Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
8 Die Krise
des Bewußtseins (1)
Alles ist
vorstellbar, nur nicht die Endlichkeit des Bewußtseins. Es ist unmöglich
sich vorzustellen, daß Bewußtsein durch irgend etwas begrenzt
sein kann, das sich außerhalb von ihm befindet. Der bloße Gedanke,
daß außerhalb des Bewußtseins etwas existiert, enthält
in sich einen völlig ungerechtfertigten und gänzlich unmöglichen
Einwand, da das, was sich außerhalb des Bewußtseins befindet,
auch ein Inhalt des Bewußtseins werden muß. Andernfalls könnte
es nicht einmal ein Bewußtsein davon geben, daß da etwas außerhalb
des Bewußtseins existiert. Auch ist es nicht möglich, daß
etwas, das dem Charakter nach nicht selbst Bewußtsein ist, zu einem
Inhalt von Bewußtsein werden kann, da der Bewußtseinsinhalt
in Beziehung zu Bewußtsein gebracht werden muß, um überhaupt
zu seinem Inhalt werden zu können. Diese Beziehung zwischen Bewußtsein
und seinem Inhalt ist ebenfalls ein problematischer Punkt, da jede Beziehung
zwischen Bewußtsein und seinem Inhalt auf irgendeine Art und Weise
in Beziehung zum Bewußtsein stehen müßte. Es ist unmöglich,
sich irgend etwas vorzustellen, das nicht in Beziehung zum Bewußtsein
steht und das nicht ein Inhalt von Bewußtsein ist oder dem Wesen
nach verschieden von Bewußtsein ist. Das vom Bewußtsein Verschiedene
stünde sozusagen außerhalb des Bewußtseins, was zugleich
bedeutete, daß dieses sogenannte “Außenstehende” irgendwie
in Beziehung zu Bewußtsein gebracht werden müßte, damit
es zu einem Inhalt des Bewußtseins werden kann. Das Ergebnis dieser
Analyse wäre somit ganz natürlicherweise: (1) der Bewußtseinsinhalt
müßte seinem Wesen nach Ähnlichkeit zum Bewußtsein
selbst aufweisen, um überhaupt irgendeine Beziehung zum Bewußtsein
herstellen zu können; (2) die Beziehung des Bewußtseinsinhalts
zum Bewußtsein müßte ebenfalls irgendeine Art von Verbindung
zum bestehenden Bewußtsein aufweisen, was bedeutet, daß die
Beziehung selbst mit dem Bewußtsein in Beziehung stehen müßte.
Bezeichneten wir diese Beziehung als außerhalb des Bewußtseins,
so würde erneut das anfangs geschilderte Problem der Beziehung zwischen
etwas “Außenstehendem” und dem Bewußtsein selbst auftauchen.
Unter diesen Umständen wäre es untragbar, die Behauptung zu vertreten,
daß irgend etwas von dem, was das Bewußtsein kennt, entweder
ohne Verbindung zu ihm oder aber von verschiedenartigem Wesen sein kann.
Da alles Wahrnehmbare oder Vorstellbare zum Inhalt von Bewußtsein
werden muß, bedeutet dies, daß der Umfang des Bewußtseins
so gewaltig sein dürfte, daß es in seiner wahren Ausdehnung
die gesamte Existenz in sich enthält. Ist Existenz somit ein Inhalt
von Bewußtsein? Wenn ja, dann müßte sich dieser Inhalt,
die Existenz, durch eine Wesensähnlichkeit zu Bewußtsein auszeichnen.
Existenz muß demnach Bewußtsein sein und Bewußtsein Existenz.
Wenn Existenz
und Bewußtsein ein und dasselbe sind, wie erklären wir uns dann
den Drang des Bewußtseins, Objekte zu begehren, die eine eigene Existenz
besitzen. Hätten die Objekte der Welt keine unabhängige Existenz,
wäre es für das Bewußtsein unmöglich, sie zu begehren.
Wenn sie jedoch eine eigene Existenz haben, in welcher Beziehung steht
diese dann zur Existenz des Bewußtseins, das sie begehrt? Sind die
Objekte außerhalb des Bewußtseins oder sind sie in die Struktur
des Bewußtseins verwoben? Aus der zweiten Möglichkeit würde
folgen, daß es für das Bewußtsein bedeutungslos wäre
Objekte zu begehren, da diese bereits in seine Struktur eingebettet sind.
Sind sie jedoch nicht auf eine solche Weise in das Bewußtsein eingebettet,
so wäre sein Verlangen nach den Objekten durchaus verständlich.
