Upasana – Meditation der Upanishaden
Die Methode der Upasana – Meditation –, wie sie im dritten
Kapitel der Brahma Sutra beschrieben wurde, folgt demselben Prinzip,
wie es in den Upanishaden niedergelegt wurde. Was ist das für
ein Prinzip?
Tam yatha upasate, sa tathaiva bhavati‘
Das, was man verehrt, zu dem wird man. Wer will nicht aus tiefstem
Herzen die schönsten wahrnehmbaren Dinge, die ihm unter die
Haut gehen und über die er immer und immer wieder grübelt,
verehren? Dieses Grübeln, tiefe Nachdenken, hinterlässt seine
Spuren im Geist, wie die Rillen auf einer Schallplatte; wir könnten
uns dasselbe Lied immer und immer wieder vorspielen lassen. Diese Spuren/Eindrücke
erzeugen ein fortgesetztes Nachdenken, Wünschen und Verehren des
Objektes, welches sich selbst formiert und präsentiert. Das ist
es, was wir durch Meditation auf irgendetwas erreichen.
Die meisten Menschen glauben, dass die Meditation dazu dient, etwas
zu erreichen. Wenn man jemanden danach fragt, was er mit der Meditation
erreichen möchte, erhält man die Antwort, ich möchte
Frieden in meinen Geist bekommen‘. Manche Menschen möchten
durch die Meditation Besitz, Wohlstand, einen guten Namen, Berühmtheit
und ein langes Leben erreichen, doch solche Ziele verändern nicht
den Menschen. Der Sinn in der Meditation liegt in der völligen
innerlichen und äußerlichen Veränderung. Das Streben
nach irgendwelchen Werten, dem langen Leben, Namen, Ruhm und Ehre hört
früher oder später auf, nichts bleibt davon übrig.
Die Meditationen der Upanishaden oder die Anweisungen der Brahma Sutra
sollten nicht als Rezepte für das Streben nach höheren Weihen
betrachtet werden. Was ist es dann? Es geht um die Doktrin über
das, was man wird und nicht darum, was man erzielen möchte. Es
gibt da einen Unterschied zwischen dem Erzielen und dem Werden. Die
Menschen können die Frage nach dem Ziel leicht beantworten. Doch
niemand kann die Frage nach dem, wie er Werden möchte, beantworten.
OH! Du stellst diese Frage nach dem, was du werden möchtest!‘ Doch
niemand kennt die Antwort auf die Frage: Was möchtest du
werden?‘ Wer kann diese Frage nach dem, was er werden möchte,
schon beantworten? Solange dieser Punkt nicht klar ist, solange wird
die Meditation wenig erfolgreich sein. Es gibt zwei Formen der Meditation:
Die eine will etwas erreichen, die andere möchte zu etwas werden.
Die letztere Form trägt auch dazu bei, etwas zu erreichen; du
kannst alles bekommen, - selbst wenn du in den Himmel aufsteigen möchtest.
Doch was möchtest du werden? An dieser Stelle kommen die Upanishaden
und die Brahma Sutra ins Spiel. Wenn du diese Frage nicht beantworten
kannst, dann beantwortet die Brahma Sutra diese Frage.
Du möchtest von jeglicher Fessel der Einschränkung befreit
werden. Dieses Ziel ist als Moksha (Befreiung) bekannt. Freiheit von
jeglicher Beschränkung oder Endlichem ist Moksha. Dies ist nicht
irgendein Ziel. Selbst wenn du die größte Autorität
und Macht in der Welt erreichst, macht dies dich nicht zu einem anderen
Menschen, denn du bleibst immer noch sterblich wie zuvor. In diesem
Zusammenhang sollte man keine Fehler machen. Die Menschen sind dumm
und kindlich in ihrem Glauben, dass Meditation für den Frieden
im Geist wäre. Die Menschen verstehen wirklich gar nichts.
Meditation im Sinne der Upanishaden und der Brahma Sutra bedeutet,
alle bedingten Faktoren zu entfernen, die das Gefühl des Endlichen
vermitteln und das Gefühl geben, an einem Ort gefesselt zu sein,
denn man kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Man fühlt
sich über diese Tatsache sehr beunruhigt, denn man erkennt, an
nur einen Ort gebunden zu sein, wohingegen die Welt doch so groß ist.
