1.
KAPITEL
ICH BIN
GEBOREN
Die
gesegnete Vorgeschichte - Shri Dikshitar
Auf dieser gesegneten
Erde, von der allein aus man nach Befreiung streben und sie erreichen
kann, in die sogar Devas (Götterwesen) hineingeboren werden
wollen und müssen, um endgültige Seligkeit zu erlangen,
erscheinen von Zeit zu Zeit einige wenige Mahatmas (große Seelen),
deren einzige Bestimmung im Leben es ist, rundherum Liebe, Licht,
Freude und Barmherzigkeit auszustrahlen, den Armen und Hilflosen
zu dienen, den Hoffnungslosen und Niedergeschlagenen Trost zu spenden,
die Unwissenden aufzuklären, spirituelles Wissen unter den Menschen
zu verbreiten und der leidenden Menschheit ungetrübtes Glück
zu bringen. Das sind die Heiligen und Weisen, Arhats (vollkommene
Seelen) und Buddhas, Fakire und Bhagavatas, die die Erde zu verschiedenen
Zeiten an verschiedensten Orten geziert haben. In der Bhagavad Gita heißt es:
"Nachdem er die Welt
der Rechtschaffenen erlangt und sich dort eine Ewigkeit lang aufgehalten
hat, wird der, der vom Yoga abgekommen ist, in einem reinen und gesegneten
Haus wiedergeboren. Oder er wird sogar in einer Familie weiser Yogis
geboren; aber eine solche Geburt ist in dieser Welt sehr schwer zu
erreichen." (Kap. VI, 41-42)
Shri Appaya Dikshitar
war ein solcher Mensch. Er wurde in Adaipalam bei Arni im Bezirk
Nord-Arcot geboren. Ich hatte das Vorrecht, der Familie eines so
bedeutenden Heiligen anzugehören.
Ein Riese
unter Genies
Shri Appaya Dikshitar,
einer der größten Namen in der Geschichte Südindiens,
ist der angesehene Verfasser von mehr als 104 Sanskrit-Werken über
verschiedene Wissensgebiete. Seine Werke über Vedanta zeugen
von seinem hohen intellektuellen Niveau. Alle Vedanta-Schulen haben
sich von seinen einzigartigen, unvergleichlichen Werken anregen lassen.
Von seinen philosophischen Arbeiten ist "Chaturmatasarasangraha" zu
Recht berühmt für seine Gleichbehandlung der Lehrsätze
der vier großen Schulen, Dvaita, Vishisht-advaita, Shiva-advaita
und Advaita, denen seine Begriffe "Nyayamuktavali", "Nyamayukhamalika", "Nyayamanimala" und "Nyayamanjari" (die
zusammen das Chaturmatasarasangraha bilden) entsprechen.
Auf fast allen Gebieten
der Sanskritliteratur, Dichtung, Rhetorik und Philosophie war er
unerreicht, nicht nur unter seinen Zeitgenossen, sondern auch unter
Gelehrten mehrerer Jahrzehnte vor und nach ihm. "Kuvalayananda" gilt
allgemein als eines der besten Werke über Rhetorik. Seine Gedichte
zur Lobpreisung Shivas sind bei Shiva-Anhängern sehr beliebt.
Unter dem Titel "Parimala" hat er auch einen gelehrten Kommentar über
den Vedanta verfaßt; er ist ein einzigartiges Denkmal philosophischer
Gelehrsamkeit.
Shri Appaya Dikshitar
besaß einen scharfen Verstand. Er wurde bereits zu Lebzeiten
verehrt und genießt auch heute noch große Achtung. Einmal
besuchte er ein Dorf, den Geburtsort seiner Frau. Die Dorfbewohner,
die stolz darauf waren, ihn einen der Ihrigen nennen zu können,
bereiteten ihm einen großartigen Empfang. Es herrschte große
Aufregung: "Der große Dikshitar kommt zu uns."
