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Studien über Vergleichbare Philosophien

von Swami Krishnananda

Westliche Philosophen und ihre Interpretation vom Yoga Standpunkt aus

 

 

 

 

Benedikt Spinoza

Spinoza ist zweifellos einer der größten rationalen Philosophen des Westens. Er entwickelte die kartesianische Theorie der Substanzen zu ei-nem reifen System der Symmetrie und Vollkommenheit. Für Spinoza gibt es nur eine Substanz, nämlich Gott. Und dies akzeptierte er in Überein-stimmung mit einem der Aspekte aus der Philosophie von Descartes. Alle Dinge der Welt haben ihren Ursprung in der absoluten Substanz und nicht in einem zeitlichen Evolutionsprozess, sondern in der Art einer logischen Folge eines geometrischen Grundsatzes. Das Universum ist notwendiger-weise von der einen Substanz ausgegangen, so wie man aus Kalkulationen mathematische Schlussfolgerungen zieht. Raum, Zeit und Objekte sind al-les Formen der einen Substanz. Spinoza ließ keine getrennten Wirklichkei-ten zu; für ihn gab es nur eine Ewigkeit, und Zeit ist nur die Form eines Gedankens. Es klingt so, als hätte er die Argumente Hegels vorweggenom-men, in dem er sagt, dass sich die logischen Schlussfolgerungen nicht von der existierenden Wirklichkeit unterscheiden lassen. Er hätte mit Hegel dar-in übereingestimmt, dass sich Logik und Metaphysik im Wesentlichen glei-chen. Für Spinoza verlieren Gedanken und Wirklichkeit ihren Unterschied und werden eins. Spinoza betrachtet das Universum als ein System gegen-seitiger Abhängigkeit, in dem jedes Element wie ein notwendiges und un-entbehrliches Teil für einen bestimmten Platz vorgesehen ist. Das Univer-sum hat eine ganz bestimmte Aufgabe und wäre ohne eine bestimmte Ziel-richtung - jenseits von sich selbst - starr und nutzlos. Spinoza macht die Gedanken und die Ausdehnungsmöglichkeit des Geistes in der Philosophie von Descartes zu zwei Attributen der absoluten Substanz. Dies lässt einen größeren Gehalt und mehr Methode in dem System von Spinoza im Ver-gleich zu Descartes erkennen.

Gott ist Substanz und in seiner Unabhängigkeit ewig. Alles Endliche ist von irgendetwas abhängig. Die Substanz bestimmt über sich selbst; sie ist von nichts anderem abhängig. Spinoza‘s Motto lautet: alle Bestimmun-gen sind Ablehnungen, und darum ist die Substanz frei von der Bestim-mung des Einzelnen. Psychologische Organe bzw. Menschen können den unendlichen Gott weder besitzen noch willentlich beeinflussen, weil sie nur als dualistische Naturen existieren. Spinoza unterscheidet sich von Des-cartes dahingehend, dass er Gott und die Welt nicht als zwei verschiedene Prinzipien ansieht. Er vermischt Gott mit der Welt und umgekehrt. Auf die-se Weise bekommen wir einen Pantheismus, wobei Gott die Welt und die Welt Gott ist. Schüler von Spinoza haben sich jedoch darum bemüht, den transzendenten Aspekt der absoluten Substanz zu entdecken und wollten ihn vor der Belastung des Pantheismus bewahren.

