Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
3 Prinzipien
für einen Neuaufbau des menschlichen Strebens
Letztendlich
läuft alles darauf hinaus, daß das Ziel der Evolution von spiritueller
Natur ist, wobei der Sinn des Spirituellen in seiner rechten Bedeutung
verstanden werden muß. Zunächst einmal muß es zu einer
Verschmelzung des viergliedrigen Ziels der Existenz, das heißt des
moralischen, ökonomischen, vitalen und des unendlichen Wertes (Dharma,
Artha, Kama, Moksha) in einem konzentrierten Brennpunkt des Denkens, Redens
und Handelns kommen. Nicht selten wird Spiritualität als eine “Phase”
des Lebens, als einer von vielen Aspekten menschlicher Bemühung oder
gar als anders-weltliches Ziel betrachtet, an das man am Ende seines Lebens
denken sollte. Nichts kann die Wahrheit jedoch mehr entstellen, als diese
Art falschen Denkens und der Fehleinschätzung. Wie kann der unendliche
Wert zu einem begrenzten Aspekt, einer bloßen Phase des Lebens oder
einem anders-weltlichen Belang degradiert werden? Beinhaltet das Unendliche
nicht alle Dinge, anders-weltliche ebenso wie diesseits-weltliche und jenseitige
ebenso wie zeitliche und vergängliche? Wie könnte es ansonsten
das “Unendliche” sein? Und wie könnte Spiritualität ein isolierter
Aspekt des Lebens sein, wo sie doch der Hinführungsprozeß zum
Unendlichen ist? Will sie nicht vielmehr die Gesamtheit des Lebens in sich
umfassen, und wäre das Leben als solches ohne Spiritualität nicht
gar unmöglich? Ja, der spirituelle Wert ist nicht ein Wert sondern
der Wert allen Lebens, ohne den das Leben seine Bedeutung verlieren und
in ein essenzloses Phantom verwandelt werden würde.
Wenn das Unendliche
die moralischen, ökonomischen und vitalen Werte in sich beinhaltet,
so daß Dharma, Artha und Kama in Moksha mit eingeschlossen sind,
folgt daraus, daß das Streben nach Ethik, Wohlstand und persönlicher
Befriedigung im Leben notwendigerweise in den Versuch, Moksha oder Befreiung
von der Sklaverei des Lebens zu erreichen, mit einbezogen werden müssen,
was bedeutet, daß das Weltliche im Spirituellen enthalten ist. Der
Kritik, die von unseren kommunistischen Freunden und von sozialen Wohlfahrts-Arbeitern
an der Religion und an der Spiritualität geübt wird, fehlt somit
jegliche Grundlage, da sie auf einer falschen Vorstellung von sowohl dem
Spirituellen wie auch dem Religiösen beruht, wobei letzteres tatsächlich
nur der äußere Ausdruck des Spirituellen ist. Wie bereits erwähnt,
ist der menschliche Geist nicht mit der Fähigkeit ausgestattet, diese
gewaltige Wahrheit hinter dem Drama des Lebens zu begreifen, so daß
er sich ständig über die existierenden Umstände beschwert
und selbst den logisch schlußfolgerbaren Konsequenzen mißtraut,
die man aus der Beobachtung des Phänomens namens Leben vernünftig
ableiten könnte. Die große Tragödie des menschlichen Lebens
besteht in der ungerechtfertigten Isolierung des Spirituellen vom Zeitlich-Vergänglichen
und dem daraus resultierenden Festhalten entweder an einer Überbewertung
der materiellen Bedürfnisse dieser Welt oder an einem angenommenen
religiösen Ideal, das sich auf eine jenseitige Welt beschränkt.
Auf Grund einer völligen Fehldeutung der Wahrheit haben wir auf der
einen Seite Materialisten, Atheisten und Hedonisten und auf der anderen
Seite theoretisch-idealistische Religiöse, Priester und Bischöfe,
die, gegeneinander rivalisierend, die Welt in einen Schauplatz der Konflikte
verwandeln. Es sollte uns nicht wundern, wenn beide Seiten in ihren Bestrebungen
enttäuscht werden, da die Forderungen beider Gruppen dem belustigenden
Versuch ähneln, die Hälfte eines Huhnes zum Kochen zu verwenden
und die andere Hälfte zum Eier legen.
