Teresa von Avila

TERESA von Avila, * 28.3. 1515 zu Avila in einer Familie mit väterlicherseits
jüdischen Vorfahren trat sie am 2. November 1535 ins Karmelitinnenkloster
ihrer Heimatstadt ein, nachdem sie zuvor drei Jahre lang hin- und
hergerissen war, ob sie heiraten oder ins Kloster gehen sollte. Sicher
hat die damalige Situation der verheirateten Frau zu ihrer Entscheidung
mitbeigetragen. Die nach einer schweren Krankheit (1539) mit einer
sich über drei Jahre hinziehenden allmählichen Genesung
einsetzende innerliche Krise endete 1554 mit ihrer sog. endgültigen
Bekehrung. Für sie ist das die Erfahrung des Freiwerdens von
schlechten Gewohnheiten, Anhänglichkeiten und Fixierungen, von
denen sie trotz ihrer eigenen Bemühungen nicht frei kam, wiewohl
sie sich darum bemühte. Dieser erste Abschnitt ihres Klosterlebens
ist also nicht einfach ein oberflächliches Dahinleben, sondern
konkrete Auswirkung ihrer menschlichen Begrenztheit. Ihr Bekehrungserlebnis
vor einem Schmerzensmann ist somit die innerliche Erfahrung, von Gott
so geliebt zu sein wie sie ist, so daß sie sich auch so annehmen
konnte. Dieses ihr geschenkte »neue Leben« drängt
sie, ihre Erfahrung und die Möglichkeit eines solchen Lebens
auch anderen Menschen mitzuteilen. Die Gründung ihres ersten
Klosters San José in Avila am 24.8. 1562 und mithin ihr gesamtes
Gründungswerk ist in erster Linie eine Frucht ihrer innerlichen
Entwicklung und nicht einfach eine Reaktion auf die damaligen zeitgeschichtlichen
Ereignisse, wie die Reformation in Deutschland und das Schicksal der
Indios in Amerika. Bis zum Ende ihres Lebens am 4.10. 1582 in Alba
de Tormes (Salamanca) gründet sie weitere 14 Klöster für
Schwestern und wird mit Hilfe des hl. Johannes vom Kreuz ab 1568 auch
zur Gründerin des männlichen Zweiges des nach ihr benannten
Teresianischen Karmel oder, der damaligen Terminologie in Spanien
folgend, der sog. »Unbeschuhten« Karmeliten, die ab 1581
eine eigene Provinz und ab 1593 einen von dem zu Beginn des 13. Jahrhunderts
am Berg Karmel in Palästina entstandenen Orden unabhängigen
Orden bildeten. Was diese Gründung in der damals ganz von Männern
beherrschten Kirche und Gesellschaft in Spanien bedeutete, kann hier
nur angedeutet werden, wobei auch nicht vergessen werden darf, daß
die spanische Inquisition streng über alle Abweichungen wachte,
besonders wenn es sich um Frauen handelte. Das von ihr auf dem Sterbebett
glaubhaft überlieferte Wort »Ich sterbe als Tochter der
Kirche« muß nicht nur als eine Huldigung an die Kirche,
sondern kann auch als Dank an Gott verstanden werden, daß sie
nämlich letzten Endes trotz aller Verdächtigungen und Verleumdungen
nicht als Häretikerin starb, wie nicht wenige ihrer Zeitgenossen,
sondern eben als »Tochter« der Kirche. - Am besten eröffnet
das Wort »Freundschaft« einen Zugang zu Teresa von Avila,
die sich seit ihrem Leben in ihrer ersten Gründung, 1562, Teresa
de Jesús nannte.
Als sie im Alter von ca. 50 Jahren ihre »Vida« schrieb,
sagt sie von sich im Rückblick: »Gott hatte mir die Fähigkeit
gegeben, auf meine Mitmenschen sympathisch zu wirken, und so war ich
bei allen beliebt« (Leben 2,8). Dieser Veranlagung zur Freundschaft
mit den Menschen entsprach auch ihre Art des Umgangs mit Gott: »Ich
bemühte mich, Christus in mir zu vergegenwärtigen, und ich
glaube, daß ich mich besser fühlte, wenn ich darüber
nachdachte, wie er allein war. Mir war, daß er mich in seiner
Einsamkeit und Niedergeschlagenheit, als einer, der in Nöten
war, zu sich lassen müßte« (9,4). Gott ist für
T. nicht eine höhere Macht oder ein transzendentes Wesen, sondern
der Mensch Jesus von Nazareth. Ein Text, der für viele andere
steht, möge das belegen: »Ich sah, daß er, der große
Gott, doch auch Mensch war, der sich nicht entsetzt, sondern uns versteht«
(37,6). T. hielt diese Art des Umgangs mit Gott, die wir heute »inneres
Beten« nennen, durch, trotz vielfältiger Schwierigkeiten,
wie Zerstreuung, Unlust, Trockenheit oder auch trotz des Gefühls,
Gott nicht wohlgefällig zu sein. Zum Wesen dieser Art des Betens
als einer Freundschaft mit Gott gehört es, anderen daran Anteil
zu geben und sie dazu zu ermutigen: »Wer mit dem inneren Beten
begonnen hat, soll es ja nicht mehr aufgeben, mag er noch so viel
Schlechtes tun, denn das Beten ist das Heilmittel, mit dem er sich
retten kann, während ohne es alles viel schwerer wird...Wer noch
nicht damit begonnen hat, den bitte ich um der Liebe des Herrn willen,
doch nicht auf ein so hohes Gut zu verzichten; hier gibt es nichts
zu verlieren, sondern nur zu gewinnen« (8,5). Sie weiß
aus eigener Erfahrung, daß es nicht in der Macht des Menschen
liegt, Schlechtes einfach zu vermeiden, und so gibt sie auch nicht
den Rat, zuerst das Schlechte zu bekämpfen, sondern im Beten,
also in der Freundschaft mit Gott auszuharren.
