Ich will hier über Kundalini-Yoga-Praxis schreiben.
Dies ist ein Widerspruch in sich: Denn Praxis heißt ja, Du übst
und praktizierst. Kundalini-Yoga musst Du üben, nur so kannst Du
herausfinden, was er ist und wie er auf Dich wirkt. In den zahlreichen
Kundalini-Yoga-Seminaren und Workshops, die ich gebe, ist der größte
Teil Praxis. So hat auch Swami Sivananda, der Meister, in dessen Tradition
ich stehe, gerne gesagt: „Ein Gramm Praxis ist besser als Tonnen von
Theorie.“ Einmal hat ihn ein Schüler daraufhin gefragt: „Warum
hast du dann über 200 Bücher geschrieben?“ Swami Sivananda
antwortete: „Manche Menschen brauchen Tonnen von Theorie, um zu einem
Gramm Praxis angeregt zu werden.“ – In diesem Sinne möchte ich
gerne etwas über die Praxis schreiben und so vielleicht die eine
oder andere Leserin und den einen oder anderen Leser zum Praktizieren
oder zum Intensivieren der eigenen Übung zu motivieren.
Ich glaube, dass Kundalini-Yoga in unserer materialistisch
und auf Erlebnis ausgerichteten Kultur noch einen sehr großen
Stellenwert bekommen wird. Denn es ist ein spirituelles System, in dem
Du praktizierst und Wirkungen selbst erfahren kannst. Du brauchst nicht
zu glauben – Du kannst üben und erleben. Und wenn Du einmal erfahren
hast, wirklich erfahren hast, bist Du fest verankert auf dem spirituellen
Weg.
Was ist Kundalini-Yoga?
Kundalini ist eine religionsübergreifende klassische
Tradition, die zwar aus dem Hinduismus kommt, aber auch Sikhismus, Jainismus
und Sufismus befruchtet hat und als Teil der tantrischen Tradition in
den tibetanischen Buddhismus eingegangen ist. Kundalini-Yoga, der Yoga
der Energie, ist eine systematische Wissenschaft, ein Weg, den es erwiesenermaßen
seit Jahrhunderten, wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden gibt. Und
der in Büchern nur kryptisch dargelegt ist. Der größte
Teil der Aussagen und Techniken wird bis heute mündlich weitergegeben.
Und dafür gibt es natürlich gute Gründe.
Die Kundalini-Yoga-Meister sagen, daß im Menschen
ein riesiges Potential an Fähigkeiten, Talenten, Möglichkeiten
latent vorhanden ist. Demnach ist der Mensch absolutes, reines Bewußtsein
– Shiva oder Parama Shiva genannt – und verfügt über die gesamte
kosmische Urenergie, die als Shakti bezeichnet wird. Diese kosmische
Urenergie hat das Leben zur Entfaltung gebracht und sie wirkt weiter
in der kontinuierlichen Evolution der gesamten Schöpfung. Es ist
diese Urenergie, welche aus der Mineralwelt die Pflanzen hat entstehen
lassen, aus den Pflanzen die Tiere, aus den Tieren den Menschen. Es
ist diese Energie, die den Menschen ruhelos werden lässt, den Menschen
suchen lässt, nach etwas Höherem streben lässt. Es ist
diese Energie schließlich, die dem Menschen verhilft, das Höchste,
die Einheit mit dem Absoluten, zu erreichen.
Diese Kundalini-Energie gilt im Menschen als schlafend
(Kundalini bedeutet „die Aufgerollte“ – symbolisch für eine schlafende
Schlange). Sie kann in verschiedenen Stufen schrittweise erwachen. Und
ein erstes Zeichen für dieses Erwachen ist es, wenn Du Dir die
Frage stellst: „Wer bin ich?“ Woher komme ich?“ „Wohin gehe ich?“ „Was
ist der Zweck des Lebens?“. Und je stärker die Kundalini erwacht,
desto mehr treibt sie uns dazu, nicht nur bei dieser Frage stehenzubleiben,
sondern etwas zu tun, spirituell zu suchen, zu praktizieren.
Kundalini ist die Kraft hinter Genies, hinter großartigen
Begabungen wie Leonardo da Vinci, Mozart, Goethe, Newton, Einstein und
vielen anderen, hinter allen großen charismatischen Persönlichkeiten.
Letztlich ist Kundalini die Energie hinter jeder spirituellen Erfahrung
und die evolutionäre Energie hinter der ganzen Menschheit.
Grundsätzlich kannst Du die Kundalini durch jede
Art von spiritueller Erfahrung und Praxis erwecken. Der spezielle Weg
des Kundalini-Yoga bietet jedoch Techniken für eine systematische
Vorbereitung, Reinigung und Stärkung des gesamten Körper-Geist-Systems
sowie die Erweckung und Lenkung der Energien.
Hier eine Dia-Show mit Abbildungen der Chakras, gezeichnet von Sharada
Dazu gehören konkret einige prinzipielle Voraussetzungen
sowie Übungen aus fünf Spezialbereichen des Yoga.
Die grundlegenden Voraussetzungen sind:
das theoretische Wissen über die Shiva-Shakti-Philosophie
als Hintergrund und Bezugsrahmen (Jnana-Yoga).
Hingabe an Gott bzw. die Kosmische Energie,
im klassischen Tantra die Verehrung der göttlichen Mutter (Bhakti-Yoga)
Ethische Disziplin, die Schulung des Charakters
und der Persönlichkeit, die Einhaltung von Yamas und Niyamas
(Raja-Yoga)
Reinigung des Herzens durch selbstlosen Dienst
am Nächsten, an Gott und am spirituellen Lehrer (Karma Yoga)
Die Praktiken des Kundalini-Yoga im engeren Sinn lassen sich einteilen
in:
Hatha-Yoga
Mantra-Yoga
Nada-Yoga
Yantra-Yoga
Laya-Yoga
Diese fünf Techniken werden in der klassischen Tradition geübt,
um die Energien zu aktivieren, zu erhöhen, gezielt zu lenken und
zu harmonisieren.