Der berühmte Gast
wurde von einer großen Menschenmenge begrüßt, die
zusammengeströmt war, um einen Blick auf den "Löwen des
Vedanta" zu erhaschen. Eine neugierige alte Dame kam, auf ihren Stock
gestützt, um das "Phänomen" zu sehen. Mit Rücksicht
auf ihr Alter ließ die Menge sie nach vorne durch. Sie starrte
Shri Appaya eine Weile lang an. Schwache Erinnerungen an ein bekanntes
Gesicht gingen ihr durch den Kopf. Sie grübelte: "Ich muß dieses
Gesicht schon einmal irgendwo gesehen haben" und rief plötzlich: "Warten
Sie, oh ja, sind Sie nicht der Ehemann von Achcha?" Der große
Gelehrte bestätigte ihre Vermutung mit einem Lächeln. Die
Dame ging enttäuscht nach Hause zurück und bemerkte: "Was
für ein Aufhebens sie machen - dabei ist es nur der Mann von
Achcha!" Sri Appaya verewigte diesen Vorfall in einem halben Vers
und drückte darin eine Welt von Weisheit aus: "Asmin Grame Achcha
Prasiddha" - "In diesem Dorf gebühren Ruf und Vorrang Achcha."
Eine
bedeutende spirituelle Persönlichkeit
Shri Appaya gilt bei
vielen als Avatar (Inkarnation) von Shiva. Als er zum Tempel von
Tirupati in Südindien kam, verweigerten die Vaishnavas (Anhänger
Vishnus) ihm als einem Shaiva (Shiva-Verehrer) den Zutritt. Aber
siehe da! Am nächsten Morgen hatte sich die Vishnu Murti (Bild,
Statue) in einen Shiva verwandelt! Der Tempelvorsteher war verblüfft,
bat Dikshitar um Verzeihung und flehte ihn an, die Murti wieder in
Vishnu zurückzuverwandeln, was der große Heilige selbstverständlich
tat.
Shri Dikshitar lebte
Mitte des 16. Jahrhunderts. Auf dem Gebiet der Dichtung machte er
dem Gelehrten Jagannatha Konkurrenz. Er vertrat keine von der Vedanta-Lehre
Shankaras abweichenden Ansichten, trug aber hitzige Auseinandersetzungen
mit Vallabha-(Name eines Vaishnava-Heiligen, der die Shuddhadvaita-Philosophie
begründete) Anhängern in Jaipur und anderswo aus. Sein
Werk "Siddhantalesha" ist die vortrefflichste Übersicht über
die lehrmäßigen Meinungsverschiedenheiten unter den Nachfolgern
Shankaras. Er war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten und
Gelehrten, die Indien je hervorgebracht hat. Es gibt zwar keine eingehende Überlieferung
seiner Lebensgeschichte, aber seine Werke zeugen ausreichend von
seiner Größe.
Mein
Geburtsort
Pattamadai ist ein reizender
Ort inmitten grüner Reisfelder und Mangohaine, zehn Meilen von
Tinnevelly in Tamil Nadu gelegen. Der Kanadiankal, ein schöner
Arm des Tambraparni, umfließt Pattamadai wie eine Girlande, ähnlich
wie der Sarayu oder Kaveri Ayodhya oder Srirangam einrahmt. Der Tambraparni
wird auch Dakshina Ganga (Ganges des Südens) genannt. Er fließt
durch felsiges, kupferhaltiges Gestein, nach dem er seinen Namen
erhielt (Tambra bedeutet Kupfer). Sein Wasser ist frisch und gesund.
Pattamadai ist bekannt für die Herstellung sehr schöner
Strohmatten. Die seidenähnliche Matte, die in der Sivananda-Sammlung
ausgestellt ist, wird allgemein sehr bewundert.
Mein Vater, Shri P.S.
Vengu Iyer von Pattamadai war ein Nachkomme von Shri Appaya Dikshitar.
Er war der Schatzmeister des Ettiapuram-Fürstentums, eine tugendhafte,
reine Seele, ein Shiva-Anhänger und ein Jnani (Weiser). Der
Herrscher von Ettiapuram und die Öffentlichkeit allgemein verehrten
ihn. Die Leute pflegten zu sagen: "Vengu Iyer ist ein Mahan, ein
Maha Purusha (große Seele, Meister)." Richter Subramania Iyer
war einer seiner Schulkameraden und brachte ihm höchste Achtung
entgegen. Mein Vater vergoß Freudentränen -Ananda-bhashpam-
, wann immer er "Shivoham, Shivoham" (ich bin Shiva) aussprach. Sein
Großvater, Pannai Subbier, war ein bedeutender Grundbesitzer
von Pattamadai.
