(Anmerkung des Übersetzers: Hier ist, wie im gesamten Buch, “Geist”
die Übersetzung des englischen Ausdrucks “mind”, also Psyche. “Spirit”
wird in diesem Buch mit “Seele” übersetzt)
Das, was Dich von Gott trennt, ist der Geist. Die Mauer, die zwischen
Dir und Gott steht, ist der Geist.
Der Geist ist nicht grobstofflich, sichtbar oder greifbar. Seine Existenz
ist nirgends sichtbar. Seine Größe kann nicht gemessen werden.
Er braucht keinen Raum, um darin zu existieren. Der Geist besteht aus
subtiler Materie von verschiedenen Dichtegraden mit verschiedenen Schwingungsstufen.
Der Geistkörper ist bei den einzelnen Menschen sehr unterschiedlich.
Er setzt sich zusammen aus grober und feiner Materie, je nach den Bedürfnissen
des mehr oder minder entfalteten Bewußtseins, mit dem er in Verbindung
steht. Beim Gebildeten ist er aktiv und klar umrissen; beim weniger
Entwickelten ist er umwölkt und ungenau.
Die Aspekte
der Funktionen des Geistes
Manas, Buddhi, Chitta und Ahamkara sind nur funktionale Aspekte des
Geistes. Wenn der Geist Sankalpa - Vikalpa ausführt, Wollen, Gedanke
und Zweifel, heißt er Geist. Wenn er unterscheidet und entscheidet,
ist er Buddhi; wenn er sich selbst feststellt, ist er Ahamkara; wenn
er der Speicher von Samskaras und der Sitz der Erinnerung ist, ist er
Chitta; auch wenn er Dharana und Anusandhana macht.
Geist, Buddhi und Verstehen befinden sich in der Linga Sharira; aber
sie arbeiten durch entsprechende Zentren im Gehirn. Das Gehirn ist nicht
der Geist, wie westliche Menschen denken. Der Geist hat seinen Sitz
im physischen Gehirn. Er erfährt das physische Universum durch
die Schwingungen im Gehirn.
Obwohl der Geist alldurchdringend im ganzen Körper ist, hat er
drei Orte, wo er sich in den drei Seinszuständen aufhalten kann.
Der Sitz des Geistes im Tiefschlaf ist das Herz. Im Traum ist der Sitz
des Geistes im Genick. Im Wachzustand ist der Sitz des Geistes im Ajna
Chakra. Beobachte einfach, was Du bei tiefem Nachdenken machst. Du hälst
die Finger an das Kinn, legst den Kopf nach rechts, wendest den Blick
zum Raum zwischen den beiden Augenbrauen und beginnst dann ernsthaft
über das anliegende Problem nachzudenken.
Geistaura
Die Lebenshülle ist subtiler als der physische Körper. Sie
überlappt die physische Hülle und ist größer als
sie. Die geistige Hülle ist subtiler als die vitale Hülle
und größer als sie.
Man muß den Körper eines anderen Menschen berühren,
um einen physischen Einfluß auf ihn zu haben. Dagegen kann man
von ihm entfernt sein und ihm Prana durch bloßes ‘Weitergeben’
übertragen, denn Prana ist subtiler als der Körper. Man kann
einen Menschen geistig durch Gedanken beeinflussen, auch wenn er Tausende
Kilometer weit weg lebt, denn die geistige Kraft ist subtiler als das
Prana.
Der Geist hat eine Aura, eine geistige oder psychische Aura. Aura ist
Tejas, Strahlen, ein Schein, der aus dem Geist kommt. Die Aura von Menschen,
die ihren Geist entwickelt haben, ist äußerst hell. Sie kann
sich über Entfernungen bewegen und viele Menschen günstig
beeinflussen, die damit in Berührung kommen.
Wer seinen Geist gereinigt hat, wird zu einem Zentrum von Kraft. Alle
schwächeren, geringeren und unreineren Geiste werden unbewußt
vom reineren und stärkeren Geist angezogen, denn sie schöpfen
Frieden, Kraft und Stärke aus dem größeren, reineren
Geist.
Unruhe und Einbildung
So wie Hitze untrennbar mit Feuer verbunden ist, so ist auch Unruhe
nicht vom Geist zu trennen. Sie macht den Geist ruhelos. Diese Unstetigkeit
verursacht Ashanti, das Fehlen von Seelenfrieden.