Gedanken und die Ausdehnung werden von Spinoza als die beiden außenstehenden Attribute der absoluten Substanz (Gott) betrachtet. Gott hat das Attribut des Ewigen, doch die Gedanken und die Ausdehnung schreibt er der menschlichen Intelligenz zu. Diese beiden Attribute sind überall vor-handen, denn sie sind in der Substanz enthalten, die überall ist. Es gibt kei-nen Bruchteil der Substanz, der nicht der Gedankenwelt oder der Ausdeh-nung zugeordnet werden könnte. Spinoza neigt dazu, jedes Attribut der un-endlichen Natur zuzuordnen, obwohl er von Gott mit unendlichen Attribu-ten gesegnet ist, zögert er, diese Attribute der absoluten Ewigkeit zuzuord-nen. Die Theorie der Parallelität, wie sie von Descartes propagiert wurde, findet wieder ihren Platz in Spinoza’s System, wenn auch in modifizierter Form. Spinoza hält daran fest, dass Gedanken und Ausdehnung nicht mit-einander kommunizieren können, denn sie sind der innere und äußere Aus-druck ein und desselben Prozesses. Das eine Ganze erscheint einerseits als Geist innerlich und andererseits als Materie äußerlich. Die Anordnung und Verbindung des mentalen (geistigen) Phänomens unterscheidet sich vom körperlichen Phänomen. Die beiden Gesetzmäßigkeiten laufen methodisch und in ihrer Arbeitsweise parallel nebeneinander her. Geist und Körper werden konsequenterweise als zwei Ausdrucksformen eines Prozesses be-trachtet, die einem Gesetz unterliegen und die auf diese Weise einander nicht beeinflussen können. Gedanken und Ausdehnung sind Teil derselben Wirklichkeit, sie sind Bestandteil der unendlichen Substanz und gehen von ihr wie eine mathematische Schlussfolgerung aus. Es gibt keine von Gott unabhängige Substanz. Wer ist die absolute Substanz und Wessen Attribute sind die Gedanken und die Ausdehnung? Kurz gesagt, für Spinoza ist Gott ein denkendes und ausgedehntes Sein, d.h. Gott besitzt einen Körper und einen Geist, obwohl Spinoza unter dem göttlichen Körper und Geist nicht den Körper und den Geist mit dem wir vertraut sind versteht, sondern er versteht darunter den mentalen Prozess, der sich über den gesamten Raum und die Zeit ausdehnt, und er versteht darunter den physischen Prozess, aus dem sich der Stoff der Welt zusammensetzt. Während sich Spinoza vom Dualismus der Substanzen des Descartes verabschiedet, akzeptiert er sie gleichzeitig, indem er sie zu Attributen der absoluten Substanz macht. Es bleibt die selbe Schwierigkeit, obwohl sich die Terminologie unterscheidet, und er versucht den Dualismus zu überwinden, indem er Körper und Geist mit der einen Substanz verbindet.

Spinoza hält daran fest, dass die Natur in Wirklichkeit die eine uni-versale Substanz ist, und unserer unvollkommenen Sichtweise lässt sie in vielen Phänomenen erscheinen. Die ganze Welt ist ein Attribut oder eine Erscheinungsform der ewigen Substanz, und ihre Existenz ist die Wirklich-keit aller Dinge. Spinoza geht noch weiter als Descartes, wenn er glaubt, dass Gott und auch der Geist durch die Gesetze der Mechanik bestimmt werden. Spinoza macht als bestimmenden Faktor die Natur dafür verant-wortlich. Durch die eingeschränkte Vision des Einzelnen sind für ihn der Zweck und die Form zu dem objektiven Universum projiziert worden. Der Wille Gottes und die Naturgesetze sind für ihn zwei verschiedene Dinge, doch sie meinen das Gleiche. Die Gesetze sind unveränderlich und mecha-nisch. Spinoza macht jedoch einen Unterschied zwischen seiner Idee und der allgemeinen Vorstellung einer absoluten Substanz. Spinoza versteht un-ter dieser Substanz das Wesenhafte oder die absolute Existenz und meint damit aber keine körperliche Materie. Er sieht in der Substanz oder Gott den Ursprung, was er als die Natur, Natura Naturata, bezeichnet, die sich von dem sichtbaren Universum der verschiedenartigsten Körperformen un-terscheidet, die lediglich eine Folge darstellen. Spinoza’s Gott hat weder einen Willen noch einen normalen Intellekt. Er sieht im Willen Gottes die Gesamtheit aller Ursachen und Gesetze, und im Intellekt Gottes die Ge-samtheit aller Denkorgane im Universum. Es scheint so, als würde sein Gott in jeder Beziehung die Gesamtheit der Individuen darstellen.