In Pattamadai gibt es
eine ausgezeichnete höhere Schule, die der gelehrte, inzwischen
verstorbene Ramashesha Iyer gegründet und geleitet hatte. Alle
Einheimischen von Pattamadai haben ein gutes Gehör für
Musik und können gut singen. Pattamadai hat viele hervorragende
Musiker hervorgebracht. Ich wurde als dritter
Sohn von Srimati Parvati Ammal und P.S. Vengu Iyer am Donnerstag,
dem 8. September 1887 bei Sonnenaufgang, im Aszendenten des Sterns
Bharani, geboren. Mein ältester Bruder, Shri P.V. Viraraghava
Iyer, war der persönliche Assistent des Radschahs von Ettiapuram.
Mein anderer Bruder, Shri P.V. Sivarama Iyer, war Inspektor bei der
Post. Mein Onkel Appaya Sivam war ein bedeutender Sanskritgelehrter.
Die Leute im Bezirk Tinnevelly verehrten ihn sehr. Er hat viele philosophische
Bücher auf Sanskrit geschrieben. Meine Eltern gaben mir den
Namen Kuppuswamy.
In meiner Jugend besorgte
ich immer Blumen und Baelblätter, flocht schöne Kränze
und half meinen Eltern bei der Shiva Puja (Verehrungsritual).
Entwicklungsphase
Als Schoßkind in
einer Familie von Heiligen und Philosophen genoß ich eine sehr
gute Erziehung. Die Leute und der Radschah (Herrscher) von Ettiapuram
bewunderten meine Kondition, meinen gesunden, starken Körper
sowie meine angenehmen Umgangsformen und positiven Eigenschaften.
Ich war von Natur aus kühn, mutig, sorglos und liebenswürdig.
Besonders in den Dörfern gab es früher gar keinen Raum
für Entstehung schlechter Gewohnheiten. Umgebung und Atmosphäre
waren höchst förderlich für Erziehung und Kultur.
Als Junge war ich außergewöhnlich lebhaft und umtriebig.
Noch heute erinnere ich
mich genau daran, wie ich auserwählt wurde, die Begrüßungsansprache
vorzulesen, als Lord Ampthill, der damalige Gouverneur von Madras,
1901 zur Jagd in die Kurumalai-Berge kam. Ich sang auch ein schönes
englisches Willkommenslied auf dem Bahnsteig von Kumarapuram bei
Koilpatti. Bei der jährlichen Preisverteilung in der Schule
erhielt ich gewöhnlich viele Bücher als Geschenke. Einmal
bekam ich sogar eine wertvolle Gesamtausgabe von Shakespeares Werken
und Macaulays Reden und Schriften. 1903 legte ich die Abschlußprüfung
an der höheren Schule von Ettiapuram ab. Dann trat ich in das "S.P.G.
College" in Trichinopoly ein, das von dem Geistlichen und späteren
Bischof H. Packenham Walsh geleitet wurde.
Am College interessierte
ich mich für Theateraufführungen. 1905 spielten wir den "Mittsommernachtstraum" von
Shakespeare, bei dem ich die Rolle der Helena übernahm. Die
Madurai- Tamil-Sangam-Prüfung bestand ich ehrenvoll. Ich wählte
den medizinischen Zweig und gab drei Jahre lang eine medizinische
Zeitschrift mit dem Namen "Ambrosia" heraus. Ich war ausgesprochen
ehrgeizig und begeisterungsfähig.