Ist die Existenz von Objekten nicht im Bewußtsein enthalten, so hieße
dies aber, daß deren Existenz eines jeglichen Bewußtseins beraubt
wäre. Doch nicht nur dies - ihre Existenz befände sich zur gleichen
Zeit auch außerhalb des Bewußtseins. An früherer Stelle
haben wir jedoch bereits gesehen, daß ein totales “außerhalb”
des Bewußtseins unvorstellbar ist und einen unvertretbaren Standpunkt
darstellt. Folglich müssen wir zu dem Schluß kommen, daß
das Verlangen des Bewußtseins nach äußeren Objekten eine
besondere Art von Irrtum ist, der sich in das Bewußtsein eingeschlichen
hat, so daß es für das Bewußtsein auch keinerlei Rechtfertigung
dafür geben kann, überhaupt irgendwelche Objekte zu begehren.
Trotz dieser
logischen Analyse des Sachverhalts wird die Verwicklung des Bewußtseins
in das Verlangen nach Objekten so vollständig akzeptiert, daß
man aus allen praktischen Erwägungen heraus geneigt ist zu sagen:
Das Begehren des Bewußtseins ist vom begehrenden Bewußtsein
nicht zu trennen. Begierde ist in der Tat eine Form des Bewußtseins,
die durch ein Phänomen charakterisiert ist, das man als räumlich-zeitliche
Veräußerlichung bezeichnen kann; ein Phänomen, das trotz
der Tatsache existiert, daß eine derartige Veräußerlichung
logisch betrachtet eigentlich ausgeschlossen ist.
Die in der
Praxis bestehende Verwicklung des Bewußtseins in das Verlangen nach
Objekten ist das Problem der Menschheit schlechthin, auch wenn es dem Bewußtsein
aus logischen Gründen überhaupt nicht möglich ist, irgend
etwas zu begehren. Sowohl die kosmologischen Theorien der Upanishaden als
auch jene der Standardphilosophien der Welt erklären, daß sich
die Vorstellung von der eigenen Endlichkeit auf mysteriöse Weise in
das unendliche Bewußtsein eingeschlichen hat, obwohl es überhaupt
nicht begrenzt sein kann. In diesem mysteriösen Abstieg des Bewußtsein
von der Unendlichkeit hin zur Begrenztheit hat, so könnte man sagen,
eine schreckliche Katastrophe stattgefunden. Und genau dies trifft auch
zu. Da das Bewußtsein als grenzenlos akzeptiert werden muß,
ist die Existenz von Objekten außerhalb seiner selbst nur dann vorstellbar,
wenn man annimmt, daß eine Aufspaltung des Bewußtsein möglich
ist. Nichtsdestotrotz ist das Zugeständnis einer Spaltung die geeignete
Erklärung für das menschliche Leben in all seinen Aspekten, da
die Lebensprozesse ohne eine solche Spaltung zwischen Subjekt und Objekt
nicht erklärt werden könnten. Die Lebensprozesse müssen
demnach “Zustände” des Bewußtseins sein; Prozesse innerhalb
seiner selbst, die zu einer wahrhaftigen Geschichte des Bewußtseins
führen.
Die Lebensprozesse
sind, grob gesprochen, jene Themen, die in den Feldern der Politik, Weltgeschichte,
Soziologie, Ethik, Ökonomie, Ästhetik, Psychologie, Biologie,
Chemie, Physik und Astronomie studiert werden können. Alles, was mit
der Menschheit in Verbindung steht, befindet sich sozusagen innerhalb dieses
Rahmens. All dies muß jedoch mit dem Bewußtsein in Beziehung
stehen, da es diese Themenbereiche sonst gar nicht erst als Studienfächer
oder als Erfahrungsobjekte geben könnte. Das Problem der Menschheit
ist demnach das Problem des Bewußtseins. Das Studium des Menschen
ist somit das Studium des Bewußtsein.
Da es unmöglich
ist, sich eine wahre Aufspaltung des Bewußtseins innerhalb seiner
selbst vorzustellen, ist es ebenso unmöglich anzunehmen, daß
es für das Bewußtsein tatsächliche Objekte geben kann.
Gibt es keine solchen tatsächlichen Objekte, so ist das gesamte Leben
ein vom Bewußtsein im Reich seiner unbegrenzten Möglichkeiten
in sich selbst aufgeführtes Drama. Die Entfremdung des Unendlichen
in die Form des Universums ist als Ursprung des physikalischen Bereichs
vorstellbar, der im Rahmen der Astronomie studiert wird, wobei die fünf
Elemente “Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther” als Grundlage dienen.
