Für die Sinnenfreuden klingt dies alles wie das Läuten der Totenglocken,
und so bemüht sich für gewöhnlich auch niemand ernsthaft
um diesen unabdingbaren Rückzug. Der Glanz der Formen und der Geschmack
des Elixiers der relativistischen Kontakte wirbelt derartig viel Staub
auf und lärmt in solchem Maße, daß das “ozeanische Innere”
nicht wahrgenommen wird. Die Spritzer des giftvermischten Nektars, der
aus dem berstenden Überfluß an innerer Glückseligkeit durch
die Poren der Sinne hervor sprüht, hält die gesamte Schöpfung
in gebannter Verzückung. Und der Mensch eilt lieber hinaus, um die
fernen, auf die äußeren Formen hin gespritzten Tropfen zu erhaschen,
die mit dem Gift der “Äußerlichkeit” aller Sinnesgenüsse
vermischt sind, als danach zu suchen, woher all diese süße Herrlichkeit
kommt. In der Geschichte von “Amritamanthana” spalteten sich die Schlangen
die Zungen, weil sie an dem scharfkantigen Gras leckten, auf dem der Topf
mit dem himmlischen Nektar stand, dessen bloßer Duft bereits ausreichte,
um die Seele aller Sinne wie in einem Sturzbach des Verlangens anzuziehen.
Ebenso ergeht es auch dem begehrenden Individuum, dem die Sinne lediglich
berieselt, ausgelaugt und aller Vitalität beraubt werden, während
es den Nektar der Freude in den stachligen Formen der Objekte dieser Welt
sucht. Der menschliche Kampf um die Freude, die man dem Leben abgewinnen
möchte, ist ein tägliches “Amritamanthana”. O weh! Die Dämonen
der Sinne erhalten nichts als das rauchende Gift des Gefühls, von
ihren Vergnügungszentren weggerissen zu werden. Dieses läßt
ihre Herzen nach Luft ringen, da sie das Gefühl haben, von dem quälenden
Ansturm des nach oben drängenden Schmerzes um den Verlust der Berührung
mit den Objekten ihrer Freude erstickt und getötet zu werden. Sowohl
die Götter des himmlischen Strebens als auch die Dämonen der
Sinne sehnen sich nach Nektar, wobei ihn letztere in der Welt der Objekte
suchen. Der Nektar kann jedoch nicht gefunden werden, wo er nicht ist,
und die Dämonen bekommen statt des Nektars der Befriedigung lediglich
das Gift des Leidens. Der Nektar kann in keinem Objekt eingefangen werden.
Da dieser
Nektar des Absoluten nicht in einen Topf oder ein Gefäß abgefüllt
ist, das irgend jemand für sich alleine beanspruchen kann, quillt
er als universelle Flut hervor, die alles und jeden verschlingt, die schmutzigen
Hütten der aus Lehm geformten Körper zerstört und die Erde
für alle Zeiten von all ihren Sünden befreit! Die freudentrunkene
Seele sprengt die zu engen Ketten. Sie schluchzt, weint und tanzt in wahnwitziger
Glückseligkeit, wobei niemand weiß, was sie geschaut hat! Wer
könnte auch beschreiben, was hier geschaut wird? Die Sprache verstummt,
das Denken steht still. Die Sonne, der Mond und die Sterne verblassen in
dieser göttlichen Strahlung. Die Galaxien schmelzen und die vierzehn
Welten taumeln in diese lodernde Herrlichkeit, die alles im Bruchteil eines
Augenblicks in Wellen der Glückseligkeit verwandelt, die in der Freude
der Begegnung von Seele mit Seele und im Eintauchen aller Seelen in die
eine Seele, gegeneinander schlagen.
Das majestätische
Virat spielt innerhalb seiner selbst und schafft sich in dem Ganzen, das
es ist, selbstbedingende Gesetze. Mit seinen unzähligen Zentren, die
alle ein eigenes vollständiges Ganzes sind und die alle zugleich als
Köpfe, Augen, Ohren, Hände, Füße, Gedanken, Münder
und Zungen innerhalb und außerhalb aller Dinge dienen, betrachtet
es sich selbst, wobei es alles erschafft, erhält, einschließt,
ausdehnt, zusammenzieht und aufsaugt. Es betrachtet seine eigene Herrlichkeit,
ohne dabei seine Selbst-Herrschaft als Integralität einzubüßen,
in der die Abspaltung eines Objekts unmöglich ist, das es dann durch
ein äußeres Zusammentreffen in einem Raum berühren müßte,
der eine wirkliche Vereinigung mit etwas, das tatsächlich anders ist
als es selbst, niemals zulassen würde. Es existiert als eine ewig
aktive kosmische Kunst des dynamischen Tanzes der unendlichen Glückseligkeit,
die wir in der gewaltigen Schönheit der Schöpfung nicht einmal
erahnen können und in der eine Vielfalt von Erfahrungen in der unteilbaren
Verzückung von Selbst-Erkenntnis in allem und Selbst-Vereinigung mit
allem abläuft. Alles ist zu jeder Zeit überall und in jeder Form
- eine hinreißende Szene, von der Qual der Seelen in die innere Selbstheit
des unbegrenzten Seins zu verschmelzen, in einer Erfahrung des “ich bin
ich und nichts anderes”! Dies ist das Wunder aller Wunder, das Wunder dessen,
was ist! Erst hier sind alle Wünsche wirklich erfüllt und niemals
zuvor.
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