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von Sukadev Bretz
Ratnakar der Räuber
Es war einmal ein sehr geschickter
Räuber, der weithin gefürch-tet war. Er lebte in einem Wald,
durch den eine Fernstrasse führ-te. Er versteckte sich auf Bäumen
und sowie jemand des Weges kam, sprang er dem Reisenden vor die Füße,
bedrohte ihn mit einem Schwert und forderte die Herausgabe von Gold
und Wert-sachen.
Der König hatte schon des öfteren seine Truppen in den Wald
geschickt, um ihn gefangen zu nehmen. Aber da er so geschickt war,
und die Gabe hatte, tagelang regungslos in einem Baumwip-fel auszuharren,
hatten sie ihn nie fassen können – denn schließ-lich
konnten sie nicht jeden Baum durchsuchen.
Eines Tages kam Narada, einer großer Weiser und Heiliger, des
Weges. Narada hatte meist eine Vina (indisches Saiteninstru-ment)
bei sich und pflegte Mantras zu singen. So spielte er auch jetzt auf
seiner Vina und sang dazu: „Om Namo Narayanaya. Om Namo Narayanaya.
Om Namo Narayanaya.”, als ihm Ratnakar plötzlich vor die
Füße sprang und ihm drohend sein Schwert hin-hielt.
„Weißt du, wer ich bin?“, fragte er drohend.
„Nein, bisher noch nicht, wir haben uns ja noch nicht vorgestellt.
Aber wir können uns gern bekannt machen. Ich heiße Narada.
Und wie heißt du?“
„Ich bin Ratnakar der Räuber“
„Ja, sehr angenehm. Freut mich, deine Bekanntschaft zu ma-chen.“
Ratnakar, der gewöhnt war, dass alle ihn fürchteten, war
etwas irritiert.
„Gib’ mir Gold und Diamanten und alles, was Du an Wertvollem
bei dir trägst. Sonst schlage ich dir eine Hand und einen Fuß
ab.“ sagte er und richtete drohend seine Waffe auf.
Narada zeigte immer noch nicht den mindesten Anflug von Angst und
wich auch nicht zurück. Im Gegenteil, er lächelte und sagte
dann ganz ruhig: „Weißt du, ich lebe von dem, was mir
die Leute unterwegs zu essen geben. Geld und Gold habe ich leider
keines.“ Er überlegte einen Augenblick, dann fügte
er hinzu: „Aber hier, meine Vina kann ich Dir gerne geben und
Dir auch zeigen, wie man damit umgeht.“ „Vina, was ist
das?“ – „Dieses Musikinstru-ment hier. – Aber
weißt du, einen alten wehrlosen Mann wie mich zu überfallen,
bringt dir wahrlich keinen Ruhm und ist dei-ner nicht würdig.
Ich kenne einen Gegner, der ist tausendmal stärker als du.„
„Stärker als ich? Das gibt es nicht. Ich habe bis-her jeden
besiegt! Wer soll das sein?“ – „Es ist dein eigener
Geist.“ „Mein Geist? Was soll das heißen?“
„Dein größter Gegner ist dein Geist, deine Gedanken.
Du kannst sie nämlich nicht kon-trollieren und beherrschen. Ich
kann es dir beweisen. Setz’ dich mal fünf Minuten ruhig
hin“ – hier zeigte Narada dem Räuber, wie man sich
kreuzbeinig zur Meditation hinsetzt – „und jetzt versuche
mal, fünf Minuten lang an nichts zu denken.“ – Nun,
jeder weiß, was passiert, wenn man an nichts denken will –
zahl-lose Gedanken stürzen auf einen ein. Nach ein paar Minuten
be-endete Narada das Experiment und fragte: „Und, wer war stär-ker,
du oder dein Geist?“ Ratnakar antwortete: „Du, du scheinst
etwas zu wissen. Gibt’s einen Trick?“ Als Räuber
wusste er, dass man im Leben meist nur mit Tricks zurecht kam. Narada
erwi-derte: „Ja, es gibt einen Trick. Man muss den Namen Gottes,
ein Mantra, beständig wiederholen. Und für dich wäre
‚Rama’ am geeignetsten“ „Namen Gottes? Mit
Gott will ich nichts zu tun haben. Ich will den Geist beherrschen,
weiter nichts.“ „Gut, es geht auch anders. Lass mich mal
überlegen. Ja, ich hab’s. Kennst du Mara?“ „Den
Dämon? Ja, klar.“ „Gut. Dann setze dich hin und wiederhole
‚Mara Mara Mara...’ In einer Woche komme ich wie-der und
dann kannst du mir sagen, welche Fortschritte du ge-macht hast.“
Ratnakar setzte sich wieder in Meditationshaltung hin und begann zu
wiederholen „Mara Mara Mara Mara ma Ra-ma.Rama.....“ Ganz
unmerklich wurde bei der ununterbrochenen Wiederholung aus „Mara“
„Rama“. Narada blieb noch eine Weile bei ihm und meditierte
mit ihm, dann ging er seines Weges.
Eine Woche später kam er wieder vorbei, um nach seinem neuen
Schüler zu sehen. Es war alles still. Er ging mehrfach an der
be-sagten Stelle auf und ab, aber keiner sprang ihm vor die Füße
und weit und breit war kein Ratnakar zu sehen. „Ratnakar, Rat-nakar“,
rief er. Keine Antwort. Aber am Wegrand war ein großer Termitenhügel,
an dem ein reger Verkehr von Ameisen war. Mit der yogischen Kraft
seines Dritten Auges erkannte Narada plötz-lich, dass das die
Stelle war, wo er Ratnakar verlassen hatte und dass Ratnakar unter
dem Ameisenhügel war.
Das ist ein häufig wiederkehrendes Motiv in den mythologischen
Geschichten, dass Ameisen einen Hügel über selbstverwirklichte
Weise bauen. Das soll zwei Dinge veranschaulichen: Zum einen, dass
Tiere niemanden verletzen, der selbst diese friedliche Schwingung
der Meditation und des Nichtverletzens ausstrahlt und sich von dieser
Schwingung auch angezogen fühlen und zum anderen soll es die
große Konzentration und die Tiefe der Ver-senkung zeigen, die
nicht einmal durch einen ununterbrochenen Strom von Ameisen zu stören
ist.
Narada sprach nur einmal „Ooooom“ und weckte so Ratnakar
aus seinem Samadhi (überbewusster Zustand).
Ratnakar erhielt den Namen Valmiki (der aus einem Ameisen-hügel
kam), und wurde ein großer Heiliger und Weiser.
Er schrieb anschließend das berühmte Sanskrit-Epos Ramayana,
in dem die ganze Geschichte von Rama und Sita erzählt wird.
Yoga-Geschichten
aus klassischen indischen
Schriften
Inhaltsverzeichnis
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