Hatha-Yoga
Hatha-Yoga, der Yoga der Körperschulung, ist im Westen
sicher am verbreitetsten. Hatha-Yoga umfaßt seinerseits wieder
verschiedene Praktiken.
Eine grundlegende Voraussetzung sind auch hier die Yamas und Niyamas,
die ethische Einstellung und geistige Schulung. Ebenso sind im Hatha-Yoga
Meditationstechniken enthalten. Ein Viertel der Hatha Yoga Pradipika,
des Grundlagentextes über Hatha-Yoga, spricht über Meditations-techniken.
Und natürlich gehören zum Hatha-Yoga die Asanas,
die Körperstellungen sowie Pranayama, die Atemübungen, zusammen
mit Bandhas (Verschlüssen) und Mudras („Siegel“, Körperhaltung).
Asanas haben verschiedene Funktionen. Eine davon ist die Energieerweckung,
die in der Tradition, aus der ich komme, vor allem durch langes Halten
der Stellungen erreicht wird. Langes Halten der Stellungen führt
zu Erfahrungen jenseits des Körperbewußtseins. Du gelangst
auf eine ganz andere Ebene. Asanas können Dich vom Irdisch-Materiellen
lösen, in höhere Bewußtsteinzustände hineinführen.
Umgekehrt helfen sie Dir aber auch, einen transzendentalen Aspekt in
das Körperlich-Materielle hineinzubringen.
Pranayama ist neben der Meditation die Schlüsseltechnik,
mit der Du an Deinen Energien arbeiten kannst. Es gibt vorbereitende,
reinigende, energieerweckende, kühlende und harmonisierende Atemübungen.
Fortgeschrittenes Pranayama ist immer verbunden mit Bandhas, bestimmten
Verschlüssen, die Du richtig lernen mußt und setzen können
mußt. So fließt die Energie, die Du erweckst, nicht weg,
sondern reinigt stattdessen die Nadis (Energiekanäle) und Chakras
(Energiezent-ren).
Ein wichtiger Aspekt im Hatha-Yoga sind auch die Kriyas.
Das Wort Kriya an sich heißt einfach Handlung und es bedeutet
in verschiedenen Yogasystemen jeweils etwas anderes. Im Hatha Yoga sind
die Kriyas die Reinigungstechniken: Augen-, Nasen-, Magen-, Darmreinigung,
Reinigung der Atemwege. Mit den Kriyas kannst Du den Körper rein
und stark machen, so daß die immer stärker werdende Energie
frei und ohne Blockaden fließt und der Prozeß der Energieerweckung
harmonisch verlaufen kann.
Mantra-Yoga
Mantras sind klassische Sanskritsilben und worte, in denen
die Urenergie des Klangs, ihre ursprüngliche Bedeutung, unmittelbar
enthalten ist. Durch Wiederholung des Mantras entfaltet sich diese im
Klang eingeschlossene Energie. Das verbreitetste ist Om. Es gibt auch
komplexere Mantras wie Om Namah Shivaya oder Om Namo Narayana, die jeweils
einen besonderen Aspekt der kosmischen Energie beinhalten.
Man unterscheidet verschiedene Arten von Mantras.
Es gibt zum einen die sogenannten Moksha-Mantras (Moksha = Befreiung).
Diese Moksha-Mantrags vermögen bei genügend langer Wiederholung
Deinen Körper, Deine Lebensenergie, Deine Emotionen, Deine Gedanken
und Deinen Intellekt zu transformieren. Schließlich wird Dein
Bewußtsein nicht mehr von Körper und Geist begrenzt, sondern
ruht in sich selbst. Du erreichst Samadhi, den überbewußten
Zustand. Du erfährst Sat Chid Ananda – grenzenloses, unbegrenztes
Sein, Wissen und Glückseligkeit.
Eine andere Form von Mantras sind die Mantras der Chakras, die sogenannten
Bija-Mantras. Mittels dieser Mantras kannst Du die Energiezentren gezielt
und systematisch aktivieren, öffnen.
Du kannst also mit Mantras Energien verändern. Allgemein bekannt
ist ja, daß Musik die Stimmung verändert, heilend, beruhigend
oder aktivierend wirken kann. Musik ist eine Weise, auf Energien einzuwirken.
Und ein Mantra ist eine ganz spezifische Weise, Energien zu erwecken
und zu lenken. Mantras stellen auch eine persönliche Beziehung
her zu einem bestimmten Aspekt der kosmischen Energie oder zu einem
bestimmten Lehrer. Wenn die Kundalini-Energie tatsächlich aktiv
wird, hast Du über das Mantra Halt und Führung. Mittels des
Mantras kannst Du Kontakt aufnehmen zu Gott oder/und zu Deinem spirituellen
Lehrer.
Nada-Yoga
Nada Yoga ist der Yoga des Klanges. Im Unterschied zum
Mantra-Yoga, wo die Wirkung auf der Wiederholung eines Sanskritwortes
beruht, ist Nada-Yoga die Arbeit mit dem Klang an sich. Die klassische
indische Musik zum Beispiel ist eigentlich keine Unterhaltungsmusik,
sondern sie dient dazu, Energieerfahrungen zu bekommen.
Der äußere Nada-Yoga besteht aus einer bestimmten Art von
Musik, von Klängen.
Der innere Nada-Yoga manifestiert sich zum Beispiel in Form von Anahata-Klängen,
inneren Klängen, die Du vielleicht manchmal in tiefer Meditation
oder in einem hochenergetisierten Raum hören kannst.
Yantra-Yoga
Yantra-Yoga arbeitet mit Bildern, Farben und Formen. Die
bekanntesten Yantras sind die Darstellungen der Chakras. Sie haben Farben,
Gestalt, Symbole. All das kann man meditativ auf sich wirken lassen.
Über die Wahrnehmung dieser Yantras kannst Du die Energie und den
Bewußtseinsinhalt des entsprechenden Chakras aktivieren.
