Der Wald der Brahma Sutra[5]
Die größten Wahrheiten, die für das menschliche Verständnis
zugänglich sind, sind wahrscheinlich in den alten Schriften, den
Upanishaden, zu finden. Sie sind Ausdruck des Jubels der Meister, die
tief in die letzten Ursachen des Kosmos eingedrungen sind. Sie sind
die verwirklichten Seelen, die als Rishis[6] bekannt sind. Doch diese
Rishis sprachen in Begriffen ihrer besonderen Sichtweise von der letztendlichen
Wirklichkeit.
Ein normaler Schüler kann über die scheinbaren Widersprüche
der Aussagen der großen Meister in Verlegenheit geraten. Alle
möglichen Philosophien sind in den Upanishaden zu finden. Da gibt
es Schutzbehauptungen, um den philosophischen Aspekt des Monismus[7],
den dualen Aspekt, den aktiven Aspekt oder den Willensaspekt zu untermauern.
Es findet sich sogar ein Bezug zu Sankhya[8] und Mimamsa[9].
Was soll man aus diesem großen Wald von Aussagen über die
Natur der Wirklichkeit auswählen? Um Klarheit in die Absicht dieser
Heiligen hineinzubringen, die unterschiedlichen Aussagen in Einklang
zu bringen, und um herauszustellen, dass verschiedene Aussagen
nicht immer im Widerspruch stehen, wurden der Brahma Sutras geschrieben.
Die unterschiedlichen Aussagen können durch eine höhere Sichtweise über
das, was vorhanden ist und was geschieht, in Einklang gebracht werden.
Um diese unterschiedlichsten Aussagen in Einklang zu bringen, schrieb
Krishna Dvaipayana Vyasa die Brahma Sutras. Sutra ist der ‘rote
Faden’, der die verschiedenen Teile der Visionen der Wahrheit
verbindet.
Alle Aussagen bezüglich der Absoluten Wirklichkeit, die man als
Brahman im Sanskrit kennt, müssen zu einem Faden gebündelt
werden, damit sie, anstatt zu gegensätzlichen Erklärungen,
zu wundervollen Perlen auf einer Schnur des Wissens über das Absolute
Sein mit unterschiedlichen Sichtweisen werden. Dies ist der Akt der
Schlichtung, den man Samanvaya nennt.
Es gibt diese Probleme auch bei der Gita. Was will uns die Gita mit
folgenden Aussprüchen sagen? 'Schreite voran und kämpfe';
'glaube immer an mich'; 'ich tue alles'. Worin liegt der tiefere Sinn
bei diesen Aussagen, die sich scheinbar gegenseitig widersprechen?
Wenn eine kosmische Wahrnehmung seine Wahrheit zum Ausdruck bringt,
kann dies wie ein buntes Durcheinander aussehen, das von einem einzelnen
Menschen nicht richtig interpretiert werden kann. Man kann nicht erkennen,
was von Bedeutung oder unbedeutend ist. Um Missverständnissen
vorzubeugen, hat Krishna Dvaipayana Vyasa die wundervolle Interpretation
der Brahma Sutras zusammengestellt.
'Was willst du?', lautet die erste Frage. 'Ich möchte das Absolute
Sein, Brahman.' Dies ist eine schreckliche Frage und Antwort zugleich.
Wer ist es, der Brahman möchte?
Um eine eventuell aufkommende Verlegenheit zu vermeiden, werden in
der ersten Sutra persönliche Fragewörter wie 'Wer' bzw. 'Warum'
unterlassen. Es werden persönliche Aussagen darüber vermieden,
dass 'Brahman' erkannt sein müsste. Es wird nichts darüber
ausgesagt, 'Wer ES kennen sollte', denn wenn die Frage auf diese Weise
gestellt würde, würde man sich selbst einschließen,
was einen Konflikt einleiten könnte. 'Wer bist du, der du Brahman
kennen möchtest?' ‘Wer gibt dir das Recht dazu?' - solche
Art von Fragen werden vermieden, wobei die Brahma Sutra direkt auf
das Hauptthema zusteuert: 'Man muss ES kennen.'
Worin liegt die Bedeutung von diesem 'Wissen'? Du weißt, dass
sich hier viele Menschen eingefunden haben und zusammensitzen, du weißt,
dass ich spreche, - dies ist natürlich eine Art von bekanntem
Wissen. Ist das Wissen über Brahman in diesem Sinne zu verstehen?
Oder ist hier etwas anderes gemeint?
