Swami Krishnananda

Brahma Sutra

Die Ursache von Bindungen

Die Brahma Sutra ist ein Moksha Sastra, das sich mit dem Thema der Befreiung der Seele befasst. Wie kommt es zu Bindungen, und wie kann man Bindungen wieder schrittweise rückgängig machen. Dies ist das Hauptthema dieser wundervollen Brahma Sutra. Wie kommt es zu Bindungen? Dieses Thema wird in der Chhandogya Upanishad und der Brihadranyaka Upanishad unter dem Kapitel Panchagni Vidya behandelt.

Das Kind geht bereits bei der Geburt eine Bindung ein. Wie gelangt das Kind in den Bauch der Mutter? Warum ist es für das Kind notwendig, in den Bauch der Mutter zu gelangen? Woher weiß das Kind, welches seine passenden Eltern sind? Es gibt unzählige Elternpaare auf der Welt. Warum wählt es nur ein bestimmtes Elternpaar aus?

Wenn wir über dieses Thema sprechen, müssen wir zunächst wissen, was es für eine Seele bedeutet, ins Leben zu treten. Was ist Seele? Woraus besteht sie? Im Allgemeinen haben wir eine falsche Vorstellung davon. Viele Menschen glauben, dass die Seele eine Art von Substanz ist, die sich wie ein kleiner Ball, ähnlich dem Merkur, im Körper bewegt. Alle möglichen Vorstellungen gibt es über Jiva, Atma, Seele usw. Nichts dergleichen trifft zu.

Jiva oder die Seele, ist für diesen Zweck unser Subjekt, das Ziel unserer Wünsche. Die Seele, von der wir hier sprechen, ist nicht die Universale Seele, sondern es ist die gebundene Seele; und niemand kann ohne einen Wunsch zu einem bestimmten Zeitpunkt gebunden werden.

Es ist nicht das Kind, sondern der Wunsch, der geboren wird. Der Mensch ist ein Musterexemplar, das aus vielen Wünschen zusammengefügt wurde. Jede Zelle unseres Körpers besteht aus Wünschen. Der Körper geht mit zahllosen Wünschen einher. Doch nicht jede beliebige Anzahl von Wünschen kann mit einer Geburt erfüllt werden. Intelligenterweise wird nur eine bestimmte Zahl von Wünschen ausgewählt, um diese durch eine einzige Inkarnation zu erfüllen.

Der Wunsch eines Menschen ist in seiner Natur endlich. Wenn es jedoch möglich wäre, würde er die ganze Welt verschlingen. Dies ist aus verschiedenen Gründen unmöglich; doch wenn es möglich wäre, würde er es tun. Er würde auch den ganzen Himmel einnehmen! So verhält es sich mit der gierigen, unersättlichen Natur der Wünsche.

Was ist ein Wunsch? Es ist eine Konzentration des Bewusstseins auf einen bestimmten Punkt hin. Genauso wie wir mit Hilfe einer Lupe Sonnenstrahlen zu einem Punkt bündeln können, ist es für das Universale Bewusstsein auf ähnliche Weise möglich, sich auf einen Punkt zu konzentrieren und sich damit selbst zu beschränken. Es heißt in den Upanishaden, wenn sich das Be­wusst­sein selbst beschränkt, sieht dies wie ein Funkenflug aus. Wie bei einer Feuersbrunst, sprühen die Funken in alle Richtungen, auf diese Weise gehen von der Feuersbrunst des Brahma Feuers‘ viele kleine Funken aus, die sich aber wie selbstständig‘ verhalten. So weit, so gut. Die Schöpfung ist damit nicht zu Ende.

Die davonfliegenden Funken verselbstständigen sich, so wie sich jeder kleine Vorgesetzte in der Provinz von einer Zentralregierung unabhängig fühlt. Dies wird als Lossagen‘ bezeichnet. Ein Kreisdirektor mag so den ganzen Kreis als sein Eigen betrachten. Ein Ortbürgermeister mag das Dorf als sein Eigen ansehen. Obwohl sie alle nur als verlängerte Arme der Zentralregierung fungieren, können sie sich innerlich durch Arroganz zu einer gewissen Unabhängigkeit in ihrem kleinen Verantwortungsbereich entwickeln. So glaubt dann von sich ein kleiner Prediger:Ich bin der Herr dieser Gemeinde.‘ Auf ähnlich tragische Weise wurde die individuelle Seele befallen.

Der Wunsch ist die Natur der inkarnierten Seele. Doch der Wunsch ist lediglich die Notwendigkeit, einem Bedürfnis nachzukommen; ein unerfüllter Wunsch ist ein Übel. Der Wunsch ist ein intensives konzentriertes Voranschreiten zu einem Punkt hin, der vom Bewusstsein vorgegeben ist, und der dem Drang der Wunscherfüllung entspricht.