Laya-Yoga
Laya-Yoga wird in verschiedensten Traditionen unterschiedlich
erklärt. In manchen Traditionen ist Laya-Yoga gleichbedeutend mit
Kundalini-Yoga. In dem Sinne, wie ich ihn jetzt interpretiere, ist Laya-Yoga
eine Weise, das Bewußtsein auf Energie an sich zu konzentrieren.
Ein Beispiel einer Laya-Yoga-Technik: Während der Meditation löse
alle Bilder und Worte auf. Werde Dir nur des Gefühls bzw. der Essenz
des Gedankens an sich bewußt. Dann löse diese Empfindung
in reine Energie auf. So erfährst Du die Urenergie hinter allen
Gedanken und Emotionen, Shakti. Und Shakti führt Dich zur Erfahrung
von Shiva, reinem Bewußtsein.
Stufenweises systematisches Entwickeln und Entfalten
Kundalini-Yoga bedeutet nicht die sofortige Erweckung
der Kundalini. Das ist nicht möglich und auch nicht wünschenswert
- genauso wenig, wie Bhakti-Yoga mit sofortiger grenzenloser Hingabe
zum Göttlichen anfängt oder Jnana-Yoga mit der vollkommenen
Erkenntnis der Einheit oder Raja-Yoga mit der vollständigen Herrschaft
über den Geist. Du solltest im Kundalini-Yoga mittels der oben
beschriebenen Techniken schrittweise und systematisch vorgehen.
Der erste Schritt ist die Erhöhung von
Prana, der Lebensenergie, die notwendig ist, um überhaupt Kraft
für weitergehende Aktivitäten zu haben. Der Hatha Yoga,
der ja ein Teil des Kundalini-Yoga-Systems ist, ist eine wichtige
Grundlage, um Dein Körper-Geist-System zu harmonisieren, zu energetisieren
und zu stärken für das größere Maß an Energie,
das Du im Laufe der Praxis erweckst.
Ein nächster Schritt ist die Reinigung,
Shodhana: Reinigung Deiner Nadis (Energiekanäle) und Chakras
(Energiezentren), auch die Reinigung Deines Körpers, Gefühlslebens
und Geistes. Wenn das System rein ist, kann die Energie frei fließen.
Parallel zur Reinigung muß auch Stärkung
erfolgen. Denn wenn Energie aktiviert wird, müssen die Systeme,
durch die sie fließt, auch stark sein – ähnlich wie für
Starkstrom normale Stromleitungen nicht ausreichen. Der Körper
muß in der Lage sein, ein Mehr an Energie auszuhalten. Eine
gewisse emotionelle Festigkeit und intellektuelle Klarheit sind ebenfalls
wichtig.
Als nächstes folgt die Stufe der spirituellen
Erfahrungen: Wahrnehmungen der feinstofflichen Ebenen, Astralerfahrungen
und erste Vorbereitungserfahrungen wie Hitze, Wärme, Strom in
der Wirbelsäule, Durcheinandergeschüttelt wer-den, Spüren
der Chakras, usw.
Darauf folgen die Erweckungserfahrungen, die
das Leben des Aspiranten zunächst einmal gründlich durcheinanderbringen
können – nicht notwendigerweise müssen, aber können.
Diese Erfahrungen können anfangs heftig und machtvoll, oft auch
bedrohlich und dunkel sein – das ist der Kali-Aspekt. Später
sind sie eher als schützende, mütterliche Durga-Energie
spürbar. Dann folgt der Lakshmi-Aspekt in Form einer Erweckung
verschiedener Fähigkeiten und Möglichkeiten, zum Beispiel
als Imagination, Inspiration, Intuition. Und schließlich kommt
der Saraswati-Aspekt als intuitive Erkenntnis und Weisheit, unmittelbares
Wissen. Um diesen Prozeß gut und sicher durchgehen zu können,
ist kompetente Anleitung natürlich sehr wichtig.
Formen der Kundalini-Erweckung
Die Erweckung der Kundalini kann verschiedene Formen annehmen.
Sie kann langsam, scheinbar unmerklich erfolgen. In diesem Fall äußert
sie sich in einer allmählichen Veränderung und Erweiterung
von Fähigkeiten und Bewußtsein. Sie kann sich allein auf
geistiger Ebene manifestieren. Aber sie kann auch dramatisch erfolgen,
wie in den oben beschriebenen typischen Phänomenen: eine Hitze,
ein Glühen in der Wirbelsäule, ein Erzittern, ein automatisches
Einnehmen von Yogastellungen, Pranayamas, Mudras. Sie kann sich manifestieren
in Wahrnehmungen subtiler Welten, Reduzierung des Schlafbedürfnisses,
starker Energieempfindung, so, als stünde man ständig unter
Hochspannung und in einem Gefühl unendlicher Wonne.
Ratschläge und Maßnahmen bei Spontanerweckungen
Für den Fall von Spontanerweckungen gibt es zwei einfache Ratschläge.
1. Habe Mut und Vertrauen
2. Versuche nicht, diese Energie zu stoppen, sondern laß sie fließen
und das tun, was nötig ist
Die Kundalini-Kraft ist kein außer Kontrolle geratenes
Atomkraftwerk oder eine unkontrollierte Energie, die uns umbringt oder
Schaden zufügt. Sie ist im Gegenteil die höchste schöpferische
Kraft im Universum, die sich in unserem Mikrokosmos entfaltet, eine
intelligente, göttliche Energie, die erwacht, die Dich transformieren
will, die Dich Deine unbegrenzten Möglichkeiten und Fähigkeiten
ausschöpfen lassen will. Deshalb ist es ganz wichtig, diese Dinge,
wenn sie einmal in Gang gekommen sind, geschehen zu lassen und dieses
Erlebnis als besondere Gnade anzusehen, als eine große Chance
in unserer persönlichen Entwicklung und Evolution.
Du brauchst Mut, Dich darauf einzulassen und das Vertrauen, daß
es auf längere Sicht das Richtige und etwas sehr Positives ist.
