| Raja Yoga
Anhang:
Wichtige indische Schriften und Philosophiesysteme
Kommentar von Sukadev Volker Bretz
Grundlage/Quellentexte: "Meditation und Mantras"
von Swami Vishnu-devananda, herausgegeben vom Sivöananda Yoga Vedanta
Zentrum, München, ISBN 3-930716-003, und "Die Wissenschaft des Yoga"
von I.K. Taimni, F. Hirthammer Verlag, ISBN 3-921288-80-0
Klassische indische Schriften
Klassische
indische Schriften
Die Ursprünge des Yoga selbst liegen im Dunkeln. Die ältesten archäologischen Zeugnisse der indischen Hochkultur stammen aus der sogenannten Induskultur, die ihre Blütezeit zwischen 3500 und 1500 v.Chr. hatte. Es existierte auch eine Schrift, die allerdings noch nicht entziffert ist, denn sie scheint nach einer anderen Logik aufgebaut zu sein als alle anderen bisher bekannten Schriften. Sie hat auch keine Ähnlich-keit mit Sanskrit. Archäologischen Ausgrabungen zufolge handelte es sich um eine großartige Hochkultur mit schachbrettartig angelegten blühenden Städten, die über Kanalisation und fließendes Wasser verfüg-ten. Die größten heute bekannten Städte dieser Hochkultur sind Harapa und Mojendra. Um 2000 herum werden die Ausgrabungsfunde geringer und schon um 1500 v.Chr. gibt es keine Zeugnisse mehr von der Induskultur. Aus unbekannten Gründen hat sie sich irgendwann aufgelöst, ohne Anzeichen größerer Schlachten oder sonstiger Katastrophen. Nach einer Theorie westlicher Orientalisten war der Landbau eventuell nicht sehr ökologisch, so daß das Land allmählich auslaugte und die Bewohner die Böden deshalb verlassen mußten. Eine zweite Theorie beruht auf der Einwanderung der Indogermanen um 1500 v.Chr. Diese sogenannten Arier – der Ausdruck hat zwar in Deutschland einen eigenartigen Klang, aber er kommt auch in der Bha-gavad Gita (ind. Nationalepos) vor; Arier heißt eigentlich stark, mutig - kamen aus der südrussischen Steppe, zwischen Kaspischen Meer und Baikalsee, und sollen von dort in mehreren Wellen ausgewandert sein. Ein Teil von ihnen zog nach Persien, das wurden dann die Iranoarier, ein anderer Teil nach Indien, die sogenannten Indoarier. Bis heute haben Sanskrit und Persisch eine enge Verbindung. Wenn man Sanskrit kann, versteht man auch die meisten persischen Ausdrücke und die Bedeutung persischer Na-men, wenn sie nicht arabischen Ursprungs sind. So wird angenommen, daß die Arier zwischen 1500 und 1200 v.Chr. erst das Industal eroberten, dann die Ganges-Tiefebene und schrittweise den nordindischen Subkontinent. In Südindien dagegen blieben die sogenannten Drawiden. Sie gelten als Ureinwohner und hatten auch eine eigene Kultur. Manche Wissen-schaftler mutmaßen, die Drawiden könnten dasselbe Volk sein, das auch die Induskultur gegründet hatte. Bis heute gibt es in Indien zwei ethnische Hauptgruppen, eben die eher hellhäutigen Arier im Norden und die dunkelhäutigen Drawiden im Süden. Die höheren Kasten sind auch im Süden oft mit hellhäutigen arischstämmigen Menschen besetzt. Daneben gibt es in Indien natürlich noch sehr viele anderen Völker, sogar mongoloide Völker, gerade in Nord- und Nordostindien, die ebenfalls nach Indien eingewandert sind. Dann gibt es die sogenannten Awinashis, die Stämme, die bis heute im Wald leben und nie seßhaft gewor-den sind. Früher hatten sie genügend Wald. Heutzutage wird der Wald immer mehr abgeholzt, weil die Bevölkerung im Vergleich zu vor 50 Jahren von etwa 200 bis 300 Millionen auf über eine Milliarde ange-wachsen ist. Wenn man Pakistan und Bangladesh noch dazuzählt, gibt es auf dem indischen Kontinent 1,1 oder 1,2 Millionen Menschen, also mindestens genauso viele Inder wie Chinesen. Die Inder haben ein höheres Bevölkerungswachstum. Man muß sich auch immer vor Augen halten, daß Indien doppelt so viel Einwohner hat wie Europa. Manchmal spricht man von der indischen Kultur oder dem indischen Volk. Das stimmt so wenig, wie man von einem europäischen Volk sprechen kann, obgleich es bis zu einem ge-wissen Grad in Europa eine einheitliche Kultur gibt. Aber man kann nicht unbedingt sagen, daß die Spa-nier, Italiener, Skandinavier, Russen, Griechen, Deutschen alle gleich seien. Genauso ist es auch mit der Völkervielfalt in Indien. Indien war historisch auch ganz selten geeint. Es bestand, wie Europa, aus verschiedenen Reichen, die zwischendurch geeint wurden. Und da Indien immer ein reiches Land war, kamen auch stets von außen Einwanderer und Eroberer. Um die Zeit der arischen Einwanderung sollen dieser Theorie zufolge auch die indischen Schriften ent-standen sein. Es sollen ursprünglich rein arische Schriften gewesen sein, die die Indogermanen mitbrach-ten und die sich später allmählich mit dem drawidischen Gedankengut vermischten. Auf die indogermani-sche, abendländische Kultur gehen die Vorstellungen von Brahman, Atman und die vedischen Götter wie Indra, Varuna, Agni und so weiter, zurück. Von der drawidischen Religion nimmt man an, daß es sich ursprünglich mehr um eine Mutterreligion mit Verehrung der Göttin, eine tantrische Kultur, gehandelt hat, die sich im Gegenzug in den ersten Jahrhunderten nach Christus wieder über ganz Indien ausgebrei-tet hat und auch von der sogenannten brahmanischen Kultur absorbiert wurde. In indologischen und zum Teil auch in Yogabüchern liest es sich immer so, als sei das historisch klar be-wiesen. Es gibt aber in Wirklichkeit keine archäologische Beweisführung dafür, daß die Indogermanen tatsächlich die Indusbewohner besiegt haben. Man weiß nur, es gibt hellhäutige Inder, die aussehen wie Europäer und überwiegend in Nordindien leben, und es gibt eben die dunkelhäutigeren Drawiden in Süd-indien. Es bestehen auch zwei verschiedene Sprachfamilien in Indien: Die indogermanischen Sprachen, die vom Sanskrit abgeleitet sind und die drawidischen Sprachen. Die Theorie stützt sich hauptsächlich auf die Sprachwissenschaft und die Ethnologie. Die
zeitliche Bestimmung ist deshalb so schwierig, weil die Inder auf Palmblätter
geschrieben haben, die nach ein paar hundert Jahren vollständig zerfallen
waren und immer wieder kopiert, also abgeschrieben, wurden. Man findet
keine uralten Originale. Um 250 v.Chr. ließ Ashoka einige Schriften
in große Stein-stelen meißeln. Aber dabei handelt es sich um
buddhistische Inschriften.