Die Veränderung des Menschen vollzieht sich dann allmählich,
je mehr er diese lebendige Beziehung mit dem menschgewordenen Gott
zu leben versucht. Ihr kommt es also darauf an, den Menschen zum inneren
Beten zu ermutigen, d. .h. ihm zu helfen, daran zu glauben, daß
Gott ihn so liebt wie er ist, »mag er noch so viel Schlechtes
tun.« - Doch auch sie war zunächst in diese gefährliche
Versuchung gefallen, nämlich zu meinen, sie müsse sich diese
Freundschaft von seiten Gottes erst verdienen, was sie dazu gebracht
hatte, für ein bis zwei Jahre das innere Beten aufzugeben, weil
sie sich für eine solche Freundschaft nicht für würdig
hielt: »Ich beschloß, mich so zu verhalten, wie die vielen
anderen und die mündlichen Gebete zu verrichten, zu denen ich
verpflichtet war, das innere Beten aber und den vertrauten Umgang
mit Gott nicht mehr zu pflegen« (7,1). So hat sie diese Freundschaft
mit Gott nicht aus Nachlässigkeit aufgegeben, sondern weil sie
glaubte, Gott durch die Erledigung von Pflichtgebeten zufriedenstellen
zu müssen und zu können. Das Ziel ihrer Klostergründungen
ist es deshalb u. a. auch, die Voraussetzungen zu schaffen, daß
die dort lebenden Schwestern und Brüder diese Art des Umgangs
mit Gott leichter leben und im Rahmen ihrer Möglichkeiten die
Menschen dazu anleiten können. Zu denen, die das am besten verstanden
haben, gehört Johannes vom Kreuz, der leider meist als ein welt-
und menschenscheuer Asket dargestellt worden ist, während ihn
die neueren Forschungen als einfühlsamen und liebenswürdigen
Menschen ausweisen, und vor allem auch Jerónimo Gracián,
der 1581 zum ersten Provinzial ihres entstehenden Ordens gewählt
wurde .
Beide fielen allerdings den bald nach T.s Tod in ihrem eigenen Orden
auftretenden reaktionären Kräften zum Opfer, die Ordensleben
nach den damals in Spanien allgemein üblichen Vorstellungen zu
verwirklichen suchten; dabei kam es nicht auf das Leben in Freundschaft
mit Gott an, sondern auf rigoristische Bußübungen, und
je strenger und ausgefallener diese waren als um so vollkommener wurden
sie erachtet. Erst in den letzten 20 bis 30 Jahren kommt das ursprüngliche
Charisma T.s wieder mehr zum Vorschein. - Außer der schon erwähnten
»Vida«, ihrer Selbstbiographie aus den Jahren 1562 bis
1565 hat sie weitere geistliche Werke geschrieben: »Der Weg
der Vollkommenheit«, in dem sie eine Anleitung zum inneren Beten
gibt, die bis heute noch aktuell ist; ihr »Buch der Gründungen«,
in dem sie die von ihr durchgeführten Klosterstiftungen in origineller
Weise beschreibt, einschließlich der letzten im Jahre ihres
Todes, und daneben auch immer wieder, wie im 5. Kapitel, auf das innere
Beten zu sprechen kommt; die »Innere Burg«, in der sie
eine Beschreibung der Reise des Menschen in seine allerinnerste Mitte
bietet, »da, wo die geheimnisvollen Dinge zwischen Gott und
Mensch vor sich gehen«; mit diesem Buch gehört T. zu den
Klassikern der Weltliteratur und hat innerhalb und außerhalb
des Christentums Bewunderer gefunden. Beeindruckend sind auch ihre
»Poesien« und »Geistlichen Berichte«, die
uns für die Jahre von 1560 bis fast zu ihrem Tod Einblick in
ihre jeweilige innerliche Verfassung geben; die »Ausrufe«
und die in zwei Fassungen vorliegenden »Meditationen über
das Hohelied«, ein damals sehr heißes Eisen! In den 1567
entstandenen »Konstitutionen« beschreibt sie nach Art
derartiger damals üblicher Texte, aber doch auch wieder originell,
ihre Vorstellung von Ordensleben. Nicht zu vergessen sind schließlich
die über 400 erhaltenen »Briefe« von insgesamt ca.
16.000, wie Experten schätzen. In ihnen tritt uns eine selbstbewußte
und zugleich liebenswürdige und einfühlsame Frau entgegen,
die ihre Unternehmungen zielstrebig anpackt und Göttliches und
Menschliches in sich vereinigt. Wer mit ihr zu tun hatte und wer heute
ihre Schriften liest, wird in die Beziehung oder Freundschaft, in
der sie mit Gott lebt, mitheineingenommen. - Was all diesen Schriften
und somit ihrer Persönlichkeit zu eigen ist, das ist ihr unerbittliches
Bemühen um Wahrhaftigkeit, das nach ihrer eigenen Definition
in der »Inneren Burg« nichts anderes als Demut ist: »Demut
ist Wandel in Wahrheit« (6. Wohnung 10,8). Diese so verstandene
Demut ist die Grundkonstante ihres Lebens.

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