Wenn Du die Strahlen der Sonne durch eine Linse bündelst, können
sie Wolle oder ein Stück Papier verbrennen; aber die zerstreuten
Strahlen vermögen dies nicht. Wenn Du zu jemanden sprechen willst,
der weit entfernt von Dir ist, formst Du mit Deinen Händen einen
Trichter und sprichst dann. Die Klangwellen werden an einem Punkt gesammelt
und dann auf den Betreffenden gerichtet. Er kann Dich dann sehr deutlich
hören. Das Wasser wird in Dampf umgewandelt, und der Dampf wird
an einer Stelle konzentriert. Die Lokomotive bewegt sich. All das sind
Beispiele für konzentrierte Wellen. Genauso wirst Du wunderbare
Konzentration erlangen, wenn Du die zerstreuten Strahlen des Geistes
zusammenführst und an einem Punkt sammelst. Der konzentrierte Geist
wird wie ein starker Scheinwerfer sein, um die Schätze der Seele
zu finden und den höchsten Reichtum Atmans, ewige Wonne, Unsterblichkeit
und unvergängliche Freude zu erlangen.
Der wirkliche Raja Yoga beginnt bei Konzentration. Konzentration geht
über in Meditation. Konzentration ist ein Teil von Meditation.
Meditation folgt auf Konzentration. Samadhi folgt auf Meditation. Der
Zustand von Jivanmukti folgt dem Erreichen von Nirvikalpa Samadhi, der
ohne jeden Gedanken der Dualität ist. Jivanmukti führt zur
Befreiung aus dem Rad von Geburt und Tod. Deshalb ist Konzentration
das erste und Wichtigste, was ein Sadhaka oder Aspirant auf dem spirituellen
Pfad erwerben muß.
Du bist geboren, um den Geist auf Gott zu konzentrieren, nachdem Du
die geistigen Strahlen gesammelt hast, die auf verschiedene Dinge verstreut
sind. Das ist Deine wichtige Pflicht. Du vergißt diese Pflicht
aufgrund von Moha wegen Familie, Kindern, Geld, Macht, Position, Anerkennung,
Name und Ruf.
Konzentration des Geistes auf Gott nach der Reinigung kann Dir wirkliches
Glück und Wissen geben. Du bist nur zu diesem Zweck geboren. Durch
Verhaftung und verblendete Liebe wirst Du zu äußeren Dingen
fortgezogen.
Was ist Konzentration?
Einmal kam ein Sanskritschüler zu Kabir und fragte ihn: “Oh Kabir,
was tust Du gerade?” Kabir antwortete: “Oh Pandit, ich löse den
Geist von weltlichen Dingen und hefte ihn an die Lotusfüße
des Herrn.” Das ist Konzentration.
Konzentration oder Dharana ist das Zentrieren des Geistes auf einen
einzigen Gedanken. Vedantins versuchen, den Geist auf den Atman zu fixieren.
Das ist Ihr Dharana. Hatha Yogis und Raja Yogis konzentrieren den Geist
auf die sechs Chakras. Bhaktas konzentrieren sich auf ihren Ishta Devata.
Konzentration ist von äußerster Notwendigkeit für alle
Aspiranten.
Während der Konzentration werden die einzelnen Geiststrahlen gesammelt
und auf das Konzentrationsobjekt gerichtet. Dann gibt es kein Schwanken
des Geistes. Ein Gedanke beschäftigt den Geist. Die ganze Energie
des Geistes ist auf den einen Gedanken konzentriert. Die Sinne werden
ruhig. Sie arbeiten nicht. Wenn tiefe Konzentration herrscht, hat man
kein Bewußtsein von Körper und Umgebung.
Wenn Du mit großem Interesse ein Buch liest, hörst Du nicht,
wenn ein anderer schreit und Deinen Namen ruft. Du siehst einen Menschen
einfach nicht, wenn er vor Dir steht. Du riechst nicht den süßen
Duft von Blumen, die neben Dir auf dem Tisch stehen. Das ist Konzentration
oder Einpünktigkeit des Geistes. Der Geist ist ganz fest auf ein
Ding ausgerichtet. So tief muß Deine Konzentration sein, wenn
Du an Gott oder Atman denkst.
Jeder Mensch besitzt eine gewisse Konzentrationsfähigkeit. Jeder
konzentriert sich bis zu einem gewissen Grad beim Lesen eines Buches,
beim Briefschreiben, Tennisspielen und tatsächlich bei jeder Arbeit.
Für spirituelle Zwecke aber, muß Konzentration in unendlichem
Maße entwickelt werden.