Nach klassischer Chronologie sind die Schriften zu Beginn des Kali Yuga entstanden, also um 3500 v.Chr. Die mündliche Überlieferung geht noch erheblich weiter zurück. Zu Beginn des Kali Yuga, des Eisernen Zeitalters, erkannte Vyasa, ein großer Yogi und Rishi, daß die Menschen sich nicht mehr so viel merken können, daß außerdem die Lebensspanne abnehmen und die ganze Zivilisation materialistischer werden wird. Er erhielt innerlich den Auftrag, das Wissen in den Ve-den festzuhalten. So hat er die Veden aufgeschrieben, unterteilt und anschließend auch die anderen Schriften gleich mitgeschrieben. Nach der indischen Mythologie hat Vyasa den größten Teil aller indischen Schriften selbst geschrieben. Die Veden hat er wahrscheinlich persönlich geschrieben und die Puranas hat er gesammelt und seinem Sohn Sukadev weitergegeben, der ein fotografisches Gedächtnis hatte und sie seinerseits weitererzählte, so daß sie zum Teil erst etwas später niedergeschrieben wurden. Die Itihasas, zum Beispiel die Mahabha-rata, soll er selbst geschrieben haben. Die Smritis entstanden zum Teil etwas später. Es gibt neuerdings auch einige Untersuchungen der Veden unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Die Inder sind ja sehr wissenschaftlich orientiert. Sie haben die Atombombe entwickelt, Satelliten im Welt-raum und sind in der Computerwissenschaft, beim Programmieren, absolute Weltspitze. Aber es gibt eine ganze Reihe indischer Top-Wissenschaftler, die irgendwann erkennen, daß die westliche Wissenschaft auch nicht so weit führt, mit ihrem wissenschaftlichen Handwerkszeug die alten Schriften analysieren und dabei interessante Parallelen entdecken. Beispielsweise gibt es eine Analyse des Sternenhimmels zur vedischen Zeit. Der in den Veden beschriebe-ne Sternenhimmel war ein anderer als heute. Da die Erde leicht schief im Weltraum kreist, verschiebt sich der Sternenhimmel von der Erde aus gesehen etwa alle 2000 Jahre um 30 Grad. Darauf beruht das soge-nannte platonische Jahr und darauf beruht auch, daß wir uns jetzt im Zeichen des Wassermanns befinden. Und aus den in den Veden beschriebenen Konstellationen der Hauptsterne, der Sternbilder, ihrem Ver-hältnis zueinander, läßt sich eindeutig nachweisen, daß es sich dabei um den Sternenhimmel der Zeit vor 3500 v.Chr. handelt – und nicht um den von 1500 v.Chr. Demnach wäre praktisch der ganzen westlichen Orientalistik der Boden entzogen, alle bisherigen Theorien in Frage gestellt und die Veden eindeutig um 3500 v.Chr. entstanden. Dann hätten die Veden nämlich zur Zeit der Induskultur schon bestanden und die Indogermanen hätten sie nicht mitgebracht, sondern mehr oder weniger übernommen. Und es gibt noch eine andere interessante Theorie, die Swami Vishnu gelegentlich erzählt hat. Sie ist in den Schriften erwähnt, es gibt aber – wie für die der westlichen Orientalistik - keine archäologische Be-weisführung dafür. Danach wären wir die Nachfahren der Induskultur. Krishnas nordindischer Volksstamm der Yadavas war besonders heldenhaft. Krishna wollte aber nicht in die Politik und die Kämpfe seiner Zeit hineingezogen werden. Deshalb schuf er aus seiner Yoga Maya, seiner Yogakraft heraus, einen Kontinent namens Dvaraka vor Indien, auf den er mit seinem Volk aus-wanderte, um dort ein ideales Staatswesen zu gründen. Aber selbst Krishna ist an den Menschen geschei-tert. Er schuf ein gut funktionierendes Wirtschaftssystem, so daß es allen gut ging. Aber wie es so ist, wenn es einem sehr gut geht, man wird schnell korrupt und materialistisch. Daher bestimmte Krishna, daß der Kontinent nach seinem Tod untergehen sollte und beauftragte seinen Schüler Arjuna, nach sei-nem Tod die Yadavas nördlich der großen Schneeberge zu führen. Und so geschah es dann auch. Krishna starb, damit begann das Kali Yuga, Arjuna ging nach Dvaraka, erfüllte Krishnas Wunsch und zog mit den Yadavas - zumindest mit denen, die ihm glaubten, was nicht die Mehrheit war -, nördlich des Himalaya, ließ sie dort zurück und kehrte selbst nach Indien zurück. Danach wären wir Nachfahren des Volksstam-mes der Yadavas. Man könnte die Geschichte von Dvaraka auch deuten als Geschichte von einem untergegangenen Konti-nent, von dem die Menschen ihre Zivilisation mitgebracht haben. Und es gibt die Theorien, wonach die ganze irdische Zivilisation nicht hier begonnen hat, sondern auf an-deren Planeten. Und wenn man die Bücher von Däniken liest oder die indischen Schriften oder die Bibel, dann spricht durchaus einiges dafür. Man findet sehr oft Hinweise auf fliegende Gefährte, zum Beispiel im Ramayana. Dort werden Flugzeuge beschrieben, die großen Lärm machen, Feuer speien und bei einer bestimmten Geschwindigkeit – also beim Durchbrechen der Schallmauer – gibt es einen fruchtbaren Knall. Manche fliegen nur durch die Kraft der Gedanken und sind noch erheblich schneller. Sie fliegen zu anderen Planeten und kehren zurück. Da gibt es ganz wilde Aussagen. Von Däniken würde auch die De-vas nicht als Engelswesen interpretieren sondern als Wesen von anderen Planeten, die hierher gekommen sind und die Kultur gebracht haben. Swami Vishnu hat sich dazu nicht übermäßig geäußert, aber er meinte, wir seien nicht die erste Raum-fahrtkultur und die Zivilisation habe nicht auf der Erde angefangen, denn die Zeit seit der Entstehung des Lebens auf der Erde sei zu kurz gewesen, um sich so schnell so weit zu verändern und zu entwickeln. Es könnte genauso gewesen sein, daß die Menschen der Induskultur hellhäutig waren, zum großen Teil nach Zentralasien ausgewandert sind und daß die Drawiden in Südindien eine eigene Kultur hatten und sie sich Schritt für Schritt vermischt beziehungsweise eben nicht vermischt haben, so daß die Hellhäuti-gen in Nordindien eine Kaste geblieben sind. Wenn sie nach Süden kamen, haben sie dort die höheren Kasten besetzt, und wenn Drawiden von Süd- nach Nordindien kamen, haben sie dort die niederen Kasten besetzt. Über
die Kastenentstehung gibt es noch eine andere Lehre, nämlich, daß
die Kasteneinteilung nicht durch Religionszuhörigkeit, sondern aus
inneren Motiven entsteht. Es gibt die vier Hauptwünsche des Men-schen:
Kama (Sinnesbefriedigung), Arta (Wunsch nach Reichtum), Dharma (Wunsch
nach Gerechtigkeit und Selbstverwirklichung im modernen westlichen Sinn)
und Moksha (Befreiung). Diejenigen, die haupt-sächlich nach Sinnesbefriedigung,
einem einfachen Leben streben, werden die Shudras. Sie verrichten ihre
Arbeiten, haben nicht zu viele Pflichten, keine zu lange Arbeitszeit und
können ihre Sinne auf einfache Weise befriedigen. Diejenigen, denen
es hauptsächlich um Reichtum und Macht geht, werden die Vaishy-as,
die Bauern und Kaufleute. Wenn Menschen, die reich werden wollen, die Wirtschaft
beherrschen, dann floriert die Wirtschaft. Wenn gerechtigkeitsliebende
Menschen versuchen, Unternehmen aufzubauen, klappt das meist nicht so ganz.
Wer anderen helfen und dienen will, wem es um Gerechtigkeit und das Wohl
der Gesellschaft geht, der soll die Regierung übernehmen. Das ist
die Kaste der Kshatriyas. Ksha-triyas sind nicht nur Krieger, sondern auch
Beamte, diejenigen, die die Verwaltung organisieren. Und dann gibt es Menschen,
denen es hauptsächlich um Moksha, Befreiung und Selbstverwirklichung
geht. Das sind die Brahmanen, die Priester. Manche Brahmanen nehmen auch
Arbeiten an, damit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können, vielleicht
vier bis sechs Stunden am Tag, so daß sie einen Teil des Tages
arbeiten und den Rest der Zeit mit Studium und Sadhana verbringen können.
Und anders als bei uns im Westen ist es nicht so, daß man mehr Rechte
hat, je höher die Schicht, und um so weniger Rechte, je niedriger
die Schicht, sondern umgekehrt. Je höher die Schicht, um so mehr Restriktionen
unterliegt man. Die Shudras können mehr oder weniger essen, was sie
wollen und ihren Tag verbringen wie sie wollen. Die Brahmanen hingegen
haben strikte Eßregeln, müssen früh zu einer bestimmten
Zeit auf-stehen, dreimal am Tag ein Bad nehmen, sich an hygienische und
allgemeine Vorschriften und Rituale halten. Je höher die Schicht,
desto schwieriger das Leben, je niedriger die Schicht, desto einfacher.
Die eigene Natur, Swarupa, bestimmt die Kaste, Varna, und Swadharma, die
eigenen Aufgaben. So steht es in den Schriften. Unabhängig davon läßt
sich aber nicht leugnen, daß die Hellhäutigen die höheren
Kasten stellen. Es könnte sein, daß man das ursprüngliche
Kastensystem später modifiziert und die höheren Kas-ten den Herrschenden
zuerkannt hat.
Einteilung der indischen Schriften Als die Menschen ursprünglich die Schriften geschaffen haben, haben sie sich natürlich nicht an irgend-welchen Kriterien orientiert. Alle Einteilungen sind erst nachträglich entstanden, als man sich später überlegt hat, wie man die Schriften logisch aufgliedern könnte. Die Einteilungen sind auch in verschiede-nen Schulen unterschiedlich. Die indischen Hauptschriften gliedern sich in vier Teile: 1.
Veden
Sie sind die ältesten, ursprünglichen indischen Schriften. Die Veden werden auch als Shrutis bezeichnet. Shruti heißt wörtlich das Gehörte, wobei damit nicht ge-meint ist, daß man es mit den Ohren gehört hat – sondern so, wie wir im Deutschen sagen würden, man hat Gott geschaut. Damit ist nicht gemeint, man hat ihn wirklich gesehen - er hatte zwei Augen und einen Bart -, sondern es bedeutet Schau im Sinne einer Enthüllung, Offenbarung. Shrutis sind das Gehörte, das man als Offenbarung empfangen hat. Von daher stimmt auch die Behauptung nicht, die man manchmal in der westlichen Theologie findet, wonach nur Judentum, Christentum und Islam die großen Offenbarungs-religionen sind, neben denen es nur noch die Primitivreligionen gibt. Veda heißt Wissen - Wissen, das den Rishis, den Sehern, enthüllt, offenbart worden ist. Es heißt, das ge-samte Wissen der Menschheit sei in den Veden enthalten. Brahma, der Schöpfer, soll vor der Erschaffung der Welt erst die Veden geschaffen haben. Natürlich hat er sie nicht zuerst aufgeschrieben – wo und wie hätte er sie auch aufschreiben sollen! – aber Veda als das Wissen um die Gesetze des Universums braucht man zuerst, um anschließend die Welt zu erschaffen. Und aus welchem Material hat er sie geschaffen? Er hat Tapas geübt, daraus Energie gewonnen und mit dieser Energie und seinen Gedanken die Welt ge-schaffen. Das ist einer der vielen Schöpfungsmythen, die man in Indien findet. Die Veden sind Sammlungen einzelner Enthüllungen, die verschiedenen Rishis gemacht wurden, von ih-nen an seine Schüler weitergegeben und von Vyasa gesammelt und aufgeschrieben wurden. Zusammenge-faßt würden sie viele Bände ausmachen. Diese Schriftensammlung ist in vier Hauptteile gegliedert: 1.