Was ist das Gute daran? Man möchte alles Wissen und alle Plätze
der Welt sehen! Man möchte so groß wie die Welt selbst werden,
und man möchte in der Welt alles gleichzeitig sehen. Man möchte über
alle Dinge Bescheid wissen und wissen, was bis in alle Ewigkeit geschieht.
Dies ist nur möglich, wenn man der Begrenzung von Raum und Zeit
trotzt.
Die Anweisung der Chhandogya Upanishad, die auch in der Brahma Sutra
besprochen wird, sagt, Yo vai Bhuma tat sukham‘ – Vollkommenheit,
höchste Freiheit ist nur darin, wo es nichts Endliches gibt. Allein
das Unendliche kann als höchste Vollkommenheit betrachtet werden,
wo alles Endliche aufgelöst ist. Können wir uns vorstellen,
was Unendlichkeit bedeutet? Es gibt nichts Äußerliches zu
sehen, denn das Unendliche ist überall. Wofür gibt es noch
einen Grund mit den Augen überall sehen oder mit den Ohren überall
hören zu wollen, und was gibt es noch für einen Grund, mit
dem Verstand zu hadern, dieses Überall verstehen zu wollen? Auf
diese Weise entledigt sich die Upanishad dieser Situation.
Yo vai Bhuma tat amritam‘ – Die Fülle ist
das Unsterbliche.
Yatra na anyat pasyati, na anyat srinoti, no anyat vijanati,
sa Bhuma.‘ -
Unendlich ist, wo man Äußerliches weder sehen noch hören
muss, und wo man Äußerliches, weder zu verstehen noch zu
begreifen versucht.
Yatra anyat pasyati, anyat srinot, anyat vijanati, tad alpam‘
Sinnlos ist, wo man Äußerliches sieht oder hört, und
versucht dies zu verstehen oder zu begreifen.
Unendlichkeit ist weder innen noch außen, sondern überall.
Darum sind diese Wahrnehmungsorgane, die uns nach außen führen,
zur Meditation ungeeignet. Meditation geschieht nicht durch die Sinnesorgane.
Tatsächlich ist es nicht einmal der Geist, der meditiert, denn
der Geist ist unglücklicherweise von Grund auf eine Sammlung von
Sinneseindrücken, die in Form von verschiedenen Berichten, Analysen
und Synthesen wiedergespiegelt und organisiert werden. Aus diesem Grund
kann der Geist nicht mehr denken, als ihm die Sinnesorgane geben. Er
ist nur der Organisator der Sinneseindrücke. Wenn die Sinne für
die Meditation ohne Bedeutung sind, so hat auch der Geist keine Bedeutung
für die Meditation. Wer meditiert dann? Es meditiert, was zu etwas
Anderem werden möchte.
Du möchtest zu etwas Anderem werden, als du tatsächlich
bist. Dieses DU‘ ist das, was meditiert. In diesem Zusammenhang
muss hinzugefügt werden, dass dies auch die Befreiung von den
Ketten der fünf Hüllen des Körpers einschließt.
Der Körper ist ein Grund für die Beschränkung; die Sinnesorgane
bedeuten eine Beschränkung; der Geist ist aus den erwähnten
Gründen eine Beschränkung; der Verstand, der nur auf Grund
der weitergeleiteten Gedanken des Geistes urteilen kann, ist ebenfalls
eine Beschränkung. Alles Wissen in dieser Welt ist künstlich,
ein Schatten des tatsächlichen Wissens, ein Spiegelbild des ursprünglichen
Wissens; und wer meditiert dann?
Du meditierst. Wer bist du‘? Bist du der Körper? Mein
Körper meditiert‘! Der Körper meditiert eben nicht.
Meditieren die Sinnesorgane? Nein, die Sinnesorgane sind ebenfalls
ausgeschlossen. Meditiert der Geist? Nein, er meditiert aus den bereits
genannten Gründen ebenfalls nicht. Meditiert der Verstand, der
Intellekt? Nein, denn er kooperiert nur mit dem Geist. Wer meditiert?