Wie großartig
wäre es doch, wenn die Menschen wenigstens heutzutage begreifen würden,
daß die Existenz in dieser Welt nicht von der Existenz des zentralen
Zieles des Lebens abgespalten werden kann! Nach dieser Zusammenfassung
unserer bisherigen Überlegungen könnten wir nun zu dem kunstvollen
Unterfangen weiter schreiten, Dharma, Artha, Kama und Moksha zu einem einzigen
Gebäude menschlicher Aspiration zusammenzufügen. Wie bereits
angedeutet, ist dies eine schwierige Aufgabe, da wir nicht daran gewöhnt
sind, auf derartig integrale Weise zu denken. Und doch muß es getan
werden, und niemand kann sich dieser Aufgabe entziehen, wenn das Leben
überhaupt irgendeine Bedeutung haben und nicht nur ein andauerndes
unstetes Dahintreiben von einem Ziel zum anderen darstellen soll.
Zuerst mag
Artha oder das materielle Objekt der eigenen Bestrebungen Berücksichtigung
finden, da es das primäre Zentrum der Anziehung im unmittelbar sichtbaren
und greifbaren Feld der Lebenserfahrungen zu sein scheint. Objekt ist natürlicher
weise das “physische Etwas”, das sich dem jeweiligen Sinnesorgan über
das Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken oder Riechen präsentiert.
Es ist unmöglich, eine richtige Vorstellung von einem Objekt zu haben,
solange man nicht über ein korrektes Verständnis der Struktur
der Sinne selbst verfügt. Normalerweise nimmt man an, daß die
Sinnesobjekte an verschiedenen Orten im Raum verteilt sind, und daß
jeder einzelne Sinn ein bestimmtes Objekt erfaßt. Auch glaubt man,
daß sich das Objekt “außerhalb” des entsprechenden Sinnes befindet,
von dem es erfaßt wird. Demnach sind in die Sinneswahrnehmung zwei
Vorstellungen verwickelt, nämlich erstens, daß verschiedene
Objekte außen im Raum verteilt sind, und zweitens, daß sich
diese Objekte außerhalb der sie wahrnehmenden Sinne befinden. Ohne
diese beiden Vorstellungen würden Sinneskontakte und Sinnesbefriedigungen
ihre Bedeutung verlieren, da die Sinne nur auf der Basis dieser Vorstellungen
ihre jeweiligen Befriedigungen und Freuden begehren können. Wenn jedoch
nachgewiesen werden kann, daß es weder verschiedene Objekte gibt,
noch daß sich diese wirklich außerhalb der Sinne befinden,
müßte man derartige Bedürfnisse und Sehnsüchte der
Sinne automatisch als töricht bezeichnen. Jegliche Befriedigung, die
auf einer falschen Vorstellung beruht, kann weder lange andauern, noch
kann sie als wahre Notwendigkeit des Lebens angesehen werden. Eine endgültige
Untersuchung der Struktur der Dinge darf nicht auf der unreflektierten
Berichterstattung der Sinne basieren, da ein klarer Verstand nach genauer
Überlegung erkennen wird, daß die Wahrheit der Dinge weit von
dem entfernt liegt, was uns die Sinne weis machen wollen. Man kann durchaus
behaupten, daß unser Wissen von den Dingen so lange nicht als wahrhaft
gültig bezeichnet werden kann, bis es im korrekten Sinne des Wortes
wissenschaftlich geworden ist. Man sollte beachten, daß ein Objekt
aus einer konzentrierten Gruppe von Wesensmerkmalen besteht, die durch
den Einfluß von Faktoren zusammengebracht wurden, die eine universelle
Bedeutung haben. Ein Objekt ist nur die äußere Form einer inneren
Bündelung von Kräften, die sich zu Knoten verknüpfen, die
wir dann Objekte in Raum und Zeit nennen. Die Sinne können jedoch
nur die äußere Form und nicht die innere Bedeutung der subtileren