Rigveda
Man kann nicht so genau sagen, was das Hauptthema jedes Veda ist. Man liest zwar manchmal, Rig be-handle die Schöpfung, Sama die Musik, Yajur die Opferzeremonien und Atharva magische Praktiken, aber so ganz stimmt das nicht. Sie unterscheiden sich letztlich in der Melodie, mit der sie gesungen werden. Rigveda ist eine bestimmte Singweise, Samaveda ist eine ganz andere und Yajur und Atharva jeweils wie-der eine andere. Jeder dieser vier Hauptveden besteht wiederum aus vier Teilen: a)
Samhitas
Die Samhitas sind die Hymnen oder Mantras. Das ist der wichtigste Teil vom mythologischen Gesichts-punkt her. Bei einer Puja (Opferzeremonie) oder Yajna (Feuerritual) rezitiert man Samhitas. Die Aranya-kas geben Erklärungen und Erläuterungen dazu. Die Brahmanas beschreiben die rituelle Anwendung und die genaue Ausführung der Rituale. Alle drei zusammen bilden den Karma Kanda-Teil der Veden, wobei Karma hier im Sinn von Ritual zu verstehen ist, nicht als Handlung. Karma Kanda ist der Teil der Veden, der sich mit Ritualen beschäftigt. Die Upanishaden bilden den Jnana Kanda, den Teil, bei dem es um Wissen und Weisheit geht. Sie stellen den metaphysischen, philosophischen Abschnitt der Veden dar, in dem grundlegende Fragen behandelt werden wie „Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich, was ist der Sinn des Ganzen, wie erlange ich Befreiung?“. Sie sind der für den Yoga wichtigste Teil mit den Grundlagen des Jnana Yoga. Man nimmt an, daß die Smritis um 1200 v.Chr. bis 500 v.Chr. geschrieben wurden. Allerdings findet man auch andere Jahreszahlen. Die Zeitangaben differieren in Büchern und Artikeln über Orientalistik um ein paar Jahrhunderte. Smriti heißt wörtlich Erinnerung. Die Smritis sind die Gesetzbücher, die Umsetzung der Shrutis, der Weisheit der Veden, in Regeln und Gesetze und deren Anwendung im täglichen Leben. Shrutis sind die ewige Wahrheit, das, was immer bleibt; Smritis sind veränderlich. Es gibt sehr viele verschiedene Smritis. Sie ändern sich auch je nach den gesellschaftlichen, wirtschaftli-chen, kulturellen Umständen der Zeit. Ursprünglich waren es sehr kluge gesellschaftliche Regeln für das Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturen, Religionen, Kasten, Generationen. Im Laufe der Zeit sind sie immer mehr verkrustet und es gab mehr und mehr Vorschriften. Das erleben wir ja auch bei uns. Jedes Jahr verdoppelt sich die Menge an Gesetzen. Man kann praktisch nichts mehr machen, ohne irgendein Gesetz zu übertreten – vorausgesetzt, man kennt es überhaupt. Wenn man sich vorstellt, das geht noch zwei- oder dreihundert Jahre so weiter... Und so ähnlich haben sich auch die Smritis entwi-ckelt. Die Verkrustungen wurden aber auch ab und zu wieder aufgerissen, sie wurden überarbeitet und neu geschrieben. Ein paar Jahrhunderte nach Christus hat das Aktualisieren und Anpassen der Smritis ausgesetzt. Daraus resultiert manche Unschönheit der hinduistischen Gesellschaft. Die großen Yogis der Gegenwart sagen, es müßte einen neuen Manu geben, also einen neuen Gesetzgeber, der Regeln vorgibt, wie man diese klassische Spiritualität in das praktische Leben integrieren kann, wie eine ideale Gesell-schaft beschaffen sein müßte, die religiös, spirituell, orientiert ist und trotzdem auch den Nicht-Spirituellen gerecht wird. Das ist ja das große Kunststück dabei. Die alten Smritis, in denen zum Beispiel die vier Ashramas (Lebensstadien) und die vier Varnas (Kasten) idealtypisch beschrieben sind, sind durchaus kunstvoll und faszinierend. Im übertragenen, weiteren Sinne ist Shruti das Unveränderliche und Smriti allgemein die Anpassung an das tägliche Leben. Auch im Yoga muß man immer wieder überlegen, was ist das Unveränderliche, Ur-sprüngliche und was ist eher zeit- und kulturbedingt. Und da sind die indischen Yogalehrer, die in den Westen kommen, durchaus unterschiedlicher Meinung. Kein wirklich authentischer Yogi würde wohl be-haupten, Yoga bestehe nur aus ein paar Entspannungsübungen. Aber manche sagen, es gehe im Yoga nur um die Transformation des Bewußtseins, mit dem Ziel, zur Einheit zu kommen. Wie wir das erreichen, sei unwesentlich und weder Mantrasingen noch Vegetarismus seien dafür notwendig. Bei Yoga Vidya haben wir einen eher klassischen Standpunkt. Mantrasingen, Vegetarismus und die Philosophie der Reinkarna-tion gehören bei uns zum ganzheitlichen Yoga dazu. Letztendlich muß jeder für sich zu einer Entschei-dung kommen, wo er keine Kompromisse machen darf und wo Kompromisse nötig sind, um die Prinzipien im praktischen Leben überhaupt umsetzen zu können. Also Shruti, die hohe Wahrheit und Smriti, die praktische Umsetzung. Die Puranas sind Göttergeschichten. Die Itihasas sind die sogenannten Heldenepen, wo zwar auch Götter eine Rolle spielen, es aber in der Hauptsache um Menschen geht, ähnlich wie in den griechischen Götter- und Heldensagen. Im ersten Teil spielen die Götter die Hauptrolle, im späteren Teil, in der Odyssee und Äneis, die Menschen. Die bekannteste der Puranas ist die Bhagavatam, welche für die Hare Krishna-Bewegung eine besondere Bedeutung hat, aber nicht nur für sie. Swami Vishnu hat sie auch gerne gelesen. Sie erzählt Geschichten von Vishnu und Krishna. Die bekanntesten Itihasas sind das Ramayana und das Mahabharata. Puranas und Itihasas waren für das „gemeine Volk“ bestimmt. Die Shrutis und Smritis waren den Brah-manen vorbehalten, die zwölf Jahre studiert hatten. Ähnlich wie auch das BGB und das HGB mehr für die Juristen ist, auch die Straßenverkehrsordnung, während das „gewöhnliche Volk“ im Theorieunterricht einen Teil davon lernt. So ähnlich muß man es hier auch sehen. Puranas und Itihasas erklären die spirituellen Prinzipien auf einfache Weise. Denn die Menschen haben immer schon lieber Romane gelesen als philosophische Ab-handlungen und sehen heute lieber Liebesfilme und Krimis als Videos über spirituelle Themen oder abso-lute Wahrheiten. Die zwei Dinge, die den Menschen schon immer am meisten fasziniert haben, sind Sex und Gewalt, Liebe und Krieg. Daher sind die Puranas und Itihasas voll von Liebesgeschichten, kriegeri-schen Eroberungen und menschlichen Dramen. Aber dazwischen ist die spirituelle Botschaft verpackt. Ab und zu trifft jemand einen Weisen, fragt ihn etwas und der Weise antwortet. Es darf dann zwar nicht zu lange dauern, sonst schalten die Menschen wieder ab, aber es kann wie in der Bhagavad Gita durchaus achthundert Verse umfassen. Die Bhagavad Gita ist ja Teil der Itihasas. Nach der Theorie westlicher Orientalisten sollen die Puranas und Itihasas ein paar hundert Jahre vor Christus geschrieben worden sein, wobei schon das drawidische Gedankengut eingeflossen ist, so daß die alten vedischen Götter wie Indra, Varuna und Agni nicht mehr so vertreten waren. Man hat sie mehr als Engelswesen angesehen. Dafür wurden die neuen Götter wie Brahma, Vishnu, Shiva, Durga, Lakshmi, die noch älter waren, wieder bedeutender. Seit dieser Zeit kann man in Indien drei hauptsächliche religiöse Strömungen unterscheiden. Wie im Christentum die Hauptströmungen Katholizismus, orthodoxe Christen und evangelische Christen, gibt es im Hinduismus mehrere religiöse Hauptrichtungen: ·
Die Shaivas
Die Shaivas verehren besonders Shiva, die Vaishnavas Vishnu als höchsten Gott und die Shaktas Shakti Devi, die Göttin als kosmische Mutter. Sie werden auch als Tantriker bezeichnet. Von diesen Richtungen gibt es jeweils noch zahlreiche Untergliederungen. Manche Shaktas verehren Dur-ga besonders oder Lakshmi oder Kali. Aber mehr oder weniger werden alle miteinander gleichgesetzt; es sind einfach Manifestationen der gleichen Shakti. Auch manche Puranas sind mehr auf einen Aspekt der Gottheit ausgerichtet. Es gibt zum Beispiel Shiva Puranas, Vishnu Puranas (die Bhagavatapurana, kurz Bhagavatam genannt) und die Shakti Puranas. Alle Unterströmungen haben ihre eigene Kultur, Riten, Religionen, Tempel und so weiter. Letztlich kann man sagen, dem indischen Kastenwesen liegt eine multikulturelle Gesellschaft zugrunde, wobei jede Kaste ihre eigene Weise der Verehrung hat. Jede Kaste organisiert sich selbst, regiert sich selbst, und das in ganz unterschiedlicher Weise. Manche sind demokratisch, bei manchen ist die Herr-schaft über die Gemeinschaft eher erblich, bei anderen durch Los bestimmt. Wir kennen im Westen oft nur die vier Hauptkasten: Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und Shudras. Von größerer Bedeutung ist aber die Unterkaste in einer Gemeinschaft. Es