Man hat große Konzentration, wenn man Karten spielt oder Schach,
aber der Geist ist nicht erfüllt von reinen oder göttlichen
Gedanken. Die geistigen Inhalte sind unerwünscht. Du kannst kaum
göttliche Erregung, Ekstase und Erhöhung erfahren, wenn der
Geist mit unreinen Gedanken erfüllt ist. Jedes Ding hat seine geistigen
Verknüpfungen. Du wirst den Geist mit erhabenen, spirituellen Gedanken
anfüllen müssen. Nur dann wird der Geist von allen weltlichen
Gedanken gereinigt werden. Das Bild von Jesus, Buddha oder Shri Krishna
ist verknüpft mit erhabenen, bewegenden Gedanken. Schach und Kartenspiel
sind verknüpft mit Gedanken an Glücksspiel, Betrug usw.
Konzentrationsobjekte
Setz Dich bequem hin. Stelle ein Bild Deines Ishta Devata vor Dich
hin. Schau mit unbewegtem Blick auf das Bild. Dann schließe die
Augen und stelle Dir das Bild im Herzzentrum oder im Bereich zwischen
den Augenbrauen vor.
Wenn das Bild in Deiner geistigen Vorstellung verschwindet, öffne
die Augen und starre wieder auf das Bild. Schließe die Augen nach
einigen Sekunden und wiederhole den Vorgang.
Es ist leicht, den Geist auf äußere Objekte zu konzentrieren.
Der Geist hat eine natürliche Tendenz, nach außen zu gehen.
Im Anfangsstadium des Übens, kannst Du Dich auf einen schwarzen
Fleck an der Wand konzentrieren, eine Kerzenflamme, einen hellen Stern,
den Mond oder irgendein anderes Objekt, das dem Geist angenehm ist.
Der Geist muß am Anfang darin geübt werden, sich auf grobstoffliche
Dinge zu konzentrieren; und später kannst Du Dich dann mit Erfolg
auf subtilere Dinge und abstrakte Vorstellungen konzentrieren.
Es gibt keine Konzentration ohne etwas, worauf der Geist sich ausruhen
könnte. Konzentriere Dich auf alles, was Dir gefällt oder
alles, was dem Geist gut gefällt. Es ist am Anfang sehr schwierig,
den Geist zu fixieren oder auf irgendein Objekt zu konzentrieren, das
dem Geist zuwider ist.
Praktiziere verschiedene Arten von Konzentration. Das wird Deinen Geist
wunderbar trainieren und disziplinieren. Konzentriere Dich nun auf den
Himalaja, etwas sehr Großes. Dann konzentriere Dich auf ein Senfkorn
oder einen Stecknadelkopf. Nun konzentriere Dich auf ein entfernt liegendes
Objekt. Dann konzentriere Dich auf etwas Nahes. Nun konzentriere Dich
auf eine Farbe, einen Klang, eine Empfindung, einen Geruch oder Geschmack.
Dann konzentriere Dich auf das ‘Tik-Tak’ einer Uhr. Nun konzentriere
Dich auf die Tugend ‘Barmherzigkeit’. Dann konzentriere Dich auf die
Tugend ‘Geduld’. Nun konzentriere Dich auf den Shloka “Jyotishamapi
Tat Jyotih”. Dann konzentriere Dich auf “Satyam Jnanam Anantam”. Nun
konzentriere Dich auf das Bild von Gott Shiva. Dann konzentriere Dich
auf das Mahavakya “Aham Brahmasmi”.
Eine mühsame
Aufgabe für den Anfänger
Für den Anfänger ist die Übung von Konzentration am
Beginn abstoßend und ermüdend. Er muß neue Furchen
in Geist und Gehirn graben. Nach einigen Monaten wird er an der Konzentration
großes Interesse bekommen. Er wird eine neue Art von Glücksgefühl
erfahren, Konzentrations-Ananda. Er wird unruhig werden, wenn es ihm
nicht gelingt, diese neue Form des Glücksgefühls auch nur
einen nicht zu genießen.
Der zentrale Punkt in der Konzentration ist es, den Geist wieder zum
selben Punkt oder zum selben Objekt zurückzuführen, indem
seine Bewegungen am Anfang auf einen kleinen Kreis beschränkt werden.
Das ist das Hauptziel. Eine Zeit wird kommen, da der Geist nur auf einen
Punkt allein geheftet ist. Das ist die Frucht Deines beständigen
und fortgesetzten Sadhana. Die Freude ist jetzt unbeschreiblich.