Es mag sein, daß manche in der intensiven Phase einige Tage nicht
ganz zu ihrem normalen Leben fähig sind. Aber es gibt auch andere
Ereignisse im Leben, die einen zeitweise unfähig machen, normal
im Leben zu agieren, wie etwa eine schwere Krankheit oder Liebeskummer
...
Wichtig in der intensiven Phase ist es, reinigende und
erdende Praktiken zu machen und die energieerhöhenden Praktiken
zu reduzieren. Zu den Reinigungstechniken gehören zum Beispiel
die Wechselatmung sowie die Mantra-Meditation. Zu den erdenden Techniken
zählen die Asanas.
Daneben gibt es kühlende Praktiken, mit denen die sogenannte Mondenergie
aktiviert wird, so daß die erhitzende Kundalini-Energie harmonisiert
und in positive, schöpferische Bahnen gelenkt wird. Dazu gehören
zum Beispiel Sitali, Sitkari, (bestimmte Atemtechniken), einfache Variationen
der Kechari-Mudra und verschiedene andere Techniken.
Ein unabdingbarer Aspekt ist auch eine Ernährung nach strikt sattwigen
(reinen) Gesichtspunkten, das heißt im wesentlichen ohne Fleisch,
Fisch, Eier, Zwiebeln, Knoblauch. Alkohol, Kaffee und Rauchen sind absolut
tabu.
Ich möchte hier ausdrücklich betonen und eindringlich
darauf hinweisen, daß die Einhaltung dieser und einiger anderer
Regeln bei intensiver Übung von Kundalini-Yoga-Praktiken unabdingbar
ist. Das entscheidet darüber, ob das Ganze als eher wonnevoll und
schön oder eher als unangenehm erlebt wird.
Bei Spontanerweckungen ist diese Energie normalerweise einige Wochen
bis ein paar Monate sehr aktiv. Danach harmonisiert sie sich wieder.
Zur Ernüchterung vieler findet man sich dann allmählich wieder
im Alltag wieder, statt Stufe für Stufe direkt zur Erleuchtung
und Selbstverwirklichung zu kommen! Aber etwas im Bewußtsein ist
dauerhaft anders geworden, etwas im Bezug zur Welt hat sich geändert
und ganz sicher wird man mehr Energie und mehr Kraft haben, um an anderen
Aspekten seines Wesens und seiner Persönlichkeit zu arbeiten.
Kundalini-Yoga – ein sicherer, erprobter Weg
Kundalini Yoga ist der Weg der systematischen Erweckung. Korrekt unter
kompetenter Anleitung und unter Beachtung bestimmter Regeln und Vorsichtsmaßnahmen
ausgeführt ist er ein sicherer Weg. Aber Du mußt Dich schon
an das Klassische halten. Du darfst nicht intensive Praktiken machen
und dabei die Ernährungsregeln mißachten oder etwas weglassen,
was vielleicht von entscheidender Bedeutung ist. Aber wenn Du es mit
Disziplin und ganzheitlich machst, ist es ein sicherer Weg. Die Wirkungen
sind bekannt, die Gefahren sind bekannt, etwaige Erfahrungen sind bekannt
und welche Gegenmaßnahmen man gegebenenfalls einleiten kann, ist
auch bekannt.
Kundalini Yoga ist sicher ein fortgeschrittener Aspekt des Yoga. Er
ist ein inneres Abenteuer, der das Leben verändern kann – ohne
gleich aus jedem ein Genie zu machen. Aber er kann für Dich ein
Schlüssel sein für geistige Ausstrahlung, für Lebensenergie,
zum Transzendieren von Grenzen, vor allem selbstgesetzten Grenzen. Er
kann Dein Bewußtsein erweitern, Dein ganzes Leben und Sein bereichern
und Dich schließlich schrittweise auch zur Verwirklichung führen.
Jede Aktivität hat einen statischen Hintergrund.
Hinter jeder Energie ist Bewußtsein. Hinter Shakti ist Shiva.
Shakti selbst hat zwei polare Aspekte, statisch und dynamisch. Es kann
nicht Shakti in dynamischer Form geben, ohne daß sie gleichzeitig
in statischer Form vorläge, so wie die Pole eines Magneten.
Die Kosmische Shakti manifestiert sich im menschlichen Körper als
Kundalini und Prana. Kundalini ist der statische Träger für
die sich bewegenden Prana-Kräfte.
Der Mensch ist ein Mikrokosmos, Kshudra Brahmanda. Alles, was im äußeren
Universum existiert, existiert in ihm. Alle im Universum sichtbaren
Dinge, Berge, Flüsse usw. gibt es auch im Körper. Alle Tattwas
(Elemente) und Lokas (Ebenen) sind im Körper und genauso die erhabene
Shiva-Shakti.
Im menschlichen Körper weilt Shiva als unveränderliches Bewußtsein
im Sahasrara Chakra im Scheitel. Die Kundalini ruht im Muladhara Chakra
an der Basis der Wirbelsäule. ‘Muladhara’ bedeutet ‘Wurzelstütze’.
Die Kundalini ist die Kraft, die dem ganzen Körper und all seinen
sich bewegenden Prana-Kräften Halt bietet.
Das Wesen
der Kundalini
Kundalini ist die Urenergie, die im an der Basis befindlichen
Muladhara Chakra in einem schlummernden potentiellen Zustand liegt.
Sie ist die kosmische Kraft in individuellen Körpern. Sie ist eine
elektrische, feurige, okkulte Kraft, die mächtige Urkraft, die
jeder organischen und anorganischen Materie zugrunde liegt. ‘Kundala’
heißt ‘aufgerollt’. Sie hat die Form einer aufgerollten Schlange.
Daher der Name Kundalini.
Kundalini ist keine materielle Kraft wie Elektrizität oder Magnetismus.
Sie ist eine spirituelle potentielle Kraft. Sie hat in Wirklichkeit
keine Form. Der grobstoffliche Verstand und der Geist müssen am
Anfang einer bestimmten Form folgen. Von dieser groben Form aus kann
die subtile formlose Kundalini leicht verstanden werden.