In der Schule war ich
ein ungeheuer fleißiger Junge. Während meiner Studienzeit
am Medizinischen Institut in Tanjore fuhr ich in den Ferien nie nach
Hause. Ich verbrachte die ganze Zeit im Krankenhaus. Ich hatte freien
Zutritt zum Operationssaal. Ich war einmal hier, einmal dort und
erwarb so chirurgische Kenntnisse, wie sie normalerweise nur Studenten
höherer Semester besaßen. Ein alter Assistenzchirurg mußte
sich einer Prüfung unterziehen; er gab mir seine Lehrbücher,
um sie ihm vorzulesen. Dadurch konnte ich mich an theoretischem Wissen
mit älteren Studenten messen. Ich war in allen Fächern
der Beste.
Ich hatte von einem sehr
engagierten Assistenten am Mannargudi-Krankenhaus gehört. Ich
wollte werden wie er. In aller Bescheidenheit darf ich erwähnen,
daß ich ein größeres Wissen besaß als viele Ärzte
mit angesehenen Titeln. Meine Mutter und meine Brüder wollten
mich dazu überreden, in ein anderes Fach zu wechseln, aber ich
hielt unerschütterlich an meinem Entschluß fest, denn
ich hatte eine große Vorliebe für die Medizin. Meine ganze
Freizeit verbrachte ich mit dem Studium aller möglichen medizinischen
Bücher.
Im ersten Studienjahr
an der Medical School konnte ich bereits Prüfungsfragen beantworten,
die andere nicht einmal im letzten Jahr wußten. Ich übertraf
die Klasse in allen Fächern. Im ersten Jahr studierte ich Oslers
Heilkunde bei Dr. Tirumudi Swami. Das bedeutete ein außergewöhnliches
Vorrecht für mich. Lieutenant-Colonel Hazel Wright mochte mich
gern. Dr. Jnanam lobte mich als Zierde der Institution. Sogar in
den Ferien arbeitete ich im Krankenhaus und lernte viel Neues dabei.
Ich kam auf die Idee,
eine medizinische Zeitschrift ins Leben zu rufen und arbeitete sofort
die Einzelheiten aus. Meine Mutter gab mir hundert Rupien für
die Anlaufkosten. Ich bat ayurvedische Ärzte um Beiträge über
Ayurveda. Ich selbst schrieb Artikel zu verschiedenen Themen und
veröffentlichte sie in der neuen Zeitschrift, die ich "Ambrosia" nannte,
unter mehreren Pseudonymen.
Nach ihrem ersten Erscheinen
im Jahr 1909 gewann die Zeitschrift rasch an Beliebtheit. Berühmte
Leute begannen, Beiträge dafür zu schreiben. Einmal wollte
meine Mutter ein Fest feiern und brauchte ungefähr 150 Rupien,
um die Ausgaben zu decken. Ich konnte ihr sofort mit diesem Betrag
aushelfen.
"Ambrosia" wurde vier
Jahre lang erfolgreich verlegt, bis ich nach Malaysia aufbrach. Sie
hatte Halbquartformat, 32 Seiten pro Ausgabe und eine gefällige
Aufmachung. Ihre Themen waren interessant und für praktizierende Ärzte
sehr nützlich. In den Seiten von "Ambrosia" war ein deutlicher
spiritueller Hauch zu spüren. Im Unterschied zu anderen medizinischen
Zeitschriften wurzelte sie in den Lehren der alten Weisen. Spiritualität
lag schon in meiner Jugend in meiner Natur.
Prüfungen
im Leben
Die Zeitschrift allein
befriedigte mich nicht. Ich wollte eine Stelle annehmen, zu meinem
eigenen Lebensunterhalt und um der Zeitschrift finanziellen Rückhalt
zu verschaffen. Daher verließ ich Trichinopoly und trat in
Madras in Dr. Hallers Apotheke ein. Hier mußte ich die Bücher
führen, Arzneien zubereiten und ausgeben und Patienten versorgen.
Ich mußte harte Arbeit leisten. Ich erledigte alles und fand
trotzdem noch Zeit für die Redaktion und Auflage von "Ambrosia".
Ich brachte alte Ausgaben aus Trichinopoly mit und verteilte sie
an hohe Beamte und einflußreiche Leute, um ihre Unterstützung
zu gewinnen. Ich beschloß, woanders eine bessere Stelle zu
suchen. Schließlich entschied ich mich, mein Glück in
Malaya (dem heutigen Malaysia) zu versuchen und schrieb an Dr. Iyengar,
einen Freund, der vorher in der Nähe von Dr. Haller praktiziert
und sich später in Singapur niedergelassen hatte, daß ich
plante, nach Malaysia zu kommen und verließ Madras mit dem
Dampfschiff "Tara".
