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von Sukadev Bretz
Rama
Einst lebte ein König, der der
Meinung war, er habe jetzt schon lange genug regiert. Deshalb wollte
er seinem Sohn Rama die Regierungsgewalt und das Königreich übergeben.
Rama, obwohl erst sechzehn Jahre alt, stimmte zu. Vor der Krö-nung
wollte er sich aber erst einmal noch im Reich umschauen, und die Wallfahrtsorte,
heiligen Flüsse und Haine sehen. Mehre-re Wochen und Monate reiste
er durch alle Teile des Königreiches. Als er zurückkam,
sprach er kein Wort. Er war zutiefst nie-dergeschlagen, zog sich in
seine Kammer zurück und aß kaum.
Der König befahl die besten Ärzte zu sich. Sie sollten herausfin-den,
was mit Rama los sei. Sie prüften die Temperatur und den Puls,
hießen Rama den Mund öffnen, um in den Rachen zu schauen;
aber soviel sie auch untersuchten, sie fanden keine Krankheit. Rama
ließ alles still und teilnahmslos über sich erge-hen.
Da die Ärzte ihn nicht heilen konnten, ließ der König
die Weisen des Landes rufen. Sie kamen und unter ihnen befand sich
Vish-vamitra, einer der weisesten. In Anwesenheit des gesamten Kö-nighofes
und aller anderen Weisen sollte er Rama nach den Gründen für
seinen Zustand befragen.
Vishvamitra fragte Rama direkt: “Was ist los mit dir?“
Wer würde als 16-jähriger in dieser Situation ein Wort herausbringen?
Aber, oh Wunder, Rama sprach zum ersten Mal wieder. Er sagte: „Im
ganzen Königreich bin ich herumgereist und habe viele heili-ge
Stätten und Einsiedeleien besucht, und auch wenn meine Worte
töricht klingen mögen, will ich mich dennoch äußern.
Folgende Gedanken gehen mir durch den Kopf: Unser Tun und Trei-ben
und die ganze Welt sind ohne Bestand. Wir werden geboren, um zu sterben,
und sterben, um wieder geboren zu werden. Was soll ich mit einem Königreich?
Überall hetzen die Menschen Gold und Gütern nach. Aber Gold
und Güter zu besitzen, kann doch nicht der Sinn des Lebens sein!
Was soll ich mit schönen Dingen? Wozu ist alles da? Wer bin ich?
Was bin ich? Wie kann das Un-glück enden? Wenn ich über
all das nachdenke, fühle ich mich unwohl und niedergeschlagen.
Wie ein Wanderer, der eine Wüste durchqueren muss.“
Die Antwort genügte Vishvamitra, den Grund für Ramas eigenartiges
Verhalten zu erkennen. Nach der Anamnese, der Unter-suchung der Krankengeschichte,
folge also die Diagnose und gleich auch die Therapie. Vishvamitra
wandte sich dem Herrscher zu und sagte: „O König, freue
dich. Dein Sohn ist nicht krank, sondern er hat die erste Stufe des
Wissens erreicht, die in der heiligen Sprache Subecha, Verlangen nach
Wahrheit, ge-nannt wird. Erkennen will er, was wirklich ist. Er will
den Sinn des Daseins verstehen. Nicht dadurch wirst du ihn zur Fröhlichkeit
zurückführen, indem du ihm immer großartigere Vergnü-gungen
und Zerstreuungen anbietest, sondern dein Sohn dürstet nach Wissen,
nach tiefem Wissen; er muss anfangen zu meditieren. Um ihn aber in
die Meditation einzuführen, o König, braucht er spirituelle
Unterweisung.“
Vishvamitra sah sich unter den anwesenden Weisen um, und wie ein guter
allgemeiner Arzt seinen Patienten an einen guten Facharzt überweist,
sagte er: „Vasishtha, der Kenner des Yoga, ist der geeignete
Lehrer.“
Vasishtha, der große Weise, lehrte den Königssohn Rama
nun Abend für Abend die Weisheit des Selbst. Nicht in philosophi-schen
Abhandlungen lehrte er, sondern in vielen Geschichten.
„Die Welt“, so sagte er, „obwohl scheinbar gegenständlich,
ist unwirklich. Schein, Maya, die Dinge und deine Wünsche umge-ben
dich wie ein Urwald, in dem tief drinnen das unsterbliche Selbst,
das göttliche Bewusstsein, der Tropfen des Brahman als tiefer,
klarer See der Wildgänse liegt (Hamsa, die Wildgans, gilt als
Symbol der Befreiung). Um zu diesem See zu gelangen, musst du dir
durch das Dickicht einen Weg schlagen, das ist deine all-tägliche
Pflicht, die du erfüllen musst. Nur so erreichst du den See,
kannst aus ihm trinken, oder auf seinen Grund schauen, oder in ihn
eingehen. Hast du verstanden?“
„Ja“, antwortete Rama, „ich habe verstanden.“
Vasishtha sah ihn streng an und sagte: „Nichts hast du verstan-den,
denn niemand hat etwas gesagt, niemand hat zugehört, folg-lich
gibt es niemanden, der etwas verstanden haben kann, denn alles in
der Welt ist nur Maya, Illusion. In Wirklichkeit ist alles ist nur
Brahman, Bewusstsein, und nichts passiert.
Rama wurde gekrönt. Während seiner langen Regierungszeit
überwand er viele Schwierigkeiten, und wurde ein glorreicher
König.
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