Das Wort ‘Brahman’ hat seinen Ursprung im Sanskrit, wobei ‘Brhm’ so
viel bedeutet wie: ‘Um sich auszudehnen, universal, eingebunden
und vollkommen zu sein’. Wenn man eine Sache, die man kennt,
als ‘Brahman’ bezeichnet, bedeutet dies, dass beide,
- die Sache und der Kenner der Sache, - eingeschlossen sind. Wenn der
Wissende sich außerhalb dieses Seins befindet, wäre dieses
Sein nicht umfassend, denn es schließt den Wissenden bzw. den
Menschen, der danach verlangt, aus. Auf diese Weise sollte der Suchende
selbst eingeschlossen sein. Hier liegt nun ein scheinbar unlösbarer
Knoten vor uns.
Wenn das, was als Wissen angestrebt wird, den Suchenden bereits einschließt,
wie soll dann die Antwort auf folgende Frage lauten: ”Muss Brahman
erkannt sein?” Wer sollte DAS kennen, wenn bereits gesagt wurde,
dass es niemanden gibt, der ES kennt. Doch zu Anfang gab es die Aussage: ”ES
muss erkannt sein.” Kennt Brahman sich Selbst? Brahman muss erkannt
sein - ‘Athato Brahma Jijnasa’ - wenn diese Aussage zutrifft,
bedeutet dies, dass Brahman sein Selbst kennt? Wozu dient dieses Buch,
wenn nur Brahman und niemand sonst ES kennen kann? Dies bedeutet, dass
man sich in keinem Abschnitt dieses Buches über ES wieder findet.
Wir befinden uns in einer Welt dualistischer Wahrnehmung. Wir sind
hier und sehen hier oder dort etwas. So empfinden wir in dieser Welt.
Wir können nicht einmal das Wort ‘Welt’ gebrauchen,
ohne dass sie von uns gesehen wird, denn weltliche Wahrnehmung erfordert
Dualität, eine Zweiteilung zwischen Seher und Gesehenem, was diese
Welt ausmacht, und was wiederum die Schwierigkeit erzeugt, wie man
beide, - Seher und Gesehenes - zusammenbringt. Der Seher ist nicht
das Gesehene und umgekehrt; das ist ganz klar. Du bist nicht die Welt,
die du siehst und umgekehrt.
Wie kann man harmonisch den Seher und das Gesehene zusammenbringen?
Wer könnte dieses Mysterium möglich machen? Dieser tiefe
analytische Prozess, der jeden menschlichen Geist bewusstlos werden
lässt und gleichzeitig jenen ausschließt, der danach strebt:
Diese wundervolle Selbstidentifikation bedeutet, Brahman zu kennen
und wird ‘Jnana’ genannt, was nicht so einfach übersetzt
werden kann. ‘Jnana’ wird als Wissen oder Weisheit bezeichnet,
doch diese Übersetzung ist für den Augenblick unangemessen,
wo Brahman erkannt ist.
Man bekommt es in dem Augenblick mit der Angst, wo man sich der Konsequenz
bewusst wird, etwas zu erkennen, was nur sich Selbst erkennen kann.
Wenn dir die Bedeutung dieser Situation bewusst wird, wird dir klar
werden, was Wissen heißt. Es handelt sich dabei nicht um einen
Gedanken. Es ist kein Qualifizierungsgrad, keine wahrnehmbare Vision
oder empirisches Wissen.
‘Jnana’ kann selbst jemanden abschrecken, wenn ES erreicht
wird. ES kann dich hinauswerfen. Man kann nicht näher herangehen,
so wie es bei einem mächtigen magnetischen Kraftfeld möglich
ist. ES wird dich zurückwerfen; man kann nicht näher treten.
Wenn Bhagavan Shri Krishna in der Gita von einem schwierigen Pfad spricht,
ist dieser Aspekt der ‘Jnana’-Natur gemeint.
”Klesodhikatarastesham Avyaktasaktachetasam Avyakta hi gatirduhkham
Dehavadbhiravapyate”
Das Körperbewusstsein behindert das Verstehen all dieser Hintergründe.
Körperbewusstsein ist nun mal individuelles Bewusstsein und Selbstbehauptung
dieses besonderen Individuums, das ‘Ich’. Es steht im Widerspruch
zu dem Allumfassenden, dem Vollkommenen und dem Selbstsein, so wie
es ist. Brahman ist auch als Bhuma, das Allumfassende Absolute, bekannt,
was alles einschließt. Jene Individuen, die sich nur in einem
Körper befinden (Ego) sind von der Vollkommenheit weit entfernt.
