von Swami Venkatesananda
16. ENTDECKUNG DES EGO
Was auch immer in Übereinstimmung mit den Geboten des Geistes
getan wird, ist eine Falle. Also können auch die sogenannten yogischen
oder spirituellen, mit Ansporn des Geistes durchgeführten Praktiken
im besten Falle eine goldene Falle, ein Gefängnis sein. Die innewohnende
Intelligenz muss das erkennen. Sie ist dazu fähig, obgleich sie
nicht daraus hervorkommen kann. Ich’ kann sich nicht selbst befreien,
aber es kann den Fehler in all diesen Praktiken sehen, die Gefahr in
dieser Falle. Wenn man Karmayoga macht, ist es besserer sozialer Dienst
- was sehr gut ist, in erster Linie (aus der Erfahrung), weil es von
ungeheurem Nutzen für andere ist. Wenn man sich aussucht, Bhakti
Yoga zu praktizieren - drei Stunden Japa, zwei Stunden Puja und zwei
Stunden Kirtan - dann ist das auch sehr gut, weil man während der
sieben Stunden keinen Unsinn angestellt hat. Wenn man Yogaasanas, Pranayama
und irgendeine Art von Meditation macht, erfreut man sich guter Gesundheit
und ist so weniger eine Last für andere, was ein enormer Beitrag
ist. Es ist eine Sünde, krank zu sein, man ist sich selbst lästig
und eine untragbare Bürde für andere. Gesund zu sein ist einer
der größten Dienste, die man der Menschheit erweisen kann.
Wenn man gründlich vergessen wird von anderen, ist man der Menschheit
der größte Diener. Wenn andere sich ständig Sorgen um
einen machen, ist man eine Plage. Aber als Sadhana für die Selbstverwirklichung
oder Moksha ist das nicht von großem Wert, es sei denn man tut
es, weil der Meister es angeordnet hat, und nicht, weil der Verstand
es mag.
Durch eines von diesen ist Moksha oder Befreiung möglich. Alle
sind Fallen, was auch immer eines jeden Einstellung dazu sein mag. Selbstverwirklichung
hängt von all diesen ab. Swami Sivananda hat die Essenz seiner
Lehren in einem kleinen Lied herauskristallisiert, von dem die erste
Zeile heißt „Diene, liebe, gib, reinige, meditiere, verwirkliche.“
Man soll Karmayoga so gut man es kann machen. Vor allem Gott lieben,
Nächstenliebe praktizieren, sich selbst durch alle möglichen
Yogapraktiken reinigen, Japa, Meditation und all das. Man soll meditieren
und die Wahrheiten der Upanishaden erkennen. Die nächste Zeile
ist: „Sei gut, tu gutes, sei mitfühlend.“ Die dritte:
„Frage, wer bin ich, kenne das Selbst und sei frei.“ Kombiniere
all diese in deinem täglichen Sadhana.
Jetzt kommt das Verzwickte an der Sache. Die nächste Zeile des
Liedes ist: „Versöhne dich, sei flexibel und geh’ auf
andere ein. Trage Kränkung, trage Schmähung, höchstes
Sadhana.“ Ist das im Leben möglich? Man sollte die Ethik
an erster Stelle erwarten und die Selbstverwirklichung an letzter. Im
ersten Teil - diene, liebe, meditiere, verwirkliche - ist es möglich,
sich dem hinzugeben, was man im Allgemeinen Selbsttäuschung nennt.
Z.B. wenn man denkt, dass man Karmayoga, Bhakti Yoga, Hatha Yoga macht,
nur weil man ein paar Yogastellungen schön machen kann. Und wenn
man eine Stellung lange halten kann, kann man sich selbst und anderen
erzählen, dass man sich in tiefem Samadhi befindet. All dies ist
möglich. Aber Anpassungsfähigkeit ist nicht so leicht, weil
sie das Ego direkt trifft und zerstört, während der ganze
Rest wie die Katze um den heißen Brei geht. Es ist leicht, etwas
aufzugeben, was man zu besitzen meint: einen Pulli, ein Buch, ein wenig
Geld, Obst. Der Geist oder das Ego sagt: „Ach, ich werde mehr
besorgen“, aber seine Meinung und Ideologien aufzugeben ist schwieriger,
und seine Meinung über einen selbst, seine Selbstachtung, aufzugeben,
ist äußerst schwierig. Von allen Vorstellungen in der Welt
ist die Selbstachtung die am schwersten zu knackende, geschweige denn
zu brechende. Ist es möglich, jemand anderes anzusehen, mit dem
man überhaupt nicht einverstanden ist, und ohne Heuchelei zu sagen:
„Sir, Sie mögen recht haben.“? Beobachte, was während
dieser wenigen Momente in dir vorgeht. Da ist eine Kombination von einem
Erdbeben, Vulkan, Tornado und einer Flutwelle gleichzeitig. Das ist
das Ego. Du hast es! Man sollte dem keine Beachtung schenken. Es tut
weh, es tut weh. Meine Güte, tut das weh. Beobachte, was in dir
vorgeht. Das ist das Ego.
