Yoga, eine medizinische Vorsorgepraxis ersten Grades
von Christine Endris
Yoga ist ein Sanskritwort
und wird meist interpretiert als das Beherrschen und Vereinigen aller unserer
Sinne und Seinsebenen zu einem Bewußtsein.
Dieses Bewußtsein
ist die Erfahrung des Freiseins von jeglichen Gedanken, die Erfahrung von
absoluter Stille und tiefem Frieden. Unsere Gedanken sind 'wie eine Horde
wilder Affen', die hektisch von einem Gegenstand zum anderen springen,
Bilder und Wünsche erzeugen, Verwirrung stiften und uns nicht zur
Ruhe kommen lassen.
In der Yogapraxis
kommen wir über die Beherrschung des Körpers und des Atems hin
zur Beherrschung des Geistes.
Der Mensch ist ein
Wesen mit verschiedenen Seins-Ebenen:
Der physische Körper
ist uns allen bewußt. Wir können ihn sehen, anfassen, riechen,
schmecken und in all seinen mehr oder weniger angenehmen Zuständen
spüren. Wenn wir ihm nicht geben, was er braucht - das richtige Essen,
Trinken und den Schlaf - wird er krank.
Der Astralkörper umfaßt die Ebenen des Denkens, des Handelns, des Intellekts, des Ich-Bewußtseins und des Unterbewußtseins - auch davon werden wir häufig gebeutelt, wenn unsere Eitelkeit verletzt ist und nicht das erhält, was ihr doch eigentlich auf jeden Fall und zwar sofort zustünde ... oder wenn wir eben noch himmelhoch jauchzend plötzlich zu Tode betrübt sind, mit anderen Worten: diese Ebene kann sehr viel Leid verursachen, wenn wir uns unseren Gedanken, Wünschen und Emotionen ausliefern.
Zwischen diesen beiden Ebenen wirkt die energetische Hülle, im Yoga Pranayama Kosha genannt. Sie ist unsere Lebensenergie. Auch diese Ebene ist für jeden erfahrbar, wenn wir einmal sehr fit sind, ein anderes mal nur schlapp, oder wenn wir einem Menschen gegenüberstehen, der eine starke Ausstrahlung hat.
Hatha Yoga mit Körper- und Atemübungen (Asanas und Pranayama) ist der im Westen noch immer bekannteste Yogaweg, wenn auch die philosophischen und spirituellen Aspekte des Yoga seit einigen Jahren ebenfalls ein starkes Interesse erfahren, denn sie sind frei von jeder dogmatischen Weltanschauung. Die Philosophie des Yoga basiert auf Jahrtausende alter Erfahrung.
Durch das regelmäßige Praktizieren von Hatha Yoga werden alle Seins-Ebenen angerührt, stimuliert und in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander gebracht. Wir machen Asanas, verbunden mit tiefer, bewußter Atmung, und erhalten Ergebnisse auf körperlicher, energetischer, geistiger und seelischer Ebene. Wir heilen uns.
Nehmen wir zum Beispiel
eine einfache Yogaübung, die Vorwärtsbeuge (Pascimottan-Asana):
Wir sitzen mit aufgerichteter Wirbelsäule und gerade ausgestreckten
Beinen auf dem Boden, heben die Arme zur Decke und beugen uns dann aus
der Hüfte mit geradem Rücken nach vorne, Blickrichtung zu den
Füßen. Was passiert?
Die gesamte Wirbelsäule
wird ohne Belastung gedehnt, Hohlkreuz und Rundrücken werden korrigiert,
die Bänder und Muskeln der Beine, des gesamten Rumpfes bis hinauf
zum Hals-Nacken-Bereich werden durch die aufgerichtete Haltung gedehnt
und gestärkt. Wegen der Verengung im Bauchbereich und durch tiefe
Bauchatmung werden die Bauch- und Geschlechtsorgane massiert und intensiv
durchblutet. Dies wirkt sich positiv aus auf die Zuckerkrankheit, alle
Magen- und Verdauungsstörungen und hilft bie Appetitlosigkeit. Außerdem
wird überschüssiges Fett abgebaut. Blut-, Nerven- und Energiekanäle
im Rückenmark werden stimuliert, der Durchfluß intensiviert.
Die aufgerichtete, nach vorne gebeugte Haltung erzeugt eine kraftvolle
und doch weiche Energie: 'Ich fließe mit dem Fluß meines Lebens'.
Die in sich geschlossene
Haltung erzeugt auch eine Konzentration nach innen. Die Asanas werden in
einer ruhigen Atmosphäre und vorwiegend mit geschlossenen Augen ausgeführt.
Bei dieser Praxis wird deutlich spürbar, was der Körper braucht.
Der Übende sensibilisiert sich für die Bedürfnisse des Körpers,
für seine Ernährung, für seine gesundheitliche Vorsorge,
er geht behutsamer damit um.
Die Aufmerksamkeit
geht zum Atem und zum Körpergeschehen, oft sogar darüber hinaus,
so daß der Übende zur ganzheitlichen Erfahrung seines Selbst
kommt. Dies erzeugt ein hohes Maß an Gelassenheit im Alltag, Streß
wird abgebaut, man weiß, wo die eigenen Grenzen sind. Und dem Übenden
wird bewußt, daß seine täglichen Gewohnheiten, die guten
und die schlechten, eng mit seiner inneren Einstellung verbunden sind.
Und daß er/sie es sehr wohl in der Hand hat, wie es darum bestellt
ist.
Wissenschaftliche
Untersuchungen belegen, daß Yoga Übende signifikant mehr Lebensfreude
haben als die untersuchte Kontrollgruppe, daß ihre Aktivität,
ihre Extrovertiertheit und ihre Selbstsicherheit zunehmen, daß Ärger,
Angstgefühle, Depression und Pharmakaeinnahme dagegen abnehmen. Sie
sind weniger empfindlich im Umgang mit anderen. Dies zeigt, daß mit
Yoga eine ausgezeichnete Möglichkeit gegeben ist, vorbeugenden Gesundheitsschutz
zu betreiben.
Literatur: Psychologische,
kardiovaskuläre und endokrine Wirkungen von Hatha-Yoga-Übungen
/ Franz-Jürgen Schell. - Köln, Universität, medizinische
Fakultät, Dissertation, 1995.
Christine Endris
(Bund der Yoga Vidya Lehrer)