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Yoga-Geschichten

von Sukadev Bretz

Krishna und Arjuna auf Pilgerreise

Krishna und Arjuna gingen einst auf Pilgerreise. Beide waren durchaus machtvolle Kämpfer; Krishna war ein König und eine Inkarnation Gottes und Arjuna ein Prinz. Aber ab und zu gingen sie eben auch auf ganz einfache Pilgerfahrt. Eine Pilgerreise hilft, Abstand zu gewinnen, vom normalen Leben. Man kommt an spi-rituelle Kraftorte, zu Weisen, die einem Rat geben können, und man lernt, ob man tatsächlich an den Dingen hängt oder nicht. Es gibt verschiedene Arten von Pilgerreisen. Bei der strengsten Form nimmt man kein Geld mit, sondern lebt allein von Bettel-gaben. Und da ist es in Indien genau so wie überall: Manche Menschen geben etwas, und manche schimpfen.
Die beiden waren so den ganzen Tag gewandert, und am Abend waren sie beide sehr müde und hungrig. Da sahen sie, dass in einem Haus von reichen Leuten ein großes Fest im Gang war. Grosse Mengen an Nahrungsmitteln waren übrig geblieben, und so wollten sie dorthin gehen.
Sie klopften an, und sagten: „Wir sind hungrige Pilger. Können wir etwas zu essen bekommen?“
„Verschwindet!“, rief ihnen jedoch der Reiche zu. „Was wollt ihr hier überhaupt? Wenn ihr Essen wollt, dann müsst ihr arbeiten!“
„Es ist aber doch so viel übrig. Wir sind auch mit Resten zufrie-den.
„Verschwindet“, rief der Reiche erneut. Und da die beiden ihn nochmals nach Essen fragten, rief er seine Leibwächter. Diese warfen Krishna und Arjuna in hohem Bogen heraus. Krishna und Arjuna wären natürlich stark genug gewesen, mit einer Hand die Leibwächter zu besiegen, aber sie befanden sich ja auf Pilger-fahrt, und da übten sie sich in Ahimsa (Gewaltlosigkeit).
Mit Prellungen und Schürfwunden gingen sie also weiter und kamen in einen anderen Teil des Dorfes, wo ein ganz armer Mensch lebte. Er hatte nur einen Besitz, nämlich seine Kuh. Die Kuh gab Milch, aus der er Käse machte. Den Käse verkaufte er, und davon bestritt er seinen dürftigen Lebensunterhalt.
Krishna ging zielstrebig auf das Haus zu. Als sie ankamen, dreh-te er sich um und sagte: „Möge sich der Reichtum des reichen Mannes vervielfältigen. Möge sein Gold sich verzehnfachen, seine Getreideernte sich verzwanzigfachen, und möge er dreißig mal so viel Kühe haben.“
Arjuna wunderte sich. Dann ging Krishna bei dem armen Mann hinein. Arjuna versuchte ihn festzuhalten. „Aber Krishna“, sagte er, „hier sieht es doch so arm aus, hier können wir nicht hinein-gehen.“
Krishna klopfte jedoch einfach an, und fragte den Mann: „Wir sind arme Pilger. Bitte, können wir etwas zu Essen haben?“
„Ich habe zwar nicht viel, aber was ich habe teile ich gerne mit euch.“, antwortete der.
Er hatte sich gerade ein Essen bereitet und teilte es in drei Teile.
Arjuna war zwar hungrig, aber er traute sich trotzdem nicht, etwas zu essen. Krishna aß seine Portion und sagte: „Arjuna, iss doch!“
Währenddessen hielt sich der Gastgeber zurück, und als er sah, dass Krishna mit seinem Teller fertig war, gab er ihm auch noch seinen Teil. Krishna sagte: „Ich bin noch etwas hungrig. Hast du noch etwas?“
Der Mann hatte noch etwas Mehl, was er aufbewahrt hatte, um am nächsten Morgen einen Brei zu machen. Das gab er ihm, und Krishna aß es auf. Dann gab er ihm auch noch den Käse, den er eigentlich am nächsten Morgen verkaufen hatte verkaufen wol-len, um sich für den nächsten Abend etwas zu essen kaufen zu können. Auch die Milch, aus der er am nächsten Tag neuen Käse hatte machen wollen, gab er ihm.
Arjuna wäre dabei vor Scham fast in den Boden versunken. Schließlich, als es nichts Essbares mehr im Haus gab, bedankte sich Krishna, und die beiden gingen. Da drehte Krishna sich um, und sagte: „Möge die Kuh dieses Mannes heute Nacht sterben!“
„Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben!“, rief Arjuna da. „Du bist keine Inkarnation Gottes, du bist ein Dämon!“ Denn Arjuna wusste: was Krishna sagte, das würde auch eintreffen.
Da lächelte Krishna. „Du verstehst die Gnade Gottes nicht, Arju-na. Beide Menschen haben um etwas gebeten. Der reiche Mann hat ab und zu schon einmal bereut, und bittet, ein besserer Men-schen zu werden. Und da gibt es für ihn nur eine Möglichkeit: Er muss ganz deutlich erkennen, dass Reichtum wirklich nicht glücklich macht. Er hat sowieso schon mehr als er braucht. Mit jeder zusätzlichen Goldmünze steigen seine Sorgen ins Unendli-che. Er wird niemanden mehr in der Familie haben, dem er trau-en kann. In reichen Familien gibt es ständig Streit um die Erb-schaft. Und dann wird er merken, dass es keine echten Freunde gibt. Alle sind nur hinter seinem Geld her. So wird er tief im In-nern erkennen, dass Geld nicht glücklich macht. Erst dann kann er wirklich auf den spirituellen Weg kommen. Aber dieser arme Mann hier meditiert seit Jahren und ist ein gottesfürchtiger Mensch. Er sagt: ‚Gott, du bist mein Ein und Alles, dein Wille geschehe.’ Aber in der Hinterhand hält er zur Sicherheit noch seine Kuh, falls es mit Gott nicht ganz klappen sollte. In dem Moment, wo er die Kuh verliert, bekommt er die Gelegenheit, sich Gott wirklich ganz, ohne Vorbehalt, ohne Rückversicherung, hinzugeben: ’Gott, jetzt habe ich nur noch dich.’ Wenn er es das schafft, dann erreicht er die Selbstverwirklichung. Und dann werde ich dafür sorgen, dass er alles hat was er braucht.“
So kann die Gnade Gotte sein. Die Menschen erwarten die Gnade Gottes auf großartige Weise, aber sie kann eben auch ganz an-ders kommen.

 

 

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