Die Konzentration wird sich steigern, wenn sich die Anzahl der Gedanken
verringert. Natürlich ist es eine mühsame Arbeit, die Zahl
der Gedanken zu reduzieren. Genauso, wie Du mit Bedacht ein Tuch lösen
mußt, das in eine dornige Pflanze gefallen ist, indem Du einen
Dorn nach dem anderen löst, so wirst Du mit Sorgfalt und Mühe
die zerstreuten Strahlen des Geistes wieder sammeln müssen, die
viele Jahre lang über die Sinnesobjekte hinweggeworfen wurden.
Am Anfang wird Dich das sehr in Anspruch nehmen. Die Aufgabe wird sehr
unangenehm sein.
Ein geistiger
Prozeß, keine Muskelübung
Konzentration ist ein rein geistiger Prozeß. Der Geist muß
nach innen gewendet werden. Es ist keine Muskelübung. Es sollte
kein unangebrachter Druck auf das Gehirn ausgeübt werden. Du solltest
mit dem Geist nicht mit Gewalt kämpfen und ringen.
Wenn Du Dich auf irgend etwas konzentrierst, vermeide Spannung irgendwo
in Körper oder Geist. Denke sanft über den Gegenstand in kontinuierlicher
Weise nach. Erlaube dem Geist nicht, fortzuwandern.
Wie
man die Konzentrationsfähigkeit steigert
Konzentration kann nur dann geübt werden, wenn man von allen Ablenkungen
frei ist. Ein Mensch, dessen Geist voller Leidenschaft und allen möglichen
phantastischen Begierden ist, kann sich kaum auf irgend etwas auch nur
eine Sekunde lang konzentrieren. Sein Geist wird springen wie ein alter
Affe. Japa irgendeines Mantras und Pranayama werden den Geist festigen,
Schwankungen beseitigen und die Konzentrationsfähigkeit steigern.
Zuviel physische Anstrengung, zuviel Reden, zuviel Essen, zuviel Gesellschaft
mit unerwünschten Menschen oder Rastlosigkeit werden Zerstreutheit
des Geistes zur Folge haben. Menschen, die Konzentration üben,
müssen diese Dinge aufgeben.
Tue jede Arbeit, die Du tust, mit vollkommener Konzentration. Verlasse
nie eine Arbeit, wenn Du sie nicht vollständig beendet hast.
Wenn Du Dich hinsetzt, um zu beten oder zu meditieren, denke nie an
Deine Büroarbeit. Wenn Du in Deinem Büro arbeitest, denke
nie an das kranke Kind oder an eine andere Arbeit im Haushalt. Wenn
Du ein Bad nimmst, denke nicht an das Spiel. Wenn Du beim Essen bist,
denke nicht an die Arbeit, die im Büro wartet. Du mußt Dich
darin üben, die anstehende Arbeit mit vollkommener Einpünktigkeit
zu erledigen.
Zölibat, Pranayama, Einschränken der Bedürfnisse und
Aktivitäten, Verzicht auf Dinge, Einsamkeit, Schweigen, Sinnesdisziplin,
Auslöschen von Lust und Begierde, Beherrschung des Zorns, Nichtverkehren
mit fragwürdigen Menschen, Aufgabe der Gewohnheit des Zeitungslesens
und des Kinobesuchs, alle diese Dinge pflastern einen langen Weg, um
die Kraft der Konzentration zu erhöhen.
Du mußt versuchen, immer freundlich und friedvoll zu sein. Nur
dann wirst Du Konzentration des Geistes haben. Freundschaft mit Gleichgestellten,
Mitgefühl mit niedrigeren oder in Not geratenen Menschen, Gelassenheit
gegenüber höher gestellten und tugendhaften Menschen und Gleichgültigkeit
gegenüber Sündern und schlechten Menschen erzeugen Gelassenheit
und Heiterkeit und vernichten Haß, Eifersucht und Mißgunst.
Du mußt wirklich und innig nach Gottverwirklichung dürsten.
Dann werden alle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Konzentration
wird für Dich dann sehr einfach sein. Reine gefühlsmäßige
Schaumschlägerei für den Augenblick aus bloßer Neugier
oder um psychische Kräfte zu erlangen kann kein greifbares Ergebnis
bringen.
Konzentration und
Pranayama
Die Praxis von Konzentration und die Praxis von Pranayama sind wechselseitig
voneinander abhängig. Wenn man Pranayama übt, erlangt man
Konzentration. Natürliches Pranayama folgt der Übung von Konzentration.
