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Yoga-Geschichten

von Sukadev Bretz

Der Weise und der Tölpel

Am Rande eines Dorfes lebte ein weiser Mann. Eines Tages be-suchte ihn Narada, der Götterbote, der Zugang zur physischen, astralen und kausalen Ebene hat und daher auch in die Zukunft blicken kann.
Der Dorfweise verneigte sich vor Narada und sagte: „O Narada, großer Meister, ich würde sehr gern erfahren, wie lange es noch dauert, bis ich die Selbstverwirklichung erlange. Würdest du bit-te einmal nachschauen?“
Narada antwortete: „Gern, das nächste Mal, wenn ich mich in den höheren Welten aufhalte, werde ich in der Akashachronik, der Astralchronik, in der alles auf der gedanklichen und astralen Ebene aufgezeichnet ist, nachsehen.
Gleich neben dem Dorfweisen wohnte ein gutmütiger Tölpel, der einfach so in den Tag hinein lebte, ab und zu auch mal etwas me-ditierte oder aus Spaß die Asanas (Yogaübungen) nachahmte, die der Weise praktizierte.
Der hörte die Frage und aus Jux sagte er zu Narada: „Oh, Bote, wenn du schon einmal da oben in dem Buch nachsiehst, dann guck’ doch bitte gleich, wie lange ich noch warten muss.“
Narada versprach es und ging. Nach einer Woche kehrte er zu-rück.
Gespannt fragte ihn der Dorfweise: „Nun, Narada, wie lange dauert es noch?“
„Drei Leben.“
„Was, drei Leben noch! Oh Elend, dreimal muss ich noch wieder geboren werden, dreimal schreiend, unwissend und sprachlos auf die Welt kommen, dreimal noch ohnmächtig als Kind den Eltern ausgeliefert sein, dreimal noch mich als Jugendlicher mit meinen Emotionen herumschlagen und dreimal noch mühselig einen Gu-ru suchen, der mich unterweist, damit ich den Dorfbewohnern später auf ihren albernen Fragen antworten kann? Oh, Narada, was für eine schlimme Botschaft!“
Der Dorfweise war ganz niedergeschlagen. Da tauchte der Nach-barsjunge auf und wollte wissen, wie lange es denn bei ihm noch dauere.
Narada deutete auf einen mächtigen Baum. „Siehst du diesen Banyanbaum dort?“
„Ja.“
So viele Blätter, wie dieser Baum hat, so oft wirst du wiedergebo-ren werden, ehe du dich selbst verwirklichst.“
„Was, nur so wenige Male?“, rief der Tölpel.
„Schau richtig hin, es sind viele Blätter, es sind fast unzählige.“
„Aber danach werde ich die Selbstverwirklichung erreichen?“
„Ja.“
„Und dann werde ich, obwohl ich nicht sehr klug bin, eins sein mit Gott?“
„Ja, dann wirst du eins sein mit Gott. Aber wie gesagt, es wird noch sehr lange dauern.“
„Oh Bote, ich habe bisher kein heiliges Leben geführt und medi-tiert habe ich immer nur so ein wenig aus Spaß. Sag’ es noch einmal, ich werde dann Eins mit dem Unendlichen sein?“
„Ja.“
Da sprang der Junge auf, so dass er die Zweige berührte und tanzte unter dem Banyanbaum. „Ich werde die Selbstverwirkli-chung erreichen!“, rief er in Ekstase. „Ich werde die Wonne erfah-ren! Ich werde überall nur Liebe sehen! Ich werde eins mit Gott sein! Ich werde in das Unendliche eingehen!“ Und er freute sich und tanzte und schrie, bis er müde wurde. Dann setzte er sich unter den Baum und nach und nach beruhigte er sich und meditierte. Seine Meditation wurde tiefer, und er ereichte die sehr tiefe Meditation, in der er die Selbstverwirklichung erlangte.

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