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Die Macht der Gedanken

von Swami Sivananda

Kapitel 4 - Die Funktionen der Gedankenkraft


Die Gedanken fördern strahlende Gesundheit
Der Körper ist innerlich mit dem Geist verbunden, wobei der Körper ein Teil des Geistes ist. Er ist das grobe sichtbare Gebilde eines feinen unsichtbaren Geistes. Bei Zahnschmerzen, Bauchschmerzen oder Ohrenschmerzen ist der Geist direkt mitbetroffen. Er hört auf, richtig zu denken; er fühlt sich angegriffen, zerstört und beunruhigt. 

Wenn der Geist durch Depressionen beeinträchtigt ist, so ist auch der Körper in seiner Funktion beeinträchtigt. Die Schmerzen, die den Körper quälen, werden als Sekundärkrankheiten (Vyadhi) bezeichnet, wohingegen die Wünsche, die den Geist quälen, als mentale oder Primärkrankheiten (Adhi) verstanden werden.

Die mentale Gesundheit ist wichtiger als die körperliche Gesundheit. Wenn der Geist gesund ist, ist zwangsläufig auch der Körper gesund. Wenn der Geist rein ist, wenn die Gedanken rein sind, dann ist man frei von allen Primär- und Sekundärkrankheiten. „Mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper.“

Die Gedanken entwickeln eine Persönlichkeit
Ein vollkommener Gedanke erhebt den Geist und weitet das Herz; ein niederer Gedanke erregt den Geist und verdunkelt die Gefühle.

Jene Menschen, die ihre Gedanken und ihr Sprechen ein wenig kontrollieren, werden einen ruhigen, gelassenen, schönen, charmanten Gesichtsausdruck und eine liebliche Stimme bekommen und ihre Augen werden glänzen und strahlen.

Die Gedanken beeinflussen den Körper
Jeder Gedanke, jede Gefühlswallung oder jedes Wort erzeugt eine starke Schwingung in jeder Zelle des Körpers und hinterlässt dort einen tiefen Eindruck.

Wenn man die Methode kennt, wie man einen gegensätzlichen Gedanken erzeugt, kann man ein glückliches harmonisches Leben des Friedens und der Kraft führen. Ein Gedanke der Liebe neutralisiert sofort einen Gedanken des Hasses. Ein Gedanke des Mutes wird sofort als machtvolles Gegengewicht gegenüber einem angstvollen Gedanken dienen.

Die Gedankenkraft verändert die Bestimmung
Menschen sähen Gedanken und ernten Handlungen. Sie sähen Handlungen und ernten Gewohnheiten. Sie sähen Gewohnheiten und ernten Charaktere. Sie sähen Charaktere und ernten ihre Bestimmung. Die Menschen bilden durch ihre Gedanken und Handlungen ihre eigene Bestimmung. Sie verändern ihre Bestimmung. Sie sind Meister ihrer eigenen Bestimmung. Es gibt daran keinen Zweifel. Durch richtiges Denken und große Anstrengungen kann man Meister seiner eigenen Bestimmung werden.

Einige unwissende Leute klagen: „Alles ist Karma. Alles ist Bestimmung. Wenn es mir durch mein Karma bestimmt ist, so oder so zu sein, warum sollte ich mich dann anstrengen? Es ist eben meine Bestimmung.“

Dies ist Fatalismus (Schicksalsergebenheit). Dies führt zu innerer Stagnation und zu innerem Elend. Hier wurden die karmischen Gesetze völlig missverstanden. Dieses ist eine falsche Einstellung. Ein intelligenter Mensch wird solche Frage nicht stellen. Jeder Mensch hat seine eigene Bestimmung von innen her durch Gedanken und Handlungen erzeugt.

Du hast den freien Willen jetzt zu wählen. Du bist in deinen Handlungen unabhängig. Ein Gauner bleibt nicht bis in alle Ewigkeit ein Gauner. Bringe ihn mit einem Heiligen zusammen. Er wird sich umgehend ändern. Er wird dann in anderer Weise denken, handeln und seine Bestimmung ändern. Er wird charakterlich wie ein Heiliger werden.

Der Bandit Ratnakar wurde in den Heiligen Valmiki verwandelt. Jagai und Madai wurden verwandelt. Sie waren zunächst Gauner erster Güte. Man kann trotzdem ein Yogi oder ein Jnani  werden. Man kann seine Bestimmung beeinflussen. Man kann sein Karma in jeder erdenklichen Weise verändern. Gebrauche die Macht der Gedanken. Denke richtig, denke nobel. Man muss nur entsprechend denken und handeln. Durch rechtes Denken, rechtes Wünschen, rechtes Handeln kann man ein Heiliger und Millionär werden. Man kann durch gute Gedanken, Handlungen, durch gutes Karma die Position von Indra  oder Brahma einnehmen. Der Mensch ist kein hilfloses Wesen. Er hat seinen eigenen freien Willen.