Was geschieht? Wunscherfüllung ist nur möglich, wenn ein Objekt vorhanden ist, durch das der Wunsch erfüllt werden kann. Die weltlichen Objekte sind von Natur aus körperlich. Ein Funken allein kann nicht mit einem körperlichen Objekt in Berührung kommen. Darum nimmt der Wunsch parallel eine körperliche Gestalt an. Dazu benutzt er Bausteine, wie Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther; - und genau hier befinden wir uns jetzt: Ein innerlich zentrierter Wunsch, der auf irgendetwas Äußerliches gerichtet ist. Diese physische Verkörperung wird als Körper angenommen.

Was sind das für Verkörperungen? Sie sind nichts weiter als abgetrennte Teilchen und Formationen der fünf Elemente. Die fünf Elemente sind überall, doch die Teilchen all dieser Elemente, wurden um einen Konzentrationspunkt herum, wie von einem Magnetkern, angezogen. Das Wunschzentrum, die individuelle Seele, ist ein Zentrum, das sich wie ein Magnetkern verhält. Dieses Zentrum ist auch als Ego bekannt. Die Aufgabe des Egos besteht darin, alles magnetisch anzuziehen, wobei alle dualen Funktionen des Wunsches – des Egos – abgestoßen werden.

Bei der Geburt, zum Zweck der Wunscherfüllung, vergisst das Wunschzentrum, dass das körperliche Haus auf Grund seines Baumaterials keine allzu lange Lebensdauer hat. Wie lange wird dieses Haus halten? Es wird eines Tages ermüden. Man muss es neu tünchen, zementieren, kleiden, baden, waschen und reinigen; wir machen so viele Dinge, doch wie lange? Wie lange kann dieses Haus erhalten werden? Eines Tages stürzt es ein. Dies kennt man als Tod des Körpers.

Die Lebensdauer eines Menschen hängt davon ab, wie lange der Körper die Wunschhandlungen toleriert. Daran sollte man immer wieder denken. Ein bestimmter Wunsch hat eine bestimmte damit verbundene Kraft, und der Körper existiert so lange, wie diese Kraft andauert, - wie Spannung bei der Elektrizität. Wenn es sich um Hochspannung handelt, wird der Körper länger erhalten bleiben; wenn es sich um Niederspannung handelt, hat er eine kürzere Lebensdauer. Doch Wünsche bleiben durch den Zusammenbruch des Körpers nicht unerfüllt, denn Wünsche kommen nicht nur mit einem Objekt in Berührung. Wünsche wollen alles. Insoweit wie der Wunschkern durch Entsagung vom Universalen Sein alles verloren hat, sucht dieser nach künstlicher Ersatzbefriedigung durch Besitznahme aller möglichen Dinge. Wenn jemand alles verloren hat, will er im schlimmsten Fall alles. Jemand, der zwei Monate lang nichts zu Essen hatte, hat einen solchen Heißhunger, dass er sogar Steine essen würde.

Du hast das Unendliche verloren, und darum hast du jetzt den unendlichen Wunsch, ihn selbst durch Berührung mit zahllosen endlichen Objekten zu erfüllen. Dies ist eine kurze Geschichte von Geburt und Tod, einer endlosen Kette von Seelenwanderungen, - Samsara. Eine Vielzahl von Endlichkeiten machen nicht das Unendliche.

Welche Erfahrungen macht man in der Stunde des Todes wirklich? Die Panchagni Vidya ist sehr interessant. Der Körper wird schwach; das Haus‘ sagt: Ich breche zusammen!‘ Die Steine sind schwach, der Putz fällt heraus; es gibt undichte Stellen am Kopf – alles wird vollständig zerfallen sein. Ich muss niesen‘, meine Gelenke tun weh‘, Oh‘ – wird er weiterhin klagen. Dies sind die Symptome für das nahe Ende des Körpers.

Was geschieht? Wenn die Zeit des Sterbens kommt, stellt das Gehör seinen Dienst ein. Körper und Persönlichkeit bestehen aus den fünf Elementen. Die Elemente ziehen sich nacheinander zurück. Das Hören ist mit dem Raum verbunden. Das Göttliche des Raumes möchte sich zurückziehen und die Hörfähigkeit hört auf. Ein Sterbender kann nicht mehr verstehen, was gesagt wird. Doch, was bleibt? Die nächste Stufe des Abstiegs im Schöpfungsprozess ist Vayu, die Fähigkeit zu berühren. Das Fühlen vergeht ebenfalls. Dann vergeht das Feuer: der Körper wird kalt; es entsteht ein Kältegefühl in Füße und Hände; die Leute sagen: Oh! Er geht, er geht.‘ Er wird kalt.‘ Dann wird die Haut welk; das Wasserhaushalt bricht zusammen und der Körper trocknet aus.