Die externe Situation erledigt sich selbst. Jemand diskutiert mit
einem, man sagt: „Du magst Recht haben“, und dann ist er
zufrieden und geht weg oder er ist unzufrieden und geht weg. Das ist
nicht so sehr wichtig. Man tut dies nicht, um jemanden zufrieden zustellen,
das ist eine andere Falle. Und man macht es auch nicht, um sich selbst
zu ärgern. Das wäre Masochismus, genauso unnötig und
sehr nährend für das Ego. „Ich bin ein Mensch mit ungeheurer
Anpassungsfähigkeit.“ Es interessiert niemanden. Absolut
keiner ist an dem fremden Glück oder der fremden Befreiung interessiert,
es macht also keinen Sinn, all dies zu tun, um anderen zu gefallen oder
andere davon zu überzeugen, dass man ein großer Yogi, Sadhu
oder Heiliger ist. All das ist totale Zeitverschwendung. Stattdessen
sollte man versuchen, sich auf andere einzulassen, auf den, der sich
einem so gewaltig widersetzt. Man sage zu ihm: „Ja, mein Herr,
Sie mögen Recht haben“, oder „Sie haben Recht“,
und beobachte gleichzeitig, was in einem vorgeht.
Wenn Swami Sivananda die Wichtigkeit des Dienens betonte, legte er vor
allem Gewicht auf die Anpassungsfähigkeit. Er betonte: „Das
aggressive, selbstanmaßende, rajasige Ego ist dein Feind.“
Dies muss verschwinden. Karmayoga wird einem helfen. Selbst das kleine
bißchen Dienst, das man anderen leistet, mag einem helfen, denn
im Laufe dessen wird man gezwungen, sich anzupassen. Es wird jede Menge
Möglichkeiten geben, sich selbst anzupassen. Bhakti, Raja und Hatha
Yoga mögen einem helfen, aber sie sind nur Hilfen, keine Hauptschlüssel.
Der Hauptschlüssel ist „Versöhne dich, sei flexibel
und geh’ auf andere ein.“
Ich habe noch nie einen größeren Heiligen mit mehr Demut
als Swami Sivananda gesehen. Der ganze Ashram verdankt ihm seine Existenz,
und jeder Stein ist von ihm gelegt worden. Zuerst verblüffte es
einige von uns jungen in den 1940iger Jahren, ihn vor einem seiner Schüler
stehen zu sehen und ihn in einem Ton nach seiner Meinung zu fragen,
der vermuten ließ, dass der Meister der Untergebene war. Es gab
da einen Swami, der unter dem Namen Swami Vishuddhananda bekannt war.
Er war unser Postmeister und auch verantwortlich für die Konstruktion
des Tempels und so weiter. Eines Tages standen Swamiji und dieser Swami
Vishuddhananda einige Schritte voneinander, und Swamiji machte ein paar
Vorschläge für die Tempelveranda. Es war als wäre er
der Untergebene, ein Neuling im Ashram. Er fragte „Können
wir das machen? Würde das gehen? Was meinst du?“ Ich habe
ihn nie etwas bestimmen oder einen Befehl geben sehen. Selbst wenn er
sehr wollte, dass etwas geschah, fragte er nur: „Wollen wir dieses
und jenes tun?“ Wenn man begann, mit ihm einverstanden zu sein,
er sich dadurch wohlfühlte und er wusste, dass man bis zum Ende
mit dabei war, dann mochte er sagen: „Geh’ und tu es schnell.“
Wenn man aber einen Widerspruch erhob, stellte er sofort das ganze Verfahren
ein. Er gab einem etwas Obst und Milch und lobte dich in den Himmel:
„Ah, du bist ein fabelhafter Mensch. Keiner hat so brillante Ideen
wie du.“ Eine halbe Stunde später kam er dann darauf zurück:
„Du hast gesagt, dass dies auf solche Weise getan werden soll.