Ich war nicht an so lange
Reisen gewöhnt. Ich hatte keine Ahnung, welche Nahrungsmittel
ich mitnehmen, was für Vorbereitungen ich für meine Laufbahn
in Malaysia treffen sollte und wieviel Geld ich brauchen würde.
Ich packte meine Sachen und nahm auch ein großes Paket Süßigkeiten
mit, die meine Mutter liebevoll für mich vorbereitet hatte.
Ich gehörte einer strenggläubigen Familie an und hatte
Bedenken wegen des nichtvegetarischen Essens an Bord. Als ich jung
war, hatte ich eine große Vorliebe für Süßspeisen.
Während der Reise schaffte ich es, mich davon zu ernähren
und trank viel Wasser dazu. Da ich an eine solche Kost nicht gewöhnt
war, kam ich halbtot in Singapur an!
Es war ein kühnes,
verwegenes Abenteuer, sich in die hohe See der Ungewißheit
zu stürzen. Ich hatte kein Geld, auf das ich im Falle eines
Sinneswandels oder Scheiterns meiner Erwartungen hätte zurückgreifen
können. Aber ich war voll riesiger Hoffnungen und sprang ins
kalte Wasser, um mein Schicksal herauszufordern. Willensstärke
und eiserne Entschlossenheit trugen viel dazu bei, mein Leben und
meine spirituelle Entwicklung zu formen. Keine vielversprechende
Stellung wartete auf mich in den fernen Sümpfen von Malaysia;
ich war völlig unbekannt und besaß weder Freunde noch
eine finanzielle Absicherung. Ich mußte ganz von vorne anfangen
und zu Beginn gegen enttäuschende Rückschläge ankämpfen.
Aber später entwickelte sich alles zu meinem Vorteil und meine
Stellung festigte sich.
Gleich nach der Ankunft
ging ich zu Dr. Iyengar. Er gab mir ein Empfehlungsschreiben an einen
seiner Bekannten, Dr. Harold Parsons, einen praktischen Arzt in Seremban,
der Hauptstadt von Negri Sembilan. Als ich in Seremban ankam, stellte
sich heraus, daß Dr. Parsons gerade nicht da war. Inzwischen
war das wenige Geld, das ich gehabt hatte, aufgebraucht. Ich war
höchst zuversichtlich, eine Stelle zu bekommen. Dr. Parsons
selbst brauchte keinen Assistenten. Aber ich konnte ihn so beeindrucken,
daß er mich bei A.G. Robins einführte, dem Direktor einer
nahegelegenen Gummiplantage mit einem eigenen Krankenhaus.
Zu meinem Glück
brauchte Herr Robins gerade einen Assistenten für das Krankenhaus
der Plantage. Er war ein schrecklicher Mensch mit einem heftigen
Temperament, ein Riese von einem Mann, groß und kräftig.
Er fragte mich: "Können Sie ein Krankenhaus ganz allein leiten?" Ich
antwortete: "Ja, sogar drei." Er stellte mich sofort ein. Ein dort
lebender Inder hatte mir gesagt, ich solle - in Übereinstimmung
mit ihrer Politik - die Stelle nicht unter 100 Dollar im Monat annehmen.
Herr Robins stimmte einem Anfangsgehalt von 150 Dollar zu.
Der für das Krankenhaus
verantwortliche Arzt war gerade weggegangen und man erzählte
mir, er sei nicht besonders fachkundig gewesen. Ich erwarb mir schnell
einen guten Überblick über die Krankenhausausstattung und
den Vorrat an Arzneimitteln. Die Arbeit nahm mich ganz in Anspruch.
Auch hier wartete harte Arbeit auf mich. Ich mußte Arzneien
herstellen und ausgeben, Bücher führen und persönlich
Patienten betreuen, wie schon bei Dr. Haller in Madras. Ungewohnte
Belastungen begannen, sich auf mich auszuwirken und nach einer Weile
war mir danach, die Stellung aufzugeben, aber Herr Robins ließ mich
nicht gehen.