In der Vedanta-Philosophie ist ‚Zeit‘ kein Ausdruck irgendwelcher individuellen Gedanken, sondern sie gilt notwendigerweise für alle Gedan-ken. Sie ist ein Teil von Ishvara-Srishti, und sie kann nur als eine Modifikation von Gedanken angesehen werden, wenn diese Gedanken mit dem kosmischen Willen von Ishvara gleichgesetzt werden. Alle Individuen sind in der Zeit und niemand erschafft Zeit. Raum und Zeit sind die Voraussetzung für alle Wahrnehmungen. Selbst die aufkommenden Gedanken werden durch Raum und Zeit bestimmt. Die Gefühle, die Gedanken und das Verstehen hängen alle von dem Vorhandensein von Raum und Zeit ab. Es ist wahr, dass es nur eine Ewigkeit gibt, und Zeit ist eine relative Erscheinungsform, doch es muss klar sein, dass diese Erscheinung kein Ergebnis individuellen Denkens, sondern der bestimmende Faktor aller individuellen Gedanken ist. Die Zeit gehört zum Kosmos und doch ist sie eine besondere Form des Geistes. Die Vedanta würde mit Spinoza insoweit übereinstimmen, dass der Zeitbegriff nur die Form eines Gedankens ist, wenn dieser Gedanke mit dem göttlichen Gedanken gleichgesetzt würde.

Spinoza’s Sichtweise, dass das Universum bestimmt, starr und ohne jeden Zweck oder Muster ist, kann nicht so ganz hingenommen werden. Die Vedanta macht einen Unterschied zwischen dem Universum als sol-ches, was als Ishvara-Srishti bekannt ist, und dem Universum in Bezug auf das Individuum, was den Prozess eines zweiten Universums leitet, was Ji-va-Srishti genannt wird. Wenn man das Universum als solches betrachtet, würde die Vedanta mit Spinoza dahingehend übereinstimmen, dass es be-stimmt ist und keinem Zweck darüber hinaus dient. Denn das Universum als solches, - unabhängig von dem individuellen Betrachter, - ist Ishvara‘s Körper, der sein eigenes Ende bestimmt. Es gibt kein anderes Ziel, ihn in seinen Prozessen zu beeinflussen. Der Wille Gottes ist ein ewiges Gesetzt, ohne Anfang und Ende, und da das Universum als solches der Körper von Ishvara ist, so muss das Universum durch das Wirken der Ewigkeit be-stimmt sein, ohne dabei irgendwelche Einwirkungen von irgendwoher zu-zulassen. Das Gesetz des Universums von Ishvara bedeutet kosmische Be-stimmung, Schonungslosigkeit und Unwandelbarkeit. Doch im relativen Universum, wie wir es als Individuen erleben, gibt es den Zweck, die Form und das absolute Ziel. Wir können Veränderungen in diesem Universum nicht leugnen. Veränderung ist Bewegung und Bewegung kann nicht nur eine chaotische Veränderung von Positionen ohne ein dahinter liegendes zielgerichtetes Prinzip sein. Alle Veränderungen sind die Bewegung auf ein Ziel, die Erfüllung in einer höheren Ebene, die mehr in sich einschließt und die alle niederen Ebenen durchdringt. Die Verwirklichung höchster Voll-kommenheit in dem Bewusstsein, das keiner weiteren Durchdringung be-darf, ist das letztendlich steuernde Element aller in der Welt und bei Indivi-duen sichtbaren Bewegungen. Mit anderen Worten, Gottverwirklichung oder Selbstverwirklichung ist das Ziel des Lebens. Darin liegt der Sinn der wirkenden Natur, wobei die verschiedenen Individuen ein Teil davon sind und woraus die Umgebung eines jeden besteht, mit der der Einzelne un-ausweichlich verbunden ist.