Ich denke, dass es nicht so gut sein mag. Was meinst du dazu?“
Entsage zuerst dem Ego. Hier ist eine Möglichkeit, ein Widerspruch,
jemand, der sich einem gegenüberstellt. Das ist eine direkte Herausforderung
an das Ego. Man lasse es schmelzen, lasse es verschwinden. Dann wird
passieren, was passieren muss.
„Versöhne dich, sei flexibel und geh’ auf andere ein.
Trage Kränkung, trage Schmähung.“ Das sind das höchste
Sadhana und der direkte Weg zur Selbstverwirklichung, weil es genau
durch das Ego schneidet. Das bedeutet nicht, dass man so in dieser Welt
leben und handeln sollte, dass man Kritik, Kränkung uns Schmähung
herausfordert (dann verdient man natürlich nichts anderes!). Aber
sein Allerbestes zu geben, das Richtige im rechten Moment auf die rechte
Art und Weise und am rechten Orte zu tun, ist eines jeden Pflicht. Das
ist Yoga. In dieser Hinsicht gibt es keinen Kompromiss. Trotzdem wird
es, was immer man tut, immer jemanden geben, der sich aufregt, der einen
oder das, was man tut oder wie man aussieht, nicht leiden kann. Was
hält man von so einer Person? Der erste Impuls ist, ihn zu beseitigen
oder vor ihm wegzulaufen, eine solche Situation zu beseitigen, abzustellen
oder zu verhindern. Wenn man das tut, hat man die beste Gelegenheit
zerstört, das höchste Sadhana zu praktizieren.
In einem seiner sehr frühen Briefe an Swami Paramanandaji hatte
Swami Sivananda geschrieben: „Ich möchte Leute um mich herum
haben, die mich kritisieren, mich schmähen, sich über mich
empören, mich sogar verletzen, kränken.“ Dies ist nicht
Masochismus. Weder genoss er es, geplagt zu werden, noch litt er an
einem Märtyrerkomplex. Weder forderte er Kritik heraus noch suchte
er danach. Er war äußerst bedacht in seinem Verhalten. Er
passte sich, soweit er es konnte, den Normen der Gesellschaft an, und
es gab kein anstößiges Verhalten seinerseits. Er war perfekt
und wenn er zwangsläufig von irgendjemandem kritisiert wurde zeigte
sich seine Einzigartigkeit. Es gab Gelegenheiten, wenn sogar seine eigenen
Schüler sich offen oder heimlich über ihn lustig machten oder
ihn kritisierten - er wusste davon - aber nicht einmal dann konnte man
die leiseste Spur von Missbilligung oder Missfallen finden. Seine Liebe
war gleichbleibend. Gelegentlich bekam der Kritiker Vorzugsbehandlung,
nur gelegentlich, weil nicht einmal das zu einer Religion gemacht wurde.
Es war nicht so, dass er Geschmack daran fand oder es genoss - das ist
eine andere Falle. Es tut weh - es muss wehtun. Wenn man sein Bestes
gegeben hat, das Richtige zu tun, und man trotzdem kritisiert wird,
freut man sich darüber nicht, sondern man nutzt diese Gelegenheit,
dieses große Ego zu entdecken. Es ist eine Gelegenheit zu fragen:
„Wer bin ich?“ Wer ist es, der verletzt ist, wer ist es,
der gekränkt ist, und was ist Kränkung?
Swami Sivananda hat oft darauf hingewiesen, dass Kränkung oder
Kritik nicht viel mehr als Luft ist. Es gibt auch noch eine andere Betrachtungsweise.
Einige Menschen sind mit diesen Kundalini Chakren (Energiezentren) vertraut,
und wahrscheinlich wissen sie auch, dass die Chakren Shat-Chakra nirupana
zufolge eine bestimmte Anzahl an Blütenblättern haben sollen.
Man sagt, dass bestimmte Laute mit diesen verbunden werden, und wenn
man das Ganze zusammenfügt, erhält man das Sanskritalphabet.
