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von Sukadev Bretz
Der Schafslöwe
Es war einmal eine Löwin mit einem neugeborenen Löwenjun-gen.
Nun war sie hungrig und näherte sich einer Schafsherde in der
Hoffnung auf ein gutes Abendessen. Ein Jäger hatte aber dort
gelauert, zielte auf sie und erschoss sie. (In einer anderen Variante
dieser Geschichte brachte die Löwin ihr Junges im Mo-ment des
Sterbens zur Welt.)
Das hilflose, verwirrte, schutzlose Löwenbaby erweckte das Mit-leid
einer Schafsmutter, die soeben ihr Schafjunges durch eine Fehlgeburt
verloren hatte. So nahm die Schafmutter das Löwen-baby als ihr
Junges an und es wuchs in der Schafherde auf. Es lernte, zu essen
wie ein Schaf, zu blöken wie ein Schaf, wegzu-rennen, wenn Gefahr
drohte – kurzum, es wuchs heran und wur-de sozialisiert wie
ein Schaf – ja, sogar wie ein minderwertiges Schaf, denn die
anderen, die wohl bemerkten, dass es anders war als sie, spielten
ihm oft Streiche oder hänselten es. So war das Löwenjunge
ein unglückliches, schüchternes Schaf geworden.
Eines Abends kam der König der Tiere, der Berglöwe, aus
den Bergen herunter. Als die Schafe ihn witterten, blökten sie
alle in panischer Angst und stoben in wilder Flucht davon. Der Berglö-we
sprang mitten unter sie und richtete noch größeres Entsetzen
unter ihnen an. Aber er interessierte sich überhaupt nicht für
die Schafe, die eine beste Beute für ihn gewesen wären.
Das einzige, was ihn interessierte, war der Schafslöwe. Er holte
ihn bald ein, packte ihn am Nackenfell und schüttelte ihn ein
paar Mal. Der Schafslöwe war gelähmt vor Angst.
„Was machst Du hier“, knurrte ihn der Berglöwe scharf
an.
„Mäh, Mäh, Mäh, ich bin nur ein kleines schwaches
junges Schaf, bitte tue mir nichts, sondern lass´ mich zu meiner
Mutter. Mäh, Mäh, Mäh.“ „Was redest Du
da für einen Unsinn? Wo ist denn deine Mutter?“
„Da vorne läuft sie, mit der Herde. Mäh, Mäh,
Mäh, bitte lass mich los und tu´ mir nichts.“
„Was suchst Du hier unter den Schafen? Du, der Sohn des Königs
der Tiere?“
„Mäh, Mäh, Mäh, ich habe Angst.“
„Hör’ auf zu blöken wie ein Schaf. Du bist kein
Schaf, Du bist ein Löwe wie ich.“
„Nein, nein, ich bin ein armes kleines Schaf, bitte lass’
mich jetzt los, damit ich wieder zu meiner Mutter kann.“
„Hör’ endlich mit dem Unsinn auf. Du bist ein Löwe!“
„Ja, ja, das mag schon sein, aber bitte, lass´ mich jetzt
zu meiner Mutter. Mäh, mäh, mäh.“
Da packte der Löwe den Schafslöwen erneut am Schlafittchen
und trug ihn zu einem kleinen See in der Nähe und hielt ihn über
das Wasser. „Was siehst Du?“ – „Ich sehe überhaupt
nichts. Mäh, Mäh, Mäh.“ „Mach’ gefälligst
Deine Augen auf!“ – „Ich kann im-mer noch nichts
sehen“ – „Schnauf’ nicht so unruhig, das gibt
zu viele Wellen, da kannst du nichts sehen. Drei bis vier Sekunden
tief in den Bauch einatmen, drei bis vier Sekunden ausatmen....“
– „Gut. Was siehst Du?“ – „Ich ...,
ich sehe Dich doppelt!“ – Bewe-ge mal deinen Kopf nach
links und rechts. Noch mal. Was siehst Du?“ – „Ein
Bild bewegt sich, das andere nicht!“ „Also?“
Der junge Schafslöwe schaute den großen Berglöwen
an. Dann schaute er wieder ins Wasser. Dann bewegte er sich wieder
et-was, legte den Kopf zur Seite, hob die Pfote, schaute wieder den
Berglöwen an, sah jetzt auch, dass das andere Spiegelbild im
Wasser größer war als seines. Und allmählich, obwohl
er es an-fänglich kaum glauben konnte, erkannte der kleine bisher
so ängstliche und schüchterne Schafslöwe, der von den
Schafen her-um gestoßen worden war: „Ich bin ein Löwe.
Ich bin frei. Ich bin stark.“ Und fortan blökte er nie
mehr wie ein Schaf, sondern brüllte wie ein Löwe.
So ist es auch mit uns Menschen. Wir denken, wir sind klein und schwach,
können nichts bewirken, haben vor allem Möglichem Angst
und Bedenken – bis ein Meister kommt und uns sagt: „Deine
wahre Natur ist Sat-Chid-Ananda, reines Sein, Wissen und Glückseligkeit.
Ich habe es verwirklicht und du kannst es auch. Und mühsam überzeugt
er uns und zeigt uns den Weg und fordert uns auf: „Sei mutig,
sei stark. Blöke nicht wie Schaf, son-dern brülle Om, Om,
Om, wie ein Löwe des Vedanta!
Yoga-Geschichten
aus klassischen indischen
Schriften
Inhaltsverzeichnis
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