gibt Tausende solcher Unterkasten. Damit das Zusammenleben klappt, muß alles geregelt sein und jede Unterkaste hat eine bestimmte Aufgabe in der gesamten Gesell-schaft. Die Unterkaste ist oft mit einem oder einigen ausgewählten Berufen gekoppelt, die dann vererbt werden. Man heiratet normalerweise nur innerhalb seiner Kaste oder es gibt bestimmte Kasten, in die man auch noch hineinheiraten kann. Jede Kaste hat ihre religiösen Riten, die selbst oder von Priestern ausgeführt werden. Damit diese Selbstorganisation funktioniert, schuf man höhere und niedrige Kasten mit der zusätzlichen Zuteilung zu den vier Hauptkasten. Je nach Macht und Einfluß konnte sich die Rangordnung der Unterkasten auch wieder ändern. Yoga war in Indien immer religionsübergreifend. Yoga ist die Mystik hinter der Religion, wenn man das Göttliche nicht nur glauben, sondern wirklich erfahren will. Man geht nicht nur einfach in den Tempel, nimmt das Prasad oder macht ein paar Riten, um etwas Bestimmtes zu bekommen, so wie Menschen in die Kirche gehen und Kerzen opfern für einen besonderen Wunsch. Oder man macht eine Art Handel mit Gott, wie das zu meiner Kindheit üblich war: Wenn ich in der Klassenarbeit eine Eins schreibe, opfere ich fünf Mark oder helfe meiner Mutter eine Woche beim Abwaschen oder so etwas Ähnliches. Heute kommt das wohl etwas aus der Mode. Leider, denn es ist eine frühkindliche Form von Glauben und Spiritualität, die gerade dann, wenn es auch tatsächlich klappt, einen Menschen irgendwie auf die erste Stufe des Glau-bens setzt. Wenn es nicht funktioniert, kann man allerdings vielleicht schon als Kind zum Atheist wer-den... Jetzt hat man Gott schon fünf Mark versprochen und trotzdem hat man eine Sechs in der Klassen-arbeit geschrieben - das verzeiht man Gott nicht so schnell! Solche Dinge sind auch in Indien üblich. Aber Yoga umfaßt eben die Techniken in all diesen verschiedenen Traditionen, die dazu verhelfen wollen, das Göttliche selbst direkt zu erfahren und zu einer authentischen spirituellen Entwicklung zu kommen. Die vier orthodoxen Hauptschriften – die Veden bzw. Shrutis, Smritis, Puranas und Itihasas - werden von allen Hindus als Autorität anerkannt. Für den Yoga von besonderer Bedeutung sind die Upanishaden, die Quintessenz der Veden, und von den Itihasas die Bhagavad Gita als Teil des Mahabharata. Daneben gibt es zahlreiche spätere, nicht-orthodoxe Schriften, die sich jeweils nur auf ein Teilgebiet oder eine bestimmte Glaubensrichtung beziehen und nicht von allen Hindus anerkannt werden. Dazu gehören zum Beispiel die Sutras. Eine Sutra ist ein Leitfaden und die kürzeste Weise, etwas auszudrücken, wäh-rend Puranas und Itihasas die längstmögliche Weise sind, etwas auszudrücken. Das Mahabharata ist bis heute das längste Epos der Weltliteratur. Alle deutschen oder englischen Ausgaben sind nur Zusammen-fassungen. Das Original ist für unseren heutigen schnellebigen Geist auch etwas zu langatmig. Für den Yoga von größter Bedeutung sind Yoga Sutras von Patanjali über den Raja Yoga und die Brahma Sutras über das Jnana Yoga. Daneben gibt es noch sehr viel mehr Sutras über verschiedenste Bereiche. Das Wort Tantra hat eine vielfältige Bedeutung. Zum einen bezeichnet Tantra neben dem Shaivismus und dem Vaishnavismus eine der drei Hauptreligionsrichtungen Indiens. Zum zweiten ist Tantra ein bestimm-tes Philosophiesystem, nämlich die Shiva-Shakti-Philosophie. Und zum dritten ist Tantra der Name für einen bestimmten Schrifttyp, die Agamas, die jeweils nur einer Tradition zugeordnet sind. Es gibt Vishnu Agamas, Shiva Agamas und Shakti Agamas, wobei die Shakti Agamas als Tantra bezeichnet werden. Diese Tantras haben wieder eine besondere Bedeutung fürs Yoga, denn die Hatha Yoga-Schriften und auch die Mantra Shastras sind ein Teil davon. Es gibt vier Hauptschriften des Hatha Yoga: 1.
Hatha Yoga Pradipika
In
diesen Schriften sind die Mudras beschrieben, die Bandhas, die Asanas,
alle Konzentrationstechniken, die Kriyas und die Hatha Yoga-Meditationstechniken,
zum Teil Theorie über Kundalini Yoga, über Cha-kras, Nadis.
Die sechs indischen Philosophiesysteme Die sechs Philosophiesysteme werden auch als Darshanas bezeichnet. Darshan heißt wörtlich Sichtweise. Man könnte es auch durchaus mit Weltanschauung übersetzen. Aber es ist eine Sichtweise, es ist nicht die absolute Wahrheit. Jedes Philosophiesystem ist nur ein Versuch, die Wahrheit zu beschreiben. Eigentlich kann man die Wahrheit nicht in Worte fassen. Sie kann nur direkt erfahren werden. Wenn man sie erfahren hat und anderen vermitteln will, muß man erneut Worte oder Bilder gebrauchen, was wiederum begrenzend ist. Daher gibt es auch sechs Darshanas mit unterschiedlichen Standpunkten, die jedoch aus indischer Sicht keine Widersprüche sind, sondern nur verschiedene Sichtweisen der gleichen Wirklichkeit. Jedes Darshana ist ein Philosophiesystem, das versucht, Antworten zu geben auf die großen Fragen: Was ist die Welt? Woher kommt die Welt? Was ist der Mensch? Was ist Glück? Gibt es Gott? Was ist Gott? Was ist Leid? Was ist das Ziel des Lebens? Und wie kommt man dorthin? Wie kommt man zur Befreiung? 1.
Purva Mimamsa
Purva Mimamsa ist eine theistische Philosophie. Gott hat die Welt geschaffen. Das Ziel des Lebens ist es, in den Himmel zu kommen. Zu vermeiden gilt es, in die Hölle zu kommen. Um in den Himmel zu kommen, muß man Punyas ansammeln, Verdienste, und Papas, Sünden, vermeiden. Durch Papas zieht man erstens schlechtes Karma auf sich, zweitens kommt man in die Hölle und drittens wird man im nächsten Leben sehr schlecht wiedergeboren. Wenn man dagegen Punyas sammelt, erwirbt man künftiges Vergnügen, kommt in den Himmel und das nächste Leben ist um so besser. Diese Philosophie ist in Indien wohl am verbreitetsten. Sie ist etwas differenzierter als die christliche Himmel- und Hölle-Philosophie, wo man auf ewig in die Hölle oder in den Himmel kommt, wobei es eigentlich keinen Sinn macht, daß ein Leben von durchschnitt-lich 70 oder oft auch weniger Jahren darüber bestimmen soll, daß man Trillionen von Jahren in der Hölle braten soll. Könnte so etwas ein liebender Gott wollen? - Das kann wohl nicht sein. Man muß natürlich wissen, daß die Christen früher geglaubt haben, daß die Welt erst ein paar tausend Jahre existiert und bald untergehen würde. So gesehen dauert die Ewigkeit auch gar nicht so lange. Aber die Inder sind schon immer davon ausgegangen, daß es Trillionen von Trillionen von Trillionen von Leben gibt, und da ist die Ewigkeit schon sehr lange. Purva Mimamsa beschreibt sowohl positive als auch negative Handlungen im täglichen Leben und bein-haltet auch ethische Gesichtspunkte. Wenn man anderen hilft, ist es Punya, wenn man andere schädigt, ist es Papa. Darüber hinaus gibt es alle möglichen Reinheitsvorschriften. Beachtet man sie, gibt es Punya, andernfalls Papa. Daneben gibt es einige Handlungen, die man unbedingt ausführen muß und die weder Punya noch Papa sind; unterläßt man sie jedoch, dann gibt es Papa. Führt man sie hingegen verstärkt aus, gibt es Punya. Aber es bezieht sich auch noch auf etwas anderes. Wenn man etwas Bestimmtes erreichen will, kann man vorgeschriebene Rituale dafür machen. Angenommen, man will reich werden -, gut, eine Möglichkeit wäre, fleißig zu arbeiten -, die andere, bestimmte Rituale dafür zu machen. Dabei würde man Lakshmi auf eine bestimmte Weise verehren, eine Yajna (Opferzeremonie), Tapas (Askeseübungen) und so weiter machen, dann wird Lakshmi einen segnen und man wird reich. Oder angenommen man will ein Kind haben, dann muß man bestimmte Pilgerreisen machen, vorgeschrie-bene Mantras wiederholen, den Brahmanen eine gewisse Anzahl Kühe schenken, Almosen oder Hospitäler für Arme stiften. Wenn man das auf richtige Weise macht, bekommt man das Kind. Oder man will heiraten und findet keinen passenden Partner oder der Mann, den man gerne haben will, ist schon vergeben oder möchte nicht oder die Familie weigert sich, dann gibt es bestimmte Rituale, den Mann in sich verliebt zu machen, alle Hindernisse verschwinden zu lassen und schließlich die Heirat her-beizuführen. Wenn man schlechte Taten vollbracht hat und nach einiger Zeit von Gewissenskonflikten geplagt wird, gibt es bestimmte Bußübungen, die je nachdem, um welche Tat es sich handelt, ganz genau vorgeschrie-ben und auch recht drastisch sind. Es kann sein, daß man zwei Jahre in die Einöde gehen und 12 Stunden am Tag Askeseübungen machen muß. Oder man muß sein ganzes Vermögen den Armen zur Verfügung stellen oder sich vier Jahre als Diener im Tempel verdingen. In gewisser Hinsicht ist das durchaus eine kluge Weise, mit Schuld umzugehen, wenn man die Tat wirklich bereut. Aber es kann auch zu Scheinheiligkeit und Berechnung führen, dann nämlich, wenn wir es bewußt in Kauf nehmen, etwas Unrichtiges zu tun, Nutzen davon haben und anschließend einfach ein paar Buß-übungen machen, um kein schlechtes Karma bekommen. Diese Praxis hat Ähnlichkeit mit bestimmten Formen des katholischen Christentums, wobei die Bußen dort relativ harmlos waren, und am Schluß werden einem die Sünden vergeben. In der Bhagavad Gita liest man oft von Papa, Sünden. Gerade im ersten Kapitel spricht Arjuna davon, denn er hat große Angst, Sünden auf sich zu laden. Und Krishna sagt zum Schluß: Sarvadarmam