Du meditierst. Wer bist du‘? Weder Körper noch Sinnesorgane,
weder Geist noch Intellekt. Alles, was du als das Du betrachtest, bist
du nicht wirklich. Der Geist aller Menschen ist in Bezug auf das eigene
Selbst verwirrt. Adhyasa, - Verwirrung durch das Verkehren von Tatsachen.
Schau es dir an! So wie du dich selbst siehst, dies alles, bist nicht
du selbst. An dieses ich‘, worauf du dich bezieht, musst
du dich erinnern. Wenn du sagst, ich bin hier‘, dann glaubst
du, dass es sich um die Sinnesorgane, den Geist oder den Intellekt
hier handelt? Das ist nicht darunter zu verstehen. Du möchtest
nicht sagen, mein Intellekt, mein Geist ist hier‘. Du
hast bereits der Verwirrung der Sinne, des Geistes, des Körpers
und dem Intellekt zugestimmt. Jeder weiß das, und doch wird immer
noch behauptet, ich bin hier‘. Dieses Ich‘ ist
das wirklich meditierende Prinzip. Dieses (große) Ich‘ ist
das meditierende Prinzip.
Dieses kleine ich‘ möchte sich selbst in das große Ich‘ transferieren,
möchte selbst das unendliche Ich‘ sein, - darin liegt
der Sinn der Meditation. Alle anderen Meditationen werden keinen Erfolg
haben. Man muss sich erst über den Sinn klar werden. Bevor man
seine Wünsche äußert, muss man genau wissen, was man
will. Das, was du denkst und von dir selbst behauptest, kommt auf dich
zu; das, was du nicht willst, geht von dir fort. (Sarvam tam paradat
yah anyatra atmanah sarvam veda).
Die Hirngespinste müssen zunächst geklärt werden. Wir
müssen uns genügend Zeit dafür nehmen. Wir sollten nicht
sagen, dass wir zu viel zu tun hätten; ich tue dies und tue das.
Nun, dann mach‘ weiter wie bisher und bleib wie du bist! Wir
haben bereits erwähnt, dass Arbeit und Meditation sich nicht im
Wege stehen. Das Argument, dass die Menschen bzgl. ihrer vielen Arbeit
ins Feld führen, ist bedeutungslos. Die Menschen arbeiten weder
richtig noch meditieren sie richtig. Das Leben, was meistens gelebt
wird, ist ein einziges Durcheinander. Es ist weder zielorientiert noch
der Mühe wert.
Um den Pfad der Vollkommenheit zu beschreiten, was auch als Meditation
bekannt ist, bedarf es fortwährendes Nachdenken. Schließ die
Türen, leg den Hörer neben das Telefon, ließ kein Buch,
schließe oder öffne die Augen, wie es beliebt, und denke
wie folgt: Was für ein Mensch bin ich?‘ Dieses Thema
haben wir auch zuvor schon berührt: Wer bist du?‘ Niemand
kann diese Frage beantworten. Nun musst du jemanden darüber befragen,
welcher Art von Mensch du bist. Du fragst dich: Was für
ein Mensch bin ich?‘ Bewege diese Frage aufrichtig von Grund
auf in deinem Herzen: Was für ein Mensch bin ich?‘ Es
können sehr unangenehme Antworten kommen. Ich bin sicherlich
nicht das, was ich vorgebe zu sein.‘ Diese Antwort ist gefährlich,
schockierend ist dieser Schuldspruch.
Führen wir ein Leben, das im Gegensatz zu dem steht, was wir
von uns selbst glauben zu sein? Dies ist der Grund, warum du dich mit
den Menschen, die diesen Weg beschreiten, über dieses Thema tief
gehend unterhalten musst. In dieser Welt, wo es schwierig ist, einen
Guru zu finden, und die Menschen von einem zum anderen laufen, ist
es besser, an Versammlungen wohlgesinnter Menschen teilzunehmen. Wir
sitzen hier zusammen, und ich glaube, dass wir alle wohlgesinnte Menschen
sind, und ich glaube auch, dass wir alle dasselbe wollen.
Fragt euch einmal gegenseitig: „Welche Fortschritte hast du
in der Meditation gemacht?“ Ich frage dich und du mich, ich frage
dann diesen oder jenen, wie in der Schule/ Universität, wo die
Studenten miteinander über die morgigen Examensthemen diskutieren.