Aktivitäten wahrnehmen, die in der Struktur der Dinge jenseits des
Fassungsvermögens der Sinne ablaufen. Physiker ziehen es vor, Objekte
als Kraftfelder zu bezeichnen und weniger als Dinge oder Substanzen. Was
hierbei zum Ausdruck kommen soll ist, daß sich ein Objekt auf andere
Objekte ausdehnt, so wie sich zum Beispiel eine Welle im Ozean substantiell
auf die Gesamtheit des Ozeans hin erstreckt. Diese Tatsache wird in einer
sehr treffenden Weise in einem berühmten Vers der Bhagavadgita
hervorgehoben, wo im Zusammenhang mit einer Beschreibung darüber,
wie die Sinne mit Objekten in Berührung kommen, erklärt wird,
daß sich “Eigenschaften” unter “Eigenschaften” bewegen. Was dieser
Yogatext hiermit meint, ist, daß die “Eigenschaften” oder Gunas der
Mutter aller materiellen Formationen, bekannt als Prakriti, in den Sinnen
und Objekten gleichermaßen gegenwärtig sind. Oder anders ausgedrückt,
daß genau dieselbe Prakriti, die sich aus den Kräften des Gleichgewichts,
der Bewegung und der Trägheit (Sattva, Rajas, Tamas) zusammensetzt,
sowohl in den Sinnen als auch in den Objekten vorhanden ist. Die Substanz
der Struktur der Sinne ist die gleiche Substanz wie die der Struktur der
Objekte, so daß nicht behauptet werden kann, daß sich die Objekte
außerhalb der Sinne befinden, wie es auch keinen Sinn ergibt zu behaupten,
der Ozean sei außerhalb der auf ihm befindlichen Wellen, auch wenn
wir uns vorstellen können, daß die Wellen durchaus das Recht
dazu haben sich vorzustellen, der Ozean sei außerhalb ihrer selbst.
Wie weit dies jedoch von der Wahrheit entfernt ist, bedarf hier keines
weiteren Kommentars.
Darüber
hinaus ist es nicht schwer festzustellen, daß alles in dieser Welt
aus den fünf Elementen (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther)
aufgebaut ist, wenn auch in zahllosen Kombinationen und Proportionen. Auch
die Sinnesobjekte und unser Körper, der ja die “Wohnstätte” der
Sinne ist, bestehen nur aus diesen Elementen. Selbst oberflächlich
gesprochen ist das, was ein Objekt vom anderen trennt, nur Raum, und Raum
ist unglücklicherweise ein Bestandteil der Beschaffenheit eines jeden
Objektes, einschließlich unserer Körper. Wo aber ist dann noch
Platz für die Äußerlichkeit von Objekten oder die Außenbefindlichkeit
von irgendwelchen Dingen? Wenn die Dinge nicht außen sind, wie kann
man ihnen dann nachlaufen oder sich nach ihnen sehnen? Kama oder das Verlangen
nach Objekten entbehrt jeglicher Grundlage, wenn erkannt wird, daß
die Struktur der Objekte untrennbar in das Muster des eigenen Körpers
und der Sinne verwoben ist. Daß all dies kein Bestandteil der Unterrichtsprogramme
unserer Erziehung in den Lehrinstituten ist, belastet das Ruhmeskonto unseres
Erziehungssystems, das einen Studenten auf dem stürmischen Meer des
Lebens allein läßt, sobald dieser die Hochschule erfolgreich
abgeschlossen hat. Sobald der Bildungsweg vervollständigt ist, beginnt
den Herangewachsenen das Leben hart ins Antlitz zu starren. Wahrlich, es
sieht so aus, als beginne die Erziehung erst dann so richtig! Die Bedeutung
von Artha und Kama, den Objekten und dem Verlangen nach ihnen, bedarf keiner
langen Kommentare, um sie im Licht der vorangegangenen Analyse zu verstehen.
Die Objekte und die Sehnsucht nach ihnen, Artha und Kama, scheinen uns
jedoch nur so lange zu quälen, wie wir Dharma oder “das Gesetz der
Wahrheit” nicht kennen.