Die Sichtweise Spinoza’s, bei der Gott ein denkendes und sich aus-dehnendes Sein ist, erfordert entsprechend der Vedanta eine höhere Klä-rung und Übersicht. Über Gott von einem denkenden und sich ausdehnen-den Sein zu sprechen, würde bedeuten, IHN zu einem räumlichen Ganzen zu machen. Wenn Gott im Raum wäre, dann wäre ER vorübergehend und endlich, und falls dies nicht der Fall wäre, könnte er weder ein sich ausdeh-nendes Element sein noch gäbe es für IHN die Notwendigkeit zu denken. Denken bedeutet immer über etwas zu denken, und das Denken in Gott kann nur akzeptiert werden, wenn es zur Aktivität des reinen Bewusstseins in seinem eigenen Sein erhoben würde und nicht als eine Fähigkeit des Geistes betrachtet würde, das ein äußeres Objekt erforderlich machte. Gott muss wirklich jenseits von Raum und Zeit sein, denn ER ist unendlich. In der Vedanta-Philosophie müssen Gott und das Absolute theoretisch vonein-ander unterschieden werden. Gott ist Ishvara und das Absolute ist Brahman. Ishvara wird jedoch in seinem Aspekt des Bewusstseins, das einer Ursache unterliegt, in seinem Charakter als das subtile und das grobstoffli-che Universum betrachtet. Denken und Ausdehnung werden nicht einmal im allgemeinen Sinne als Attribute Ishvara zugeordnet. Wir sprechen zwei-fellos von der kosmischen Idee oder dem Willen, der sich in Ishvara erhebt, doch ist dies keine Idee, die sich auf ein äußeres Objekt richtet und kein Wille, der irgendetwas außerhalb von sich selbst beeinflusst. Ishvara steht über Raum und Zeit, denn er ist älter als die Schöpfung des sichtbaren Uni-versums. Ausdehnung ist teilbar und die Ausdehnung lässt Teilung zu. Und nicht nur das; Ausdehnung ist ein Objekt der Sinneswahrnehmung. Doch Ishvara oder Gott ist kein Objekt der Sinne. Auch wenn wir Ishvara die Charakteristik des vergänglichen Universums hinzufügen, so bleibt er in seiner Natur unendlich. Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Vorstellung von Ishvara aus der Vedanta und jenem Gott im System von Spinoza. Der Ishvara der Vedanta ist lediglich der objektive Gegenpart der individuellen Wahrnehmungen und Erfahrungen, die die notwendige Posi-tion Brahmans oder dem Absoluten einerseits und die bewiesenen sichtba-ren physischen Körper des Universums andererseits akzeptieren. Die Natur Ishvara’s wird konsequenterweise durch die individuellen Erfahrungen des Einzelnen in Beziehung zum Universum bestimmt. Bei den Erfahrungen muss es sich nicht um Wahrnehmungen der kosmischen Wirklichkeit han-deln, doch zufrieden stellende Erklärungen der Eindrücke der individuellen Erfahrungen erfordern eine Übertragung des Inhalts der individuellen Er-fahrungen auf dem Wege zur kosmischen Wirklichkeit. Diese Übertragung findet natürlich nur auf Grund individueller Notwendigkeiten statt. Gedan-ken und Ausdehnung werden nicht als wesentliche Aspekte Ishvara’s be-trachtet, doch werden sie als notwendige Charakteristiken Seiner Beschaf-fenheit angesehen, um eine Erklärung für die Eindrücke menschlicher Er-fahrungen zu finden. Das heißt jedoch nicht, dass man Ishvara als objektiv unabhängig von Brahman, zwischen Jiva (dem Einzelnen) und Brahman (dem Absoluten) sehen darf. Außerdem wäre eine plötzlich Befreiung des Einzelnen auf Grund aufkeimender Erkenntnisse unmöglich, und es wäre für jeden Einzelnen notwendig, sich in den Zustand von Ishvara zu verset-zen. Ishvara ist aus Sicht der individuellen Erfahrung Brahman. Wenn es keine Individuen gäbe, gäbe es auch keinen Ishvara, sondern nur Brahman. Doch Spinoza’s Gott hat Gedanken und Ausdehnung als notwendige Attri-bute. Auf diese Weise wäre dieser Gott ein Subjekt räumlicher Teilung und endlich.

Spinoza vermischt Gott mit der Welt und lässt SEINEN durchringen-den Aspekt nicht zu. Wenn Gott und das Universum eins wären, wäre auch der verändernde Aspekt des Universums in Gott gegenwärtig. Wenn Gott ein Subjekt für Veränderungen und Modifikationen wäre, würde ER wieder endlich. Die Vedanta bewahrt den durchdringenden Aspekt Gottes, der durch die Veränderungen im Universum unberührt bleibt. Darüber hinaus sind die universalen Veränderungen nur vom Standpunkt der Wirklichkeit sichtbar, deshalb unterliegt Gott keinen Veränderungen in der Welt. Für die Vedanta kann Gott in der Welt nicht verbraucht werden. SEIN Aspekt des Ewigen überstrahlt den Dunst des Irdischen.