Lasst uns das genauso machen.
Tat chintanam tat kathanam anyonyam tatprabodhanam etadekaparatvam
cha brahmabhyasam vidur budhah‘ - Panchadasi (7.106) –
Meditation bedeutet Brahman zu praktizieren; im Sanskrit heißt
das: Brahmabhyasa‘. Was heißt das?
Tatchintanam‘ – wie eine Mutter, die ihr einziges
Kind verloren hat, wie ein Ehemann, der seine frisch angetraute Frau
verloren hat, wie eine Ehefrau, die ihren frisch angetrauten Mann verloren
hat, wie jemand, der seinen gesamten Besitz verloren hat zu fühlen, – was
mag der-/ diejenige wohl empfinden? Es gibt in diesem Augenblick nur
einen Gedanken. Das heißt Tatchintanam‘: Nur an
DAS denken. Oh! Ich will IHN; Oh! Ich will IHN!‘ Die Mutter
schreit, wenn ihr Kind gestorben ist: Oh! Mein Lieber! Ich will
DICH; wohin bist du gegangen? Oh, wo ist mein Kind? Sie will weder
schlafen noch essen, sie wird nur noch schreien. Genauso musst du nach
der Allmacht verlangen: Oh! Wo bist DU? Ich will DICH!‘ Man
muss dies nicht vor anderen Leuten tun, sonst glauben diese noch, du
wärst ein bisschen verrückt! Tue dies nur in deinen eigenen
vier Wänden. Oh mein Gott! Wo bist DU?‘ Stelle dir
die Frage, wie ein kleines Kind. Ruf nach IHM: Wo bist DU? Ich
will nur DICH; ich will niemand anders; vergiss mich nicht; komm jetzt!
Ich brauche DICH dringend!‘ Wie der einzige noch in der Welt
verbliebene Mensch sprichst du zu Gott. Du hast IHN verloren und darum
bist du verlassen. Was für eine elende Situation! Du magst nichts
mehr sagen; du willst keinen Trost mehr in dieser Welt; du willst mit
niemandem mehr reden. Lieber Gott, wo bist DU? Ich habe DICH
verloren.‘ Fahre fort dir das Hirn zu zermartern. Dies nennt
man Tatchintanam‘ – nur an IHN denken, den du verloren
hast.
Tatkathanam‘ – mit den Leuten nur über dieses
Thema sprechen; mit jedem, der dir begegnet, sprichst du über
dieses Thema; sprich nicht über das Klima, das Land, wie das Land
vorankommt, oder über das internationale System – diese
Gespräche sind nicht gut! Du sprichst mit jedem über dieses
gleiche Thema: Wie kommst du voran? Welche Fortschritte machst
du? Geht alles in dieser Angelegenheit gut vonstatten? Lass uns darüber
sprechen. Komm, lass uns über dieses Thema sprechen. Was hältst
du davon? Wo liegen die Schwierigkeiten?‘ Dies ist Tatkathanam‘.
Nur an DAS zu denken oder über DAS zu sprechen.
Anyonyam tat prabodhanam‘ – sich gegenseitig durch
das Gespräch zu wecken. Manchmal gehen die Menschen zu mehreren
spazieren. Warum denkst dann nicht nur an DAS? Hallo, wie geht
es dir? Gestern habe ich an dies gedacht oder jenes gefühlt. Wie
denkst du darüber?‘ Anstatt hier und da in die Schaufensterauslagen
zu schauen, könntest du dich nicht besser während des Spazierengehens über
DAS unterhalten? Du brauchst an nichts Anderes zu denken. Anyonyam
tat prabodhanam‘ – dies ist die dritte Methode.
Etadekaparatvam cha Brahmabhyasam vidur budhah‘ – mache
dich von IHM vollständig abhängig. Was heißt vollkommen
abhängig zu sein‘? Du stellst dich selbst in den Hintergrund.
Du vermischst deine Gedanken mit IHM. Du versenkst dich in IHN. Du
hast das Interesse an allem Anderen verloren, denn es gibt nichts Anderes
außer die göttliche Allmacht. Dies ist Brahmabhyasam, die
Praxis auf Brahman zu meditieren.
