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von Sukadev Bretz
Das Vogelpaar
Es war einmal ein Vogelpaar, das gerade ein Nest gebaut und Eier hinein
gelegt hatte. Es war an einem Strand am Meer. Eines Tages kam plötzlich
eine Springflut und riss das Nest mit sich. Die beiden Vögel
waren ganz verzweifelt und traurig, und über-legten fieberhaft,
was sie machen könnten, um ihr Nest zu retten. Schließlich
beschlossen sie, einfach den ganzen Ozean zu leeren. Sie machten sich
an die Arbeit: Jeder von ihnen nahm ein paar Tropfen Wasser in den
Schnabel. Dann flogen sie auf die andere Seite des Berges, wo sie
das Wasser herunter fallen ließen. Dann kehrten sie wieder zurück,
nahmen wieder einige Tropfen in den Schnabel, und flogen abermals
zur anderen Seite des Berges. So flogen sie stundenlang hin und her.
Zu der Zeit gab es dort einen Weisen namens Agastya. Dieser Agastya
war eigentlich dabei, zu meditieren. Als er gerade die Augen aufmachte,
sah er die Vögel hin- und herziehen. Für ihn war es zuerst
eine schöne Nacken-übung, schließlich fragte es sich
aber doch, was die beiden Vögel vorhatten.
Da fragte er sie: „Was macht ihr denn da?“ „Siehst
du das nicht? Wir leeren den Ozean.“
„Warum denn das?“
„Der Ozean hat unser Nest weggenommen, und unsere Eier. Und
jetzt leeren wir den Ozean, um das Nest wieder zu finden.“
Agastya schaute sich das noch ein paar Minuten an. Doch schließlich
hatte er Mitleid mit den Vögeln. Er ging zum Ozean, machte eine
bestimmte Mudra (Yoga-Haltung) und wiederholte einige Mantras (gesprochene
oder gesungene Urschwingungen der kosmischen Energie). Plötzlich
floss der ganze Ozean in Ku-bikkilometern in seinen Mund, und er verschlang
ihn. Der Ozean sank Meter für Meter immer tiefer.
Da tauchte der Meeresgott auf, und fragte Agastya: „Was machst
du denn da?“
„Ich schlucke dein Wasser.“
„Warum machst du das?“
„Weil du diesen Vögeln ihr Nest weg genommen hast. Ich
werde so lange das Wasser trinken, bis das Nest wieder auftaucht.“
„Weißt du nicht, dass es ihr Karma ist, dass sie Nest
und Eier verlieren?“
Darauf sagte Agastya, „Wenn du ihnen das Nest und die Eier nicht
zurück gibst, dann ist es dein Karma, alles Wasser zu ver-lieren.“
So gab der Ozean das Nest zurück, und Agastya spuckte das Wasser
wieder aus.
Das war übrigens ein sehr vollständiges Kunja Kriya (yogische
Reinigungsübung für den Magen-/Darmtrakt), und man sagt,
dass das Wasser, das durch den großen Heiligen ging, geheiligt
worden sei. Das ist mit ein Grund, weshalb am Meer eine beson-ders
gute Schwingung herrscht. Natürlich wäre es für die
Vögel eigentlich unmöglich gewesen, den Ozean zu leeren.
Aber die Geschichte soll zeigen, dass konzentrierte Gedanken- und
Wil-lenskraft auch das Unmögliche möglich machen kann. Agastya
symbolisiert die voll entwickelte, starke Gedankenkraft.
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