Spinoza setzt den Willen Gottes mit allen Ursachen, Gesetzen und dem Intellekt Gottes sowie den Denkorganen im Universum gleich. Wenn Gott nur eine Summe aller Individuen wäre, dann wären auch die Irrungen und Fehler in Gott gegenwärtig. Das Universum ist durch Unwissenheit, Irrtümer, Veränderungen und den Tot charakterisiert. Die Ursachen und die Gesetze im Universum müssen als relativ und nicht als absolut angesehen werden. Die Denkorgane der Individuen verfügen nur über eingeschränktes Wissen von äußerlichen Dingen und kennen nicht das Wesen der Dinge. Eine Ansammlung von vielen Endlichkeiten kann kein Unendliches erge-ben. Gott ist nicht bloß ein Aggregat unvollkommener Individuen und ihren Gesetzen. Gott steht über den Individuen, und das nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Entsprechend der Vedanta ist Gott keine Summe allen individuellen Seins, sondern das Originalbewusstsein, von dem die Individuen begrenzte und verzerrte Spiegelbilder sind. Genauso wenig wie die Fehler der Zerrbilder das Original beeinflussen, so wenig beeinflussen die Individuen Gott. Die Individuen haben einen doppelten Fehler: sie sind einerseits quantitativ beschränkt und anderseits qualitative Zerrbilder.

Spinoza verweigert ‚freien Willen‘ und setzt auf totale Bestimmung. Menschlicher Wille wird, und das endgültig, durch eine andere Ursache bestimmt. Der Mensch hat eine falsche Vorstellung von Freiheit, denn er kennt nicht die Ursache, die ihn steuert. Diese Unwissenheit ist dafür ver-antwortlich, dass er für Kritik, Lob, Schmerz, Vergnügen usw. empfänglich ist. Spinoza vergleicht den so genannten ‚freien Willen‘ des Menschen mit der Denkfähigkeit eines Steins, der über seine zukünftige Position bestim-men könnte, wenn er irgendwohin geworfen würde. In der Vedanta-Philosophie finden wir Übereinstimmungen in der Bestimmung und dem ‚freien Willen‘. Dementsprechend wird das Universum als eine Offenba-rung Ishvara’s von Ishvara bestimmt. Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind alle auf ewig von Seinem kosmischen Willen bestimmt. Kein Individuum kann durch noch so besondere Bemühungen in diesem durch Ishvara’s Willen auf ewig bestimmtem Universum Veränderungen herbei-führen. Und doch gibt es einen ‚freien Willen‘. Der ‚freie Wille‘ ist das Bewusstsein der individuellen Unabhängigkeit, der durch den Willen Ish-vara’s hervorgebracht wird, wenn ER sich offenbart und durch den Egois-mus des Individuums wirkt. So lange wie diese Erscheinung das Seelenle-ben des Individuums bestimmt, so lange wird er für dessen Handlungen verantwortlich sein. In dem Augenblick, wo individuelles Wissen aufkeimt, erhebt es sich über die Vorstellung des ‚feien Willens‘ des Individuums und verbindet sich mit dem Willen Ishvara’s. Diese universale Verbindung be-inhaltet die wirkliche Freiheit des Individuums. Je mehr sich das Wissen des Einzelnen dem universale Wissen mit dem Willen Ishvara’s nähert, des-to größer ist die Freiheit, dessen sich der Einzelne erfreut.

Spinoza’s Determinismus hat natürlich seine noble Seite, denn er möchte damit die Menschen von dem unbedeutenden Individualismus und ihrem grenzenlosem Leid befreien, und dies gibt ein Verständnis dafür, dass alle Ereignisse im Universum Glieder eines vollkommenen Ganzen sind. Spinoza fühlte, wenn wir in das Wissen der vollkommenen Bestimmung durch die Natur und Gott eintreten würden, gäbe es keine Gelegenheit, die Fehler bei anderen zu suchen bzw. ärgerlich oder unzufrieden zu sein. Schuld und Irrtümer sind das Ergebnis von der Unwissenheit einer univer-salen Vollkommenheit, die über die Dinge regiert, und Spinoza rät, obwohl wir Übeltäter bestrafen müssen, ihnen gegenüber keinen Hass zu empfin-den, denn sie begehen Übles, weil sie unwissend sind. Man kann hinzufü-gen, dass die Bestrafung von Übeltätern sich mehr gegen Elemente richtet, die den sozialen Frieden stören, als dass sie der Ausbildung dienen, ob-gleich man nicht ausschließen kann, dass die Furcht vor Strafe einen bedeutenden Faktor zur Tugendentwicklung einnimmt.