Die Upanishad geht noch weiter: Sa eva adhastat, sa uparishtat‘ (Ch.
Up. 7-25). Gott, wo bist DU? Sa eva adhastat‘ – ER
ist unter mir; sa uparishtat‘ – ER ist über
mir; sa purastat‘ – ER ist vor mir; sa paschat‘ – ER
ist hinter mir; sa dakshinatah‘ – zu meiner Rechten; sa
uttaratah‘ – zu meiner Linken; sa eva idam sarvam‘ – ER
ist überall. Oh Gott! Dies bist DU!
Wer auch immer so denkt, wer es so versteht, wer so meditiert, braucht
keinen Freund. Er oder sie selbst werden sich selbst ein Freund oder
eine Freundin sein. In diesem Zustand bin ich mein Freund; ich
brauche keinen anderen Freund; ich möchte mich nicht irgendwelcher
anderen Dinge erfreuen; ich erfreue mich meiner selbst. Ich bin wundervoll,
so wundervoll. Oh, wie wundervoll‘, sagt die Taittiriya Upanishad.
Ha-a-a-vu, ha-a-a-vu, ha-a-a-vu‘ – wenn man solche
Laute, wie diese von sich gibt, dann handelt sich um ungebundene Ekstase;
gib irgendwelche Laute von dir, denn du weißt nicht, wie man
Ekstase ausdrücken sollt!
Aham annam; aham anndah‘
Ich bin derjenige, der die Nahrung zu sich nimmt; ich bin
auch die Nahrung, die gegessen wird, denn dieses Ich befindet sich
auch in der Nahrung – es ist nicht in dem Teller. Ich bin der,
der die Nahrung isst. Ich esse mich selbst als Nahrung.‘ Dies
sind Aussagen der Upanishaden. Dies sind Ekstasen großer Meister
aus der Vorzeit. Dies ist für jeden wunderbar zu vernehmen, der
für die Gnade der Verwirklichung Brahmans meditiert.
Es gibt im Wesentlichen zwei Arten der Meditation: Die eine ist Saguna
und die andere ist Nirguna. Die Meditation auf den allmächtigen
Gott als die Absolute Persönlichkeit ist Saguna Upasana. Vater
im Himmel‘, Narayana, Vishnu, Rama, Devi, Jesus Christus, Allah
usw. – welchen Namen du IHM auch immer geben magst, – dies
ist der Name einer Persönlichkeit von kosmischer Natur. Die kosmische
Ausdehnung über diese Persönlichkeit, die im menschlichen
Geist verankert ist, existiert normalerweise auch bzgl. Gott. Wenn
du auf diese Vorstellung auf Gott meditierst, dann wirst du DAS erreichen.
Doch die unendliche Persönlichkeit sitzt nicht genau hier, sondern
es gibt eine Distanz in ES. Auf diese Weise dauert es seine Zeit, bis
du den persönlichen Gott erreichst. Selbst wenn du Gott als eine
unendliche und höchst machtvolle Person ansiehst, so befindest
du dich immer noch außerhalb von IHR. Du kannst dich nicht in
die Größe der Persönlichkeit Gottes einbinden. Acharyas,
wie Ramanuja, Madhava und die Vaishnava Theologien sagen uns: „Du
betest Gott an, meditierst auf Gott, verehrst Gott, doch hältst
dich IHM gegenüber auf Distanz, denn nur ohne die Ausdehnung der
Vorstellung, kannst du dir vorstellen, wie Gott ist. Entsprechend den
Vaishnava Schriften gibt es vier Arten der Befreiung, die als Salokya,
Samipya, Sarupya und Sayujya bekannt sind. Dies sind reine Vorstellungen
der suchenden Schüler, die sich eine schrittweise Annäherung
zu Gott vorstellen.
In der selben Domäne wie Gott zu leben, ist eine Art von Ziel.