parityaja
Papa ebhyo = ich befreie dich von allen Sünden, sorge dich nicht Krishna wendet sich in der Bhagavad Gita anfangs noch recht diplomatisch, später ganz entschieden ge-gen diese Philosophie, während Arjuna ihr zunächst anhängt. Wörtlich sagt er: „Blumige Worte finden die Weisen, die an den rühmenden Worten der Veden Gefallen finden, oh Arjuna, und sagen, es gibt nichts anderes. Sie sind voller Wünsche. Der Himmel ist ihr Ziel und das Ergebnis ihres Tuns ist neuerliche Ge-burt. Sie schreiben verschiedene Methoden mit einer Überfülle von bestimmten Handlungen vor, um Ver-gnügen und Macht zu erlangen. In Menschen, die an Vergnügen und Macht hängen und deren Geist durch solche Lehren gelenkt wird, bildet sich nicht diese Bestimmtheit, die stets auf Meditation und Samadhi ausgerichtet ist.“ Letztlich mag es sein, daß die Mimamsa-Philosophie bestimmten Naturgesetzen folgt, aber laut Krishna geht es ihren Anhängern nicht wirklich darum, die Selbstverwirklichung zu erreichen. Sie kommen zwar in den Himmel, erreichen vielleicht Macht und Vergnügen, aber es führt nicht zur Befreiung, sondern in die Verhaftung hinein. Man hat ja nichts davon, wenn man reich wird. Ob wir nun reich werden, indem wir vierzehn Stunden am Tag arbeiten, sieben Tagen in der Woche ohne Pause oder ob wir dafür Rituale machen, das Ergebnis ist das gleiche, nämlich Bindung. Trotzdem, das Purva Mimamsa-System hat durchaus auch seine Funktion. Es erklärt bestimmte Funkti-onsweisen von Karma wie Ursache und Wirkung und Kompensation. Und die verschiedenen Sühnerituale und Vorschriften können für die Mehrheit der Menschen, die sich unter Befreiung nichts vorstellen kön-nen, eine gute Motivation für ein ethisches Leben darstellen und helfen, mit schwierigen menschlichen Problemen wie Schuld und Sühne, Gerechtigkeit, Ärger, usw., besser umzugehen und fertig zu werden. Ein paar Sachen könnte man auch durchaus in den Yoga integrieren. Es ist sicher sinnvoll, irgendwie Buße zu tun, wenn man eine schlechte Handlung begangen hat - am besten natürlich gegenüber dem be-troffenen Menschen. Man kann sich entschuldigen und versuchen, die Sache gutzumachen. Manchmal ist das nicht möglich, entweder weil der Mensch so böse ist, daß er einem nicht erlaubt, etwas zu tun oder weil er nicht in der Nähe ist und man nichts mehr mit ihm zu tun hat. Dann kann man stattdessen ir-gendeine Sühneübung dafür machen. Und auch in Bezug auf das Karma können wir von der Mimamsa Philosophie lernen. Solange wir noch nicht so weit sind, vollständig egofrei zu handeln, können wir uns wenigstens zu guten Handlungen moti-vieren, indem wir uns sagen, Schlechtes kommt nur auf uns zurück. Und umgekehrt lernen wir auch, nicht an anderen Rache zu üben. Im Alten Testament heißt es: „ ‚Mein ist die Rache‘, spricht der Herr“. Jemand, der eine schlechte Handlung ausführt, richtet sich selbst zugrunde. So wie Jesus auch in einem der Evangelien sagt: „Es muß ja Übles kommen, aber wehe dem, durch den es kommt!“ Wir müssen unser Karma ernten. Wer uns gegenüber schlecht handelt, ist für uns zwar ein Diener des Karmas, aber er selbst wird darunter leiden müssen, wenn er es bewußt macht. Nicht umsonst sagt Jesus noch am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun“. Denn er wußte, für ihn war es vorbestimmt, so zu sterben und er hat es auf sich genommen. Aber für die anderen, die ihn ans Kreuz nageln, bringt es schlechtes Karma mit sich. Wir sollten Mitleid mit denjenigen haben, die uns bestehlen oder ungerecht behandeln. Sie richten sich selbst zugrunde und schaffen sich ihr eigenes Leiden. Uns geben sie Gelegen-heit zu wachsen und sind das Werkzeug dafür, daß wir unser eigenes Karma ausarbeiten können. Wenn man das verstanden hat, gewinnt man auch eine gewisse Gelassenheit. Ich muß zugeben, in meinem Leben gab es eigentlich nie Menschen, die sich mir gegenüber besonders bösartig benommen hätten. Aber es gab schon mal jemanden, der mich hinterrücks schlecht gemacht und angeschwärzt hat, was auch Konsequenzen für mich hatte. Im ersten Augenblick war ich natürlich schon ein bißchen ärgerlich, aber ich habe auch intuitiv geahnt, daß auf ihn nichts Gutes zukommen wird. Und es hat sich sehr schnell auf ihn ausgewirkt, ungefähr ein halbes Jahr später, und für ihn zu einer ernst-haften Krise geführt. Manchmal geht Karma sehr schnell. Manchmal braucht es auch ein, zwei oder drei Leben dazwischen. Dann sind eben die Wirkungszusammenhänge nicht so schnell zu erkennen. Auf dieser Ebene kann einem die Purva Mimamsa-Philosophie durchaus behilflich sein. Aber
vergessen wir nicht die Kritik, die Krishna übt: „Allein danach zu
handeln, führt uns nicht weiter.“ Und erinnern wir uns auch daran,
was Patanjali gesagt hat: Für den weltlichen Menschen ist Karma drei-fach,
weiß, schwarz und grau. Für den spirituellen Menschen ist es
nichts davon. Für ihn gibt es einfach nur Aufgaben, die zu erledigen
sind. Es gibt weder Gutes und noch Schlechtes, es gibt kein Karma, über
das wir uns freuen oder über das wir uns zu ärgern brauchen und
es gibt auch keine Handlung, die wir ausführen, damit es uns im späteren
Leben gutgeht, sondern wir tun alles für andere Menschen oder als
Diener Gottes.
Vaisheshika ist ein materialistisches Philosophiesystem, welches das Universum als ein Zusammenspiel von Atomen, Kräften und Naturgesetzen ansieht und auf logischem, eindeutigem, naturwissenschaftli-chem Denken beruht. Danach besteht die Welt aus sogenannten Anus, Atomen, und verschiedenen Kräf-ten, den Shaktis oder Energien. Von dieser Philosophie gibt es mehrere Richtungen. Die extremste sagt, es gibt nur Materie. Auch die Seele ist ein Ausfluß der Materie. Lebensziel ist es, sich zu vergnügen, wobei man die Rechte der anderen achten und ihnen nicht schaden sollte, damit die Gesellschaft als Ganzes funktioniert. Höheres Ziel gibt es keines. Leiden ist, wenn man körperliche Schäden oder Krankheiten hat, seine Wünsche nicht befriedigen kann oder mit anderen Meinungsverschiedenheiten hat. Auf dieser Ebene arbeiten weite Teile unserer materialistisch orientierten Wissenschaft, obgleich bei-spielsweise die Physik in letzter Zeit davon abgekommen ist, weil eben die physikalischen Gesetze letzt-endlich doch nicht so funktionieren. Trotzdem bleiben die meisten anderen Wissenschaftszweige weitge-hend in diesem rein logischen Denken, insbesondere solche, bei denen es eigentlich nichts zu suchen hätte, wie die Medizin und Psychologie, die den Organismus rein materiell auffassen und alle anderen Gesichts-punkte vernachlässigen. Dennoch
hat die Vaisheshika-Philosophie durchaus auch ihren Platz, zum Beispiel
in der Anatomie, beim praktischen Handeln im Alltagsleben oder bei den
Hatha-Yoga-Übungen und ihren Wirkungen. Man darf die Naturwissenschaft
nicht einfach außer acht lassen. Auch als spiritueller Mensch sollte
man das logi-sche Denken nicht nur auf die Unterscheidungskraft zwischen
dem Wirklichen und Unwirklichen be-schränken, sondern sie auch im
täglichen Leben einsetzen, zum Beispiel, um eine Leiter zum Dachboden
zu bauen oder den Computer zu reparieren. Jemand hat mir mal gesagt, mit
logischem Denken könne man fast alle handwerklichen und technischen
Probleme lösen. Das war irgendwie ein Augenöffner für mich.
Früher hatte ich nämlich immer großen Respekt vor solchen
Sachen. Zum Beispiel stellte ich in Frankfurt fest, daß in Deutschland
keine Lampen installiert sind, wenn man eine Wohnung bezieht und da saß
ich nun: Von den Decken hingen immer drei Drähte herunter – warum
eigentlich drei? In der Schule hatte ich immer nur von Plus- und Minuspol
oder Phase und Null gehört, aber was mit dem dritten sein sollte ...