Gedanken verursachen physiologische Unordnung
Jede Veränderung der Gedanken erzeugt eine Schwingung im mentalen Körper, und diese Schwingung wird auf den physischen Körper übertragen, was wiederum durch eine Aktivität im Nervenzentrum des Gehirns verursacht wird. Diese Aktivität der Nervenzellen verursacht viele elektrische und chemische Reaktionen. Es ist die Gedankenaktivität, die diese Veränderungen verursacht.

Intensive Leidenschaften, Hass, lang anhaltende bittere Eifersucht, zerfressende Angst und Wutausbrüche zerstören die Zellen des Körpers und verursachen Herz-, Leber-, Nieren-, Milz- und Magenleiden. Es ist erwähnenswert, dass jede Zelle des Körpers durch jeden Gedanken entweder leidet oder gesundet, einen Lebens- oder Todesimpuls erhält.

Wenn der Geist an einem bestimmten Gedanken festhält, wird eine dementsprechende Schwingung erzeugt, und diese ständig wiederkehrende Schwingung wird zur Gewohnheit. Der Körper folgt dem Geist allmählich und imitiert dessen Veränderung. Wenn man sich konzentriert, fixieren sich die Augen auf einen Punkt.

Die Gedankenkraft erschafft die Umgebung
Häufig wird gesagt, dass der Mensch ein Produkt seiner Umwelt ist. Dieses ist nicht wahr. Wir können dies nicht glauben, denn die Tatsachen beweisen das Gegenteil. Viele der großen Menschen dieser Welt wurden in Armut und unter ungünstigen Umständen geboren. Viele Menschen, die in Slums und schlechter Umgebung geboren wurden, haben sich zu größten Persönlichkeiten in dieser Welt entwickelt. Sie wurden in Politik, Literatur und Dichtung zu Berühmtheiten. Sie wurden zu brillanten Genies in dieser Welt. Wie willst du dieses bewerten?

Sri T. Muthuswamy Aiyar, der erste indische Bundesrichter in Madras wurde in absoluter Armut geboren. Er musste nachts im Licht der Straßenlaternen studieren. Er hatte nicht genug zu essen. Er war mit Stofffetzen bekleidet. Er musste unter schwersten Bedingungen studieren und hat Großes erreicht. Er wuchs durch seinen eisernen Willen über seine Umgebung hinaus. Im Westen haben Söhne von Schustern und Fischern hohe Positionen erreicht. Schuhputzer, Barkeeper und Köche wurden zu berühmten Dichtern und zu fähigen Journalisten.

Johnson kam in einer ziemlich ärmlich Umgebung zur Welt. Goldsmith wurde „mit 120 DM pro Jahr reich“. Walter Scott war sehr arm. Er besaß nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Das Leben von James Ramsay Macdonald ist erwähnenswert. Er war ein Mann mit großem Purushartha. Er erhob sich aus der Armut zur Macht, - vom Arbeiter zum Premierminister von Groß Britannien. Seine erste Tätigkeit bestand darin, Umschläge für 10 Schilling die Woche zu adressieren. Da er zu arm war, um Tee zu kaufen, trank er Wasser. Seine Hauptmahlzeit war für viele Monate ein billiger einfacher Pudding. Er war Schullehrer. Er hatte großes Interesse an Politik und Wissenschaft. Er war Journalist. Durch schrittweises Bemühen kam er schließlich in die Position eines Premierministers.

Sri Sankaracharya, der Vertreter der Advaita  Philosophie, ein spiritueller Riese und ein strahlendes Genie wurde in Armut, in unschöner Umgebung und unter schlechten Umständen geboren. Es gibt Tausende von Beispielen dieser Art. Es ist offensichtlich, dass ungünstige Umstände nicht die potenzielle Größe eines zukünftigen Genies vernichten können, und dass man seine Umgebung durch eifrige Anwendung von Geduld, Beharrlichkeit, Aufrichtigkeit, Redlichkeit, dem Zweck entsprechende Ehrlichkeit, eisernen Willen und starke Bestimmung bilden kann.

Jeder wurde mit seinen Samskaras  geboren. Der Geist ist weder ein Tabula Rasa noch ein unbeschriebenes Blatt Papier. Er beinhaltet die Eindrücke der Gedanken und Handlungen vorhergehender Geburten. Samskaras sind die latenten Potenziale. Diese guten Samskaras sind wertvolle Besitztümer des Menschen. Auch wenn jemand in ungünstiger Umgebung geboren wurde, gewähren ihm diese Samskaras Schutz vor äußeren, unerwünschten und feindlichen Einflüssen. Sie helfen seiner Entwicklung.