Ein Hatha Yogi übt Pranayama und kontrolliert dann den Geist. Er
steigt von unten nach oben. Ein Raja Yogi übt Konzentration und
kontrolliert so sein Prana. Er kommt nach unten von oben her. Beide
treffen sich am Ende auf einer gemeinsamen Ebene. Es gibt unterschiedliche
Praktiken je nach Fähigkeit, Geschmack und Temperament. Für
einige wird es leicht sein, mit der Praxis von Pranayama anzufangen;
für andere wird das Üben der Konzentration leichter sein.
Letztere hatten schon in ihren früheren Geburten Pranayama geübt.
Deswegen nehmen sie in dieser Geburt das höhere Glied des Yoga,
Konzentration, in Angriff.
Die
Wichtigkeit einer ethischen Grundlage
Reinige zuerst den Geist durch die Praxis richtigen Verhaltens und
gehe dann über zur Praxis der Konzentration. Konzentration ohne
Reinheit des Geistes ist nutzlos.
Es gibt törichte ungeduldige Schüler, die sofort mit Konzentration
beginnen, ohne sich vorher in irgendeiner Weise einer ethischen Vorbereitung
unterzogen zu haben. Das ist ein schwerwiegender Fehler.
Es gibt Okkultisten mit Konzentration. Aber sie haben keinen guten
Charakter. Das ist der Grund, warum sie auf dem spirituellen Weg keine
Fortschritte machen.
Konzentration
- Der Hauptschlüssel zum Erfolg
Menschen, die Konzentration üben, entwickeln sich rasch. Sie können
jede Arbeit mit wissenschaftlicher Genauigkeit und großer Effizienz
verrichten. Was andere in sechs Stunden tun, kann von einem konzentrierten
Menschen in einer halben Stunde getan werden. Was andere in sechs Stunden
lesen, kann von einem Menschen, der Konzentration übt, in einer
halben Stunde gelesen werden. Konzentration reinigt und beruhigt die
auftauchende Gefühle, stärkt den Gedankenfluß und klärt
die Gedanken.
Konzentration hilft dem Menschen auch in seinem materiellen Fortkommen.
Er wird sehr gute Ergebnisse bei seiner Arbeit im Büro oder in
seinem Geschäft haben. Wer Konzentration übt, wird eine klare
geistige Vorstellung haben. Was zuvor trübe und verschwommen war,
wird jetzt klar und eindeutig. Was zuvor schwierig war, wird jetzt einfach.
Und was komplex, verwirrend und zuvor irreführend war, ist jetzt
leicht geistig zu erfassen. Durch Konzentration kann alles erreicht
werden. Nichts ist unmöglich für den Menschen, der regelmäßig
Konzentration übt.
Sie hilft den Wissenschaftlern und Professoren, große Forschungsarbeit
zu leisten. Sie hilft dem Arzt und dem Richter, viel Arbeit zu leisten
und mehr Geld zu verdienen. Sie entwickelt Willenskraft und Gedächtnis;
sie schärft und klärt den Verstand. Konzentration verleiht
geistige Heiterkeit und Ruhe, innere spirituelle Stärke, Geduld,
eine große Fähigkeit, enorme Arbeit zu leisten, Munterkeit,
Scharfsinn, Dynamik, schönes Aussehen, eine sanfte Stimme, leuchtende
Augen, eine kräftige Stimme und Sprache, die Macht, andere zu beeinflussen
und Menschen anzuziehen, Gelassenheit, Freude, Seligkeit und höchsten
Frieden. Sie beseitigt Ruhelosigkeit, geistige Gehetztheit und Faulheit.
Sie macht Dich furchtlos und verhaftungslos. Sie hilft bei der Erlangung
von Gottverwirklichung.
Je mehr der Geist auf Gott fixiert ist, desto mehr Kraft wirst Du erlangen.
Mehr Konzentration bedeutet mehr Energie. Konzentration öffnet
die inneren Kammern der Liebe, den Bereich der Ewigkeit. Konzentration
ist eine Quelle spiritueller Kraft.
Sei langsam und stetig in der Konzentration. Durch die Praxis der Konzentration
wirst Du übermenschlich werden.
Menschen, die ab und zu Konzentration üben, werden nur gelegentlich
einen stetigen Geist haben. Manchmal wird der Geist zu wandern beginnen
und nicht anwendbar sein. Dein Geist muß Dir zu jeder Zeit absolut
gehorchen und all Deine Befehle jederzeit bestmöglich ausführen.
Stetige und systematische Praxis von Raja Yoga wird den Geist sehr zuverlässig
und gehorsam machen. Du wirst in jedem Versuch Erfolg haben. Dem Mißerfolg
wirst Du nie begegnen.