Dharma, die
Gerechtigkeit, die in der Struktur aller Dinge im Universum verwurzelt
ist, ist der bestimmende Faktor, der die Bedeutung und den Wert sowohl
der Existenz der Objekte als auch der eigenen Sehnsucht nach ihnen festlegt.
Dies ist vielleicht der Grund dafür, daß Sri Krishna in der
Gita erwähnt, daß er selbst als alles durchdringende Gegenwart
Kama oder Verlangen ist, welches Dharma oder der Gerechtigkeit nicht entgegengesetzt
ist. Jenes Verlangen kann jedoch nicht als übereinstimmend mit der
Gerechtigkeit oder dem Gesetz der Natur erachtet werden, da es Objekte
als rein “außerhalb” der Sinne befindlich ansieht. Dies ist eine
Vorstellung, die von der Bhagavadgita selbst für ungültig erklärt
wurde, indem sie verkündete, daß sich “Eigenschaften” unter
“Eigenschaften” bewegen. In ihrem 18. Kapitel erwähnt die Bhagavadgita
auch, daß diejenige Vorstellung, die eine einzelne Sache so betrachtet,
als wäre sie alles, als die schlimmste Form des Verstehens oder Wissens
angesehen werden sollte. Für gewöhnlich weist jedoch jede Form
der Begierde dieses Merkmal auf, und zwar insofern, als sich die Begierde
entweder an ein einzelnes Objekt klammert und dieses für den höchsten
Wert des Lebens erachtet, oder manchmal auch an eine Gruppe von Objekten.
Eine derartige Sehnsucht, die als niederste Form des Verstehens bezeichnet
wird, nennt man Kama oder Begierde nach Artha, einem Objekt. Eine solche
Sehnsucht befindet sich mit Sicherheit nicht in Übereinstimmung mit
dem Prinzip des Dharma, das man am ehesten vielleicht als eine Art universelles
Gravitationszentrum auffassen kann, das alle Dinge zusammenhält.
Es ist schwer,
eine Wörterbuch-Definition für Dharma zu geben oder ein geeignetes
Synonym dafür in der deutschen Sprache zu finden, da Dharma jenes
alles durchdringende und zusammenfügende Prinzip ist, welches alle
Dinge in einem harmonischen Zustand der Integration hält. Diese Harmonie
und Integration ist auf jeder Ebene des Lebens zu finden. Physisch ist
sie jene Energie, die den eigenen Körper zusammenhält und ihm
nicht erlaubt, sich aufzulösen; vital ist sie jene Kraft, die das
Prana in Harmonie mit dem Körper bewegt; mental ist sie jene
Kraft, die sowohl die geistige Gesundheit des Denkens aufrecht erhält,
als auch den psychologischen Apparat in einer geordneten Weise arbeiten
läßt und ihm nicht gestattet, in beliebiger Weise Amok zu laufen;
moralisch ist sie der Drang dazu, in anderen ebensoviel Wert zu sehen wie
in sich selbst und jedem den entsprechenden Status einzuräumen, den
er an seinem eigenen Platz einnimmt; intellektuell ist sie das logische
Prinzip des folgerichtigen Urteilsvermögens und der Übereinstimmung
von Theorie und Tatsache. Im äußeren Universum wirkt sie physikalisch
als Gravitationskraft; chemisch als wechselseitige Reaktion; biologisch
als das Prinzip des Wachstums und der Lebenserhaltung; sozial als kooperatives
Unternehmen und zu guter letzt ist sie spirituell gesehen das Prinzip der
Einheit des Selbst.
Wenn eine
Sehnsucht die Sanktion des Göttlichen erhält und, wie es die
Bhagavadgita in ihrem 7. Kapitel ausdrückt, folglich mit Dharma in
Einklang steht, dann kann sie keine gewöhnliche Sehnsucht nach Objekten
der Sinne sein, da sie die Zustimmung des Göttlichen nur dann erhält,
wenn sie sich mit dem Prinzip des Dharma in Einklang befindet. Wie wir
bereits gesehen haben, ist Dharma so groß und umfassend, daß
es, wenn es zu einem göttlich akzeptierbaren Grundzug im menschlichen
Wesen wird, keine übermächtige Leidenschaft mehr ist, wie im
Falle sterblicher Begierden, sondern vielmehr dazu anregt, in allen endlichen
und begrenzten Werten des Lebens das Unendliche zu erkennen.