Die Möglichkeit zur Unrast ist der Geist selbst. Nichts anderes
als dieser schwankende Geist ist die Welt. Der Geist ist kein Geist
mehr, wenn die Unstetigkeit verschwindet. Der Geist hört auf zu
sein, wenn er dieser Unrast beraubt ist.
Durch die Möglichkeit des Schwankens richtet der Geist Schaden
an. Die Unrast ist Mara, Satan. Diese Unrast hat Vishwamitra in Versuchung
geführt. Diese Unrast bringt den Rückschlag für den strebenden
Aspiranten.
Sobald Unstetigkeit einsetzt, tauchen verschiedene Vorstellungen auf.
Vorstellung und Unstetigkeit gehören zusammen. Die Vorstellung
ist ebenso gefährlich wie die Unstetigkeit. Die Unstetigkeit bewegt
den Geist. Die Vorstellung mästet den Geist. Geist ohne Unstetigkeit
und Vorstellung ist einfach null.
Unstetigkeit und Vorstellung sind die beiden Samen des Geistes. Unstetigkeit
ist der Brennstoff. Vorstellung ist das Feuer. Das unaufhörliche
Feuer der Vorstellung wird durch den Brennstoff der Unstetigkeit aufrechterhalten.
Wenn der Brennstoff der Unstetigkeit weggenommen wird, erlischt das
Feuer der Vorstellung. Der Geist wird still. Er wird in die Quelle,
den Atman, zurückgezogen.
Wunsch und Vergnügen
Der Wunsch erregt Geist und Sinne. So wie ein Chinese von seinen fünf
Frauen hin und her gerissen wird, so wird auch der Geist von den fünf
Indriyas hin und her gerüttelt. Er ist immer rastlos.
Die Wünsche sind zahllos, unstillbar und unüberwindlich.
Vergnügen kann keine Befriedigung bringen. Es ist ein Fehler, das
zu glauben. Vergnügen schürt den Wunsch. Es ist, als gösse
man Ghee ins Feuer. Vergnügen macht einen Wunsch stärker,
kräftiger und intensiver.
Du magst altern; das Haar mag ergrauen; aber der Geist bleibt immer
jung. Die Leistungsfähigkeit mag schwinden, aber die Sehnsüchte
bleiben auch dann, wenn fortgeschrittene Altersschwäche eingesetzt
hat. Sehnsüchte sind die wahren Samen der Geburt. Diese Sehnsuchtssamen
lassen Sankalpa und Handlung entstehen. Das Rad von Samsara wird durch
diese Sehnsüchte in Bewegung gehalten.
Zerstörung von Wünschen
Der Geist liebt Bequemlichkeit, ist unbekümmert und sorglos. Man
muß sein Wesen erkennen. Der Wunsch nach Bequemlichkeit und Sorglosigkeit
ist im Geist verwurzelt. Aspiranten müssen sehr vorsichtig und
achtsam sein. Versuche, Deine Wünsche unerfüllt zu lassen.
Das ist eine Möglichkeit, den Geist zu beherrschen.
Du darfst dem Geist gegenüber nicht nachsichtig und tolerant sein.
Wenn Du Deine Bedürfnisse auch nur um ein einziges Ding vermehrst,
werden die Dinge immer zahlreicher werden. Ein Genuß nach dem
anderen wird auftauchen.
Das, was der Geist am meisten schätzt, muß aufgegeben werden.
Auf das, woran sich der Geist immer wieder hängt und woran er oft
denkt, muß verzichtet werden. Wenn Du Äpfel besonders magst,
verzichte zuerst auf sie. Du wirst großen Frieden erfahren, Willenskraft
und Geisteskontrolle.
Du darfst die Dinge, auf die Du einmal verzichtet hast, nicht wiederaufnehmen.
Immer, wenn Du etwas aufgibst, wird der Wunsch nach diesem bestimmten
Ding einige e lang heftig und stark. Es beschäftigt Deinen Geist.
Bleibe ruhig. Bleibe fest. Es wird schwächer und stirbt schließlich.
Immer, wenn der Geist zischt, um die Dinge zurückzubekommen, die
weggegeben wurden, erhebe die Rute von Viveka. Er wird seinen Kopf senken.
Er wird schweigen.
Nimm alles so, wie es kommt, anstatt Dich zu beklagen. So ergreift
man jede Gelegenheit. Man entwickelt sich leicht, erwirbt viel geistige
Kraft und Gelassenheit des Geistes. Gereiztheit verschwindet. Kraft
der Ausdauer und Geduld entwickeln sich.