Wenn Gott im Himmel ist, bist du ebenfalls im Himmel. Vielleicht bist
du Gott nicht sehr nahe, vielleicht sogar weit von IHM entfernt, doch
befindest du dich im selben Königreich, wo ER regiert, und das
auch deine Heimstatt ist. Vielleicht bist du nicht in der Lage den
König zu sehen, doch bist du glücklich, im selben Reich zu
sein, das von IHM regiert wird. Dies ist Salokya Mukti. Dies ist auch
eine große Sache. Nach alledem bist du im Reich Gottes, obwohl
du Gott nicht siehst.
Samipya bedeutet Nähe zu Gott. Du lebst an der Seite des Reichsregenten.
Du wirst dich erhoben fühlen, denn der Königspalast ist hier.
Obwohl du nichts mit dem Palast zu tun und von der Nähe nichts
zu erwarten hast, sagt sich der Geist: Ich bin dem Königspalast
so nahe und nur ER ist hier!‘ Auf diese Weise ist die Nähe
zu Gott auch eine Stufe der Befreiung. Dies Samipya, die Nähe.
Eine weitere Stufe der Freiheit ist Sarupya: Die Form Gottes annehmen.
Du wirst ein Botschafter Gottes. Gott gibt dir Seine Macht, die ER
ausübt. Der Botschafter hat praktisch den gesamten Machtumfang
des Königreiches, dem er vorsteht. Er kann für das ganze
Land sprechen, das er vertritt. Die Vaishnava Schriften sagen, dass
Sarupya nicht nur bedeutet, ein Botschafter zu werden, sondern weit
mehr als das, denn der Botschafter sieht nicht wie der König aus,
obwohl er genauso verehrt und mit allen Utensilien eines Königs
ausgestattet werden kann. In Vaikuntha, der Heimstatt Vishnu, Narayana,
erscheinen alle wie Vishnu selbst. Wenn man den Begleiter Gottes sieht,
weiß man nicht, ob ER es nicht selbst ist, denn er sieht Gott ähnlich,
obwohl er es nicht selbst ist. Dies wird Sarupya genannt.
Das Letzte ist Sayujya und bedeutet, sich mit Gott zu vereinigen.
Dies ist das höchste Ziel. All dies versteht man unter Saguna,
der Meditation auf Gott, die mit allen guten Qualitäten gesegnet
ist – Kalyana guna sampanna, ananta koti kalyana guna sampanna – in
Gott befinden sich alle gesegneten Dinge. Sich hiermit zu vereinigen
bedeutet so viel wie die Vereinigung von Milch und Wasser, obwohl sie
wie eins ausschauen, sind sie doch nicht eins.
Dies ist die Qualität der Meditation, doch noch unterscheidest
du dich von Gott. Dies wird von den Acharyas der Vaishnava Kultur immer
und immer wieder betont. Sie betrachten das Streben, mit Gott eins
zu werden, als Blasphemie. Die Vaishnava Sampradaya folgen dem dasa
sampradaya Prinzip. Dasas, Madhvacharya Anhänger, betrachten sich
selbst als dasa, Diener Gottes, und die Ramanujacharya Anhänger
glauben von sich, dass sie seshatvam sind, d.h. hiermit beschreiben
sie die Beziehung zwischen dem Einzelnen und Gott. Das wiederum heißt: Du
bist eine Qualität Gottes, doch nicht Gott selbst; du bist ein
Sinnbild Gottes.‘ Alle Zellen deines Körpers sind einerseits
du selbst und andererseits doch wiederum nicht. Wir fühlen uns
nicht als Bündel hier sitzender Zellen. Nein! Ich bin hier,
warum sprichst du von Zellen?!‘ In ähnlicher Weise bist
du ein Sinnbild Gottes, wie Zellen im Körper Gottes, denn du bist
nicht dasselbe wie Gott.
Dies sind die Vaishnava Doktrin von seshatva und dasatva: Ich
bin ein dasa-dasa, (Diener, Diener); Vaishnava betont diese Form der
Hingabe.
Aham tu Narayanadasadasadasasya dasayachadasadasah – sagt der
Devotee – ich bin der Diener des Dieners des Dieners des
Dieners des Dieners des Dieners von Narayana‘, - sie gehen mit
gebeugtem und nicht mit erhobenem Haupt. So demütig muss man vor
Gott sein.