Die Kundalini wird auch Bhujangini, die Schlangenkraft,
genannt, weil sie im Körper des Yogi, der die Kraft in sich entwickelt,
spiralförmig wirkt. Wenn sie erweckt wird, macht sie einen zischenden
Laut, wie den Laut einer Schlange, die man mit einem Stock schlägt,
und geht durch Brahma Nadi in der Sushumna nach oben.
Im Kundalini Yoga wird die schaffende und erhaltende Shakti des ganzen
Körpers mit Shiva, dem kosmischen Bewußtsein, vereint. Der
Yogi bringt sie dazu, ihn zu Gott Shiva zu führen. Das Sich-Erheben
der Kundalini Shakti und ihre Vereinigung mit Gott Shiva im Sahasrara
führt zum Zustand von Samadhi und bringt spirituelles Anubhava.
Der Yogaschüler trinkt den Nektar der Unsterblichkeit.
Kundalini Yoga ist eine exakte Wissenschaft.
Nadis und Chakras
Eine genaue Kenntnis von Nadis und Chakras ist für
alle Schüler des Kundalini Yoga von unbedingter Notwendigkeit.
Der physische Körper formt sich nach dem Astralkörper. Der
physische Körper ist in gewisser Weise wie Wasser. Er ist die grobe
Form. Der Astralkörper entspricht dem Wasserdampf. Er ist die subtile
Form. Genauso ist der Astralkörper, Sukshma Sharira, im grobstofflichen,
physischen Körper. Der grobstoffliche Körper kann ohne den
Astralkörper nichts tun. Jedes grobstoffliche Zentrum des Körpers
hat sein Astralzentrum.
Nadis sind psychische Nerven, Astralkanäle, um das
Prana zu leiten. Sie bestehen aus Astralmaterie und leiten psychische
Ströme. Durch diese subtilen Wege bewegt sich oder fließt
die Lebenskraft. Da die Nadis aus subtiler Materie gebildet sind, können
sie mit dem bloßen physischen Auge nicht wahrgenommen werden,
und man kann am physischen Bereich keine Labortests machen. Diese Yoga
Nadis sind nicht die normalen Nerven, Arterien und Venen, wie sie die
Vaidya Shastra (indische medizinische Schrift) kennt. Yoga Nadis sind
ganz anders.
Der Körper ist voll von unzähligen Nadis. So wie das Blatt
des Ashwattha (indische Feige) Baumes von winzigen Fasern durchzogen
ist, so ist auch dieser Körper durchzogen von Tausenden von Nadis.
Alle Nadis des Körpers entspringen aus dem Kanda.
Kanda heißt Knolle. Kanda ist die Wurzel aller Nadis. Zwei Finger
breit oberhalb des Anus und zwei Fingerbreit unterhalb des Geschlechtsorgans
befindet sich das Kanda. Es hat die Form eines Vogeleis und ist etwa
vier Finger breit. Zweiundsiebzigtausend Nadis kommen aus diesem Kanda.
Kanda ist das Zentrum des Astralkörpers. Diesem Zentrum entspricht
die Cauda Equina im grobstofflichen, physischen Körper.
Von allen aus dem Kanda kommenden Nadis sind die wichtigsten Ida, Pingala
und Sushumna. Und die Sushumna ist das Allerwichtigste. Die Sushumna
geht vom Muladhara Chakra zu Brahmarandhra. Sie ist das höchste
und von den Yogis am meisten erstrebte. Andere Nadis sind ihr untergeordnet.
Die westliche Anatomie anerkennt die Existenz eines Zentralkanals im
Rückenmark, genannt Canalis Centralis, und die Zusammensetzung
des Marks aus weißer und grauer Hirnmasse. Das Rückenmark
selbst läuft im Hohlraum der Wirbelsäule. Ebenso läuft
die Sushumna im Spinalkanal und hat subtile Teile. Sie ist rot wie Feuer.
In dieser Sushumna ist ein Nadi namens Vajra, das so strahlend ist wie
die Sonne und rajasige Eigenschaften hat. In diesem Vajra Nadi wiederum
ist ein weiteres Nadi, namens Chitra. Es ist sattwig und von blasser
Farbe. Hier im Chitra ist ein ganz feiner winziger Kanal. Dieser Kanal
heißt Brahma Nadi, durch den die Kundalini, wenn sie erwacht,
vom Muladhara zum Sahasrara Chakra geht. In diesem Nadi sind alle sechs
Chakras oder Lotusse.
Chakras sind Plexi oder Zentren von Sukshma Prana im Sushumna
Nadi. Alle Körperfunktionen stehen unter der Kontrolle dieser Zentren.
Chakras sind subtile Zentren der Lebensenergie. Sie sind die Zentren
von Chaitanya, Bewußtsein. Die Chakras sind im Astralkörper
auch nach der Auflösung des physischen Organismus beim Tod.
Diese Chakras oder feinstofflichen Zentren haben entsprechende Zentren
im Rückenmark und den Nervenplexi im grobstofflichen physischen
Körper. Das Anahata Chakra zum Beispiel hat sein entsprechendes
Zentrum im physischen Körper beim Herzgeflecht. Jedes Chakra kontrolliert
und stimuliert ein bestimmtes Zentrum im grobstofflichen Körper.
Die grobstofflichen Nerven und Plexi haben eine enge Beziehung zu den
feinstofflichen. Da die körperlichen Zentren eine enge Beziehung
zu den Astralzentren haben, haben die Schwingungen, die in den körperlichen
Zentren durch die vorgeschriebenen Methoden erzeugt werden, die gewünschten
Auswirkungen in den Astralzentren.
Das erste Bestreben des Kundalini Yogi ist die Reinigung der Nadis,
was zur Öffnung der Sushumna führt, die bei weltlichen Menschen
normalerweise geschlossen ist.
Wie
die Kundalini erweckt werden kann
Vor dem Erwecken der Kundalini muß man Deha Shuddhi,
Nadi Shuddhi, Manas Shuddhi, Buddhi Shuddhi, Bhuta Shuddhi und Adhara
Shuddhi haben. Deha Shuddhi ist Reinheit des Körpers. Nadi Shuddhi
ist Reinheit der Astralkanäle. Manas Shuddhi ist Reinheit des Geistes.