Diese majestätische
Schau des Lebens manifestiert sich in der menschlichen Gesellschaft als
die Ordnung von Varna und Ashrama, zwei Begriffe, die ebenso schwer zu
verstehen sind wie das Wort Dharma. Für gewöhnlich werden Varna
und Ashrama als das “Kastensystem” und die “Tradition der vier Ordnungen”
des Lebens übersetzt. Diese freizügige und spontane Definition
hat zu vielen falschen Vorstellungen über die Bedeutung dieser Abschnitte
der Lebensführung beigetragen, so daß Varna auf Grund dieser
Interpretation zu einem trennenden, äußerst unerwünschten
und schädlichen Störfaktor im allgemeinen Leben wurde und Ashrama
zu einem bedeutungslosen und großmütterlichen Aberglauben vorsintflutlicher
Art verkommen ist. In Wahrheit liegen die Dinge jedoch anders.
Varna bedeutet
weder “Farbe”, was auf den Unterschied der Hautfarbe von beispielsweise
Ariern und Draviden hinweisen würde, noch deutet es auf eine
Vorrangstellung in der sozialen Organisation der menschlichen Wesen hin.
Dies zu denken wäre ein völliges Mißverständnis des
tatsächlichen Sachverhalts. Varna ist keine für die Augen sichtbare
Farbe, sondern ein geistig vorstellbarer “Grad”, womit ausgedrückt
sein soll, daß wir unter dem Begriff Varna die Ausdrucksgrade von
Dharma in der menschlichen Gesellschaft in solcher Weise zu verstehen haben,
daß deren Koordination oder Zusammentreffen die menschliche Gesellschaft
und Existenz aufrechterhält. Obwohl das Leben ein ununterbrochenes
und einheitliches Ganzes ist, das in seinem Herzen Wissen, Macht, Reichtum
und Energie zugleich beherbergt, kann sich all dies in derart umfassender
Weise in einem einzelnen menschlichen Individuum nicht manifestieren, es
sei denn, es handle sich um einen Übermenschen . In gewöhnlichen
menschlichen Wesen ist eine solche Vereinigung dieser vier Faktoren jedoch
nicht möglich. Bei diesen ist entweder der Verstand, die Willenskraft,
die emotionale Seite oder der Tätigkeitsdrang dominant ausgeprägt,
wobei dies die praktischen Entsprechungen der vier wesentlichen Grundbausteine
des Lebens sind, das keinen dieser vier Faktoren ignorieren kann. Da diese
Faktoren des Wachstums und der Erhaltung des Lebens in verschiedenen Individuen
in unterschiedlicher Gewichtung vorgefunden werden, hat sich die Notwendigkeit
ergeben, die verschiedenen Gruppen von Individuen zu koordinieren, in denen
je einer dieser vier Faktoren besonders stark ausgeprägt ist. Ebenso
wie der Kopf nicht die Arbeit der Beine ausführen kann, die Augen
nicht hören, die Ohren nicht sehen können und so weiter - was
ja alles zur Aufrechterhaltung der Vollkommenheit des Organismus beiträgt
-, so wird auch die menschliche Gesellschaft als ein einziger wachsender
und gedeihender Organismus durch die Zusammenarbeit jener Individuen zusammengehalten,
in denen eine ausgeprägte Manifestation von je einem der erwähnten
Faktoren anzutreffen ist. Die Frage nach dem “höheren” oder “niedrigeren”
Rang unter den Individuen stellt sich hier gar nicht, da es ja vielmehr
darum geht, das Wachstum eines jeden menschlichen Individuums in Richtung
einer vollständigen Lebensschau und der Errungenschaft des gesamten
Lebenswertes zu unterstützen, damit jeder für sich dazu befähigt
wird, an all den vier Wertfaktoren Teil zu haben, deren Verbindung allein
als die komplette Erfüllung des Lebens betrachtet werden kann. Das
Fehlen irgendeines dieser Faktoren oder Werte würde einen ernsthaften
Defekt im Organismus der menschlichen Gesellschaft und im Organismus des
einzelnen Individuums bedeuten, und wahre Glückseligkeit kann nirgends
gefunden werden, wo Vollkommenheit fehlt.