Der Geist
hat die Gewohnheit zu wandern
Die große Mehrheit der Menschen läßt den Geist wild
herumlaufen und seinem eigenen süßen Willen und seinen Wünschen
folgen. Ständig ist er in Veränderung und wandert. Er springt
von einem Ding zum anderen. Er ist unbeständig. Er wünscht
Abwechslung. Monotonie ist ihm zuwider. Er ist wie ein verwöhntes
Kind, das von seinen Eltern zu nachsichtig behandelt worden ist, oder
wie ein schlecht abgerichtetes Tier. Der Geist von vielen von uns ist
wie eine Menagerie von wilden Tieren, wo jedes seinem Naturtrieb nachgibt
und seinen eigenen Weg geht. Beherrschung des Geistes ist der großen
Mehrheit der Menschen unbekannt.
Dieser Wandertrieb des Geistes zeigt sich auf verschiedene Weise. Der
Geist eines Familienvaters geht zu Kino, Theater, Zirkus, usw. Der Geist
eines Sadhus geht nach Varanasi, Vrindavana und Nasik. Viele Sadhus
bleiben während des Sadhanas nicht an einem Ort. Der Wandertrieb
des Geistes muß beherrscht werden, indem er durch Vichara rein
und fest gehalten wird. Der Geist muß darin geübt werden,
in der Zeit des meditativen Lebens fünf Jahre lang an einem Ort
zu bleiben, bei einer Sadhanamethode, bei einem Yogaweg, bei einem spirituellen
Ziel und bei einem Führer.
Wenn Du ein Buch zu lesen beginnst, mußt Du es beenden, bevor
Du ein anderes nimmst. Wenn Du mit einer Arbeit beginnst, mußt
Du Deine gesamte Aufmerksamkeit in diese Arbeit legen und sie beenden,
bevor Du mit einer anderen Arbeit beginnst. “Alles zu seiner Zeit und
gut getan, ist eine wertvolle Regel, wie mancher Mensch Dir sagen kann.”
So handelt ein Yogi. Das ist eine sehr gute Regel für Erfolg im
Leben.
Gestatte dem Geist nicht, hierhin und dorthin zu streifen wie ein streunender
Straßenhund. Halte ihn immer unter Kontrolle. Nur dann kannst
Du glücklich sein. Er muß immer bereit sein, Dir zu gehorchen,
Dein Geheiß auszuführen. Wenn der Geist Dir sagt: “Geh nach
Osten”, dann geh nach Westen. Wenn der Geist Dir sagt: “Geh nach Süden”,
dann geh nach Norden. Wenn der Geist Dir sagt: “Trinke eine heiße
Tasse Tee im Winter”, dann trinke eine Tasse eiskaltes Wasser. Schwimme
wie ein Fisch gegen den Strom des Geistes. Dann wird der Geist ganz
leicht beherrschbar sein.
Beherrschung
des Geistes - das einzige Tor zu Moksha
Wahre Freiheit entsteht aus der Befreiung von der Knechtschaft des
Geistes. Wer den Geist bezwungen hat, ist ein wahrer Herrscher und Maharaja.
Wer Wünsche, Leidenschaften und den Geist bezwungen hat, ist der
reichste Mensch. Wenn der Geist kontrolliert ist, macht es wenig aus,
ob man sich in einem Palast oder in einer Höhle im Himalaja befindet,
ob man aktiv Vyavahara macht oder in der Stille sitzt.
Den Geist zu beherrschen bedarf es der unermüdlichen Ausdauer
und Geduld, die nötig ist, um mit der Spitze eines Grashalms den
Ozean Tropfen für Tropfen zu leeren. Das Zähmen eines Löwen
oder eines Tigers ist weit einfacher als das Zähmen des eigenen
Geistes. Zähme zuerst Deinen Geist. Dann kannst Du den Geist anderer
recht leicht zähmen.
Wie man den Geist beherrscht
Denke ständig an Gott. Dann kannst Du den Geist sehr leicht beherrschen.
Das ständige Denken an Gott schwächt den Geist.
Der Geist kann sehr leicht an weltliche Dinge denken. Das ist sein
Swabhava. Die Geisteskraft kann leicht in den alten Furchen und Bahnen
weltlicher Gedanken fließen. Er findet es überaus schwierig,
an Gott zu denken.