Der erste der Vokale ist a’ und der letzte der Konsonanten ha’.
Aham auf Sanskrit ist nichts anderes als all diese Laute zusammengefasst,
und all die Worte, die ihm zugefügt werden, sind auch Worte, bloße
Laute. Ich’ (Aham) ist nicht-existierender Laut. Dummkopf’
ist noch ein nicht existierender Laut. Und Idiot’ ist noch ein
nicht existierender Laut. Jener nicht existierende Laut wird diesem
nicht existierenden Laut hinzugefügt. Was spielt das für eine
Rolle? Es ist Luft, die auf Luft weht nichts anderes. Wer dieses Yoga
praktiziert, erachtet Kränkung als eine Gnade, die er weder genießt
noch abschaffen will, sondern die er nutzt, um sein Aham zu entdecken,
um zu entdecken, wer dieses ich’ ist.
Man sollte zwischen physischem Schmerz und psychischem Leiden unterscheiden.
Körperliches Leiden mag beachtet und geheilt werden müssen.
Der Körper selbst fordert dies. Swami Sivananda war außergewöhnlich
sorgsam, wenn es um den Schutz des physischen Körpers ging. Während
der letzten paar Jahre nahm er mehr Medizin als Nahung zu sich. Physischer
Schmerz mag beachtet, verhindert, behandelt, geheilt oder beseitigt
werden müssen, aber psychisches Leiden sollte nicht behandelt,
beseitigt oder verhindert werden. Es sollte genutzt werden, um das oder
denjenigen zu entdecken, der dieses Leiden erlebt. Mit jedem Erlebnis,
wenn man fähig ist, der Quelle jenes Leidens nachzuspüren
- welche das Ego ist - dann wird dieses Ego ein für alle mal beseitigt,
und es entsteht Freiheit. Darum verherrlichte Swami Sivananda das so.
Wenn dieser ungeheure innere Drang besteht, das Ego zu finden, wird
das Ego im Licht dieses Dranges als nicht existent erkannt.
In dieser Situation fließt Tugend ohne Anstrengung. Man praktiziert
die Yamas und Niyamas und verinnerlicht sie anstrengungslos. Man ist
anstrengungslos selbstlos. Und das nicht, weil man denkt, dass das selbstlose
Selbst einen zu Moksha führen wird sondern weil Moksha schon da
ist. Man ist vom Selbst befreit, und darum ist man selbstlos. Es gibt
keine Alternative. Man liebt Gott nicht, weil man erwartet, das Recht
auf einen Platz im Himmel zu bekommen. Es gibt kein weil. Das Leben
selbst ist fortwährende Meditation. Der Drang nach Befreiung führt
zur Suche nach der Wahrheit über das Ego. Auf dieser Suche entdeckt
man, dass das Ego eigentlich gar nicht existiert. Dann erkennt man,
dass das Ego nur aus Unachtsamkeit entstehen konnte. Wenn man nicht
sein ganzes Leben lang achtsam und wachsam ist, kann es immer wieder
auftauchen. Deshalb ist ständige Wachsamkeit nötig.
Diese Wachsamkeit vor der potentiellen Auferstehung des Egos ist Meditation
selbst. Es gibt keine andere Meditation. In dieser Meditation wird das
Ego an seiner Auferstehung gehindert. Diese Wachsamkeit selbst ist das
innere Licht oder die Einsicht, und solange wie es hell erleuchtet,
erhebt sich der Dämon, genannt Ego, nicht. Das ist Meditation.
Und das ist auch Selbstverwirklichung, Gottesverwirklichung oder Befreiung,
wie auch immer du es nennen willst. |
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Inhaltsverzeichnis des Buches "Sivananda Yoga"
- Theorie und Praxis
- Wer ist ein Guru
- Kommunikation
- Das Säen des Samens
- Selbstreinigung
- Sich auf den Lehrer einstimmen
- Hingabe
- Karma Yoga
- Sei ein Instrument
- Bhakti Yoga
- Swami Sivananda Yoga
- Integraler Yoga
- Erinnerung an Gott
- Der Weg des Ego
- Selbstlosigkeit
- Entdeckung des Egos
- Der Yoga der Synthese
- Liebe, die Gott ist
- Glossar

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