Die psychische
und spirituelle Persönlichkeit eines Individuums versucht, sich im
Evolutionsprozeß auszudehnen und zu wachsen. Dieser wachsende und
sich intensivierende Vorgang nimmt auf bestimmten Stufen deutliche Färbungen
an, so daß das Individuum dem Leben gegenüber dann jeweils eine
charakteristische Form des Denkens und Verhaltens zur Schau stellt. Von
diesen Stufen, die als Ashramas bekannt sind, gibt es hauptsächlich
vier: Die Stufe der Überschwenglichkeit und Energie der Jugend, die
Ausbildung und Disziplin benötigt und die nach Wissen sucht; die Stufe
der äußeren Aktivität und der sozialen Beziehungen, in
der man die normalen menschlichen Sehnsüchte erfüllt und als
ein Teil der großen Menschengesellschaft seinen entsprechenden Pflichten
nachgeht; die Stufe der größeren Denkreife, in der man die Vergänglichkeit
der zeitlichen Werte und des materiellen Besitzes entdeckt und danach strebt,
sich in die Wahrheit hinter den Erscheinungen zu vertiefen; die Stufe der
Erleuchtung, in der man ein Leben der Vereintheit mit der höchsten
Wirklichkeit lebt. Diese “Stufen” sind die “Ordnungen des Lebens”, die
von den sich wandelnden Schwerpunkten notwendig gemacht werden, die das
Leben im Verlauf der sich entfaltenden Evolution setzt.
Yoga wurde
als die Vereinigung mit der Wahrheit in ihren verschiedenen inneren und
äußeren Offenbarungsstufen definiert. Indem man die eigenen
Funktionen im Sinne der Gesetze und Disziplinen von Varna und Ashrama ausübt,
bewegt man sich schrittweise vom äußeren zum inneren, das heißt,
von den äußeren Formen zu den tieferen Bedeutungen der Dinge,
und erhebt sich so vom Groben zum Feinen und vom Feinen zur letztendlichen
Essenz der Existenz. Die Konzepte der vier Purusharthas (Kama, Artha, Dharma,
Moksha), der vier Varnas (Klassen der Gesellschaft, die die spirituelle,
politische, ökonomische und manuelle Macht verkörpern) und der
vier Ashramas (die Stufen des Studiums und der Disziplin; der Erfüllung
sowohl der individuellen als auch der sozialen Pflichten; des Rückzugs
von der Anhänglichkeit an vergängliche Dinge; und der Vereinigung
mit der höchsten Wirklichkeit) fassen die Gesamtstruktur des Lebens
in seiner Integralität zusammen, wobei alles in seiner äußersten
Ausdehnung mit einbezogen und nichts ausgeschlossen ist.
Es wurde bereits
darauf hingewiesen, daß man sich dieses allumfassende Bild des Lebens
auf einen Schlag nur schwer vorstellen kann, und so haben die Eingeweihten
aus alter Zeit eine dreigeteilte Annäherung an diese Lebenswahrheit
aufgestellt: Die Betrachtung des Lebens über die Konzepte des objektiven
(adhibhuta), des subjektiven (adhyatma) und des übernormalen Gottheitsaspekts
(adhidaiva) der Wirklichkeit, wobei letzterer sowohl die objektiven als
auch die subjektiven Aspekte der Erfahrung transzendiert. Auch hier wäre
es wiederum richtig, sich von außen nach innen zu bewegen, um dann
nach oben weiter zu schreiten. Dies bedeutet, daß wir zunächst
einmal die äußere physische und soziale Realität berücksichtigen
müssen, dann unser individuelles Leben und unsere Persönlichkeit
studieren und disziplinieren und schließlich zu der höheren,
aufsichtsführenden und kontrollierenden Kraft emporsteigen, was dem
Aufstieg zum eigentlichen Lebensziel entspricht. In unserer Eigenschaft
als Inhalte der physischen Welt und als Teile der menschlichen Gesellschaft
wäre es ratsam, uns auf solche Art und Weise zu verhalten, daß
wir weder die Gesetze der Natur um uns herum verletzen noch die Regeln
der Gesellschaft und Gemeinschaft, in der wir leben. Die Gesetze der Gesundheit
und Hygiene, sowie die der Ethik und Moral in der Gesellschaft sind demnach
vorbereitende Voraussetzungen in diesem großartigen evolutionären
Prozeß des menschlichen Strebens. Die fünf Elemente (Erde, Wasser,
Feuer, Luft und Äther) haben ihre eigenen Gesetze und Wirkungsprinzipien,
mit denen sie unser Leben auf ihre Arbeitsweisen einschränken und
von uns in bezug zu ihren natürlichen Funktionen Gehorsam verlangen.