Buddhi Shuddhi ist Reinheit des Verstandes. Bhuta Shuddhi ist Reinheit
der Elemente. Adhara Shuddhi ist Reinheit des Adhara. Wenn Shuddhi,
Reinheit, vorhanden ist, kommt Siddhi, Vollkommenheit, von selbst. Siddhi
ist ohne Shuddhi nicht möglich.
Man sollte wunschlos werden und Vairagya (Leidenschaftslosigkeit)
sein, bevor man den Versuch unternimmt, die Kundalini zu erwecken. Wenn
ein Mensch mit vielen Unreinheiten im Geist die Shakti einfach nur gewaltsam
durch Asanas, Pranayamas und Mudras erweckt, wird er sich (im übertragenen
Sinne) die Beine brechen und stürzen. Er wird die yogische Leiter
nicht erklimmen können. Das ist der Hauptgrund, warum Menschen
vom Weg abkommen oder in Probleme kommen. Am Yoga ist nichts falsch.
Die Menschen müssen zuerst rein sein; dann eine gründliche
Kenntnis des Sadhana haben, einen richtigen Lehrer finden und beständig,
schrittweise praktizieren. Wenn die Kundalini erweckt wird, gibt es
viele Versuchungen auf dem Weg, und ein Sadhaka, der nicht rein ist,
hat nicht die Kraft, Widerstand zu leisten.
Ein Lehrer ist äußerst wichtig. Zur Praxis
von Bhakti Yoga oder Vedanta braucht der Guru nicht an Deiner Seite
zu sein. Nachdem Du die Shrutis einige Zeit lang vom Guru gelernt hast,
mußt Du alleine in vollkommener Zurückgezogenheit reflektieren
und meditieren, wohingegen Du im Kundalini Yoga den Sitz der Nadis und
der Chakras und die genaue Technik der einzelnen Yoga Kriyas verstehen
mußt. Das alles sind schwierige Unterfangen. Du mußt ziemlich
lange Zeit mit Deinem Lehrer verbringen und ihn bei jeder Unklarkeit
um Rat fragen.
Die Kundalini kann von Hatha Yogis durch Pranayama, Asanas und Mudras
erweckt werden; durch Konzentration und Übung des Geistes von Raja
Yogis; durch Hingabe und vollkommene Selbstaufgabe von Bhaktas; durch
analytischen Willen von Jnanis; durch Mantras von Tantrikern; und durch
die Gnade des Guru, durch Berührung, Blick und bloßes Sankalpa
(Gedanke).
Für einige Auserwählte ist eine der oben erwähnten Methoden
ganz ausreichend, um die Kundalini zu erwecken. Die große Mehrheit
kombiniert am besten die verschiedenen Methoden.
Das Erwachen
der Kundalini
Sobald die Kundalini erweckt ist, durchstößt
sie das Muladhara Chakra. Der Aspirant singt und gibt eigenartige Laute
von sich, wenn die Kundalini erwacht. Er hat verschiedene Visionen und
Divya Gandha (göttlicher Duft). Er entwickelt übersinnliche
Kräfte. Er sieht strahlende Jyotis (Lichter), so als schienen zehntausend
Sonnen gleichzeitig im Muladhara Chakra.
Nachdem die Kundalini erwacht ist, bewegen sich Geist, Prana, Jiva und
Kundalini gemeinsam nach oben. Das Prana steigt durch Brahma Nadi zusammen
mit Geist und Agni (inneres Feuer) nach oben. Der Yogi ist befreit vom
physischen Bewußtsein. Man ist von der äußeren gegenständlichen
Welt abgehoben.
Erfahrungen
beim Erwachen der Kundalini
In der Meditation hat man göttliche Visionen, erfährt
göttlichen Geruch, göttlichen Geschmack, göttliche Berührung
und hört göttliche Anahata Klänge. Man erhält Unterweisungen
von Gott. Das deutet darauf hin, daß die Kundalini Shakti erweckt
worden ist. Wenn im Muladhara ein Pochen auftritt, wenn die Haare zu
Berge stehen, wenn Uddhiyana, Jalandhara und Mula Bandha unwillkürlich
auftreten, dann wisse, daß die Kundalini erwacht ist.
Wenn der Atem ohne Mühe stillsteht, wenn Kevala Kumbhaka
von selbst kommt, wisse, daß Kundalini Shakti aktiv geworden ist.
Wenn Du Pranaströme zum Sahasrara steigen fühlst, wenn Du
Wonne erfährst, wenn Du ganz automatisch Om wiederholst, wenn keine
Gedanken an die Welt im Geist sind, wisse, daß Kundalini Shakti
erwacht ist.
Wenn sich in der Meditation die Augen auf das Trikuti in der Mitte der
Augenbrauen heften, wenn das Shambhavi Mudra eintritt, wisse, daß
die Kundalini aktiv geworden ist. Wenn Du in verschiedenen Körperteilen
Prana-Schwingungen spürst, wenn Du Erschütterungen wie elektrische
Schläge spürst, wisse, daß die Kundalini aktiv geworden
ist. Wenn Du in der Meditation das Gefühl hast, daß kein
Körper da ist, wenn sich die Augenlider schließen und trotz
Anstrengung nicht öffnen, wenn Ströme wie elektrischer Strom
entlang der Nerven auf und ab fließen, wisse, daß die Kundalini
erwacht ist.
Wenn Du in der Meditation Einsicht und Inspiration erfährst,
wenn die Natur Dir ihre Geheimnisse enthüllt, alle Zweifel verschwinden
und Du klar die Bedeutung der vedischen Texte verstehst, wisse, daß
die Kundalini aktiv geworden ist. Wenn Dein Körper so leicht wird
wie Luft, wenn Dein Geist in schwierigen Situationen ausgewogen bleibt
und wenn Du unerschöpfliche Energie zur Arbeit hast, wisse, daß
die Kundalini aktiv geworden ist.