Die (Prana) Lebensenergie, die mit allen inneren Ebenen des Körpers verbunden war, erzittert. Der Todeskampf erfasst den ganzen Körper. Und der Funken, der das Individuum ausmachte, offenbart sich nun noch einmal wie ein kleines Glimmen an der Spitze des Herzens. Dieses Glimmen ist auf Grund der Wolken des Wunsches und der allgemeinen Geschäftigkeit des Menschen im normalen Leben nicht sichtbar. Die Glut ist verdeckt, und wir wissen es nicht. Wenn nun der Körper abgeschüttelt wird, tritt dieses Glimmen hervor. An der Spitze des Herzens leuchtet ein Funken. Dies ist das Symbol der Jiva, die den Körper verlassen möchte. Mit einem plötzlichen Ruck verlässt der kleine Funken diesen Körper und nimmt die Lebensenergien mit sich.

Werden in der Stunde des Todes Schmerzen empfunden oder nicht? Das kann nur nach dem Wunsch beurteilt werden, dem der Körper standhält. Die Wünsche sind verschiedener Natur. Intolerantes Verlangen ist die eine Art. Normales Verlangen ist eine andere Art. Ein Mensch, der drei Mal am Tag isst, wird größere Qualen am Fasttag erleiden, als jemand, der regelmäßig zwei Mal isst; und derjenige, der nur einmal pro Tag isst, erleidet dann noch weniger Probleme. Auf ähnliche Weise bestimmen die Wünsche, die Sattvika (rein), Rajasika (abgelenkt) oder Tamasika (dunkel) sein können, die Gefühle in der Stunde des Todes.

Der Todeskampf wird durch die Intensität der Wünsche bestimmt, die im Leben eine Rolle gespielt haben. Jene Menschen, die in ihrem ganzen Leben gebetet, Gott verehrt und meditiert haben, und ein Leben voller Güte, Mitleid und Dienst am Nächsten geführt haben, werden keinen so schweren Todeskampf, wie andere Menschen empfinden. Jene Menschen aber, die abgründig korrupt und verlogen sind, geschmuggelt haben, den Frieden anderer Menschen zerstört, als Banditen ihr Unwesen getrieben und andere schlimme Dinge getan haben, werden in der Todesstunde einen fürchterlichen Schlag im Kopf fühlen.

Warum sollte man dies fühlen? Wenn man ein wirklich religiöses Leben mit Gebeten, Meditation, Dienst am Nächsten, Güte, Mitleid geführt hat und die Liebe zu Gott im Vordergrund stand, wird dies eine lindernde Wirkung in der Todesstunde haben.

Wenn du deinem Guru gedient hast, wird die Gnade des Gurus in dieser Todesstunde wirken. Wenn das Sadhana sehr intensiv war, so wird gesagt, können erwartete Tragödien durch die Gnade Gottes oder des Guru im Traum bewältigt werden. Angenommen, man hat das Schicksal vom Baum zu fallen und sich dadurch ein Bein zu brechen. Durch die Macht der Hingabe, die Verehrung, die Gebete und durch die Gnade des Gurus, findet dieses Ereignis im Traum statt. Man fällt im Traum vom Baum und bricht sich das Bein; beim Erwachen wird ein imaginärer Schmerz gefühlt. Und anstatt das Bein wirklich zu brechen, geschieht es durch Gurus Gnade, Gottes Gnade und die Macht des Sadhana nur symbolisch. Wenn man ein göttliches Leben geführt hat, wird in ähnlicher Art und Weise der Todeskampf abgemildert.

In den Ausführungen der Panchagni Vidya bzgl. Brahma Sutra, werden die Passagen nach dem Tod beschrieben. Wohin geht die Reise? Wir wollen es nicht wissen! Wir essen gut, schlafen gut und haben in dieser Welt ein freudevolles Leben; wer denkt schon an die Zeit danach?

Die Seele wandert zu dem Ort oder zu der Sache, woran der Geist sein Leben lang schon immer gedacht hat. Nun lass jeden selbst heraus finden, woran er sein ganzes Leben lang gedacht hat. Man mag von sich sagen, man hätte an viele Dinge gedacht; selbst dann gibt es eine Meinung von sich selbst; dieses setzt sich fort. Die Seele wird von dem Ort angezogen und wieder geboren werden.

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