Zur Aufrechterhaltung der Gesundheit bedarf es unter anderem der Reinheit
von Nahrung, Wasser und Luft. Beseitigung von Hunger und Durst, Schutz
vor Hitze und Kälte sowie vor den Naturgewalten sind die Grundbedürfnisse
eines jeden, um ein einigermaßen behagliches Leben führen zu
können. Ohne dieses Minimum an Hilfsmitteln würde die bloße
Grundlage der körperlichen Existenz unsicher werden. Darüber
hinaus stellt auch die Gesellschaft ihre Anforderungen an das Individuum,
nämlich Loyalität und Treue gegenüber ihren Bräuchen,
Verhaltensregeln und Traditionen, ganz abgesehen von einem humanen Verhalten
und Benehmen gegenüber anderen im Umfeld befindlichen Individuen.
Dies schließt die Erfordernisse von Varna und Ashrama mit ein und
darüber hinaus auch noch die Einhaltung der Regeln, andere nicht zu
verletzen, anderen gegenüber aufrichtig zu sein, die Besitztümer
anderer nicht anzutasten, nicht über ein gesundes Maß hinaus
in sinnlichen Vergnügen zu schwelgen und keiner Form von Gier zu verfallen.
Während diese Regeln als Übungen angesehen werden können,
die dem eigenen Leben in der “objektiven Welt” angehören, haben sie
auch für das eigene “subjektive Leben” einige Bedeutung, da diese
äußeren Verhaltensmaßnahmen den eigenen Charakter stark
beeinflussen und offenbaren. Das Studium erhebender Literatur wie der Veden
, der Upanishaden, der Bhagavadgita und anderer solch machtvoller Offenbarungen
der höheren Weisheit; ein Leben in Einfachheit, hohem Denken und Hilfsbereitschaft,
sind weitere regulierende Übungen im persönlichen und subjektiven
Leben. Jenseits der subjektiven und objektiven Ebenen liegt die transzendentale
(adhidaivika) Kontrolle, die von dem allgegenwärtigen und allmächtigen
Sein durch dessen “Manifestationen” ausgeübt wird, die im religiösen
Sprachgebrauch für gewöhnlich als “Götter” bezeichnet werden.
Diese Götter haben ihre eigene Hierarchie und unterscheiden sich im
Grad der allmächtigen Kraft voneinander, die sie durch ihre Manifestationsformen
zum Ausdruck bringen. Um eine grobe Vorstellung davon zu vermitteln, wie
eine solche Hierarchie aussehen könnte, sei die Taitiriya-Upanishad zitiert, in der folgende Namen für die immer umfassender werdenden
Offenbarungen der Wahrheit in ihren schrittweise zunehmenden Intensitäten
und in ihren aufeinanderfolgenden Stadien gegeben werden: die Reiche der
“Gandharva”, “Pitri”, “Deva”, von “Indra”, “Brihaspati” und “Prajapati”.
Die höchsten kosmischen Manifestationen werden Virat, Hiranyagarbha
und Ishvara genannt, die den physischen, subtilen, und kausalen Zustand
der Schöpfung darstellen. Das letztendliche Ziel ist das Absolute
- Brahman.
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