Die Menschen, die Gott auf diese Art und Weise verehren, werden das
Königreich Gottes erreichen, doch nicht Gott selbst werden. In
diesem Zusammenhang sagt die Brahma Sutra: Sie alle erfahren die Herrlichkeit
Gottes, doch sie haben nicht die Macht Gottes. Sie können die
Welt weder erschaffen, erhalten noch zerstören. Du kannst im Palast
des Präsidenten leben und dich aller Vorzüge des Präsidentenpalastes
erfreuen, doch kannst du nicht das machen, was der Präsident macht.
Selbst wenn du der Bruder des Präsidenten bist und im Palast lebst,
so bist du doch nicht der Präsident. Sich der Herrlichkeit Gottes
zu erfreuen, unterscheidet sich davon, ER selbst zu sein.
Dies ist das Ergebnis von Saguna Bhakti, wo entsprechend der Brahma
Sutra – Jagat Vyaparavarjam – dir alles, außer der
Macht der Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung, gehört.
Hier entstand ein Widerspruch bei den Kommentatoren der Brahma Sutra.
Es ist schön, all diese Ding zu hören: Gott ist groß;
du musst demütig sein; liebe Gott wie deinen hoch geliebten Meister,
als Herrlichkeit aller Herrlichkeiten. - Wie wundervoll! Wir
werden uns so verhalten.‘ Doch es ergeben sich einige rationale
Fragen, die auch in einigen Kommentaren besprochen werden.
Wenn du nicht mit Gott eins bist, bewahrst du selbst am Ziel eine
Distanz zu Gott. Wie sieht dann deine Zukunft aus? Wie lange wirst
du in Vaikuntha-Loka, Kailasa, Brahma-Loka oder im Himmel, der Heimstatt
Gottes, bleiben? Wie lange wirst du dort verweilen? In diesem Zustand
zu sein, bedeutet, sich der Kontemplation des Unendlichen zu erfreuen,
doch nicht zum Unendlichen zu werden. Du hast die Freude der Kontemplation
des Unendlichen, doch du kannst nicht das Unendliche werden, und dich
nicht wie das Unendliche verhalten. Dies ist ein seltsamer Gedanke
in der Brahma Sutra.
Insbesondere Shri Sankaracharya, der die Brahma Sutra so sorgfältig
kommentiert, hat sich, so wie ich (Swami Krishnananda) es verstehe,
in dem Netz dieser Erklärungen verfangen, denn Acharya Sankara,
der die besten Kommentare abgegeben hat, kann nicht den noch verbleibenden
Beschränkungen, die in der Befreiung fortbestehen, zustimmen.
Doch er kann auch nicht behaupten, dass die Sutra falsch ist. Sankaracharya
verstrickt sich immer wieder in Schwierigkeiten dieser Art. Es gibt
einige Stellen, wo er sich zwischen dem Akzeptieren des Brahma-Loka
Zieles gemäß der Sutra und dem Beharren auf die vollständige
Auflösung in Brahman als wahrhaftige Moksha (Befreiung) hin und
herbewegt.
Wenn die Sutra korrekt ist, dann sind die Identitätsdoktrin von
Sankara nicht korrekt; wenn die Identitätsdoktrin von Sankara
korrekt sind, ist die Sutra nicht richtig. Doch müssen wir beide
als korrekt ansehen. Wir können weder den Gedanken Sankara’s
noch die Brahma Sutra ablehnen. Sankara versöhnte sich mit dem
Gefühl, dass die Brahma Sutra an dieser Stelle nicht mit Nirguna
Brahman verbunden ist, selbst wenn es am Ende heißt: Anavrittih
shabdat, Anavrittih shabdat (keine Rückkehr); und genau damit
ist das Erreichen des kosmischen Schöpfers gemeint und nicht das
Absolute.
An dieser Stelle ergibt sich eine Schwierigkeit im Verstehen der Absicht
der Sutras. Ramanuja und die Vaishnava Acharyas haben keine Schwierigkeit!
Sie sagen: Ja! Es ist wie DAS!‘, denn man kann nicht Gott
selbst werden. Doch Acharya Sankara war damit nicht einverstanden,
denn wenn du nicht Gott werden kannst, dann wirst du wieder endlich;
und wenn du endlich bist, dann musst du umkehren und hast Moksha nicht
erreicht.