Als ich später im
Johore Medical Office arbeitete, nutzten meine Assistenten meine
Güte und Nachsicht über Gebühr aus und erfüllten
ihre Pflichten nur sehr nachlässig. Ich mußte ihre ganze
Arbeit ebenfalls erledigen. Dabei konnte ich mich nicht einmal über
zuviel Arbeit beklagen, aus Furcht, daß mein Arbeitgeber dann
streng mit ihnen ins Gericht gehen würde. Das Problem der Überlastung
dauerte während der ganzen Zeit in Malaysia an; trotzdem machte
ich weiter.
Ich war fast sieben Jahre
im Gutskrankenhaus bei Seremban tätig, danach wechselte ich
nach der Rückkehr von Dr. Parsons aus dem Kriegsdienst auf sein
Betreiben ans Johore Medical Office. In Johore arbeitete ich drei
Jahre lang, bevor ich mich von allen weltlichen Betätigungen
zurückzog.
In Malaysia kam ich mit
vielen armen einheimischen und vertraglich verpflichteten ausländischen
Arbeitern sowie mit den örtlichen Bewohnern unmittelbar in Berührung.
Ich lernte malayisch und sprach mit den Einheimischen in ihrer Muttersprache.
Ich half den Plantagenarbeitern
sehr gut und war bei allen beliebt. Ich gewann gleichermaßen
die Wertschätzung meines Arbeitgebers und der Beschäftigten.
Ich diente immer gern. War ich diesen Moment gerade im Krankenhaus,
so war ich im nächsten Augenblick bei einem armen Kranken zu
Hause, um ihm und seiner Familie zu helfen. Dr. Parsons war Aufsichtsarzt
des Gutskrankenhauses und schätzte mich sehr. Ich unterstützte
ihn auch bei seiner privaten Arbeit. Ab und zu verwendete ich mein
Einkommen, um Freunden und Patienten zu helfen. Ich ging sogar soweit,
einige meiner eigenen Wertsachen zu verpfänden.
Sowohl für die Unternehmensleitung
wie für die Arbeiter war ich ein Vertrauter. Wenn die Straßenkehrer
streikten, kam der Plantagendirektor gewöhnlich nur zu mir.
Ich ging dann von einer Partei zur anderen, um zu vermitteln. Über
meine eigene Arbeit hinaus besuchte ich andere Krankenhäuser
und erwarb besonders bakteriologische und andere Fachkenntnisse.
Es gab damals nicht ein
einziges verfügbares englisches Buch über Medizin, das
ich nicht gelesen und verarbeitet hätte. Darüber hinaus
half ich auch noch meinen Assistenten und unterrichtete sie täglich
eine Weile, um sie dann mit einem Empfehlungsschreiben an andere
Krankenhäuser zu schicken, wobei ich ihre Fahrtkosten und einen
Betrag für Notfälle aus eigener Tasche bezahlte. Bald war
ich in Seremban und Johore Bahru bekannt. Der Bankdirektor verpflichtete
mich zu Dank, indem er meine Schecks jederzeit, sogar an Feiertagen,
einlöste. Aufgrund meiner menschenfreundlichen Art und Hilfsbereitschaft
wurde ich jedermanns Freund. Ich wurde rasch befördert; mein
Gehalt und mein Lebensstil wuchsen gleichermaßen. Das alles
erreichte ich nicht an einem Tag, sondern mit unablässiger harter
Arbeit, unnachgiebiger Zähigkeit, fleißiger Anstrengung
und unbezähmbarem Vertrauen in die Grundsätze von Güte
und Tugend und ihre praktische Anwendung im täglichen Leben.
Während meiner Zeit
in Malaysia veröffentlichte ich zahlreiche Artikel über
allgemeine Gesundheit in der "Malaya Tribune" in Singapur.