Und wieder befällt uns die Angst: ‘ES schließt alles
ein? - mich auch? - Oh, das ist nichts für mich!’ Jeder
sagt: ‘Dies ist nichts für mich; Ich werde dem nicht näher
treten!’ Brahma-Sutrakara Krishna Dvaipayana Vyasa kennt all
diese Probleme, wo sich die Menschen auf Grund ihrer Gedanken abwenden,
- jenem Gedanken die Brahman direkt betreffen.
Die Upanishaden definieren Brahman. Lasst uns dies noch einmal näher
betrachten. Was für eine Sache ist Brahman? Satyam, Jnanam, Anantam.
So beschreibt die Taittiriya Brahman.
”Satyam Jnanamanantam Brahma. Yo veda nihitam guhayam Parame
Vyoman. Soshnute sarvan kaman saha Brahmana Vipashchiteti”
Dieser eine Satz, diese besondere Erklärung am Anfang des zweiten
Kapitels der Taittiriya Upanishad kann dich so glücklich machen,
an den Rand der Faszination bringen, wenn du erahnen könntest,
welche tiefe Bedeutung in diesem Satz steckt. In dem Augenblick, wo
du Brahman kennst, wird die ganze Glückseligkeit des Universums
in dich eintreten und gleichzeitig wirst du dich des ganzen Universums
erfreuen: ‘Saha Brahmana Vipashchita’.
Du kannst dich so vieler Dinge erfreuen. Du kannst essen, auf Reisen
gehen, Bücher lesen, ein Theaterstück oder einen Kinofilm
anschauen, tanzen - es gibt so viele Vergnügen; doch wenn eine
Freude stattfindet, kann keine andere aufkommen. Sie sind alle verschieden.
Auf diese Weise erfreuen wir uns an verschiedenen Dingen in der Welt,
doch nicht an allen gleichzeitig. Hier liegt der Unterschied.
Wenn alle Ereignisse in dieser Welt, die eine unermessliche Freude
bereiten, auf einmal zusammenkommen und zu einem einzigen Erlebnis
der Freude verschmelzen, dann ist dies vielleicht die Erfahrung von
Brahman. Du erzitterst allein bei dem Gedanken einer derartigen Glückseligkeit.
Selbst der Gedanke ist unvorstellbar. Glückseligkeit kann unseren
Körper erschauern lassen. Wir können in diesem Zustand der
Glückseligkeit erstarren und schreckliche Visionen haben, doch
allein der Gedanke an das Absolute Brahman, was gleichzeitig Vollkommenheit
bedeutet, erzeugt bereits Schreckensvisionen.
Bevor wir versuchen, uns in die Natur Brahmans zu versenken, müssen
alle zerstörerischen und ablenkenden Vorstellungen aufgegeben
werden. In der Brahma Sutra findet sich eine Aussage: ‘Brahman
soll erkannt werden’. Kommentatoren haben viele Seiten Papier
bei dem Versuch gefüllt, die Bedeutung von nur einer Sutra zu
erklären: ”Athato Brahma Jijnasa.” Kommentare über
Kommentare wurden geschrieben: Sankaracharya, Ramanujacharya, Madhvacharya,
Vallabhacharya, Nimbarkacharya usw., usw.
Sankaracharyas Version wurde von Vachaspati Mishra in seiner Ausführung,
die als ‘Bhamati’ bekannt wurde, kommentiert. Einer der
Schüler Sankara’s, Padmapada, schrieb einen anderen Kommentar.
Ein anderer Schüler Sankara’s, Sureshwaracharya, schrieb
eine dritte Variante. Sie haben dieses Thema aus drei unterschiedlichen
Sichtweisen betrachtet. Zusammen haben sie drei verschiedene Ecken
beleuchtet. Sureshwaracharya behandelte die ganze Schöpfung als
Illusion, dessen Natur von niemandem, der in diese Illusion involviert
ist, beschrieben werden kann. Man kann nicht behaupten, dass Brahman
das Universum erschafft, denn Brahman ist die Ewigkeit, Vollkommenheit,
undefinierbar, unendlich, die vollkommene Existenz schlechthin. ES
hat keine Veranlassung zu Schöpfung. Die Erscheinung dessen, das
erschaffen wurde, ist das Ergebnis einer besonderen Vermischung kosmischer
Verwirrung, die Maya[10] genannt wird, und auf das Einzelne bezogen,
als Avidya[11] bezeichnet wird.
