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von Sukadev Bretz
Ein König,
sein Minister und die Räuber
Es war einmal ein König, der hatte einen Minister und dieser
vertrat die Philosophie: „Alles, was auch immer geschieht, ge-schieht
zum Besten“.
Natürlich war der Minister bei seinem König sehr angesehen,
denn es ist wohltuend, einen positiv denkenden Menschen um sich zu
haben, vor allem, wenn man ein Land regieren muss.
Eines Tages ritten der König und sein Minister auf die Jagd.
Mit-ten im Wald zerteilte plötzlich ein Keiler das Gebüsch.
Der König riss seinen Bogen von der Schulter und einen Pfeil
aus dem Köcher. Er spannte die Waffe, aber da verrutschte ihm
der Pfeil am Holz und die Sehne schnellte los und trennte ihm einen
kleinen Finger von der Hand. Schmerz verspürte er im ersten Moment
nicht, doch die Wunde blutete stark und ein Glied von ihm lag auf
der Erde. Der König lamentierte und wehklagte.
Da sagte sein Minister: „Oh, königliche Hoheit, nehmt den
Unfall nicht so tragisch, Ihr wisst doch, alles geschieht immer zum
Bes-ten.“
Nun, es gibt Momente, da hält man besser den Mund.
Wütend schrie der König: „Ich werde dir zeigen, was
zu deinem Besten ist!“
Er befahl, den Minister augenblicklich in den Kerker zu werfen. Und
das geschah auch augenblicklich.
Der König hatte einen guten Arzt, vielleicht einen ayurvedischen,
denn zwei Wochen später war die Wunde verheilt. Da packte den
König erneut das Jagdfieber, und er ritt wiederum Jagen, doch
diesmal in einen anderen Wald. In diesem verirrte er sich.
Und plötzlich umzingelte ihn eine Räuberbande. Die Räuber
suchten gerade einen Menschen als Opfer für ihre Dämonenver-ehrung.
Da kam ihnen der König gerade recht. Sie nahmen den König
gefangen, fesselten ihm die Hände auf dem Rücken und brachten
ihn zu ihrem Versteck. Am Abend sollte er geopfert werden. In einem
Ritual wurde er gewaschen und angemalt, und musste weiße Kleidung
anziehen. Und dann kniete der König mit gebundenen Händen
vor dem Priester, der dumpfe Worte mur-melte.
Schließlich hob der Priester das Schwert, um dem König
den Kopf abzuschlagen. Doch da sah er, dass an der einen Hand des
Königs ein Finger fehlte.
Der König war nicht mehr vollkommen! Nach ihren Vorschriften
durfte aber ihren Dämonen kein unvollkommener Mensch geopfert
werden. Und da sie an dem König die Reinigungsriten bereits vollzogen
hatten, durften sie ihn auch nicht in anderer Weise umbringen. Die
Räuber verbanden dem König die Augen und führten ihn
zum Rand des Waldes. Dort ließen sie ihn frei. Der König
eilte zurück in sein Schloss. Als erstes lief er zum Kerker und
öffnete mit eigener Hand die schwere Tür.
Zu seinem Minister sagte er: „Verzeih, du hattest Recht. Es
war tatsächlich zu meinem Besten gewesen, dass ich bei dem Jagdun-fall
den kleinen Finger verloren habe; das hat mir das Leben gerettet.“
Und der König erzählte dem Minister sein gefährliches
Abenteuer, das so übel hätte enden können. Zum Schluss
jedoch fragte er, verschmitzt lächelnd: „Nun, mein kluger
Minister, sag’ mir aber einmal, warum war es für dich das
Beste, dass du von mir eingekerkert wurdest?“
„Oh, königliche Hoheit“, sagte der Minister und lächelte
ebenfalls, „wenn Ihr mich nicht in den Kerker geworfen hättet,
dann wäre ich während der Jagd bei Euch gewesen. Und da
mein Ori-entierungssinn auch nicht gut ist, hätte ich mich mit
Euch zusammen verirrt, die Räuber hätten uns also beide
gefangen ge-nommen. Nachdem sie dann festgestellt hätten, dass
Ihr nicht vollkommen seid, hätten sie mich geopfert. Darum, oh,
königliche Hoheit, danke ich Euch, dass Ihr mich ins Gefängnis
geworfen habt. |
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