– gut, aber mit Versuch und Irrtum und logischem Schluß habe ich
dann tatsächlich alle Lampen installiert gebracht. Also Vaisheshika,
logisches Denken, ist auch hilfreich, sowohl für die Gesundheit als
auch im praktischen und beruflichen Leben. Wenn man Erfolg im Beruf haben
will, sollte man sich nicht nur dar-auf beschränken, Lakshmi zu verehren,
sondern auch lernen, mit den notwendigen Instrumenten umzu-gehen, um seine
Arbeit gut ausführen zu können.
Unter dem Begriff Nyaya sind zwei Philosophiesysteme zusammengefaßt, so daß es eigentlich sinnvoller wäre, von sieben statt von sechs Philosophiesystemen zu sprechen. Eine Variante von Nyaya ist das Philosophiesystem der Logik mit bestimmten logischen Sätzen wie Schlußfolgerungen, Dialektik, usw., ähnlich der Logik des Aristoteles. Man könnte sie auch als eine Un-terphilosophie der Vaisheshika-Philosophie bezeichnen, eine materialistisch-rationale Philosophie. Die zweite Variante von Nyaya ist eine stark Bhakti-orientierte, ausgesprochen dualistische Philosophie der Hingabe. Gott hat die Welt geschaffen, durchdringt sie ganz und macht alles. Gott und Mensch sind auf ewig getrennt. Der Mensch ist in seinem wahren Wesen eine Seele, die niemals eins werden kann mit Gott. Ursache des Leidens ist die Entfernung und Trennung von Gott. Ziel des Lebens ist es, Gott mög-lichst nahe zu kommen. Der Weg dazu ist bedingungslose Hingabe. Um diese Hingabe zu erzeugen, gibt es zahlreiche spirituelle Praktiken. Das entspricht durchaus einer auch im Christentum verbreiteten Sichtweise. Die Hare-Krishna-Bewegung, die auch im Westen recht bekanntgeworden ist, beruht auf dieser Philoso-phie. Bhakti
hat im Yoga natürlich auch einen großen Stellenwert, gerade
um das Ego zu überwinden und Hin-gabe zu üben. Man kann öfter
versuchen zu spüren, oh Gott, dein Wille geschehe, du machst alles,
ich allein kann nichts bewirken.
Samkhya
ist eine dualistische und atheistische Philosophie, in der eine ewige Dualität
zwischen Purusha und Prakriti postuliert wird und Gott nicht vorkommt.
Purusha und Prakriti waren von Anfang an und sind auf ewig getrennt, aber ursprünglich war Purusha in sich selbst zufrieden. Es gab nur eine allumfassende, undifferenzierte Prakriti, eine homogene unmanifes-tierte Mischung aus Sattwa, Rajas und Tamas in vollkommenem Gleichgewicht. Solange die drei Gunas (Grundeigenschaften der Natur) in vollkommenem Gleichgewicht sind, gibt es keine Schöpfung. Nun
ist Purusha aus unerfindlichen Gründen nicht mehr in sich selbst zufrieden,
sondern sendet die Strahlen seines Bewußtseins in die Prakriti hinein,
um die Welt zu erleben. Und in dem Moment fängt Prakriti an, sich
zu verändern, aktiv zu werden, und der Schöpfungsprozeß
kommt in Gang:
Purusha
Sattwa (Kausalwelt)
Spandana
Parinama Das ganze Universum besteht nur aus Sattwa, Rajas und Tamas. Die erste Vibration ist Spandana, die Urschwingung, durch die Sattwa, Rajas und Tamas durcheinandergebracht werden und es entsteht Pari-nama, ständige Veränderung. Obgleich Prakriti ewig von Purusha getrennt ist, ist sie Purusha unterge-ordnet. Nur weil Purusha Prakriti erfahren will, bewegt sich Prakriti. Aber wenn sie einmal in Bewegung versetzt ist, entspricht es ihrer Natur, sich ständig zu bewegen. Dann entstehen die drei Grundwelten aus Sattwa, Rajas und Tamas. Das kosmische Satttwa wird zum Mahat, zum kosmischen Geist, zum kosmi-schen Ego, aus dem zahlreiche kleine Chittas entstehen. Rajas ist die Aufsplitterung der Welt und das kosmische Tamas wird zur physischen Welt. Die sattwigste Welt ist die Kausalwelt, die rajasigste die Astralwelt, die tamasigste die physische Welt. Alles in dieser Welt ist nur eine unterschiedliche Zusammensetzung von Sattwa, Rajas und Tamas. Über-all sind immer alle drei Gunas vorhanden, allerdings in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Samkhya heißt wörtlich Aufzählung, Klassifikation. Die Samkhyas klassifizieren alles auf jeder Ebene nach Sattwa, Rajas und Tamas. Die Astralwelt, die insgesamt relativ rajasig ist, kann man wieder unterteilen in drei Welten: die höhere Astralwelt, die der Vijnanamaya Kosha im Vedanta entspricht, die mittlere Astralwelt, Manomaya Kosha, und die niedere Astralwelt, Pranamaya Kosha. Die höhere Astralwelt hat einen höheren Anteil an Sattwa, die mittlere mehr Rajas und die niederste, welche die Verbindung zur physischen Welt darstellt, die Pra-na-Ebene, ist die tamasigste davon. Die mittlere Welt, die rajasige, ist die emotionell-geistige Welt. Und hier unterscheidet man wieder satt-wige, rajasige und tamasige Emotionen. Tamasige Emotionen wären zum Beispiel Angst, Traurigkeit, Depression, rajasige Ärger, Wut, Unruhe. Sattwige Gefühle sind Liebe, Mitgefühl, usw. Nehmen wir zum Beispiel das rajasige Gefühl Ärger. Nun kann man Ärger wieder unterteilen in sattwi-gen Ärger, rajasigen Ärger und tamasigen Ärger. Tamasiger Ärger ist, wenn man sich über etwas aufregt, das in Wirklichkeit gar nicht so ist, also aus Täuschung heraus. Rajasiger Ärger ist, wenn man sich ärgert, weil man etwas nicht bekommen hat. Sattwiger Ärger wäre gerechter Zorn. Man sieht zum Beispiel, daß jemand ungerecht behandelt wird, ärgert sich darüber und versucht, diesen Mißstand abzustellen. So hilft Samkhya, alle Dinge immer weiter zu klassifizieren. Samkhya umfaßt auch eine Theorie der Wahrnehmung, eine Theorie des Geistes und differenzierte Be-schreibungen, wie die Welt und die individuelle Seele entstanden sind. Der philosophisch-theoretische Teil der Yoga Sutras von Patanjali stammt überwiegend aus dem Samkhya-System. Sehr wichtig im Samkhya ist, alles befindet sich in Veränderung, in Parinama. Aus Prakriti entwickeln sich im Zuge der Aufspaltung lauter individuelle Chittas. Um die Welt wirklich sehen zu können, nimmt Purusha ein individuelles Chitta als Instrument an, denn mit einem kosmischen Gemüt würde er sie nicht ausreichend erleben. Das ist genauso, wie wenn man einen Film anschaut. Man identifiziert sich nie mit dem ganzen Film, sondern mit einer oder zwei Rollen besonders. Und man bangt mit seinem Helden und freut sich, wenn er am Schluß gewinnt. Wenn wir einen Film erleben wollen, müs-sen wir ihn aus einer bestimmten Perspektive anschauen. Und so macht es auch Purusha. Er identifiziert sich mit jedem dieser individuellen Gemüter und manifestiert sich durch die einzelnen Chittas. Das Prob-lem ist, daß er dabei in Verhaftung und Identifikation gerät. Das individuelle Asmita, Ich-Gefühl, beginnt, das Mögen und Nichtmögen, die Verstrickung in Verhaftungen. Das ist die Ursache des Leidens. Das, was er eigentlich in sich selbst hat, nämlich Sein, Wissen und Glückseligkeit, Sat-Chid-Ananda, sucht Purusha nun in der äußeren Welt. Er glaubt, die Dinge in der Welt würden ihm Vergügen, Ananda schenken, er könne über seinen Geist Erkenntnis, Chid, gewinnen und auf der physischen Ebene Dauer-haftigkeit, Sat, erlangen. Aber all das ist auf der physischen Ebene nicht möglich, weil sie in ständiger Veränderung ist und nichts gleicht bleibt. Das ist ein großes Problem, denn Purusha ist ewig, und deshalb erwartet er auch Bestän-digkeit auf der physischen Ebene. Wenn der Mensch etwas erreicht hat, will er, daß es auch so bleibt. Aber es ist das Gesetz der Veränderung, Parinama, daß nichts beständig bleibt. Auch daß die Welt Glück schenkt, ist ein Irrtum. Sie kann höchstens ablenken, aber wirklich Glück schenken tut sie nicht. Wie kommen wir nun wieder aus diesem Leiden heraus? - Durch Nicht-Identifikation. Wodurch erreichen wir das? - Durch Unterscheidungskraft, Viveka. Wir lernen, Purusha von Prakriti und Sattwa von Purus-ha zu unterscheiden. Durch immerwährende Unterscheidungskraft, Viveka Kyati, lernen wir, uns nicht mehr mit Prakriti zu identifizieren. Dazu hat Samkhya auch bestimmte Meditationstechniken entwickelt, zum Beispiel Sakshi Bhav: Wir nehmen die Einstellung eines Zeugen an und beobachten alles, was kommt. In dem Masse, in dem wir beobachten, können wir uns auch von der Identifikation lösen. Wir beo-bachten nur, verändern nichts und stellen fest, ich bin es nicht. Das ist Sakshi Bhav. Weitere Methoden im Samkhya sind natürlich auch die intellektuelle Unterscheidung und Vairagya, Ent-sagung, Verzicht auf das Weltliche. Denn je mehr wir in die Welt hineingehen, um so mehr verhaften wir uns. Eine schöne Darstellung des Samkhya findet man im 2. Kapitel der Raja Yoga Sutras ab dem 18. Vers: „Das Universum, das durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen und den Wahrnehmungen der Sinnesorgane erfahren wird, wird aus Sattwa, Rajas und Tamas zusammengesetzt und exisitiert einzig zum Zweck der Erfahrung und der Befreiung des Menschen.