Wenn Du göttlichen Rausch erfährst, wenn Du Rednerkraft entwickelst,
wisse, daß die Kundalini erwacht ist. Wenn Du unwillkürlich
Asanas oder Yogastellungen ohne den geringsten Schmerz und ohne Mühe
ausführst, wisse, daß die Kundalini aktiv geworden ist. Wenn
Du unwillkürlich herrliche erhabene Lobgesänge und Gedichte
verfaßt, wisse, daß die Kundalini aktiv geworden ist.
Das Aufsteigen
der Kundalini
Wenn die Kundalini erwacht ist, geht sie nicht direkt
und ganz plötzlich zum Sahasrara Chakra. Sie muß von Chakra
zu Chakra geführt werden.
In der Sushumna sind sechs Chakras. Das Muladhara, Swadhishthana, Manipura,
Anahata, Vishuddha und Ajna. Über ihnen allen liegt das Sahasrara,
das Hauptzentrum. Alle Chakras stehen in enger Verbindung mit dem Sahasrara
Chakra. Daher ist es kein Chakra wie die sechs anderen.
Das Muladhara Chakra liegt am unteren Ende der Wirbelsäule. Das
Swadhishthana ist an der Wurzel der Genitalien. Das Manipura ist in
der Nabelgegend. Das Anahata ist im Herzen. Das Vishuddha ist im Kehlkopf.
Das Ajna ist im Trikuti, der Stelle zwischen den Augenbrauen.
Die sieben Chakras entsprechen den sieben Lokas (Ebenen des Seins).
Die fünf Chakras vom Muladhara zum Vishuddha sind die Zentren der
fünf Elemente. Das Ajna ist der Sitz des Geistes.
Wenn der Yogaschüler das Muladhara durchstößt,
hat er die Erde bezwungen. Die Erde kann ihm nichts mehr anhaben. Wenn
er über das Swadhishthana hinausgeht, hat er das Element Wasser
bezwungen. Er ist in Verbindung mit Bhuvarloka. Wenn er das Manipura
überschritten hat, hat er das Element Feuer bezwungen. Das Feuer
kann ihm nichts anhaben. Er ist in Verbindung mit Swargaloka. Wenn er
das Anahata Chakra überschritten hat, hat er das Element Luft bezwungen.
Die Luft kann ihm nichts anhaben. Er ist in Verbindung mit Maharloka.
Wenn er das Vishuddha Chakra überschritten hat, hat er das Element
Äther bezwungen. Äther kann ihm nichts anhaben. Er ist in
Verbindung mit Jnanaloka. Wenn er das Ajna Chakra überschritten
hat, ist er in Verbindung mit Tapoloka. Dann betritt er Satyaloka.
Die Kundalini kann über vier Wege zum Sahasrara gelangen. Der längste
Weg geht vom Muladhara zum Sahasrara entlang des Rückens. Der Yogi,
der die Kundalini diesen Weg entlang führt, ist sehr stark. Das
ist der schwierigste Weg. Bei Shri Shankaracharya nahm die Kundalini
diesen Weg. Der kürzeste Weg geht vom Ajna Chakra zum Sahasrara.
Der dritte geht vom Herzen zum Sahasrara. Der vierte geht vom Muladhara
vorne zum Sahasrara.
Wenn sich der Yogi auf das Ajna Chakra konzentriert, öffnen
sich die unteren Chakras automatisch und werden überwunden.
Der Kundalinistrom steigt durch die Wirbelsäule und kribbelt manchmal
wie eine Ameise. Manchmal, wenn der Yogi rein ist, hüpft sie wie
ein Affe und erreicht das Sahasrara. Manchmal erhebt sie sich wie ein
Vogel, der von einem Zweig zum anderen hüpft. Manchmal steigt der
spirituelle Strom auf wie eine Schlange und bewegt sich Zick- Zack.
Manchmal schwimmt der Yogi glücklich wie ein Fisch im Ozean göttlicher
Wonne.
Der Yoga Übende erhält Hilfe von innen, wenn er sich von Chakra
zu Chakra bewegt. Eine mysteriöse Kraft, eine mysteriöse Stimme
wird ihn bei jedem Schritt führen. Er muß unerschütterliches
vollkommenes Vertrauen zur Göttlichen Mutter haben. Sie führt
den Sadhaka. Sie führt Ihr Kind von Chakra zu Chakra. Sie gibt
ihm unsichtbar jede Hilfe. Ohne Ihre Gnade kann man kein Zoll in der
Sushumna steigen.
Die Kundalini bleibt nicht lange im Sahasrara. Die Dauer
des Verweilens hängt ab von der Reinheit, dem Grad des Sadhana
und der inneren spirituellen Stärke des Yoga Übenden. Viele
Schüler bleiben nur in den niederen Chakras. Sie werden vom Glück
mitgerissen, das sie in den niederen Chakras erfahren und machen, bedingt
durch ihre mißverstandene Zufriedenheit, nicht den Versuch, das
Sahasrara zu erreichen.
Der Yogi erfährt Versuchungen in den niederen Chakras, den Ruheplätzen.
Er muß alle Siddhis (übersinnliche Kräfte) meiden. Siddhis
sind Hindernisse am Weg. Wenn er beginnt, mit den Siddhis zu spielen,
wird er das Ziel verfehlen und einen Rückschlag erleiden.
Die Kundalini kann leicht erweckt werden, aber es ist sehr schwierig,
sie zum Manipura, zum Ajna Chakra und von dort zum Sahasrara im Kopf
zu bringen. Es verlangt sehr viel Geduld und Ausdauer von Seiten des
Übenden. Es ist sehr schwierig, das Manipura Chakra zu durchstoßen.
Der Yogi muß in diesem Zentrum sehr viel üben.
Der Körper wird weiterbestehen, auch nachdem die
Kundalini das Sahasrara Chakra erreicht hat, aber der Yogi wird kein
Körperbewußtsein haben, solange die Kundalini im Sahasrara
verweilt. Erst wenn Kaivalya (endgültige Befreiung, Erleuchtung)
erreicht ist, wird der Körper leblos.