Das Gute, was Spinoza mit seiner Theorie des Determinismus ver-suchte war, die Menschen in die Lage zu versetzen, die Hauptlast allen Schmerzes und Unglücks mit Heiterkeit, Frieden und einer inneren Stärke zu ertragen, und wenn sich Wünsche verwirklicht haben, frei von Emotio-nen der Freude zu sein; denn die Natur handelt ohne Ansehen von Personen oder Sachen; sie ist völlig unparteiisch und ihre Liebe ist Inhalt des Geset-zes. Gott ist beides: eine liebende Mutter und ein gestrenger Vater. Dieser höhere Determinismus wird ebenfalls in der Vedanta brillant ausgedrückt. Mit solch einem Wissen wird man fit für die Kontemplation des Wesens der Dinge, die von Spinoza als die ‚intellektuelle Liebe Gottes‘ bezeichnet wird. Es ist intellektuelle Liebe, rationale Liebe, Liebe, die auf Verstehen und nicht auf Emotionen beruht, die auf einer Welle instinktiven Drucks reitet. Diese göttliche Kontemplation erfordert als Vorbedingung ein Wis-sen über die Größe Gottes und dessen vollkommener Natur, die sich in den Gesetzen des Universums offenbart. ‚Alles für eine gute Sache‘, - dies soll-te die Menschen dazu bewegen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten in die richtige Richtung zu begeben. Determinismus ist jedoch keine Entschuldi-gung für Faulheit oder fatalistischem Ausgeliefertsein; andererseits gibt es ein Verstehen des großen Gesetzes von Gott als der einzigen Wirklichkeit mit dem Hintergrund, dass allein ER in der Lage ist, überhaupt irgendetwas zu tun. Determinismus ist die höhere Ebene der Dinge, während ein ‚freier Wille‘ in den Grenzen des menschlichen Lebens vorhandenen ist; und ob-wohl dieser ‚freie Wille‘ letztendlich als Hirngespinst ausgemacht wird, dirigiert er die Wege der Menschen und ist für ein geordnetes und gefühl-volles Leben unerlässlich. Hier kommen wir zu einer Aussöhnung zwi-schen Determinismus und ‚freiem Willen‘. Spinoza’s Determinismus, der dem Vorhandensein eines ‚freien Willen‘ keine Beachtung schenkt, und der der menschlichen Seele ein Gefühl göttlichen Denkens gibt, hat jedoch die feine Absicht, den Menschen zu Gott zu erheben und ihm die falsche Vor-stellung von der eigenen Wichtigkeit in der Welt zu nehmen. Die Ent-schlossenheit des Willens und die Bestimmung der Natur decken sich in der Philosophie Spinoza, wobei für ihn nichts höher als Gott oder Gott eben-bürtig sein kann. Gott kann solange nicht geliebt werden, wie Seine Über-legenheit nicht bekannt ist und akzeptiert wird. Wenn der Mensch diesbe-züglich Freiheiten hätte, dann bedeutete der Zustand Gottes nicht die abso-lute Freiheit. Spinoza’s Liebe zu Gott war intensiv und es gab nichts in der Welt, was diese Liebe stören durfte. Des Menschen unabhängige Existenz ist für ihn eine Illusion. Die Wahrheit liegt in der Einheit des Menschen mit der Natur. Das System der Wechselbeziehung in der Natur gibt dem Men-schen das Verstehen, dass beides, die Liebe des Menschen zu Gott und um-gekehrt, dasselbe bedeutet, da Gott sich selbst liebt, denn der Mensch ist eine göttliche Form. Das höchste Gut und die höchste Tugend, so macht Spinoza klar, besteht in dem Wissen von Gott, der absoluten Substanz. Die-ses Wissen ist Bestandteil der Intuition.

  Ebenso wie Aristoteles vergleicht Spinoza das höchste Gut des Ein-zelnen mit dem höchsten Gut des Universums. Und dieses höchste Gut ist das intuitive Wissen von Gott. Individualismus und Altruismus (Nächsten-liebe) verschmelzen hier; Selbstsucht wird entwurzelt, denn das eine Gut ist die Liebe Gottes und die Kenntnis von Gott. In all diesen Punkten stimmen Spinoza und die Vedanta überein.
 

 

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