Erste
Lektionen im Dienst an der Menschheit
Ich verlegte mich besonders
auf mikroskopische Studien und tropische Medizin. Anschließend
zog ich nach Johore Bahru bei Singapur und arbeitete dort drei Jahre
lang mit Dr. Parsons und Dr. Green zusammen. Die Ärzte Parsons,
Green, Garlik und Glenny lobten mich als äußerst fähigen
Arzt und bewunderten meine geschäftige, gewandte und tüchtige
Art. Ich war glücklich, fröhlich und zufrieden. Ich pflegte
alle Patienten sorgfältig. Nie verlangte ich ein Honorar. Ich
fühlte mich glücklich, wenn sie von Krankheit und Beschwerden
frei waren. Menschen zu dienen und das, was ich habe, zu teilen,
entspricht meiner angeborenen Natur.
Ich heiterte die Menschen
mit meinem Witz und Humor auf und ermunterte die Kranken mit liebevollen,
aufbauenden Worten. Die Kranken spürten sofort eine neue Gesundheit,
Hoffnung, Mut, Lebenskraft und Vitalität. Überall fanden
die Menschen, ich hätte eine besondere heilende Gabe und rühmten
mich als einen sehr netten, angenehmen Arzt mit einem liebenswürdigen,
hochherzigen Charakter. In Ernstfällen pflegte ich nachts Wache
zu halten. Ich verstand die Gefühle der Kranken und bemühte
mich, ihre Leiden zu lindern.
Ich wurde Mitglied des
Royal Institute of Public Health, der Royal Asiatic Society und des
Royal Sanitary Institute in London. Während meines Aufenthalts
in Malaysia veröffentlichte ich ein paar medizinische Bücher
wie "Hausmittel", "Früchte und Gesundheit", "Krankheiten und
ihre tamilischen Bezeichnungen", "Entbindungskalender", "14 Vorträge über öffentliche
Gesundheit". Ich gab vielen Arbeitslosen Obdach, Essen und Kleidung
und brachte sie in irgendeiner Anstellung unter.
Meine Ansichten waren
liberal. Der Geist der Entsagung war in mir verwurzelt. Unehrlichkeit,
Diplomatie und Doppelzüngigkeit sind mir fremd. Ich war sehr
offen, ehrlich, schlicht und aufrichtig. In dem Krankenhaus, in dem
ich arbeitete, bildete ich viele junge Leute aus und brachte sie
nachher in verschiedenen Krankenhäusern unter. Ich wandte meine
ganze Energie und Zeit auf, menschliches Leid zu lindern und versuchte,
Armen und Kranken rund um die Uhr mitfühlend zu helfen. Diese
Art selbstlosen Dienstes reinigte mein Herz und Gemüt und führte
mich auf den spirituellen Weg.
In meiner Jugend fand
ich großen Gefallen an gepflegter Kleidung und meiner Sammlung
kurioser, phantastischer Gold-, Silber- und Sandelholz-Kunstwerke.
Manchmal kaufte ich goldene Ringe und Halsketten und trug sie alle
auf einmal. Wenn ich ein Geschäft betrat, verlor ich keine Zeit
mit der Auswahl. Ich nahm alles, was ich sah. Feilschen und Handeln
liegen mir nicht. Ich bezahlte die Ladenrechnungen ohne nähere
Prüfung. Selbst heute noch kaufe ich viele Bücher für
die Bibliothek der Forest University, für die Schüler im
Ashram, wenn ich in einen Buchladen komme.
Ich hatte viele Hüte,
trug sie aber nie. Manchmal trug ich eine Filzkappe oder einen seidenen
Turban wie ein Radschputen-Prinz. Lange Zeit bereitete ich mir mein
Essen selbst zu. Radfahren war meine liebste körperliche Betätigung.
Gäste bewirtete ich liebevoll und aufmerksam. Malaysia war ein
Land der Verlockung, aber nichts konnte mich verführen. Ich
war rein wie ein Kristall und hielt mich an meine tägliche Praxis
der Verehrung, des Gebets und des Studiums der Schriften. Ich spielte
Harmonium und sang Bhajans (Lieder) und Kirtans (Mantras). Auch in
Malaysia praktizierte ich Anahata Laya Yoga (Auflösen des Bewußtseins
durch Konzentration auf innere Klänge) und SwaraSadhana (eigene
spirituelle Übungen).