Hand in Hand damit geht die Vorstellung von den elementaren Bausteinen
in Form von Molekülen, Atomen, Elektronen und dergleichen, was schließlich
bis hinauf zur “Relativität” des Kosmos als einem Raum-Zeit-Kontinuum
führt. Dies ist die Welt, wie sie sowohl in der Astrophysik als auch
in der subatomaren Physik untersucht wird. Man nimmt an, daß sich
das Leben von den anorganischen Stufen schrittweise über die organisierteren
Stufen zellulärer Formationen und die verschiedenen Entwicklungsstufen
des Pflanzenreichs manifestierte, bis schließlich die Ebene von Tier
und Mensch erreicht wurde. In gewisser Hinsicht fällt es schwer zu
akzeptieren, daß der Aufstieg des Menschen vom Tier, des Tieres von
der Pflanze und der Pflanze vom Mineralreich wirklich einen Fortschritt
im Evolutionsprozeß darstellt, es sei denn, wir bezeichnen Evolution
als eine Tendenz zu immer größer werdender Vervielfältigung
und Aufspaltung von Bewußtsein. Um nur ein Beispiel zu nennen: Da
der Instinkt des Tieres sich näher an der Wirklichkeit befindet als
der menschliche Intellekt, fällt es schwer sich vorzustellen, daß
der menschliche Intellekt dem tierischen Instinkt überlegen sein soll,
auch wenn der Intellekt mit logischer Urteilskraft ausgerüstet sein
mag, die im Tier nicht vorgefunden werden kann. Es ist zweifelhaft, ob
die sogenannte Logik des Menschen eine Verbesserung gegenüber dem
Instinkt darstellt, der in seiner einfachen Funktion der Wirklichkeit näher
steht als der Intellekt. Die Tatsache, daß unwillkürliche Triebe
im Zuge dieses evolutionären Vervielfältigungsprozesses immer
unkontrollierbarer werden, zeigt, daß der Mensch auf seiner gegenwärtigen
Stufe weiter von der Wirklichkeit entfernt ist, als dies in den Lebensprozessen
der vorangegangenen Stadien der Fall war. Der Mensch hat sich der Natur
gegenüber immer mehr entfremdet, so daß er inzwischen sogar
damit begonnen hat, die Natur zu “bezwingen” anstatt freundlich mit ihr
umzugehen, indem er sein Leben auf harmonische Art und Weise an ihre wirkenden
Gesetze anpaßt.
Der rudimentäre
Drang zur Vervielfältigung, die Tendenz des “Einen”, als “Viele” zu
erscheinen, muß bereits in den Formationen der Welt der Materie auf
subtile Weise gegenwärtig sein. Wie könnte man andernfalls annehmen,
daß das Pflanzenreich aus dem Mineralreich hervorgegangen ist? Zusammen
mit dem Drang zur Vervielfältigung des “Einen” in “Viele” muß
auch der parallel wirkende Trieb in Richtung “Selbst-Integration” und “Selbst-Verewigung”
akzeptiert werden. Warum aber sollte das so sein? Ganz einfach deshalb,
weil die Vervielfältigung des Unendlichen in verschiedene Individualitäten
- die Subjekte der Erfahrung - gleichzeitig einen Bindungsverlust mit dem
Unendlichen bewirkt, da “Bewußtsein von Individualität” und
“Beziehung zum Unendlichen” miteinander unvereinbare Positionen darstellen.
Dies würde bedeuten, daß direkt vom unwahrnehmbaren Drang nach
Vervielfältigung, der als latente Kraft bereits in der Welt der anorganischen
Materie zu wirken beginnt, bis hinauf zu seiner endgültigen Form,
die über verschiedene Zwischenstufen der Selbstvervielfältigung
erreicht wird, eine doppelte Aktivität des Bewußtseins stattfindet,
die einerseits aus dem unwiderstehlichen Trieb zur individuellen Selbsterhaltung
besteht und gleichzeitig aus dem ebenso unkontrollierbaren Drang danach,
das zurückzugewinnen, was bei der Entfremdung vom Unendlichen verlorengegangen
ist. Welcher Vorteil erwächst dem Individuum aber eigentlich aus seiner
Selbstbehauptung? Der Vorteil ist die simple Befriedigung der Bestätigung,
daß “Existenz” identisch mit einem “Bewußtsein dieser Existenz”
ist. Es kann nämlich keine größere Freude geben, als das
Bewußtsein der Identität von Bewußtsein und Existenz.