Lass keine Gelegenheit aus. Nutze all deine Gelegenheiten. Jede Gelegenheit ist für dein Vorwärtskommen und deine Entwicklung von Bedeutung. Wenn du einen kranken Menschen hilflos am Straßenrand liegen siehst, nimm ihn auf deine Schultern oder in dein Auto und bringe ihn in das nächste Hospital. Versorge ihn. Gib ihm heiße Milch, Tee oder Kaffee. Reinige seine Beine mit göttlicher Hingabe. Fühle den all-durchdringenden und innewohnenden Gott in ihm. Sieh das Göttliche im Glanz seiner Augen, in seinem Schreien, in seinem Atem, in seinem Puls und in der Bewegung seiner Lungen.

Gott hat dir diese Gelegenheit gegeben, Dankbarkeit und Liebe zu entwickeln, dein Herz zu reinigen und Aversionen, Hass und Eifersucht zu überwinden. Manchmal, wenn du sehr ängstlich bist, wird Gott dich in solche Situation versetzen, wo du gezwungen bist, deinen Mut und deine Geistesgegenwart zu zeigen, und du musst dein Leben riskieren.

Die großen Menschen haben alle Gelegenheiten zu ihrer Entwicklung genutzt. Gott formt den Geist der Menschen durch die Gelegenheiten. Erinnere dich daran, in der Schwäche liegt die Kraft, denn du musst immer auf der Hut sein, um dich zu schützen. Armut hat seine eigenen Tugenden. Armut flößt Demut, Stärke und Widerstandskraft ein, - und Luxus erzeugt Faulheit, Stolz, Schwäche, Trägheit und alle Arten von üblen Gewohnheiten. Murre darum nicht über schlechte Bedingungen. Erschaffe deine eigene mentale Welt und Umgebung. Derjenige, der sich unter schlechten Voraussetzungen entwickelt, wird wirklich zu einem starken Menschen. Nichts kann ihn erschüttern. Er ist aus einem festen Holz geschnitzt. Er wird starke Nerven haben.

Ein Mensch ist sicherlich weder ein Wesen seiner Umgebung noch seiner Umstände. Er kann sich kontrollieren und durch seine Kraft, seinen Charakter, seine Gedanken, seine guten Handlungen und seine Kräfte formen. Der richtige Einsatz von Purushartha kann die Bestimmung ändern. Aus diesem Grund haben Vasishta und Bhishma Purushartha  höher als die Bestimmung gestellt. Darum liebe Brüder und Schwestern strengt euch an! Erobert die Natur und sucht Zuflucht in Satchidananda  Atman.

Die Gedanken bilden den physikalischen Körper
Der Körper mit seinen Organen ist nichts anderes als ein Gedankenbündel. Der Geist, der auf den Körper kontempliert, wird selbst zum Körper, vermischt sich mit ihm und wird von ihm besessen.

Dieser physische Körper ist ein eigentümliches Gebilde, das durch den Geist zu seinem eigenen Vergnügen und für den Ausfluss seiner Energien geformt wurde, und dabei hat er verschiedene Erfahrungen von dieser Welt durch die fünf Kanäle des Wissen (den fünf Jnana-Indriyas) gemacht. Der Körper drückt wirklich unsere objektivierten Gedanken, Stimmungen, Überzeugungen und Gefühle aus, die für uns durch die Augen sichtbar werden. Alle diese Körper haben ihren Ursprung im Geist. Kann ein Garten ohne Wasser existieren?

Der Geist tätigt alle Geschäfte und steht über dem Körper. Sollte dieser Körper zerstört werden, nimmt sich der Geist nach seinem Gutdünken schnell einen frischen Körper. Sollte sich der Geist auflösen, dann wird der Körper keine Intelligenz an den Tag legen.

Bei der Mehrheit der Menschen werden die Gedanken weitestgehend durch den Körper kontrolliert. Ihr Verstand ist nur unzureichend entwickelt; - sie leben zumeist in Annamaya Kosa . Entwickle die Vijnanamaya Kosa  und durch die Vijnanamaya Kosa kontrolliere Manomaya Kosa .

Die irrtümliche Annahme, dass man der Körper sei, ist die Wurzel allen Übels. Durch falsches Denken identifizierst du dich mit dem Körper. Dehadhyasa erhebt sich. Dieses ist Abhimana . Dann erhebt sich Mamata . Du identifizierst dich mit deiner Frau, deinen Kindern, deinem Haus usw. Es ist die Anhänglichkeit, die die Bindung, das Elend und den Schmerz erzeugt.

 

 

Swami Sivananda

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