“ Wir nehmen das Weltall nicht so wahr, wie es wirklich ist, sondern wir nehmen es so wahr, wie es unsere Sinne ins Chitta geben. Purusha wird sich dann dessen bewußt, was im Chitta ist. Das Chitta ist wie ein Kristall, der die Form und Farbe der äußeren Objekte annimmt. Purusha will Erfahrungen machen, will die Früchte der Handlungen genießen und will auch wieder zu-rückkehren. Prakriti hat die Aufgabe, den Menschen – und auch Tieren und allen Wesen - alles zu geben, was sie erfahren wollen. Sie muß dem Menschen alle Wünsche erfüllen, aber die Welt hat auch die Aufga-be, uns wieder zurückzuführen zur Befreiung. Prakriti hilft uns also, die Erfahrungen zu machen, die wir machen wollen und brauchen, aber sie hilft auch, daß wir irgendwann die Zusammenhänge erkennen und uns aus der Verhaftung in die Prakriti lösen. Denken wir an die Geschichte, wo Indra sich als Schwein inkarniert hat, um einmal volle Sinnesfreuden zu genießen, denn ein Schwein ist nicht durch Ethik oder Moral gebunden. Anschließend wollte er nicht mehr befreit werden, weil er sich in dieser Identifikation so wohlfühlte. Vorher hat er allerdings seine Untertanen instruiert, daß sie ihn zurückholen sollen, wenn er nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zurück ist. Als die Untertanen dann kamen, wollte er aber nicht zurück, sondern sagte, sie sollen ihn in Ruhe lassen. Da haben sie ihn dann so lange gequält, bis er schließlich doch den Schweinekörper verlassen hat. So ist es mit dieser Welt. Sie erfüllt uns unsere Wünsche, aber nicht alle und auch nicht dauerhaft und zwischendurch schüttelt sie uns durch. Das ist die zweifache Funktion der Prakriti. „Die Zustände der drei Gunas sind grob, fein, manifest und unmanifest. Der Sehende, Purusha oder Drashtu, ist reines Bewußtsein. Und obwohl er rein ist, scheint er durch Chitta zu sehen, also durch das Gemüt. Die tatsächliche Existenz des Gesehenen ist für den Sehenden da.“ Das Universum ist für den Purusha da. „Auch wenn sie, Prakriti, für den, der seinen Zweck erfüllt hat, unwirklich wird, fährt sie fort, für andere zu existieren, denn sie ist allen gemein.“ Also, angenommen, wir würden jetzt die Selbstverwirklichung erreichen, dann wäre für uns die Prakriti zu Ende. Auch die Teile der Prakriti, mit denen wir uns besonders identifizieren, der physische Körper, Chitta, das Gemüt mit Prana, lösen sich auf, aber für die anderen exisitiert die Welt weiter. Solange Pu-rusha noch irgendein Chitta hat, durch das er sich die Welt betrachtet, mit dem er sich identifiziert, so-lange gibt es die Welt. Erst dann, wenn Purusha sich durch kein Chitta hindurch mehr manifestiert, hört sie auf. Dann existiert Prakriti zwar weiter, aber in unmanifestiertem Zustand, im Gleichgewicht. Zweck der Verbindung (Samyoga) von Purusha und Prakriti ist, daß Purusha das Bewußtsein seiner wah-ren Natur erlangt und die Kräfte erkennt, die latent in ihm und in Prakriti liegen. Das ist gemäß der Samkhya-Philosophie der Sinn der Schöpfung. Wenn wir also nach vielen Äonen von Leiden und Vergnü-gen, von spirituellen Praktiken, Kopfständen und Mantrasingen schließlich die Verwirklichung erreichen, sind wir zum Schluß irgendwie klüger als vorher. Es ist zwar nicht sehr logisch, aber irgendwie emotionell befriedigend, zu wissen, daß das Ganze einen gewissen Sinn hat. Aber hier setzt natürlich die Kritik der Vedantins an. Wenn Purusha reines Bewußtsein ist, kann er auch nichts dazulernen. Samkhya macht hier ein paar Abstriche von der Absolutheit des Vedanta, weshalb viele Menschen mit der Samkhya-Philosophie besser zu Rande kommen als mit dem Vedanta. Daß Prakriti und Purusha zusammenkommen, mag zwar den Sinn haben, daß es Purusha ermöglicht, die Welt zu erfahren. Aber die Ursache dieser Vereinigung ist Avidya, Unwissenheit. „Durch das Ausmerzen der Unwissenheit schwindet die Verbindung von Purusha und Prakriti und der Sehende ist befreit.“ Also wir müssen die Unwissenheit ausmerzen. Und wie merzen wir die Unwissenheit aus? Durch Viveka Kyati. Das Mittel, Avidya zu zerstören, ist ungebrochenes Unterscheidungsvermögen. Daher beschränkt sich die Samkhya-Praxis auch auf drei Grundprinzipien: Unterscheidungskraft, Beo-bachtung, Entsagung. Auch
Krishna nimmt in der Bhagavad Gita relativ häufig Bezug auf den Samkhya.
Im Rahmen der Darshanas versteht man unter Yoga das durch Patanjali bekanntgewordene Yogasystem, das an sich natürlich weiter zurückgeht. Wenn eine Sutra geschrieben wurde, ist das immer ein Zeichen dafür, daß es das System schon jahrhundertelang gegeben hat. Es war schon ausgefeilt genug, um es in diese prägnante Form bringen zu können. Yoga basiert auf der Samkhya-Philosophie, mit ein paar einschneidenden Unterschieden. Der erste Unterschied ist rein praktischer Art. Laut Samkhya kommen wir über Viveka, Unterschei-dungskraft, zur Ruhe des Geistes und zur Befreiung. Patanjali hat einen etwas anderen Ansatz. Er beginnt gleich am Anfang mit: „Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist. Dann ruht der Sehende in seinem wahren Wesen.“ Patanjali empfiehlt zwar unter anderem auch, Viveka kyati zu üben, aber es ist nicht seine einzige Methode. Wir müssen ir-gendwie unseren Geist zur Ruhe bringen. Ist unser Geist ruhig, dann ruht Purusha in sich selbst. Und alles, was uns dazu hilft, den Geist zur Ruhe zu bringen, ist Yoga. Und so übernimmt Patanjali aus den Schriften, den Upanishaden, den Veden, der Mahabharata und anderen Traditionen umfangreiche Ü-bungspraktiken, Abhyasa, die es im Samkhya nicht gibt. Er integriert zusätzlich zu den psychischen auch physische Hatha-Yoga-Praktiken. Manchmal bezieht sich das Wort Yoga aber auch nicht nur auf das Raja-Yoga-System von Patanjali. Kris-hna gebraucht den Ausdruck Yoga in der Bhagavad Gita im Sinn von Karma Yoga, dem Yoga des selbstlo-sen Handelns, in bewußtem Gegensatz zum Samkhya als reinem Jnana Yoga. Anstatt allem zu entsagen wie im Samkhya oder zu handeln, um etwas Konkretes zu erreichen wie im Purva Mimamsa-System, handeln wir im Karma Yoga ohne Wünsche und Verhaftungen und kommen so zur Befreiung. Krishna sagt aber auch, nur die Unweisen sprechen von Samkhya und Yoga als getrennt. Im Grunde genommen führt beides zum Ziel und es hat beides seinen Sinn. Auch im Yoga gibt es Entsagung und auch ein Samkhya-Anhänger muß Handlungen tun ohne Verhaftung. Denn selbst die Aufrechterhaltung des physi-schen Körpers bedingt Handlung. Eigentlich wird jedes Kapitel der Bhagavad Gita als Yoga bezeichnet. Es gibt 18 Kapitel, die zum Beispiel „Yoga der Mutlosigkeit und Verzweiflung Arjunas“ (1. Kapitel) heißen oder „Yoga der unsterblichen See-le“ (2. Kapitel), usw. Der zweite Unterschied zum Samkhya ist, daß es im Yoga Ishwara gibt, einen persönlichen Gott. Patanjali läßt sich zwar nicht zu sehr auf genaue Details ein; auf diese Weise vermeidet er es, jemandem auf die Füße zu treten, denn bekanntlich entsteht bezüglich religiöser Themen am schnellsten Streit. Patanjali spricht von Ishwara als einer besonderen Manifestation von Purusha, die frei ist von Verhaftungen, Kar-ma, Kleshas (Leiden), Unwissenheit und Wünschen. Ishwara ist der ursprüngliche Lehrer. Wenn man sich Ishwara hingibt, ist die Verwirklichung schnell. Man muß allerdings zugeben, es paßt nicht ganz in die Logik des Yogasystems hinein. Aber Patanjali war ein Praktiker. Er hat festgestellt, Menschen, die Gott hingegeben sind, erreichen die Selbstverwirklichung schneller als andere. Wer es allein versucht, ohne Zuflucht zu Gott zu nehmen, verwickelt sich in alle möglichen Schwierigkeiten. Irgendwann kommt das Ego ins Spiel, man kommt nicht mehr weiter, Versuchungen, Prüfungen stellen sich ein – ohne Glauben an Gott ist alles schwierig. Glaubt man dagegen an Gott, dann hilft er einem über das Ego hinweg, hilft einem durch Prüfungen, wenn man verzweifelt ist, weint man zu Gott, dann kommt er und hilft einem – es klappt eigentlich alles viel besser. In Kanada