Und tatsächlich ist jede Handlung des Individuums ein verdeckter oder
offensichtlicher Versuch, auf das Ziel einer Identität von Bewußtsein
und Existenz hinzuarbeiten, was der Erfahrung einer ungeheuren Freude entspricht.
Erreicht das Individuum nun durch die Identifikation des individuellen
Bewußtseins mit der individuellen Existenz die ersehnte Befriedigung?
Ja und nein: ja, da bereits die Identifikation eines kleinen Teils der
Existenz mit einem Funken von Bewußtsein irgendeine Art von Befriedigung
hervorbringen muß, denn die Identität von Existenz und Bewußtsein
bedeutet Freude. Dies ist auch der Grund dafür, warum Persönlichkeitsverehrung,
Selbstachtung, sozialer Status, Ehre, Ruhm und dergleichen - allesamt Formen
der Bewunderung von Individualität - dem Individuum eine derartige
Befriedigung bescheren, daß es, um diese Befriedigung zu erhalten,
sogar das eigene Leben opfern und all seinen Besitz aufs Spiel setzen würde.
Kurzum, es geht hier um das sogenannte Prestige. Hat dieses Prestige jedoch
einen wirklichen Wert? Die Antwort lautet “nein”, da es von der Beziehung
zum Unendlichen abgeschnitten ist und nur das einen Wert haben kann, was
sich dem Unendlichen annähert. Demnach wird sich eine Befriedigung,
die man entweder durch den Erwerb von Ruhm und Einfluß oder durch
irgendwelche Mittel der Selbstbehauptung gewonnen hat, nicht zum Guten
für das Individuum auswirken. “Gut” ist nämlich nur die Nähe
zum Unendlichen, auch wenn aus dem Akt der Selbstbehauptung ein angenehmes
Gefühl hervorgehen sollte sowie der Glaube, sein Ziel erreicht zu
haben. Doch das “Angenehme” und das “Gute” sind zwei verschieden.
Es ist diese
Spannung zwischen dem Drang zur Selbstbehauptung auf der einen Seite und
der Sehnsucht danach, eine Beziehung zum Unendlichen herzustellen, auf
der anderen Seite, die unter dem Begriff Samsara oder “weltliche Existenz”
bekannt ist. Diese Spannung beginnt bereits im Pflanzenreich , ja liegt
sogar schon im Mineralreich als samenartiges Potential zukünftiger
Triebe verborgen. Diese Spannung hält an und verschlimmert sich im
Zuge des Evolutionsprozesses noch, der immer komplexere Formen der Vervielfältigung
des “Einen” in “Viele” hervorbringt. Es ist weitaus schöner, dieses
Drama zu beobachten, als darin mitzuspielen. Da das Individuum jedoch in
dieses kosmische Schauspiel verwickelt ist, kann es diese Aufführung
nicht in seiner Ganzheit genießen, sondern erleidet es, in das Splitterbewußtsein
der Selbstbegrenztheit hinein gepreßt und im Gefühl, nur ein
hilfloser und isolierter Teil im kosmischen Drama zu sein. Es heißt,
daß selbst individualisierte lebende Organismen ursprünglich
einzellig und demnach unisexuell waren, so daß sie die später
folgende Verkomplizierung der Dinge noch nicht aufwiesen, die man in der
Form des zweigeschlechtlichen Triebes beobachten kann, wie ihn Organismen
offenbaren, die im Prozeß der Selbstvervielfältigung weiter
vorangeschritten sind. Die Uni-Zelle teilt sich selbst in die Bi-Zelle
und kämpft nun darum, sich durch den Kontakt seiner beiden Teile zu
reproduzieren, was uns zeigt, daß der Geschlechtstrieb weder von
der Frau noch vom Mann ausgeht, sondern von einer Totalität, die der
Trennung einer einzelnen Zelle in zwei Teile vorausgeht. Kann man demnach
davon ausgehen, daß der Geschlechtstrieb der mächtigste aller
Instinkte des Individuums ist? Es ist durchaus möglich, da ein transzendentaler
Druck auf Mann und Frau ausgeübt wird, der weder im männlichen
noch im weiblichen Individuum allein wirkt. Wir scheinen uns bereits sehr
weit von der Unendlichkeit des Bewußtseins entfernt zu haben, was
dasselbe ist wie die Unendlichkeit der Existenz.
An dieser
Stelle sollten wir jedoch zu einem anderen Punkt zurückkehren, von
dem aus wir dann stufenweise durch den historischen Prozeß der Evolution
voranschreiten wollen.
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