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von Sukadev Bretz
Der Aspirant und
der Satguru
Es war einmal ein junger Aspirant, der wollte wissen: „Was ist
Gott?“
Darüber dachte er nach und kam zu keinem Ergebnis. Da fragte
er viele Menschen und jeder gab ihm eine andere Antwort. Dar-auf las
er fünfundzwanzig verschiedene Bücher und aus ihnen erhielt
er fünfundzwanzig unterschiedliche Antworten.
Da dachte er: „Ich muss zu jemandem gehen, der mir eine über-zeugende
Antwort geben kann. Und wer kann das sein? Nun, bestimmt nicht jemand,
der nur von Gott gehört oder nur über ihn spekuliert hat.
Nein, ein selbstverwirklichter Guru muss es sein, der Eins ist mit
Gott.“ Er erkundigte sich nach einem sol-chen Meister. Im Dschungel
sollte so ein Lehrer leben, vier Ta-gesreisen entfernt. Also nahm
er zehn Tage Urlaub und begab sich auf den Weg. Flüsse musste
er durchschwimmen, Moraste durchwaten, und fünftausend Mücken
stachen ihn. Nach vier Tagen erreichte er die Hütte des Meisters.
Er klopfte an die Tür. Doch niemand öffnete. Er klopfte
noch einmal. Immer noch blieb es still. Er wartete eine ganze Stunde
vor der Hütte, doch nie-mand kam. Da öffnete er vorsichtig
die Tür und sah in das Halb-dunkel hinein. Und er sah den Meister
meditierend dort sitzen. Leise setzte er sich zu ihm und meditierte
ebenfalls. Nach einer weiteren Stunde öffnete der Meister die
Augen. Vor ihm saß ein Fremder, der ihn fragend anschaute.
Sitzend verneigte sich der Schüler und sagte: „Oh, großer
Meis-ter, ich würde gern wissen: ‚Was ist Gott? Wo ist
Gott?’ Die einen sagen: ‚Gott ist im Himmel.’ Die
anderen sagen: ‚Gott ist in der Erde.’ Noch andere sagen:
‚Gott ist im Herzen.’ Dann heißt es: ‚Gott
ist immanent.’ Und es wird gesagt: ‚Gott ist transzendent.’
Und wiederum andere meinen: ‚Gott ist sowohl immanent wie auch
transzendent.’ Dann gibt es Menschen, die sagen: ‚Gott
ist männlich.’ Andere sagen: ‚Gott ist weiblich.’
Und die nächsten sagen: ‚Gott ist sowohl männlich
wie auch weiblich.’ Die einen schwören: ‚Gott hat
einen Bart.’ Die anderen sind überzeugt: ‚Gott hat
Stoßzähne.’ Oh, Meister, bitte sag mir: Wer ist Gott?
Was ist die Wahrheit?“
Der Meister, der seit Stunden meditiert hatte, hörte dem Aspi-ranten
mit Mühe zu. Ruhig saß er da und schließlich antwortete
er: „Prajnanam brahman - Bewusstsein ist Brahman, Bewusst-sein
ist Wahrheit.“, und er schloss wieder die Augen.
Das war alles. Eine ausführlichere Antwort bekam der Schüler
nicht. Also begab er sich auf den Rückweg. Flüsse musste
er durchschwimmen, Schlangen ausweichen, ein Bär erschreckte
ihn.
Unterwegs dachte der Aspirant: „So weit musste ich reisen, so
viele Gefahren auf mich nehmen und der Meister sagt mir nur einen
Satz: ‚Prajnanam brahman - Bewusstsein ist Brahman.’ Ist
das wirklich die Antwort, die ich suche? Und der Meister, ist er der
Guru, den ich brauche? Ich brauche einen Guru, den ich ver-ehren kann.
Ich suche einen großen, den idealen Guru.“
Aber dann dachte er: „Und ich, bin ich denn der ideale Schüler?
Und so viele Worte habe ich gesprochen, musste ich so viel reden?
Nun“, dachte er weiter, „in Büchern steht, der weise
Dattatreya brauchte keinen menschlichen Guru, sondern eine unscheinbare
Biene war seine Lehrerin. Von ihr lernte er, dass man bei schö-nem
Wetter Nahrung sammeln muss, um im Winter nicht zu hungern. Und eine
andere Biene lehrte ihn, den Sinnen nur mit Bedacht zu folgen, denn
sie war abends bereits ziemlich beladen noch in eine Blüte gekrabbelt,
um auch diesen Nektar in den Stock zu tragen, aber die Blüte
hatte sich geschlossen, ein Ele-fant war des Weges gekommen und hatte
die Blüte mitsamt der Biene zertrampelt.“
„Ja, einen Satz nur hat der Meister zu mir gesagt. Was hat er
mit ihm gemeint: ‚Prajnanam brahman - Bewusstsein ist Brahman?’