im Ashram von Swami Vishnu ist mir zum erstenmal richtig klargeworden, was eigentlich Ego ist. Und zwar so klar geworden, daß ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, mich je vom Ego zu befrei-en. Denn das Ego kann sich überall manifestieren. Man kann zum Beispiel stolz auf seine Asana-Praxis oder auf seine Meditation sein, man kann sogar stolz darauf sein, daß es einem nichts ausmacht, die Toi-lette zu putzen, notfalls auch um Mitternacht, wenn es niemand anders macht und sogar, ohne daß es jemand merkt, einfach weil es getan werden muß. Man kann stolz darauf sein, daß man einfach nachgibt. Das Ego kann sich tatsächlich überall hineinsetzen. Nachdem ich also ein paar Wochen lang – in meiner damaligen Naivität dachte ich, das sei schon sehr lange – wirklich systematisch versucht hatte, das Ego zu überwinden und es mir nicht gelungen war, eine einzige wirklich egolose Handlung auszuführen - und wenn ich fast dran war, dann war ich stolz darauf, daß sie egolos war und dann war das Ego wieder drin! -, habe ich einem indischen Gastlehrer, der gerade da war, das Problem geschildert. Und er hat gesagt, ich soll mir nicht so viel Sorgen machen. Jeder müsse seine Aufgabe erfüllen. Meine Aufgabe sei Sadhana, spirituelle Praxis und Seva, Dienen. Gottes Aufgabe sei es, mich vom Ego zu befreien. Und vielleicht bin ich dadurch etwas egoloser geworden als durch den ständigen Versuch, mein Ego zu reduzieren, denn das war letztlich nur Egospiel. Es ist sehr wichtig und hilfreich, einfach diese Demut zu entwicklen, sich ein-zugestehen, ich tue zwar mein Bestes, ich mache Sadhana, Asanas, Pranayama, Meditation, Mantrasin-gen, Pujas und was auch immer, aber letztlich weiß ich, das, was wesentlich ist auf dem spirituellen Weg, das kann ich nicht selbst machen, dazu brauche ich die Gnade Gottes. Man verehrt Gott, betet zu Gott, versucht, anderen zu dienen, seinen Geist zu schulen und dann wird Gott einen ausreichend durchschüt-teln, so daß das Ego schrittweise nachgibt. Wenn man Vertrauen hat und darum betet, geschieht es auch irgendwie. Eine
Ausprägung von Samkhya besagt, daß jeder Mensch ein eigener
Purusha ist, es also nicht nur einen einzigen Purusha gibt, sondern Tausende,
Millionen und Milliarden von Einzelpurushas. Und das Ziel ist, zu unserem
eigenen Purusha zurückzukehren. Im Yoga hingegen gibt es nur einen
Purusha und die ein-zelnen Seelen sind Auswirkungen des Rajas-Prinzips,
wo das eine Kosmische in Splittern eines großen Spiegels gespiegelt
wird. Das ist der dritte Unterschied zwischen Samkhya und Yoga.
Uttara Mimamsa, Vedanta, ist das großartigste aller Philosophiesysteme. Sie beginnen also mit Purva Mimamsa und hören mit Uttara Mimamsa auf. Vedanta, die höchste aller Philosophien, bedeutet das Ende allen Wissens. Antar = Ende, Veda = Wissen. Die Vedanta-Philosophie kommt dem Wissen, das man aus der Verwirklichung gewinnt, am nächsten. Sie ist am schwierigsten zu verstehen und für viele Menschen am schwersten zu akzeptieren. Vedanta hat durchaus Ähnlichkeit mit dem Samkhya-System. Im Vedanta gibt es die beiden Hauptpole Brahman und Maya. Nur, der Vedanta sagt, Brahman und Maya sind nichts Unterschiedliches, sondern Maya ist nur eine scheinbare Kraft der Illusion aus Brahman heraus. In Wahrheit gibt es nur Brahman. Nichts existiert, nichts ist geschaffen, ich bin weder Körper noch Geist, ich bin das unsterbliche Selbst. Das ist in den drei Hauptsätzen postuliert: Brahma satyam = Brahman allein ist wirklich; Jagat mithya = die Welt ist unwirklich; Jivo brahmaiva napara = die individuelle Seele ist nichts anderes als Brahman. Das geht sogar soweit, daß Uttara Mimamsa sagt, die Welt ist nicht geschaffen worden. Es gibt gar keine Welt. Die Welt ist eine Illusion, sie scheint nur so. Sie ist nur ein Traum. Woraus besteht die Traumwelt? Woraus bestehen die Berge, Flüsse und andere Menschen im Traum? Sie bestehen nur aus dem Geist, der träumt. Woraus besteht diese Welt? Sie besteht eigentlich nur aus Brahman. Es gibt nur Brahman. Und die Welt bleibt immer Brahman. Es gibt keine geschaffene Welt. Es erscheint nur so, als ob sie geschaffen sei. Aber es erscheint nur so lange so, wie unser Bewußtsein es so erfaßt. Genauso wie die Traumwelt nur so lange vorhanden ist, wie wir im Traum sind. Wenn wir in den Tiefschlaf abgleiten, sind sowohl Traum-welt als auch Wachwelt verschwunden. Wenn wir in die Wachwelt kommen, verschwindet die Traumwelt und die Tiefschlaferfahrung wird ebenfalls unwirklich für uns. Und wenn wir in Turiya, den vierten Be-wußtseinszustand kommen, wachen wir auf und erkennen, es war alles nur ein langer Traum. Das ist der Hauptunterschied zwischen Samkhya und Uttara Mimamsa. Auf
der relativen Ebene kann das Uttara Mimamsa-System mit allen in den vorherigen
Systemen be-schriebenen Aspekten arbeiten. Die Gesetze des Karmas im engeren
Sinne werden nicht abgestritten. Daß die materielle Welt ihre Gesetzmäßigkeiten
hat, an die man sich halten kann, mag auch sein. Daß es einen Ishwara
gibt, der auch ein Produkt der Maya ist, zu dem man beten kann, in dessen
Händen man sein kann, wird akzeptiert. Es wird sogar empfohlen, diese
Praktiken zu üben, Hingabe, Liebe zu entfalten, um uns überhaupt
bereit zu machen, Jnana Yoga zu verstehen. Das hilft, den Geist zu reinigen.
Auch Viveka, die Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und Unwirklichen,
spielt im Jnana Yoga natürlich eine wichtige Rolle, ebenso wie Vairagya,
die Entsagung. Zu einer Ausprägung von Vedanta gehört auch das
Mönchtum dazu, zwar nicht notwendigerweise, aber die Hauptbefürworter
der Vedanta-Philosophie waren alle Mönche. Man kann natürlich
auch Vedanta-Anhänger sein und im Berufs- und Familienleben stehen,
aber eine konsequente Vedanta-Philosophie führt durchaus zu einer
Abkehr von der Welt. Wenn die Welt unwirklich ist, warum soll man sich
hineinverstricken? Aber Uttara Mimamsa Vedanta als praktisches System sagt
eben auch, der Yoga-Weg ist eine Vorbereitung, ein Mittel, um uns überhaupt
erst in die Lage zu versetzen, unseren Geist kennenzulernen, zu kontrollieren,
fähig zu machen zur Unterscheidung.
Die verschiedenen Darshanas, so unterschiedlich ihr Ansatz auch ist und so widersprüchlich sie scheinen, ergänzen sich und haben jedes für sich je nach Situation ihre Berechtigung. Krishna selbst macht übrigens diesen Standpunktwechsel. Er widerspricht sich ja öfter. Er argumentiert an verschiedenen Stellen aus unterschiedlichen Gesichtspunkten. So wie das Licht gleichzeitig Welle und Teilchen ist - obgleich ein physikalisches Phänomen eigentlich niemals gleichzeitig Welle und Teilchen sein kann -, so können verschiedene sich augenscheinlich wider-sprechende Gesichtspunkte trotzdem ihre Gültigkeit haben. Man hat die Gesetze der Welle und die Geset-ze der Teilchen analysiert. Anhand der Teilchenphysik kann man Licht zum Beispiel als Laserstrahlen oder Photonentechnologie nutzen. Andere Anwendungsmöglichkeiten ergeben sich, wenn man Licht als Welle sieht. Genauso verhält es sich mit unserem spirituellen Sadhana. Für unser spirituelles Leben hilft es manch-mal, einen bestimmten Standpunkt einzunehmen, ein anderes Mal einen anderen und in einer neuen Si-tuation einen dritten. Scheinbar widersprechen sie sich, aber sie sind praktisch, man kann sich danach richten und dadurch Fortschritte machen. Man kann auf dem spirituellen Weg keine lineare Logik erwarten. Es ist aber auch nicht unlogisch. Alles hat irgendwo seinen Platz und seinen Sinn. Und es ist nicht beliebig, sondern zu bestimmten Momenten muß man das eine oder das andere anwenden. Manchmal muß man diesen Standortwechsel recht schnell vollziehen. Krishna
widerspricht sich ja in der Bhagavad Gita auch ununterbrochen. Im 11. Kapitel
zum Beispiel nimmt er den Standpunkt des Bhakti ein. Arjuna stellt fest,
ich bin nur ein Instrument, ich tue gar nichts, Gott macht alles. Krishna
sagt ja sogar, selbst wenn du nichts tun willst, ich werde dich zwingen.
Der Mensch hat keinen freien Willen. Man hat im Grunde genommen keine Wahl.
Im 18. Kapitel sagt er, die Natur wird dich zwingen. Und kurz danach: „Und
jetzt tue, was du willst!“
Die Kommentare von Sukadev zu den "Raja Yoga"- Sutras werden demnächst auch als Buch erhältlich sein.
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