Es ist ebenso schwierig, den Geist von Objekten wegzubringen und ihn
auf Gott zu heften, wie den Ganges nach Badrinarayan fließen lassen
zu wollen anstatt nach Ganga-Sagar, wie sein natürlicher Lauf ist.
Es ist als ruderte man gegen den Strom des Yamuna an. Und doch, durch
festes Bemühen und Tyaga muß der Geist geschult werden, zu
Gott zu fließen, sehr gegen seinen Willen, wenn man von Geburt
und Tod befreit werden will. Es gibt nichts anderes, wenn man den weltlichen
Sorgen und Nöten entkommen möchte.
Halte Innenschau. Habe immer ein inneres Leben. Laß einen Teil
des Geistes und die Hände mechanisch ihre Arbeit tun. Eine Akrobatin
hat während ihrer Vorführung ihre Aufmerksamkeit auf die Wasserkrüge
geheftet, die sie auf dem Kopf trägt, obwohl sie die ganze Zeit
zu verschiedenen Melodien tanzt. Genauso macht es der wirklich fromme
Mensch, der sich um all seine Geschäfte kümmert, das Auge
seines Geistes aber auf die wonnevollen Füße des Herrn geheftet
hält. Das ist Gleichgewicht. Das wird zu einer integralen Entwicklung
führen.
Die Welt
- eine Projektion des Geistes
Die gesamte Erfahrung der Dualität des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen
ist reine Einbildung. Es gibt außerhalb des Geistes keine Welt.
Bei der Zerstörung des Geistes wird alles zerstört.
Die Aktivität des Geistes ist die Ursache allen Anscheins. Aufgrund
von Unwissenheit oder Täuschung im Geist nimmt man die Objekte,
Bäume usw. außen wahr und hat das Gefühl, sie wären
getrennt von einem und real.
Solange es Geist gibt, gibt es all diese Unterscheidungen von klein
und groß, hoch und niedrig, überlegen und unterlegen, gut
und schlecht usw. Die höchste Wahrheit ist diejenige, in der es
keine Relativität gibt. Wenn man den Geist durch ständige
und tiefe Meditation über den Atman transzendieren kann, wird man
den Zustand jenseits der Gegensatzpaare erreichen können, wo höchster
Friede und höchste Erkenntnis liegen.
Geist und Mensch
Der Denker ist nicht der Gedanke. Der Geist ist genauso Dein Eigentum
und außerhalb von Dir wie Deine Glieder, das Gewand, das Du trägst,
und das Gebäude, in dem Du wohnst. Du sagst immer: “Mein Geist,”
als wäre der Geist eines Deiner Instrumente, wie Dein Gehstock
oder Dein Schirm. Auch in Fällen von Delirium oder in Fällen
der Lähmung von geistigen Funktionen, wo ein Mensch sein Gedächtnis
oder andere Fähigkeiten zum Teil oder gänzlich verliert, bleibt
er. Das ‘Ich’ existiert. Daher ist der Geist nicht das ‘Ich’. Der Geist
ist nur Dein Werkzeug oder Instrument. Du mußt wissen, wie Du
ihn richtig bedienst.
Wenn Emotionen, Launen oder Gefühle sich im Geist erheben, isoliere
sie, untersuche Ihr Wesen, zerteile und analysiere sie. Identifiziere
Dich nicht damit. Das wahre ‘Ich’ unterscheidet sich völlig von
ihnen. Es ist der stille Zeuge. Beherrsche Deine Impulse, Emotionen
und Launen und erhebe Dich aus dem Zustand der Sklaverei zu einem spirituellen
König, der über sie mit Kraft und Stärke herrschen kann.
Du bist in Wahrheit der ewige alldurchdringende Atman. Du bist das
reine Bewußtsein selbst. Der Geist ist nur ein Bettler. Er nimmt
sein Licht und seine Intelligenz vom inneren Lenker, dem selbstleuchtenden
Atman, so wie der Eisenstab seine Hitze und seinen Glanz vom Feuer nimmt.
Der Geist ist nicht intelligent, scheint aber intelligent zu sein, indem
er sein Licht von Brahman nimmt, wie Wasser, das der Sonne ausgesetzt
ist, seine Wärme von der Sonne nimmt.
Schüttle daher die Tyrannei des Geistes ab, der Dich so lange
unterdrückt hat, über Dich herrschte und Dich bis jetzt ausgenutzt
hat. Erhebe Dich kühn wie ein Löwe. Erhebe Anspruch auf die
Großartigkeit Deines wahren Selbst und sei frei.