Ist das wirklich so? Wenn ich nun ohne Bewusstsein wäre?“
Er erschrak. „Oh“, rief er, „ohne Bewusstsein wäre
ich ja tot! Und was wären die Tiere ohne Bewusstsein? Sie wären
ebenfalls tot. Und was wären die Pflanzen ohne Bewusstsein? Sie
wären abge-storben.“
Er erkannte, dass die Erde ohne das Bewusstsein der Lebewesen ein
entsetzlicher Ort wäre. Da schaute er plötzlich die Natur
mit ganz anderen Augen an. Dort, in diesem Schmetterling also, der
da an ihm vorüber gaukelte, war Bewusstsein! In den Bäumen,
die ihn umgaben, war Bewusstsein! In den Bächen, die er durch-waten
musste, war Bewusstsein! Er erkannte: „Gott ist nicht ir-gendwo
im Himmel und nicht irgendwo in der Erde. Und unwich-tig ist es, ob
er transzendent oder immanent ist. Ja, unwichtig ist es sogar, ob
er existiert oder nicht, sondern wichtig allein ist das Bewusstsein,
das Bewusstsein in uns und um uns herum, und wichtig ist es, das Bewusstsein
zu spüren und zu erkennen.“
Mit diesem Wissen kehrte er in sein Dorf zurück. Klar sah er:
Überall ist Bewusstsein, Gott ist Bewusstsein. Aber dann tauchte
eine neue Frage auf. Man sollte Gott ja nicht nur erkennen, son-dern
auch verwirklichen. Wie konnte er denn Gott verwirklichen? Danach
drängte es ihn doch. Er beschloss, den Meister noch ein-mal zu
besuchen. Wieder kämpfte er sich durch den Dschungel. Die Moskitos
stachen ihn zu Tausenden. In einem Fluss, der während der Monsunzeit
Hochwasser führte, ertrank er beinahe. Doch schließlich
stand er wieder vor der Hütte des Meisters. Er klopfte, wartete,
dann trat er ein. Der Meister meditierte wieder-um und der Aspirant
setzte sich zu ihm.
Irgendwann kam der Meister aus seiner Meditation heraus und der Schüler
sagte: „Oh, Meister, ich habe erkannt: ‚Prajnanam brahman.’
Tatsächlich, Gott ist Bewusstsein. Ich habe erkannt, Bewusstsein
ist das Wesentliche, das Schöne im Universum. Und ohne Bewusstsein
ist alles sinnlos. Den Körper liebt man nicht des Körpers
wegen, sondern weil Bewusstsein in ihm ist. Die Schönheit liebt
man nicht der Schönheit wegen, sondern weil sich in ihr Bewusstsein
verbirgt. Und wir muten unserem Körper vie-les zu und kräftigen
ihn, weil das Bewusstsein uns dazu drängt. Verlässt das
Bewusstsein eines Tages unseren Körper, dann hat er keine Bedeutung
mehr und das Bewusstsein wandert weiter. Das habe ich erkannt, aber,
oh, großer Meister, es heißt, man soll Gott nicht nur
erkennen und spüren, sondern auch verwirkli-chen. Wie verwirkliche
ich Gott?“
Der Meister hatte zugehört. „Tat twam asi.“, sagte
er. „Das Be-wusstsein, das du überall gesehen, gespürt
und erkannt hast, ‚tat twam asi’ - das bist du’.
Und er schloss wieder die Augen und versank in tiefe Meditation. Mühselig
war der Weg des Schülers zurück durch den Dschungel. Vor
einem zornigen Wildelefanten musste er um sein Leben ren-nen. Nachdem
er sich gerettet hatte, wanderte er weiter und ständig dachte
er an den Satz: „Tat twam asi. Tat twam asi.“
Auf einmal rief er: „Aber ja, natürlich, warum bin ich
nicht schon früher darauf gekommen? Mein Bewusstsein ist ein
Teil des un-endlichen, absoluten und göttlichen Bewusstseins.
Aham brah-masmi - ich bin Brahman.“
Dieser Gedanke durchfuhr ihn, durchdrang alle Zellen und ein unbeschreibliches
Glücksgefühl durchströmte ihn.
„Ayam atma brahman -“, flüsterte er, „ - mein
Selbst, dieses Selbst ist Brahman.“
Und dann spürte er das Absolute, das Göttliche. Nicht nur
in seinem Körper, sondern auch in den Vögeln, in den Bäumen,
in den Wolken und im Himmel. Sein Bewusstsein war eins mit dem Bewusstsein
in allen Körpern, und allen Erscheinungen um ihn herum. Keine
Trennung, keinen Unterschied gab es mehr. So kehrte er in seinen Heimatort
zurück. Aber je länger er in seinem Haus lebte und den alltäglichen
Arbeiten nachging, umso unsi-cherer wurde er, ob das, was er gefühlt
und gedacht hatte, auch die Wahrheit war. Dachte er tief genug, konnte
er seinem ge-fühlsmäßigen Verständnis trauen?
Nach ein paar Monaten, als er sich von seinen Pflichten wieder für
zehn Tage frei machen konn-te, begab er sich noch einmal zu seinem
Guru. Beschwerlich und gefährlich war der Weg wiederum. Aber
dann stand er vor der Hütte, klopfte und trat ein. Der Meister,
erwartete ihn bereits.
„Nun, mein Sohn, was kann ich für dich tun?“ fragte
er.
Der Schüler sagte: „Oh, großer Meister, bei meinem
vorigen Be-such hast du mir gesagt: ‚Tat twam asi.’ Ich
habe darüber nach-gedacht und meditiert, und ich habe die Einheit
mit allem ge-spürt, aber ich bin mir nicht sicher.“
Der Lehrer sagte: „Ayam atma Brahman - dieses Selbst ist Brahman.“
Dies war die Bestätigung. Dieser Satz räumte alle Zweifel
aus.
„Aham Brahmasmi - ich bin Brahman“, sagte der Aspirant
und erreichte Nirvikalpa Samadhi (höchster überbewusster
Zustand, ohne Dualität).
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