Vachaspati Mishra ist der Ansicht, dass der Geist in seiner Natur
durch Unwissenheit (Avidya) in seiner Wahrnehmung verzerrt ist, und
dass die Welt nicht als das, was sie ist, existiert, sondern lediglich
auf Grund einer besonderen Form von Unwissenheit zu existieren scheint,
in die wir eingebunden sind.
Padmapadacharya ist in seiner Anschauung realistischer. Er hat einen
Kommentar zu den ersten vier Sutras geschrieben, die als Panchapadika
bekannt sind. Im Allgemeinen folgen die Leute nur dem Trend der Panchapadika
mit den dazugehörigen umfangreichen Kommentaren, die als Vivarana
bekannt sind.
Vedantacharyas und diejenigen, die Vedanta unterrichten, folgen nicht
der Ansicht Bhamati’s oder Sureshwaracharya’s. Im Allgemeinen
befolgt man nur Pachapadika’s Ansicht, mit den dazugehörigen
Kommentaren, die als Vivarana bekannt sind. Der gesamte Text über
Panchadasi, der von Swami Vidyaranya geschrieben wurde, folgt der Linie
der Panchapadika von Padmapada. Worin liegt nun die Besonderheit? Die
objektive Welt muss existieren. Man kann nicht einfach behaupten, der
Geist würde die Welt der Bäume und Berge usw. erschaffen.
Solche Fantastereien sollte man nicht machen. Angenommen man würde
es akzeptieren, dass der Geist in seiner Unwissenheit solche Dinge
erschaffen würde, dann muss man auch hinnehmen, dass die Bäume
im Wald durch den eigenen Geist erschaffen wurden; das Gleiche gilt
für Kühe, Schweine, Hunde und alles, was sich auf den Straßen
bewegt, und dasselbe gilt auch für Sonne, Mond und Sterne. Man
kann diese Sichtweise nicht akzeptieren, und man fühlt eine innere
Abwehr bei dem Gedanken, dass man Sonne, Mond und Sterne erschaffen
haben soll. Man sollte besser dem Diktat der Upanishaden folgen, die
besagen, dass die Schöpfung durch das Kosmische Sein, und nicht
durch irgendein menschliches Individuum erschaffen wurde. In der Schöpfungsgeschichte
kommt der Mensch erst zu einem späteren Zeitpunkt. Zunächst
fand die Raumzeit-Offenbarung statt, dann folgten die fünf Mahabhutas,
- Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther; dann kamen die Planeten,
Bäume usw. Danach kam erst der Mensch. Wie können Nachkommen,
wie der Mensch, als Organisator des Universums betrachtet werden? Ein
objektiver Schöpfer, Ishwara, muss als solcher akzeptiert werden,
und es ist falsch zu behaupten, dass der menschliche Geist das Universum
erschaffen hat. Padmapadas Gedankenschule lautet: ‘Srishti-Drishti’ -
zuerst die Schöpfung, das Sehen folgt später.
Eines der Hauptthemen der Philosophie, das die Brahma Sutra vehement
widerlegt, ist Sankhya, nämlich die Unterscheidung zwischen Bewusstsein
und Substanz, was als Purusha und Prakriti bekannt ist. Seitdem wir
das Bewusstsein in uns und die Welt außerhalb von uns zu fühlen,
neigen wir normalerweise dazu, die Sankhya Doktrin hinzunehmen. Auf
diese Weise existiert Dualität. Was ist nun falsch an der Sankhya
Doktrin? Glaubst du nicht auch, dass die Welt in ihrer Natur materiell
und das Bewusstsein im Inneren ist? Dies genau ist es, was die Sankhya
Doktrin aussagen. Es gibt danach nur zwei Dinge in diesem Universum:
Bewusstsein und Gegenständliches.
Worin besteht nun das Problem bei Sankhya? Warum hängen wir an
dieser Doktrin? Das Problem liegt darin, dass das Bewusstsein niemals
zu einem Gegenstand werden kann, denn Gegenstände (Objekte) und
Bewusstsein sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wenn dies der
Fall ist, wie kann Bewusstsein dann zu Gegenständen erkennen?
Wie kann Bewusstsein mit der materiellen Welt in Berührung kommen
und erkennen, dass sie überhaupt existiert? Die Berührung
von ungleichen Dingen ist nicht möglich. Ausschließlich ähnliche
Dinge können miteinander in Berührung kommen. Bewusstsein
und Gegenstände sind jedoch zwei völlig verschiede Dinge.
Die Fähigkeit bewusst zu sein, unterscheidet sich von den Objekten,
die man in der Welt wahrnimmt. Wie will Sankhya dieses Problem erklären?