Man lebt sicherlich weiter, nachdem die Kundalini ins Sahasrara gebracht
worden ist. Aber denke daran, daß sie, auch nachdem das Sahasrasa
erreicht worden ist, in einem Moment wieder ins Muladhara zurückfallen
kann! Erst wenn man in Samadhi fest verwurzelt ist, wenn man Kaivalya
erlangt hat, kann und wird die Kundalini nicht mehr fallen.
Eine Fehlinterpretation
Das Erwachen der Kundalini Shakti, ihre Vereinigung mit
Shiva, der Genuß des Nektars und andere Funktionen des Kundalini
Yoga, die in den Yoga Shastras beschrieben werden, werden falsch interpretiert
und von vielen wörtlich verstanden. Männer halten sich für
Shiva und meinen, die Frauen wären Shakti, und daß bloße
sexuelle Vereinigung das Ziel des Kundalini Yoga sei. Das ist natürlich
Unsinn. Diese Art der Vereinigung ist keinesfalls Kundalini Yoga.
Manche törichte junge Männer und Frauen machen ein paar Tagelang
ein, zwei Asanas, Mudras und auch ein wenig Pranayama, so, wie es ihnen
angenehm ist, und stellen sich vor, die Kundalini sei bis zu ihrem Hals
gelangt. Sie stellen sich als große Yogis dar. Sie sind bedauernswerte
Seelen, die sich selbst täuschen.
Yoga
Übungen und innere Reinigung
Manche Yogaschüler fragen mich: “Wie lange muß
man Shirshasana, Paschimottanasana, Kumbhaka oder Maha Mudra praktizieren,
um die Kundalini zu erwecken? Keine Yogaschrift spricht über diesen
Punkt.”
Ein Schüler beginnt sein Sadhana an dem Punkt oder in der Phase,
wo er es in seiner letzten Geburt verlassen hat. Daher kommt es völlig
auf den Grad der Reinheit an, auf den Entwicklungsstand, das Ausmaß
der Reinheit der Nadis und der Pranamaya Kosha und vor allem den Grad
von Vairagya und Sehnsucht nach Befreiung. Nur Yoga Kriyas alleine helfen
nicht viel. Reinigung des Herzens ist sehr notwendig.
Mache Selbstanalyse und entwurzle Deine Fehler und schlechten
Angewohnheiten. Bereinige Deine Fehler wie Selbstsucht, Stolz, Eifersucht,
Haß usw. Entwickle Dein Herz. Teile das, was Du hast, mit anderen.
Übe selbstlosen Dienst. Dann wirst Du zu Reinheit des Geistes gelangen.
Heutzue vernachlässigen Aspiranten diese Dinge und
machen nur Yoga-Übungen, um Siddhis zu bekommen. Das ist ein gewichtiger
himalajagroßer Irrtum. Früher oder später erleben sie
dann große Rückschläge.
Ich rate: mache Dir nicht zuviel Gedanken um Siddhis oder ein rasches
Erwecken der Kundalini. Entwickle Hingabe zu Gott. Habe vollkommenes
Vertrauen zu Ihm. Entwickle den Geist des Dienstes an der Menschheit.
Die Kundalini wird von selbst erwachen.
Das Erwecken der Kundalini ist nicht so einfach, wie man meinen könnte.
Es ist äußerst schwierig. Wenn alle Wünsche verschwinden,
wenn der Geist absolut rein wird, wenn alle Sinne bezwungen sind, wenn
Du Einpünktigkeit des Geistes in einem erwünschten Ausmaß
erlangst, und wenn alle Gedanken des Egoimus und des ‘Mein’ dahinschmelzen,
wird die Kundalini von selbst erwachen. Nur dann ist das Erwachen der
Kundalini auch nutzbringend.
Ein vorzeitiges Erwecken ist nicht wünschenswert.
Der Aspirant, der die Kundalini ohne die nötigen geistigen und
spirituellen Vorbereitungen erweckt hat, wird nicht viel Nutzen davon
haben. Es kann all den Nutzen, den das Erwachen der Kundalini bringt,
weder spüren noch zeigen.
Nur die Frucht, der es gestattet ist, am Baum zu reifen, wird gut schmecken.
Aber das dauert lange. Das beste Holz kommt von den Bäumen, die
am langsamsten wachsen. Genauso wird der Aspirant, der geduldig und
über eine lange Zeit hin mit Ausdauer und Eifer intensives Sadhana
übt, der trotz verschiedenster Hindernisse auf seinem Weg hartnäckig
bei den spirituellen Praktiken bleibt, der seine Fehler und Schwächen
eingesteht und versucht, sie mit den geeigneten Mitteln zu beseitigen,
in der Lage sein, seine Kundalini zu erwecken und ein dynamischer und
vollkommener Yogi werden.
Oh rührende, begeisterte, junge Aspiranten! Haltet
nicht die Bewegungen von rheumatischen Winden im Rücken, die von
einem chronischen Lumbago kommen, für das Aufsteigen der Kundalini.
Mache Dein Sadhana mit Geduld und Ausdauer, bis Du Samadhi erreichst.
Beherrsche jede Phase im Yoga. Mache keine schwierigeren Kurse, bevor
Du nicht die niederen Schritte vollständig beherrschst.
Sorgt Euch nicht. Seid nicht beunruhigt, meine lieben Freunde, Brüder
und Schwestern! Ein strahlender wartet darauf, für Euch anzubrechen.
Ihr werdet voller Kraft erstrahlen, ja, Ihr werdet Gott Selbst werden.
Lacht über alle Sorgen und Hindernisse und haltet die Augen alle
vierundzwanzig Stunden lang auf die Kundalini Shakti gerichtet. Macht,
was Ihr könnt, um sie zum Aufsteigen zu bringen. Wenn man Euch
Reinigung verordnet, müßt Ihr Euch reinigen. Welche Alternative
gäbe es? Daher reinigt Euch.
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