Wer bringt Bewusstsein und Gegenstände zueinander? Dies ist der
große Fehler bei Sankhya. Aus diesem Grunde sagt Sankhya, um
seine Haut zu retten, dass sie auf eine andere Art zueinander kommen
können. Aber Wie?
Angenommen wir nehmen uns einen lupenreinen Kristall zur Hand, der
das Licht von allen Seiten aufnimmt und wieder ausstrahlt. Wenn man
nun eine rote Rose in die Nähe dieses Kristalls bringt, wird man
feststellen, dass der ganze Kristall in dem Rot der roten Rose erstrahlt.
Man könnte behaupten, dies sei eine Form der Berührung der
Blume mit dem Kristall. Der Kristall kann mit dem Bewusstsein und die
rote Rose mit einem Gegenstand verglichen werden. Könnte man nicht
glauben, dass beide miteinander in Berührung gekommen sind? Der
Kristall (das Bewusstsein) glaubt, obwohl dies nicht der Fall ist,
zur Rose (zum Gegenstand) geworden zu sein, und darin besteht die Bindung.
Die Gegenstände der Außenwelt können dich nicht berühren,
denn du bist reines Bewusstsein, und doch scheint es so, als hätten
die Objekte deinen Geist betreten, würden dich in Versuchung führen
und anwidern, was uns während des ganzen Lebens ständig widerfährt.
Dies ist eine der Erklärungen, die Sankhya gibt. Zwei Dinge stoßen
nicht wirklich aufeinander. Dies scheint nur so. Und wenn das so ist,
ist auch die Bindung lediglich eine Erscheinungsform. Eine wirkliche
Bindung findet nicht statt. Hier gibt es einen erneuten Widerspruch
bei Sankhya. Wenn Bindungen nicht wirklich stattfindet, dann gibt es
auch keine Befreiung.
Warum all dieses Bemühen Sankhyas, Befreiung zu erreichen? Was
bedeutet Befreiung? Es ist die Freiheit des Kristalls, frei von jeglicher
Berührung mit der roten Blume zu sein, – dies ist Moksha.
Die rote Blume existiert auch dann, wenn sie vom Kristall weit entfernt
wird, und das Kristall dann nicht mehr rötlich gefärbt wird.
Könnte man dies als die Befreiung (Emanzipation) des Kristalls
bezeichnen? Was bedeutet nun diese Emanzipation? Es ist die Schaffung
des Selbst im Selbst, oder die Schaffung des Bewusstseins im Bewusstsein.
Was ist Bewusstsein? Sankhya sagt, dass die Wahrhaftigkeit in ihrer
Natur unendlich ist. Bewusstsein ist unteilbar. Selbst bei dem Gedanken
an ein Bewusstsein im Bewusstsein, müsste das Bewusstsein in der
Teilung gegenwärtig sein. Auf diese Weise kann sich niemand eine
Teilung des Bewusstseins vorstellen. Dies wäre ein Widerspruch
in sich. In dem Fall, wo sich das unendliche Bewusstsein selbst in
sich Selbst erschafft, würde es, wie bei dem Kristall, rein bleiben
und strahlen wie zuvor; doch die Frage erhebt sich: Wo bleibt
dann die Rose?‘ Wenn das Bewusstsein unendlich ist, dann ist
es allwissend, denn es weiß alles und darum existiert auch keine
außenstehende Rose!
Wenn sich das Bewusstsein in einem Zustand der Allwissenheit befindet,
wie Sankhya sagt, kann es dann von einer äußerlichen Existenz
einer Rose etwas wissen? Die Rose ist lediglich ein Beispiel der gegenständlichen
Welt, Prakriti. Wenn das allwissende Bewusstsein, - Purusha, - alles
kennen muss, dann muss es auch die Prakriti kennen, und es wird selbst
in seiner Emanzipation mit der Prakriti in Berührung kommen. Die
Bindung wird wieder stattfinden. Gemäß Sankhya, existiert
die Prakriti äußerlich, und sie verschwindet nicht bei der
Befreiung eines besonderen Bewusstseinzentrums. Was bedeutet dieses
nun alles?
Vyasa, der sich in den Sutras mit diesem Thema auseinander setzt,
widerlegt die Sankhya-Philosophie vehement und gibt sich besondere
Mühe, damit niemand durch den Dualismus von Sankhya infiziert
wird.
Man sollte nicht glauben, dass die Brahma Sutras so einfach sind,
wie ich sie hier erkläre! Ich habe sie versüßt und
leicht verdaulich gemacht, sonst würde sich niemand damit beschäftigen
wollen, denn es handelt sich um ein ausschweifendes Thema